Da hatte sie in wunderbarer Offenheit ihm ihr Herz geöffnet, er hatte mit Entzücken, aber fast auch mit Schrecken gesehen, daß seine Gefühle so stark und so warm erwiedert würden.
Im ersten Augenblick hatte der Glanz dieses Glückes ihn geblendet, aber am anderen Tage war der Stolz wieder in ihm mächtig geworden, er hatte den festen Entschluß gefaßt, einsam durch das Leben zu gehen und nur auf seine eigene Kraft seine Zukunft zu begründen, und er wollte, um den Kampf siegreich zu bestehen, Fräulein Cohnheim nicht wiedersehen, so lange sein Commando in Berlin noch dauerte.
Oft zog es ihn nach dem Thiergarten hin, um wenigstens von ferne die geliebten Züge zu erblicken, die so tief in sein Herz gegraben waren, aber mit eiserner Willenskraft hielt er sich zurück und vermied sorgfältig alle Kreise, in denen er Fräulein Cohnheim hätte begegnen können. Nur am späten Abend ging er hinaus und blickte aus der tiefen Dunkelheit zu dem erleuchteten Fenster, durch welches er zuweilen die Umrisse der schlanken Gestalt seiner Geliebten entdecken konnte. Lange stand er dort an einen Baum gelehnt, in schmerzliche Träumerei versunken, aber sein Entschluß blieb fest, am Tage betrat er niemals die Gegend, in welcher er so oft seine schmerzlichen Seufzer zum nächtlichen Himmel sandte.
Er wurde in seiner stolzen Zurückhaltung noch bestärkt durch die Bemerkungen, welche sein Vater ihm über sein Gespräch mit dem Baron von Rantow gemacht hatte. Der alte Herr hatte sich sehr zornig gegen seinen Sohn darüber geäußert, daß sein Jugendfreund, ein alter Edelmann aus bester Familie sich zu industriellen Geschäften mit dem Commerzienrath associirt habe, und daß er, wie es schien, sogar die Idee nicht als unmöglich verwerfe, die beiden durch das gemeinsame Unternehmen noch immer weiter zu vermehrenden Vermögen durch eine Heirath seines Sohnes mit dem Fräulein Cohnheim mit einander zu verbinden.
Mit traurig bitterm Lächeln hatte der junge Mann den unwilligen Worten seines Vaters zugehört.
Der alte Herr hatte in diesem Lächeln eine Zustimmung zu seinem so mißfälligen Urtheil über die moderne Handlungsweise seines Freundes zu finden geglaubt und, indem er seinen Sohn auf die Schulter klopfte, laut ausgerufen:
„Wir würden so Etwas nicht thun, die Büchenfelds mögen kein so vornehmes und kein so begütertes Geschlecht sein, wie die Freiherren von Rantow, aber mit den Börsenspeculanten würden wir weder unsere Geschäfte, noch unser Blut vermischen.“
Unbeschreibliche Gefühle hatten das Herz des jungen Mannes bei diesen Worten seines Vaters zusammengeschnürt, ohne zu antworten, war er aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.
Einige Tage später hatte ihm der alte Herr nach einem Besuch bei dem Herrn von Rantow in höchster Entrüstung mitgetheilt, daß nicht nur das Geschäft zwischen dem Baron und dem Commerzienrath zur industriellen Ausbeutung der Rantow'schen Erbgüter beschlossen sei, sondern daß er nun auch schon die Verbindung des jungen Rantow mit dem Fräulein Cohnheim zu seinem tiefen Schmerz als gewiß ansähe.
Immer fester war nach solchen Mittheilungen der Entschluß des jungen
Mannes geworden, das junge Mädchen nicht wieder zu sehen, der alle
Regungen seines Herzens gehörten und welche doch von ihm durch alle
Hemmnisse und Schranken getrennt war, welche die Verhältnisse der Welt
zwischen zwei Menschenherzen aufzurichten im Stande sind.
Immer eifriger hatte er sich in seine Studien vertieft, — er suchte durch die Arbeit den Schmerz zu besiegen, der so verzehrend sein ganzes Wesen durchdrang, er suchte mit aller Kraft seines Geistes, mit aller Anstrengung seines Willens sich durch eine unausgesetzte Thätigkeit für eine große und wirkungsvolle Carrière vorzubereiten. Er wollte durch den Ehrgeiz die Liebe tödten, denn einer großen und mächtigen, Alles beherrschenden Regung bedurfte er für sein inneres Leben, dem das gleichgültige Einerlei eines zwecklosen Vegetirens nicht genügte.
An dem Tage, an dessen Vorabend Fräulein Anna in nächtlicher Stille den Entschluß gefaßt hatte, alle Zweifel ihres Herzens einer entscheidenden Lösung zuzuführen, war der junge Officier um die Mittagsstunde von der Kriegsschule zurückgekehrt und trat in das Zimmer seines Vaters, in welchem der alte Diener des Oberstlieutenants, der lange Jahre sein Bursche gewesen und nach dem Abschied seines Herrn in dessen Privatdienst geblieben war, so eben das bescheidene Diner servirte, welches der alte Herr für sich und seinen Sohn aus einem nahe gelegenen kleinen Hotel holen ließ.
„Du siehst bleich aus,“ sagte der alte Herr, indem er seinen Sohn mit sorgenvoller Theilnahme ansah, „ich fürchte, Du arbeitest zu viel. Es ist zwar sehr gut, wenn man etwas recht Tüchtiges lernt, aber man darf darum kein Kopfhänger werden. Du gehst nicht mehr aus, Du bist fast jeden Abend zu Hause, Du besuchst keine Gesellschaften mehr — Du darfst Dich nicht zu sehr anstrengen. Zu meiner Zeit,“ sagte er, sich den Schnurrbart streichend, „waren wir jungen Officiere anders, wenn es keine Gesellschaften gab, so gingen wir wenigstens in die Natur hinaus und machten fröhliche Streifzüge durch Wald und Feld. Damals hätten wir es nicht für die Aufgabe des Soldaten gehalten, hinter den Büchern zu sitzen und zu lesen und zu arbeiten wie ein Student.“
„Sei ruhig, lieber Vater,“ sagte der Lieutenant mit einem etwas gezwungenen Lächeln, „ich werde gewiß nicht über meine Kräfte arbeiten; wenn ich viel zu Hause geblieben bin, so liegt es nur daran, daß ich keine Freude in dem hiesigen weitläufigen Gesellschaftsleben finde. Wenn ich erst wieder in meiner Garnison sein werde unter meinen Kameraden, unter den alt gewohnten Verhältnissen, so wird es anders werden.“
„Nun,“ sagte der alte Oberstlieutenant, seinem früheren Gedankengang folgend, „es treten ja jetzt auch ganz andere Aufgaben an einen Officier heran. Die heutige Tactik ist eine viel complicirtere, und man muß heute die Kriege ebenso sehr mit dem Kopfe als mit dem Arm führen. Das ist Alles ganz gut, aber zum Kopfhänger darf darum der Soldat doch nicht werden. — Daß Dir übrigens das Gesellschaftsleben hier in Berlin nicht gefällt,“ fuhr er fort, „verstehe ich, und daß Du glücklicher in den einfachen Verhältnissen Deiner kleinen Garnison bist — freilich,“ sagte er dann wehmüthig seufzend, „wird dann Dein alter Vater hier wieder ganz allein sein, doch das ist ja das Loos des Alters — Ihr marschirt in die Welt hinein, wir gehen aus derselben hinaus. Da können ja unsere Wege nicht zusammenlaufen.“
Er setzte sich zu Tisch, sein Sohn nahm ihm gegenüber Platz, und der alte Diener servirte in militairischer Haltung die etwas blasse und dünne Bouillon.
Der Oberstlieutenant füllte die Weingläser für sich und seinen Sohn aus einer bereits angebrochenen Flasche St. Julien und stieß mit dem Lieutenant, wie er das stets zu thun pflegte, auf den künftigen Feldmarschallstab an. Während der junge Mann schweigend seinem Vater zuhörte, welcher von alten Zeiten erzählte und manche schon oft wiederholte Geschichte noch einmal ausführlich vortrug, hörte man ein starkes Klingeln an der äußern Eingangsthür der kleinen einfachen Wohnung.
Der alte Diener ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit einem kleinen zierlichen Brief in der Hand zurück.
„Ein Brief für den Herrn Lieutenant,“ sagte er, indem er in dienstlicher Haltung das Billet dem jungen Mann überreichte.
Dieser nahm es mit gleichgültiger Miene, öffnete es, und ließ die Augen über den Inhalt gleiten. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, mit starrem Erstaunen, fast mit dem Ausdruck eines jähen Schreckens las er die wenigen Zeilen, langsam sank seine Hand mit dem Papier auf seinen Schooß herab, indem seine Augen fortwährend unbeweglich auf den Worten ruhten, die er so eben gelesen.
