„Seltsam,“ rief er, — „sehr seltsam ist das Alles, — oder sollte auch hier eine Intrigue“ —
Pietri trat wieder ein.
Der Kaiser näherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den
Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die
Augen.
„Pietri“ sagte er, — „haben Sie mit diesem jungen Mädchen über die Politik — über irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwärtige Lage bezug hat?“
„Sire,“ erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton, — „Eure Majestät sind zum Mißtrauen gegen Jedermann berechtigt, fast verpflichtet, — dennoch schmerzt mich dasselbe, — ich schwöre Eurer Majestät,“ fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd, „daß ich mit Fräulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestät auszurichten und sie hieher zu führen.“
„Und was denken Sie davon?“ fragte der Kaiser.
Pietri lächelte ein wenig.
„Ich denke, daß dieses junge Mädchen sehr viel Geist hat,“ erwiderte er, — „und daß sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntniß der Verhältnisse beschämen würde.“
Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.
„Wie dunkel, wie mystisch die Antworten über meine Zukunft waren,“ sagte er. —
„Glauben denn Eure Majestät ernsthaft an solche Dinge?“ fragte Pietri.
„Denken Sie sich,“ erwiderte der Kaiser ernst, — „eine Welt von Blindgebornen, — würde nicht ein Sehender, der unter sie träte, der den Sinn besäße, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen verrichten, — würde er ihnen nicht als ein übernatürlicher Prophet erscheinen, — oder als ein Narr verlacht werden, — und das bloß weil er einen Sinn mehr hätte als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen könnte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn, — welche aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu fehlt. — Können denn nicht auch uns solche Welten umgeben, für welche unser Organismus keinen Sinn besitzt, — und ist es unmöglich, daß Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken läßt, was uns verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgenügsamer Beschränktheit für nicht vorhanden erklären?“ —
„Und wenn dem so wäre,“ sagte Pietri, — „Eure Majestät können mit der Perspective, welche Fräulein Lesueur geöffnet, zufrieden sein — Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein — hat sie ihren Geist antworten lassen, — und“ sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone, — „ich habe dazu nur den Wunsch hinzuzufügen, daß das recht spät und nach einer noch recht langen und glücklichen Regierung Eurer Majestät eintreten möge.“
„Nun,“ rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck, — „wenn nur diese Verkündigung sich erfüllt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft verhüllt, — ein Fürst darf keine Person sein, — er ist ein Glied in einer großen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte aneinander knüpft — ob, wann und wie ich untergehe, — was liegt daran, wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden.“
Er schwieg und blickte wie träumend vor sich hin.
„Gehen Sie zum Prinzen,“ sagte er dann, — „er soll seine Uniform anlegen und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschützen.“
Pietri eilte hinaus.
Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Käppi der Generalsuniform, steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die Thür öffnend, in das Vorzimmer.
Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der
Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der
Kaiserin.
Am Eingang der Gemächer Ihrer Majestät öffnete der Huissier schnell die
Flügelthüren und eilte den Kaiser ankündigend durch die Vorzimmer in den
kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der
Vicomtesse Aguado und der Gräfin de la Poëze saß.
„Der Kaiser!“ rief der Huissier.
Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur Eingangsthür des Salons entgegen, Napoleon küßte ihre Hand und grüßte die Damen verbindlich.
„Sie sind in militärischer Tenne,“ fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser und den Grafen Castelnau anblickend, — „zu so später Stunde, — ist denn etwas Außergewöhnliches geschehen?“ fügte sie unruhig hinzu, — „sind die Unruhen in Paris bedenklicher geworden?“ „Seien Sie unbesorgt,“ erwiderte der Kaiser lächelnd, — „es ist nichts Besonderes geschehen, — aber die Truppen sind consignirt — und da muß auch der Kaiser der Consigne folgen und im Dienst sein, — außerdem wollte ich mit Ihnen und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe.“
Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Hände zusammen.
„Das ist ein vortrefflicher Gedanke,“ rief sie lebhaft, „je fester und lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so sicherer werden wir über alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin sogleich bereit,“ sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand.
Eine Kammerfrau trat ein.
Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen großen Spiegel, welcher ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von blauer Seide.
„Bringen Sie mir eine weiße Mantille und ein rothes Band.“
Nach wenigen Augenblicken, während welcher der Kaiser sich mit den Damen seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug eine Mantille von weißem Atlas und ein breites schärpenartiges Band von rother Seide.
Die Kaiserin ließ die Mantille über ihre Schultern legen, näherte sich dann der Gräfin von Poëze und sagte:
„Wollen Sie die Güte haben, meine liebe Gräfin, mir aus diesem Bande eine große Schleife hier zu befestigen.“
Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe.
Die Gräfin von Poëze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife mit langen herabhängenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der Kaiserin.
„Jetzt trage ich die Farben Frankreichs,“ rief Eugenie mit einem Blick auf den Spiegel, „lassen Sie uns gehen,“ fuhr sie zum Kaiser gewendet fort.
„Sie werden,“ sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte, „diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat.“
Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und die Damen folgten.
Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants, der General Frossord war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt voraus und führte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an den Pavillon stoßenden Gallerie.
Als die Thüre derselben geöffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes Schauspiel dar, — die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern brannten, der Marmor und die Vergoldungen glänzten, an den Wänden her standen kleine, mit weißen Leintüchern bedeckte Tische, auf welchen kalte Speisen und rothe und weiße Weine in geschliffenen Crystallcaraffen aufgestellt waren.
An diesen Tischen saßen die Voltigeurs der Garde in vollständiger Feldausrüstung, ihre Waffen neben sich, die Käppis auf den Köpfen, essend, trinkend und fröhlich plaudernd.
