„Es giebt nur ein Recht,“ erwiderte Don Carlos, „und wenn zwei verschiedene Anschauungen darüber bestehen, so trifft die Schuld denjenigen Fürsten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persönlichen Willkür zu ändern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden,“ fuhr er in klangvoller Stimme fort, „wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist.“

„Ich will darüber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter,“ sagte die Königin, „wo das wahre Recht liegt. Sie müssen mir aber zugeben,“ fuhr sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend gegen ihn erhob, „daß ich unschuldig bin an dem, was vor mir — was zu meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron bestiegen, überzeugt, daß das Gesetz, welches mich auf denselben berief, ein im Rechte begründetes gewesen sei.“

„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine,“ sagte Don Carlos, in sanftem Tone, „es ist Ihre Schuld nicht, daß Sie die Vertreterin eines Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Königthum und der von Gott eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenüber steht, als es diese Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerrüttet.“

„Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „so werden Sie mit mir auch den Wunsch theilen, daß das traurige Zerwürfniß, welches die Linien unseres königlichen Hauses von einander trennt, und welches uns unsern Gegnern gegenüber schwächt und lähmt, beendet werde. Sie werden gewiß die Hand dazu bieten, daß wieder das Königthum in Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens und Aufruhrs gegenüber gestellt werde.“

Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand, dieser berührte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und sprach dann, indem er die Königin gerade und fest ansah:

„Sobald sich das ganze königliche Haus von Spanien unter meiner Fahne vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden kräftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenüber treten können.“

Die Königin schwieg einen Augenblick.

„Ich schwöre es Ihnen bei Gott, mein Vetter,“ sagte sie dann, „daß ich mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne, — sie haben mir kein Glück in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer ist mein Loos gewesen, und auch das Glück meines Herzens ist diesem traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber,“ fuhr sie fort, „ich habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, daß die monarchische Partei in Spanien zu einem großen Theil auf ihn seine Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde.“

Don Carlos hörte ruhig und unbeweglich zu.

„Ich setze voraus,“ fuhr die Königin fort, „daß in Ihrem Herzen, wie in dem meinen das Wohl Spaniens, die Größe und der Glanz unseres Hauses weit über allen persönlichen Rücksichten und Wünschen stehen — wenn dies der Fall ist, wenn wir uns darüber verständigen könnten, die Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und glücklicheren Zukunft zu opfern, so würde es vielleicht in unsere Hände gegeben sein, das Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glück und neuem Glanz entgegen zu führen.“

„Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich höher, als meine Person,“ erwiderte Don Carlos, „und für das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick bereit, mich zum Opfer zu bringen.“

„Oh,“ rief die Königin lebhaft, „dann werden Sie gewiß auf die Idee eingehen, die ich Ihnen aussprechen möchte, — eine Idee, von der mir so viele einsichtsvolle Personen sagen, daß durch sie Spanien aus seinem jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden könne.“

Don Carlos sah die Königin fragend an.

„Mein Vetter,“ fuhr Isabella fort, „Sie sind der Vertreter des Rechts der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie haben zahlreiche opferbereite Anhänger in Spanien, und auch an mir hängt noch ein großer Theil des Volkes und der Armee. Könnten wir diese Alle vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg müßte unser sein. Und dazu gehört,“ fuhr sie fort, „nichts weiter, als daß wir, Sie und ich auf den Thron verzichten, daß wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen persönlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren Rechte, beschließen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte gerissen hat, wenn Sie Ihre persönlichen Ansprüche auf die älteren Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte und allseitig anerkannte König von Spanien werden, Ihre Tochter wird dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte monarchische Prinzip aufrecht erhalten.“

Don Carlos sah die Königin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit einem gewissen Erstaunen an.

„Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso,“ sagte er, „mit meiner Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwägung verdient und der allerdings dazu beitragen möchte, die so beklagenswerte Spaltung des königlichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht, Madame,“ fuhr er fort, „wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst wenn ich auf die meinigen verzichten würde, was nach meiner Überzeugung kein Fürst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf.“

„Wenn Sie, mein Vetter,“ erwiderte die Königin „zugleich mit der besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren würden, so wären, wie mir scheint, alle Schwierigkeiten gelöst, der Infant würde in seiner Person die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt für alle Anhänger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein.“

Don Carlos richtete sich hoch empor.

„Ich bewundere, Madame,“ sagte er mit schneidendem Hohn, „die Klugheit Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise lösen wollen, auf die so unendlich einfache Weise, daß sie das hohe und unveräußerliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben, einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch welche Spanien in sein gegenwärtiges Unglück gestürzt ist.“

„Aber, mein Gott,“ sagte die Königin erstaunt über die plötzliche Veränderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin, „der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade gestützt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in Anspruch nehmen.“

„Das heißt mit andern Worten,“ fiel Don Carlos ein, „ich soll mit meinem königlichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprüche, welche Gottes Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten lassen der willkürlichen Verfügungen, welche die unumstößlichen Satzungen des spanischen Königshauses verändert haben. Und wenn ich für meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie könnte ich eine solche That vertreten meinen Nachkommen gegenüber, das darf ich Sie wohl fragen, — Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, daß ich Ihrem Sohn den Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation der Welt.“

„Aber, mein Vetter,“ sagte die Königin, „Sie haben nur eine Tochter und wenn Sie heute König von Spanien werden, so wäre ja Don Alphonso Ihr legitimer Erbe.“

