Ein Strom heißer Thränen stürzte aus ihren Augen und laut schluchzend warf sie sich in die Arme ihres Vaters.

„Oh, er hat mich verlassen!“ rief sie. „Er hat mich vergessen! Er hat sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung, — nun er zurückgekehrt ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da gedenkt er meiner nicht mehr. Und,“ fuhr sie heftiger weinend fort, „da hält er es nicht einmal für nöthig, einen Vorwand zu suchen — mir ein Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er läßt mich langsam vergehen in vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht,“ rief sie, den Kopf emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend — „das ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn,“ rief sie. „Ich zürne, mir selbst, fast möchte ich mich verachten, daß ich ihn noch lieben kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so voll Wahrheit und tiefen Gefühls — dann kann ich es nicht glauben, kann ich es nicht für möglich halten, daß er mich so vergessen, so unwürdig bei Seite werfen sollte, dann erfaßt mich eine namenlose Angst, daß ihm ein Unglück widerfahren sei, daß er todt sein möchte. Oh, mein Gott, mein Gott,“ rief sie laut aufschreiend, „gieb mir ein Ende dieser Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewißheit, und wäre es die traurigste, die schmerzlichste, sie wäre ein Glück gegen diesen Zustand.“

Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so plötzlichen Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehört. Voll tiefen, liebevollen Mitgefühls sah er auf das junge Mädchen herab, welches zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Hände gefaltet und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von ihm das Licht und die Aufklärung nach denen ihre Seele dürstete.

„Meine Tochter,“ sagte er, „gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das Leben bietet harte und schwere Schicksalsschläge genug, es muß immer in unserm Herzen etwas leben, das uns über das Unglück erhebt, und wäre es nur der Stolz und das muthige Selbstgefühl, welches eine Tochter der Bragars niemals verlassen soll.“

„Oh, mein Vater,“ rief sie, „ich würde Muth und Kraft haben, Alles zu ertragen, wenn er mir gestorben wäre, wenn die Hand der Vorsehung mit unwiderstehlicher übermächtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die Träume meines Glücks eingegriffen hätte; aber daß es so enden soll, daß er mich vergißt, daß er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne daß ich weiß wodurch und warum. Das, mein Vater, zerstört meinen Geist, das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergräbt mein Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes.“

„Wenn er sich unwürdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so höher erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben,“ sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. „Aber,“ fuhr er fort, „noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Mißverständniß vorliegen. Er kann krank geworden sein, — wenn ich an den jungen Mann zurückdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwärtige, so kann ich es kaum glauben, daß er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich muß fast an irgend ein äußeres Hinderniß glauben, das diesem unerklärlichen Schweigen zu Grunde liegt.“

„Das sagt auch mir mein Herz,“ rief Luise, indem sie mit einem dankbaren und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, „eine Stimme in meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung unübersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir zu trennen.“

„Wenn Du das glaubst,“ sagte der alte Challier, „so mußt Du an ihn schreiben und Erklärung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja möglich ist, so wird der Brief in die Hände der Seinigen kommen, und Alles wird klar werden.“

„Ich soll ihm zuerst schreiben,“ rief Luise, indem eine dunkle Röthe ihr Gesicht überflog, „ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen — wenn er mich vergessen hätte.“

„Wenn Du ihn liebst,“ sagte Herr Challier, „wenn Du Vertrauen zu ihm hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der Dir Aufklärung über ein Mißverständniß oder die unleugbare Gewißheit seiner Unwürdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so wird Dein Brief in die Hände seiner Angehörigen kommen und Du wirst irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben hätte, um seine Spur verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben.“

„Du hast Recht, mein Vater,“ sagte Luise, „ich will den Glauben und das
Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben.“

Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles, was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal überlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst:

„Wenn dieser Brief in die Hände seiner Mutter gelangt, wenn er nur von einem Menschen gelesen wird, der ein fühlendes Herz hat, so werde ich erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm erhalten habe.“

Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmüthigem Blick, voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres Herzens lag zwischen den Zeilen.

Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei zurückgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post.

Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zählte das junge Mädchen die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber verflossen diese Tage, ohne daß die ersehnte Nachricht kam, abermals arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt.

Bleicher und bleicher wurden die Züge dieses sonst so lebensfrischen Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in diesen Zügen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen Mädchens, oft lächelten ihre Lippen bitter oder preßten sich mit dem Ausdruck düsterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie einher, verrichtete genau und pünktlich ihre häuslichen Besorgungen, und sorgfältig wich sie jedem Gespräch mit ihrem Vater aus, welcher mit kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete.

Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe nach dem Diner in seinem Lehnstuhl saß und mit klarem Blick und mit fester Stimme sprach sie zu ihm:

„Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein Leben erfüllte, ist ausgeträumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun auch vergessen können. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im Gefühl der eigenen Würde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu vergessen, die unser Herz mit Füßen traten. Ich habe ein Jahr meines Lebens verloren — das ist Alles,“ sagte sie bitter und hart, „vielleicht habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die eigene Kraft schätzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles, wie es früher war, Deine Tochter gehört wieder Dir und Dir ganz allein.“

Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und ließ ihren Kopf an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr innerstes Wesen erschüttert hatte.

Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um zu zeigen, daß ihre Kraft größer sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszüge waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken.

Ihr Vater schüttelte langsam und schmerzlich den Kopf.

„Ich freue mich,“ sagte er, „daß Du die eigene Kraft kennen und schätzen gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein künftiges Leben gehen, Du darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt hat, weil Einer unwürdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur — Du wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschließen. Du bist noch so jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiß auch nicht,“ fügte er hinzu, „daß Derjenige, der Dich unwürdig verlassen, kein Sohn Deines edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glück, daß es so kam, für das Leid, das der Fremde Dir zugefügt, wird, so Gott will, Frankreich Dir Ersatz bieten.“

Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurück, hoch richtete sie sich empor und sprach stolzen, flammenden Blickes.

„Glaube nicht, mein Vater, daß ich mit dem Leben abschließen will, glaube nicht, daß ich etwa daran denke, in klösterlicher Einsamkeit den Unwürdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getäuscht hat. Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben treten, ich werde alle seine Pflichten erfüllen, — aber mein Herz werde ich für mich allein behalten und — für Dich, mein Vater,“ fügte sie mit einem innigen Blick hinzu. „Es soll nicht wieder der Spielball unwürdiger Laune werden.“ „Das ist brav und recht, mein Kind,“ sagte Herr Challier, „das ist tapfer und meiner Tochter würdig. Und Gott, der die Zukunft der Menschen lenkt,“ fügte er die Hände faltend hinzu, „er wird auch nicht zulassen, daß Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen bleibt, auch Dir wird noch Glück, Wonne und Freude zu Theil werden.“

Schweigend, mit schmerzlichem Lächeln schüttelte Luise den Kopf und ging hinaus, um die Geschäfte der häuslichen Wirthschaft zu ordnen.

Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause seinen Weg.

Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen lassen, kam wieder öfter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft, sprach mit ihm über die Geschichte und über die Fragen der Politik, welche die öffentliche Meinung bewegten. Sein früher so heftiges und aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er schien sich allmählig von den Ansichten des alten Herrn überzeugen zu lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfällen gegen das Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen über die Regierung zurück — er hatte während des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen Partei, mit welcher er früher innig verbunden gewesen war, fern gehalten, — der alte Herr Challier war darüber sehr erfreut und erblickte darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn Vergier ausübte. Das Verhältniß zwischen Beiden war in Folge dessen ein immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden.

Auch Fräulein Luise trat Herrn Vergier immer näher, er unterhielt sich freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr über viele Dinge, welche den regen Geist des jungen Mädchens interessirten, und niemals kam ein Wort über seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die Hoffnungen und die Wünsche berührte, die er früher gehegt, und die er früher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie ausgesprochen hatte.

Das junge Mädchen, das anfänglich verschlossen, kalt und zurückhaltend gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und Beruhigung zu finden, und so kam es, daß nach Verlauf einiger Zeit Herr Vergier wieder der tägliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben brachte.

Die verhängnißvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefühl aller dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den Berichten über die Vorgänge im Corps legislatif, und als die Rede des Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Träger eines edlen, alt französischen Namens das Nationalgefühl Frankreichs aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses deutschen Kaisers, der einst in seinen Kämpfen gegen den ritterlichen König Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrüstung und der Begeisterung, und jeder Bürger von St. Dizier wäre bereit gewesen, die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V.

Die vollste Übereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefühlen herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die Abendzeitungen die neuesten Nachrichten über die Vorgänge in Paris und in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander ergänzenden Ausdrücken der Entrüstung gegen die deutsche Anmaßung und der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und mit leuchtenden Blicken hörte Luise diesem Gespräch zu, — jedes Wort fand einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug dies Herz wieder in höherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefühl des nationalen Stolzes, der sie erfüllte.

Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner Tochter saß.

„Die Entscheidung ist da,“ rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt hinreichend, „alle diplomatischen Künste können diesmal den Krieg, nach welchem Frankreich dürstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt, und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das Nationalgefühl dies nicht länger ertragen. Der König von Preußen,“ sagte er, zu Luise gewendet, während Herr Challier das Zeitungsblatt durchlas, „hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhören, ja nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum Überfluß hat die preußische Regierung diese unerhörte Thatsache noch in der schroffsten und verletzendsten Form allen übrigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die unmittelbare Kriegserklärung ist die einzige mögliche Antwort auf diese Provocation. Bereits sind Eisenbahnzüge angemeldet,“ fuhr er fort, „welche die Truppen nach den Grenzen führen, die Commando's sind vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon können wir die Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten.“

Einen Augenblick zuckte es schmerzlich über das Gesicht Luisens, dann aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete sie den Blick auf ihren Vater.

Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen.

„Ja,“ sagte er ernst, „das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt erschüttern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne Frankreich!“ fügte er hinzu, die Hände gefaltet.