In gewissen Zwischenräumen befanden sich kleinere elegant servirte
Tische, an welchen die Officiere soupirten.
Als die große Eingangsthür sich öffnete, und im Rahmen derselben der Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im lauten, einstimmigen Rufen begrüßte diese Elite-Truppe den Kaiser.
Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte grüßend das Haupt nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz über diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz hielt sein Käppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden, das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien.
„Lassen Sie die Leute häufig ablösen,“ sagte der Kaiser, „damit ihnen der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen.“
Er trat an den nächsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Gläser, füllte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter Stimme:
„Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf das Wohl der ganzen Armee, welche die Blüthe des französischen Volkes ist!“ In raschen Zügen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen.
„Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!“ brauste ihm der Ruf der Soldaten entgegen.
„Ich danke Euch, meine Tapferen,“ sagte der Kaiser, als nach einigen Minuten die Rufe der nahe herandrängenden Soldaten verstummt waren, „ich kenne Eure Ergebenheit für mich, ich weiß, daß Ihr gegen jeden Feind Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das Kaiserreich,“ fügte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, „deren edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen Prinzen, Eures Kameraden trägt.“
„Es lebe die Kaiserin!“ riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten in den Ruf ein.
Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen, der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin, — oft blieb der Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswürdigster Geduld den zuweilen etwas breiten und ausführlichen Erzählungen der Soldaten zuhörend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer willenskräftiger der Ausdruck seiner Gesichtszüge. Dicht umdrängt von den Soldaten, grüßte er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal.
Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Räume, die
Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thüren schlossen sich,
Napoleon entließ den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General
Frossard in seine Wohnung zurückzog, und führte dann die Kaiserin nach
ihren Appartements zurück.
„Wenn Marie Antoinette es verstanden hätte,“ sagte die Kaiserin leise zu ihrem Gemahl, „die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu benutzen, so hätte sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum Schaffot zu gehen nöthig gehabt.“
„Man muß aus den Beispielen der Geschichte lernen,“ erwiderte der Kaiser, „und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgänger begangen haben.“
Am Eingang der Appartements der Kaiserin küßte er seiner Gemahlin die
Hand, grüßte mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem
General Castelnau nach seinem Cabinet zurück.
Als er dort angekommen war, rief er Pietri.
Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser erhoben hatte, in das Cabinet ein.
Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder.
„Schreiben Sie sogleich an Gramont,“ sagte er dann, „sagen Sie ihm in kurzen Worten, daß ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zu übertragen, und daß ich ihn bitte, sogleich hierher zu kommen. Ich wünsche, daß er vor seiner Abreise sich noch ausführlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und dessen Anschauungen über die verschiedenen Fragen und Eventualitäten der europäischen Politik möglichst bestimmt constatire.“
Pietri verneigte sich.
„Eure Majestät sind also entschlossen?“ fragte er.
„Ich bin entschlossen,“ erwiderte der Kaiser, — „legen Sie mir morgen
früh den Brief zur Unterschrift vor, — jetzt will ich ruhen. Wenn irgend
Etwas Außergewöhnliches in Paris vorfällt, soll man mich rufen. Gute
Nacht,“ sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte.
Dann bewegte er die Glocke.
Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein
Schlafzimmer begab.
Drittes Capitel.
Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte in liebevoller Pietät alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt gewesen, wie klein und einfach ihm diese Plätze alle erschienen, die doch in den Bildern seiner Erinnerung so groß und so schön gewesen waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber auf ihn ausgeübt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche seine kindliche Seele einst erfüllten, und welche, wenn sie nach langer Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre wunderbare und unvergängliche Jugendfrische behalten.
Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannöversche Legion in Frankreich, von welcher man so wenig regelmäßige und bestimmte Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnißvolle und beinahe märchenhafte Nachrichten herüber gedrungen waren, über welche man nun von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion Näheres zu hören hoffte.
Cappei war sehr zurückhaltend und vorsichtig in seinen Aeußerungen gewesen und hatte nur das Eine bestimmt bestätigt, daß Alles zu Ende und die Sache des Königs nunmehr ein für allemal aufgegeben sei. Eine Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmüthige Trauer, doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefühl der Beruhigung verursachte, denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen dieser einfachen Landbevölkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt und den Wunsch hervorgerufen, daß so oder so nun einmal ein Ende werden möge, damit man wisse, woran man sei.
Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen, hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder überzeugt und gesehen, daß in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhöhten Werth erhalten habe.
Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern hingesetzt und ihnen, die nicht müde wurden, zuzuhören, immer von Neuem von dem Leben in Frankreich erzählt — von dem Leben der Offiziere in Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von den französischen Soldaten, von der französischen Feldwirthschaft. Und immer hatte er bei diesen Erzählungen den einen Punkt umgangen, der sein Herz erfüllte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte. Dennoch beschäftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche und schwankende Unruhe.
Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit großer Mühe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Fräulein Luise Challier geschrieben, um ihr seine glückliche Ankunft in der Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, daß er mit aller Liebe seines Herzens ihrer gedächte und mit heißer Sehnsucht den Tag erwarte, an welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurückkehren würde.
Konnte er sich auch ganz geläufig mündlich in französischer Sprache ausdrücken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte, dennoch sehr ungenügend, sehr kalt und steif, indeß er hoffte, daß seine Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen würde, was der Mangel an Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief sorgfältig verschlossen und sich am Abend mit einiger Mühe von seinem Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des Gewürzkrämers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdruß von mehreren Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde.
Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, über seine Liebe und seine Zukunft zunächst mit seiner Mutter und dann mit seinem Oheim zu sprechen. Indeß immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er doch sonst nicht zu denen gehörte, welche sich scheuen, das auszusprechen, was sie für nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er fühlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und sagte sich, daß das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten müßte.
Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus, dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich schnürte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, daß er hierher zurückgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, daß er dies ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und blühender zu hinterlassen, so viel Mühe und Fleiß gewendet habe, fremden Händen überlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen.
Auf der andern Seite fühlte er in der Entfernung noch lebhafter und mächtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Mädchen hinzog, dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklärt hatte; — wenn er die Augen schloß, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, daß sie die Arme sehnsüchtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr zurückkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen.
Dieser Kampf zwischen der Anhänglichkeit an die Heimath und die Liebe seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fühlbar machte, mußte ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter bewegen, wenn sie erfahren würde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was für Zukunftspläne er in sich trüge; und erst sein Oheim, der alte Mann mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehütet und welche ihm so reiche und dankbare Frucht für seine Mühe und Arbeit gegeben hat. Was würde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine Existenz zu gründen. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten Bauern war. „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich“ — schon der Gedanke, eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstände, als Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, mußte dem Gefühl des alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er erführe, daß sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in den wirtschaftlichen Betrieb einführte, nun um nimmer wiederzukehren, abermals in die weite Welt hinausziehen wolle.
Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte Unruhe. Er mußte Klarheit in die Verhältnisse bringen, er mußte das entscheidende Wort sprechen, und doch wußte er, daß dieses Wort die beiden Menschen, welche ihm durch die nächsten Bande auf Erden verknüpft waren, mit Schmerz und Bekümmerniß erfüllen würde.
So hatte er von einem Tage zum andern die Erklärung hinausgeschoben. Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit vorübergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an seine Geliebte erwarten konnte, ohne daß eine solche eingetroffen wäre. Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbriefträger entgegen, wenn derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es über sich vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts für ihn habe, aber immer hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in quälender Sorge, in einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses unerklärlichen Schweigens seiner Geliebten sein könnte, die doch so fest versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben würde. Endlich konnte er diesen Zustand widerstreitender Gefühle und quälender Sorge und Unruhe nicht länger ertragen.
Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein Kummer bedrücke, — er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei, — aber immer erfolglos. Der alte Briefträger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen, — daß nichts für ihn angekommen sei.
Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter dem Vorwand einer notwendigen häuslichen Arbeit zu Hause zurückgeblieben, — fast ängstlich, mit ähnlichen Gefühlen, wie einst als Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefühle seines unruhigen, gedrückten Herzens auszusprechen.
Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren großen, klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wußte, daß der Tag kommen mußte, an welchem sein Herz sich seiner Mutter öffnen würde, die Stunde war da, sie war bereit, ihn anzuhören und sein Vertrauen mit all der selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das mütterliche Herz so unerschöpflich reich ist.
„Meine Mutter,“ sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, „ich bin überaus glücklich gewesen, daß ich Sie und den Oheim, unser Dorf und das alte Haus wiedergesehen habe.“
Er hielt einen Augenblick inne.
„Und wir nicht minder, mein Sohn,“ sagte die alte Frau, „daß wir Dich nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben.“
Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke
Hand der alten Frau streichelte.
„Ich bin aber doch,“ sagte er dann, „nicht glücklich, wie ich es sonst bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht, mit Euch allein zu sprechen, denn ich muß Euch Alles sagen, bevor ich mit dem Oheim darüber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist.“
Die alte Frau sah ihn mit glänzenden, liebevollen Blicken an, sie fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Räthsel sich lösen müsse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Stände ist, — sie mußte ihm entgegenkommen.
„Du hast liebe Freunde in Frankreich zurückgelassen?“ sagte sie.
„Ach ja, Mutter,“ erwiderte er, „sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen zu trennen,“ fügte er seufzend hinzu.
„Sind es bloß Deine Freunde,“ fragte die Alte mit einem freundlichen, beinahe neckischen Lächeln, „oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen, hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden, — Du der Du hier so gleichgültig gegen die hübschesten Mädchen unseres Dorfes warst?“
Und mit mütterlichem Stolz strich sie das Haar aus der erröthenden Stirn ihres Sohnes, der halb verlegen, halb glücklich darüber, daß seine Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah.
„Ja,“ rief er, indem er ihre Hand so heftig drückte, daß sie leise zusammenzuckte, „ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so gut und so treu, wie nur irgend ein Mädchen aus der Heimath es sein kann und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schön, Mutter, oh, so schön,“ rief er schnell aufbringend, die alte Frau stürmisch umarmend, „so schön, wenn Sie sie sehen würden, Sie würden sie auch lieben, und sie ist so sanft, sie würde Ihnen eine zärtliche und gehorsame Tochter sein, — sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat.“
Die alte Frau ordnete die Bänder ihrer Haube, welche durch die stürmische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den glühend erregten jungen Mann an und sagte:
„Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du mir das nicht früher mitgetheilt hast; Du bist ja längst in dem Alter, Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernähren, — daß Deine Wahl auf keine Unwürdige gefallen, davon bin ich überzeugt. Ich werde älter und älter, und der Hof hier bedarf einer jungen und rüstigen Hausfrau.“
Ihr Sohn blickte trübe zu Boden.