„Sie vergessen, Madame,“ rief Don Carlos, „daß in den nächsten Tagen vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschlösse,“ rief er lebhaft, „über die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses Kind, das ich erwarte, ein Sohn wäre, müßte ich nicht erröthend die Augen niederschlagen vor der Wiege des Säuglings, den ich um sein königliches Recht vor seiner Geburt betrogen hätte. Nein, Madame,“ sagte er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdrücklich betonend, „seien Sie überzeugt, daß niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis wäre, der keine Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat — selbst dann würde ich meine persönlichen Rechte nicht veräußern, — versagt mir Gott einen Sohn, so ist der Infant Don Alphonso mein natürlicher und berechtigter Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein großes und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen, — aber so lange ich lebe,“ fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen Bekräftigung seiner Worte emporhob, „so lange ich lebe, giebt es in meinen Augen auf Erden keinen anderen König von Spanien als mich — in Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das hohe Ziel um der Sünden meiner Väter und um der meinigen willen versagt bleiben soll — ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich über dieses mein höchstes Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Verträge schließen, — und eine innere Stimme sagt mir, daß dereinst noch die alte Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann, Madame,“ fuhr er mit mildem Tone sich zur Königin wendend fort, „werde ich Sie willkommen heißen im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz meines Hauses — und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde Gott bitten, daß er Sie und die Ihrigen erleuchten möge, Sich seinen ewigen Ordnungen zu fügen, ich kann meinerseits von denselben nicht abgehen.“

Die Königin erhob sich ebenfalls.

„Ich bitte Sie, mein Vetter,“ sagte sie, „lassen Sie unsere Unterredung nicht so enden, ich habe so große Hoffnungen auf unsere persönliche Begegnung gebaut, bedenken Sie, daß die Spaltungen zwischen den beiden Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden nützt.“ —

„Ich darf nichts bedenken,“ erwiderte Don Carlos, „als daß Gott mir das Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen werde bis zu meinem letzten Athemzuge.“

Er näherte sich der Königin, welche unschlüssig und verwirrt da stand, küßte ihr die Hand und sprach:

„Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen; — wie auch das Schicksal der Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, daß das gleiche Blut in unsern Adern rollt.“

Die Königin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coupé fuhr vor, er winkte leicht grüßend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des Hofes hinaus.

„Alles vergebens,“ rief die Königin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr zurückgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat, — „Alles vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschütterlich fest auf dem Boden seines Rechts. Und es wäre doch so schön gewesen,“ rief sie, „wenn diese Verständigung gelungen wäre. Er hat mächtige Anhänger, wenn sie sich mit den meinigen vereinigten, sie hätten die größten Aussichten auf Erfolg gehabt. Aber so,“ fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig zusammendrückte, „ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines Sohnes eine große, monarchische Partei gebildet werden kann? — ich würde mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu können —“

Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar.

Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thür der großen Glaswand in das
Cabinet der Königin.

„Seine Majestät der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!“ rief er und eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begrüßen.

Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Königin ging mit ihren Damen abermals nach dem Ausgang der großen Treppe, an welcher sie sich kurz vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte.

Langsam und etwas schwerfälligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen hinauf.

Er trug einen schwarzen Überrock und hielt seinen Hut und ein spanisches
Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung küßte er der
Königin die Hand und führte sie in das Cabinet zurück.

„Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame,“ sagte er, nachdem er ihr gegenüber vor dem Kamin Platz genommen. „Wie befinden sich die Infanten?“

„Ich danke, Eure Majestät,“ erwiderte die Königin, auf deren Gesicht bei den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung erschienen war, „sie befinden sich vortrefflich in dieser schönen Luft des gastfreien Frankreichs, welche für sie nur den einzigen Fehler hat, daß sie die Luft des Exils ist.“

„Und der König Don Franzesco,“ fragte der Kaiser, indem er leicht mit der Hand über seinen Schnurrbart fuhr.

„Er ist in München,“ sagte die Königin, „und braucht dort eine Kur,“ fügte sie mit einem leichten unwillkürlichen Lächeln hinzu, „welche ihm statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird er nicht wieder zurückkehren,“ sagte sie ernst mit blitzenden Augen, „es wäre in der That nicht —“

„Erlauben Eure Majestät,“ fiel der Kaiser ein, „daß ich so schnell als möglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe so eben,“ fuhr er fort, „gute und zuverlässige Nachrichten erhalten, daß in der spanischen Armee und in einem großen Theil der Bevölkerung die monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und daß sich diese Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knüpft. Der Proclamirung des Prinzen würde, wie ich Eurer Majestät ebenfalls versichern kann, Olozaga und Serrano günstig sein. Es ist also nunmehr die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestät, und wie ich glaube mit Recht, stets als unerläßlich für Ihre Abdication bezeichneten. In diesem Augenblick würden Sie durch die Übertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich befinden, viel dafür zu thun, wenn Eure Majestät schleunigst das Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer Majestät den Sinn der Erklärung mittheilen zu lassen, welche eine solche Abdankungsurkunde enthalten müßte.“

„Ich weiß es,“ sagte die Königin mit einem bittern Lächeln, „sie soll
nicht nur die Übertragung meiner königlichen Rechte, sondern auch die
Verpflichtung enthalten, daß ich auch nach der Thronbesteigung meines
Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete.“

„Eure Majestät,“ sagte der Kaiser, „werden überzeugt sein, wie tief ich die unglücklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen haben, und wie dringend und lebhaft ich gewünscht hätte, Sie selbst wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein,“ fuhr er fort, „Eure Majestät werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses höher stellen, als persönliche Wünsche, — man muß im politischen Leben stets mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und Schweres thun, um ein großes Ziel zu erreichen, — was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden. Diejenigen, welche sich in so schmählicher Undankbarkeit gegen Eure Majestät erhoben haben, fürchten heute natürlich den Einfluß, den Sie bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung gewinnen würden. Lassen Sie einige Zeit vorüber gehen — Jene werden ohnehin ihrem Verhängniß verfallen, — und ich sehe den Tag kommen und sollte er auch bis zur Großjährigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien als die Mutter seines Königs wieder in Madrid einziehen werden.“

Die Königin blickte nachdenkend vor sich nieder.

