In ähnlicher Weise ging es auch mit der Erziehung der Kinder. Der Kanzler drang zwar darauf, daß Johann in die kurfürstl. Kanzlei käme und die beiden andern, Paul und Martin, mit der Mutter Verwilligung weg zu einem Magister in Wohnung, Kost und Unterricht, also zu fremden Leuten gethan würden. Und so billigte es auch der Kurfürst[608].

Damit mußte auch die Witwe zufrieden sein und „ihr solches gefallen lassen und sich mit den Vormündern darüber vergleichen.“ So berichtete wenigstens Brück an den Kurfürsten. Nun ordnete der Kurfürst auf den Bericht des Kanzlers an, daß die Vormünder den ältesten Sohn vor sich forderten und an ihm vernähmen, ob er im Studio fortzufahren geneigt und wenn er jetzo dermaßen geschickt, daß seines Studieren halber Hoffnungen sei, so solle man es noch ein halb Jahr mit ihm versuchen; sollte er aber dazu weder geschickt noch geneigt sein, so wolle der Kurfürst ihn auf seine Kanzlei nehmen. Die zwei jungen Söhne aber sollten „von der Mutter zu einem tauglichen Magister oder Präceptor gethan werden, bei denen sie wesentlich sein und ihre um ein gleich (billiges) Geld Kost haben oder irgendwo mit ihm zu Tisch gehen, bei denen sie auch eine Scheu und Furcht haben und also in der Lehr und Zucht zum besten aufgezogen werden und darinnen verharren.“ Mit dieser Entfernung der Kinder aus dem Hause sollte nun auch zugleich die Haushaltung der Witwe aufgelöst werden[609].

Daß diese Zumutungen bei Katharina einen großen Kampf kosteten, läßt sich denken. Wenn sie auch wohl zuerst bei dem gemeinsamen Ansturm aller Freunde und Gönner diesen Plänen nachgegeben hatte, jetzt, als sie zur wirklichen Ausführung kommen sollten, wehrte sich die Mutter mit aller Macht dagegen. Vier Wochen dauerte der Kampf und — Katharina blieb siegreich[610].

Die Vormünder Kreuziger, Melanchthon und Reuter nahmen auf des Kurfürsten Befehl zuerst den ältesten, Johann, vor. Sie stellten ihm vor, daß S.K.Gn. geneigt wäre, ihn in seine Kanzlei zu nehmen. „Dieweil er denn in einem solchen Alter wäre, daß er billig bedenken solle, was er endlich vornehmen wolle: ob er bei dem Studio wollte bleiben oder nicht, und die Vormünder ihn zur Kanzlei tüchtiger erachteten, so wollten sie ihm gern dazu raten; zudem daß es an sich ein löblicher und nützlicher Stand sei, darin er zu Gottes Lob und zu gemeiner Wohlfahrt dienen und seiner lieben Mutter, Schwester und Brüdern tröstlich sein könne; er sollte daher dankbar das kurfürstliche Anerbieten annehmen und diesen Stand nicht ausschlagen.“

Darauf folgte eine lange Hin- und Widerrede und eine schriftliche Antwort von Hans des Inhalts: „Ehrwürdige, liebe Herren! Des Durchl. Kurf. Befehl meine Person anlangend habe ich in Untertänigkeit und dankend angehört. Nun versteh ich wohl, daß der Stand in der Kanzlei ein sehr ehrlicher (ehrenvoller) Dienst ist, ich weiß aber, daß mein lieber Vater vor dieser Zeit nicht hat willigen wollen, daß ich außer der Schul ziehen soll. So wollt ich gern länger studieren. Ich will mich auch durch Gottes Gnade in allem Gehorsam und Unterthänigkeit gegen Gott, S. Kurf. Gn. und meiner lieben Mutter allezeit halten. Und bitte, S. Kurf. Gn. wollen mir gnädiglich zulassen, noch ein Jahr in artibus („in den freien Künsten“) zu studiren, mich in lateinischer Schrift besser zu üben. Und so ich alsdann zu einer Fakultät tüchtig, wollt ich lieber procediren (fortfahren) im Studio; so mich aber S.K.Gn. alsdann gnädiglich gebrauchen wollten, stelle ich dasselbe auch zu S.K.Gn. in Unterthänigkeit. Johannes Lutherus.“

Weiterhin forderten die Vormünder den jetzigen Präzeptor der zwei jungen Knaben, Ambros Rutfeld, vor und erkundigten sich nach den Knaben. Des einen, Martin, Schrift sahen sie an und befanden ihn wohl studiert; Paul war etliche Wochen krank gewesen, erwies sich zur Musik geschickt, der Grammatik aber nicht so fähig.

Dann zeigten die Vormünder der Mutter Sr. Kurf. Gn. „gnädiges Gemüt an, daß sie zum Studio treulich und fleißig angehalten und mit Lehr und Wohnung bei einem Magister in der Stadt bestellet würden.“

Die Mutter gab folgende Antwort: „Sie zweifle nicht, S. Kurf. Gn. meine dieses gnädiglich, und sie danke unterthänig. Aber sie bitte zu bedenken, weil der jüngste oft schwach (krank) sei, daß er an andern Oertern nicht besser sein könne, denn bei der Mutter. Zudem so seien allhie die Magistri also beladen (übersetzt) in ihren eigenen Wohnungen, daß die Kinder ohne Fährlichkeit ihrer Gesundheit nicht wohl bei ihnen zu bestellen seien. Auch möchten sie unter dem fremden ungleichen jungen Volk eher in böse Gesellschaft geraten, denn bei ihr, dieweil sie doch aus dem Haus ohne ihre Erlaubnis nicht gehen dürften.“

Diese Gründe erkannten die Vormünder an; und weil nun die Söhne nicht von der Mutter kommen, sondern weiter bei ihr bleiben sollten, so erheischte auch der Kinder und der Witwe Notdurft nicht mehr, daß die Haushaltung eingezogen und vergebliche Kosten abgeschnitten wurden. Die Vormünder brachten darum auch den weiteren kurfürstlichen Auftrag gar nicht zur Verhandlung, „daß das unnötige Gesinde hinweg gethan wurde und von dem jährlichen Einkommen die Witwe und Kinder ihre Haushaltung bequemlich haben, auch darüber nicht in Schulden gedeihen möchten.“ Die Vormünder erklärten vielmehr dem Kurfürsten, die Knaben seien jetzund mit einem gelehrten treuen Gesellen bestellet, sie wollten auch selber ein Aufsehen auf Martini Studio haben, hätten auch bereits das Nötige angeordnet. Und sie trugen darum auch um so lieber auf den Ankauf des Gutes Wachsdorf an. Demgemäß entschied nun der Kurfürst mit Ratzebergers Zustimmung: er wolle es bei dem Entschlusse Hansens bewenden lassen; sei auch einverstanden, daß er und seine Brüder nun bei der Mutter blieben, versehe sich aber nun, daß des Doktors sel. Söhne alle drei unter dem Hauslehrer und der Vormünder Aufsicht zu Zucht, Tugend und Lehre mit Fleiß angehalten würden, ihnen auch nicht viel versäumliches Spazierens verstattet werde. „Denn Wir wissen, daß des Doktors Gemüt mit höchster Begierde dahin gerichtet gewest, daß seine Söhne studieren sollten.“ Von einer Einschränkung oder Auslösung der Haushaltung war nicht mehr die Rede.

So hatte Frau Katharina schließlich doch ihr „Gemüt“ durchgesetzt: das alte, liebgewordene, durch so viele große Erinnerungen geheiligte Klosterhaus blieb ihr Besitz und ihr Wohnsitz, die Kinder durfte sie alle um sich haben und Wachsdorf wurde den Söhnen zu teil als ein rittermäßiges Mannlehen; und damit hatte sie die Genugthuung, daß ihre Kinder wieder ein edelmännisches Erbgut besaßen, nachdem der adelige Besitz ihrer eigenen Familie völlig zerstoben war.

Die Familie blieb also im Klosterhause beisammen. Hans besuchte die
Kollegien und die beiden Knaben lernten bei ihrem Präzeptor Rutfeld. Das
Töchterlein wurde von der Mutter erzogen.

In der ersten Trauerzeit hatte die Frau Doktorin unmöglich ihren großen Haushalt und Kosttisch mit den vielen fremden Tischgenossen weiter führen können. So waren manche ausgezogen. M. Besold z.B. bat Melanchthon, ihn aufzunehmen. Frau Katharina kam auch wohl wegen der ungewissen Zukunft ihrer Lage nicht so bald dazu, den Kosttisch wieder im alten Umfang anzufangen.

Der lahme alte Wolf, der Famulus des Doctors, war auch noch da. Die Vormünder mußten hören, ob er noch länger bei der Frau bleiben, auch ob sie ihn behalten wollte oder nicht. Wahrscheinlich ist er, der so sehr mit dem Klosterhause verwachsen war, doch geblieben, obwohl er einmal auf eine frühere gleiche Anfrage Luthers, ob er bei seiner Frau bleiben wolle, ausweichend geantwortet hatte, wenn Luther sterbe, möchte er am liebsten auch selber gleich begraben werden, und Frau Katharina wird ihn auch behalten haben; abgesehen von den 40 Gulden Pension, die sie, wie Kanzler Bruck meinte, „mit einbrocken“ konnte, war er doch zu sehr eingeweiht in alle Verhältnisse des Hauses, und Frau Käthe behielt ihn, wenn er auch nicht nur lahm, sondern nach Luthers Zeugnis auch nachlässig, bequem und gedankenlos war und am liebsten am Vogelherd saß.

Das übrige Gesinde wird wohl beschränkt worden sein, wie der Kanzler und der Kurfürst verschiedentlich betont hatten. Denn auch die Gastfreundschaft war in dem Klosterhause nicht mehr in dem alten Umfang nötig: die Besuche, Feste, Tischgesellschaften der zahlreichen Freunde und Bekannten, der flüchtigen und Bittsteller, der Gesandtschaften und Studierenden ließen nach oder hörten ganz auf. Aber freilich neue Mühe und Arbeit erwuchs der Doktorin in dem neuen Landgut, zumal da jetzt die Heu- und Fruchternte bevorstand. Doch solche Arbeit war der thatkräftigen Domina eine Lust und Freude. Neben der Landwirtschaft betrieb Frau Käthe jetzt ihre „Tischburse“ weiter. Es starb ihr aber leider gar bald am 30. Mai ein junger Tischgeselle Weidhofer aus Oesterreich hinweg[611].