„Mein Gott,“ rief der alte Oberstlieutenant unruhig, „was ist das? Du hast doch keine böse Nachricht bekommen — doch nicht etwa eine Ehrensache?“
Mit gewaltiger Anstrengung suchte der junge Mann seine Fassung wieder zu gewinnen.
„Es ist Nichts,“ sagte er, das Papier zusammenfaltend und es in seine Uniform steckend, indem er mit einer gewissen Mühe die Worte hervorbrachte, „ein Bekannter ladet mich ein, mit ihm den Abend zu verbringen.“
„Aber Du bist doch so erschrocken,“ sagte der alte Herr forschend, „Du bist ja ganz roth geworden, Du zitterst.“
„Ich habe den ganzen Vormittag über Nichts gegessen,“ sagte der Lieutenant, „die warme Suppe und das Glas Rothwein haben mich ein wenig echauffirt, — es ist wirklich nichts, gar Nichts Unangenehmes. Es war ein leichter Schwindel, der bereits vorüber ist.“ —
Der alte Herr sah ihn ein wenig enttäuscht an.
Der Lieutenant, welcher bisher schweigend dagesessen hatte, begann mit einer etwas gewaltsamen Heiterkeit auf seine Erzählungen einzugehen, Erinnerungen anzuregen, von denen er wußte, daß sie seinem Vater lieb wären, so daß dieser bald den kleinen Vorfall vergaß und in äußerst zufriedener Stimmung noch eine zweite Flasche St. Julien bringen ließ, sehr vergnügt darüber, daß sein Sohn so lebendig wie lange nicht an seinen Gesprächen Theil nahm.
Als das Diner beendet, und das einfache Gedeck von dem Diener abgeräumt war, setzte sich der Oberstlieutenant in einen großen altmodischen Lehnstuhl, plauderte noch ein wenig, immer langsamer und langsamer sprechend mit seinem Sohn, deckte ein großes seidenes Tuch über seinen Kopf und versank in seinen gewohnten Nachmittagsschlaf, welcher heute tiefer war als sonst und ihm in freundlichen aber verworrenen Bildern die Zukunft seines Sohnes zeigte, wie dieser mit militairischen Würden und Auszeichnungen geschmückt den Namen derer von Büchenfeld zu immer höhern Ehren brachte.
Als der alte Herr eingeschlafen war, zog sich der Lieutenant in sein
kleines Zimmer zurück, setzte sich vor seinen großen Tisch von weißem
Holz, der mit Büchern, Plänen und Karten bedeckt war, zog das kleine
Billet aus seiner Uniform hervor und versenkte sich abermals in die
Lectüre desselben.
„Mein Gott,“ sagte er endlich mit tief bewegtem, fast schmerzlichem Ton, „mein Entschluß stand so fest, ich glaubte Alles überwunden, ich glaubte mit der Vergangenheit und all ihren süßen Lockungen abgeschlossen zu haben, — da dringt diese Botschaft zu mir, welche alle meine Entschlüsse wieder umwirft, welche mich von Neuem in Kampf, in Unruhe und Zweifel versenkt —
„Mein lieber Freund.“
Las er, die Augen starr auf das Papier gerichtet.
„Nach unserm letzten Gespräch glaube ich es mir und Ihnen schuldig zu sein, volle Klarheit zwischen uns zu schaffen. Die Verhältnisse machen eine Erklärung zwischen uns nothwendig. Ich muß Sie sehen und sprechen, — gehen Sie heute Nachmittag fünf Uhr in der Nähe unseres Hauses auf der Thiergartenpromenade auf und nieder. Ich werde Ihnen dort begegnen und Nichts wird uns verhindern, uns in hellem Tageslicht und vor den Augen aller Welt gegen einander auszusprechen.“
„Ein angefangenes Wort ist ausgestrichen,“ sagte er, immerfort sinnend das Papier betrachtend, — „ein einfaches A. ist die Unterschrift. — Ich habe niemals Anna's Handschrift gesehen,“ fuhr er fort, „aber es ist kein Zweifel, dieser Brief muß von ihr kommen. Was kann sie mir sagen wollen? Nach den Mittheilungen meines Vaters soll ihre Verbindung mit dem jungen Rantow so gut wie abgemacht sein — nach ihren letzten Worten freilich,“ sagte er, den Kopf in die Hand stützend, „mußte ich glauben, daß ihr Herz sich mir zuneigte. Sie wollte das Opfer meiner Liebe nicht annehmen, sie gab mir Hoffnung, — oh, eine so süße Hoffnung, welche ich mit so schwerer Ueberwindung aus meinem Herzen gerissen habe.
Wäre es möglich“ — ein Schimmer von Glück und Freude erleuchtete sein Gesicht, in einer unwillkürlichen Bewegung hob er das Papier empor, drückte seine Lippen auf die Schriftzüge, dann sprang er auf und ging in heftiger Erregung in seinem Zimmer auf und nieder. —
„Sei es, was es will,“ rief er, „es wäre unritterlich und feige, der Aufforderung einer Dame nicht zu folgen, einer Dame, der ich gesagt habe, daß ich sie liebe — und welche dieses Geständniß so gütig und freundlich aufgenommen, wie sie es gethan. —
Aber,“ fuhr er dann mit finsterm Ausdruck und dumpfer Stimme fort, „wenn sie mir sagen will, daß Alles zu Ende sei, wenn sie den Traum beenden will, von dem ich ihr voreilig und unvorsichtig vielleicht gesprochen?
Nun,“ fuhr er mit entschlossenem Ton nach einem langen Schweigen fort, „auch das wäre ein Zeichen, daß ich mich nicht in ihr getäuscht habe, ein Zeichen, daß sie meiner Liebe werth war, und daß sie es auch verdient, daß ich diese Liebe ihrer Ruhe und ihrem Glück opfere. Jedenfalls muß ich hingehen, soll es ein letzter Abschied sein, so wird ja nur das geschehen, wozu ich selbst fest entschlossen war, und dieser schöne Traum wird einen um so schönern Abschluß finden, und,“ sagte er leise mit weichem Blick, dessen Ausdruck zwischen Schmerz und Glück die Mitte hielt, „sollte der Kampf meiner Pflicht und meines Stolzes gegen meine Liebe sich erneuern — ich will und darf keinen Kampf scheuen! Das wäre ein Mißtrauen auf die eigene Kraft, — ich muß hingehen und werde stark genug sein, um Alles zu ertragen, was dieser verhängnißvolle Augenblick mir bringen kann.“
Er blickte auf seine Uhr.
„Noch über eine Stunde,“ sagte er, — „daß doch die Zeit oft so langsam vergeht, wenn man ihr Flügel wünscht und so rasch dahin schwindet, wenn man sie fesseln möchte.“
Er ergriff ein Buch und begann zu lesen, aber seine Gedanken waren nicht bei seiner Lectüre, in kurzen Zwischenräumen sah er nach der Uhr, deren Zeiger kaum vorzurücken schien; in zitternder Unruhe bewegte er sich hin und her; in schnellem Wechsel wurde sein Gesicht bald tief blaß, bald glühend roth; ein leichter Schweiß perlte an der Wurzel seiner Haare; und trotz aller Willenskraft, die er aufwendete, um ruhig zu bleiben, fand er sich nach Ablauf einer Stunde in jenem Zustand fieberhafter Aufregung, welchen der innere Kampf der Gefühle und Gedanken bei äußerer Unthätigkeit stets hervorruft und welcher bei kräftigen und nervösen Naturen immer eine Folge des Wartens ist, dieses unerträglichsten Zustandes unter allen Leiden, an denen das arme gequälte Menschenleben so reich ist.
Endlich war der Augenblick gekommen, er steckte den Degen ein, setzte die Mütze auf und verließ, ohne das Zimmer seines Vaters noch einmal zu betreten, das Haus.
* * * * *
Fräulein Anna hatte in nicht geringerer Unruhe und Aufregung den Tag verbracht. Es war ihr nicht schwer geworden, einen Vorwand zu finden um zu der Stunde, welche sie ihrem Geliebten angegeben, allein auszugehen. Sie war überhaupt gewohnt, stets ganz nach den Eingebungen ihres eigenen Willens zu handeln, welchen ihre Mutter aus überlegener Gleichgültigkeit, ihr Vater aus Zärtlichkeit selten ein Hinderniß in den Weg gelegt hatten.
Noch einmal hatte sie sich Alles überdacht, was sie dem jungen Manne sagen wollte. Ihr Herz schlug in ungeduldiger Sehnsucht dem Augenblick entgegen, in welchem sie ihn wiedersehen würden. Es war ja unmöglich, daß sein harter Sinn ihrer Liebe widerstehen könnte, da sie doch wußte, daß sein Herz ihr gehörte.