„Das ist es ja eben, Mutter,“ sagte er mit leiser Stimme, „was mir so viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich weiß, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath hängen und nun — sehen Sie, meine Braut hängt eben so sehr an ihrer Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines Geschäfts, eines großen Holzhandels, und sie wünscht so dringend, daß ich zu ihr nach Frankreich kommen möchte, um dort das Geschäft ihres Vaters zu übernehmen und fortzuführen, — ich habe ihr das auch versprochen,“ fuhr er ohne aufzublicken fort, — „als ich bei ihr war, schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die alten Felder sehe, da fühle ich,“ sagte er mit zitternder Stimme, „wie schwer es Ihnen werden müßte, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land oder hier zu bleiben, — durch weite Entfernungen von mir getrennt.“
Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie strich langsam die Falten ihrer weißen Schürze glatt, als wolle sie ihre Gedanken und Gefühle ordnen und glätten wie diese Falten. Dann legte sich ein heiteres und ruhiges Lächeln um ihre Lippen, freundlich, beinahe stolz und glücklich sah sie ihren Sohn an und sagte.
„Gott fügt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat schon Manchen aus dem Lande seiner Väter fort geführt, um ihn sein Glück in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, daß der Mann Vater und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz ihn hinzieht, aber,“ fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, „Deine Mutter wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr für Dich thun kann doch Tag und Nacht für Dein Glück beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die Ferne zu ziehen, da wo Du glücklich bist, wo Du Deine Heimath findest, da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht.“
„Oh, Mutter,“ rief der junge Mann, indem er zu den Füßen der alten Frau auf die Knie niedersank und wie in der fernen glücklichen Kinderzeit sein Haupt auf ihren Schooß legte, „wie danke ich Ihnen für dieses Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt.“
Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, während sie mit den welken, zitternden Händen über sein volles Haar hinstrich. Dann erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an.
„Aber der Oheim,“ fragte er, „was wird er dazu sagen?“
„Das wird einen harten, schweren Kampf kosten,“ sagte die alte Frau, den Kopf schüttelnd, „er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so leicht auch nicht damit einverstanden sein, daß Du die alte Heimath verläßst — aber,“ sagte sie dann lächelnd nach einigen Augenblicken des Nachdenkens, „der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie seinen eigenen Sohn, und wenn er sich überzeugt, daß diese Verbindung Dein Glück ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen. Laß mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu überzeugen, und wenn sich Alles gut fügt, so könnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu führen — wer weiß, ob er sich dann nicht auch entschließt, die Menschen und die lebendige Liebe seiner Kinder höher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch Alles äußerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiß ich doch, daß die neuen Verhältnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den Aufenthalt hier verleiden. Ueberlaß das der Zeit, mein Sohn, und dem lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fügen wird. Zuerst aber laß mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner Heftigkeit schon auszuhalten wissen.“
„Doch nun, Mutter,“ sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, „muß ich Euch noch etwas sagen, das mir vielen Kummer macht, so große Hoffnungen mir auch Eure liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben, — ich habe,“ fuhr er fort, „gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben, — ich habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine Antwort erhalten, — und sie muß doch wissen, wie sehr ich mich nach einem Lebenszeichen, nach einem Gruß von ihr sehne, und wäre es nur eine Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brächte — aber nichts, gar nichts,“ — sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. „Was kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wäre, mir durch ihren Vater Nachricht geben zu lassen, — ich weiß nicht, was ich davon sagen soll,“ fügte er traurig den Kopf schüttelnd hinzu.
„Bist Du der Liebe Deiner Erwählten ganz sicher,“ fragte die Alte, „kannst Du ihrer Treue und Beständigkeit vertrauen, — oder kannst Du Dir irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein könnte, Dir Nachricht zu geben.“
„Oh,“ rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glühender Begeisterung auf seine Mutter richtend, „ich bin ihrer sicher, wie meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort würde ich Häuser bauen. Auch kann keine äußere Veranlassung sie abhalten, — ich habe mit ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben, sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch,“ sagte er, wieder finster zu Boden blickend, „keine Nachricht trotz aller meiner Bitten, keine Antwort, — oh, es muß ein großes Unglück geschehen sein, sie muß sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht, mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben.“
„Sei ruhig, mein Sohn“ sagte die Alte, „bei einer so weiten Entfernung kann ja alles Mögliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren gehen — Alles wird sich aufklären, — sei ruhig, — wenn Du sie kennst und ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnützer Unruhe aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle Deine Sorgen ausschütten kannst. Laß mich erst mit Deinem Oheim sprechen. Vielleicht,“ sagte sie, wie von einem Gedanken erfaßt, „erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung Deiner Angehörigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben, — ja, ja,“ sagte sie, „so wird es sein; und ich muß sagen,“ fuhr sie immer zuversichtlicher und heiterer fort, „ich würde ihrem Vater ganz Recht geben, — er weiß ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch nicht sagen können, daß dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist.“
„Ja“ sagte der junge Mann sinnend, „so könnte es sein — das wäre möglich“ — und wie getröstet durch den von seiner Mutter angeregten Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und nieder.
„Ich will es Ihnen ganz überlassen, Mutter,“ sagte er dann, „mit dem Oheim zu sprechen. Ich weiß ja, Sie werden es viel besser und geschickter machen, als ich, — aber nun erlauben Sie mir auch, meiner Geliebten sogleich zu schreiben, daß Sie wenigstens mit meiner Wahl einverstanden sind. Und nicht wahr,“ fügte er schmeichelnd über das Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, „Sie werden einige freundliche Worte unter meinen Brief schreiben — sie versteht zwar nicht deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das übersetzt, und dann wird ihr Vater sehen, daß auch hier Alles in Ordnung ist, und wird ihr erlauben, mir zu antworten.“
Die alte Frau versprach ihm lächelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzählte von seiner Geliebten, ihren schönen treuen Augen — ihrer süßen Stimme, von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der Champagne und von den grünen Ufern der Marne, — er malte ihr so glückliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm leben würde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen Enkel hüten und erziehen würde, daß die alte Frau ganz selig und stolz sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftsträume vertiefte.