„Ja, Gott segne Frankreich,“ flüsterte Luise leise, indem ihr Blick sich mit dem Ausdruck innigsten Gebets auswärts richtete.

Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu
Luise hin und sprach nach einem leichten Zögern:

„Fräulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwähnt, was früher zwischen uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder Frankreichs in gemeinsamen Wünschen und Hoffnungen sich begegnen, soll es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezürnt, als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darüber empfand, daß Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs, zugewendet. Fräulein Luise, mein treues und tiefes Gefühl für Sie hat in seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen, Ihre Liebe verachtet, — ich habe das nie erwähnt, aber ich habe es wohl gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkräftet, und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir,“ fuhr er fort, „nicht denken, daß heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen Vaterlandes heranzieht —“

Mit stolz blitzenden Augen schüttelte Luise schweigend den Kopf.

„Ich will mir auch nicht anmaßen,“ fuhr Herr Vergier fort, indem bei der Bewegung des jungen Mädchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen Augen aufleuchtete, „ich will mir auch nicht anmaßen, daß es mir möglich sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefühle erwecken zu können, welche Sie mir früher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir heute hoffentlich nicht mehr verweigern können, heute, wo alle Franzosen nur eine große Familie bilden.“

Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die
Hand.

„In Zeiten wie die heutigen, in denen wir großen und vielleicht langwierigen Entscheidungskämpfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr als je des Schutzes und der Gewißheit einer sichern und ruhigen Zukunft. Sie wissen, Fräulein Luise, daß ich mein Glück nur an Ihrer Seite finden kann, Sie wissen auch, daß Sie in mir eine treue und feste Stütze für das ganze Leben finden werden, Sie wissen, daß Ihr Vater unsere Verbindung einst wünschte, und daß er sie vielleicht jetzt wieder wünscht. Erlauben Sie mir in diesem großen Augenblick die Frage an Sie zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und glühenden Liebe mir Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen.“

Luise sah ihn klar und frei an.

„Ich danke Ihnen, Herr Vergier,“ sagte sie, „dafür, daß Sie all des Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwähnt haben, — ob in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die Liebe nennt,“ fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse Bitterkeit hindurchklang, fort, „weiß ich nicht. Freundschaft und Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu können, und in dieser Freundschaft und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude und Glück zu geben, als aus meinem Herzen noch erblühen kann.“

Mit ruhigem, freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand, welche er, seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen drückte.

„Aber,“ fuhr Luise fort, „Sie müssen mir versprechen, daß über diesen Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem gewaltigen Kampf rüstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den Segen des Himmels erhalten.“

„Das ist brav gesprochen,“ rief der alte Challier, „gesprochen wie eine
Französin, wie eine Tochter der alten Bragars.“

„Und damit bin ich von Herzen einverstanden,“ rief Herr Vergier, „und wenn es möglich ist, werden nun meine Wünsche noch glühender die Waffen Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des großen Nationalsieges wird zugleich mit der erneuten herrlichen Größe des Vaterlandes das Glück meines Lebens begründen.“

Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des Fensters stand, sie öffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden Sessel und schlug in einfachen kräftigen Accorden die ergreifende Melodie des Chant du départ an, welche so mächtig und gewaltig alle französischen Herzen erfaßt und die Erinnerung an jene von Begeisterung glühenden Freiwilligen aufsteigen läßt, die voll Muth und Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniß abzulegen für die edlen und großen Gedanken, welche in der Revolution lebten und welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen.

Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend, — Herr Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel glühenden Abendhimmel hinausblickend.

„Ich habe gesiegt,“ flüsterte er vor sich hin, — „möchte nun,“ fuhr er fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, „die erste französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast das Glück meines Lebens zerstört hätte.“

Zehntes Capitel.

Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten, Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und lebhaft gesticulirende Gruppen.

Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei.

Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden gegen dieselben geführt.

Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze.

Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten.

Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten.

Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu.

Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er saß in Civil gekleidet,
mit dem General Favé allein im Wagen, der langsam über den
Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefüllt war, daß nur mit
Mühe ein Weg für die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte.

Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen zu sehen gewohnt gewesen war. Er saß gerade aufgerichtet da, ein heiteres stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren Blicken sah er über diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem Enthusiasmus, den er in solchem Maße lange nicht mehr gewohnt war, mit unausgesetzten Hurrahrufen begrüßten.

Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu sagen.

Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenüber in die Rue Rivoli bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hüte dem Kaiser entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an.

Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so lange in Frankreich verpönten Töne erklangen, — er hätte auf alle Grüße bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthür des innern Hofes der Tuilerien näherte.

Ein betäubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz fortsetzte, dankte dem Kaiser für diese dem wieder erwachten Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den innern Hof am großen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er sich nur ganz leicht auf den Arm des General Favé stützte, stieg er mit elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet.

„Sind die Minister hier,“ fragte er den Huissier, der ihm die Thür öffnete.

„Zu Befehl, Sire.“

„Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten.“ Wenige Augenblicke darauf traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le Boeuf in das Cabinet des Kaisers.

Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont eine gewisse Präoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die Lehne seines Sessels gestützt, neben dem runden Tisch in der Mitte des Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister begrüßte.

Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervöser Erregung. Sein Gesicht war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor.

Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden Augen und dem mächtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit.

Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an dessen Mitte Napoleon sich niederließ.

„Die Lage ist ernst, meine Herren,“ sagte der Kaiser mit fester voll klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlüssigen Zögerns, der sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. „Preußen hat die Verhandlungen, welche ich in dem versöhnlichsten Sinne begonnen, abgebrochen, und wir werden demgemäß unsere Entschlüsse zu fassen haben. Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, daß der König von Preußen in beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe.“

Der Herzog hustete leicht.

„Die Beleidigung, welche Preußen gegen uns begangen, Sire,“ sagte er, „liegt nicht so sehr in der Weigerung des Königs mit Benedetti über diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine Meinung bestimmt und endgültig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache, daß die Weigerung von Berlin aus den übrigen europäischen Mächten mitgetheilt wurde.“

Ein sprühendes Feuer blitzte in den groß geöffneten Augen des Kaisers auf.

„Das hat man gethan?“ rief er.

„Ich habe heute morgen von allen Seiten,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „die Mittheilung darüber durch unsere Vertreter erhalten, überall ist das Factum durch die preußischen Diplomaten mitgetheilt worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche Preußen seit langer Zeit an einander gefügt hat. Mein französisches Gefühl, Sire, empört sich, das Maß der Geduld und Langmuth ist voll. War es schon sachlich, nachdem der König von Preußen die verlangte Genugthuung und Garantie für die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine friedliche Lösung für die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies nach meiner Überzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird, nunmehr ganz unmöglich. Die öffentliche Meinung ist in einer Weise aufgeregt, daß wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf diese preußische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empörten Nationalgefühls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner Überzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Würfel ist gefallen, Sire! Wir müssen den Krieg erklären!“

Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf.

Auf ihren Zügen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen.

Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest:

„Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die mächtige Erregung der Bevölkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muß einer so gewaltigen und einmüthigen Strömung des Nationalgefühls folgen. Ich konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens Zugeständnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von Jahren, ich habe die Ansprüche, welche Frankreich machen konnte und vielleicht noch entschiedener hätte machen sollen, um das gestörte Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben vielleicht durch günstige diplomatische Constellationen ohne kriegerische Conflicte hätten durchgeführt werden können. Ich habe Vorschläge auf Vorschläge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung von Compensationen die Freundschaft mit Preußen zu erhalten und vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das Alles zurückgewiesen und ich habe geschwiegen, — immer wartend, immer noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber handelt es sich nicht mehr um das europäische Gleichgewicht, es handelt sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements, — Frankreich ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt! — Es giebt für mich nur einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die Bürgschaft giebt, daß selbst im Falle unglücklicher Zwischenfälle das ganze Volk um so einmüthiger und fester hinter mir stehen wird.“

Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfängliche Befangenheit schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem Gesicht.

„Ich glaube an den Sieg, Sire,“ rief Ollivier mit einer gewissen, ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. „Denn wir sind stark und gerüstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein augenblicklicher Mißerfolg uns treffen, so wird dies die nationale Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflöslicher mit dem Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestät wissen, wie ich den Frieden gewünscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung bei Übernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist nothwendig, sofortige Kriegserklärung ist eine nationale Pflicht für Eure Majestät, dann werden Sie überzeugt sein, daß kaum Jemand in Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wünschen kann, wenn er nicht zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestät und des Kaiserreichs ist, wenn er nicht wünscht, daß das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll.“

„Herr Thiers wünscht den Frieden,“ sagte der Kaiser leicht lächelnd, „er hat sich im Corps legislatif und auch sonst so öffentlich als möglich dafür ausgesprochen.“

„Die öffentliche Meinung, Sire,“ erwiderte Herr Ollivier, „hat ihm sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. „Nieder mit dem kleinen Preußen!“

„Herr Thiers sollte nicht vergessen,“ sagte der Kaiser, „daß sein König Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht führen wollte, den das Nationalgefühl verlangte, und weil er die Demüthigung Frankreichs weiter trieb, als der französische Stolz es ertragen kann. Vielleicht möchte Herr Thiers wünschen daß ich denselben Fehler begehe, um demselben Schicksal zu verfallen, — sein Wunsch soll nicht erfüllt werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die Kriegserklärung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud ihren Geschäften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die Erklärung fest zu stellen. Bereiten Sie die Pässe für den Baron Werther vor.“

„Der Baron, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ist heute bereits bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, daß er sich auf Urlaub begebe. Es sind,“ fuhr er fort, „vor seinem Hotel einige unangenehme Demonstrationen vorgekommen.“

„Man soll dort sogleich starke Polizeimacht, — wenn es nöthig ist, Truppen aufstellen,“ rief der Kaiser, „und den Botschafter gegen jede feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schützen. Die nationale Entrüstung darf die Grenzen der völkerrechtlichen Pflichten und des Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umständen einander schuldig sind, nicht überschreiten. Nun aber, meine Herren,“ sagte er dann, „nachdem der entscheidende Entschluß gefaßt ist, haben wir nicht mehr rückwärts, sondern vorwärts zu blicken. Wir müssen uns klar machen, auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mächten? Haben wir Aussichten auf Allianzen und directe Unterstützungen?“ fragte er, zum Herzog von Gramont gewendet, — „unsere ganze Diplomatie muß die höchste Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu stehen.“