Mit bangem Zittern, aber mit einem glücklichen, hoffnungsvollen Lächeln auf den Lippen verließ sie kurze Zeit vor der festgesetzten Stunde ihre Wohnung und begann auf der Thiergartenpromenade vor dem Hause ihrer Eltern auf- und abzugehen, wie sie es öfter um diese Zeit zu thun pflegte um frische Luft zu schöpfen.
Unruhig forschend tauchte sich ihr Blick in die Ferne, aber unter all den alten Damen mit kleinen Hündchen in zierlichen blauen oder rothen Mänteln, unter all den Herren, welche in dem regelmäßig abgemessenen Spaziergang Erholung für die im Staub der Bureaus aller Arten verbrachten Morgenstunden suchten, entdeckte sie Denjenigen nicht, dem ihr Herz entgegenflog.
Langsam, in tiefe Gedanken versunken, schritt sie weiter.
„Guten Tag, Fräulein Anna,“ ertönte plötzlich eine Stimme unmittelbar neben ihr, und rasch aufblickend sah sie den Referendarius von Rantow, welcher sein Lorgnon vor den Augen, den Hut abnahm und sie zwar mit einer tiefen und artigen Verbeugung, aber doch mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten begrüßte, welche sie um so unangenehmer berührte, als ihr diese Begegnung gerade im gegenwärtigen Augenblick ungemein unerwünscht war.
Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen
Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.
Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.
„Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich gesucht, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „in denen ich Ihnen sonst zu begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und Leiden keinen Platz finden,“ fügte er mit höflich gleichgültigem Ton hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt des jungen Mädchen hinglitt.
„Ich danke, Herr von Rantow,“ sagte Anna mit dem Ton einer gewissen Verlegenheit, „ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös verstimmt, — deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um einsam meinen Gedanken nachzuhängen.“
„Das sollten Sie nicht thun,“ erwiderte Herr von Rantow, ohne den ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. „Die Einsamkeit ist kein Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu sein.“
„Sie sind zu gütig,“ erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, „Jeder muß am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut, und für mich ist ein einsamer Spaziergang in der freien Luft,“ fügte sie mit noch schärferer Betonung hinzu, „das beste Heilmittel.“
„Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten,“ erwiderte Herr von Rantow mit einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee hinabsah, „meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein sein zu wollen —“
„Mein voller Ernst,“ rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr
Gesicht überflog, — sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von
Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle
sie ihm entgegen eilen.
Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung ihres Blickes.
„Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch ein Einsamer,“ fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen hinzu. „Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben.“
Anna hörte nicht, was er sprach, ihre Blicke waren unverwandt auf den
jungen Officier gerichtet. Peinliche Verlegenheit malte sich in ihren
Zügen, unschlüssig hielt sie ihre Schritte an, so daß sie fast neben
Herrn von Rantow stehen blieb.
Der Lieutenant von Büchenfeld hatte bei ihrem Anblick zunächst in freudiger Bewegung einen Schritt vorwärts gemacht, dann bemerkte er den jungen Herrn von Rantow, welcher in anscheinend vertraulichem Gespräch neben Fräulein Anna herging.
Eine tiefe Blässe bedeckte plötzlich seine Züge, seine Augen öffneten sich weit und blickten starr auf das Paar hin, welches vor ihm stehen blieb, — ein bitteres höhnisches Lächeln verzog seine fest verschlossenen Lippen zu fast krampfhafter Entstellung, ein tiefer Athemzug hob seine Brust, schnell wandte er sich seitwärts, und mit raschen Schritten ging er an den beiden jungen Leuten vorbei, mit kalter Höflichkeit Fräulein Cohnheim militairisch grüßend.
Das junge Mädchen zitterte in heftiger Bewegung, ihre Augen richteten sich mit magnetischem Glanz auf den schnell vorüberschreitenden jungen Officier; ein tiefer Seufzer, fast wie ein leiser angstvoller Schrei, rang sich aus ihrem Munde hervor, sie machte eine Bewegung, als wolle sie die Hände ausstrecken.
„Um Gottes Willen Herr von Büchenfeld!“ rief sie.
Aber ihre Stimme war von tiefer, innerer Erregung so zusammengepreßt, daß ihre Worte kaum vernehmbar nur zu dem Ohr des unmittelbar neben ihr stehenden Herrn von Rantow drangen. Im höflichen Diensteifer wandte sich dieser um.
„Büchenfeld!“ rief er, „so höre doch, — wie unhöflich, so vorbei zu laufen, — Fräulein Cohnheim ruft Dich.“
Er hatte den jungen Officier eingeholt, legte die Hand auf seinen Arm und zwang ihn, still zu stehen. Mit starrem Blick, immer jenes höhnische, bittere Lächeln auf den Lippen, kehrte er, von Herrn von Rantow geführt, zu dem jungen Mädchen zurück, das ihn zitternd erwartete.
„Ich habe Sie so lange nicht gesehen, Herr von Büchenfeld,“ stammelte sie mit unsicherm Ton, „ich wollte Ihnen sagen, — daß —“ sie blickte auf Herrn von Rantow, der mit einem artigen Lächeln auf den Lippen neben ihr stand, und dann schlug sie die Augen nieder, — sie schien nach Worten zu suchen, zornig biß sie ihre glänzenden Zähne auf die Lippen und trat heftig mit dem Fuß auf den Boden.
„Es ist sehr freundlich, daß Sie sich meiner erinnern,“ sagte der
Lieutenant von Büchenfeld mit kalter, schneidender Höflichkeit. „Ich
bin unendlich erfreut, Ihnen hier begegnet zu sein, zu meinem tiefen
Bedauern muß ich aber um Verzeihung bitten, daß ich mich keinen
Augenblick aufhalten kann, — der unerbittliche Dienst ruft mich.“
Er grüßte militairisch, neigte leicht den Kopf gegen Herrn von Rantow, und eilte dann mit schnellen Schritten davon.
Anna athmete tief auf, sie machte eine Bewegung, als wolle sie ihm nacheilen, doch das wäre vergeblich gewesen, er entfernte sich in immer schnellerem Gang, sie — sah ihm mit brennendem Blick nach.
Ein Zug tiefer schmerzlicher Trauer erschien auf ihrem Gesicht.
„Ich begreife nicht,“ sagte Herr von Rantow, „was er haben kann, er sah ja ganz verstört aus. Sollte er dienstliche Unannehmlichkeiten gehabt haben?“
Fräulein Anna sah ihn mit zornfunkelnden Augen an, in ihren Wimpern zeigte sich ein feuchter Thränenschimmer.
„Ich bedaure sehr, Herr von Rantow,“ sagte sie mit kaltem Ton, „daß ich nicht länger das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben kann, die Luft greift mich an, ich will nach Hause zurückkehren.“
Bevor der junge Mann antworten konnte, hatte sie sich mit einem leichten Gruß abgewendet und schritt schnell dem Hause ihrer Eltern zu.
„Wir gehen denselben Weg,“ sagte er ganz erstaunt, „ich will so eben zu meinen Eltern.“
Aber bereits war sie weit entfernt, ohne seine Worte zu hören. Erstaunt blickte er ihr nach.
„Was geht denn da vor!“ sprach er kopfschüttelnd vor sich hin. „Sollte da eine ernste Herzensangelegenheit spielen, — das würde mir nicht zu meinen Absichten passen, ich kann kaum eine bessere Partie finden, das Alles fügt sich so vortrefflich, — nun, ich glaube kaum, daß es ein ernstes Hinderniß sein wird,“ sagte er dann, sich leicht den Schnurrbart streichend, „dieser Büchenfeld mit seinen altfränkischen Anschauungen wird kaum an eine ernste Bewerbung denken, und der alte Cohnheim wird auch wenig Lust haben, sein einziges Kind einem Officier zu geben, der Nichts weiter besitzt als seinen Degen.“
Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen Parterre seine Eltern bewohnten.
Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken beschäftigt.
„Das also ist es gewesen,“ flüsterte er, „sie hat mir zeigen wollen, daß Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen, aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt. Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen, der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte. —
„Das Glück?“ sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug, — „kann es ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag, — und sie hätte es ja nicht nöthig gehabt,“ sprach er, grimmig die Lippen auf einander pressend, „sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt.“
Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.
„Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß,“ rief ein junger Dragonerofficier.
„Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute Hohensteins Geburtstag,“ sagte er, auf einen Husarenofficier deutend, „wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll. Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer, — aber wo man den Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und nüchtern bleiben.“
Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die
Andern folgten.
„Es ist wahr,“ rief Büchenfeld flammenden Blickes, „ich habe zu viel gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,“ sagte er leise vor sich hin, — „wie die Alten mit dem Wasser des Flusses der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele fortspülten!“
Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die
Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von
Borchard in der Französischen Straße.