Die eben Witwe gewordene hatte auch selber zu sorgen für eine andere Waise, ihren Neffen Florian. Die Mutter desselben hatte sie angegangen, dem jungen Studenten namentlich mit Büchern nachzuhelfen; sie meinte wohl — irrigerweise —, das könnte aus der Bibliothek Luthers geschehen oder durch Bücher von einem abgehenden oder verdorbenen andern Tischgenossen, wie das ja vorkam. Frau Käthe schreibt da ihrer Schwägerin:

„Was Euern Sohn, meinen lieben Ohmen antrifft, will ich gerne thun, so viel ich kann, wenn es allein sollt an ihm angelegt sein. Wie ich mich denn gänzlich versehe, er werde dem Studieren mit allem Fleiß folgen und seine köstliche, edle Jugend nicht unnützlich und vergeblich zubringen. Wenn er aber in seinem Studieren ein wenig besser zunehmen und nun andere und mehr Bücher bedarf, sonderlich so er die Rechte studieren sollte, könnt Ihr, liebe Schwester, selbst gedenken, daß ich ihm solche Bücher, die er dazu bedarf, nicht werde geben können. Und (er) wird ein wenig einen größern Nachdruck müssen haben, damit er sich das Ding alles, was dazu gehört, schicken kann. Wär' derhalben sehr vonnöten, daß, wie Ihr mir schreibet, Euren Sohn, meinem lieben Ohmen, ein jährlich Geld zum Stipendio gegeben würde. Also könnte er desto besser beim Studieren bleiben und seinem Ding leichtlicher nachkommen. — Von dem allem aber, das ich bei ihm thun kann, will ich Euch bei (durch) meinem Bruder Hans von Bora, alsbald er hieher zu mir kommen wird, weiterm Bericht und Bescheid geben.“[612]

Dies Stipendium erhielt auch Florian mit Hilfe Katharinas[613].

Zu Ostern kam also Bruder Hans von Krimmitschau, wo ihm vom Kurfürsten die Karlhause als Rittergut um mäßigen Kaufpreis überlassen worden war, zu Besuch bei der verwitweten Schwester. Freilich helfen konnte Hans von Bora auch nicht eigentlich, am wenigsten mit handgreiflicher Unterstützung; denn er hatte selbst mit Sorgen der Nahrung und des Lebens zu kämpfen.

Dagegen wandten sich die Freunde der Lutherschen Familie, besonders Bugenhagen, der Reformator des Nordens, wiederholt an den alten Gönner D. Luthers, den König Christian III. von Dänemark. Nachdem zu Pfingsten auf Jonas' allgemeines Schreiben noch keine Antwort eingetroffen war, schrieb der Dr. Pommer am 5. Juni bestimmt und deutlich: „Der Herr Philippus und ich bitten, E.M. wolle unsern Sold (100 Thlr.) und 50 Thaler, die noch gehören in diesem Jahr unserm lieben Vater Doctori Martino (welchen Christus herrlich hat aus diesem Jammerthal zu sich genommen vor einem Vierteljahr) geben diesem Herrn Christophero, Ritter, an uns zu bringen. Die fünfzig Thaler wollen wir Doctor Martini Weib und Kindern verantworten.“[614]

Bald darauf kam die königliche Antwort auf D. Jonas' Brief: „Wir wollen auch Uns des seligen und teuern Mann Gottes nachgelassene Witwe und Kinder gnädigst befohlen sein lassen.“ Aber der fällige Sold kam nicht, so daß Bugenhagen im Herbst (am 15. Nov.) nochmals eine deutliche Mahnung an den König abgehen ließ: „Ich habe Ew. Königl. Majestät fleißig geschrieben um Pfingsten bei Ehr Christoffer, Ritter aus Schweden, von unserm Solde, welchen Ehr Christoffer wollt uns hieher bringen, auch gebeten für D. Martini nachgelassene Witwe daß sie diesmal noch die fünfzig Thaler möchte kriegen aus Gnaden E.K.M. Aber Ehr Christoffer ist nicht wieder kommen, hat mir auch gar nicht geschrieben.“[615]

So harrte Frau Katharina vergeblich auf diese Beisteuer und sie hätte sie doch so nötig gehabt. Denn mittlerweile war aufs neue großes Unheil über Wittenberg und das Klosterhaus hereingebrochen.

17. Kapitel.

Krieg und Flucht.

Die Witwe konnte sich kaum in ihren neuen Stand einleben, da nahte schon das Unglück, das Luther vorausgesehen und vorausgesagt: es kam der Schmalkaldische Krieg und mit ihm Verwüstung, Plünderung, Flucht, Elend über Frau Katharina.

Die Ereignisse folgten sich rasch im Frühling und Sommer: die Protestanten verwerfen das Tridentinische Konzil; der Regensburger Konvent verläuft ohne Ergebnis; der evangelische Erzbischof Hermann von Köln kommt in Bann. Herzog Moriz verbündet sich mit dem Kaiser; das protestantische Oberdeutschland greift zu den Waffen, dann auch Kursachsen und Hessen; die beiden Fürsten werden geächtet, der Krieg erklärt und der Papst ordnet Gebete an für Ausrottung der Ketzer. Schon zehn Tage vorher am dritten Sonntag nach Pfingsten hörte Frau Katharina in der Kirche zu Wittenberg das evangelische Kriegsgebet und flehte mit besonderer Inbrunst um Hilfe in dem Gewaltkampf, der gegen ihres seligen Mannes Werk entbrennen sollte: „Dieweil Du siehst die große Not unserer Herrschaft, unser aller: Mann, Weib und Kinder, und daß unsre Feinde fürnehmlich suchen Vertilgung rechter Lehre und Aufrichtung und Bestätigung ihrer schändlichen Abgötterei: so bitten wir Dich, Du wollest um Deiner Ehre willen unsre Herrschaft, unsere Kirchen, uns, unsere Kinder und Häuslein gnädiglich schützen und bewahren, wie Du Dein Volk Israel im Roten Meer erhalten und geschützet hast, und wollest der Feinde Macht zerstören und die mörderische fremde Nation ihre Unzucht und Grausamkeit nicht an unsern Weibern und Kindern üben lassen.“ Und Melanchthon gab die „Warnung D. Martini Luther an seine lieben Deutschen“ in Kriegsgefahr aufs neue heraus[616].

Sorge und Schrecken verbreitete sich in Wittenberg als der Hauptfestung
Kursachsens und dem geistigen Hauptbollwerk des Protestantismus, und
ganz besonders im Schwarzen Kloster, von dem aus der Sturm gegen das
Papsttum begonnen war.

Im Sommer kamen unter Hauptmann von Mila viele gute Kriegsknechte in die Stadt, auch viel Proviant, Büchsen und Pulver. Die einen waren ordentlich und fromm, andere lebten roh und praßten. Die Bürger zogen mit den Kriegsknechten auf die Wache, ergriffen Spieße, Hellebarden und Arkebusen und bezogen die Schanzen, Hans Lufft, der Drucker mit seinen Gesellen, den großen Berg, wo die „Singerin“, ein großes Geschütz, aufgestellt war. Eine spätere Nachricht erzählt, daß auch Hans Luther als Fähnrich in den „kaiserischen Elbkrieg“ gezogen sei[617].

Alles war in Aufregung, namentlich als Herzog Moriz von Sachsen, dem schon Luther Verrat an der evangelischen Sache zugetraut hatte, sich auf die Seite des Kaisers schlug und in Kursachsen einfiel, von den Welschen und „Hussern“ des Königs Ferdinand begleitet[618].

Die Universität begann sich zu zerstreuen aus Furcht vor Belagerung. Der
Krieg näherte sich. Am 6. November wird Zwickau umzingelt, daher die
Hochschule aufgelöst. Am 9. kommt die Kunde, Zwickau sei an Moriz
übergeben und das feindliche Kriegsvolk ziehe auf Wittenberg heran.
Jetzt flüchtete alles, was konnte, aus der festen Stadt: Greise, Weiber,
Kinder, nach allen Richtungen in zahllosen Wagen, während der fallende
Winterschnee Menschen, Tiere und Gefährte bedeckte. Nur Pfarrer und
Schulmeister blieben zurück von den Beamten[619].

Frau Käthe hatte schon vor vierzehn Tagen ihren Wagen einspannen und außer ihren Kindern das Wertvollste und Notwendigste an Hab und Gut aufladen lassen. Auch der Neffe Fabian Kaufmann und wohl noch andere Verwandte und Tischgenossen waren bei dem traurigen Zug; der Famulus Wolf aber blieb zur Hut des Hauses zurück. Die Flucht ging über Dessau und Zerbst nach dem festen Magdeburg, wohin sich die meisten Professoren begaben; nur Melanchthon blieb mit seiner Familie in Zerbst, wo er einen kleinen Schülerkreis sammelte, kam aber öfters nach Magdeburg herüber. Fabian wurde später nach Wittenberg zurückgeschickt, wo neben Kreuziger und Bugenhagen auch Paul Eber verblieben war, der sich des jungen Menschen annehmen konnte; wahrscheinlich sollte Fabian in der Stadt mit Wolf Sieberger auf das Schwarze Kloster und den Lutherischen Besitz achtgeben.

Bald kam die betrübende Kunde von Wittenberg: „Man hat (am 16. November) die Vorstädte samt allen Gärten und Lusthäusern weggebrannt, die Aecker verwüstet und ist den armen Leuten wohl eine Tonne Goldes Schaden geschehen und ein großer Jammer.“ Dann kam Moriz mit seinen Meißnern und mit König Ferdinands „Hussern“, und sie streiften bis an die Mauern der Stadt und schrieen hinein. Herzog Moriz, des „Teufels Ritter und Soldat“, berannte die Stadt am 18. November. Da hieß es nach dem Liede:

  Zu Wittenberg auf dem hohen Wall
  Hört man die Büchsen krachen.

Der Sturm wurde abgeschlagen, aber die „Hussern“ plünderten und schändeten in der Umgegend[620].

Indessen diesmal ging die Belagerung Wittenbergs rasch vorüber; denn Moriz wurde um Weihnachten von dem aus Süddeutschland herbeigeeilten Kurfürsten zurückgetrieben. Jedoch der Krieg in Sachsen dauerte fort und an eine Heimkehr nach Wittenberg war nicht zu denken; nur Melanchthon war einmal Mitte Januar 1547 dort[621].

Der Aufenthalt in Magdeburg war nichts weniger als behaglich, Unterkunft war gar schwer zu finden; dem Stadtrat war die Masse der Schüler unbequem. Die Nachbarschaft, besonders die Halloren, waren gegen sie aufgebracht und bedrohten sie. Daher suchten die Professoren andere Stellungen, namentlich Major mit seiner zahlreichen Familie[622].

In dieser Zeit der Not kam eine Hülfe, die fast nicht mehr erwartet war.
Die 50 Thaler, um welche Bugenhagen den dänischen König für Luthers
Witwe schon zu Pfingsten und dann nochmals nach der Flucht der Witwe
geschrieben hatte, waren bis jetzt nicht gekommen. Nun aber am 10.
Januar 1547 wurden die gewährten 150 „Joachimer“ durch Vermittelung des
Hamburgers Müller an Professor Veit Winsheimer, welcher bei dem ehrbaren
Herrn Emeran Tucher zu Magdeburg wohnte, geschickt, und Frau Katharina
empfing erfreut ihren Anteil[623]. Und nicht lange darauf kam wieder ein
Bote mit 50 Thalern und einem gnädigen Schreiben an „Doktor Luthers
Witwe“:

„Unsern gnädigsten Gruß zuvor.