„Alle Mächte, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „haben die Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, daß Österreich, Schweden und Dänemark schon zu Anfang eine uns freundliche Neutralität beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preußen so äußerst feindliche Stimmung in Süddeutschland, so wie auf die unterwühlten Zustände in den annectirten Provinzen.“

„Alles das ist gut,“ sagte der Kaiser mit einer leichten Nüance von Ungeduld im Ton, „aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine bestimmten Erklärungen.“

„Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust über die Identität der Interessen Frankreichs und Österreichs,“ erwiderte der Herzog, „nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, daß Österreich mindestens bei den ersten günstigen Erfolgen unserer Waffen activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt werden und zugleich ausgesprochen ist, daß Österreich für den Erfolg unserer Waffen Alles in den Grenzen der Möglichkeit Liegende thun werde, — ich habe Eurer Majestät diese Depeschen sofort zugehen lassen —“

„Ich habe sie gelesen,“ sagte Napoleon die Achseln zuckend, „die Grenzen der österreichischen Möglichkeiten sind sehr weit gezogen, — Fürst Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden.“

„Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ich gebe auf die officiellen Schritte Österreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu können. Ich lege das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhältnisse und auf den natürlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als Herr von Beust beseelt sein müssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die Niederlage von 1866 wieder gut zu machen.“

„Ich rechne nicht auf Österreich,“ sagte der Kaiser, „seit Jahren habe ich dort nichts gefunden, als ohnmächtige Wünsche und schwankendes Zögern, das sich nach keiner Seite compromittiren möchte. Etwas Anderes ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden könnten. Baiern und Würtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die annectirten Provinzen rechne ich weniger, — höchstens bei einem Rückzug der preußischen Armee könnte uns dort ein Aufstand unterstützen.“

„Ich muß Eurer Majestät mittheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß sich ein Graf Breda auf dem auswärtigen Ministerium gemeldet hat, welcher Propositionen zu einem Bündniß mit dem König von Hannover zu machen beauftragt sein will.“

„Graf Breda?“ fragte der Kaiser, „derselbe, der früher bei unserer
Gesandtschaft in Stockholm war und dort —“

„Derselbe, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „er scheint jetzt im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere fortsetzen zu wollen.“

Der Kaiser zuckte die Achseln.

„Was proponirt er,“ fragte er.

„Ein hannöversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des
Sieges die früheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem
Niedersächsischen Königreich wieder vereinigt werden sollen.“

Napoleon lächelte mitleidig.

„Ein Corps von zwanzigtausend Mann,“ sagte er, — „nachdem der König seine Legion, die ihm vielleicht die Möglichkeit hätte geben können, in die Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut hat. Der arme König,“ fuhr er fort, „welch ein trauriges Schicksal, — in welche Hände ist dieser arme Fürst gefallen, — ich bitte Sie, mein lieber Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den ich dem unglücklichen König von Hannover leisten kann, ist der, daß ich solche Propositionen von Personen, die sich für seine Agenten ausgeben, vollständig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten erheben, so mögen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preußen nicht auf das Äußerste verbittern, — übrigens bin ich überzeugt, daß der arme König von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts weiß und daß er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der Vergessenheit übergebe.

„Ich habe ein Programm an die deutschen Völker entworfen,“ sagte er nach einer kurzen Pause, „in welchem ich ihnen sage, daß ich nicht die Grenzen überschreite, um Deutschland den Krieg zu erklären, daß ich im Gegentheil Deutschland befreien will von einer übermächtigen und übermüthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der deutschen Stämme vernichtet, und daß ich vor allen Dingen keine Eroberung auf deutschem Boden machen will —“

„Eine solche Proclamation, Sire,“ fiel Herr Ollivier lebhaft ein, „ist vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, daß Preußen in Deutschland selbst jede moralische Unterstützung verliert. Wenn ich in demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte —“

„Das französische Nationalgefühl, Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf, indem er seinen großen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte, „wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der öffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen,“ fuhr er fort, „ist es sehr gleichgültig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter preußischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da will.“

Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont.

„Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire,“ sagte dieser, „scheint mir nicht unbegründet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung einer Proclamation, wie Eure Majestät die Gnade hatten, sie anzudeuten im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die süddeutsche Bevölkerung, als auch auf die übrigen europäischen Cabinette. Denn durch eine solche Proclamation würde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von Frankreich zurückgewiesen werden. Es käme nur darauf an, durch eine geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden, und die Proclamation so zu redigiren, daß sie sowohl in Frankreich, als auch in Deutschland eine günstige Wirkung erzielt.“

„Eine solche Redaction wird sich finden lassen,“ rief Herr Ollivier, „wenn Eure Majestät —“

„So ganz platonisch,“ sagte der Kaiser lächelnd, „würde übrigens der Krieg nicht sein. Zunächst wird Jedermann erkennen, daß wenn wir siegen und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch geeinigten Deutschlands unter preußischer Führung definitiv verhindert wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet weit weniger nothwendig wird, als sie es wäre, wenn wir uns mit dem preußischen Deutschland in Güte verständigen wollten, — sodann aber wird wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurückzufordern, welche man ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europäischen Coalition besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken können.“

Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, für ihn bestimmten
Eingang in das Cabinet.

„Sire,“ sagte er, „es sind zwei Depeschen vom auswärtigen Amt so eben gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu übergeben —“

„Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire,“ fiel der Herzog ein, „alle ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie für die von Eurer Majestät zu fassenden Entschlüsse von Einfluß sein könnten.“

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von Gramont, der sie schnell eröffnete und ihren Inhalt überflog.

Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zügen gelegen hatte.

„Nun,“ fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veränderte Gesicht des Herzogs blickend.

„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen
Händen leise zitterten, „eine ebenso unerwartete als unangenehme
Nachricht! Aus München und Stuttgart wird gemeldet, daß man dort an dem
Bündniß mit Preußen festhält, die Armee mobil gemacht und unter den
Befehl des Königs von Preußen gestellt hat, — unsere Gesandten sehen
jeden Augenblick der Zustellung ihrer Pässe entgegen.“

Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher.

Der Marschall Leboeuf strich lächelnd über seinen dichten, mächtig hervorspringenden Kinnbart, — der Kaiser blickte einen Augenblick in düsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick das Haupt wieder empor und sagte.

„So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine fehlgeschlagene Erwartung erschüttern. Das Schicksal will den Entscheidungskampf, und wir müssen mit festem und ungebeugtem Muth in denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, daß die eigene Kraft Frankreichs die beste und kräftigste Bürgschaft für unseren Erfolg ist. Wir haben,“ fügte er mit erhobener Stimme hinzu, „öfter durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, über den wir soeben sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt,“ fuhr er fort, indem er einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift beschriebenen Bogen zusammenfaltete. „Da ganz Deutschland es für gut findet, sich unter die Führung und Botmäßigkeit Preußens zu stellen, so haben wir nicht nöthig, uns für die Ausnutzung unseres Sieges Schranken aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist überflüssig geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und wünschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland selbst,“ sagte er dann, „so müssen wir uns um so mehr Diejenigen zu sichern suchen, welche außerhalb Deutschlands durch ihre eigenen Interessen auf uns angewiesen sind. Dänemark hat seine Neutralität erklärt, — das mag gut sein für den Beginn des Krieges; aber ich lege einen großen Werth darauf, daß nach den ersten Erfolgen dort eine für uns freundschaftliche Action eintrete, welche preußische Kräfte absorbirt und uns die Möglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will den Herzog von Cadorn in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralität herauszutreten, — ich hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dänemarks wird dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen, — würde damit auch nichts weiter erreicht, als daß Rußlands Kräfte nach dem Norden gezogen und von einer Pression auf Österreich abgezogen werden, so wird das schon von großer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die Instructionen und Creditive für Cadorn so schnell als möglich bereit stellen lassen.“

„Zu Befehl, Sire,“ sagte der Herzog sich verneigend, „ich bewundre den
Gedanken Eurer Majestät und die vortreffliche Wahl der Person —“

„Zugleich aber,“ fuhr der Kaiser fort, „ist es nothwendig, eine energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch dort den ersten günstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten, einen schnellen Entschluß hervorzurufen. Der Fürst Latour d'Auvergne muß sogleich seine Thätigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser Beziehung das Nöthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muß auf der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General Türr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen Unterstützung Österreichs und zum Anmarsch gegen die Süddeutschen Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluß dieses Vertrages einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen muß benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den unmittelbaren Abschluß jenes Vertrages kategorisch zu fordern.“

Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum Zeichen seines Einverständnisses mit den Anordnungen des Kaisers.

„Nun, mein Herr Marschall,“ sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister wendend, — „Sie sehen, daß die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen sind, wie steht es mit den Ihrigen?“

„Alles ist bereit, Sire,“ erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner starken rauhen Stimme, „es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrüstung der Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine sind gefüllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die Armee von Algier herüberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen, um die Truppen von Châlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu bringen. Heute sind zwölftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestät Armee bereit sein, in Deutschland einzurücken.“

Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe.

„Und der Generalstab,“ fragte er dann.

„Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestät Hauptquartier,“ erwiderte der Marschall, „für welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich habe finden können, und in kürzester Frist werden auch die Generalstäbe der einzelnen Corps mit tüchtigen Kräften besetzt sein.“

„Und hat man genügend Karten von Deutschland,“ fragte der Kaiser, „nicht nur für den Generalstab, sondern auch für die übrigen Officiere?“

„Sire,“ erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, „jeder Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei mir.“

Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern
Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkräuselte.

Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, während Herr Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb.

„Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten,“ sagte Napoleon lächelnd, „hat sich in den verschiedenen Feldzügen Frankreichs mehrfach bewährt, indessen wäre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten zur Verfügung hätten und nicht bloß auf die magnetische Anziehungskraft angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze ihres Degens ausübt, ich hoffe daß Sie dafür Sorge tragen werden,“ fügte er mit festem und bestimmtem Ton hinzu.

Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich, daß er auf die Hülfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroßen Werth zu legen geneigt sei.

„Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall,“ fuhr Napoleon fort, „um mir die Bestimmungen über die einzelnen Corps der Armee zur definitiven Entscheidung vorzulegen, — eine Anweisung darüber habe ich Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch überlassen, mein lieber Herr Ollivier,“ fuhr er dann fort, „das große Agens aller Kriege herbeizuschaffen, nämlich das Geld. Wir bedürfen nach den angestellten Berechnungen einen Credit von dreißig Millionen für die Armee und einen weitern Credit von sechzig Millionen für die Marine. Die Vorlage muß so schnell als möglich im Corps legislatif gemacht werden.“

„Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire,“ rief Herr Ollivier, „und wenn Eure Majestät das Doppelte und Dreifache fordern würden, — in diesem Augenblick würde Frankreich Ihnen nichts verweigern.“

„Also, meine Herren,“ sagte Napoleon aufstehend, „ich erwarte die
Vorlage der Kriegserklärung, sowie die schnelle und pünktliche
Ausführung aller eben besprochenen Maßregeln.

„So treten wir denn nun,“ fügte er ernst hinzu, „der großen Entscheidung entgegen, welche so lange wie ein schwüles Wetter über unsern Häuptern geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte übrig: Gott schütze Frankreich!“

Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, während er die Augen wie fragend emporschlug.

„Gott schütze Frankreich!“ wiederholten die drei Minister —

Vom Carousselplatz herauf ertönte in diesem Augenblick die Melodie der Marseillaise, welche ein vorüberziehendes Musikkorps intonirte, und in welche die versammelte Menge sogleich laut und kräftig einfiel.

Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die
Hand empor und rief mit pathetischem Ton:

„Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tönen zu Euer Majestät, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese preußischen Armeen schnell werden zersprengt werden.“

Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mächtiger anschwellenden Klängen.

„Möchten sie,“ sprach er leise, „die Dämonen der Revolution hinausführen auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele.“

Er schwieg noch einige Augenblicke — sein brennender Blick schien den
Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen.

Dann sprach er mit liebenswürdiger Artigkeit.

„Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort — Jeder von uns muß an seine Arbeit, und die nächste Zeit wird uns deren viele bringen.“

Er reichte den Herren die Hand.

Dieselben verließen ernst und schweigend das Cabinet.

Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den früheren
Staatsminister und gegenwärtigen Senatspräsidenten.

Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjährige Leiter der kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein.

Der Kaiser ging ihm heiter lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand, welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der Seinen hielt, während er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah.

„Nun, mein lieber Rouher,“ sagte Napoleon, „wir stehen an der großen
Entscheidung, und ich hoffe, daß es nunmehr gelingen wird, die Krönung
des Gebäudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und
Beharrlichkeit aufgeführt haben.“

Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen Debatte sonst nicht eigentümlich war.

„Sire,“ sagte er, „Eure Majestät wissen, mit welcher Mühe ich Jahre lang daran gearbeitet habe, die Krönung des kaiserlichen Gebäudes auf andere Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschließen. Eure Majestät haben die Führung Ihrer Regierung andern Händen anzuvertrauen für gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen übrig, daß der Erfolg den Erwartungen Eurer Majestät und den heißen Wünschen entsprechen möge, welche ich für denselben im Herzen trage.“

Der Kaiser blickte seinen langjährigen Rathgeber einen Augenblick nachdenklich an.

„Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher,“ sagte er dann mit
einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, „mit dem Gange der
Ereignisse und doch müssen Sie zugeben, daß es jetzt unmöglich ist, die
Dinge auf einen andern Weg zu lenken.“

„Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „ich würde niemals das Verfahren desjenigen billigen können, der durch sichere und ruhige Unternehmungen ein großes Vermögen zu gründen und zu erhalten im Stande ist und der, statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein Hazardspiel einläßt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair machen, — aber verzeihen Eure Majestät — auch den Verlust vieler erworbenen Güter herbei führen kann. Ebenso —“

„Ebenso,“ fiel der Kaiser ein, „finden Sie, daß der Krieg in der Politik ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott,“ fuhr er lebhafter fort, „wenn die ganze Nation den Krieg will, — ich bin der Erwählte der Nation, — ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen, als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen.“

Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf.

„Ollivier, Sire,“ sagte er dann achselzuckend, „wird Alles wollen, was ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens,“ fuhr er fort, „von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben — hinter Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,“ sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, „wird die Zukunft zeigen. Eure Majestät haben ferner,“ sprach er dann weiter, „von der öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt, Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg. Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen? — und dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein wird man die Schuld desselben werfen.“

„Aber halten Sie es denn für möglich,“ fragte der Kaiser, „jetzt noch den Krieg zu vermeiden?“

„Nein, Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „jetzt nicht mehr. Vor wenigen Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre, wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte, dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden — jetzt, Sire, ist es nicht mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft, an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals Wirklichkeiten werden mögen.“

Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach.

„Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen.“

Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus.

Napoleon blickte ihm lange sinnend nach.

„Vielleicht hat er Recht,“ sagte er, träumerisch vor sich hinblickend, „vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß aufzuhalten, — nun,“ sagte er tiefaufathmend, „vielleicht findet sich dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht, wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt.“

Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud zurückzufahren.

Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und über den Place la
Concorde nach den Champs Elysées hin. Überall wogten dichte
Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser
mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt.

„Nieder mit Preußen!“ rief man ihm aus allen Gruppen entgegen.

„Nach Berlin!“

Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs der Garde, welches von einer Feldübung zurückkehrte und bestimmt war, in den nächsten Tagen nach Metz abzugehen.

Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei seinem Anblick ihre Käppis auf die Spitze der Bajonette steckten und laut sangen:

  „Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc à la lanterne,
   Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc on le pendra.“

Napoleon legte lächelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach, welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte.

Der Arc de Triomphe glänzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das steinerne Antlitz des großen Kaisers von dem stolzen Bau herab.

Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend, während der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und über welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien emporragten.

Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des französischen Ruhmes einzogen, während aus den Tiefen von Paris jene finstern Mächte heraufstiegen, um die Denkmäler der Jahrhunderte in Schutt und Asche zu verwandeln.

* * * * *

Um dieselbe Zeit, während ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand, waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die Officiere der früheren hannöverschen Legion versammelt.

Sie saßen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der großen weißen Schürze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen jugendlichen kräftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller Augen.

Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart zur Seite und sprach, finster die Zähne zusammenbeißend, indem er sich zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen älteren Manne von der Gesellschaft wandte.

„Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?“

„Vierzehn Tage vielleicht,“ erwiderte der Commissair Ebers achselzuckend, „wenn wir uns auf das Äußerste einschränken, und wenn wir alle unsere nothwendigsten Kleidungsstücke verkaufen, so können wir vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es jedenfalls aus.“

„Wer uns das gesagt hätte,“ rief der Lieutenant Götz von Ohlenhusen, indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen Bieres that, „als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich ließen, um uns dem Dienst des Königs zu erhalten —“

„Der hätte uns jedenfalls einen großen Dienst geleistet,“ sagte Herr von Tschirschnitz, „ich hätte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine ehrenvolle Stellung und eine schöne Carriere vor mir, während wir uns jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst unserem bisher unzerstörbaren Humor den Todesstoß zu geben. Hier im fremden Lande ohne Mittel, ohne Stütze, ohne Anhalt — in Deutschland als Hochverräther verurtheilt! — Wir werden bald in der Lage sein, daß kein Fuß breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt für uns übrig ist.“

„Was bleibt uns übrig,“ sagte Herr von Götz finster, „als uns irgendwo anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden.“

„Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel getroffen hätte,“ rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den Tisch stieß, „dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden.“

Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der
Major von Düring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der
Regierungsrath Meding im Reiseanzug.

Die Offiziere erhoben sich.

„Mein Gott, Sie hier,“ rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem Regierungsrath Meding die Hand reichte, „was führt Sie aus der Schweiz hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen — in diesem Augenblick?“

„Nein, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen Offiziere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch Platz nahm. „Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen.“

„Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll,“ erwiderte Herr von Tschirschnitz, „unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten Einschränkungen gelebt — der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir sämmtlich nichts mehr besitzen werden —“

„und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird,“ rief Herr von Götz, „als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen.“

„Um Gottes Willen, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, — „bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866 handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört, daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen.“

Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf.

„Dieser Graf Breda,“ rief er, „ist ein Franzose, ein Agent des dunkelsten Ultramontanismus — daß er sich als Vertreter des Königs von Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen.“

„Aber,“ fiel Herr von Düring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath Meding wendete, „Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof hierherbrachte, was bleibt uns denn anders übrig, als uns irgendwo auf die möglichst anständige Weise todtschießen zu lassen. Wir haben keine andere Rettung aus unserer Lage.“

Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder.

„Jedes Schicksal ist besser,“ sagte er, „als in den Reihen der Feinde des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich kann Ihnen nichts versprechen — aber es giebt vielleicht noch einen Weg, der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurückführt und Ihnen eine freundliche Zukunft öffnen kann — lassen Sie mich meinen Weg gehen, ich habe ein Gefühl, das mir sagt, er werde zum guten Ende führen. Versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie sich in keine Unternehmungen gegen Deutschland hineinziehen lassen, und daß Sie auch in der verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren — den Sie sich ja so lange erhalten haben — versprechen Sie mir das, meine Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als möglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind — ich hoffe, daß Sie von mir hören sollen. Ich muß Sie wieder verlassen,“ fuhr er fort, „ich muß noch mit dem nächsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen.“