Der alte Kellner mit dem kränklichen, klug blickenden Gesicht, welcher so genau seine Gäste zu classificiren verstand und den Geschmack und die Gewohnheiten eines Jeden stets scharf im Gedächtniß behielt, brachte die dickbäuchigen Flaschen in den eisgefüllten Kühlern. Die Pfropfen wurden entfernt, und das edle, dunkelrothe Getränk mit dem weißen Schaum ergoß sich in die zierlichen Krystallkelche.
Der Lieutenant von Büchenfeld, welcher ernst und mit finsterm Schweigen sich der Gesellschaft der Uebrigen angeschlossen hatte, stürzte ein Glas des purpurnen Getränkes nach dem andern hinunter, — eine wilde Heiterkeit schien sich seiner zu bemächtigen, seine Augen flammten, seine Wangen glühten, ganz seiner sonstigen Gewohnheit entgegen begann er mit sprühendem Witz an der Unterhaltung Theil zu nehmen.
Aber dieser Witz war nicht wohlthuend, belebend und erheiternd, — er war scharf, schneidend, Alles in den Staub herabziehend, was dem ernsten Sinn des jungen Mannes sonst unantastbar gewesen war.
Seine Freunde sahen sich ganz erstaunt an.
„Büchenfeld muß etwas sehr Glückliches passirt sein,“ sagte der
Dragonerofficier, „so habe ich ihn noch nie gesehen.“
„Oder,“ sagte der Husar lachend, „er steht im Begriff, sich todtzuschießen. Das ist ja der reine Galgenhumor, der aus ihm spricht.“
„Weder das Eine noch das Andere,“ meinte ein Dritter, „es ist einfach dieser ausgezeichnete Rebensaft von Burgund, der unsern stillen Freund so gesprächig macht.“
„Oder sollte er etwa verliebt sein,“ sagte der Dragoner, „das wäre ja das Allermerkwürdigste, das man erleben könnte, — er, der bis jetzt gar keine Augen für ein weibliches Wesen zu haben schien und nur seinen Studien gelebt hat.“
„Ja, ja,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld laut lachend, „Du hast es getroffen, ich bin verliebt. Das ist doch wahrlich werth,“ sagte er, ein neues Glas herunterstürzend, „aus seiner gewohnten Ruhe herauszutreten. Nein, nein,“ fuhr er dann mit schneidendem Hohn fort, „wenn ich verliebt wäre, dann wäre mir doch wirklich besser, daß ich mich auf ein Pulverfaß setzte und in die Luft sprengte. Denn was ist die Liebe?“ sagte er plötzlich düster; — „die unwürdige Fessel, welche den Willen, den Muth und die Kraft eines Mannes an die flüchtige Laune einer Frau kettet und den hohen Flug edler Seelen herabzieht in den Staub und sie zum Spott Derer werden läßt, die sie nicht begreifen können!“
Immer lauter, immer lustiger wurde die Unterhaltung; immer höher glühten die Wangen des Herrn von Büchenfeld, und bereits begannen seine Freunde mit einiger Besorgniß zuzusehen, wie er fortwährend sein Glas füllte, um es augenblicklich wieder zu leeren.
Es war dunkel geworden, die Gasflammen waren angezündet. Einige einzelne Herren hatten an kleinen Tischen in dem vordern Theil des Zimmers Platz genommen, in dessen Hintergrunde die jungen Officiere sich befanden.
Der Referendar von Rantow trat herein, ließ durch sein Lorgnon den Blick durch das große Zimmer gleiten und näherte sich dann der Gruppe der Officiere, die ihm sämmtlich bekannt waren. Er wurde von Allen freundlich begrüßt, rasch reichte man ihm einen gefüllten Kelch und stellte einen Sessel für ihn in den Kreis der Uebrigen.
Der Lieutenant von Büchenfeld war in die Ecke eines Divans zurückgesunken, sein etwas starrer Blick ruhte mit unbeschreiblichem Ausdruck auf dem Baron von Rantow, ein verächtliches Lächeln zuckte um seine Lippen.
„Sieh da, Büchenfeld,“ sagte der Referendarius, ihm freundlich zunickend, „ist Deine Dienstzeit zu Ende? Du warst vorhin ja so wild und unzugänglich nicht nur gegen mich, sondern auch gegen eine Dame, die Dich rief und gern mit Dir sprechen wollte, — das war nicht höflich.“
„Ihm muß überhaupt etwas ganz Außerordentliches passirt sein,“ sagte der Husarenofficier, — „er ist heute in einer Laune, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Sehr amüsant freilich, aber ich möchte ihn so nicht in fremde Gesellschaft gehen lassen, sonst könnte wohl morgen Einer von uns das Vergnügen haben, ihm zu secundiren.“
Herr von Büchenfeld warf dem Sprechenden einen flüchtigen Blick zu, stürzte abermals ein Glas hinunter und sagte mit etwas unsicherer Stimme:
„Das würde nicht zu besorgen sein, — ich bin im Gegentheil in sehr friedlicher Stimmung, — sehr friedlich — und sehr vergnügt. — Du hast Recht, mir ist etwas sehr Gutes, ein großes Glück widerfahren, ich bin einer großen Gefahr entronnen, — ich stand im Begriff einen tiefen Fall zu thun, — einen tiefen, tiefen Fall,“ sagte er mit dumpfem, allmälig immer leiser und leiser verklingendem Ton; — dann sank sein Haupt auf die Brust nieder, er schwieg und schien nun in Gedanken seinen Satz zu beenden.
Die Officiere wechselten bedeutungsvolle Blicke unter einander.
„Ich fürchtete schon,“ sagte Herr von Rantow lächelnd, „daß Du mir böse sein würdest, und daß ich die Ursache Deines schnellen Fortlaufens gewesen sei. Ich habe neulich schon so Etwas bemerkt, — sollten wir Nebenbuhler sein? Das wäre nicht hübsch,“ fügte er hinzu, „gute Freunde müssen sich über so Etwas verständigen.“
„Nebenbuhler?“ riefen die Officiere neugierig, — „so haben wir doch
Recht, so ist er doch verliebt. Es mußte ja auch etwas ganz
Außerordentliches sein, was ihn so verändern konnte.“
Herr von Büchenfeld richtete langsam den Kopf empor, seine müden geschlossenen Augen öffneten sich weit und blickten mit sonderbarem Ausdruck im Kreise umher.
„Nebenbuhler,“ rief er dann mit lautem Lachen, sich zu Herrn von Rantow wendend, „wären wir jemals Nebenbuhler gewesen, jetzt kannst Du ganz ruhig sein, ich trete Dir wahrhaftig nicht in den Weg. Ich schätze dieses kindische Gefühl, das man die Liebe nennt, nach ihrem wahren Werth; und ihr Werth ist sehr gering,“ fügte er achselzuckend hinzu, — „über Dergleichen dürfen sich Männer nicht entzweien. Wahrlich,“ fuhr er mit einer Stimme fort, die bald hoch anschwoll, die bald wieder zu leisem Ton herabsank, „stände hier eine Roulette zwischen uns, ich würde kaum einen Louisd'or gegen alle Liebeshoffnungen und Liebesansprüche der Welt setzen.“
„Das ist ein guter Gedanke,“ rief der Dragonerofficier, der ebenso wie die ganze Gesellschaft sich bereits unter dem Einfluß der Wirkung des feurigen Weines befand, „ein guter Gedanke, wenn Ihr Nebenbuhler seid, setzt Eure Chancen gegen einander. Das ist ein viel besserer Weg, zur Klarheit zu kommen, als sich die Hälse zu brechen. Eine Roulette ist nicht hier, spielt eine Partie Ecarté um Eure Schöne —“
„Vortrefflich, vortrefflich!“ riefen die Andern jubelnd, — „ein ausgezeichneter Gedanke!“
„Unglück im Spiel, Glück in der Liebe!“ rief der Husarenofficier.
„Wer das Spiel gewinnt, muß seine Liebesansprüche aufgeben —“
„Warum nicht,“ rief Herr von Büchenfeld, dessen Blicke sich immer verschleierten, „gebt die Karten her!“
Herr von Rantow schien ein wenig verlegen zu sein, er wollte einige
Bemerkungen machen, die Uebrigen ließen ihn nicht zu Worte kommen.
Bereits hatte Einer von ihnen zwei Spiele Ecartékarten gebracht, man räumte eine Ecke des Tisches vor Herrn von Büchenfeld leer und zog Herrn von Rantow zu dem jungen Officier hin.
„Ich setze hundert Louisd'or,“ sagte dieser, indem er den Blick forschend auf Herrn von Büchenfeld richtete, wie es schien in der Hoffnung, durch diesen hohen Einsatz den jungen Mann zum Nachdenken zu bringen.
„Ich nehme an,“ sagte dieser, starr vor sich hinblickend, und schnell leerte er noch ein Glas.
„Wer gewinnt,“ rief der Dragonerofficier, „zahlt also hundert Louisd'or und hat das alleinige Recht der Dame, um die es sich handelt, die Cour zu machen. Der Andere darf auf sein Ehrenwort nie wieder mit ihr sprechen.“
Fragend blickte Herr von Rantow, welcher die Karten noch immer nicht ergriffen hatte, auf Herrn von Büchenfeld.
„Angenommen,“ sagte Dieser, griff mit einer etwas unsicheren Bewegung nach dem Spiel und hob ab.
„Drei,“ sagte Herr von Rantow, — dann coupirte und zeigte ein Aß.
„Du giebst,“ sagte der Lieutenant immer in demselben dumpfen Ton.
Das Spiel begann. In rascher Folge legte Herr von Rantow mehrere Male den König auf, und nach wenigen Abzügen hatte er die Partie gewonnen.
Höhnisch lachte Herr von Büchenfeld laut auf.
„Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen!“ rief er, die Karten durcheinander werfend, — „ich gratulire Dir!“ — er sank auf seinen Stuhl zurück, sein Haupt fiel müde auf die Brust nieder.
Herr von Rantow zuckte zusammen.
Trotz der mehr als heiteren Stimmung, die in dem ganzen Kreise herrschte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Officiere sahen sich mit verlegenen Blicken an.
„Ich habe gewonnen, nach der Verabredung muß ich den Einsatz bezahlen,“ sagte Herr von Rantow mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er dieser peinlichen Scene so schnell als möglich ein Ende machen wollte.
Er zog einige Goldstücke aus seinem Portemonnaie, fügte aus seinem
Portefeuille einige Bankbillets dazu, legte das Geld vor Herrn von
Büchenfeld auf den Tisch und erhob sich.
Der Lieutenant von Büchenfeld richtete den Kopf auf, streckte die Hand aus und streute das Geld auf dem Tisch umher.
„Der Einsatz ist zu hoch,“ sagte er mit rauher Stimme in abgebrochenen Worten, „Du bist betrogen, der Gegenstand ist so hohen Spiels nicht werth, ich kann das nicht annehmen.“
Und abermals sank er in seinen Stuhl zurück, seine Augen schlossen sich, sein Haupt fiel matt gegen die Lehne.
Rasch wurde an einem der Seitentische ein Stuhl zurückgeschoben. Einer der dort sitzenden Herren erhob sich, ergriff seinen Hut und rief den Kellner. Herr von Rantow blickte hin und erkannte den Commerzienrath, der Alles mit angehört hatte.
„Wie peinlich, wie unangenehm,“ sagte er, während die ernst gewordenen
Officiere schweigend um ihn her standen.
„Meine Herren,“ fuhr er fort, „ich glaube nicht, daß es möglich ist, mit Herrn von Büchenfeld heute noch ein Wort zu sprechen. Sie werden ihm einen großen Dienst leisten, wenn Sie dafür sorgen, daß er so bald wie möglich nach Hause zurückkehrt. Leben Sie wohl, morgen wollen wir weiter darüber reden.“
Und schnell ging er dem Commerzienrath nach, welcher bereits seine
Rechnung bezahlt und das Zimmer verlassen hatte.
Die heitere und übermüthige Weinlaune der Officiere war verschwunden, sie Alle fühlten, daß hier etwas Ernstes sich vollzogen habe, das schwere Folgen nach sich ziehen müsse.
Sie brachen auf, der Lieutenant von Büchenfeld ließ sich ruhig und ohne weiter ein Wort zu sprechen nach einer herbeigeholten Droschke führen. Zwei seiner Kameraden begleiteten ihn nach Hause und erzählten dem alten Oberstlieutenant, daß sein Sohn in einer kleinen Gesellschaft ein wenig von der allgemeinen Heiterkeit mit fortgerissen sei.
Der alte Herr lächelte ganz vergnügt darüber und freute sich im Stillen, daß die jugendliche Lebenslust bei seinem Sohne einmal den Sieg über seine Neigung zu einsamem Grübeln davon getragen habe.
Fünftes Capitel.
Fräulein Anna war in einem Sturm widersprechender Gefühle nach Hause zurückgekehrt, sie hatte in das Verhältniß zu ihrem Geliebten Licht und Klarheit bringen wollen, statt dessen war durch ein unglückseliges und verhängnißvolles Zusammentreffen der Umstände eine neue und noch größere Verwirrung entstanden.
Unmuthig warf sie ihren Hut von sich und riß hastig die Handschuhe von den zitternden Händen.
„Welch ein unglückseliges Zusammentreffen,“ rief sie heftig, „ich hätte daran denken sollen. Aber wie ist es möglich, daß er mich nicht einmal anhören wollte. Einige Worte hätten Alles aufgeklärt. Es ist ja schon ganz widersinnig, daß er von einer so eifersüchtigen Leidenschaft erfaßt werden kann, nachdem ich ihm gestern geschrieben.“
Sie warf sich auf ihren Divan und blickte in rathloser Unschlüssigkeit zu der Decke des Zimmers empor. Sie zürnte sich selbst, sie zürnte ihrem Geliebten, der so hart und rücksichtslos ihr jede Erklärung abgeschnitten hatte, vor Allem aber zürnte sie dem Herrn von Rantow, welcher so unberufen und störend in ihre Combinationen eingegriffen hatte.
„Es ist unerhört,“ rief sie, „wenn er mir zutrauen kann, daß ich mit dem jungen Baron in irgend welchen Beziehungen stände — aber,“ fuhr sie fort, „sein Charakter ist so mißtrauisch, er ist so geneigt, Alles schwarz zu sehen. Es ist unmöglich, eine andere Erklärung für sein Benehmen zu finden. Was soll ich thun? — Ihm noch einmal schreiben? — Er würde mir nicht glauben! Er würde nicht noch einmal zu mir kommen, nachdem er im Stande gewesen, trotz meiner Bitte, trotz der Bekümmerniß und der Unruhe, die er in meinen Blicken hat lesen müssen, mir das Gehör zu versagen!
Er ist hart wie Stein,“ rief sie, in heftiger Erregung die Bandschleifen ihres Kleides zerknitternd, „aber gerade darum liebe ich ihn! Er ist nicht wie all' die andern jungen Herren, die weich und elastisch wie Gummi sich hin und her ziehen lassen; hinter dieser harten Schale liegt ein edler und weicher Kern. Aber wie zu ihm gelangen? Wie den Weg finden zu diesem mit siebenfachem Erz umgürteten Herzen?“
Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf
Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen.
„Es giebt nur einen Weg,“ rief sie endlich mit festem entschlossenen Ton, „Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater sprechen. Er kann,“ fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, „meinen ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen, diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen tragen sollte.“
Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.
Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu ersteigen.
Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an, an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt, die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen.
Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat. Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin.
Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger Besorgniß beimischte:
„Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie zu widmen — oder,“ fuhr sie fort, „hast Du so peinliche und unangenehme Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?“
„Es ist unerhört,“ sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, „es ist eine sehr unangenehme Geschichte, — es waren noch verschiedene Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?“
„Aber ich bitte Dich,“ sagte die Commerzienräthin, welche jetzt ernstlich beunruhigt zu sein schien, „so sage uns doch endlich, was Dich so aufregt — wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet? Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend treffen?“
„Haus und Geschäft,“ rief der Commerzienrath achselzuckend, indem er noch immer unruhig und hastig auf- und niederschritt, „das kommt nicht in Betracht — aber meine gesellschaftliche Stellung, der Name meiner Tochter — was wird man dazu sagen? Wie werden alle meine Feinde mich verhöhnen!“
Jetzt wurde auch Fräulein Anna aufmerksam.
„Du hast von mir gesprochen, lieber Papa,“ sagte sie. „Ich bitte Dich, was giebt es — so erzähle uns doch.“
„Ich muß Dich jetzt sehr ernstlich bitten,“ sagte die Commerzienräthin im strengen Ton, „uns mitzutheilen, was Dich so sehr in Unruhe versetzt, denn nach Deinen letzten Worten geht es mich doch ebenso sehr an als Dich, ja vielleicht mehr, denn unsere gesellschaftliche Stellung aufrecht zu erhalten,“ sagte sie, den Kopf erhebend, „und über den Ruf meiner Tochter zu wachen, das ist doch vorzugsweise meine Aufgabe.“
„Was es giebt,“ rief der Commerzienrath, indem er an den Theetisch herantrat, — „etwas sehr Unangenehmes, etwas sehr Böses, meine Tochter ist beleidigt, — öffentlich beleidigt, verhöhnt im Restaurationszimmer bei Borchard vor einer Menge von Officieren, vor verschiedenen unbekannten Herren, welche die Geschichte natürlich so schnell als möglich weiter tragen werden. Wie werden alle meine Feinde triumphiren, welche mich schon so lange beneidet haben und gewiß so sehnlich wünschen, endlich einmal Gelegenheit zu finden, um sich an mir rächen zu können.“
„Was ist geschehen,“ fragte jetzt auch Fräulein Anna ernst und dringend, „wer hat mich beleidigt und wie? Ich muß es wissen.“
„Wer?“ sagte der Commerzienrath, „Du wirst ihn kaum kennen, ein ganz unbedeutender, junger Officier von irgend einem Linienregiment, dem ich die Ehre erwiesen habe, ihn in mein Haus einzuladen, eigentlich nur, weil ich ihn bei meinem Freunde, dem Baron von Rantow, einmal begegnete, ein kleiner Lieutenant von Büchenfeld.“
Anna wurde bleich wie der Tod, ihre großen Augen starrten mit entsetztem
Ausdruck auf ihren Vater. Sie stützte die Hand auf den Tisch, ihre ganze
Gestalt schwankte unsicher hin und her.
„Lieutenant von Büchenfeld,“ sprach sie leise mit fast tonloser Stimme, während ihre Mutter einen schnellen forschenden Blick auf sie warf, indem ein leichtes höhnisches Lächeln um ihren hochmüthig aufgeworfenen Mund zuckte.
„Er war,“ sprach der Commerzienrath eifrig, — „Du mußt es ja doch wissen, damit Du danach Dein Benehmen einrichten kannst, — er war in Gesellschaft mehrerer Officiere und schien mir schon, als ich in das Zimmer trat und von Jenen unbemerkt in der Nähe an einem Tische Platz nahm, um eine kleine Erfrischung zu mir zu nehmen, sehr aufgeregt, — die Herren mochten wohl schon lange bei einander gesessen und viel getrunken haben. Der junge Herr von Rantow kam ebenfalls zu ihnen, und es fielen zwischen ihm und Herrn von Büchenfeld einige anzügliche Redensarten von Nebenbuhlerschaft, von einer Dame und so weiter, auf die ich nicht besonders Acht gab. Der Lieutenant von Büchenfeld machte einige sehr wegwerfende Bemerkungen über die fragliche Dame und sagte, er würde ihre Liebe im Ecarté gegen einen Louisd'or versetzen. Die heitere Gesellschaft griff diesen Gedanken auf, man brachte Karten, Herr von Rantow, der ein vortrefflicher Cavalier ist, gab sich die größte Mühe, das Spiel zu verhindern und schien nur darauf einzugehen, um in der sehr erregten Gesellschaft nicht noch größeren Eclat herbeizuführen. Herr von Büchenfeld, welcher kaum noch seiner Sinne mächtig schien, verspielte das Recht seiner Bewerbung um die fragliche Dame gegen hundert Louisd'or, — ich ahnte noch immer nichts Böses, — dann warf er die Karten mit den lauten Worten hin: — Du hast das schöne Fräulein Cohnheim gewonnen, ich wünsche Dir Glück dazu, aber der Einsatz ist zu hoch, ich kann ihn nicht annehmen. — Ich war wie vom Schlage getroffen, ich wußte kaum, was ich sagen und was ich thun sollte, nur mit Mühe behielt ich die Fassung, um mit einigem Anstand das Zimmer zu verlassen.“
Anna schwankte wie gebrochen zu einem Sessel und sank auf denselben nieder, das Gesicht mit den Händen bedeckend und krampfhaft schluchzend. Der Commerzienrath eilte zu ihr hin und streichelte mit besorgter Miene ihr schönes glänzendes Haar.
„Ja, es ist schrecklich, mein armes Kind, so ganz unschuldig beleidigt und gekränkt zu werden. Aber tröste Dich, rege Dich nicht zu sehr auf. Verschweigen konnte ich es ihr ja doch nicht,“ sagte er, zu seiner Frau gewendet, „sie mußte es ja doch erfahren.“
„Das kommt davon,“ sagte die Commerzienräthin, indem sie mit kaltem strengem Blick zu ihrer Tochter hinübersah, „wenn man nicht vorsichtig in der Auswahl der Personen ist, die man in seiner Gesellschaft zuläßt, — der Lieutenant von Büchenfeld, glaube ich, war der junge, mir unbekannte Officier, mit welchem Du neulich den Cotillon tanztest, den Du Herrn von Rantow abgeschlagen hattest, das kommt davon; solche Leute setzen sich dann Dinge in den Kopf, fassen Hoffnungen, und da ihnen der Takt der vornehmen Gesellschaft mangelt, so begehen sie schließlich irgend eine Niedrigkeit zum Dank für Wohlwollen und Freundlichkeit.“
„O, wie wäre es möglich gewesen,“ rief Fräulein Anna, ohne die Worte ihrer Mutter zu beachten und nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, „wie wäre es möglich gewesen, so Etwas zu denken, an eine solche Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit zu glauben, — und das, nachdem —“ sie bedeckte abermals das Gesicht mit den Händen und sank still weinend in sich zusammen.
„Nun, mein Kind,“ sagte der alte Commerzienrath, den die heftige Erregung seiner Tochter tief zu beunruhigen begann, „so übermäßig ernsthaft muß man die Sache auch nicht nehmen. Es läßt sich immer noch ein Weg finden, das Alles auszugleichen, und vielleicht ein sehr guter, ein sehr ehrenvoller Weg. Ich bin,“ fuhr er fort, „mit dem Herrn von Rantow nach Hause gegangen, welcher mir gleich nachfolgte, als ich das Lokal verlassen hatte. Wir haben ein sehr ernstes Gespräch mit einander geführt, das sich auf den Fall bezog, und das ich Dir eigentlich erst morgen mittheilen wollte,“ sprach er weiter, — „indeß, da ich mich nun einmal habe hinreißen lassen, die ganze Sache zu erzählen, so ist es besser, wenn wir darüber auch heute gleich sprechen.“
Fräulein Anna blickte erwartungsvoll ihren Vater an, der einige Male rasch im Zimmer auf- und niederging; dann vor einem Tische stehen bleibend und mit einem schnellen Seitenblicke auf seine Frau, welche sich in einen Lehnstuhl gesetzt hatte und grade aufgerichtet, mit strenger Miene die weitere Entwickelung dieser Scene erwartete, begann er, eine gewisse würdevolle Wichtigkeit in seinen Ton legend:
„Der junge Herr von Rantow, der ein ganz vortrefflicher Cavalier ist, und der ganz genau weiß, was in der großen Welt und in der feinsten Gesellschaft sich schickt und paßt —“
„Besser als andere Leute,“ fiel die Commerzienräthin ein, „welche sich in die Gesellschaft eindrängen, und welche man nie hätte aufnehmen sollen —“
„Der Herr von Rantow,“ fuhr der Commerzienrath fort, indem er die Brust hervorstreckte und versuchte, durch einen imponirenden Blick die Zwischenreden seiner Frau abzuschneiden, „hat mir gesagt, wie leid es ihm thäte, daß diese Scene stattgefunden habe, — er habe alles Mögliche gethan, um sie zu vermeiden, und habe es schließlich für das Beste gehalten, auf den Scherz der aufgeregten Gesellschaft einzugehen, um so schnell als möglich von der ganzen Sache abzukommen. Er habe natürlich nicht im Entferntesten ahnen können, daß der Herr von Büchenfeld in so unglaublicher Weise den Namen einer Dame unter solchen Umgebungen und solchen Verhältnissen nennen würde. Nachdem das vorgefallen, hat er mir gesagt,“ fuhr der Commerzienrath mit etwas gedämpfter Stimme fort, „werde ihm Nichts übrig bleiben können, als für die Ehre der Dame, die in seiner Gegenwart und in Beziehungen auf ihn so unerhört beleidigt sei, persönlich einzutreten.“
Die Commerzienräthin lehnte sich steif zurück, indem ein befriedigtes
Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
Anna richtete flammenden Blickes den Kopf empor.
„Warum bedarf es eines fremden Armes, um uns zu vertheidigen, — oh,“ fuhr sie fort, indem ihre Lippen bebten und ihre Hände sich krampfhaft verschlangen, „warum ist man wehrlos gegen solche Niedrigkeit und Erbärmlichkeit?“
„Du bist nicht wehrlos, mein Kind,“ sagte der Commerzienrath, indem er zu ihr herantrat und ihr leicht mit der Hand über den Kopf strich, „der junge Herr von Rantow wird morgen schon, wenn dieser Lieutenant von Büchenfeld wieder für vernünftige Worte zugänglich ist, ihn zu einer öffentlichen und bestimmten Ehrenerklärung auffordern, und, wenn er sich weigert, so wird er ihn zwingen,“ sagte er mit stolzem und wichtigem Ausdruck, „ihm mit den Waffen in der Hand Rechenschaft zu geben.“
„Damit er womöglich noch verwundet oder erschossen wird,“ rief Fräulein Anna, verächtlich die Achseln zuckend, „und ich noch mehr der Gegenstand des öffentlichen Gespräches und des öffentlichen Spottes werde.“
„Des Spottes niemals, mein Kind,“ sagte die Commerzienräthin mit einem ruhigen kalten Ton, „wenn ein Cavalier wie Herr von Rantow zu Deiner Vertheidigung auftritt, so wird es Niemand wagen, Dich zu verspotten.“
„Nun,“ rief Anna, „mag es sein, wie es will, ich bin Herrn von Rantow dankbar, daß er mich in Schutz nimmt gegen diese elende, niedrige Beleidigung, ich bin, weiß Gott, unschuldig an dem, was daraus entstehen kann.“
„Herr von Rantow hat sich benommen als ein ganz vortrefflicher junger Mann von der besten Erziehung und dem feinsten Gefühl. Er hat mir weiter gesagt, daß es für eine junge Dame immer peinlich sei und unangenehm, wenn zwei Herren ihretwegen eine Ehrensache miteinander hätten, und wenn sie namentlich von Jemand vertheidigt werden müßte, der in keinen weiteren Beziehungen zu ihr stände — das brächte sie immer in eine schiefe Stellung dem Publikum gegenüber und gebe Anlaß zu allen möglichen Voraussetzungen und Gesprächen. Er habe nun, — hat er mir weiter gesagt, — schon seit längerer Zeit den Wunsch in sich getragen, in nähere Beziehung mit meiner Familie zu treten, nachdem sein Vater mit mir so nahe geschäftliche Verbindungen eingegangen sei und unsere Interessen auf Jahre hinaus sich verbunden hätten. Er habe Dir, mein Kind, aber erst Gelegenheit geben wollen, ihn genauer kennen zu lernen, bevor er es habe wagen wollen, bei mir um Deine Hand anzuhalten. Dieses zufällige und plötzliche, so unangenehme Ereigniß aber mache ihm den Muth und lege ihm fast die Pflicht auf, jetzt mit seinen Wünschen hervorzutreten. Man werde über die Sache viel sprechen und wenn er zu einem Rencontre mit Herrn von Büchenfeld gezwungen werden sollte, so werde die Welt seinen Namen ohnehin mit dem Deinigen in Verbindung bringen. Wenn Du deshalb nach Deiner kurzen Bekanntschaft mit ihm Dich entschließen könntest, ihm Dein Leben und Deine Zukunft anzuvertrauen, so glaubt er, daß Alles sich besser gestalten und allen peinlichen Erörterungen die Spitze abgebrochen werden könne, da er dann auch vollkommen berufen und berechtigt sei, für Dich gegen Deinen Beleidiger aufzutreten.“
„Der junge Mann,“ sagte die Commerzienräthin, „hat wirklich ein feines und richtiges Gefühl, und ich theile ganz seine Ansicht, daß unter diesen Verhältnissen eine schnelle Erledigung einer Sache, die uns ja nicht ganz unerwartet kommt, am besten sei.“
„Das ist ja ganz wie in alten Ritterromanen,“ sagte Anna mit schneidendem Hohn, „der Baron von Rantow will sich seine Dame mit dem Degen in der Hand erobern — aber“ fuhr sie fort „das ist doch wenigstens ritterlicher Sinn, wenigstens ist es wahrlich besser, als auf so plumpe Weise ein wehrloses Mädchen zu beleidigen. Wenn Herr von Rantow diesen Preis für seine Vertheidigung verlangt, — so soll er ihn haben — er ist ja eine vortreffliche Partie“ fuhr sie bitter fort, „und ich muß ja glücklich sein, daß ich aus dieser ganzen traurigen Geschichte noch mit einem so guten Abschluß davon komme. Sage dem Baron,“ sprach sie in kaltem Ton zu ihrem Vater gewendet, „daß ich seine Bewerbung annehme, da er so muthig und selbstverleugnend meine Vertheidigung übernommen hat.“
Mit befriedigtem Ausdruck neigte die Commerzienräthin den Kopf.
Herr Cohnheim eilte auf seine Tochter zu und küßte sie zärtlich auf die
Stirn. Anna stand auf.
„Doch muß ich,“ sprach sie, „bitten, daß er mich einige Tage von seinen Besuchen dispensirt. Diese ganze Sache hat mich natürlich angegriffen und aufgeregt, und ich wünsche, mich zu sammeln. Auch bin ich nicht im Stande ihn zu sehen, bevor diese Angelegenheit mit Herrn von Büchenfeld“ — sie sprach diesen Namen mit unendlicher Verachtung aus — „geordnet ist, ich kann doch unmöglich meinen künftigen Gemahl selbst in den Kampf mit seinem Gegner schicken.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie schnell das Zimmer.
„Ich bin sehr erfreut,“ sagte die Commerzienräthin, „daß diese so äußerst unangenehme Sache doch einen so befriedigenden Ausgang nimmt. Ich fürchtete schon, daß die romantischen Grillen, zu welchen Anna so viel Neigung zeigt, unsern Plänen Schwierigkeiten entgegenstellen würden. So wird sich ja aber Alles ganz vortrefflich ordnen, und wenn sie, wie ich einen Augenblick besorgte, eine thörichte Neigung für diesen jungen unbedeutenden Officier gehabt haben sollte, so ist ja jetzt Alles auf's Beste geordnet. Hoffentlich wird auch die Affaire keine ernsten Folgen haben,“ fügte sie nachlässig hinzu.
„So etwas kommt ja so oft zwischen diesen jungen Herren vor,“ sagte der Commerzienrath, „und wie selten hört man, daß es wirklich lebensgefährlich wird. Es läßt sich ja auch jetzt gar nicht ändern, und wir müssen das Beste hoffen. Ich glaube übrigens nicht,“ fügte er hinzu, „daß dieser junge Büchenfeld es wirklich zum Äußersten kommen lassen wird. Die anderen Officiere schienen mir ebenfalls durch sein Betragen sehr unangenehm berührt, ich glaube, daß die Sache mit einer Ehrenerklärung erledigt werden wird — der alte Herr von Rantow ist, so viel ich weiß, ein Freund von dem Vater des Lieutenants und wird ebenfalls darauf hinwirken können. Damit ist ja denn Alles gut, und alle boshaften Gespräche über uns und unsere Tochter, welche dieser Vorfall hervorrufen wird, werden auf der Stelle niederschlagen, wenn wir ihre Verlobung mit Herrn von Rantow sogleich proclamiren.“
Er setzte sich behaglich in seinen Lehnstuhl und nahm eine Tasse Thee.
Noch lange saß das Ehepaar beisammen, Pläne für die Zukunft besprechend, welche sich durch die Verbindung mit dem vornehmen Hause so glänzend gestalten würden.
Fräulein Anna war ruhig und gefaßt in ihr Zimmer gegangen, als sie die Thür hinter sich geschlossen, sank sie wie gebrochen in sich zusammen, — lange stand sie schweigend, die Hände in einander gefaltet, die Blicke starr auf den Boden geheftet.
„Wie schnell,“ sprach sie mit dumpfer Stimme, „sind die Träume verflogen, die mich hier gestern noch so süß umgaukelten, wie schnell sind all die Liebesblüthen meines Herzens geknickt, aus denen ich einen reichen Kranz für mein Leben zu winden hoffte.“
Sie blickte um sich her, als ob ihr der gewohnte Raum, in dem sie sich befand, fremd sei, als ob sie ihre Gedanken sammeln müsse, um sich klar zu werden, wo sie sich befände, und was mit ihr vorgegangen sei. Dann zuckte wieder glühender Zorn über ihr Gesicht.
„Oh, daß es so enden muß! Hätte ich ihn verloren, hätte sich selbst seine Liebe von mir abgewendet, es wäre ein edler Schmerz gewesen, ein Schmerz, der die Seele hätte beugen, aber nicht erniedrigen können. Aber das Bewußtsein, daß ich das edelste und reinste Gefühl meines Herzens unwürdig weggeworfen habe, daß ich der Gegenstand des Spottes, des Hohnes, der Verachtung habe sein können, — und warum?“ — rief sie, die Hände ringend, — „weil ich einen Schritt gethan habe, der nicht gewöhnlich ist, weil ich mich vor seinem Stolz habe demüthigen wollen, weil ich geglaubt habe, daß er einen solchen Schritt verstehen und würdigen könne. Oh, das ist hart, sehr hart! Ich kann alle meine Hoffnungen auf Lebensglück vergessen, ich werde es zu tragen wissen, wie so viele Frauen eine glänzende Existenz führen, beneidet von der Menge, aber kalt und öde in ihrem Innern. Aber das werde ich nie überwinden, daß meine Liebe verachtet, verhöhnt und mit Füßen getreten ist, daß Der, dem ich den letzten Tropfen meines Blutes hätte opfern mögen, mich öffentlich hat beleidigen können zum Ergötzen seiner Kameraden in ihrer Weinlaune.“
Mit einer raschen Bewegung trat sie an einen kleinen Tisch von antik
geschnitztem Eichenholz und öffnete mit einem zierlichen goldenen
Schlüssel, den sie an ihrer venetianischen Uhrkette trug, eine mit
Elfenbein und Gold incrustrirte Cassette.
„Da liegen die Reliquien meiner Träume,“ sprach sie mit dumpfem traurigem Ton, aus ihren großem brennenden Augen fiel eine Thräne auf den Inhalt des kleinen Kästchens.
„Hier ist das erste Bouquet, das er mir gegeben,“ sagte sie leise, indem sie einen kleinen vertrockneten Blumenstrauß emporhob, „vertrocknet wie diese Blumen sind meine Gefühle, welche gestern noch so schön und hoffnungsreich erblühten, — wie oft haben meine Lippen auf diesen Blumen geruht! Vorbei! Vorbei!“
Und wie vor der Berührung des kleinen Bouquets zurückschaudernd, warf sie dasselbe mit einer raschen Wendung in den Kamin, dessen Feuer langsam in Kohlengluth zusammenzusinken begann. Die trockenen Blumen flammten hoch auf und blieben dann als ein Häuflein dunkler Asche auf den glühenden Kohlen liegen.
Sie preßte die Hände auf ihr Herz und sah starr diesem Zerstörungswerk zu. Dann nahm sie den ganzen übrigen Inhalt der Cassette, ebenfalls kleine Bouquets, mehr oder weniger verwelkt, verschiedene andere Cotillongeschenke und warf Alles in die Gluth, welche einen Augenblick aufflackernd, mit hellem Schein das Zimmer erhellte.
„Die Vergangenheit ist vorbei,“ sagte sie schmerzlich, „meine Zukunft wird wie diese Kohlen mehr und mehr Licht und Wärme verlieren, bis endlich Alles in todte Asche zusammensinkt. Oh, könnte ich mein Herz ebenfalls zu Asche werden lassen! Aber wenn auch seine Liebe gestorben ist, für das Leiden wird es immer noch Gefühle der Empfindung behalten.“
Sie sank auf ihren Divan nieder, drückte den Kopf in die Hände, und ihr starrer Jammer löste sich in einem Strom wohltätiger Thränen. —
— Auch der Lieutenant von Büchenfeld hatte fast in starrer Bewußtlosigkeit die Nacht zugebracht. Seine heftige, innere Erregung, die unnatürliche Spannung aller seiner Gefühle, und die Wirkung des schweren Weines hatten ihn bis zum Morgen in einem Zustand gehalten, welcher weder Schlaf noch Wachen war, und in welchem die Bilder der Erinnerungen wild durch einander wogten, ohne sich selbst auch nur in den unklaren Gestalten des Traumes festhalten zu lassen.
Langsam erwachte er aus diesem lethargischen Zustande am andern Morgen, und allmälig begann es ihm mehr und mehr klar zu werden, was am Tage vorher mit ihm vorgegangen. Das erste Gefühl, dessen er sich vollkommen bewußt wurde, war ein tiefer, bitterer Schmerz über die Täuschung seiner Liebe, welche trotz seines lange gefaßten Entschlusses gestern bei der Botschaft seiner Geliebten wieder einen Augenblick mit frischen Hoffnungen sich bekränzt hatte.
„Warum hat sie mir nicht gleich Alles geschrieben,“ flüsterte er, ohne von seinem Lager sich zu erheben — „oder warum ist sie nicht allein gekommen, warum hat sie mir in Gegenwart des Mannes, dem sie das Andenken an mich geopfert, den Abschied geben wollen? Sollte das eine absichtliche Kränkung, ein absichtlicher Hohn sein, oder bin ich ihr so gleichgültig gewesen, daß sie nach der Kälte ihrer Gefühle die meinigen bemessen hat?“
Lange lag er schweigend da unter dem Eindruck dieses schmerzlichen Gedankens, dann tauchte die Erinnerung der weiteren Ereignisse des Tages deutlicher in ihm auf. Er entsann sich des Spiels, das er gemacht, er entsann sich, daß er den Namen des Fräulein Cohnheim laut und mit bitteren Bemerkungen genannt habe. Ein Gefühl der Scham und Reue überkam ihn.
„Das war nicht würdig, nicht männlich, nicht edel!“ rief er, indem er sich auf sein Lager aufsetzte und mit beiden Händen seinen schmerzenden Kopf hielt. „Das hätte ich nicht thun müssen, ich hätte in meiner heftigen Erregung die Gesellschaft fliehen und Nichts trinken dürfen. — Oh,“ rief er nach einer Pause, „welch' ein elendes, jämmerliches Ding ist diese so viel gepriesene Liebe! Erst läßt sie so schwer und so bitter leiden, und dann treibt sie zu unwürdigen, zu niedrigen Handlungen. Oh, ich schwöre es,“ rief er die Hand erhebend, „ich schwöre, daß ich dieses Gefühl fliehen will wie die Sünde, und daß nie wieder das Bild eines Weibes mein Herz erfüllen soll! Ich will frei sein, stark und ruhig und meiner würdig bleiben!“
Der alte Diener trat ein und meldete, daß das Frühstück im Zimmer des Oberstlieutenants bereit sei, zugleich zeigte er dem Lieutenant an, daß zwei Officiere ihn zu sprechen wünschten und ihn bei seinem Vater erwarteten.
Der Lieutenant sprang empor, kühlte seinen brennenden Kopf mit frischem
Wasser und machte in hastiger Eile seine Toilette.
Als er in das Zimmer seines Vaters trat, welcher ihn bereits völlig angekleidet, frisch und munter erwartete, fand er dort die beiden Officiere von den Dragonern und den Husaren, welche Zeugen des gestrigen Abends gewesen waren, in ruhiger Unterhaltung mit dem alten Herrn begriffen.
Beide Officiere traten dem Lieutenant nicht mit der sonst gewohnten herzlichen Unbefangenheit und Vertraulichkeit entgegen, sondern begrüßten ihn mit einer gewissen kalten und gezwungenen Höflichkeit.
„Du hast lange geschlafen,“ sagte der Oberstlieutenant heiter, „es war wohl eine scharfe Sitzung gestern Abend, — die Herren hier sind ja auch dabei gewesen, aber das hat sie nicht verhindert, schon frühe auf zu sein. Das ist Recht, man muß sich niemals aus der Ordnung bringen lassen, und fast muß ich mich meines Sohnes schämen, daß er ein solcher Weichling ist, der am andern Morgen noch spürt, wenn er am Abend vorher ein paar Flaschen den Hals gebrochen. Habt Ihr etwa heute Morgen schon wieder eine Partie vor?“ fragte er, den Schnurrbart drehend, „damit würde ich nicht einverstanden sein, — erst der Dienst und dann das Vergnügen.“
Die beiden Officiere standen in einiger Verlegenheit schweigend da.
„Wir haben mit Dir zu sprechen,“ sagte der Dragoner mit einem
Seitenblick auf den alten Herrn, „und möchten es sogleich.“
„Geniren Sie sich nicht vor mir,“ sagte der Oberstlieutenant mit heiterm Lächeln, „ich bin nicht mehr im Dienst, ich bin ja nur ein alter gutmüthiger Herr,“ fügte er mit einem leichten Anflug von Wehmuth hinzu, „der auch jung war und weiß, was man in der Jugend treibt.“
„Wir möchten aber,“ sagte der Husarenofficier — „Dich einen Augenblick allein sprechen. Es handelt sich um eine Ehrensache,“ fügte er mit gedämpftem Ton hinzu, doch nicht so leise, daß es der Oberstlieutenant nicht verstanden.
Der alte Herr wurde ernst, warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn und die beiden Officiere und sagte dann:
„Ich lasse Dich mit den Herren einen Augenblick allein.“
„Halt, lieber Vater,“ rief der Lieutenant von Büchenfeld, „ich bitte Dich, zu bleiben. Ihr erlaubt,“ sagte er, „daß ich Euch bitte, vor meinem Vater zu sprechen. Er ist Officier wie wir, und ich weiß kein kompetenteres Urtheil in allen Ehrensachen, als das seinige. Er wird es mir nicht abschlagen, vorläufig mein Zeuge zu sein und sein Urtheil darüber abzugeben, was ich zu thun habe.“
Die beiden Officiere grüßten den Oberstlieutenant militairisch.
„Es wird uns eine große Ehre sein,“ sagte der Husar, „wenn der Herr
Oberstlieutenant als Dein Zeuge unsere Erklärung mit anhören will.“
Der alte Herr bat die Officiere mit einer stummen Handbewegung Platz zu nehmen und setzte sich dann grade und aufrecht neben seinen Sohn.