„Bedenken Eure Majestät,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken, „daß in großen politischen Entscheidungsmomenten jede Zögerung gefährlich werden kann — zögern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die Action derer zu ermöglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron führen wollen. Bedenken Sie, daß gewandte und unermüdliche Gegner ihm gegenüber stehen. Würden Sie Sich je verzeihen können, wenn durch die Verzögerung des Opfers, welches die Verhältnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen sollte.“

„Er,“ rief die Königin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor warf, „er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit Wohlthaten überschüttet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze, hochmüthige Graf von Monte Molin,“ fuhr sie fort, „der jede Verständigung zurückwies, der mich behandelt hat, wie ein König eine Infantin seines Hauses — Keiner von ihnen soll triumphiren — ich will jedes Opfer bringen,“ sagte sie mit entschlossenem Ton, „wenn Eure Majestät mir versichern können, daß dadurch wirklich meinem armen Kinde die Krone gesichert wird.“

Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an.

„Ich bin weder allwissend, Madame,“ sagte Napoleon, „noch allmächtig, — indeß so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich günstig, sobald Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen für ihn aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwärtigen Machthabern Garantien geboten werden können, daß sie unter der wieder hergestellten Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden scheint; — aber, ich wiederhole es,“ fuhr er fort, „es muß schnell gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt.“

„Ich werde die Urkunde vollziehen,“ sagte die Königin, indem sie sich mit einem tiefen Athemzug erhob, „man soll von mir nicht sagen können, daß ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines Hauses Geltung zu verschaffen.“

„Seien Sie meiner ganzen Unterstützung dafür sicher,“ sagte der Kaiser, indem er ebenfalls aufstand, „und genehmigen Sie den Ausdruck meiner aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschluß nicht nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen großen Dienst geleistet, — Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen muß, jenseits der Pyrenäen geordnete Zustände und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich darf Eure Majestät bitten,“ fuhr er fort, „sobald die Urkunde vollzogen ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits alle die Schritte thue, die die Umstände erheischen.“

Er kehrte der Königin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurück, sprach mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige höfliche Worte und verließ von den Cavalieren der Königin bis zum Wagen geleitet, das Hotel.

Die Königin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet.

„Lassen Sie sogleich Ihre Majestät die Königin, meine Mutter, bitten, sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemühen zu wollen. Lassen Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen übergab?“

„Zu Befehl, Eure Majestät,“ erwiderte der Graf von Ezpeleta.

„Ich werde es unterzeichnen,“ sagte die Königin seufzend. „Heute Abend wird Ihr König Don Alphonso heißen.“

* * * * *

Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky der Hof der Königin Isabella versammelt.

Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die übrigen
Cavaliere der Königin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Gräfin
Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Königin
waren in großer Toilette.

Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein großer runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behängt, auf welchem in einer großen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares Schreibzeug und einige große Schwanenfedern. In einiger Entfernung von diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet überzogene Lehnstühle, an deren Rücklehne sich das königliche Wappen von Spanien befand.

In dem Saal hörte man jenes leise Flüstern, welches an den Höfen dem
Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt.

Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestät die verschiedenen
Personen befohlen hatte. Die Eingangsthür öffnete sich — aber noch war es
nicht die Königin, sondern es erschien ebenfalls in großem Galacostüm
der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der
Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der großen
Uniform der Marschälle von Frankreich und der Präsident des
Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der
Justizbeamten.

Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann
sprangen die Flügelthüren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstoßenden
Gemächer Ihrer Majestät und trat bald darauf in den Saal zurück, mit dem
Stabe auf das Parquet stoßend und die Königin ankündigend.

Unmittelbar darauf trat die Königin in den Saal, sie trug eine faltige
Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte,
den Hermelin um die Schultern, das goldene Vließ an der Kette um den
Hals und das große Band vom Orden Karl's III. über der Brust.

An der rechten Seite der Königin, einen Schritt zurück, folgte die Königin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls mit dem goldenem Vließ und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe Gestalt der Königin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und etwas starren Züge zeigten wenig Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, deren sanfte, weiche Augen von Thränen geröthet erschienen, und deren großer Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schöner und anmuthiger als sonst erschien.

Zur linken Seite der Königin ebenfalls einen Schritt zurück trat der
Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem
Sammet, ebenfalls das goldene Vließ um den Hals, das blaue Band von dem
Orden Karl's III. über der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet.

Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb fürstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung begrüßte, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar.

Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen, gleichgültigen Gesichtszügen in der großen spanischen Generalsuniform folgte.

Die Königin durchschritt mit dem fürstlichen Anstande, welcher ihr trotz ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthümlich war, den Saal und setzte sich in den mittelsten der drei Lehnstühle.

Die Königin Christine nahm ihr zur Rechten Platz.

Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don
Sebastian hinter den Fauteuil der Königin.

Die Königin winkte dem Grafen Ezpeleta.

Dieser trat an den Tisch, nahm ein großes Pergament aus der dort liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Königin.

„Ich, die Königin,“ sprach Donna Isabella, „habe in Erwägung der Interessen meines Landes und meines königlichen Hauses beschlossen, meine königliche Autorität und alle meine politischen Rechte aus freiem Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu übertragen. Ich habe zugleich beschlossen,“ fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, „um allen Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten spanischen Volkes zu gewährleisten und zu erhalten so viel an mir liegt, für meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmäßige Votum der Nation vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so lange mein Sohn außer seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft.

Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer König, ein spanischer König, der König der Spanier, nicht der König einer Partei. Ich werde zugleich mit dieser Urkunde über meine Abdankung durch ein Manifest an die spanische Nation dieselbe verkündigen und mir wird nur noch übrig bleiben, in glühenden Gebeten lange Tage des Friedens und des Gedeihens für Spanien zu erflehen und für meinen Sohn, dem ich meinen mütterlichen Segen ertheile, — Weisheit und Vorsicht und mehr Glück auf dem Thron als seine unglückliche Mutter fand, welche bis heute Eure Königin war.“

Die letzten Worte der Königin wurden fast unverständlich durch das
Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte.

Der junge Prinz von Asturien näherte sich seiner Mutter und kniete weinend vor ihr nieder.

Die Königin legte die Hände auf sein Haupt und sprach, während große
Thränen über ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme:

„Gott erhöre mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten
Segen!“

Sie machte über seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich dann. Don Alphonso und die Königin Christine standen gleichfalls auf.

Isabella näherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der Königin die Feder und mit einem raschen, kräftigen Zug unterzeichnete sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von Asturien bei der Hand und führte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken.

Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen
Prinzen, der hier in der Verbannung zum König von Spanien proclamirt
war, vorüber, beugten das Knie vor ihm und drückten die Lippen auf seine
Hand, die er Jedem reichte.

Nachdem die Ceremonie vorüber war, wandte sich die Königin Isabella an ihren Sohn.

„Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß,“ sagte sie in französischer Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, „in Ihrer Gegenwart noch ein Document aufnehmen zu dürfen, welches nicht die Politik betrifft, sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein Testament, das ich für den Fall der Rathschluß Gottes die Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte, nach französischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr Präsident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen.“

Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte sie zärtlich und küßte ihr ehrerbietig die Hand.

Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches
Dokument aus der Mappe und sagte:

„Eure Majestät erklären also hier vor dem Herrn Francois Achille Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, daß dieses Document, dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfügung über Ihr Privatvermögen enthält, und daß alle darin enthaltenen Bestimmungen im Falle Ihres Todes gültig und unantastbar sein sollen, und wollen in unserer Gegenwart aus völlig freiem Willen und eigenem Entschluß dies durch Ihre Namensunterschrift bekräftigen?“

„Ich will es,“ sagte die Königin, trat an den Tisch und unterzeichnete die Testamentsurkunde.

Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter denjenigen der Königin.

„Ich bitte nun Eure Majestät, zu befehlen,“ sagte die Königin Isabella, sich abermals an ihren Sohn wendend, „daß von der Abdankungsurkunde ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen werden mögen, und daß von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen übergeben werde.“

Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit bestätigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Königin.

Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide
verließen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre
Gemächer zurückzuziehen. Die Königin Christine und der Infant Don
Sebastian folgten.

Schweigend ging die Versammlung auseinander, — Herr von Albacete begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fuß der Treppe des Hotels.

Fünftes Capitel.

Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de Boulogne nach St. Cloud zurück. Als er durch das Gitterthor in den Hof des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die schönen Tage von Marie Antoinette, die weithin glänzende Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Königthums Carls X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Favé gestützt, nach seinen Gemächern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende Kammerdiener, der ihm die Thür des Vorzimmers öffnete, daß der Herzog von Gramont angekommen sei und Seine Majestät bitte, ihm in einer dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rückkehr Gehör zu schenken.

Der Kaiser, welcher sich während der Fahrt heiter und lebhaft mit dem General Favé unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst und blickte fast finster vor sich nieder.

„Ist es denn nicht möglich,“ sagte er leise, „einen Tag von diesen ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit eisernen Klammern festhält, so bald sie uns einmal erfaßt hat und die alles friedliche, menschliche Glück zerstört.“

Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und befahl, den Herzog von Gramont einzuführen, welcher wenige Augenblick darauf in das Cabinet seines Souverains trat.

Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmäßiges und lächelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Höflichkeit die freundliche Begrüßung des Kaisers.

„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte er schnell sprechend, „eine ebenso überraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht, welche Eure Majestät ebenso sehr befremden und ebenso peinlich berühren muß, als dies bei mir der Fall gewesen ist.“

Ein Ausdruck von Ermüdung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht des Kaisers. Abermals tief seufzend ließ er sich in einen Lehnstuhl sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich bezeichnete mit matter, tonloser Stimme:

„Sprechen Sie, mein lieber Herzog — Sie wissen,“ fügte er mit einem gezwungenen Lächeln hinzu, „mein großer Oheim pflegte zu sagen, daß die Mittheilung böser Nachrichten niemals aufgeschoben werden müsse, — die guten erfährt man immer früh genug. Leider,“ sagte er ganz leise vor sich hin, „kommen sie nicht häufig.“

„Ich erhielt bereits gestern, Sire,“ sprach der Herzog von Gramont, der vor dem Kaiser stehen geblieben war, „den Wortlaut einer Rede, welche der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das Peinlichste berührt. Eure Majestät wissen, wie große Bereitwilligkeit überall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien einzuleiten und zu unterstützen. Ich mußte daher auf das Höchste erstaunt sein, zu erfahren, daß der Marschall Prim den Cortes gegenüber auf das aller Bestimmteste erklärt hat, daß die bisherigen Negotiationen einen König für Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin zerschlagen hätten.“

„Nun,“ sagte der Kaiser lächelnd, „das wissen wir ja, das ist vollkommen wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern König finden kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurückkommen müssen.“

„Aber, Sire,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „nachdem der Marschall diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefügt, er werde nicht für das Werk der Restauration arbeiten und zur Zurückführung Don Alphonso's niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal betont.“

Der Kaiser lächelte abermals.