* * * * *
Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit der Nachschrift seiner Mutter abgesendet.
Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder über die Sache gesprochen. Es hatte einen großen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in finsterm Brüten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig gescholten über junge Leute, die auf Abenteuer hinauszögen in ferne Länder und den Sinn und die Liebe für die Heimath verlören, — der junge Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles schweigend und ohne Erwiderung mit angehört; er hatte Abends die beiden alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise mit ihrem Bruder gesprochen, sicher daß trotz seines Scheltens und Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er seinen Neffen gerufen, ihn ausführlich und scharf inquirirt über die Familie seiner Geliebten, über das Geschäft und Vermögen ihres Vaters, und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes, welche ihm über das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen.
Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmählig angefangen, — wenn auch noch immer murrend und scheltend, — über die Zukunftspläne des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerfälligkeit, die Reise nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen ausgedehntem Geschäft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen großen Respect eingeflößt hatten, selbst über die Angelegenheit sich zu berathen.
So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem
Gedanken an die glückliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer künftigen
Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller mütterlichen Zärtlichkeit
liebte, obgleich sie sie nie gesehen.
Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten die mißtrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe gequältes Herz.
Endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, und er kündigte den beiden alten Leuten seinen Entschluß an, selbst nach Frankreich zu reisen und den Grund dieses unerklärlichen Schweigens zu erforschen. Seine Mutter billigte den Entschluß, denn das Leiden ihres Sohnes erfüllte sie mit tiefem Mitgefühl, — auch der alte Niemeyer hatte nichts dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abänderung dieses Zustandes der Ungewißheit, und im Stillen hoffte er, daß sein Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderniß fände, welches diese Sache, die so störend in seinen Lebenskreis eintrat, ein für allemal beenden möchte.
Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur in der Ordnung seines geringen Gepäcks bestanden und begab sich eines Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm übernommenen Verpflichtung gemäß dort um die Erlaubniß zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen Urlaubspaß zu erbitten.
Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hörte schweigend sein Gesuch an.
„Sie wollen nach Frankreich gehen,“ sagte er — „welchen Zweck hat Ihre
Reise.“
Cappei zögerte einen Augenblick.
„Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein,“ sagte der Beamte, — „Sie befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort könnte Ihnen nur nachtheilig sein.“
„Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen,“ sagte der junge Mann — „ich habe eine Braut in Frankreich und wünsche dort die zu unserer Verbindung nöthigen Vorbereitungen persönlich zu besprechen.“
„Sie sind landwehrpflichtig,“ sagte der Amtsverwalter, „und es thut mir leid, daß ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte Erlaubniß nicht ertheilen kann.“
„Ich verspreche,“ sagte der junge Mann erbleichend, „meine Adresse hier zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in spätestens vierzehn Tagen wieder hier sein.“
„Ich kann,“ erwiderte der Beamte, „auch trotz dieses Versprechens Ihnen die Erlaubniß zur Reise und einen Paß nicht geben, — jedenfalls nicht ohne höhere Genehmigung.“
Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht Cappei's, es schien, daß er etwas sagen wollte, doch schwieg er und wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen.
Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt.
„Bleiben Sie,“ rief er in strengem Ton.
Cappei wendete sich erstaunt um und wartete.
„Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen,“ sagte der Beamte, „und da ich befürchten muß, daß Sie bei der Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen möchten, so sehe ich mich gezwungen, Sie zu verhaften.“
„Mich zu verhaften,“ rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine tödliche Bläße sein Gesicht überzog, „und warum?“
Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein.
„Der frühere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im
Amtsgefängniß bleiben, bis weitere Bestimmung über ihn getroffen ist.
Ich will sogleich ein erstes und vorläufiges Verhör mit ihm vornehmen.“
Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten sich, er konnte keine Erklärung für diesen Schlag finden, der ihn so unerwartet traf.
Der Beamte zog ein Actenstück aus seinem Schreibtisch hervor, öffnete dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit das Protocoll aufzunehmen.
„Haben Sie,“ fragte er, sich an Cappei wendend, „seit ihrem Aufenthalt hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit demselben correspondirt?“
„Ich habe keine Verbindung dort,“ erwiderte Cappei, „als diejenige mit meiner Braut, welche besuchen zu dürfen, ich soeben um Erlaubniß bat, ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen Betrübniß keine Nachricht von ihr erhalten.“
Der Beamte nahm mehrere beschriebene Blätter aus dem ihm vorliegenden
Actenstück und fragte, indem er Cappei winkte, näher heranzutreten.
„Kennen Sie diese Briefe?“
Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein fast convulsivisches Zittern erschütterte seine Gestalt.
„Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben,“ rief er mit bebender Stimme.
„Sie erkennen also an, daß diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben sind?“
„Gewiß,“ rief Cappei, den starren Blick fortwährend auf die Briefe gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben, und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten gebeten hatte.
„Sie behaupten also,“ fuhr der Beamte fort, „daß diese Briefe wirklich an ein junges Mädchen gerichtet sind, und daß der Inhalt derselben keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdrücken.“
„Welchen anderen Sinn könnte er haben?“ rief Cappei, entsetzt vor diesem
Räthsel stehend, das sich da so plötzlich vor ihm erhob.
„Man hat Beispiele,“ sagte der Beamte, „daß scheinbar unverfängliche Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder daß sie durch darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch das wird sich finden,“ fuhr er fort.
Dann nahm er einige andere Blätter und hielt dieselben dem jungen Manne vor.
„Kennen Sie diese Handschrift?“
„Nein,“ rief Cappei, auf die ihm völlig fremden Schriftstücke blickend.
„Dennoch,“ sagte der Beamte, „sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende Fragen, Aufträge über Truppendislocationen und politische Verhältnisse Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, daß das Alles sehr verdächtig ist und daß der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt nach Frankreich zu reisen, nur verstärkt werden kann. Ich muß das Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich Ihnen gegenüber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter übergeben und kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, daß ein offenes Geständniß Ihre Lage nur verbessern kann, — wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich eine genügende Erklärung zu geben.“
Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten
Papiere.
„Tragen diese Briefe eine Unterschrift?“ fragte er.
„Nein,“ sagte der Beamte, „solche Correspondenzen pflegt man nicht zu unterschreiben, da der Absender dem Empfänger doch genügend bekannt ist,“ fügte er mit leichtem ironischen Lächeln hinzu.
„Mein Gott, sollte es möglich sein,“ rief Cappei, indem eine glühende Röthe sein Gesicht überflog, „ich erinnere mich, einmal ein Billet von diesem Vergier gelesen zu haben, — sollte es möglich sein, — sollte er —“
„Junger Mann,“ sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, daß Sie irre geleitet sind, und daß Ihre Ergebenheit für Ihren König von gewissenlosen Agenten gemißbraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie über die Sache wissen, — ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor scharfer Strafe zu schützen.
„Herr Amtmann,“ rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, „ich muß glauben, daß hier eine niederträchtige Bosheit verübt worden ist, um mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwöre Ihnen, ich weiß von nichts, — ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich habe keine Ahnung von diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben, enthalten keinen verborgenen Sinn.“
Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des jungen Mannes.
„Ich will in Ihrem Interesse wünschen,“ sagte er, „daß es so ist, wie Sie sagen, und daß Sie Ihre Unschuld beweisen können. Indeß die Indicien erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier handelt, sind zu staatsgefährlich, als daß ich es verantworten kann, Sie in Freiheit zu lassen. Ich will indeß Anordnungen treffen, daß Sie gut behandelt werden, und dafür sorgen, daß Ihre Sache so schnell als möglich untersucht wird. Denken Sie genau über Alles nach und bedenken Sie, daß die größte Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist.
Führen Sie den Arrestanten ab,“ sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet.
In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach dem in einem
Seitenflügel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal führen. Er bat den
Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner
Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das
einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hölzernen
Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit
Eisenstäben vergittert waren und vor dessen Thür sich klirrend der
schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen
Zukunftsträumen und Hoffnungen trennte.
Viertes Capitel.
Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die große Mehrzahl des französischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue für das Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklärt, — die Elemente des Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstädten von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel zurückgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt, der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten übernommen, und der Kaiser sah sich umgeben von lauter Männern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung, als ihm persönlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich die Mühe geben wollte, leicht und vollständig nach seinem Willen zu lenken im Stande war.
Alles schien vortrefflich geordnet und glänzend befestigt. Der kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen beschäftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten über die Toiletten der Damen bei den Soiréen à la Watteau, welche unter dem tiefen Schatten der Bäume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie erzählten mit hoher Befriedigung, daß die Gesundheit des Kaisers ganz vortrefflich sei und daß Seine Majestät Napoleon III in seinem kleinen Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur der Rosen beschäftige und nahe daran sei, das große Problem der Horticultur zu lösen und eine schwarze Rose zu erzielen.
Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin
spazieren, Seine Majestät der König Wilhelm badete in Ems, und der
Kaiser Napoleon mit einer blauen Schürze und einer großen Scheere in der
Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud.
Der Genius des tiefen Friedens hatte sich über Europa herabgesenkt, die Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstädten der Welt konnten trotz des sorgfältigsten Spürens an dem blauen Sonnenhimmel der Politik kein Wölkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine meteorologische Combination hätte machen lassen, — und die Berichte der Zeitungen waren wahr. Denn an einem schönen, glänzenden Sommermorgen hätten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wären, den Kaiser Napoleon in der That sehen können, wie er, einen breiten Strohhut auf dem Kopf, von seinem Gärtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Sträucher und Stämme musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Königin der Blumen ihre Blüthen entfaltete. Er prüfte genau jeden Stock und jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blüthe und jedes trocknende Blatt ab, Alles in ein Körbchen werfend, das der Gärtner trug und sorgfältig darüber wachend, daß kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gänge fiel. Er forschte sorgfältig nach dem Mehlthau, diesem bösen Feinde der Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner großen braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnügt zusehend, wie dieselben betäubt zu Boden fielen.
Bei allen diesen Operationen mußte er sich oft zu den kleinen Sträuchern herunterbücken, oft sich neben den hohen und schlanken Stämmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die kleine, von dem großen Panamastrohhut überdachte Gestalt des Kaisers für alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck gemacht haben würde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden umgeben bei den großen Truppenrevuen oder bei den großen Empfängen in den Tuilerien inmitten der Großwürdenträger unter dem kaiserlichen Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn er klein zusammengebückt vor einer Zwergrose saß, oder wenn er sich mit Mühe zu einer hochstämmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und glücklicher, als in jenen Augenblicken der glänzenden, kaiserlichen Repräsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blüthen, diesen ewig jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lächelten und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natürlichen, fast kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schöpfungswort Gottes allerlei Kräuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniß gestellten Erde erwachsen ließ, und alle Diejenigen, welche den Kaiser haßten und bekämpften im großen Ringen des politischen Lebens, sie wären hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen, — denn nur ein guter Mensch kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen Natur bewahren.
Der Kaiser blieb vor einem mittelgroßen Stamm stehen, aus dessen dunkelgrünen Blättern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der Kaiser betrachtete sorgfältig prüfend diese Knospen, die alle noch geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er nach, ob nicht irgend eine sich bereits geöffnet habe.
Plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte er eine halb erschlossene Blüthe, deren tief dunkle Blätter so eben die Umhüllung gesprengt hatten.
„Ah,“ sagte er, indem er mit der Hand dem Gärtner winkte, welcher rasch herzutrat, „da ist die Lösung meines Problems, die Blüthe ist erschlossen und“ — er blickte ganz enttäuscht und niedergeschlagen auf die Blume.
Die dunklen Blätter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz erschienen waren, schimmerten im Strahl des darüber hin streifenden Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau.
„Die Rose ist blau,“ sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Blüthe erfaßte und sie hin und her wendete.
Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte, immer zeigte sich der blaue Glanz.
Der Gärtner lächelte mit einer gewissen Miene der Ueberlegenheit.
„Ich habe es Eurer Majestät immer gesagt,“ sprach er, „daß es Ihnen niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben immer mehr und mehr verdunkeln mögen, es wird Ihnen doch niemals gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen.“
„Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt,“ sagte der
Kaiser. „Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen
Vogels“ —
„Ich glaube, daß Eure Majestät sich täuschen,“ sagte der Gärtner kopfschüttelnd, „Alles das ist nicht schwarz, — es sind nur tiefe Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im Sonnenlicht leicht erkennen können. Die wirklich schwarze Farbe kommt in der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen künstlich geschaffen werden.“
Der Kaiser ließ die Blüthe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde ernst, seine Augen verschleierten sich, trübe blickte er vor sich nieder.
„Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht,“ sagte er — „das menschliche Herz ist auch eine Schöpfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so schwarz, welche dieses Menschenherz erfüllt, — die Menschen müssen künstlich die schwarze Farbe schaffen, — — sind alle die Sorgen, die uns quälen, nicht auch künstliche Schöpfungen einer der reinen und heiteren Natur entfremdeten Welt, — aus den wir uns dennoch nicht losmachen können,“ fügte er seufzend hinzu, „um wieder zur Reinheit und Freiheit der Natur zurückzukehren, — einer Welt, aus der uns nur der Tod hinausführt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz bedeckt — — werden wir dahinter,“ sprach er tief sinnend weiter, „eine neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte schwarze Grund für immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?“
Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm er seine blaue Schürze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Gärtner, — grüßte denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmüthigen Blick über seinen blühenden Rosengarten, — dann wandte er sich schnell um und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer führten.
All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfüllt hatte, schien wie verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und ließ sich in dem davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem länglich runden Sitzkissen nieder.
„Die glücklichen Augenblicke des Tages sind vorüber,“ sagte er, „die Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich heute mehr als je vor ungelösten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland consolidirt sich,“ sagte er, „Österreich schwankt und trotz aller guten Dispositionen des Königs Victor Emanuel wendet sich die öffentliche Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so daß es schwer sein wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu schließen. Und selbst wenn es gelänge,“ fuhr er fort, „würde eine solche Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action — im Augenblick der Gefahr vielleicht — gehalten werden? Die meisten Sorgen aber,“ sagte er nach einigen Augenblicken, „machen mir diese spanischen Angelegenheiten, die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und trotz der geringen persönlichen Popularität des Herzogs kann sie urplötzlich mir entgegentreten, denn schließlich wird man dort nach jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zuständen zu gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die Intriguen. Aber ich muß Alles aufbieten, um ein orleanistisches Königthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluß gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefährlichsten Feinde meiner Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen begannen, und würden sie jemals in Spanien festen Fuß fassen, so würde ihre Agitation trotz der Pyrenäen mit erneuter Kraft Frankreich durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wäre vielleicht eine Lösung gewesen, — und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen, aber das Erste und Nächstliegende ist doch die Wiederherstellung der Dynastie der Königin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination günstig, und dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmündigen Don Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier, der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen würde — was vielleicht Prim auch thun wird,“ fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu — „den ich vorläufig ganz aus dem Spiel lassen muß, um ihn mir für jene hohenzollersche Eventualität im äußersten Falle zu reserviren.“
Er beugte sich über seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben zurecht gelegten Briefe. Nach flüchtigem Überblick warf er mehrere derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurück.
„Von meinem Agenten in Spanien,“ rief er, — „vielleicht nähert sich diese
Sache ihrem Ende.“
Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes.
„Alles ist vorbereitet,“ las er dann, den Zeilen folgend, „die maßgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien günstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwühlten großen Städte würde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilität verbürgt, mit Freuden begrüßen. Die Armee ist zum großen Theil ganz alphonsistisch gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fände, würde nirgends ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nöthig, daß die Königin Isabella so schnell als möglich feierlich abdicirt und alle ihre Rechte auf ihren Sohn überträgt, zugleich auch jeden Anspruch auf die Regentschaft ausdrücklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und nicht nach Spanien zurückzukehren. Dies Document ist unerläßlich für jede weitere Thätigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig, wie alle Andern, will die Rückkehr der Königin, und man fürchtet, daß selbst bei ihrer persönlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluß ausüben würden, den man mit Recht oder Unrecht für verderblich hält. Wenn Eure Majestät die Abdication der Königin in der oben angedeuteten Weise erreichen können, so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein.“
Der Kaiser warf den Brief zurück.
„Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen,“ sagte er, — „das Glück scheint mir zu lächeln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie in seinem Namen geführt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich günstig sein und in der auswärtigen Politik im Großen und Ganzen derjenigen der Königin Isabella sich anschließen. Vor allen Dingen aber wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversöhnlich feindlich sein — vielleicht ließe sich dann doch noch auf jene Combination zurückkommen, welche durch diese unglückliche Revolution in Spanien vereitelt wurde. —
Die Königin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschließen. Das Document darüber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Händen. Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Bürgschaft verlangte, daß nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche durch die Mittheilungen Olozaga's vollständig bestätigt wird, jede Garantie geben zu können.“
Er sann einige Minuten nach.