Ehrbare und viel Tugendsame, Liebe, Besondre!

Nachdem Wir berichtet, daß Ihr in jetzigen gefährlichen Zeiten neben anderen aus Wittenberg nach Magdeburg gewichen, haben Wir nicht unterlassen wollen an Euch zu schreiben, Euch Unsern gnädigsten Willen und Neigung zu vermelden. Und als Ihr dermaßen Eure Haushaltung und Euch an fremden Orten unterhalten müßt, worüber wir ein besonders Mitleid haben, schicken Wir Euch bei gegenwärtigem Boten, dem alten Schlesier, zu Eurer Haushaltung fünfzig Thaler; die wollet zu Gefallen annehmen und Unsere gnädigste Neigung daraus vermerken. Wir wollen auch jederzeit Euer gnädiger Herr sein und Uns gegen Euch zu erzeigen wissen. Wollten Euch solches gnädigst nicht vorenthalten und sind Euch mit Gnaden und allem Guten geneigt.“[624]

Frau Katharina schrieb dafür ihren Dankesbrief:

„Gnad und Friede von Gott dem Vater durch seinen eingeborenen Sohn
Christum Jesum.

Durchlauchtigster, großmächtigster König, gnädigster Herr!

E.K.M. sei mein andächtig Gebet gegen Gott dem Herrn vor (für) E.K.M. und aller der Ihren Wohlfahrt und glückselig Regiment allzeit mit hohem Fleiß zuvoran bereitet. Gnädigster Herr! Nachdem ich in diesem Jahre viel große und schwere Bekümmernis und Herzeleids gehabt, als da erstlich mein und meiner Kinder Elend mit Absterben (jedoch seliger und fröhlicher Heimfahrt zu unserm Heiland Christo Jesu) meines lieben Herrn, welches Jahrzeit jetzt den 18. Februarii sich nahet, angangen; darnach auch diese fährliche Kriege und die Verwüstung dieser Länder unsers lieben Vaterlandes gefolget und noch kein Ende dieses Jammers und Elends zu sehen: ist mir in solchem Bekümmernis ein großer und hoher Trost gewesen, daß E.K.M. beides, mit gnädigster Schrift und Uebersendung der funfzig Thaler zu bequemer Unterhaltung meiner und meiner Kinder, auch ferner E.K.M. gnädigster Erbietung, Ihre gnädigste Neigung gegen mir armen verlassenen Witfrau und meiner armen Waisen vermeldet; welches auch vieler andern zuvor gnädigst erzeigten Wohltaten halber gegen E.K.M. ich mich unterthänigst bedanke; verhoffend, Gott der Herr, welcher sich einen Vater der Witwen und Waisen nennet, wie ich denn täglich zu ihm bitte, werde solches E.K.M. reichlich belohnen; in welches gnädigen Schutz und Schirm E.K.M. und Ihr Gemahl, meine gnädigste Frau Königin, und die ganze junge Herrschaft samt Ihren Landen und Leuten hiemit und allezeit fleißig thue befehlen.

Geben zu Magdeburg, den 9. Februarii A.D. XLVII.

E.K.M.

  gehorsame
  Katharina Lutherin,
  seliger Gedächtnis Doctoris
  Martini Luthers
  verlassne Witfrau.“[625]

Die so Beglückte dachte aber auch an andere Hilfsbedürftige, an den
Amtsgenossen ihres Gatten, D.G. Major, der mit seiner großen
Kinderschaar in dieser schlimmen Zeit sich vergeblich nach einer
Stellung umsah. Frau Katharina legte in diese Danksagung als Beilage
noch eine Fürbitte ein:

„Gnädigster Herr! Nachdem ich erfahren, was vor gnädigste und christliche Neigung E.K.M. gegen den (die) Theologen der Universität zu Wittenberg tragen und mein lieber Herr seliger Gedächtnis Doctor Georgen Major stets nun über zwanzig Jahre als seinen Sohn gehalten und lieb gehabt, welcher zu dieser Zeit allhie bei mir im Elend samt zehen lebendigen Kindern: will E.K.M. gedachten Doctor ich mich unterthänigst befohlen haben bittend, E.K.M. wollen ob solchem kein ungnädigst Gefallen haben. Denn Theologi je mit Weib und Kindern sonderlichen zu diesen jämmerlichen Zeiten, betteln müssen, wie ich schier selbst erfahren, da sie nicht von Fürsten und Herren ihre Errettung und Unterhaltung haben werden.“

Zu Ostern erhielt nun auch D. Major „auf der tugendsamen Frauen
Katharina, des seligen und löblichen Gedächtnis Doctoris Martini Luthers
verlassenen Witfrauen Vorschrift und Vorbitte 50 Thaler bei dem
Schlesiger gnädiglich überschickt“[626].

Da es mit der Einnahme Wittenbergs durch Moriz nichts geworden, so war mittlerweile die tapfere Frau Katharina wieder nach Wittenberg zurückgekehrt, aber ihres Bleibens war nicht lange dort. Denn der Kaiser Karl und sein Bruder Ferdinand kamen aus Süddeutschland und Böhmen mit ihren Spaniern und Italienern, Böhmen und Ungarn ihrem Verbündeten Moriz zu Hilfe und es stand eine neue Belagerung Wittenbergs bevor, die diesmal ernstlich und gefährlich werden sollte. Und jetzt mußte Frau Katharina erst recht flüchten, denn überall hin verbreitete sich die Kunde von den unerhörten Greuelthaten und Grausamkeiten der fremden Völker, sogar gegen unschuldige Kinder: „sie raubten, mordeten, plünderten, schändeten Frauen und Jungfrauen und warfen Kinder auf der Gasse über die Zäune“. Namentlich aber wüteten Spanier und Italiener gegen die evangelischen Geistlichen und ihre Familien. Dem Pfarrer in Altenburg entführten sie zwei Töchter, den von Kemberg bei Wittenberg ermordeten sie[627]. Da hieß es: „Die ungarischen Räuber, gemeiniglich Hussirer genannt, sind ein räuberisch und unbarmherzig Volk; bei Eger hieben sie den Kindern die Hände und Füße ab und steckten sie als Federbüsche auf die Hüte“. So erzählte man, und Melanchthon schrieb: „Ihr Führer Lodran (Lateranus) sagte, er werde nach Eroberung unserer Stadt Luthers Leib ausgraben und den Hunden vorwerfen lassen; und redete namentlich davon, mich in Stücke zu hauen.“ Oder gar: „Man werde Luthers Gebeine ausgraben und verbrennen, die Stätte, wo er geruht, zerstören und die Stadt schleifen, Melanchthon erwürgen und D. Pommer zerhacken, daß man sich mit den Stücken werfen möchte.“ Deshalb setzte Melanchthon, welcher zu Anfang 1547 wieder in Wittenberg weilte, für die dortigen Pfarrfrauen eine Bittschrift an den Kaiser auf[628].

Frau Katharina hielt in Wittenberg aus, so lange als möglich. Da aber kam am Ostertag morgens in aller Frühe die schreckliche Kunde, daß am Karsamstag 24. April der Kurfürst Johann Friedrich von der kaiserlichen Uebermacht auf der Lochauer Heide geschlagen und gefangen worden sei und das feindliche Heer sich gegen Wittenberg heranwälze. Hals über Kopf mußte nun Luthers Witwe aufs neue ins Elend“ ziehen[629].

So kam sie plötzlich wieder nach Magdeburg und bat die Freunde, besonders Melanchthon als Vormund ihrer Kinder unter Thränen, ihnen ein Nest zu suchen. Am liebsten wäre sie nach Dänemark gegangen, zu dem einzigen Fürsten, der sich ihrer anzunehmen versprochen hatte, nachdem von dem unglücklichen Kurfürsten nichts mehr zu erwarten stand. Sie bat zunächst, sie nach Braunschweig führen zu lassen. Die Theologen schienen, als sie die Trümmer des geschlagenen kursächsischen Heeres durch Magdeburg ziehen sahen, sich auch nicht mehr in Magdeburg sicher zu fühlen, und Melanchthon und Major mit ihren Familien zogen samt der Lutherischen über Helmstädt nach Braunschweig. In Helmstädt wurden sie vom Stadtrat freigebig bewirtet. In Braunschweig brachte Melanchthon die beiden anderen Familien bei dem evangelischen Abt unter, während er für sich selbst recht lange sich nach einer kleinen Wohnung umthun mußte. Er wurde als begehrter Professor von den verschiedensten Fürsten eingeladen; aber um Luthers Witwe kümmerte sich niemand: sie konnte in dieser Zeit der katholischen Reaktion höchstens eine Verlegenheit sein. Deshalb drängte sie darauf, nach Dänemark zu kommen. Aber als die Flüchtlinge kaum einige Meilen von Braunschweig nördlich nach Gifhorn gekommen waren, zeigten sich alle Wege im Herzogtum Lüneburg voll Soldaten und Herzog Franz machte Schwierigkeiten; so kehrte man wieder nach Braunschweig zurück. Dort blieb nun Katharina mit ihren Kindern, während Melanchthon zu Himmelfahrt nach Nordhausen zog, wohin ihn sein Freund, der Bürgermeister Meienburg, eingeladen halte; und Major folgte, willens sich nach seiner Vaterstadt Nürnberg zu begeben[630].

Am 23. Mai, Montag vor Pfingsten, wurde Wittenberg vom kaiserlichen Heer besetzt; am Mittwoch ritt der Kaiser und der König Ferdinand in die Stadt ein vor die Schloßkirche und ließ sich vom Studiosus Johann Burges aus Quedlinburg „die Begräbnis“ Luthers zeigen, die zu entweihen er aber nicht zuließ, so feind die Spanier sonst D. Luthern waren[631]. Am 6. Juni mußte Wittenberg dem neuen Kurfürsten Moriz huldigen, der den Kurhut und das Kurland als Preis für seinen Verrat an der evangelischen Sache erhalten hatte. Zwei Tage darauf lud der Rektor die Universität zur Rückkehr nach Wittenberg ein. Auch Käthe wurde Ende Juni von D. Pommer und Bürgermeister Reuter zur Rückkehr aufgefordert: es sei alles sicher und Haus und Hof unverheert. So kehrte sie, wenn auch erst Ende Juli, aus Braunschweig heim ins liebe Wittenberg[632].

18. Kapitel.

Der Witwenstand.

Es war eine traurige Heimkehr, als Frau Katharina mit ihren Kindern und dem Rest der geretteten Habe auf ihrem Fuhrwerk durch das Coswiger Thor, die Schloßstraße und die Kollegiengasse herauf fuhr und vor dem Klosterhause hielt. Leichter waren Koffer und Kasten geworden — es waren vergoldete und silberne Kredenzbecher im Werte von 600 fl. versetzt worden — und das Herz voll schwerer Sorge. Und doch war's ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit, wieder daheim zu sein nach der langen Flucht draußen im „Elend“. Und tapfer griff Frau Käthe es an, das Leben neu zu gestalten.

Das Haus war noch im alten Stande und vom Hausrat nichts versehrt. Die Stadt hatte zwar eine Belagerung und einen Sturm durch Moriz ausgehalten, aber friedlich war sie nach der Mühlberger Schlacht an den neuen Regenten übergeben worden und keine Spanier hatten darin hausen dürfen; nur deutsche Völker waren zugelassen. Das Klosterhaus war während der Flucht in der Hut des alten treuen Wolf gestanden. Der aber war nicht mehr, als die Doctorin mit den Kindern heimkehrte: einige Wochen zuvor, am 14. Juni, war er dahin gegangen, als man seiner nicht mehr zu bedürfen schien[633].

Wenn aber auch Haus und Hof unangetastet dastand, um so schlimmer stand es mit den Gütern draußen. Die Vorstädte waren bei Beginn der ersten Belagerung niedergebrannt worden und so waren auch die Gebäulichkeiten in den Gärten ein Opfer der Flammen geworden. Dann hatten die „Hussern“ die Nachbarschaft von Wittenberg geplündert. Auch sonst, bei Grimma, unweit Nimbschen und Zulsdorf, hatte (schon 1546) der Nachtrab übel gehaust: Hühner, Gänse und Schafe geraubt, auch ungedroschenes Getreide zur Streu für die Pferde verwendet. Noch schlimmer hatten im folgenden Jahr die Spanier mit Morden und Brennen, Plündern und Verjagen geschaltet; wo nichts zu plündern war, verbrannten sie draußen im Lande alles Gewächs bis auf die Stoppeln[634].

So hatte Luthers Witwe großen Schaden erlitten im Krieg. Wenn Jonas den seinigen bei den zwei Fluchten auf 400 fl. schätzt, so muß derjenige Katharinas bei ihrem ausgedehnten Grundbesitz weit mehr betragen haben. Ihre Gärten und Güter: das Baumstück mit seinen Gebäulichkeiten, das Gut Wachsdorf und das Vorwerk Zulsdorf waren verwüstet, so daß sie auf Jahre hinaus sie „schwer zu versorgen“ wußte, wie Bugenhagen in Briefen an den dänischen König klagt[635].

Und wenn man die vielgeplagte Witwe nur in Frieden gelassen hätte, daß sie ruhig sich ihrer verwüsteten Güter hätte annehmen können. Aber da wurde sie noch von bösen Nachbarn geplagt und von harten Beamten. Ein zänkischer Mensch fing Streit mit ihr an wegen eines Servituts (vielleicht der Nachbar von Zulsdorf auf Kieritzsch). Melanchthon war zu einem Vergleich bereit, aber der Mann forderte eine maßlose Summe und auch Bruder Hans riet vom Vergleich ab. So kam es zum Prozeß, wobei Dr. Stromberg in Leipzig und auch Camerarius, die Freunde Melanchthons, sich der armen Frau annahmen (1548). Dieser Prozeß dauerte aber jahrelang und noch 1550 mußte Frau Katharina mit Melanchthon vor dem Stadthauptmann in Leipzig zur Tagfahrt erscheinen[636].

Da galt es nicht verzagen, sondern mit neuem Mut das Werk angreifen, um sich und ihre Kinder in Ehren durchzubringen. Der Kosttisch wurde wieder eingerichtet, wenn es auch schwer hielt, in diesen wirren Zeiten, wo die Universität zersprengt war und nur mit Mühe sich wieder sammelte, zumal das neue Kursachsen jetzt zwei Hochschulen hatte: Leipzig und Wittenberg, und die Söhne des gefangenen Kurfürsten sich bestrebten, in Jena eine eigene zu errichten und dahin die echten Lutheraner unter den Professoren und Studenten von Wittenberg zu ziehen; erst im August wurde das Wittenberger Kollegienhaus vom Schmutz der Einquartierung gereinigt und neu getüncht[637]. Ferner konnte von großem Verdienst keine Rede sein, wenn bei dem Rektor Crodel in Torgau zwei Schüler in der Woche für Wohnung und Kost, dazu mittags und abends zwei Kannen Bier, nur 14 Groschen zahlten, und Matthesius in Wittenberg, ehe er zu Frau Luther kam, bei Wolf Jan von Rochlitz „einen sehr guten trocknen Tisch um 5 Silbergroschen“ hatte „neben alten gelehrten, ehrlichen (ehrbaren), guten Tafelbrüdern“. Als solcher Tischgenosse wird genannt: Johann Stromer, der fünf Jahre bei der Witwe wohnte und aß. Vielleicht war damals unter den Tischgenossen Käthes auch der Preuße Georg von Kunheim, der am 15. August 1550 in Wittenberg Student wurde und so mit der Lutherischen Familie bekannt und später verwandt wurde[638].

Außer den Stuben wurden auch noch die Säle zu Vorlesungen an Docenten vermietet, und so las im Sommer 1551 in Luthers Aula, wo der große Doktor sonst über biblische Bücher vorgetragen hatte, Bartholomäus Lasan über Herodot[639].

Trotz alledem mußte Frau Katharina außer der Verpfändung der Becher noch auf ihr Gütlein Zulsdorf ein Anlehen von 400 fl. aufnehmen bei Dr. Franz Kram und außerdem mußte sie sich entschließen, selbst an den König von Dänemark zu schreiben, als den „einzigen König auf Erden, zu dem wir armen Christen Zuflucht haben mögen und von dem allein erwartet werden konnte, daß den armen christlichen Prädikanten und ihren armen Witwen und Waisen Wohlthaten erzeiget würden.“ Zu diesem Brief war sie gezwungen, nachdem die Schreiben der Freunde Bugenhagen und Melanchthon ohne Erfolg gewesen. So bittet nun am 6. Oktober 1550 „D.M. Luthers nachgelassene Witfrau, nachdem sie und ihre Kinder jetzund weniger Hilfe haben und die Unruhe dieser Zeit viele Beschwerungen bringet“, S.K.M. wolle ihr solche Hilfe gnädiglich auch hinfüro verordnen. Sie will treulich und ernstlich bitten, Gott möge Sr.K.M. Wohlthaten, die er den armen evangelischen Pfarrherren und ihren Familien erzeigt, vergelten und dafür besondere Gaben und Segen verleihen. „Der allmächtige Gott wolle E.K.M. und E.K.M. Königin und junge Herrschaft gnädiglich bewahren.“

Auch dies eigene Schreiben der Witwe war, scheint es, ohne Erfolg, trotzdem sie den König an ihres „lieben Herrn große Last und Arbeit“ mahnen konnte, die S.K. Maj. ohne Zweifel nicht vergessen habe[640].

Die Zeitläufe waren sehr traurig. Kreuziger starb 1548, und seine Frau wollte fast vergehen; auch Veit Dietrich in Nürnberg schied bald darauf. Andere Freunde waren verzogen oder auch gestorben. Dazu kam die Not der Kirche, welche der Witwe Luthers nahe genug ging: „das Interim“ mit dem „Schalk hinter ihm“ erregte die Evangelischen aufs ärgste. Der neue Landesherr Moriz, bei dessen Anblick sogar die Spanier und Italiener „Schelm! Schelm!“ riefen und den die Protestanten als „Judas“ bezeichneten, hatte kein warmes Herz, weder für die protestantische Sache, noch für die hauptsächlichsten Vertreter derselben, die Universität zu Wittenberg und deren Angehörige. Da gab es trübe Tage in der alten Elbstadt[641].

Die vier Kinder Katharinas waren bei ihr; und wohl auch einige junge
Verwandte. Den Neffen Luthers, Fabian Kaufmann, jetzt mit dem
lateinischen Gelehrtennamen Mercator, empfahl Jonas 1548 zu einer
Hofstelle an die Fürsten von Anhalt[642].

Johannes studierte in Wittenberg weiter als Rechtsbeflissener. Möglicherweise hat er, ehe nach den Unruhen des Krieges die Muße und Gelegenheit zum Studium wieder eintrat, „auf den väterlichen Gütern ein ländliches Leben geführt“, d.h. der Mutter bei der Landwirtschaft beigestanden, wie einmal berichtet wird[643]. Nach Ostern 1549 kam nun Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, Rektor der Königsberger Hochschule, nach Wittenberg. Dieser erzählte viel von des Preußenherzogs Wohlwollen gegen Luthers Familie. Da riet Melanchthon, den jungen Mann nach Königsberg zu schicken, damit er dort durch die Gunst des Königs seine Studien vollende. So schrieb nun Frau Käthe an Herzog Albrecht einen Brief.

„Gnade und Frieden in Christo samt meinem armen Gebet zu Gott für
E.F.Gn. zuvoran.

Durchlauchtigster und hochgeborner Fürst und Herr!

Da sich E.F.Gn. gegen meinen lieben Herrn gottseligen, Doctorem Martinum mit sonderlichen Gnaden allezeit erzeigt, so hab ich in keinen Zweifel gestellt, E.F.Gn. würden auch mir aus sonderlichen Gnaden, so unser lieber Gott E.F.Gn. zu seinem göttlichen Wort, das zu lieben, zu schützen und zu handhaben verliehen, auch um meines lieben Herrn seliger willen als eines wahren Propheten dieser letzten gefährlichen und unruhigen Zeiten mich und meine lieben Kinder als nachgelassene Witwe und Waisen in gnädigen Schutz nehmen und Ihnen befohlen sein lassen.

Als ohne Not, E.F.Gn. zu erinnern, in wie schwere Not meiner Haushaltung ich nach jetzt ergangener Kriegsführung gediehen, auch wie kümmerlich ich bisher von meinen armen verwüsteten und verheerten Gütern mich samt meinen Kindern ernähren und erhalten müssen — hab ich aus Rat des Herrn Philippi und Anzeigen des Herrn Dr. Sabini, wie geneigt E.F.Gn. meinen Kindern sei, meinen ältesten Sohn Hans an E.F.Gn. abgefertigt, und nachdem dann E.F.Gn. ihn noch eine Zeitlang bei den Studien zu erhalten sich gnädigst erboten, will gegen E.F.Gn. ich mich derselbigen gnädigen Förderung und Mitsorge für meine nachgelassenen armen Kinder aufs demütigste bedankt haben.

Dieweil aber dies meines Sohnes erstes Abreise ist, und ich auch derhalben ihn zumeist abgefertigt, (damit er) neben seinen Studien gegen die Leute lerne wissen sich zu (ver)halten, so ist an E.F.Gn. dies meine demütige Bitte, dieselben wollten diesen meinen Sohn um meines lieben Herrn gottseliger willen in Gnade und Schutz aufnehmen und da er sich sonst in der erste in allem gegen E.F.Gn. nicht zu erzeigen wüßte, solches noch seiner Unwissenheit und ersten Ausfahrt gnädiglich zu gute halten und Geduld mit ihm tragen. Als zweifel ich nicht, er wird sich gegen E.F.Gn. zu unterthänigem und seinen Präceptoribus zu schuldigem Gehorsam wohl zu verhalten wissen, seinen Studiis und demjenigen, so ihm oblieget, fleißig nachgehen und gegen E.F.Gn. ehrbar und denkbarlich in aller Untertänigkeit sich zu erzeigen wissen.

Dies dann E.F.Gn. gnädige Beförderung unser lieber Gott auch reichlich wiederum belohnen wird und bin für E.F.Gn. gegen Gott um langwährende Regierung und Wohlfahrt fürzubitten allezeit demütiglich beflissen.

Datum Wittenberg, den 29. Mai anno 49.

E.F.G.

demütige und unterthenige Catharina, D. Martin Luthers seligers nachgelassene Witwe.“

Melanchthon schrieb einen Empfehlungsbrief an den Herzog für den jungen Mann, worin er ihn lobt als „tugendhaft im Wesen, unbescholten, bescheiden, aufrichtig, rein, von guter Anlage und Beredsamkeit; sein Körper sei gewandt und leistungsfähig und wenn er sich am Hofe übe, so könne sein Eifer dem Staat zu großem Nutzen gedeihen.“ Auch Jonas empfahl in einem Schreiben dem Herzog seinen „lieben Freund, den Sohn des göttlichen Propheten, empfehlenswert schon durch seinen Vater“ und entbot „Sr. Hoheit das Gebet der hochverehrten Frau und Witwe des hochw. D. Luther“. Zu mehreren Empfehlung legte Jonas eine Erzählung von dem Krieg bei und ein handschriftliches Schreiben Luthers, „des Propheten Deutschlands“, worin er diesen Krieg prophezeit habe[644].

So reiste denn Johannes Ende Mai mit Dr. Sabinus ab, der auch sein von Melanchthon erzogenes Töchterlein zu des Großvaters tiefem Schmerz mitnahm. Auch Jonas' Sohn, Dr. Christoph und Johann Camerar, der Sohn von Melanchthons Busenfreund, sind wahrscheinlich mit Hans Luther nach Königsberg gezogen[645].

Es kam nun auch ein Brief von Hans an Melanchthon, worin er einen Teil der Reise beschrieb. Den andern Teil scheint er schuldig geblieben zu sein. Auch muß ihm Melanchthon schreiben, Mutter, Schwester und Brüder warteten mit Sehnsucht auf einen Brief, worin er von all seinen Sachen berichten möchte; zur Leipziger Weihnachtsmesse gebe es schon genug Gelegenheit zur Briefbeförderung[646].

Lange hörte man nichts mehr von Hans Luther. Daheim aber dauerten die bösen Zeiten fort; denn die Unruhen und Aufregungen wegen des Interims, das der Kaiser den Lutheranern aufgezwungen hatte, ließen nicht nach; die Erbitterungen zwischen dem ehemaligen und jetzigen kurfürstlichen Hause waren eher im Wachsen, zumal der gefangene Kurfürst noch immer nicht freigegeben, sondern vom Kaiser in unwürdiger Weise umhergeschleppt wurde. Die Belagerung Magdeburgs, das wegen Nichtannahme des Interims geächtet und durch Moriz angegriffen war, brachte allerlei landschädigende Truppenbewegungen, und die Universität konnte also nicht so leicht zur Muße und Blüte kommen. Auch die Anfechtungen durch „die bösen Nachbarn“ dauerten bei Katharina fort. Die Einkünfte in diesen unruhigen Zeiten wollten nur schwer reichen für den Haushalt und die Erziehung der Kinder; Frau Katharina „litt an Armut“, so daß die 15 Rosenobel (50 Thaler) Gnadengehalt von dem dänischen König Christian III., um welche die Freunde regelmäßig einkamen und Katharina selbst schrieb, für „die arme Frau, unseres lieben Vaters Doctoris Martini Witwe mit ihren Kindern“ eine gar erwünschte „gnädige Hilfe“ waren. Die „Begnadigungen“, welche sonst die Lutherische Familie von ihren Landesherren gewohnt war, blieben aus, da der alte Kurfürst gefangen saß und der neue bei seinen großen Plänen und steten Kriegen nichts übrig hatte für sie. Daher konnte Frau Katharina klagen, „daß wenig Leut sind, die für die großen Wohlthaten meines lieben Herrn seinen armen Waisen Hilfe zu thun gedächten“[647].

Die vielerlei Schicksalsschläge trafen die arme Witwe so schwer, daß sie, die stets gesunde, jetzt kränklich wurde und über „Schwachheit“ zu klagen hatte.

In dieser schweren Zeit, „da es ihr Vermögen nicht war, ihren und ihres lieben Herrn Kindern nach Notdurft zu helfen“, war es für Frau Katharina ein Trost, daß der preußische Herzog „nun selber Vater sein“ solle. In dieser Zuversicht wandte sie sich zu Georgi (23. April) 1551 an S.F.Gn. unter Verdankung für die gnädige Aufnahme und Unterhaltung ihres Sohnes mit der Bitte, ihm ferner zur Vollendung seines angefangenen Studii in Frankreich oder Italien Unterhaltung zu verordnen, damit er dem Herzog nützlicher dienen könne. Zuvor aber möge der Herzog ihren Sohn eine kurze Zeit zu ihr kommen lassen, damit sie in ihrer Schwachheit etliche nützliche Sachen mit ihm reden könne, daran ihm und seinen Brüdern und seiner Schwester merklich gelegen; dann möge er wieder nach Königsberg oder nach Italien und Frankreich gehen, wie S.F.Gn. bestimmen würde. Wahrscheinlich hatte Hans der Mutter diesen Plan an die Hand gegeben.

Welchen Schmerz aber mußte die Mutter über ihren Lieblingssohn erleben, als darauf vom Herzog Albrecht folgende Antwort eintraf:

„Wir befinden, daß Unser gnädiger Wille bei ihm nicht dermaßen, wie Wir wohl gehofft, angewendet. Denn wie Wir berichtet (sind), soll er seiner Studien zur Gebühr nit abwarten. So wissen Wir auch gewiß, daß er sich etlicher guter Händel, deren er wohl müßig gehen konnte, teilhaftig macht. Derwegen zu bedenken, daß Uns wahrlich etwas beschwerlich (fällt, daß) Unsere gnädige Gewogenheit so wenig bei ihm bedacht wird.“ Daher schlage es der Herzog ab, Hans reisen zu lassen; wolle er aber in Königsberg vor gut annehmen, so sei der Herzog geneigt, um seines Vaters willen ihn mit Unterhalt zu versorgen[648].

Das war ein Schlag für Katharinas Mutterherz! Also weder fleißig noch ordentlich war ihr Liebling und beides wäre er doch nicht nur dem Herzog, sondern auch seinem Vater und seiner Mutter schuldig gewesen. Und wenn sie sich auch sagen mochte, der Herzog sei strenge gegen seine Schützlinge: wie einst gegen ihren Bruder Clemens, so jetzt gegen ihren Sohn Hans und wenn sie auch wohl mit ebenso viel Recht geltend machen konnte, der junge, sonst gut geartete und willige Mensch sei durch böse Gesellschaften verführt worden, so blieb doch die Thatsache stehen, daß sie dem Sohn zu viel und zu Gutes zugetraut, und daß die Vormünder doch recht gehabt mit der Behauptung, Hans habe nicht das Zeug zum Studium — war er doch auch jetzt schon 25 Jahre alt! Daran konnte auch das gute Zeugnis nichts abbrechen, das die Universität Königsberg dem Sohne Luthers wohl allzu günstig ausstellte[649].

Und als nun Hans vollends das Stipendium und Studium in Königsberg aufgab und auf weitem Weg langsam heimkehrte, so war der Beweis geliefert, daß er zu nichts Besserem tauge als auf die herzogliche Kanzlei. Dahin kam er denn auch in Weimar.

Um so besser gediehen die Söhne Martin und Paul, von denen der eine
Theologie, der andere Medizin studierte; Margarete wuchs zur blühenden
Jungfrau heran.

Der Schmalkaldische Krieg war wohl sonst zu Ende, nur nicht in Sachsen; es entstand allerlei Unruhe und Kriegsgerücht, neue Sorge und Angst. Sachsen wimmelte von Soldaten, Wittenberg hatte starke Einquartierung. Und obwohl es Freundesvölker waren, so geschahen doch von der rohen Soldateska allerlei Gewaltthaten. In der festen Stadt waren die Bürger vor ihren eigenen Quartiergästen nicht sicher, vor die Mauern hinauszugehen wagte niemand, denn draußen in den Städtlein gab es Mord und Totschlag; übermütig forderten die Kriegsknechte das Unmögliche[650].

Und wie sah es nun wieder draußen auf den Höfen und in den Gärten aus, wo eben mit Mühe die Schäden des Schmalkaldischen Krieges wieder hergestellt waren! Da waren Verwüstungen und Kontribution auf ihren Höfen vorgekommen. „Es ist am Tage“, klagt Bugenhagen, „daß sie in ihren Gütern dies Jahr (1551) großen Schaden gelitten.“ „Derwegen mußte sie zu Recht gehen vor des Kurfürsten Gericht wider Jan Löser.“ Jan Löser — des alten Hans Löser († 1541), ihres Gevatters Sohn und Luthers Paten — mußte Frau Katharina verklagen. Das war fürwahr ein bittrer Gang[651].

Und ob sie ihr Recht bekommen?

Der Kurfürst Moriz rüstete sich eben zum Schlage gegen den alten Kaiser.
Da hatte er wohl keine Zeit und Lust, eine klagende Witwe anzuhören.

So mußte Frau Katharina nochmals den sauren Schritt thun und sich an den dänischen König wenden, an den sie am 8. Januar 1552 u.a. schreibt:

„E.K.M. wissen sich gnädiglich zu entsinnen, wie daß E.K.M. meinem lieben Herrn seligen samt dem Herrn Philippo und D. Pomerano jährlich ein Gnadengeld geschenkt, welches sie zu Unterhalt ihrer Haushaltung und Kinderlein haben sollten, welches denn bishero gemeldeten Herrn von E.K.M. überreichet (worden). Dieweil aber mein seliger lieber Herr E.K.M. allzeit geliebet und für den christlichsten König gehalten, auch E.K.M. sich in solchen Gnaden gegen seligen meinen Herrn verhalten: so werde ich durch dringende Not bewogen, E.K.M. in meinem Elend unterthäniglich zu ersuchen, des Verhoffens, E.K.M. werden mir armen und itzt von jedermann verlassenen Witwen solch mein unwürdig Schreiben gnädiglich zu gut halten und mir aus Gnaden solch Geld folgen lassen. Denn E.K.M. sonder Zweifel bewußt, wie es nu nach dem Abgang meines sel. Mannes gestanden, wie man die Elenden gedrückt, Witwen und Waisen gemacht, also daß (es) zu erbarmen; ja (auch) mir mehr durch Freunde als durch Feinde Schaden zugefügt; welches alles E.K.M. zu erzählen zu lang wäre. Aus diesen und anderen Ursachen werde ich gedränget, E.K.M. unterthänig zu ersuchen, nachdem sich ein jeder so fremd gegen mir stellt und sich meiner niemand erbarmen will.“

Bugenhagen unterstützte in einer Beilage diese Bitte der Witwe „Patris
Lutheri“, welche „fast (sehr) klaget“. Und mit Erfolg: am 22. März kam
das Geld in seine Hand und er schreibt, daß S.M. „sehr wohl gethan“, die
Witwe zu trösten[646].

Im Februar 1552, als die Kriegsknechte am rohesten hausten, wurden die
Gemüter in Wittenberg noch erschreckt mitten im Winter durch heftige
Gewitter mit Blitz und Donnerschlägen. Aber bald darauf zogen die
Kriegsvölker ab.

Es kam nun Kunde, daß Moriz mit seinen Sachsen, den Brandenburgern und
Hessen den Kaiser in die Flucht gejagt und beinahe gefangen hätte (Mai
1552). Die gefangenen Fürsten (Kurfürst Johann Friedrich und Landgraf
Philipp von Hessen) wurden freigegeben, und freigegeben auch die
Religion im „Passauer Vertrag“ (August 1552).

Mittlerweile war es Frühling geworden und Sommer. Frau Käthe konnte säen und ernten und sich des Friedens freuen, der endlich nach sechs Jahren Krieg, Flucht, Verwüstung eingetreten war, auch des Friedens in Sachen des evangelischen Glaubens, um deswillen ihr „lieber Herr“ ein Feuer angezündet hatte im deutschen Lande, dessen Flamme auch sie, und sie am schwersten, fühlen mußte.

Jetzt hätte die arme Witwe aufatmen können vom langen Leid: da traf sie der letzte, tödliche Streich.

19. Kapitel.

Katharinas Tod.

Die Kriegsvölker waren aus Wittenberg abgezogen, aber sie hatten ein böses Andenken hinterlassen: eine ansteckende Seuche, die „Pestilenz“, die in der sumpfumgebenen engen Festung wieder rasch um sich griff und mit der Sommerhitze wuchs. Am 1. Juni wurde über Verlegung der Universität beraten, am 10. bot Torgau ihr Herberge an. Aber bis 6. Juli hielt sie noch in Wittenberg aus. Dann zog auch die Hochschule in die Nachbarstadt und wurde in den engen winkeligen Räumen des Barfüßerklosters untergebracht, welches seinerzeit Leonhard Koppe zu Fastnacht gestürmt hatte und das jetzt leer stand.

Frau Katharina blieb aber in Wittenberg, wohl wegen der Güter, die sie besorgen mußte; wahrscheinlich hatten die studierenden Söhne und Tischgesellen dennoch von dem einen und andern Magister, der im Schwarzen Kloster wohnte, Vorlesungen. In dem großen, gesund gelegenen Hause war es ja auch einstweilen noch auszuhalten. Aber im Herbst wurde auch das Klosterhaus von der Seuche angesteckt. Und um ihre Kinder aus der Gefahr zu reißen, unterzog sich die besorgte Mutter wiederum den Beschwerlichkeiten der Auswanderung. So ließ sie denn einspannen, lud das Nötigste auf den Wagen und fuhr mit ihren Kindern, die noch bei ihr waren: Paul und Margarete, während Martin scheint's schon vorher der Universität nachgezogen war und Hans in Weimar auf der Kanzlei arbeitete, das Elsterthor hinaus, Torgau zu[652].

Da geschah das Unglück: die Pferde wurden scheu und gingen mit dem Wagen durch über Stock und Stein. Die erschrockene Frau suchte das Leben ihrer Kinder zu retten, und um die wilden Pferde aufzuhalten, sprang sie vom Wagen, fiel aber so unglücklich, daß sie mit dem Leib heftig auf den Boden anprallte und dann in einen Graben mit kaltem Wasser stürzte. Die Aufregung, der Fall, die Erkältung und wohl auch eine innere Verletzung führten eine schwere Krankheit herbei[653].

So kam die Familie Luther nach Torgau. Hier wohnte sie vom Kloster aus in der „nächsten Straße, die nach dem Schloß führt“, in einem Eckhause bei der Klosterkirche zur Herberge. Hier lag nun Frau Katharina in großen Schmerzen langsam dahinsiechend, gepflegt von ihrer Wirtin und ihrer Tochter Margarete, welche jetzt 18 Jahre zählte[646].

Noch einen Lichtblick erlebte die Witwe Luthers in diesen Leidenstagen.
Ihr jüngster Sohn Paul, der sich zu einem tüchtigen Mediziner
heranbildete, verlobte sich in dieser Zeit mit Anna von Warbeck, der
Tochter des weiland Herrn Veit von Warbeck, gewesenen Domherrn von
Altenburg und Kurfürstl. Hofrat und Vizekanzler zu Torgau, eines Edeln
aus Schwaben. Ihre Mutter, Anna von Hack — auch eine geborne
Schwäbin — lebte noch und hatte ein eigenes Haus zu Torgau in der
Fischergasse[646].

Fräulein Anna war ein resolutes Frauenzimmer. Sie hatte einen Damastrock mit Samtschleppe getragen und war deshalb vom Stadtrat mit Berufung auf eine kurfürstliche Kleiderordnung in Strafe gezogen worden. Dagegen wehrte sie sich und appellierte an den Kurfürsten, so daß ein ehrbarer Stadtrat einen Boten mit Bericht über Anna Warbeckin Supplicien gen Dresden schicken mußte für Lohn und Trinkgeld. S. Kurf. Gn. sandte nun in diesem Betreff an den ehrbaren Rat zu Torgau folgenden Erlaß:

„Lieben Getreuen! Wir sind von der ehrbaren und lieben besondern Jungfrau Anne von Warbeck demütiglichen Klag berichtet worden, wie daß Ihr ihr den damastenen Rock mit samtenem Schweif zu tragen zu enthalten und noch dazu etliche Gulden zur Strafe entrichten sollt auferlegt haben. Wiewohl Wir Uns zu erinnern wissen, was Wir der Kleidung halber in der Polizei-Ordnung haben ausgehen lassen, so vermerken Wir doch, daß der gedachten Jungfrauen Vater einer von Adel und fürstl. Rat gewesen, auch die Damasten, davon der Rock gemacht, fürstliches Geschenk und die Röcke vor obenerwähnt ausgegangener Ordnung gemacht. Derwegen Wir denn geschehen lassen, daß sie solche Röcke zu Ehren tragen möge. Und begehren demnach, Ihr wollet ihr solches verstatten und sie mit geforderter Strafe verschonen, Euch auch sonst gegen sie dermaßen verhalten und erzeigen, daß sie sich keiner Beschwerung zu beklagen hab. Daran geschieht Unsere gänzlich zuverlässige Meinung. Datum Dresden, 30. Jan. Anno LII“[654].

Dieses adelige Fräulein wurde also die Schwiegertochter Frau Katharinas
und diese wird an dem entschlossenen Wesen ihrer künftigen Sohnsfrau ihr
Gefallen gehabt haben. Aber die Freude der Hochzeit erlebte Frau
Katharina nicht mehr.

Drei Monate lang dauerte das Siechtum der Kranken. Mit christlicher Geduld ertrug sie die Leiden und die Sorge für die Kinder. „In der ganzen Zeit ihrer Krankheit tröstete sie sich selbst und hielt sich aufrecht mit Gottes Wort. In heißen Gebeten erflehte sie sich ein friedliches Hinscheiden aus diesem mühseligen Leben. Oftmals auch befahl sie Gott die Kirche und ihre Kinder und betete, daß die Reinheit der Lehre, welche Gott durch ihres Gatten Werk dieser Zeit wiedergebracht, unverfälscht den Nachkommen überliefert werden könne.“ Sie selbst aber wollte „an Christus kleben, wie die Klette am Kleid“, ein Wort, das ihr nachher fromme Sänger im Liede nachsprachen[655].

Am 20. Dezember 1552 hauchte sie ihre Seele aus.

Der Vice-Rektor der Universität, Paul Eber, gab dies den Studenten durch ein von Melanchthon verfaßtes lateinisches „Leichenprogramm“ kund, worin ihr Leben und Leiden kurz geschildert war. Namentlich die Erinnerung an die sechs letzten Leidensjahre schwebten dem treuen Freunde des Hauses vor Augen und fast scheint es auch, das Unrecht, das sie von Kanzler Brück u.a. erlitten. „Mit ihren verwaisten Kindern mußte die als Witwe schon schwer Belastete unter den größten Gefahren umherirren wie eine Geächtete; großen Undank hat sie von vielen erfahren, und von denen sie wegen der ungeheuren Verdienste ihres Mannes um die Kirche Wohlthaten hoffen durfte, ist sie oft schmählich getäuscht worden.“ Statt des derben deutschen Spruches, mit welchem Luther in seinem Hausbuch seinen Befürchtungen über die Behandlung seiner Witwe Luft gemacht hatte: „Die Leute sind grob; die Welt ist undankbar“, wählte der gelehrte Freund für das Leichenprogramm als Motto einen griechischen Spruch des Euripides (Orist. 1-3), der allerdings auf die schwere Leidenszeit der Witwe Luthers paßt: „Es giebt kein Unheil, kein Geschick, kein Leid, das Gott verhängt und das die Sprache nennt, nichts Schreckliches, das nicht der Mensch erlebet.“

Dieser Erfahrung des heidnischen Dichters gegenüber weist das „Programm“ auf den Trost und die Hoffnung des Christentums, dessen sich auch die Selige getröstet habe bei der herben Wunde durch den Tod ihres Ehegemahls, ihrer Flucht mit den verwaisten Kindern in der Kriegszeit, den manchfachen Trübsalen des Witwenstandes und dem Undank vieler Leute gegen die Witwe des ehrwürdigen und heiligen Mannes D. Luther. Die Universität lade nun alle ihre Hörer zum Leichenbegängnis ein, „um der verehrten Frau die letzte Pflicht zu erweisen und so zu bezeugen, daß sie die Frömmigkeit der Witwe, welche so herrlich an ihr leuchtete, ihr ganzes Leben lang hochhielten; daß sie der Waisen tiefe Trauer zu Herzen nähmen; und daß sie nicht vergäßen die Verdienste ihres Vaters, die so groß sind, daß sie keine Rede genug preisen kann; daß sie endlich zusammen Gott im Gebete anflehen, das Licht des Evangeliums rein zu halten und seine Lehrer und Verkündiger zu schützen und zu regieren, die Staaten zu behüten und den Kirchen und Schulen geziemende Zufluchtsstätten zu gewähren“[656].

Am folgenden Tag, nachmittags drei Uhr, war der Leichenzug der „edlen
Gemahlin des heiligen Mannes D. Luther“. Von ihrer Gastwohnung die
Schloßgasse hinab an der neuerbauten großartigen kurfürstlichen Residenz
Hartenfels vorbei bewegte sich der gewaltige Zug von Bürgern,
Professoren und Studenten durch die Wintergrüne nach der Stadtkirche
St. Marien. Hier unter dem Knabenchor mit seiner schönen Inschrift:
„Laudate dominum pueri!“ wurde die müde Pilgerin unter den üblichen
Feierlichkeiten bestattet und die Knaben werden ihr auch von droben ein
Abschiedslied gesungen haben[657].

Am Grabe der Mutter trauerten ihre Tochter und drei Söhne.

Hans war herzoglich sächsischer Kanzleirat; er heiratete im folgenden Jahre Elisabeth, die Tochter des Professors und Propstes an der Schloßkirche in Wittenberg D. Kreuziger, den sich sein Vater selbst zum Nachfolger erkoren hatte, der aber schon bald nach dem großen Doktor gestorben war. Später kam Hans Luther zu seinem alten Gönner, dem Herzog Albrecht von Preußen, in Dienst und starb nicht lange nach diesem 1575.

Martin, von dem sein Vater gefürchtet hatte, er werde einmal ein Jurist, studierte Theologie; er mußte aber anhaltender Kränklichkeit wegen als Privatgelehrter leben und starb jung im vierunddreißigsten Jahr, nachdem er mit Bürgermeister Heilingers Tochter in Wittenberg einige Zeit in kinderloser Ehe gelebt hatte.

Paul, der jüngste, wurde ein angesehener Arzt, Dr. und Professor zu Jena und herzoglicher Leibarzt, dann Rat und Leibarzt des brandenburgischen und später des sächsischen Kurfürsten. Er vermählte sich bald nach der Mutter Tod mit seiner Verlobten Jungfrau Anna von Warbeck, und Nachkommen von ihm in weiblicher Linie leben noch heute.

Margarete vermählte sich 1555 „im Beisein vieler Grafen und Herren“ mit Georg von Kunheim, Erbherrn auf Knauten bei Königsberg, der in Wittenberg studiert und vielleicht bei Frau Katharina gewohnt und gespeist hatte. Sie lebte mit ihrem Gemahl, dem herzoglich preußischen Landrichter zu Tapiau, in glücklichster Ehe und starb als Mutter von neun Kindern im Jahre 1570[646].

Von dem zahlreichen Geschlecht Luthers und der Ahnmutter Katharina sind heutzutage noch wenige Nachkommen übrig. Vom Kloster Nimbschen, wo Jungfrau Katharina 15 Jahre lebte, stehen jetzt nur noch drei altersgraue Mauern, von wilden Reben umrankt. Ueber Zulsdorf geht seit 1801 der Pflug und nur ein Denkmal bezeichnet die Stätte, wo sie so gern gewaltet hat. Ihre Gärten in Wittenberg, in denen sie arbeitete und erntete, sind zum Teil mit neuen Häuserreihen überbaut. Nur das Klosterhaus steht noch, wo sie zwanzig Jahre mit dem großen Doktor gehaust, wenn auch nur die Wohnstube einigermaßen im alten Zustand ist.

In der Stadtkirche zu Torgau aber wurde Frau Katharinen — wohl von ihren Kindern — ein Grabdenkmal errichtet in grauem Sandstein, allerdings kein sonderliches Kunstwerk, nach dem Modell des Gipsreliefs, das von einem realistischen Künstler verfertigt in Zulsdorf hing und heute noch in der Kirche zu Kieritzsch zu sehen ist. Auf ihrem Grabmal ist Frau Katharina in halberhabener Arbeit ausgehauen als Matrone im langen Mantel und weißen Kopftuch. Mit heiterem Angesicht schaut sie vor sich hin, wie eine Mutter am Sonntag auf ein wohl verbrachtes Tagewerk; in den Händen hält sie ein offenes Buch zum Zeichen ihrer Frömmigkeit und ihres Eifers im Bibellesen; also als andächtige Maria ist die fleißige Martha dargestellt. Ihr zu Häupten sind die Wappen von Luther und von Bora. Um den Rand steht die Inschrift: „Anno 1552 den 20. December Ist in Gott Selig entscha | ffen alhier in Torgau Herrn | D. Martini Luthers seligen Hinderlassene wittbe Katharina | von Borau.“[658]

Ein künstlerisches Idealbild neben den mancherlei realistischen
Konterfeien Katharinas hat Meister Lukas Kranach geschaffen auf dem
Altarblatt in Wittenberg. Da sitzt Frau Katharina als andächtige
Zuhörerin ihres predigenden Gatten mit ihrem Kindlein in vorderster
Reihe vor der Gemeinde — also ebenfalls als sinnige Maria.

Ein dichterisches Denkmal hat der Hausfrau Luthers beim ersten
Reformations-Jubiläum 1617 der gekrönte Dichter Balthasar Mencius, Poëta
Laureatus, gewidmet, in schlichten, treuherzigen Knittelversen[659]:

Cathrin von Bora bin ich gnant geboren in dem Meissner Landt aus einem alten Edlen Stamm wie solchs mein Anherrn zeigen an die Gott und dem Römischen Reich mit Ehr und Ruhm gedienet gleich. Als ich erwuchs, zu Jahren kam, der Tugendt mich thät nehmen an und jedermann bethöret war vom Pabst und seiner Münche Lahr, und hoch erhaben der Nonnen-Stand, ward ich ins Kloster Nimetzsch gesand; mein Ehr und Amt hatt ich in acht rief zu Gott, bethet Tag und Nacht für die Wohlfarth der Christenheit. Gott mich erhört und auch erfreut; Doctor Luther den kühnen Held mir zu einm Ehmann außerwehlt, dem ich im keuschen Ehstandt mein gebahr drei Söhn und Töchterlein. Im Witwenstand lebt sieben Jahr nachdem mein Herr gestorben war. Zu Torgau in der schönen Stadt man meinen Leib begraben hat; biß Gottes Posaun thut ergehn und alle Menschen heißt aufstehn; alsdann will ich mit meinem Herrn Gott ewig lobn, rühmen, ehrn und mit der Außerwählten Schaar in Freuden leben immerdar.

Weniger freundliche Denkmäler haben der Gattin Luthers katholische
Schriftsteller gesetzt, welche die Ehe des Mönches und der Nonne als ein
Sakrileg und Skandal auffaßten und in ihrer Weise ausbeuteten, wie
Luther selbst schon vor seinem Tode vorausgesehen und in seinem
Testament vorausgesagt hatte. Von protestantischer Seite sind fast nur
Verteidigungsschriften wider diese Verleumdungen ergangen, oder auch
gelehrte Stoffsammlungen und kleine Volksschriften[646].

Und doch lebt Katharina im Andenken des deutschen evangelischen Volkes in deutlicher und freundlicher Erinnerung als die Gattin des gewaltigen Doktors und deutsche Pfarrfrau, welche mit ihrem Manne das gemütansprechende Vorbild eines evangelischen Pfarrhauses geschaffen hat.

Und mit Recht. Sie war eine tüchtige und brave Frau, wie man's zu ihrer Zeit ausdrückte: ein „frommes Weib“, eine echte deutsche Hausfrau. Sie hatte den Mut, Martinus Luther, „den kühnen Held“, zu ihrem Ehegemahl zu erwählen, sie hat es gewagt, mit dem Geistesgewaltigen, dem kaiserbürtigen Regenten der Kirche[646] zu leben, ihm zu genügen, ihn zu befriedigen. Und sie hat geleistet, was sie unternommen. Der große Doktor hat sie geachtet, hat sie geliebt und gelobt. „Das aber ist das wahre Lob, gelobt zu werden von gelobten Männern.“

[Illustration: Katharinas Handschrift und Siegel.][660]

Belege und Bemerkungen

Abkürzungen

Anton, D.M.L. Zeitverkürzungen. L. 1804.

W. Beste, Die Geschichte Katharinas von Bora, nach den Quellen bearb. Halle 1843.

Br. s.u.

G. Buchwald, Zur Wittenb. Stadt- u. Univers.-Gesch. L. 1893.

C.A.H. Burkhardt, Dr. M.L. Briefwechsel. L. 1866.

Consilia Theol. Witteb. Fr. 1664.

Cordatus, Tagebuch über Luther. 1553. Von H. Wrampelmeyer, Halle 1883.

C.R. = Corpus Reformatorum. Bretschneider, Halle 1834 ff.

Grulich, Denkwürdigkeiten von Torgau. 2. Aufl. Torgau 1855.

A. Hausrath, Kleine Schriften religionsgesch. Inhalts. Leipz. 1883. S. 237-298.

M.Fr.G. Hofmann, Kath. v. Bora oder Dr. M. Luther als Gatte u. Vater. Leipz. 1845.

Juncker, Ehrengedächtnis Lutheri. Frankf. 1706.

Kaweran, Briefwechsel v. J. Jonas. 2 Bde.

Kolde, Analecta Lutherana. Gotha 1883.

Köstlin, M. Luther. 2 Bde. 2. Aufl. Elberfeld 1883.

M.A. Lauterbachs Tagebuch. 1538. Von I.K. Seidemann, Dresden 1862.

Lingke, D.M.L. Reisegeschichte. L. 1769.

G. Lösche, Analecta Lutherana et Melanth. Gotha 1892.

L.W. = Walch, Luthers Deutsche Werke, Halle 1739-50.

Mayeri, Vita Catharinae Boriae. Hamburg 1698. Deutsch: Unsterbl. Ehrengedächtnis Frauen Katharinen Lutherin. Frankf. u. L. 1724.

Mathesius, Predigten über Dr. M.L. Nürnberg 1576.

Ratzebergers Handschr. Gesch. über L.u.s. Zeit von Chr. G. Neudecker. 1850.

Richter, Geneal. Lutherorum. Berlin u. L. 1723.

J. Schlaginhaufen, Tischreden L. 1531/2. Von W. Preger, L. 1888.

Seckendorf, De Lurtheranismo Comment. Leipz. 1692.

Seidemann, Luthers Grundbesitz, in Zeitschr. für histor. Theol. 1866.

Seidemann, Erläuterungen zur Ref.-Gesch. Dr. 1844.

Seidemann, Beiträge zur Ref.-Gesch. Dr. 1846-48.

Stier, Denkwürdigkeiten Wittenbergs. Dessau u. L.

T.-R. = Förstemann-Bindseil, D.M.L. Tischreden. 4 Bde. Berlin 1844-48.

Urkb. = Urkundenbuch von Grimma und Nimbschen. Herausgegeben von L.
Schmidt in Cod. dipl. Sax. reg. II. 15. Bd. L. 1898.

W. = Walch, Wahrh. Gesch. der sel. Frau Katharina v.B. Halle 1752.

NB. Ohne Namen u. Titel oder mit Br. citiert sind De Wette und Seidemann, Dr. M. Luthers Briefe. 6 Bde. 1825-56.

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1. Katharinas Herkunft und Familie.

[1] Die Herkunft und Heimat Katharinas ist noch lange streitig und wird sich nicht so leicht feststellen lassen, selbst wenn neue Urkunden aufgefunden werden; hauptsächlich ist die weite Verzweigung der Familie und die Unsicherheit der Elternnamen Katharinas daran schuld. Der Stammbaum Katharinas von Bora ist am eingehendsten verfolgt worden von dem jetzt verstorbenen Georg von Hirschfeld: „Beziehungen Luthers und seiner Gemahlin zur Familie Hirschfeld“ in Beiträge zur Sächs. K.-Gesch. II, 86-141 (bezw. 309). Dies geschah auf Grund einer älteren Chronik (vgl. Hofmann 63) von Philipp von Hirschfeld († 1748). Sodann von Ernst Wezel († 1898) zuerst in der „Wissensch. Beilage der Leipz. Leitung“ 1883 Nr. 71, dann in der Festschrift zur 100jährigen Jubelfeier des K. Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Berlin. „Das Adelsgeschlecht derer von Bora“, A.W. Hagens Erben 1897, mit Auszügen aus zahlreichen Urkunden (vgl. Br. VI, 647 f. 705), eine Schrift, welche noch vervollständigt herausgegeben werden soll.

Nach G. von Hirschfelds Stammbaum wäre Katharina von Bora eine Tochter des Hans von (Bora zu) Hirschfeld-A. (vgl. Br. VI, 648, 28) und der Anna von Haugwitz: Hans veräußerte aber (zwischen 1525-30) Hirschfeld-A. an Hans von Mergenthal und Reinsberg, zog nach Löben, übergab dies seinem Erstgebornen und zog dann nach Moderwitz, welches der Familie Hayr gehörte. —

Diese Aufstellung ist nicht mehr kontrollierbar, denn das Hirschfeldsche Archiv ist verschwunden. Und dazu beruht dies Ergebnis noch auf den Annahmen: 1. daß es zwei Güter Hirschfeld gegeben habe (S. 119); 2. daß eine Linie Bora sich Mergenthal genannt und ihr Wappen (vom roten Löwen in eine Lilie) verändert habe (97); 3. daß Phil. v.H. verschiedene Personen (z.B. zwei Katharinen) verwechselte (116). (Eine lutherisch gesinnte Katharina von Mergenthal war im Kloster zu Freiberg; sie war einmal zu Besuch bei ihrem Bruder in Hirschfeld bei Bora. N. Archiv f. Sächs. Gesch. IV, 298. Sie entwich anfangs Juni 1529 aus dem Kloster und kam zu Luther. A.a.O. 318. Br. III, 469. Die Verwechslung dieser Katharina von Mergenthal aus Hirschfeld bei Deutschen-Bora findet sich schon Sächs. Kirchen-Gal. I, 110. Seidemann, Erl. zur Ref.-Gesch. Dresden 1844. S. 110, 120, 122, 469); 4. daß Irrtümer in dem sächs. Teilungsvertrag von 1485 vorkamen; 5. daß die wunderliche und nicht mehr auffindbare Notiz, wonach Luther „seinem Schwähervater, dem edeln und festen Herrn Hans von Bora zu Moderwitz ein Büchlein (Joel) oder gar eine Bibel verehret“ (Br. VI. 684), richtig sei.

Gegen diese Aufstellung sprechen aber außer den künstlichen Umstellungen der Umstand, daß Katharinas Eltern bei ihrer Flucht aus dem Kloster und bei ihrer Verheiratung höchst wahrscheinlich nicht mehr lebten. Ferner sollte man meinen, daß die Luthersche Familie mit dem Staatsmann Bernhard von Hirschfeld (1490-1551; Br. II, 55, 245, 448; C.R. IV, 349) in vertrauterem Verkehr gestanden haben müßte, wenn sie mit ihm so nahe verwandt gewesen wäre. Das war aber gerade nach 1525 nicht der Fall.

Für Lippendorf als Geburtsstätte von Katharina spricht folgendes: 1. Zu Lippendorf verschreibt ums Jahr 1482 Hans von Bore seiner Ehefrau Katharina als Leibgeding das Dorf Sale; ebenso 1505 Jan von Bore alle seine Güter zu Lippendorf seiner Hausfrau Margarete (E. Wezel, Wiss. Beil. der Leipz. Z. 1883, Nr. 71, S. 422 f.). Solche Verschreibungen wurden nicht etwa (wie G. v. Hirschfeld meint) auf dem Todbette, sondern gerade am Vermählungstag gemacht (wie auch die in beiden Urkunden vorkommende Formel beweist: „nach ihres ehelichen Mannes Tode, ob sie den erlebet, u. nicht eher“). Es wäre nun sehr erklärlich, daß Katharina wegen und bei der Schließung der zweiten Ehe ihres Vaters ins Kloster gebracht wurde. 2. Wegen dem eine halbe Stunde davon gelegenen „Gütlein“ Zulsdorf hat Katharinas Bruder Hans sich aus Preußen hier einfinden und „lange heraußen aufhalten, auch müssen selbes beziehen u. sich verehelichen, bis er's an sich bracht“ und hat das „aus Not, (um) sein u. seiner Brüder Gütlein zu bekräftigen, müssen thun u. für sein Kindlein das Gütlein u. armes Erbdächlein beschicken“. (Br. V, 106, f.) 3. Als Bruder Hans Zulsdorf nicht mehr halten konnte (1540), so kaufte es seine Schwester, obwohl es wenig einträglich und zwei Tagereisen weit von Wittenberg entfernt lag, und hat sich mit Vorliebe hier aufgehalten. (S.S. 84 f.)

Allerdings gehörte wenigstens seit 1504 Zulsdorf zu Kieritzsch und nicht zu Lippendorf und wurde 1515 von Denen zu Kieritzsch an einen Jan von Lenau verkauft (Br. VI, 705; Lpz. Z. 1883 Nr. 70 S. 413); aber um 1525 heiratete eine Marie von Bora zu Zulsdorf einen Siegm. Wolf von Niemeck zu Wittenberg (Schumann, Lexikon von Sachsen XIII, S. 671), und nach Katharinas Tod (1553) brachte ein Christoph von Niemeck, also wohl ein Sohn des vorigen, das Gut Zulsdorf wieder an sich. (Lexikon von Sachsen XIII, S. 671; vgl. Seidemann, Grundbes. S. 529; über die Niemeck vgl. Wittenb. Urbar V.H., Schmalbecker Hufen). Also scheint Zulsdorf in der That ein „Erbdächlein“ Derer von Bora gewesen zu sein. (Die Wittenberger Familie Zulsdorfer, die Stifter der „Zulsdorfer Kapelle“, stammt aus Zulsdorf bei Lochau. Vgl. Wittenb. Urbar III, 296 c. XI; 299 c. XII.)

Im Amte Weißenfels, wozu Lippendorf und Zulsdorf gehörten, gab es um
1510 noch Bora; da wurde ein Siegmund von Bora in einer Streitsache vor
Amt geladen (Staatsarchiv zu Dresden), und zwar, wie es scheint, der
Bruder einer verehelichten „Haugwitz“.

Gegen die Abstammung Katharinas von Hans oder Jan zu Lippendorf kann man geltend machen: 1. Die erste Gemahlin hieß Katharina und war vielleicht eine geborne von Miltitz, die zweite, Margarete, eine geborne von Ende, wenn nämlich der erste in den Urkunden genannte Zeuge oder Vormund, wie gewöhnlich, der Bruder der Frau ist. Dagegen soll Katharina von Boras Mutter eine geborene Haubitz gewesen sein. Wenigstens berichten die (freilich erst 1664 veröffentlichten) Consilia Theolog. Wittenb. IV p. 17 (ebenso Keil histor. Nachr. 15 und Luthers merkw. Lebensweise IV 320) daß Katharinas Mutter eine von Haubitz gewesen. Haubitz heißt ein Vorwerk östlich von Grimma, also bei Nimbschen (Urkundenb. 409), ein anderes liegt eine Stunde von Lippendorf (Wezel 423). Seckendorf (III 92), dessen Schwester 1580 einen Georg von Haubitz heiratete (Engelhard Lucifer Wittemb. I 13, meint, er sei dadurch ein Verwandter der Katharina v. B. geworden) und nach ihm Mayer p. 4 nennt sie eine Haugwitz, darum sagt Richter 295 (vgl. 675): „von Haubitz oder Haugwitz“. (Walch 12, 5 und nach ihm Hofmann 62 irren, wenn sie berichten, in den Consil. W. stehe Haugwitz.) Uebrigens ist Siegmund von Bora 1510 Vormund für eine von Haugwitz, welche also seine Schwester gewesen sein wird (Dresdner Landesarchiv s.o.) Freilich die beiden Namen werden oft verwechselt bzw. gleichgesetzt, z.B. im Kloster Nimbschen (Urkundenbuch 322, 326, 328, 331, 332 vgl. 409 unter „Haubitz“). Diese Verwechslung beruht auf der mundartlichen Aussprache, indem das b in Haubitz wie w und das g in Haugwitz sehr weich gesprochen wurde, so daß es verschwand. Die späteren Biographen behalten Haugwitz bei und behaupten (freilich ohne Quellenangabe), der Vorname von Katharinas Mutter sei Anna gewesen. Soll das ein Mißverständnis aus Una de Haugwitz sein? (Wezel 423) oder eine Verwechslung mit Anna von Haubitz aus Flößberg (bei Grimma), welche gleichzeitig mit Katharina im Kloster Nimbschen war und kurz nach ihr daraus entfloh? Ob die Mutter Katharinas aber wirklich eine geborene von Haugwitz war? Dagegen spricht, daß ein Kanonikus Christoph von Haugwitz 1536 eine Schrift mit einer Vorrede Bugenhagens veröffentlichte, worin keine Rede ist von der Verwandtschaft Katharinas mit der Familie Haugwitz. (Seckendorf ad Indicem I histor. XXXIII, Wezel 423). Gegen Haubitz, wenn Katharinas Mutter aus dem Geschlechte der Nimbscher Nonnen war, spricht der Umstand, daß der Vater Annas v. H. ein kursächsischer Unterthan war (Hirschfeld 97 f.), weshalb sie auch zu Pfingsten 1523 aus Nimbschen austreten und zu ihrer Familie heimkehren konnte. Dagegen die drei Linien Haugwitz waren herzogliche Vasallen (A. Fr. Glasey, Kern der hohen kur- und fürstl. H. zu Sachsen, 4. Aufl. Nürnberg 1753, S. 795. Hirschfeld 127). — Doch war unter den kursächsischen Visitatoren von Thüringen auch ein Erasmus von Haugwitz (Seckendorf II S. 101). Der Bruder der Nimbscher Abtissin Margarethe von Haubitz, Asmus, war 1526-35 Vorsteher des evangelisch gewordenen Klosters Nimbschen (Großmann, Visitationsakten der Diöces Grimma L. 1873, S. 78). Oder sind beide (Asmus = Erasmus) dieselbe Person?