„Es giebt Fälle,“ sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, „in denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurückweist, was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausführung man vorbereitet.“

„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination, über welche er ja füglich hätte schweigen können, so bestimmt ablehnen zu sehen, während dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht so absolut zurückgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber,“ fuhr er fort, „eine sehr unerfreuliche Ergänzung und Erklärung in einem Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestät Botschafter in Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters, in welchem er mir sagt, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern sehr weit fortgeschritten zu sein scheint, — wenn sie nicht schon entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu überbringen, denselben durch mündliche Mittheilung zu ergänzen und die Befehle Ihrer kaiserlichen Majestät einzuholen.“

„Die Candidatur Hohenzollerns,“ sagte der Kaiser, — „mein Gott, diese Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast für abgethan. Woher ist denn dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen,“ fragte er, den Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, „und woher kommt es, daß ich garnichts davon erfahren habe? Man hätte sich darüber verständigen können, da sie jetzt so plötzlich hervortritt, ist die Sache in der That sehr unangenehm — ich habe mich der Königin gegenüber,“ fügte er leiser hinzu, „einigermaßen engagirt, sie hat ihre Abdankung unterzeichnet.“

„Es scheint,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß der Marschall Prim hier ganz eigenmächtig und hinter dem Rücken seiner Collegen und aller spanischen Staatsmänner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich sogleich befragte, erklärte mir, daß er von der ganzen Angelegenheit nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und stärksten Ausdrücken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er vollkommen einsah, daß sie nur geeignet sein könne, große Verwirrungen hervorzurufen.“

„Wäre die Sache früher herangetreten,“ sagte der Kaiser, immer noch halb zu sich selbst sprechend, — „man hätte sich darüber verständigen können — in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That in die äußerste Verlegenheit. — — Es scheint, daß der Marschall Prim den Spaniern einen König geben möchte, welcher ihm allein seinen Thron zu verdanken hätte. Er commandirt die Armee und unter einem Könige seiner Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmächtige Minister sein. Aber ich begreife in der That nicht, daß Serrano und die Uebrigen darauf haben eingehen können.“

„Es scheint, daß sie überrumpelt sind,“ sagte der Herzog von Gramont, „und daß sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben, welche diese Candidatur nach sich ziehen muß, — denn,“ fuhr er fort, „wenn ein preußischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, während zugleich der König von Preußen schon jetzt die fast unbestrittene Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland würden unsere Grenzen an den Pyrenäen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs erfordert es, daß wir uns einer solchen Combination auf das Aeußerste und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem portugiesischen Königshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren Ausdruck findet.“

Napoleon lächelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen
Worten des Herzogs.

„Nun,“ sagte er, „der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage sein, mit der unumschränkten Autorität Carl V. und Philipp II. über die Armeen Spaniens verfügen zu können, und das spanische Nationalgefühl würde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der Herstellung der Monarchie auch der Einfluß Roms auf die spanische Politik wieder erheblich mächtiger werden muß. Allein,“ fuhr er fort, „die Sache ist immerhin unangenehm und berührt mich besonders in diesem Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der plötzlichen Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man muß auf der Stelle in Madrid erklären lassen, daß Frankreich diese Candidatur nicht annehmen könne. Der Marschall Prim,“ sagte er, „soll fühlen, daß er noch nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher Wichtigkeit zum Abschluß zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen müssen, eine sehr energische Sprache zu führen ich glaube, das wird die Sache sehr schnell erledigen.“

„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „ich stimme mit Eurer Majestät vollkommen darin überein, daß sich hier eine vortreffliche Gelegenheit bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder herzustellen. Dies Prestige muß allerdings tief gesunken sein, wenn der Marschall Prim, noch dazu ohne Einverständniß seiner Collegen in der Regierung, es wagt, in einer so rücksichtslosen Weise über Frankreich vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch,“ fuhr er fort, „die öffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht über diese neueste Wendung der spanischen Verhältnisse auf das Aeußerste erregt gezeigt. Die Journale führen eine sehr heftige Sprache und verlangen von der Regierung Eurer Majestät, daß dieselbe den Beweis liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europäischen Großmächte ausgestrichen.“

Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines
Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Mißstimmung.

„So sehr ich nun auch,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „die Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, daß unsere Action sich gegen Spanien zu richten habe.“

Der Kaiser blickte befremdet auf.

„Aber wohin denn,“ fragte er.

„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast überlegenes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, „das Prinzip der Regierung Eurer Majestät beruht auf der unbedingten Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure Majestät nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade Gottes und durch den Willen der Nation — diesem Prinzip gemäß hat Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf das Sorgfältigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen Angelegenheiten gegenüber vom ersten Augenblick an officiell erklärt, daß es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das Gewissenhafteste enthalten werde. Würde Eurer Majestät Regierung nun den Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen König, der ihnen passend erscheint, zu erwählen, so würde damit einem Prinzip scharf entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach außen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen Erklärung müßte beim französischen Volke ein sehr ungünstiger sein, und könnte bei dem großen Nationalstolz der Spanier dahin führen, daß die ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und daß gerade das, was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschähe. Auch richtet sich der Unwille der öffentlichen Meinung, die sich in den Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien —“

„Aber wie wollen Sie denn, — —“ fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog fragend ansah.

„Sire,“ sprach der Minister lebhaft weiter, „nicht darin, daß die spanische Nation ihr Recht, sich einen König zu wählen, frei ausübt, liegt eine Gefahr für Frankreich, sondern darin, daß ein Prinz des preußischen Königshauses eine solche Wahl annimmt, und daß in Folge dieser Annahme später die preußische Politik im Fall feindlicher Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rückhalt und Unterstützung finden wird.“

Der Kaiser neigte mit einem feinen Lächeln das Haupt und strich mit der
Hand über das Kinn.

„Ich verstehe,“ sagte er leise.

„Mir scheint deshalb,“ fuhr der Herzog fort, „daß wir nicht den Spaniern verbieten sollen, sich irgend einen König zu wählen, sondern daß wir uns an den Punkt wenden müssen, wo die Gefahr für uns liegt, und daß wir vom Könige von Preußen verlangen müssen, er solle dem Prinzen von Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten.“

Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her.

„Dadurch enthalten wir uns,“ fuhr der Herzog fort, „jeder Beleidigung der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale Selbstbestimmungsrecht — wir folgen dem Zuge der öffentlichen Meinung in Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschließlich gegen Preußen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt, — wir haben außerdem die Chance des Erfolges für uns, denn ich glaube nicht, daß man in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich,“ fügte er mit Betonung hinzu, „wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, daß der Schwerpunkt der öffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach Berlin verlegt worden ist. Der Rückzug, welchen die preußische Politik in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der öffentlichen Meinung Frankreichs als ein großer moralischer Sieg dargestellt werden und dies wird das schwer erschütterte Prestige mit einem Schlage wieder herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern zurückgezogen werden muß, so wird dies der Regierung Eurer Majestät ebenso viel nützen, als eine gewonnene Schlacht oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der vergebliche Versuch gemacht wurde.“

Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser.

Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrüstung gestützt, zum Herzog zurück und sprach:

„Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen haben. Es wäre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu verbessern. Das Ganze würde freilich,“ sagte er achselzuckend, „im Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber,“ fügte er hinzu, „die öffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt, und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausführen kann ohne ernsthafte Gefahr. Doch,“ sagte er dann mit tiefem Ernst, „sind wir vor solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiß, daß wir in Preußen nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen Widerspruch stoßen werden, daß sich aus der Sache nicht ein wirklicher und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen Preis heraufbeschwören möchte.“

Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit einem stolzen Lächeln kräuselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte:

„Darüber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch auftreten, — wie ich überzeugt bin,“ fuhr er fort, „daß man es auch bei früheren Gelegenheiten nicht gewagt haben würde, wenn wir bestimmt auf unserer Forderung bestanden hätten. Man hat in Berlin mit so vielen inneren Schwierigkeiten zu kämpfen, die Haltung der süddeutschen Staaten ist höchst widerstrebend, — Oesterreich steht auf unserer Seite und der General Fleury erhält unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der Sympathie des Kaisers Alexander für Eure Majestät und für Frankreich. Ich bin sicher, daß man nachgeben wird und zwar um so leichter und schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen wollen.“

„Dessen müßte man aber,“ sagte der Kaiser, „sicher sein, denn die sympathischen Aeußerungen gegen den General Fleury vermag ich für nichts anderes anzusehen, als für Worte und Ausdrücke persönlicher Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewiß hegt, aber welche kaum jemals irgend einen Einfluß auf die Politik Rußlands ausüben werden, — und was Oesterreich betrifft,“ fügte er achselzuckend hinzu, — „Sie sehen die Verhältnisse dort günstiger an, mein lieber Herzog, als ich es zu thun im Stande bin.“

Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich.

„Auch weiß ich nicht,“ sagte er dann, „ob unsere Armee so schlagfertig ist, daß man die Möglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen darf, — Niel ist todt,“ sagte er düster, „und seine sichere und energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben.

„Doch,“ sprach er dann, „unthätig dürfen wir nicht bleiben, und ich komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschließen. Die Situation ist äußerst günstig, Graf Bismarck ist in Barzin, — mit ihm würde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der König Wilhelm ist in Ems allein, — so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein ganzes Volk repräsentirt, auf die Schlachtfelder führen könnte. Außerdem glaube ich nicht, daß er nach seiner persönlichen Auffassung einen seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen Königsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers Geschicklichkeit,“ sagte er lächelnd, „wird es dann überlassen sein, das Resultat als einen Triumph unserer Energie der öffentlichen Meinung in Frankreich darzustellen.

„Benedetti ist in Wildbad?“ fragte er.

„Zu Befehl, Majestät,“ sagte der Herzog von Gramont, „er muß seit
einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd führt die
Geschäfte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen
Augenblick fast gänzlich bedeutungslos wären.“

„Geben Sie Benedetti den Auftrag,“ sagte der Kaiser, „sich sogleich nach Ems zum König Wilhelm zu begeben und dort so schnell als möglich und thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurückziehung der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, daß die Wahl des Königs auf keinen Prinzen aus den regierenden Häusern der Schutzmächte fallen dürfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt habe, — Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem Könige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort unter den einfachen und zwanglosen Verhältnissen des Badelebens, welche ihm auch eine leichtere Annäherung an den König und einen freieren und natürlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht erreichen können, daß die Candidatur des Erbprinzen zurückgezogen wird. Lassen Sie Benedetti wissen, daß er auf meine höchste Dankbarkeit rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und glücklich zu Ende führt und unterlassen Sie vorläufig jeden officiellen Schritt in Berlin, der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage stellen könnte.“

Der Herzog verneigte sich.

„Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire,“ sagte er.

Napoleon rieb sich mit heiterem Lächeln die Hände.

„Wenn Benedetti reussirt,“ sagte er, „so wird Alles vortrefflich gehen. Der König Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher Höflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf Bismarck,“ fügte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu, „wird in seiner ländlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener kleinen Ueberraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor allen Dingen aber,“ fuhr er fort, „schärfen Sie Benedetti die äußerste Geschmeidigkeit und Rücksicht ein, — handeln Sie schnell und senden Sie mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir nach dem Plebiscit dem französischen Nationalgefühl diesen Erfolg vorführen können, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Nachdenken fort, „Sie dahin wirken können, daß durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch muß jeder Schein eine Pression vermieden werden.“

Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand, welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus.

„Fast scheint es dennoch,“ sagte der Kaiser, „daß das Glück sich mir zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich,“ sprach er lächelnd, „diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich gern gegönnt hätte, wird die Handhabe bieten, auch den äußeren Nimbus des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe, welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert über meinem Haupte schwebt, hineingerissen zu werden.“

Er zündete eine seiner großen braunen Havannacigarren an, setzte den breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam über die, aus seinen Gemächern herabführende Treppe in seinen Rosengarten hinab.

Sechstes Capitel.

Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war äußerst belebt und eine zahlreiche und glänzende Gesellschaft bewegte sich in der großen Allee hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persönlichen Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begrüßten, bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der Promenade machend.

Daneben sah man alte mürrische Herren, welche hierher gekommen waren, um den während des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen und ihren Lungen fortzuspülen; Diplomaten, welche hier ihre Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen, als weil die Anwesenheit des Königs von Preußen, wenn derselbe auch ganz ausschließlich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit bot, um ein wenig zu hören und zu sehen, was in der Welt vorging oder sich vorbereitete.

In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, daß der Erbprinz von Hohenzollern als Candidat für den spanischen Thron aufgestellt sei, und daß derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wußte, daß dieses Ereigniß, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien, eine große Aufregung in der französischen Presse erregt hatte. Im Corps legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklärung abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von Werther in Ems angekommen. Das Alles ließ darauf schließen, daß die spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand der Verhandlungen zwischen dem Könige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon geworden sei oder werden würde und namentlich unter den sich im Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewiße neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewöhnt, daß hier und da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preußen entstanden, und da dieselben jeder Zeit mit der äußersten Courtoisie von beiden Seiten wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so plötzlich aufgetauchten Frage keine große Bedeutung bei, und um so weniger als ja die ganze Sache Preußen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen schien.

So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich über dem reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und fröhlicher Conversation, welche man unter den Klängen der Badecapelle miteinander wechselte.

Bereits war der Prinz Georg von Preußen auf der Promenade erschienen und hatte sich in liebenswürdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung erwartete man den König Wilhelm, welchen man pünktlich zur festgesetzten Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen Kränchen-Brunnen zu trinken.

„Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus Frankreich gelesen,“ sagte der Präsident des evangelischen Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit bureaukratisch faltigem, kränklichem Gesicht, indem er sich zu dem Regierungspräsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kräftiger Haltung neben ihm ging, wandte, „es scheint mir doch ein wenig bunt in Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die plötzliche Ankunft des Baron von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas beunruhigend vor. Mir scheint die öffentliche Meinung in Paris sehr montirt zu sein, und die Erklärung des Herzogs von Gramont im Corps legislatif beweist, daß die Regierung sich ein wenig unter dem Druck dieser öffentlichen Meinung befindet. Es wäre doch entsetzlich,“ sagte er seufzend, „wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste und gefährliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten.“

„Ich glaube nicht daran, Excellenz,“ sagte Herr von Bernuth, „dieses Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt, — erinnern Sie sich nur an Luxemburg. Damals schrieben die französischen Journale flammende Artikel, und so viel man davon erfuhr, führte auch die französische Diplomatie eine sehr hochmüthige Sprache, so daß Jedermann damals an den Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltblütige Heftigkeit des Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und derselbe hat keine gefährlichen Wetterwolken empor getrieben, — so wird es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig einschüchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch für beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire.“

Der Geheimrath Matthis schüttelte bedenklich den Kopf.

„Mir will das nicht recht geheuer vorkommen,“ sagte er, — „es wäre wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen werden sollte.“

Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis füllte seinen Becher und schlürfte vorsichtig in kleinen Zügen das Heil bringende Wasser ein, während Herr von Bernuth rasch in kräftigen Zügen seinen Becher leerte.

„Sehen Sie, Exzellenz,“ sagte er dann, „dort kommt Seine Majestät. Ich bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und ruhig blickt, haben wir nichts für den europäischen Frieden zu fürchten.“

Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Präsidenten hastig seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden Flüssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so eben der König Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet von dem Flügeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schönen, hoch gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil erschienen war.

Der Präsident von Bernuth hatte Recht; der König ging so frisch, so leichten und kräftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer so ruhigen milden Heiterkeit, daß man unmöglich dem Gedanken Raum geben konnte, daß ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfüllen könnten.

Der König schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die ehrerbietigen Begrüßungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich verneigenden Badegäste. Der König begrüßte schnell, aber herzlich den Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestät aus dem Kränchen-Brunnen füllen ließ.

„Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer,“ sagte der König, indem er den Becher ergriff, „überhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet haben, sie bringt meine Natur für ein Jahr immer wieder in Ordnung.“

Er leerte mit langen Zügen seinen Becher und athmete dann tief auf, als fühle er die wohlthätige Wirkung des Getränks.

„Eure Majestät sehen in der That in den letzten Tagen und heute besonders ganz ausnehmend wohl und kräftig aus,“ sagte Herr von Lauer, indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der kräftigen Gestalt des Königs ruhen ließ. „Aber ich würde, um die Quelle zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, daß Eure Majestät Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen hätten, denn die Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestät diese nothwendige geistige Diät nicht mit eben der Sorgfalt, mit welcher Sie die materiellen Diätvorschriften beobachten.“

„Leider ist das nicht so ganz möglich,“ erwiderte der König, „indeß kann ich Sie versichern, daß ich auch in dieser Beziehung so viel als es angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine aufregenden und beunruhigenden Arbeiten,“ fügte er hinzu, während es wie ein leiser vorübergehender Schatten über sein Gesicht flog.

„Ich fürchte doch, daß Eure Majestät als Bade-Patient immer noch zu viel arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen —“

„Controliren Sie meine Depeschen?“ fragte der König lächelnd.

„Als Eurer Majestät Leibarzt,“ sagte Herr von Lauer, „müßte ich hier im Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestät Leben eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir erlaubte, bin ich auf zufällige Weise gekommen; ich wohne im steinernen Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart“ —

„Nun,“ fragte der König.

— „der Geheimrath Abeken, Majestät, kommt nun sehr häufig von seiner Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniß zu nehmen, und seit einigen Tagen höre ich bis tief in die Nacht hinein fortwährend das Vorlesen der Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen tönen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens früh aufwache, so höre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des Dechiffrirens an einander reiht; — ob man in der Nacht überhaupt aufgehört hat, weiß ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen,“ fuhr er fort, „haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muß endlich zu Eurer Majestät gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin mehrmals schon sehr böse gewesen und möchte am liebsten das ganze Dechiffrirbureau von Eurer Majestät durch eine chinesische Mauer trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan.“

Der König lachte herzlich.

„Nun,“ sagte er, „Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so gefährliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin, ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen.“

Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite.

Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall überwunden, und der König winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und wandte sich dann zu dem Präsidenten von Bernuth.

„Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe,“ sagte er heiter, so muß ich glauben, daß dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjüngt, meine Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Stärkung, und so dringt diese Quelle von Ems in alle Adern des preußischen Staatslebens.“

„Wenn die Quelle Eurer Majestät Kraft und Gesundheit stärkt,“ erwiderte
Herr von Bernuth, „so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus
des preußischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die
Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen.“

Der König nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der Nähe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch geschnittenem Haar und Bart.

„Benedetti ist diese Nacht angekommen,“ sagte der König mit etwas gedämpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. „Er hat mich um eine Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihn erst Mittags empfangen könne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am Vormittage mehrere Geschäfte zu erledigen muß. Er ist jedenfalls nicht zufällig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich täglich mehr Staub aufwirbelt. Es würde mir lieb sein, wenn ich bevor ich ihn empfange, über den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wäre. Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm erfahren können, mir ungefähr mittheilen, was er will. Ich wünsche aber nicht,“ fuhr er fort, „daß Sie in eigentliche Discussion mit ihm eintreten, — wenn er über die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm einfach, daß der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und daß ich nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone anzunehmen, ein Hinderniß entgegenzustellen.“

„Ich zweifle nicht, Majestät,“ sagte Herr von Werther, „daß der Graf Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestät dasselbe zu sagen, was mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich allgemeiner Weise ausgesprochen haben, daß nämlich Frankreich die Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnäckig für einen preußischen Prinzen erklärt, nicht dulden könne, und daß man verlangen müsse, daß Eure Majestät den Prinzen zur Verzichtleistung veranlasse.“

„Ich begreife nicht, was sie wollen,“ sagte der König einen Augenblick stehen bleibend, „ich kann mir unmöglich denken, daß der Kaiser Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darüber zu echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein preußischer Prinz — und wenn er es wäre, glaubt man denn, daß er in diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preußische Politik machen könnte? Jeder König, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht,“ fuhr er fort, — „ich hoffe, daß das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzünden liebt, und daß der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der Kriegspartei ein wenig dämpfen wird.“

„Auch ich bin davon überzeugt, Majestät,“ erwiderte Herr von Werther, „denn nach all den Eindrücken, die ich habe, wünscht der Kaiser wirklich aufrichtig die Erhaltung des europäischen Friedens und guter Beziehungen zu Eurer Majestät. Indeß läßt sich nicht verkennen,“ fuhr er fort, „daß diese Hohenzollersche Frage die öffentliche Meinung im hohen Grade aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale — doch bei meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr groß, und nach dem, was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier ist äußerst abhängig von der öffentlichen Meinung, der Herzog von Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Körper und seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluß seiner Minister und seiner Umgebung.“

„Nun,“ sagte der König, „ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich ihm auch dasselbe verbieten, ich würde ja auch dazu eigentlich gar kein Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine Courtoisie, — wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich ihn kaum dazu zwingen — jedenfalls bin ich als König von Preußen der ganzen Angelegenheit völlig fremd, meine Regierung hat mit derselben garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen,“ sagte er, „gehen Sie inzwischen zu Benedetti und erklären Sie ihm zugleich nochmals, warum ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt Brüssel.“

Mit freundlichem Kopfnicken entließ der König den Baron Werther und wendete sich zu dem Oberpräsidenten von Möller, einem Mann von etwa fünf und fünfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits stark ergraute, ziemlich lang zurückgestrichene Haar.

„Guten Morgen, mein lieber Möller,“ sagte der König, „es freut mich, Sie hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden sind, daß sie Preußen geworden sind.“

„Majestät,“ sagte Herr von Möller, „die allgemeine Stimmung in der Provinz, deren Leitung Allerhöchst dieselben mir übertragen haben, söhnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle Vernünftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der Industrie empfinden immer mehr die Vorzüge einem großen Staatswesen anzugehören, und ich gebe mir die größte Mühe überall auf die mildeste Weise die alten Verhältnisse mit den neuen Zuständen zu versöhnen.“ —

„Ganz recht, ganz recht,“ fiel der König ein, „Sie handeln darin ganz in meinem Sinn. Man muß alle berechtigten Eigenthümlichkeiten schonen, alle Erinnerungen an die Vergangenheit achten —“

„Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestät, stehen uns bei der Bevölkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhänglichkeit an die Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persönlichkeit des letzten Kurfürsten, der ja überall wenig Sympathie hatte, haben jene Erinnerungen an Intensivität und Einfluß verloren. Den nachdrücklichsten und hartnäckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den Geistlichen, welche befürchten, daß die Einverleibung in Preußen dem lutherischen Bekenntniß Gefahr bringen, und daß die Einführung der Union beabsichtigt werden könnte.“

Der König blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich hin.

„Mein Gott,“ fuhr er fort, „daß doch gerade die Priester des Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben können, welche den Erlöser selbst erfüllten. Was ist denn die Union, dieses Werk meines unvergeßlichen Vaters, anders, als der Ausdruck der wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen.