Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand.
Dieser schlug kräftig ein und sagte mit bewegter Stimme:
„Ich verspreche es, möge kommen, was da wolle.“
Die übrigen Herren wiederholten die Worte.
„Und ich, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, „verspreche Ihnen, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist, einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf baldiges Wiedersehen.“
Er wandte sich tief ergriffen ab, verließ mit Herrn von Düring das Local und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen Reisegepäck befand.
Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem Major von Düring in der großen Vorhalle auf und nieder, von welchem man den großen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen Boulevards überblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lärmende Menschenmenge hin und her bewegte.
„Der Anblick dieses Paris,“ sagte der Regierungsrath Meding, „in seinem trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich sehe eine furchtbare Zeit über dies Land und diese schöne Stadt mit ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese Jubelklänge, die da jetzt zu uns herübertönen, in Jammer und Wehklage verwandeln wird.“
„Sie glauben an die Niederlage Frankreich,“ fragte Herr von Düring, „an eine so schwere Niederlage?“
„Ich bin von derselben überzeugt,“ erwiderte der Regierungsrath. „Ich bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, läßt mich nur das Traurigste für Frankreich erwarten. Überall habe ich Truppen der verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschütze auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren im Zustande der unnatürlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehörten, so konnten sie mir keine genügende Antwort geben, die Meisten antworteten mit dem fanatisch stereotypen Ruf „nach Berlin“. Mit solchen Truppen schlägt man die preußische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel spricht, wird wie ein vorübergehender Rausch schnell vor der ruhigen und sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir,“ fuhr er fort, indem er noch einmal wehmüthig über die glänzenden Reihen der Boulevards hinblickte, „Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen — ich habe hier lange die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich organisirt haben und sie werden nicht zögern, heraufzusteigen, um von unten her das Gebäude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den Schlägen der deutschen Waffen fallen werden.“
Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte.
„Noch einmal, lieber Düring,“ sagte der Regierungsrath Meding, indem er sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, „halten Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafür, daß auf unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle.“
Mit Thränen in den Augen trennten sich die beiden mehrjährigen Genossen der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupé und fuhr unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, während der Major von Düring ernst und traurig über die hellen Boulevards hin zu seinen Kameraden zurückkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland, Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen.
Elftes Capitel.
Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm und dem Lieutenant von Büchenfeld entstandenen Differenz proclamirt worden.
Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser Gelegenheit ein großes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin höchsten Befriedigung eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons führten.
Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzücken. Noch behaglicher als sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprächen seinem alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten.
Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die Gluckwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln habe, als die glückliche Freude der Braut.
Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit, welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach.
Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit
war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die
Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem
Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen
Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das
Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen.
Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein, welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna Cohnheim.
Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn bewegte und bekümmerte — der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben werden.
Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden. Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit nicht denken wolle.
So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben.
Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner Gemahlin.
Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung dieser patriotischen Aufgabe.
Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des Vereins ihr überreichte.
Die beiden Damen sprachen eifrig über die zweckmäßigste Herstellung von Charpie und Verbandzeug, während der Baron sich mit Fräulein Anna unterhielt, für welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefaßt hatte, und welcher er stets mit um so größerer Herzlichkeit begegnete, je weniger es ihm möglich war sich dem Commerzienrath und seiner Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief verschieden war, zu nähern.
„Wir sind glücklicher,“ sagte er, „als so viele andere Familien, deren Söhne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen müssen, und doch macht es mich fast traurig, daß in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des Landes unter den Fahnen des Königs ins Feld zieht, der Name der Rantows in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefühl des Vaters und des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft möchte ich fast wünschen, daß auch mein Sohn berufen wäre zu dem großen nationalen Kampf.“
„Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun,“ erwiderte Fräulein Anna in einem ziemlich kalten und gleichgültigen Ton. „Der Staat braucht ja auch während des Krieges Beamte, vielleicht wäre es gut, wenn Ihr Sohn wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder aufnehmen würde. Für uns Frauen,“ fuhr sie lebhafter fort, „bildet ja die Zeit ein reiches Feld der Thätigkeit, und ich fühle den lebhaftesten Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser großen Zeit meine Pflicht zu erfüllen.“
„Sie, mein Kind,“ rief der Baron erstaunt, „Sie, gewöhnt an alle
Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwöhnt, Sie wollten sich
einer so mühevollen angreifenden Thätigkeit widmen, welche Ihre zarten
Kräfte vielleicht bald aufreiben möchte.“
„Meine zarten Kräfte?“ — sagte Fräulein Anna, die Achseln zuckend, „und wären sie es, — der feste Wille und die Begeisterung für eine große Sache sind im Stande, auch die schwächste Kraft stark zu machen. Und wofür könnte ein Frauenherz sich höher begeistern, als dafür, die Leiden Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmüthig ihr Blut und Leben zum Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir, Herr Baron, ich würde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet,“ fuhr sie ernst mit dem Ausdruck eines festen Entschlusses fort, „wenn die Lazarethe sich füllen werden und das Bedürfniß nach weiblicher Pflege immer größer und größer werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniß meiner Eltern erhalten, dem Zuge meines Gefühls zu folgen, und ich bin überzeugt, daß viele Frauen denken und handeln werden, wie ich.“
Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der gleichgültige, oberflächliche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf seinem Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte aus seinen Augen.
„Ich habe einen Entschluß gefaßt,“ sagte er, nachdem er die Damen begrüßt hatte, „einen Entschluß, den meine theure Anna gewiß billigen wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst.“
Fragend blickte Fräulein Cohnheim auf ihren Verlobten.
„Ich habe,“ fuhr dieser fort, „mich zur Aufnahme in den Johanniterorden gemeldet. Du wünschtest das früher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine höhere und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, daß meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu thun und die Pflicht zu erfüllen, welche mein Name mir auflegt und zu welcher mein Gefühl mich treibt.“
Der Baron neigte zustimmend den Kopf.
Fräulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand, indem aus ihrem Blick ein warmes Gefühl leuchtete, wie sie es bisher noch nie dem jungen Manne gegenüber gezeigt hatte.
„Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Entschluß,“ sagte sie mit herzlichem Ton, „und da Sie ihn gefaßt haben, darf ich Ihnen sagen, daß mich der Gedanke betrübt hat, Sie in dieser Zeit hier zurückbleiben zu sehen — Sie werden das nicht mißverstehen,“ fügte sie hinzu, „meine treuesten und aufrichtigen Wünsche werden Sie begleiten.“
Herr von Rantow küßte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte liebevoll zu ihm hinüber, und die Commerzienräthin richtete sich hoch auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte:
„Das ist ein sehr edler Entschluß, ganz meines vortrefflichen
Schwiegersohns würdig.“
Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von
Büchenfeld.
Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen.
Die Commerzienräthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre
Tochter.
Fräulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie das Zimmer verlassen, dann aber faßte sie sich, tief erbleichend stützte sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht.
Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant folgte ihm ernst und still, als er Fräulein Anna und den jungen Herrn von Rantow erblickte, flog eine dunkle Röthe über sein Gesicht. Dann näherte er sich Frau von Rantow, begrüßte dieselbe ehrerbietig und verneigte sich mit kalter Höflichkeit gegen die Übrigen.
Die Commerzienräthin saß gerade und steif da und erwiderte den Gruß der eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes.
„Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnädige Frau,“ sagte der Oberstlieutenant, „er muß noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in die beste Kriegsschule hinauszuziehen, — draußen im Felde, wo man in einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Büchern. Er wollte in der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden seines Vaters muß er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich den Feldmarschallstab zu erkämpfen,“ fügte er lächelnd hinzu. „Er hat es glücklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich habe mich während meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst hindurch schleppen müssen, in welchem Körper und Geist müde werden.“
„Unsere herzlichsten Wünsche werden Sie begleiten,“ sagte Frau von Rantow zu dem jungen Officier. „Aber Sie, lieber Büchenfeld,“ fuhr sie lächelnd fort, „tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht etwa auch mit hinausziehen —“
„Wollte Gott, ich könnte es,“ sagte der Oberstlieutenant traurig, „doch mein Podagra sorgt schon dafür, daß ich hier bleiben muß. Aber,“ fuhr er, sich militairisch aufrichtend, fort, „ich habe mich um ein Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens das Herzeleid nicht, daß ich in dieser Zeit unthätig im Civilrock einhergehen muß. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem Könige dienen, so gut es mir noch möglich ist.“
Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang, während welcher die Unterhaltung fast ausschließlich von dem alten Herrn und dem Baron geführt wurde.
Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn entgegen ging, keinen Platz, für ihn war der Krieg der Beruf des Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche dieser Krieg in sich schloß und fühlte sich neu geboren in dem Gedanken, daß auch er in dieser großen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu thun und den Rock des Königs zu tragen.
„Wir müssen aufbrechen,“ sagte er endlich, „ich weiß noch nicht, wo meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stündlich, — mein Sohn hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise.“
Er küßte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von
Rantow die Hand und drückte lange und herzlich die Rechte des Barons.
Der Lieutenant, welcher während der ganzen Zeit ernst und stumm mit niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu.
„Lebe wohl, Büchenfeld,“ sprach er, — „in einer Zeit, wie die jetzige, muß jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schütze Dich! Ich werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglück begegnen, so hoffe ich, daß ein gütiges Schicksal mich zu Dir führen wird, um Dir beizustehen.“
Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkürliche Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurücktreten. Abermals färbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem Ausdruck auf Fräulein Anna.
Das junge Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Aus diesen Augen strahlte es wunderbar und eigenthümlich zu ihm hin, es lag darin wie eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie unwillkürlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus.
Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter Blick wurde weicher und weicher. Kräftig drückte er die Hand des Herrn von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme:
„Vergessen und vergeben!“
Dann trat er rasch, wie einem übermächtigen Zuge folgend, zu Fräulein Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten. Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, drückte seine Lippen auf dieselbe und fast unhörbar, nur ihr verständlich, hauchten seine Lippen nochmal die Worte:
„Vergessen und vergeben!“
Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das Zimmer verlassen hatte, während Fräulein Anna, die Hände faltend, auf einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer nachsah.
* * * * *
König Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines Arbeitszimmers. Der König trug den Militairüberrock und blickte mit tiefem Ernst auf den Ministerpräsidenten Grafen Bismarck, welcher in der Uniform des Magdeburgischen Cürassierregiments No. 7 vor Seiner Majestät stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden Vortragssachen beendet hatte.
„So ist denn,“ sagte der König, „Alles vorbereitet, was menschliche Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung unsere Kräfte entfalten zu können, — unser Haus ist bestellt, die Armee ist in ordnungsmäßiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon einmal gab gegen den Übermuth desselben Feindes.“
„Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestät,“ rief Graf Bismarck, indem seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte, — „er wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren vorbereitet hat, zu herrlicher Erfüllung bringen. Meine Zuversicht steht fest — in diesem Kampfe wird Deutschlands glänzende Zukunft entschieden werden!“
Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger
Siegeszuversicht, — aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige
Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu
seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier.
„Wir haben Alles geordnet,“ sagte er, die wenigen Zeilen überlesend, welche dieser Bogen enthielt, — „wir haben die diplomatischen Fäden gezogen, — um unsere wohlwollenden Freunde“ fuhr er mit eigenthümlichem Lächeln fort, „in ihrer neutralen Haltung zu befestigen, — wir haben für die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten liegen jetzt draußen bei der Armee, — ich habe jetzt nur noch ein Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des Abschieds an mein Volk zu richten, — wenn mich auch die Hoffnung erfüllt, daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann,“ sprach er mit tiefem Ernst, „eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich, wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir zu geben mein königliches Recht vergönnt, — ich möchte in dem Augenblick, in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir den Frieden zurücklassen, — den Frieden und die Versöhnung!“
Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den
König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine
Gedanken, sagte:
„Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen, manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen Strenge der Gesetze in Conflict gebracht — jetzt, wo ganz Deutschland einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen, — die Lehre der Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet. — Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können.“
Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme:
„An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für
Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen,
will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine
Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen.“
„Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem
Sinne zu unterbreiten.
„Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig nicht auf unserer Seite waren.
„Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlandes.“
Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten, dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten.
„Majestät,“ sagte er, auf die stumme Frage des Königs antwortend, „an diesem Erlaß darf kein Titelchen geändert werden. Es ist das königlichste Wort, das ein christlicher Fürst zu seinen Unterthanen sprechen kann, einfach und groß, wie die Zeit. Und dies königliche Wort wird einen mächtigen Wiederhall finden in allen Herzen.“
Der König neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch, ergriff eine Feder und setzte mit kräftigen Zügen seinen Namen unter das Papier, das er dem Ministerpräsidenten reichte.
„Sorgen Sie für die Veröffentlichung und für die schleunige Vorlegung des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschäfte hier beendet,“ sprach er mit tiefem Athemzug, „ich habe für die Meinigen das Werk des Friedens und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen die Feinde richten.“
„Noch möchte ich,“ sagte der Ministerpräsident, „eine Bitte an Eure Majestät richten, eine Bitte, deren Erfüllung ein schöner Nachklang zu dem großen Wort ist, das Eure Majestät soeben gesprochen. Eure Majestät wissen,“ fuhr er fort, als der König ihn fragend ansah, „daß wir von der früher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu befürchten haben, die früheren Führer derselben sind vom Könige Georg getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu gefährlichen Unternehmungen irre geleitet werden könnten, sind in Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schützen, und um sie durch eine kurze Haft der Möglichkeit zu entziehen, Dinge zu unternehmen, für welche sie in der gegenwärtigen Zeit mit der ganzen Schwere des Gesetzes gestraft werden müßten.“
„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König — „auch der Verdacht gegen den
Grafen Wedell hat sich nicht betätigt? —“
„Nein, Majestät,“ sagte der Ministerpräsident, „Graf Wedell steht mit der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer getroffen ist — doch,“ fuhr er dann fort, „wovon ich Eurer Majestät sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannöverschen Officiere, welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die sogenannte Welfenlegion commandirten.“
„Nun?“ fragte der König.
„Diese Officiere, Majestät,“ sprach Graf Bismarck weiter, „befinden sich, wie ich höre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in Deutschland geächtet, — das ist durch Eurer Majestät großmüthige Amnestie beseitigt — aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der französischen Regierung verdächtigt, und ihre Lage ist derartig, daß nach den Äußerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind — ihnen nichts übrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschießen zu lassen.“
„Die armen, jungen Leute,“ sagte der König — „sie haben sich schwer vergangen, aber es sind doch brave junge Männer und ihre Handlungsweise ist doch nur hervorgegangen aus einem irre geführten, aber innerlich edlen und richtigen Gefühl der Anhänglichkeit an ihren frühern Herrn — was kann ich für sie thun?“ fragte er mit weicher, milder Stimme.
„Majestät,“ sagte Graf Bismarck, „politisch liegt kein Grund vor, ihnen zu Hülfe zu kommen, sie können nicht gefährlich werden, und wenn sie wirklich, durch die Noth gedrängt, sich zu irgend einer strafbaren Handlung hinreißen ließen, so würde dadurch in den Augen von ganz Deutschland die welfische Agitation und alle etwa für dieselbe noch begehende Sympathie vollkommen und für immer vernichtet werden. Aber ich glaube nicht, Majestät,“ fuhr er im wärmeren Ton fort, „daß jenen armen jungen Leuten gegenüber politische Betrachtungen in diesem Augenblick maßgebend sein können. Jene Unglücklichen sind von aller Welt verlassen, sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue geworden, und ich möchte Eure Majestät bitten, ihnen zu helfen und ihnen eine Grundlage für ein neues Leben zu gewähren.“
„Mit Freuden,“ rief König Wilhelm lebhaft, „schlagen Sie mir vor, was ich thun soll.“
„Majestät,“ erwiderte Bismarck, „es befinden sich unter diesen Emigranten frühere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht möglich, — der König Georg hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht gezogen werden können. Ich würde daher Eurer Majestät unterthänigst vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine lebenslängliche Pension von zwölfhundert Thalern zu geben, damit haben sie eine Basis für ihre Existenz und einen Ersatz für ihre zerbrochene Carriere.“
„Genehmigt,“ rief der König, „genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu können, und ich danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun.“
Und leise die Lippen bewegend, flüsterte er vor sich hin:
„Thut wohl denen, die Euch verfolgen.“ — —
„Es müßte dann,“ sagte Graf Bismarck, „eine Garantie von ihnen gegeben werden, daß sie nicht etwa abermals mißleitet werden —“
„Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das genügt,“ sagte der König, „sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben.“
„Eure Majestät haben durch diesen Entschluß,“ sagte Graf Bismarck, „einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schönen und wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestät, —
Vorwärts mit Gott für König und Vaterland.“
„Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf,“ sagte der König, „wir werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten —“
„Dann aber, Majestät,“ rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, „wird der preußische Adler seinen höchsten Siegesflug vollendet haben, und eine neue, strahlende Krone wird über seinem Haupte glänzen.“
Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete sich hoch empor und verließ mit militairischem Gruß das Cabinet.
Der König trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das Standbild Friedrich des Großen. Er bewegte leise die Lippen, ohne daß hörbare Worte aus denselben hervordrangen.
War es ein Gebet, das er sprach, — oder verkehrten seine Gedanken mit dem Geiste seines großen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in Wahrheit zu einer Großmacht Preußens erhoben, der der Königskrone Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefügt hatte und der wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch preußischen Geist und preußische Kraft einst das zerbröckelte Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten?
Die auf dem Platz vor dem königlichen Palais versammelte Menge erhob beim Anblick des Königs die Hüte und laute Rufe grüßten den Monarchen.
Der König dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte er sich ab, um zur Königin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen.
* * * * *
Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewöhnliche Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht belebten Straßen.
Da kam vom königlichen Palais her ein einfacher zweispänniger Wagen mit offenem Verdeck dahergefahren. Der König, im Überrock und Helm, fuhr, von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten Mal ernst und gedankenvoll auf diese Straße seiner Residenz hin, welche bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des Glücks und des Unglücks, in den Tagen des Leidens und der Demüthigung, wie in den stolzen Triumphzügen nach gewaltigen Siegen — immer aber in gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das Unglück mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte zur Erringung der Triumphe und Siege.
Kein lauter Ruf ertönte, still und schweigend entblößten sich alle Häupter und durch diese schweigenden, feierlichen Grüße hin fuhr der königliche Wagen hinaus, während der König freundlich ernst mit der Hand winkte und die Königin, von Bewegung überwältigt, ihr Taschentuch vor die Augen drückte.
Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der
Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von
Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz
Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin
Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen
Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden
Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von
Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die
Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel;
die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren
mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine
Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben
dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen
Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that — auch viele Damen der übrigen
Minister und der Hofchargen waren anwesend.
Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks.
Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum letzten Gruß die Hand.
Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen, wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den scheidenden König begrüßte.
Dann trat abermals tiefe Stille ein.
Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und
wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen
Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die
Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen
Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen
Hände gegen ihn ausstreckte.
Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung:
„Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät —“
„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König freundlich, durch einen Wink die Meldung unterbrechend, „ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und das Vaterland geblutet haben — Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen — aber trösten Sie sich, Sie haben dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre, werden neue Helden schaffen.“
„Gott segne Eure Majestät!“ sagte der junge Officier, mit erstickter
Stimme; „Gott segne unsere preußischen Fahnen!“
Der König drückte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumensträuße entgegen.
„Ich kann sie nicht alle mitnehmen,“ sagte der König freundlich
lächelnd, indem er einen schönen Strauß aus den Händen der Gräfin
Itzenplitz entgegennahm. „Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie
Alle und an Ihre guten Wünsche sein.“
Kein Auge blieb trocken, Alle drängten dem scheidenden König nach, der an der Thür des Wartesaals die Königin umarmte und dann mit den Herren des Gefolges schnell in das Coupé stieg.
Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von den dunklen Wolken der Zukunft verhüllten Krieges.
Zwölftes Capitel.
Der junge Cappei hatte in einem fast bewußtlosen Zustand stumpfer Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefängniß zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fäden des Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnißvoll und unerklärlich umsponnen hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwährende Schweigen seiner Geliebten, dieser so plötzliche und unerwartet gegen ihn erhobene Vorwurf staatsgefährlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht zurückkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm erweckte, so erfaßte ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der Verzweiflung.
Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so plötzlich von der Höhe der glücklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden Schmerzes herabgestürzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur die von früher Jugend in ihm gepflegte gläubige Frömmigkeit gab ihm die Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und ließ ihn die Hoffnung nicht verlieren, daß die Vorsehung Wege finden würde, das Dunkel zu erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen Verdacht gegenüber an das Licht zu bringen.
In dieser qualvollen Ungewißheit, allein mit seinen in demselben Kreise sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne das Geringste von der Außenwelt zu hören oder zu sehen, als ein kleines Stück des Himmels, das über eine hohe Mauer durch das vergitterte Fenster seines Gefängnisses hereinsah.
Dann wurde er zum ersten Verhör vorgeführt. Ein Untersuchungsrichter aus der nächsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen.
Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit, und der günstige Eindruck, den seine klaren und bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar.
Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, daß das Alles sich als ein Mißverständniß herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter ihm aus den beim Amte geführten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten Briefe unter ihren scheinbar unverfänglichen Worten einen andern Sinn verbärgen.
Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein offenes Geständniß eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu ermöglichen, zu denen eine irre geleitete Anhänglichkeit an die frühere Regierung seines Landes ihn bestimmt haben möchte.
Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die ihm vorgelegten Papiere näher zu betrachten und vielleicht durch dieselben einen Anhalt zur Aufklärung des Mißverständnisses zu gewinnen.
Kaum hatte er indeß einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine schnelle fliegende Röthe auf seinem Gesicht erschien. Seine kräftige Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch, während seine groß geöffneten Augen mit dem starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren hafteten.
Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her schwirrenden Buchstaben festhalten zu können, las er, in fliegender Hast die Blätter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten um Nachricht, Besorgnisse, daß er krank sein möge, und voll Schmerz und Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewißheit und Bangigkeit wie er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und Nachricht gefleht hatte.
Ein dämonischer Einfluß hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre äußere Verbindung zu unterbrechen, sondern sie auch mit Mißtrauen gegen einander zu erfüllen und ihre Liebe zu zerstören.
Als er die Briefe sämmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles klar; — wie er schon beim ersten Verhör geglaubt hatte in dem ihm damals vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, daß dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtücke sei. Und eine wilde, wüthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach Rache bemächtigte sich seines ganzen Wesens.
Schweigend starrte er fortwährend auf die vor ihm liegenden Briefe, als sei plötzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte.
Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige Verlauf des Verhörs hatte einen günstigen Eindruck für den jungen Mann in ihm hervorgebracht, dessen plötzliche, so sichtbar tiefe Bestürzung jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen.
„Kennen Sie diese Briefe?“ fragte er mit strengem Ton.
Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betäubung aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mächtiger innerer Erregung zitterte:
„Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet, — es sind Briefe meiner Braut, sie haben mir die Augen geöffnet über den ganzen heillosen Plan, welchen eifersüchtiger Haß gesponnen, um uns von einander zu reißen. Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott,“ rief er, den brennenden Blick aufwärts richtend, „wie ist es möglich, daß so viel Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann.“
„Sie behaupten also,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „daß dies wirklich Briefe eines jungen Mädchens sind, und daß dieselben keine Bedeutung haben? — Ich muß Ihnen sagen,“ fügte er hinzu, „daß Ihre so heftige und sichtbare Bestürzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die mündliche Verabredung in's Gedächtniß zurückgerufen wird, die Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an Sie stellen würde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden.“
„Welch ein Abgrund, — welch ein Abgrund,“ rief der junge Cappei verzweiflungsvoll. „Und kann ich jenen Brief sehen?“ fragte er dann.
Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor.
„Ja, ja,“ rief Cappei heftig auffahrend, „es ist dieselbe Handschrift. Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glück betrügen will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preußischen Spion zu verdächtigen, und der nun durch seine teuflischen Künste mich hier als Verschwörer verfolgen läßt. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, das Alles ist schändlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen, lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, daß nichts Geheimnißvolles, nichts Verfängliches dahinter steckt —“
„Die Antwort würde vielleicht ebenso unverfänglich sein, als diese Briefe es sämmtlich zu sein scheinen,“ sagte der Untersuchungsrichter den Kopf schüttelnd. „Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, daß Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht verbergen, daß das Alles sehr unwahrscheinlich scheint, — ich will für heute das Verhör schließen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Geständniß Ihre Lage zu erleichtern.“
„Darf ich nicht,“ fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, „darf ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?“
„Es würde zu nichts führen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „denn eine gleichgültige Antwort würde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen, — wenn diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz sind, so würde ohne den Schlüssel derselben, ohne Kenntniß der chemischen Mittel,“ fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann richtend, „durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen. Ich wünsche nochmals,“ sprach er dann, „daß Ihre Schuldlosigkeit an den Tag kommen möge, denn ich habe hier über Sie und Ihre Familie nur Gutes gehört. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht bleiben müssen, so trifft die Schuld zunächst davon Diejenigen, welche nicht aufhören durch fortwährende Agitationen das Land zu beunruhigen, und welche uns dadurch zwingen, mit den schärfsten Mitteln den verborgenen Fäden nachzuspüren, durch die jene Agitation geleitet wird.“
In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach seiner Gefängnißzelle zurückführen. Es war eine Art von Ermattung über ihn gekommen, der vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende, gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem Verhör folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein zerstörtes Liebesglück, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen, versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rächen, dessen Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tödtlich getroffen hatte.
* * * * *
Kaum hatte er die Tage gezählt, welche in diesem Zustande an ihm vorübergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt gerichteten Gedanken erfüllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber, seine Kräfte begannen sich zu erschöpfen, — zuweilen dachte er fast mit Wonne daran, daß eine tödliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden ein Ende machen könnte. Dann wieder versuchte er mit aller Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die Rache, nicht zu verlieren.
Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten.
Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfüllte ihn, vielleicht war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt, jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das Bureauzimmer folgte.
Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte.
Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen, sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels.
„Setzen Sie sich,“ sagte der Amtmann freundlich. „Sie sind angegriffen. Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben.“
Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu empfinden.
„Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen,“ sagte der Beamte ernst, „in wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei.“
Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er:
„Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich darf —“
„Sie sind frei und außer aller Verfolgung,“ sagte der Beamte, „aber Sie stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind, zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit,“ fuhr er mit einem forschenden Blick auf den jungen Mann fort, „diese Pflicht zu erfüllen?“
„Bereit?“ rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, „bereit? Oh, Herr Amtmann,“ fuhr er fort, den Arm erhebend, „geben Sie mir eine Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land, dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat — er wird auch dort nicht müßig gewesen sein,“ fügte er mit bitterm Lachen hinzu, „und nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben — aber die rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will, vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen.“
„Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben.“
„Ich bin bereit,“ sagte Cappei.
„Sie dürfen nicht vergessen,“ fuhr der Beamte ernst fort, „daß wenn Sie den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die Todesstrafe nach sich zieht.“
„Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann,“ rief Cappei, „ich werde mich pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei, welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine Mutter und meinen Oheim besuchen?“ fragte er dann.
„Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen,“ sagte der Beamte, „vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem Kriege zurückkehren mögen.“
Er neigte freundlich den Kopf.
Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen
Schrittes das Zimmer.
Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims, wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte.
Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren Krieges.
Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte.
Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren entgegenzugehen — finster saß der alte Niemeyer da.
Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief.
Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält.
„Gott erhalte Dich, mein Junge,“ sagte er einfach, indem er kräftig die
Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte,
so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen
Willen in diesen Worten wieder.
Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor der alten Frau nieder.
„Segne mich, meine Mutter,“ sagte er leise.
Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen, aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und heilige Rührung durchzitterte sein Herz, — er empfand all' den reichen Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt.
Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft.
Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die Frevelthat an seiner Liebe.
Dreizehntes Capitel.
Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers.
Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten, — man sah die bunten afrikanischen Truppen, — die leichtfüßigen Voltigeurs und Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und Siegeszuversicht getragen, — die Truppen im Lager sangen, tranken und spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen.
Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein.
Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer, dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder.
Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte, und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten die Hände des Kaisers das Papier zerknittert.
„Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee,“ sagte er, „welch ein Chaos unter dieser glänzenden Außenseite — oh, warum habe ich nicht vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und unerbittlich vor meinem Blick öffnet, — jetzt wo keine Umkehr, kein Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind, und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und welche Hoffnungen bleiben mir,“ sprach er mit dumpfer Stimme, „mir, der ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der Hand halte.“
Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin.
Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon, welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen, durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoßend:
„Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?“
Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust.
„Ich habe,“ fuhr der Prinz fort, „schon als ich von den Haiden Norwegens nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer denke — das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner Regierung unternommen, — was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes. Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben, Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären.“
Der Kaiser schwieg noch immer.
„Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?“
„Der Frieden jetzt,“ sagte der Kaiser, „käme der Streichung des französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung unserer Dynastie gleich,“ fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu.
„Was aber denkst Du zu thun,“ rief der Prinz, „willst Du Dich, willst Du uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen, an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem überwältigenden Angriff zu schützen.“
„Ich darf Rußland nicht verletzen,“ sagte der Kaiser, wie zögernd, „auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des preußischen Handels ausgesprochen —“
„Willst Du nach Rußland fragen,“ rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf
den Boden stoßend, „nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die
Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres
Hauses?“
„Der Marschall Leboeuf,“ meldete die dienstthuende Ordonnanz.
„Dein böser Genius,“ sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen Stimme sagte:
„Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die Gnade haben wollen, hinauszureiten.“
„Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die
Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die
verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in
Augenschein zu nehmen,“ rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend.
Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an.
„Das Alles ist von mir geordnet,“ sprach er, „und der Kriegsplan sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg.“
„Der Kriegsplan,“ rief der Prinz, „das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird vergebens sein. Wenn der Krieg,“ fuhr er immer heftiger fort, „in dem Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen können.“
Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton:
„Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so eben aus Paris erhalten habe.“
Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las:
„General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris.
Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes.“
„Lesen Sie weiter,“ sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die
Hände zusammenschlug.
Der Marschall Leboeuf las:
„Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in
Paris.
Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch
Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt.“
„Weiter,“ sprach der Kaiser kalt und kurz.
Der Marschall las die folgende Depesche:
„Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration.“
„Immer weiter,“ sagte der Kaiser.
Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend.
„Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe.“
„Endlich die letzte,“ sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine
Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte.
Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton:
„General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris.
Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter sind.“
Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran.
„Dieser General,“ rief er, „welcher im Angesicht des Feindes seine Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen.“
Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus.
„Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, „solche kleine Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen.“
„Ich glaube nicht, Herr Marschall,“ sagte der Kaiser kalt, „daß ähnliche Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe, — denn, Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen.“
Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein.
Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und rief mit fröhlichem Tone:
„Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen lassen und stets bei mir tragen.“
Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen.
Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf die reine Stirn und sagte: