„Ich habe den ganzen Gegenstand auch nur erwähnt,“ sagte Benedetti, „weil wir einmal auf das Gebiet politischer Conjecturen gekommen waren, zu denen auch die vorhin von Ihnen erwähnte österreichisch-italienische Negociation gehört.“

Graf Bismarck sah den Botschafter scharf und durchdringend an, dann neigte er mit höflicher Zustimmung den Kopf.

„Ich freue mich also von Neuem constatiren zu können,“ sagte Benedetti, indem er aufstand, „daß in unsern internationalen Beziehungen kein Punkt existirt, welcher zu Unruhe oder Besorgniß Veranlassung geben könnte, und man wird sich,“ fügte er lächelnd hinzu, „in London wohl überzeugen, daß auch ohne Entwaffnung zwei große Mächte in Frieden und Freundschaft neben einander leben können.“

„Das bewaffnete Deutschland,“ sagte Graf Bismarck, indem er Benedetti einige Schritte zur Thür geleitete, „ist wenigstens für Niemand eine Drohung — als für Diejenigen, welche sich seiner naturgemäßen freien und nationalen Kraftentwickelung etwa entgegenstellen möchten.“

Benedetti verneigte sich, drückte die dargebotene Hand des
Minister-Präsidenten und ging hinaus.

Graf Bismarck schritt einige Male langsam im Zimmer auf und nieder.

„Es ist etwas im Werk,“ sagte er, — „dieser englische Entwaffnungsvorschlag beweist, daß man in London der Ruhe nicht traut, man muß dort irgend welche Winke haben, welche Besorgnisse einflößen, und diese erneuete Erwähnung der Candidatur des Prinzen Leopold, einer Sache, die ich längst vergessen habe und deren flüchtigem und vorübergehendem Auftauchen im vorigen Jahre ich niemals eine ernste Bedeutung beilegen mochte — diese Mittheilungen über die geheime Negociation mit Italien und Oesterreich, welche nicht ganz aus der Luft gegriffen sein können, — es scheint, daß da wieder irgend einer jener verborgenen Schachzüge im Werke ist, denen ich mich seit 1866 unausgesetzt gegenüber befinde. Nun,“ sagte er, die Brust weit ausdehnend, „mögen sie ihre geheimen Combinationen machen, sie werden diesmal ebenso wenig zu einer ernsten Gefahr führen, als bisher. In Italien wird man sich wohl nicht so leicht entschließen, die einzige Stütze aufzugeben, welche man in Europa findet. Auch der gute Kaiser Napoleon, der immer älter wird, möchte mit jedem Jahre immer weniger geneigt sein, sich den gefährlichen Chancen eines Krieges auszusetzen, den wir, wenn er einmal entbrannt ist,“ fügte er mit dem Ausdruck eiserner Entschlossenheit hinzu, „bis auf's Messer würden führen müssen. Freilich,“ sagte er dann nachsinnend, „je schwächer und willenloser er wird, um so leichter möchte es vielleicht der kriegerischen Coterie werden, ihn in eine unüberlegte Unternehmung hineinzuziehen. Die Schwäche des Alters könnte bei ihm zu demselben Resultat führen, das bei Andern durch die Verwegenheit der Jugend hervorgebracht wird. Nun,“ sagte er mit ruhigem Ton, „ich arbeite mit aller Macht daran, den Frieden zu erhalten — wenn es aber nicht möglich sein sollte — wir sind gerüstet und können jeder Eventualität mit dem ruhigen Bewußtsein entgegensehen, daß wir gethan haben, was an uns ist, um allen Gefahren zu begegnen. Leider, leider,“ sagte er nach einer Pause, „kann ich noch immer nicht dahin kommen, klar und genau zu übersehen, was unter dieser glatten Oberfläche der französischen Politik in den Tiefen gebraut und vorbereitet wird, — wie traurig, daß man nicht überall selbst sein kann und daß man gezwungen ist, durch fremde Augen zu sehen und mit fremden Ohren zu hören.“

Der Kammerdiener trat ein und überreichte dem Grafen ein Billet.

„Ein Herr wünscht Eurer Excellenz dringend angemeldet zu werden, er behauptet, daß Eure Excellenz ihn anhören würden, wenn Sie seinen Brief gelesen, und hat darauf bestanden, denselben sofort zu überreichen.“

Graf Bismarck öffnete schnell das Billet. Voller Erstaunen las er die wenigen Zeilen, welche es enthielt. Dann spielte ein eigentümliches Lächeln um seine Lippen und er sagte:

„Führen Sie den Herrn herein.“

„Herr Salazar-y-Mazarredo, Deputierter in den Cortes,“ sprach er halblaut zu sich selbst, nachdem der Kammerdiener wieder hinausgegangen war, „hat mir einen Brief des Marschall Prim zu übergeben? Der Name ist mir vollkommen unbekannt, — es muß eine ganz besondere Angelegenheit sein, daß der Marschall sich direct an mich ohne Vermittlung der spanischen Gesandtschaft wendet.“ —

Die Thür öffnete sich Graf Bismarck trat mit artiger Höflichkeit, aber in gemessener, kalter Haltung einem noch jungen, eleganten Mann entgegen, dessen regelmäßiges Gesicht mit dunklem, schwarzem Haar und schwarzen lebhaften Augen den Typus der Südländer trug.

Der Eintretende verneigte sich tief vor dem Minister und zog einen versiegelten Brief aus der Tasche seines Fracks.

„Der Marschall Prim,“ sagte er in französischer Sprache, „hat mir den ehrenvollen Auftrag ertheilt, Eurer Excellenz dies Schreiben zu überreichen.“

Graf Bismarck nahm den Brief, welchen der junge Mann ihm darbot, ließ einen flüchtigen Blick über das Siegel und die Aufschrift gleiten und deutete dann mit der Hand auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.

„Sie erlauben,“ sagte er, indem er sich niederließ, — er öffnete das Siegel und las langsam das Schreiben, doch ohne daß in seinem Gesicht eine Spur des Eindrucks bemerkbar wurde, den der Inhalt auf ihn machte. Als er zu Ende gelesen, faltete er den Brief wieder zusammen und sah einen Augenblick den ihm gegenüber sitzenden jungen Mann scharf an.

„Ist Ihnen der Inhalt des Schreibens des Marschalls bekannt, mein Herr?“ fragte er.

„Der Marschall hat die Güte gehabt, mir denselben mitzutheilen,“ erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo. „Er hat geglaubt, in dieser delicaten Angelegenheit sich zunächst ganz persönlich an Eure Excellenz wenden zu müssen, um Ihre ebenfalls persönliche Ansicht zu hören, bevor in der Sache officielle Schritte geschehen. Der Marschall ist überzeugt,“ fuhr er fort, während Graf Bismarck ruhig und unbeweglich zuhörte, „daß der Abschluß der Revolution, in welcher sich Spanien gegenwärtig befindet, nur durch die Wiederherstellung der Monarchie möglich ist und zwar unter einem Könige, welcher durch jugendliche Kraft und Intelligenz die Schwierigkeiten der Lage zu überwinden im Stande ist und welcher zugleich durch seine persönliche Stellung die Achtung und Sympathie des spanischen Volkes gewinnen kann, ohne mit irgend einer der im Lande bestehenden und mit den verschiedenen Prätendenten zusammenhängenden Partheien in irgend welcher Verbindung zu stehen. Der Marschall hat geglaubt, einen solchen Fürsten, der alle diese Eigenschaften in sich vereinigt, in der Person des Erbprinzen von Hohenzollern zu finden und würde diese Combination um so lieber zur Ausführung gebracht sehen, als dadurch die hohe Achtung, welche er für Deutschland, für den König Wilhelm und Eure Excellenz hegt, ebenso wie der Wunsch mit Preußen und Deutschland in freundschaftlichen Beziehungen zu stehen, thatsächlichen Ausdruck fände. Der Marschall glaubt, daß es leicht sein würde, die Cortes zur Wahl des Prinzen Leopold zu bestimmen. Doch wünscht er nicht eher einen Schritt dazu zu thun, bevor er nicht die Ueberzeugung gewonnen hat, daß Eure Excellenz diesen Plan billigen und daß der König demselben seine Zustimmung geben würde.“

Graf Bismarck blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin.

„Es ist eine eigenthümliche Frage, welche Sie da an mich richten, mein Herr,“ sagte er dann. „Ich erkenne dankbar die Gesinnungen des Marschalls gegen Deutschland und gegen mich an, welche ihn zu dieser Frage veranlassen, jedoch muß ich aufrichtig gestehen, daß ich um die Antwort etwas verlegen bin. Es kann ja nur ehrenvoll für meine Nation sein, wenn das spanische Volk einem deutschen Fürsten vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke in die Hand legen wollte, indeß wird es mir sehr schwer, darüber namentlich in dem gegenwärtigen Stadium der Sache irgend eine bestimmte Meinung auszusprechen. Zunächst würde doch der Entschluß und die Neigung des Prinzen Leopold in erster Linie maßgebend sein. So schmeichelhaft nun auch für diesen Prinzen ein solcher Auftrag sein muß, so werden Sie mir doch auch zugeben, daß er durch ein Eingehen auf denselben, falls er wirklich gestellt werden sollte, eine ungeheuere Verantwortlichkeit auf sich ladet und sich möglicher Weise großen Gefahren und Schwierigkeiten aussetzt. Ob er das wagen will, ist seine Sache, und es würde unter Umständen darüber von Ihnen mit dem Prinzen direct verhandelt werden müssen.“

„Der Marschall wünscht aber auch zu gleicher Zeit Eurer Excellenz und des Königs Ansicht darüber zu wissen.“

„Was zunächst die meinige betrifft, so muß ich Ihnen aufrichtig sagen, daß ich der in Rede stehenden Combination eine politische Bedeutung kaum beizulegen vermag. Der Prinz Leopold ist ein ritterlicher, ehrenhafter Charakter — würde er je in die Lage kommen, die ihm angebotene Krone Spaniens anzunehmen. So bin ich fest überzeugt, daß er von dem Augenblick an sich mit allen Interessen der spanischen Nation identificiren und daß es sein aufrichtiges Bestreben sein würde, ganz und gar Spanier zu werden. Die Wahl des Prinzen würde kaum auf die Beziehungen zwischen Spanien und Deutschland, — von denen ich ebenso wie der Marschall wünsche, daß sie stets die freundschaftlichsten und besten bleiben mögen — irgend welchen Einfluß üben können. Ich würde also auch kaum in der Lage mich befinden, als preußischer Minister dem Prinzen irgend einen Rath nach der einen oder der andern Seite zu geben —

Wenn ich nun schon,“ fuhr er fort, „mir eine absolute Zurückhaltung auflegen zu müssen glaube, so scheint es mir, daß Seine Majestät der König, mein allergnädigster Herr, noch mehr einer jeden Einwirkung auf die Entschlüsse des Prinzen sich zu enthalten Veranlassung hat. Seine Majestät ist allerdings der oberste Chef des Gesammthauses Hohenzollern, indeß ist Prinz Leopold nicht preußischer Prinz und mit der königlichen Familie nicht verwandt, in rein persönlichen Angelegenheiten würde also der König zunächst dem Prinzen und dessen Vater die völlig freie Entscheidung überlassen müssen. Wenn Seine Majestät daher eintretenden Falles keine Veranlassung haben würde, etwaigen Neigungen des Prinzen zur Annahme der ihm anzubietenden spanischen Krone entgegen zu treten, so kann Seine Majestät doch noch viel weniger ihm irgendwie den Rath ertheilen, ein so verantwortungs- und gefahrvolles Unternehmen zu versuchen. Ich finde mich daher nicht im Stande, im gegenwärtigen Augenblicke meinerseits die Sache dem Könige vorzulegen, — würde dieselbe eine festere Gestalt annehmen und an den Prinzen durch eine spanische Autorität herantreten, so würde es immer die Sache des Prinzen selbst und seines Vaters sein, ihre Entschlüsse Seiner Majestät zu unterbreiten und des Königs Meinung darüber einzuholen.“

„Eure Excellenz,“ sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, der durch die ruhige und bestimmte Erklärung des Grafen Bismarck ein wenig niedergedrückt zu sein schien, „würden also der Idee des Marschalls persönlich Nichts entgegen zu setzen haben?“

„Wie könnte ich das!“ erwiderte Graf Bismarck, — „es kann ja nur, wie ich wiederhole, ehrenvoll für Deutschland und für das Haus Hohenzollern sein, wenn die spanische Nation einen Prinzen dieses Hauses zu ihrem König erwählt. Politische Gründe dagegen,“ fuhr er fort, „kann ich als preußischer Minister ebenso wenig haben, als ich, wie ich ebenfalls bestimmt wiederholen muß, mich irgend wie dafür auszusprechen im Stande bin. Doch bin ich,“ fuhr er fort, „dem Marschall sehr dankbar für das persönliche Vertrauen, welches er mir durch die Mittheilung seiner Idee zu beweisen die Güte gehabt hat.“

Er schwieg. Der spanische Deputirte schien das Gespräch nicht für beendet ansehen zu wollen.

„Würden Eure Excellenz die Güte haben,“ sprach er, „Ihre Ansicht über die Sache — Ihre persönliche Ansicht dem Marschall in Beantwortung seines Schreibens mitzutheilen?“

Graf Bismarck spielte einige Augenblicke nachdenklich mit dem Brief, der vor ihm auf dem Tische lag.

„Ich glaube,“ sagte er, „daß ich mich deutlich und klar ausgesprochen habe, und Sie werden gewiß die Güte haben, dem Marschall meine Worte zu wiederholen.“

„Ich glaube, Eurer Excellenz Erklärung genau und richtig aufgefaßt zu haben,“ erwiderte Herr Salazar-y-Mazarredo, „doch bin ich überzeugt, daß der Marschall besonderen Werth darauf legen würde, meine Mittheilungen durch ein Antwortschreiben von Eurer Excellenz selbst bestätigt zu sehen.“

Abermals dachte Graf Bismarck einige Augenblicke nach.

„Sie werden begreifen,“ sagte er, „daß eine gewisse Schwierigkeit für mich darin liegt, mich über eine Angelegenheit, welche, wie ich zu bemerken mir erlaubte, nach meiner Auffassung mit der Politik Preußens und Deutschlands Nichts zu thun hat, in einer Weise auszusprechen, welcher bei meiner Stellung doch immerhin eine Art von offizieller Bedeutung beigelegt werden könnte. Jedenfalls müßte ich die Sache nach allen Richtungen hin noch sehr reiflich überlegen, bevor ich den Brief des Marschalls beantworten könnte, und ich muß gestehen, daß ich dringend wünsche, der ganzen Sache so lange vollkommen fern zu bleiben, bis dieselbe etwa eine klar faßbare Gestalt annimmt und auf direct officiellem Wege an mich gelangt. Ich möchte unter diesen Umständen,“ fügte er artig hinzu, „Sie nicht zu einem längeren Aufenthalt in Berlin veranlassen und den Marschall bitten, mir zu einer eingehenden Ueberlegung Zeit zu lassen. Ich bin überzeugt, daß der Marschall die Gründe vollkommen verstehen und billigen wird, welche mich bestimmen müssen, meine Antwort noch zurückzuhalten, um so mehr, da bei den Beziehungen persönlichen Vertrauens, in denen Sie, mein Herr, jedenfalls zu ihm stehen, Ihre Mittheilungen ja vollständig die Stelle einer direkten Antwort ersetzen werden.“

Er verneigte sich mit einer Miene, welche bestimmt andeutete, daß die
Unterredung zu Ende sei.

Herr Salazar-y-Mazarredo erhob sich, indem auf seinen Zügen eine sichtbare Enttäuschung bemerkbar wurde.

„Ich bitte Sie nochmals,“ sagte Graf Bismarck, „dem Marschall den Ausdruck meiner Dankbarkeit für sein Vertrauen und die Versicherungen meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit zu überbringen. Ich habe mich herzlich gefreut,“ fügte er mit verbindlicher Artigkeit hinzu, „bei dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“

„Eure Excellenz werden Nichts dagegen haben,“ sagte Herr Salazar-y-Mazarredo, „daß ich Schritte thue, um mich über die persönlichen Ansichten des Prinzen Leopold zu unterrichten.“

„Da der persönliche Entschluß des Prinzen, wie ich schon bemerkt habe, in erster Linie in Betracht kommt,“ sagte Graf Bismarck kalt und ruhig, „so scheint es mir in der Natur der Sache zu liegen, daß Sie nach dieser Richtung hin sich informiren. Uebrigens,“ fügte er hinzu, „wird es ganz und gar, wie mir scheint, Ihre Aufgabe sein, die Aufträge auszuführen, welche der Marschall Ihnen gewiß auch in dieser Beziehung ertheilt hat.“

Herr Salazar-y-Mazarredo verließ mit tiefer Verbeugung das Cabinet.

„Es ist also doch Etwas im Gange,“ sagte Graf Bismarck, indem er sich wieder vor seinen Schreibtisch setzte, — „aber was kann dieser Sache zu Grunde liegen — warum diese einseitige und vertrauliche Anfrage des Marschall Prim? Fast scheint es, als sollte da Etwas hinter dem Rücken von Serrano und der übrigen Regierung gemacht werden, Prim würde bei seinen besonderen Beziehungen zum Kaiser Napoleon kaum eine solche Sache einfädeln, wenn er nicht glaubte, demselben dadurch angenehm zu werden, — der Prinz von Hohenzollern ist mit dem Kaiser verwandt,“ sagte er nachsinnend mit leiser Stimme — „die Candidatur des Herzogs von Montpensier muß dem Kaiser tief verhaßt sein, — sie könnte ihm unter Umständen gefährlich werden; — sollte die erneuete Anregung dieser Combination damit zusammenhängen?

„Nun,“ — rief er nach längerem, schweigendem Nachdenken, — „einmal muß die große Krisis dieser langsam schleichenden Krankheitszustände doch ausbrechen, — und wenn ich sie mit noch so großer Mühe und Vorsicht fortwährend wieder zu beschwören versuche! — Vielleicht wäre es ein Glück, wenn die Entscheidung bald käme,“ — sagte er ernst, — „wenn sie käme, so lange ich noch in voller Kraft an der Spitze der Geschäfte stehe, — denn wenn in dieser Krisis mit halben Entschlüssen und mit halben Mitteln operirt wird, — dann muß die Zukunft Deutschlands auf lange hinaus, vielleicht auf immer verloren sein. — Ich,“ rief er flammenden Blickes, indem eine eiserne Energie aus seinen Zügen leuchtete — „ich würde nicht zurückweichen, ich würde die Aufgabe erfassen mit der vollen Kraft, deren sie bedarf, — und — ich fühle es, — ich würde siegen!

„O,“ sagte er dann schmerzlich, „warum ist die Zukunft unserem Blick verborgen, — warum können wir nicht eine Ecke jenes undurchdringlichen Schleiers lüften, der das Morgen vor unsern Blicken verbirgt?

„Wie viele ringende und kämpfende Geister,“ sagte er leise, die gefalteten Hände leise vor sich auf den Tisch stützend, „haben vor mir diese brennende Frage an die Vorsehung gerichtet, — wie viele werden sie nach mir aussprechen, um dieselbe Antwort zu erhalten — das ewige Schweigen!

„Und doch,“ sprach er, den ruhigen klaren Blick aufschlagend, mit einem weichen Lächeln, das seinen festen strengen Zügen einen eigenthümlichen Ausdruck gab, dessen man dieses eherne Gesicht kaum für fähig gehalten hätte, „doch giebt es eine Antwort, die durch lange Jahrhunderte so vielen zweifelnden und bangenden Herzen Frieden, Muth und Zuversicht gebracht hat — einfach, groß und erhaben wie Der, dessen Lippen sie zuerst sich entrang — Herr, nicht mein sondern Dein Wille geschehe!“

Er neigte einen Augenblick das mächtige Haupt auf die Brust, dann erhob er sich, immer mit dem Ausdruck lächelnder Ruhe und Klarheit auf seinen Zügen, nahm seinen Hut, stieg in den großen Garten des auswärtigen Amtes hinab und ging mit großen Schritten unter den hohen noch winterlich kahlen Bäumen in tiefen Gedanken und oft leise Worte vor sich hinsprechend auf und nieder.

Drittes Capitel.

In einem großen Zimmer des Hotels zur Sonne in St. Dizier waren dreißig bis vierzig von den hannöverschen Emigranten versammelt, theils ganz junge Männer, theils ältere Leute, deren Mienen und Haltung man die gedienten Militairs ansah. Sie Alle standen in Reihen an der einen Seite des Zimmers und blickten ernst und finster nach dem Tisch hin, an welchem der Major von Adelebsen, der Ordonnanzofficier des Königs Georg, saß und auf welchem Actenpackete und eine Anzahl von Bankbillets und Goldrollen lagen.

Neben dem Major von Adelebsen saß der frühere Lieutenant de Pottere, ein junger Mann mit dichtem, sorgfältig frisirtem Haar, welches tief in die auffallend niedrige Stirn herabreichte, mit großen, etwas starr blickenden Augen und einem starken blonden Schnurrbart auf der Oberlippe des Mundes, um welchen ein gleichgültig stereotypes Lächeln spielte.

Der Lieutenant de Pottere hatte eine Namensliste der Emigranten vor sich und hielt eine Feder in der Hand bereit, die Proceduren des Majors von Adelebsen zu protocolliren.

„Unterofficier Rühlberg!“ rief Herr von Adelebsen, indem er den etwas unsicheren Blick seines Auges über die Emigranten hingleiten ließ.

In militairischer Haltung trat der Unterofficier an den Tisch heran.

„Ich habe Sie nunmehr aufzufordern,“ sagte Herr von Adelebsen, „zur Erklärung darüber, was Sie über Ihre Zukunft beschlossen haben. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Ihnen zustehende Pension von Seiner Majestät erhalten können oder aber eine einmalige Abfindungssumme, wenn Sie das vorziehen. Geben Sie mir Ihre Erklärung, wohin Sie nachher zu gehen beabsichtigen.“

„Ich bitte, mich ein für allemal abzufinden, Herr Major,“ erwiderte der Unterofficier, „ich will mit einer Anzahl meiner Kameraden nach Algier gehen, um dort unser Glück in einer Colonie zu versuchen.“

„Sie wollen nach Algier gehen?“ fragte Herr von Adelebsen ein wenig befremdet, „Sie wissen doch, daß Seine Majestät eine Niederlassung in Algier nicht für zweckmäßig erachten können, und daß Allerhöchstdieselben befohlen haben, den Legionairen von einer Auswanderung nach Algier abzurathen.“

„Zu Befehl, Herr Major,“ erwiderte der Unterofficier, „Herr Minister von Münchhausen hat uns das auseinandergesetzt und uns dabei zugleich gerathen, nach Hannover zurückzukehren, und,“ fügte er mit einer gewissen Bitterkeit hinzu, „die Strafe, die man uns vielleicht dictiren würde, ruhig abzusitzen. Ich bin ganz überzeugt,“ fuhr er fort, „daß Seine Majestät die besten Absichten mit uns hat, und daß Er nach den Berichten, die man ihm erstattet hat, überzeugt ist, daß eine Colonie in Algier uns keinen Vortheil bringen könne. Aber ich muß Ihnen sagen, Herr Major, daß ich durchaus keine Lust habe, nach der Heimath zurückzukehren, um mich dort einsperren zu lassen. Wenn Seine Majestät uns eine Amnestie würde verschaffen können, so wäre es etwas Anderes. Unter diesen Umständen muß ich aber dabei bleiben zu versuchen, meine Zukunft auf meine eigene Kraft zu gründen; und ich bleibe daher bei meiner Erklärung, daß ich nach Algier gehen will und bei meiner Bitte, mir die Abfindungssumme auszuzahlen.“

„Wenn aber doch Seine Majestät,“ sagte der Lieutenant de Pottere mit einer etwas näselnden Stimme, „eine solche Colonie nicht für zweckmäßig hält —“

„Der Herr Major,“ fiel der Unteroffizier ein, „haben uns gesagt, daß wir die völlig freie Entschließung hätten, unsere Zukunft einzurichten, wie wir wollten. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt und bleibe dabei, daß ich nach Algier gehen will. Vorzüglich,“ fuhr er fort, „möchte ich ein für allemal abgefunden sein, wohin ich mich dann wende, kann und wird ja übrigens Seiner Majestät ganz gleichgültig sein.“

„Es ist Seiner Majestät gewiß nicht gleichgültig,“ sagte Herr von
Adelebsen mit sanfter Stimme, „wie sich die Zukunft seiner früheren
Soldaten gestaltet, und deshalb —“

„Darf ich bitten, Herr Major,“ fiel der Unterofficier, sich in strammer Haltung aufrichtend, ein, „meine Erklärung zu Protocoll nehmen zu lassen? Mein Entschluß steht unwiderruflich fest.“

Herr von Adelebsen gab dem Lieutenant de Pottere einen Wink. Dieser schrieb die Erklärung des Unterofficiers nieder und der Major zählte die Abfindungssumme in Banknoten und Zwanzigfrankstücken ab und händigte sie dem Unterofficier ein, der mit vorsichtiger Sorgfalt seinen Namen unter die ihm vorgelegte Quittung setzte und dann zu den Uebrigen zurücktrat.

„Dragoner Cappei!“ rief Herr von Adelebsen.

Der junge Mann trat heran.

„Ihre Erklärung?“ fragte Herr von Adelebsen.

„Ich wünsche, nach Hannover zurück zu gehen,“ sagte Cappei.

„Sie sind militairpflichtig gewesen,“ sagte Herr von Adelebsen. „Haben Sie es sich überlegt, daß man Sie vielleicht bestrafen und in die preußische Armee einstellen wird? Es läge vielleicht, wenn Sie sich dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, in Ihrem Interesse, wie sich viele andere Ihrer Kameraden bereits entschlossen haben, nach Amerika zu gehen —“

„Ich danke, Herr Major,“ erwiderte Cappei ruhig, „ich bin entschlossen, zu tragen, was mir in Hannover widerfahren wird, und will in die Heimath und zu meiner Familie zurückkehren.“

Er empfing die ihm zukommende Summe Geldes, der Lieutenant de Pottere protocollirte seine Erklärung und Cappei trat zurück.

Einer nach dem Andern aus der Reihe der Emigranten wurde aufgerufen,
Zwei oder Drei erklärten, daß sie nach Amerika gehen wollten, alle
Uebrigen sprachen den Entschluß aus, mit dem Unterofficier Rühlberg
nach Algier auszuwandern.

„Ich muß Sie Alle nochmals darauf aufmerksam machen,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß, wie ich bereits dem Unterofficier bemerkt habe, Seine Majestät nicht glauben könne, daß Sie in Algier Ihre künftige Wohlfahrt finden. Sie werden dort in einem fremden Lande ohne Hülfsmittel und ohne Unterstützung sein und es vielleicht bereuen, daß Sie sich zu einem solchen Entschluß haben beeinflussen lassen.“

„Niemand hat uns beeinflußt!“ riefen Mehrere der Emigranten. „Wir haben selbst schon lange ehe unsere Officiere mit uns über die Colonie gesprochen haben, den Gedanken gefaßt, wenn der König uns nicht mehr erhalten könnte, uns in Algier eine Zukunft zu gründen.“

„Ich muß aber ausdrücklich bemerken,“ sagte Herr von Adelebsen, „daß Seine Majestät mir befohlen haben, ganz bestimmt zu erklären, daß Diejenigen, welche nach Algier gehen, niemals auf irgend eine Unterstützung von seiner Seite zu rechnen haben. Bedenken Sie, was es heißt, in einem ganz fremden Lande unter unbekannten Verhältnissen sich eine Existenz zu gründen.“

„Wir werden im fremden Lande,“ rief der Unterofficier Rühlberg, einen Schritt vortretend, „immer noch Menschen finden, die uns mit Rath und That beistehen und Gefühl für Leute haben, welche ihrem König im Unglück treu geblieben sind, — wir haben freilich nicht geglaubt, daß es so kommen würde, denn dann würden wir wohl kaum die Heimath verlassen haben, und was die Bemerkung betrifft, die der Herr Major so eben gemacht haben, so können Sie ganz ruhig sein, Niemand von uns wird künftig die Unterstützung der Kasse Seiner Majestät in Anspruch nehmen. Jedenfalls werden wir immer noch besser in Algier daran sein, wo uns wenigstens die französische Regierung freundlich entgegenkommt, als wenn wir über das weite Meer nach Amerika hinzögen, wo wir ohne alle Hülfe sterben und verderben können.“

„In Amerika wären wir freilich weiter fort,“ rief eine Stimme aus den
Reihen, „und wenn wir Alle dort wären, so wäre man doch sicher, daß
Niemand von uns der königlichen Kasse zur Last fällt.“

Der Major warf einen schnellen Blick von unten herauf nach der Gegend, woher diese Stimme erschallt war. Der Lieutenant de Pottere drehte seinen Schnurrbart und sagte:

„Sie müssen ruhig sein und nicht durcheinander sprechen.“

„Ich glaube, wir sind abgefunden,“ rief es aus den Reihen, „und haben hier nichts mehr zu thun, gehen wir.“

Und sich kurz umwendend, verließen sie Alle das Zimmer, indem sie den
Refrain des alten hannöverschen Soldatenliedes anstimmten:

„Lustige Hannoveraner seien wir.“

Herr von Adelebsen und der Lieutenant de Pottere packten die Papiere und das übrig gebliebene Geld zusammen und zogen sich stillschweigend in ihre Zimmer zurück.

„Nun Cappei,“ sagte der Unterofficier Rühlberg zu dem jungen Dragoner, welcher schweigend und gedankenvoll mit den Uebrigen die Treppe hinabstieg, „wollt Ihr Euch nicht noch eines Bessern besinnen und mit uns nach Algier gehen. Denkt doch, wie schön es ist, wenn wir Alle zusammen bleiben und unser Dorf nach althannöverscher Manier einrichten, da können wir es doch noch zu Etwas bringen, ein freies und selbstständiges Leben führen und an die alte Heimath zurückdenken, wie sie früher war.“

„Es thut mir leid, Euch zu verlassen,“ sagte Cappei, — „aber unsere Sache ist zu Ende, das alte Hannover ist für immer versunken. Was hilft es dem Einzelnen, gegen den Weltlauf anzukämpfen — ich liebe meine Heimath, und die Heimath bleibt ja doch dieselbe, mag nun dieser oder jener König, dieses oder jenes Gesetz herrschen.“

„Nun, geht hin,“ sagte der Unterofficier, „Ihr werdet es noch bereuen, aber Verliebten ist keine Vernunft zu predigen. Ihr kommt doch heute Abend noch zu uns, wir wollen noch einmal lustig zusammen sein; in dieser Nacht noch wollen wir nach Marseilles reisen, um uns nach Algier einzuschiffen. Wir haben unsere Empfehlung an den Präfecten dort, und das Comité, welches unsere Officiere in Paris bilden, wird dafür sorgen, daß wir von dort aus gut empfohlen werden. Tüchtige und rechtliche Leute, die arbeiten können, kann man überall brauchen, und wir werden unsern Weg schon machen.“

Die Emigranten zogen über den Marktplatz von St. Dizier, von den ihnen begegnenden Bürgern freundlich begrüßt, nach dem Restaurant hin, in welchem sie sich gewöhnlich zu versammeln pflegten.

Der junge Cappei trennte sich an der Ecke des Marktplatzes von ihnen und schritt langsam dem Hause des Holzhändlers Challier zu. Er ging über den großen Hof und trat durch den Flur in das Wohnzimmer des Hauses, in welchem er so lange als ein freundlich empfangener Gast aus- und eingegangen war, und von welchem er sich nun trennen sollte, um den Kampf mit einer ungewissen Zukunft aufzunehmen.

Der alte Herr Challier saß allein in seinem Lehnstuhl, die so eben ausgegebene Zeitung des kleinen Orts lesend. Er legte bei dem Eintritt des jungen Mannes das Blatt aus der Hand, erhob sich und trat ihm mit herzlichem Gruß entgegen.

„Alles ist abgemacht, Herr Challier,“ sagte Cappei in ziemlich reinem, aber im deutschen Accent anklingenden Französisch, „die Legion ist aufgelöst, wir sind Alle frei und können hingehen, wohin wir wollen. Und alle diese Kameraden, die nun drei Jahre lang Freud und Leid mit einander getheilt haben, werden sich wohl schwerlich jemals wieder zusammenfinden.“

„Das ist recht traurig,“ sagte der alte Herr Challier, langsam den Kopf schüttelnd. „So ist also die Sache Ihres Königs aufgegeben, — das thut mir aufrichtig leid, denn ich habe immer so viel Sympathie für sein Schicksal und für Sie Alle gehabt; und wir Bürger von St. Dizier nehmen gewiß ganz besondern Antheil an Allem, was den König betrifft, seit er unserer Stadt die Ehre erzeigt hat, der Pathe des Kindes eines unserer Mitbürger zu sein. Ich bin ein alter Bragars,“ sagte er, indem seine dunklen Augen in lebhaftem Feuer aufleuchteten, „und ich hätte mich von Herzen gefreut, wenn ich Sie hätte ausziehen sehen können, um für Ihren König und sein Recht zu fechten, — das Schicksal geht seinen eigenen Weg, — es hat nicht sein sollen. Wir verlieren alle liebe Freunde mit ihnen,“ fuhr er fort, „und mir wird es in meinem Hause recht leer vorkommen, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Haben Sie Ihren Entschluß fest gehalten,“ fragte er, „nach Ihrem Vaterlande zurückzukehren? — Ich würde mich kaum dazu entschließen können,“ sagte er, „wenn ich mich in Ihre Lage denke, in einem Lande zu leben, in welchem eine fremde Herrschaft alle Erinnerungen an eine ruhmvolle Vergangenheit begraben hat.“

Ernst erwiderte der junge Mann:

„Es liegt fast ein Vorwurf in Ihren Worten für mich, Herr Challier, und doch kann ich nicht anders handeln. — Sie sind Franzose und wenn es möglich wäre, daß Ihr Vaterland ein Schicksal träfe wie das meinige, so würde Ihr Gefühl natürlich sein. Bei mir, da ist es etwas Anderes, Hannover ist ein kleines Land, ein kleiner Theil jenes großen Deutschlands, das ja doch das gemeinsame Vaterland für uns Alle ist. Wir Hannoveraner lieben unsere Eigenart und Selbständigkeit, wir haben mit fester Treue an den Fürsten gehangen, die so lange über uns geherrscht haben. Wir beklagen und empfinden tief den Verlust unserer Selbstständigkeit, aber wir sind doch immer nur ein Glied des Ganzen, — die neue Regierung, welche über uns herrscht, ist ja auch eine deutsche, und Deutsche bleiben wir auch unter den neuen Verhältnissen. Sollen wir uns darum von dem großen ganzen Vaterlande ausschließen, weil wir nicht weiter leben können, wie wir es bisher gewohnt waren? Für das Recht unseres Königs konnten wir kämpfen, wenn der König aber dies Recht aufgiebt, wie könnten wir in ungewöhnlichem Haß den andern Deutschen gegenüber stehen! Uebrigens,“ fuhr er fort, „werde ich vielleicht nicht immer in meiner Heimath bleiben, nachdem ich meine Verhältnisse dort geordnet und meine Stellung klar gemacht habe, — und darüber,“ fügte er etwas zögernd hinzu, „möchte ich mit Ihnen, Herr Challier, bevor ich scheide, noch ein ernstes Wort sprechen. Sie haben mich mit väterlicher Güte aufgenommen, ich will Ihnen klar und ohne Rückhalt meine Gedanken über die Zukunft mittheilen. Billigen Sie dieselben nicht,“ sagte er seufzend, „so werde ich meine Pläne ändern und Hoffnungen aufgeben, welche mir die liebsten und schönsten sind.“

Herr Challier blickte ihn ein wenig erstaunt an und sagte im herzlichen
Ton:

„Sie wissen, mein junger Freund, daß mein Rath und meine Erfahrung, wenn ich Ihnen mit denselben nützen kann, Ihnen stets zu Gebote stehen.“

Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und lud den jungen Mann ein, in einem
Sessel neben ihm Platz zu nehmen. Dieser jedoch blieb vor dem alten
Herrn stehen, senkte einen Augenblick nachdenkend den Kopf, wie um seine
Gedanken zu ordnen, und sprach dann mit bewegter Stimme:

„Sie haben mich kennen gelernt, Herr Challier, als heimathlosen Flüchtling, und dennoch haben Sie mir freundlich Ihr Haus geöffnet. Sie haben mich in den Kreis Ihrer Familie aufgenommen und ich darf annehmen, daß Sie Vertrauen zu mir haben, obgleich Sie nie vorher Etwas von mir gehört, obgleich Sie nicht wissen, woher ich stamme und welches meine Vergangenheit war.“

„Ich habe Ihnen vertraut,“ erwiderte Herr Challier, „weil Sie hergekommen sind als der Diener eines edlen und unglücklichen Fürsten. Man dient dem Unglück nicht, wenn man nicht ein edles und treues Herz hat, darum habe ich Sie aufgenommen, wie man einen braven und rechtschaffenen Mann aufnimmt, und,“ fügte er mit der den Franzosen so eigentümlichen Höflichkeit des Herzens hinzu, „ich habe mich in meinem Urtheil und meinem Vertrauen nicht getäuscht, denn nun Sie uns verlassen, fühle ich, daß ein Freund von uns scheidet.“

„Ich gehe in mein Vaterland zurück,“ erwiderte Cappei, „um so bald es mir möglich ist, wieder vor Sie hintreten zu können, nicht mehr als der heimathlose Unbekannte, sondern als ein Mann, der Ihnen nachweisen kann, woher er stammt, was er war und was er ist, als ein Mann, der einen, wenn auch kleinen, aber sichern Besitz hat, und der es darum wagen kann, Ihnen eine Bitte auszusprechen, von der sein ganzes Lebensglück abhängt, — die Bitte,“ fügte er mit zitternder Stimme hinzu, „mir das Schicksal Ihrer Tochter Luise anzuvertrauen, welche ich liebe mit aller Wärme und Treue, die das Erbtheil unseres Stammes sind — deren Glück ich alle Kraft meines Lebens widmen werde und ohne welche meine Zukunft öde und freudlos sein würde.“

Der alte Herr Challier hatte ruhig und ernst zugehört. Sein Auge ruhte einen Augenblick mit liebevoller Theilnahme auf dem jungen Mann; dann sprach er mit milder freundlicher Stimme:

„Ich habe Ihnen gesagt, Herr Cappei, daß ich volles Vertrauen zu Ihnen habe, daß ich Sie für einen Ehrenmann halte, — daraus folgt, daß ich, was Ihre Person betrifft, keine Bedenken trage, Ihnen das Glück meiner Tochter anzuvertrauen, — ich bin nicht reich,“ fuhr er fort, „aber ich habe nur die einzige Tochter und besitze genug, um ihr, auch wenn die Wahl ihres Herzens auf einen armen Mann fällt, eine sichere Existenz begründen zu können. Ob Sie Vermögen besitzen oder nicht, ist deshalb nicht entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage, aber,“ fuhr er fort, „die Grundlage einer sorgenfreien Existenz für die Zukunft meiner Tochter liegt in dem Geschäft, das ich hier betreibe. Würde ich es verkaufen, so würde der Kaufpreis in Geld nicht den Werth repräsentiren, den es in der Hand eines geschickten und fleißigen Mannes hat. Deshalb habe ich stets den Wunsch gehegt, daß der Mann, den meine Tochter einst sich zum Gefährten ihres Lebens erwählt, mein Geschäft fortsetzt. Ich fühle es vollkommen,“ fuhr er fort, „was es heißt, sein Vaterland zu verlassen, — aber in Ihrer Heimath sind die Verhältnisse so verändert, und die jetzigen Zustände können Ihnen so wenig erfreulich sein, daß es vielleicht Ihren eigenen Wünschen entsprechen könnte, hierher zurück zu kommen. Haben doch auch viele meiner Landsleute Frankreich verlassen und in Deutschland eine neue Heimath gefunden, warum sollten Sie nicht in unserer Mitte auch Ihre künftige Heimath begründen können? Könnten Sie diesen meinen sehnlichsten Herzenswunsch erfüllen, so würde ich kein Bedenken hegen, die Zukunft meines Kindes Ihnen anzuvertrauen, vorausgesetzt, daß meine Tochter die Gefühle theilt, welche Sie für sie hegen, — worüber Sie,“ fügte er lächelnd hinzu, „vielleicht ein wenig unterrichtet sind.“

„Ich glaube,“ sagte Cappei mit leiser Stimme, „daß Fräulein Luise mir nicht abgeneigt ist —“

Die Thür öffnete sich, die Tochter des Herrn Challier trat ein. Sie hatte eine Freundin besucht und trug einen einfachen kleinen Hut, mit Rosenknospen garnirt, und ein leichtes Tuch um die Schultern. Ihr frisches Gesicht war vom Gang leicht geröthet, ihre glänzenden Augen richteten sich einen Augenblick wie fragend auf ihren Vater und auf den jungen Hannoveraner. Sie eilte auf den alten Herrn zu, bot ihm mit anmuthiger Bewegung ihre Wange zum Kuß dar und reichte dann Cappei mit freundlichem Gruß die Hand.

„Du kommst eben recht,“ sagte Herr Challier, „um eine Frage zu beantworten, welche ich soeben an unsern jungen Freund hier richtete, und über welche er sich ganz klar auszusprechen zu scheuen schien.“

Luise blickte zuerst verwundert auf, ihr Auge suchte das ihres Geliebten, — sie schien zu verstehen, um was es sich handelte, und senkte tief erröthend den Kopf auf die Brust nieder.

„Herr Cappei,“ sagte der alte Herr, „hat mir soeben mitgetheilt, daß er, wenn seine Angelegenheiten in seiner Heimath geordnet sein werden, zu uns zurückkommen will, um Dir seine Hand anzutragen, nachdem Du, wie es scheint, bereits in dem Besitz seines Herzens bist. Ich habe die Entscheidung darüber von Deiner Entschließung abhängig gemacht, — was würdest Du sagen, wenn unser junger Freund hier seinen Antrag nunmehr auch an Dich richtetet?“

Einen Augenblick blieb das junge Mädchen mit gesenktem Kopf stehen, ein flüchtiger, halb scheuer, halb vertrauensvoller Blick traf den jungen Mann, dann richtete sie sich empor, trat mit festem Schritt an die Seite des jungen Mannes und sprach:

„Ich bin eine Tochter der Bragars von St. Dizier, mein Vater, ich verstehe nicht, meine Gefühle zu verbergen, — mögen Andere es für schicklich halten, zu verhüllen, was ihr Herz bewegt, — ich sage offen, was ich empfinde, — ich liebe ihn,“ fuhr sie mit strahlenden Blicken fort, „mein Herz gehört ihm und wird ihm ewig gehören. Und Du, mein Vater, weißt, daß ich meine Liebe keinem Unwürdigen schenke.“

Der Alte blickte mit stolzer Freude auf seine Tochter.

„Brav, mein Kind,“ sagte er, „das ist recht und tapfer gesprochen, und ebenso offen will ich Dir ohne Umschweife antworten. Ich gebe dem Bunde Eurer Herzen mit Freuden meinen Segen.“

Cappei breitete die Arme aus, das junge Mädchen sank an seine Brust und er drückte seine Lippen auf ihr glänzendes Haar.

„Gehen Sie nach Ihrer Heimath zurück, ordnen Sie Ihre Angelegenheiten und,“ fügte er hinzu, „kommen Sie bald zurück, — ich verlange nicht als unerläßliche Bedingung, daß Sie Ihre künftige Heimath hier in unserm Frankreich wählen; ein Mann muß am besten wissen, was er zu thun hat, und ein Weib muß dem Manne ihres Herzens folgen. Ich muß es mir ja gefallen lassen, mein Kind von mir gehen zu sehen, — das ist der Lauf der Natur, aber,“ fuhr er fort, indem seine Lippen bebten und seine Stimme leicht zitterte, „Sie kennen den Wunsch meines Herzens, Sie wissen, wie glücklich es mich machen würde, zu denken, daß mein Kind einst an meinem Sterbebette stehen wird, und daß ich ihr und meinen Enkeln das alte Haus überlassen kann, in welchem so viele meiner Vorfahren seit einer Reihe von Generationen gelebt haben.“

Luise sagte Nichts, langsam hob sie den Kopf von der Brust ihres
Geliebten empor und sah den jungen Mann mit ihren großen glänzenden
Augen fragend und bittend an.

„Ich kehre zurück,“ sagte dieser rasch mit entschlossenem Ton, „um meine Heimath da zu begründen, wo ich das Glück meines Herzens gefunden habe. Ich würde wahrlich lieber garnicht fortgehen, aber ich muß in die Heimath, um meine Angelegenheiten zu ordnen, und mein kleines Vermögen zu sichern. Denn,“ fügte er mit fester Stimme hinzu, „nicht dem heimathlosen Bettler soll Ihre Tochter ihre Hand reichen.“

Ein glückliches Lächeln erhellte das Gesicht des alten Herrn, er streckte seine beiden Hände aus, — die jungen Leute ergriffen sie und beugten sich zärtlich zu ihm herab.

Einen Augenblick blieben alle Drei in inniger Umarmung, sie hörten nicht, daß die Thüre sich öffnete, und erst der Ton rascher Schritte ließ sie aufblicken.

Herr Vergier war eingetreten, — starr und bleich stand er in der Mitte des Zimmers, seine Lippen bebten, seine scharfen, stechenden Augen blickten mit unheimlich spähendem Feuer auf die Gruppe vor ihm.

Die beiden jungen Leute waren zur Seite getreten, der alte Herr erhob sich, ging Herrn Vergier entgegen und sprach, indem er ihn mit kräftigem Händedruck begrüßte:

„Sie sind ein alter Freund meines Hauses, und als solchen will ich Ihnen vor allen Andern zuerst sagen, welches für meine Familie so wichtige Ereigniß hier so eben sich vollzogen hat.“

Er theilte mit kurzen Worten Herrn Vergier, dessen blitzende Augen mit höhnischen, feindlichen Blicken auf den beiden jungen Leuten ruhten, welche Hand in Hand hinter ihrem Vater standen, die Verlobung seiner Tochter mit.

„Sie wissen,“ sagte Herr Vergier, als der Alte geendet, mit zitternder, rauh klingender Stimme, indem seine Gesichtszüge vor heftiger Aufregung zuckten, „wie tiefen Antheil ich an Allem nehme, was Ihr Haus betrifft, — aber die Gefühle, welche mich bei der Mittheilung erfüllen, die Sie mir so eben gemacht, können nicht erfreulich sein,“ fügte er mit bitterm Ton hinzu. „Ich hatte Hoffnungen gehegt, welche durch das, was Sie mir sagen, auf immer zerstört worden sind. Fräulein Luise,“ fuhr er mit brennendem Blick fort, „kannte diese Hoffnungen, sie hat mir dieselben bisher nicht genommen. Sie hatte ein Jahr verlangt, um mir eine bestimmte Antwort zu geben, und nun sehe ich, daß sie nur eine so kurze Frist gebraucht hat, um sich über die Wahl ihres Herzens zu entscheiden.“

Mühsam nach Fassung ringend, stützte er sich auf die Lehne eines Stuhls.

Luise sah ihn mit einem weichen Blick aus ihren offenen klaren Augen an.
Rasch trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand.

„Niemand ist Herr der Gefühle seines Herzens,“ sagte sie — „Sie waren der Freund meiner Kindheit, bleiben Sie mein Freund für mein künftiges Leben und verzeihen Sie mir, wenn ich die Gefühle nicht erwidern konnte, die Sie mir entgegen trugen, — Sie werden das vergessen,“ fügte sie freundlich hinzu, — „Sie werden gewiß, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen wünsche, bei einer andern Wahl mehr Glück finden, als ich Ihnen hätte bieten können.“

Herr Vergier hatte nur zögernd die Hand des jungen Mädchens einen
Augenblick ergriffen.

„Es ist nicht nur der Schmerz um den Verlust meiner Liebe,“ sagte er mit einer noch immer vor Aufregung halb erstickten und unsichern Stimme, „welche mich bewegt, aber ich bin Franzose, und es schneidet mir in's Herz, daß ich die Tochter meines Freundes, deren Glück mir theuer ist, wie mein eigenes, sich ihrem Vaterlande entfremden sehe. Der Krieg mit diesem Preußen, das drohend an unsern Grenzen steht, ist nur eine Frage der Zeit. Er wird vorbereitet von beiden Seiten, er muß kommen, Jedermann in Frankreich fühlt das, man hat schon mehrfach deutsche Spione bei uns entdeckt. Und schon sind Stimmen laut geworden,“ fuhr er immer eifriger fort, indem sein Gesicht vor Aufregung zuckte, und seine Blicke sich wie Dolchspitzen auf den jungen Emigranten richteten — „schon sind Stimmen laut geworden, welche behaupten wollen, daß diese hannöversche Legion, welche so plötzlich auseinandergeht, nur der Deckmantel gewesen sei, um genaue Kundschaft über die inneren Verhältnisse unseres Landes zu erhalten. — Und wenn ich denken sollte,“ rief er, seiner nicht mehr mächtig, indem ein leichter Schaum auf seine Lippen trat, — „daß meine Geliebte ein Werkzeug werden sollte in der Hand eines Feindes Frankreichs — —“

Eine helle Zornröthe flammte aus dem Gesicht des jungen Hannoveraners auf, mit einem raschen Schritt trat er zu Herrn Vergier hin, mit einer drohenden Bewegung erhob er die Hand —

Luise warf sich ihm entgegen; bittend faltete sie die Hände, ihre Augen richteten sich mit magnetischer Gewalt auf ihren Geliebten.

Dieser ließ langsam den Arm sinken, der Ausdruck seines Gesichts wurde ruhig, beinahe sanft und milde.

„Ich habe Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan, mein Herr,“ sagte er, „ich bin störend eingetreten in die Hoffnungen Ihres Herzens, ich verstehe Ihren Schmerz und Ihre Aufregung, — ich muß Ihnen viel vergeben, — aber Worte, wie Sie so eben ausgesprochen, sollte niemals ein Mann von Ehre einem Andern sagen. Ich bin nach Frankreich gekommen,“ fuhr er fort, „im Dienst meines Königs und als ein Feind jener Macht, welche wie Sie glauben, mit Ihrem Vaterland in Kampf treten soll. Dies allein sollte mich vor einem so elenden und niedrigen Verdacht schützen, wie Sie ihn gegen mich ausgesprochen, aber ich glaube, Herr Challier und Fräulein Luise kennen mich genug, und auch Sie sollten mich genug kennen, um zu glauben, daß auch wenn ich nicht als Hannoveraner und als Legionair des Königs Georg hergekommen wäre, ich doch unfähig sein würde, in solcher Weise Vertrauen und Gastfreundschaft zu täuschen. Wenn Sie ruhig darüber nachdenken, werden Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und,“ fügte er mit offener Herzlichkeit hinzu, „ich hoffe, Sie werden vergessen, was ich Ihnen, ohne es zu wollen, Böses gethan und dahin kommen, die Freundschaft, welche Sie für Herrn Challier und seine Tochter gehegt, auch mir zu schenken; seien Sie überzeugt, daß ich Alles thun werde, um mich derselben würdig zu machen.“

Luise dankte mit einem innigen Blick ihrem Geliebten für seine Worte.

Herr Vergier hatte mit gewaltiger Anstrengung seine tiefe Aufregung bemeistert. Er zwang seine zuckenden Lippen zu einem freundlichen Lächeln, er schlug seine Augen nieder und reichte Cappei die Hand.

„Verzeihen Sie mir,“ sagte er mit tonloser Stimme, indem seine Worte nur einzeln und abgebrochen hervordrangen, „verzeihen Sie mir meine kränkende Aeußerung. Mein augenblickliches Gefühl riß mich hin, — ich bin Franzose und mißtrauisch gegen alle Fremden. Ich will die Vergangenheit und die Täuschung meiner Hoffnungen zu vergessen suchen; vielleicht wird die Zeit uns in Freundschaft zusammenführen.“

Cappei ergriff Herrn Vergiers dargebotene Hand.

Diese Hand war feucht und kalt wie Eis, sie erwiderte den Druck des
Hannoveraners nicht und erschrocken ließ dieser sie wieder los.

„Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe,“ sagte Herr Vergier, „ich passe in diesem Augenblick nicht in Ihre Gesellschaft.“

Und mit einer flüchtigen Verbeugung sich empfehlend, eilte er hinaus.

„Der Arme thut mir leid,“ sagte der alte Herr Challier, ihm nachblickend, „er ist eine so heftige, leicht erregbare Natur, er wird sehr leiden —“

„Ich hätte ihn doch nicht lieben können,“ sagte Luise, indem sie mit leichtem Kopfschütteln vor sich niederblickte. „Wenn mein Herz nicht gesprochen hätte,“ fügte sie, ihrem Geliebten die Hand reichend, hinzu, „wenn ich ihm vielleicht ohne Liebe meine Hand gegeben hätte, so wären wir Beide unglücklich geworden.“ —

Lange noch saßen die beiden jungen Leute beisammen. Freundlich hörte der alte Herr ihr Geplauder und ihre Pläne für die Zukunft an. Es wurde beschlossen, daß der junge Cappei schon am nächsten Morgen abreisen sollte. —

Luise erhob keine Einwendungen gegen diesen Beschluß.

„Je schneller er fortgeht,“ sagte sie lächelnd, „um so schneller wird er wiederkehren, und um so schneller werden wir zu einem ruhigen und dauernden Glück kommen, das dann Nichts mehr stören wird.“ — —

Am späten Abend brach der junge Mann auf, um noch einmal seine Landsleute, welche um Mitternacht abreisen wollten, zu sehen und mit ihnen die letzten Augenblicke zu verleben.

Sinnend und gedankenvoll schritt er durch die lange Hauptstraße der Stadt nach dem Marktplatz hin. An der Ecke desselben befand sich der Restaurant, in dessen Saal die Legionaire versammelt waren. Die Hannoveraner saßen hier um einen großen Tisch — zahlreiche Freunde aus der Stadt waren bei ihnen, um die letzten Augenblicke mit den ihnen lieb gewordenen Gästen zu verbringen, die so lange unter ihnen geweilt hatten.

Auf dem Tische stand eine große Punschbowle, welcher jedoch heute nur sehr mäßig zugesprochen wurde, — alle Gesichter waren ernst und oft stockte die Unterhaltung. Alle diese einfachen Leute, welche die großen Erschütterungen der Zeit hier im fremden Lande zusammengeführt hatten, fühlten, daß heute die Vergangenheit, welche sie in liebevoller Erinnerung im Herzen trugen, für immer abgeschlossen werde, daß das letzte Band, welches sie hier in der gemeinsamen Verbannung mit der alten Heimath und Allem, was sie Liebes in sich schloß, noch verband, nun für immer zerriß und daß sie nun als Fremde allein und vereinsamt hinaustreten müßten in ein schweres feindliches Leben, um auf ihre eigene Kraft die Zukunft zu erbauen in mühevoller Arbeit.

Der junge Cappei trat ein. — Traurig überblickte er diese Versammlung seiner Kameraden, welche so oft hier heiter und fröhlich beisammen gewesen waren und welche nun auseinander gehen sollten, um sich schwerlich jemals in dieser Welt vereinigt wieder zu begegnen.

Er setzte sich schweigend neben den Unterofficier Rühlberg.

„Was könntet Ihr Euch für eine schöne Zukunft machen,“ sagte dieser, indem er dem jungen Manne ein Glas Punsch reichte, — „wenn Ihr mit uns gingt, — Ihr seid noch jung und kräftig, — geschickt zu aller Arbeit und habt mehr gelernt, als wir Alle, — Ihr würdet ein schönes Vermögen in Algier erwerben, — das Euch hundertmal den kleinen Hof daheim ersetzen würde, — von dem Ihr noch gar nicht einmal wißt, ob Ihr ihn erhaltet, — ich sage Euch noch einmal, — geht mit uns, — laßt die Phantasie im Stich, die Ihr Euch in den Kopf gesetzt habt, — es hat noch nie zu etwas Gutem geführt, wenn junge Leute von der Liebe sich den Kopf verdrehen lassen.“

„Ich bitte Euch, Rühlberg,“ sagte Cappei sanft aber bestimmt — „laßt mich, — mein Entschluß ist gefaßt, — versprecht mir,“ fuhr er abbrechend fort, „Nachricht zu geben, wie es Euch und den Andern geht — ich muß Euch sagen, daß ich nicht viel Vertrauen zu Eurem Unternehmen habe, — hätte der König die Sache gemacht durch einen Vertrag mit der französischen Regierung, so wäre es etwas Anderes gewesen, — aber so, — Ihr werdet vielleicht später einsehen, daß es besser gewesen wäre, gleich nach der Heimath zurückzukehren. — Doch Jeder hat seinen Entschluß gefaßt und muß ihm folgen.“

Er wendete sich zu seinem Nachbar auf der anderen Seite.

Es verging noch eine halbe Stunde, — dann zog der Unterofficier die Uhr und sagte tief aufathmend:

„Es ist Zeit, Leute, — wir müssen aufbrechen!“

Alle erhoben sich.

Rühlberg ergriff sein Glas.

„Wir sind heute zum letzten Male beisammen,“ sprach er mit etwas unsicher klingender Stimme, — „und wir wollen auch dies letzte Mal von der alten Sitte hannöverscher Soldaten nicht abweichen, — ein Glas auf das Wohl unseres Königs zu leeren. Sonst haben wir das mit lautem Hurrah gethan, — das wird uns heute nicht mehr frei aus der Brust herauskommen, heute ist unsere Vergangenheit, unsere alte Heimath, unser König für uns gestorben — leeren wir ein stilles Glas zum Andenken an unsern Kriegsherrn, an unsre Armee, an unsere Heimath.“

Alle tranken schweigend und so manches ehrliche treu blickende blaue
Auge verschleierte sich mit feuchtem Schimmer, — mancher blinkende
Thränentropfen fiel in die Gläser, welche die treuen Söhne
Niedersachsens in dieser Stunde des letzten Abschieds von der
Vergangenheit dem Andenken ihres Königs weihten.

Dann brach man auf.

Jeder nahm sein kleines Gepäck, — viel hatten sie nicht, diese armen Soldaten des Exils — und in schweigendem Zug ging man durch die dunkeln, leeren Straßen der Stadt nach dem kleinen Bahnhofe. Die letzten Augenblicke vergingen unter Abschiednehmen der Soldaten unter einander und von ihren französischen Freunden, deren sich noch mehrere am Bahnhof eingefunden hatten, — auch Herr Vergier war gekommen und stand bleich und finster unter den Uebrigen auf dem Perron, schweigend die Händedrücke der Scheidenden erwidernd.

Da begann in der kleinen Kirche von der baumbekränzten Anhöhe über der
Stadt her eine Glocke zu läuten.

Es war die Sterbeglocke, welche die Gebete begleitete, die die Priester für einen aus dem Leben geschiedenen Bürger der Stadt zum Himmel sendeten.

Die einfachen durch die Nacht her klingenden Töne ergriffen mächtig alle diese ernst und traurig gestimmten Menschen. Die Franzosen nahmen die Hüte ab und sprachen ein stilles Gebet für die Seele des Gestorbenen, — auch die Hannoveraner falteten die Hände — Niemand wußte, welchem Todten dies Geläut galt, — aber auch ihnen starb ja heute für immer, was sie so lange im Herzen getragen und so sehr geliebt hatten, — ihre Heimath und ihr König.

Der Zug brauste heran, — noch ein Händedruck, — ein letztes Abschiedswort — und die Hannoveraner stiegen ein in die Waggons, welche sie ihrer neuen unbekannten Zukunft entgegenführen sollten.

— „Adieu — adieu — bonne chance!“ tönte es aus den Gruppen der Bürger von St. Dizier — Cappei mit den wenigen Emigranten, welche sich zur Ueberfahrt nach Amerika entschlossen hatten, standen schweigend, mit feuchten Blicken schauten sie auf die Scheidenden hin, — fast zog es den jungen Mann einen Augenblick denen nach, deren Schicksal so lange mit dem seinigen verbunden gewesen war, und die nun ohne ihn hinauszogen zu einem Leben voll Abenteuer und Gefahren — da trat das Bild Luisens mit ihren sanften und liebevollen Augen vor seine Seele — rasch näherte er sich noch einmal dem Waggon und streckte dem Unterofficier Rühlberg, der am Schlage saß, die Hand hin.

„Gott befohlen!“ sagte er mit erstickter Stimme, — „und — auf fröhliches
Wiedersehn!“

„Das wird schon kommen,“ erwiderte der Unterofficier mit einem etwas gezwungenen Lachen, hinter dem er seine innere Bewegung zu verbergen trachtete, „Ihr werdet zur Einsicht kommen — wir werden Euch einen Platz offen halten.“

Die Schaffner eilten an den Zug, — die Locomotive pfiff und langsam begannen die Räder zu rollen.

Noch einmal winkten die Zurückblickenden mit den Händen, mit leisem aber klar durch die nächtliche Stille dringenden Ton schallte das Sterbeglöcklein von der alten Kirche herüber, — die Legionaire auf dem abfahrenden Zug begannen ihr traditionelles Soldatenlied:

„Wir lustigen Hannoveraner sind alle beisammen —“

aber die Töne erklangen in langsamerem Rhythmus als sonst und wie der Zug so immer mehr sich entfernend in die Nacht hinausfuhr, vom klagenden Glockenton begleitet, — da klang das Lied, das sonst so fröhlich in Lager und Feld erschallt war, wie ein Grabgesang an der Bahre eines Todten, den man zur letzten Ruhe hinausführt.

Noch einige Augenblicke und Alles war in der dunkeln Ferne verschwunden, — weithin verklang das Schnauben der Maschine und das Rollen der Räder.

Cappei trennte sich von den Uebrigen und ging langsam zur Stadt zurück.

In einer ziemlichen Entfernung folgte ihm Herr Vergier, der sich ebenfalls sogleich nach der Abfahrt des Zuges isolirt hatte. Seine Blicke hefteten sich unbeweglich auf den jungen Mann vor ihm und seine Augen schienen in grünlichem Feuer durch die Nacht zu leuchten, während seine Züge von Grimm und Haß entstellt waren.

Cappei machte einen Umweg und ging an Herrn Challiers Haus vorbei, das in tiefer Ruhe und Dunkelheit da lag.

Einen Augenblick blieb er dort vor dem großen geschlossenen Thor stehen, — er drückte beide Hände an die Lippen und warf einen Kuß nach dem Hause hin.

„Gute Nacht, meine süße Geliebte,“ flüsterte er, — und schritt dann rasch weiter nach seiner in der Nähe des Marktplatzes belegenen Wohnung.

Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des
Challier'schen Hauses gekommen.

Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in der Dunkelheit verschwand, nach.

„Hätte ich eine Waffe bei mir,“ flüsterte er mit zischender Stimme, „so könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes, — diesen Räuber meiner Liebe vernichten!“

— „Aber geh' nur hin,“ sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen Himmel erhebend, — „es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den Stahl, — ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur hin, — Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden Frankreichs, — den Du als Verräther betreten, — Du sollst nicht zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und mir das Glück meines Lebens zu stehlen.“

Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach, — dann wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.

Viertes Capitel

Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte.

Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten aus ihren Augen.

Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen guten angenehmen Tänzer.

Und Fräulein Anna, hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit gleichgültigem Lächeln an — sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn ihrer Mutter zu trotzen.

Der Commerzienrath hatte viel mit dem Baron Rantow verkehrt und oft hatte er bei Tische erzählt, wie vortrefflich das Geschäft sei, welches er in Gemeinschaft mit dem Baron zu machen im Begriff stehe. Er hatte seiner Frau, welche aufmerksam, mit großem Interesse seinen Mittheilungen folgte, auseinandergesetzt wie hoch der Gewinn sein würde, welchen die Gesellschaft, welche er gegründet, aus der auf den Gütern des Barons eingeführten Industrie ziehen müsse und um wieviel sich zugleich durch diese Combination das Vermögens des Barons und das dereinstige Erbtheil seines einzigen Sohnes vergrößern werde. Er hatte dabei die persönliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn von Rantow und seine Aussichten auf eine brillante Carriere ganz besonders hervorgehoben, indem er mit listigem Schmunzeln einen forschenden Blick auf seine Tochter warf. Aber jedesmal, wenn es geschehen war, hatte Fräulein Anna ihn so kalt und streng zurückweisend angesehen, hatte seine Bemerkungen mit einem so unverbrüchlichen eisigen Schweigen aufgenommen, daß der alte Herr, welcher seine Tochter abgöttisch liebte und ihr gegenüber stets nur schwache Versuche machte, seinen Willen durchzusetzen, schnell auf ein anderes Gesprächsthema übergegangen war.

Dann war die ganze Familie einmal bei dem Baron von Rantow zum Thee eingeladen worden. Man hatte dort einige ältere Herren, Freunde des Barons, gefunden, welche sehr vornehme Namen trugen und sehr vornehme Manieren hatten, und die Commerzienräthin hatte in diesen Kreisen noch steifer, noch würdevoller als je dagesessen und mit einem unzerstörbaren Lächeln auf den Lippen an der Unterhaltung nur durch kurze sentenzenhafte Bemerkungen Theil genommen, welche die strengsten aristokratischen Grundsätze aussprachen.

Der Commerzienrath war lebendiger, beweglicher und gesprächiger als je gewesen, er hatte den Baron mehrere Male „mein verehrter Freund“, einmal sogar „mein lieber Freund“ genannt. Er hatte seine finanziellen Ideen unter großer Aufmerksamkeit der Zuhörer entwickelt, er hatte von den Hunderttausenden erzählt, die er in diesem und in jenem Geschäft engagirt habe; er hatte die Bezugsquellen seiner vortrefflichen Weine mitgetheilt, und ein alter Graf hatte ihn sogar freundlich auf die Schulter geklopft und ihm versprochen, ihn einmal zu besuchen, um seinen Château Lafitte zu probiren.

Kurz Herr und Frau Cohnheim waren glücklich und befriedigt über diese intime Soirée bei dem Baron.

Der Referendarius von Rantow hatte seine ganze Aufmerksamkeit Fräulein Anna gewidmet, ohne indeß etwas Anderes erreichen zu können als einige hingeworfene, gleichgültige, oft sogar etwas sarkastische Bemerkungen.

Als man wieder nach Hause gekommen, hatte die Frau Commerzienräthin ihrer Tochter abermals eine Vorlesung über ihr abstoßendes Benehmen gegen den jungen Rantow gehalten, ohne etwas Anderes zu erzielen, als ein tiefes Schweigen ihrer Tochter.

Der Commerzienrath hatte einen schwachen Versuch gemacht, seine Frau zu unterstützen, er hatte einige Andeutungen fallen lassen, was der junge Herr von Rantow für eine gute Partie sei, und wie die Damen der höchsten Aristokratie glücklich sein würden, wenn seine Wahl auf sie fallen sollte, aber schnell hatte er sich vor dem ernsten abweisenden Blick seines Lieblings zurückgezogen und seiner Frau allein die Sorge überlassen, eine Idee, welche er mit besonderer Liebe in sich trug, dem jungen Mädchen annehmbar zu machen.

Fräulein Anna hatte nach dieser Soirée eine schlaflose Nacht zugebracht, sie hatte seit jenem Ball von dem Lieutenant von Büchenfeld Nichts wieder gehört. Er hatte in dem Hause des Commerzienraths einen Besuch gemacht zu einer Zeit, wo er gewiß war, Niemand zu Hause zu treffen; obgleich Anna fast den ganzen Tag an ihrem Fenster saß und auf die lebhafte Thiergartenpromenade herabsah, hatte sie doch niemals den erblickt, den ihre Augen suchten, nach dem ihr Herz sich sehnte.

Sie saß nachdenkend auf dem Divan in ihrem eleganten Schlafzimmer, das durch eine Hängelampe mit dunkelblauem Schirm erleuchtet war. Ihr schöner Kopf war auf ihre zarte, schlanke Hand gestützt und ihre aufgelösten Haare fielen über den weißen Arm nieder, von welchem der weite Ärmel ihres faltigen Schlafrockes von grauer Seide herabgesunken war.

„Er liebt mich,“ flüsterte sie leise vor sich hin, — „das hat mein Herz lange empfunden, er hat es mir gesagt, und wenn er das sagt, so ist es wahr, denn für ihn ist die Liebe kein Spiel, und seine Worte sind ein Felsen, dem ich unbedingt vertraue. Aber warum ist er verschwunden,“ fuhr sie fort, „warum hat er seit jenem Tage, der alle fremden Schranken zwischen uns hätte hinwegräumen sollen, der uns gegenseitig unsere Herzen geöffnet hat, Nichts mehr von sich hören lassen? Warum hat er einen ceremoniellen Besuch gemacht, als er wußte, daß er uns nicht finden konnte? Ich kann das nicht ertragen,“ rief sie, leicht mit dem zierlichen Fuß auf den Boden tretend, „diese unklare, peinliche Lage muß ein Ende nehmen. Meine Mutter verfolgt mich mit diesem Herrn von Rantow, — es ist ein Plan vorhanden, in den ich nicht einwilligen werde! Auch mein Vater scheint ähnliche Gedanken zu haben. Nun,“ sagte sie trotzig die Lippen aufwerfend — „das beunruhigt mich nicht, mein Vater wird mir gegenüber nicht den Tyrannen spielen, — aber ein Ende muß das nehmen, klar muß Alles werden! Doch wie,“ sprach sie sinnend, „was soll ich meinen Eltern sagen, wenn sie mit directen Vorschlägen an mich herantreten? Soll ich ihnen sagen, ich liebe einen Mann, der es nicht der Mühe werth hält, sich mir zu nähern?“

Sie sann lange nach.

„Sollte ich ihn gekränkt haben,“ flüsterte sie leise — „er ist empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein,“ rief sie dann, „ich erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine Liebe zu ihm aus. Nein,“ rief sie, „er kann nicht zweifeln, daß mein Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn, der ihn von mir zurückhält. Und hat er,“ fuhr sie fort, indem ihre Augen sanft und weich vor sich hinblickten, „hat er nicht Recht, so stolz zu sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade,“ rief sie leidenschaftlich, „darum liebe ich ihn — aber soll ich ihn verlieren, weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für immer von mir gehen lassen — es klang wie ein Abschied in seinen letzten Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu zu werden? Ich muß ihn sehen,“ sagte sie aufspringend, „ich muß ihn sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh,“ sagte sie, sich hoch aufrichtend, „diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu erwerben, — ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle. Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles, was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben.“

Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig, während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen.

Dann las sie dieselben durch.

„Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue,“ sagte sie, „jedem andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein — aber er wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich mich so in seine Hände gebe.“

Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine
Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.

„Es wird Licht werden,“ sagte sie dann, „ich werde den Brief zur Post tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner Bitte folgen.“

Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen Glückes.

* * * * *

Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt, kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen.

Er hatte sich eine Zeit lang von seinen Gefühlen hinreißen lassen, er war dem jungen Mädchen näher und näher getreten, endlich aber hatte er mit dem festen Entschluß sich von allen Illusionen zu trennen sich gegen sie aussprechen wollen, um zugleich für immer von ihr Abschied zu nehmen.