„In Augenblicken wie dieser,“ sagte er dann, „kommt es auf schnelles und entschiedenes Handeln an. Günstige Situationen muß man benutzen und zu rascher Entscheidung führen, — man weiß niemals, wie lange sie dauern können. Ich will sogleich zur Königin, um womöglich gleich die Sache mit einem Schlage zu erledigen.“ Er klingelte.
„Meinen Wagen,“ befahl er dem eintretenden Kammerdiener, „große
Attelage, ich will nach Paris fahren. General Favé soll mich begleiten.“
Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer.
* * * * *
An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky, welches die Königin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und über dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des königlichen Wappens von Spanien glänzte.
Die innere Eingangsthür dieses Hotels stand weit offen und ließ durch die Gitter des äußeren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern Gemächern emporführt.
In dieser Halle war die Dienerschaft der Königin in ihrer dunkelblauen goldgestickten Livrée mit den rothen Strümpfen aufgestellt, und am Fuß der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Königin, ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem großen blauen Bande des Ordens Karls III. geschmückt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch junger, schöner Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der Katholischen.
Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu
Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die
Thür nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen
hinabführten.
Endlich fuhr ein einfaches Coupé mit dunkler Livrée durch das Gitterthor in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels.
Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock herabspringende Diener bereits geöffnet hatte. Herr von Albacete folgte ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden sprang.
Dieser junge Mann hatte ein blasses längliches Gesicht von vornehm strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch feste und energische Willenskraft zusammengezogen, — aus seinen kleinen Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vließ am rothen Bande um den Hals.
Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu berühren, erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begrüßungen des Grafen Ezpeleta und des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der sich tief verneigenden Lakaien zu der großen Treppe hin, während Herr von Albacete halb rückwärts gewendet, einige Schritte vor ihm herging, und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf.
Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemächer stand die Königin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das rothe Band des goldenen Vließes um den Hals.
Ihr zur Seite befand sich die Gräfin Ezpeleta und einige Hofdamen.
Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Königin mit so viel Ehrfurcht begrüßt hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst als er unmittelbar vor der Königin stand, nahm er mit einer Bewegung voll ritterlicher Höflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung oder Unterwürfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Königin ihm entgegenstreckte und führte sie leicht an die Lippen.
„Ich danke Ihnen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „daß sie gekommen sind, und ich bitte Gott, daß er unsere Begegnung und unsere Unterredung segnen möge zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses.“
Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines Grafen von Monte Molin führte, und welchen die spanischen Legitimisten den König Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte. Schweigend reichte er der Königin den Arm und führte sie durch einen großen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem über den Fenstern und Thüren, so wie über dem großen prachtvollen Kamin die Lilien des königlichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde glänzten, nach dem Cabinet der Königin, welches von dem vordern Salon durch eine einzige große Glaswand aus mächtigen Spiegelscheiben getrennt war, so daß man aus dem einen Raum vollständig den andern übersehen konnte.
Dies Cabinet, in welchem die Königin ihre Audienzen zu ertheilen pflegte, war mit weißem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der Glaswand sich gegenüber befand, standen einander gegenüber einige große Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast überzogen.
Die Königin nahm auf einem dieser Lehnstühle Platz. Don Carlos setzte sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenüber.
„Erlauben Sie, mein Vetter,“ sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur in ihrer Anrede vermeidend, „daß ich Ihnen die Infanten, meine Kinder, vorstelle?“
Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt.
Die Königin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in welchem ihr Gefolge zurückgeblieben war, und kurze Zeit darauf führte die Gräfin Ezpeleta den dreizehnjährigen Prinzen Alphons von Asturien und seine drei jüngeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich wieder in das Vorzimmer zurückzog.
Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und kränklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr hervorhob, näherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen von Monte Molin. Er küßte seinem Oheim die Hand, während die drei Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den Stuhl ihrer Mutter stellten.
„Don Alphonso,“ sagte die Königin, ihren Sohn vorfallend, „Donna Maria del Pilar — Donna Maria della Pay, — Donna Eulalia,“ — fuhr sie fort, die kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem Oheim näherten und ihre Lippen auf seine Hand drückten.
Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer überstrahlt. Ein weiches und inniges Gefühl leuchtete aus seinen Augen, wie in unwillkürlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog dann die kleinen Infantinnen an sich heran und küßte sie eine nach der andern auf die Stirn.
„Die lieben Kinder,“ sagte er, — „die Glücklichen, die noch allen Sorgen des Lebens — und der Politik fern stehen, — Gott segne sie.“
Die Königin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine tiefe, mächtige Rührung zuckte über ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer verhüllte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Gräfin Ezpeleta erschien wieder und führte, sich tief und ceremoniell verneigend, die Kinder hinaus.
„Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „um mit Ihnen über die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der spanischen Nation verknüpft sind, thun können, um das edle Volk aus seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den Frieden wieder herzustellen.“
Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen früheren, kalten und strengen Ausdruck an.
„Über die spanische Nation,“ sagte er, „ist das Strafgericht hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet und das heilige Recht seiner Könige verleugnet. Spanien wird durch dieses Strafgericht geläutert und so Gott will, einer glücklichen Zukunft zugeführt werden.“
„Sie haben Recht, mein Vetter,“ sagte die Königin mit sanfter Stimme. „Indeß,“ fuhr sie fort, „ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar, wenn es sich über das Recht seiner Fürsten täuscht, da ja bei den Trägern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen über dasselbe bestehen.“