Damit schien er nun Ernst zu machen. Im Juli 1545 unternahm er auf Frau Käthes Fuhrwerk mit seinem ältesten Sohne Hans, D. Kreuziger und einem Tischgenossen Ferdinand von Maugen eine Erholungsreise nach Leipzig und Zeitz zu Freund Amsdorf, dem Bischof. Unterwegs hörte er, daß die Zustände in Wittenberg viel mehr im Munde der Leute wären, als er dachte. Da wollte er gar nicht mehr in die „unordige“ Stadt zurück. Er schrieb am 28. Juli von Zeitz aus an seine Frau folgenden Brief[543]:
„G(nade) und F(riede)!
Liebe Käthe! Wie unsre Reise ist gangen, wird Dir Hans wohl alles sagen — wiewohl ich auch nicht gewiß bin, ob er bei mir bleiben solle —, dann werden's doch D. Kaspar Kreuziger und Ferdinandus wohl sagen. Ernst von Schönfeld hat uns zu Lobnitz schön gehalten[544]. Noch viel schöner Heinz Scherle zu Leipzig.
Ich wollt's gerne so machen, daß ich nicht müßte wieder gen Wittenberg kommen. Mein Herz ist erkaltet, daß ich nicht gern da bin; wollt auch, daß Du verkauftest Garten und Hufe, Haus und Hof. So wollt ich (auch) M(einem) G(nädigen) H(errn) das große Haus[545] wieder schenken. Und wäre Dein Bestes, daß Du Dich gen Zulsdorf setzest, weil (während) ich noch lebe. Und (ich) könnte Dir mit dem Solde wohl helfen das Gütlein bessern, denn ich hoffe, M.G.H. soll mir den Sold (aus)folgen lassen, zum wenigsten ein Jahr meines letzten Lebens. Nach meinem Tode werden Dich die vier Elemente[546] zu Wittenberg doch nicht wohl leiden; darum wäre es besser bei meinem Leben gethan, was dann zu thun sein will.
Ich habe auf dem Lande mehr gehört, denn ich zu Wittenberg erfahre, darum ich der Stadt müde bin und nicht wieder kommen will, da mir Gott zu helfe.
Uebermorgen werde ich gen Merseburg fahren, denn Fürst George hat mich sehr darum lassen bitten[547].
Will also umherschweifen und eher das Bettelbrot essen, ehe ich meine arm alte letzte Tage mit dem unordigen Wesen zu Wittenberg martern und beunruhigen will mit Verlust meiner sauern und teuern Arbeit. Magst solches, wo Du willst, D. Pommer und M. Philipps wissen lassen, und ob D. Pommer wollt' hiemit Wittenberg von meinenwegen gesegnen[548]. Denn ich kann des Zorns und Unlust nicht länger leiden.
Hiemit Gott befohlen, Amen.
Martinus Luther.“
Frau Käthe zeigte natürlich diesen drohenden Brief den beiden Freunden; Melanchthon wiederum, welcher auf den Mittag zu Dr. Brück kam und mit ihm aß, erzählte dem Kanzler Luthers Vorhaben. Das that seine Wirkung. Denn was war Wittenberg ohne Luther? Auch Melanchthon erklärte, daß er dann nicht mehr bleiben könnte und sich vor dem Aergernis irgend wohin verkriechen müsse.
Da fuhr der Schrecken den Wittenbergern, Universität, Rat und Bürgerschaft durch die Glieder. Der Senat und der Magistrat kamen zusammen und berieten über Maßregeln, Luther zu halten. An den Kurfürsten wurde mit einer Abschrift von Luthers Brief eine Botschaft geschickt, damit er auch seinerseits auf den erzürnten Mann einwirke, „daß er sein Gemüt ändere“. Eine Abordnung von Universität und Stadtrat: Melanchthon, Bugenhagen, Major, der Bürgermeister und der Stadtrichter Hans Lufft, wurden zu Luther gesandt und auch vom Hof kam ein beschwichtigender Brief und der liebenswürdige Leibarzt Ratzeberger, den Luther gar gut leiden mochte, nach Merseburg. Der Doktor ließ sich hart genug gegen die Wittenberger Abgesandten aus über „die Lockerung der Zucht“. Stadt und Regierung versprachen nun ernstliches Einschreiten gegen das „verthunliche“ Wesen bei Hochzeiten und Kindtaufen, gegen leichtfertiges Treiben bei Tanzvergnügungen, gegen das ungebührliche Geschrei auf den Straßen u.s.w.[549]
So ließ sich Luther besänftigen; er kehrte noch bei Hof an, um seinen Forderungen Nachdruck zu geben; dann fuhr er langsam nach Hause. Die Ausspannung und der Aufenthalt in freier Luft hatte ihm doch gut gethan, und die Behaglichkeit in seinem schönen Heim, die Fürsorge seiner treuen Hausfrau ließen ihn die Gedanken an einen Auszug vergessen, bis die endgiltige Wanderung in die jenseitige Welt ihn aller Unlust und Widerwärtigkeiten, aller Leiden und Folterqualen der Krankheit enthob[550].
Er sollte die verwickelten Streithändel seiner Landesherrn, der Mansfelder Grafen, wegen der Bergwerksrechte beilegen und machte dazu im folgenden Winter drei Reisen in seine Heimat. Der Kurfürst hätte lieber gesehen, wenn Luther „als ein alter abgelebter Mann mit diesen Sachen verschont bliebe“; und das war Frau Käthes Meinung auch, welche es betrieb, daß Melanchthon, der doch viel jünger und gesunder war, nicht nach Regensburg mußte. Aber Luther selbst meinte: „Es muß, wiewohl ich viel zu thun habe, um ein acht Tage nicht not haben, die ich daran wagen will, damit ich mit Freuden mich in meinen Sarg legen möge, wo ich zuvor meine lieben Landesherren vertragen und freundliches, einmütiges Herzens gesehen habe.“ Nebenbei war es ihm eine Genugthuung, zu zeigen, was in Streithändeln ein guter Christ fertig brächte, gegenüber „den silbernen und guldenen Juristen, welche die Sache oftmals als Vorteil und Geiz wider alle Billigkeit erweitern und auf(hinaus)ziehen.“[551]
Freilich Frau Käthe nahm diese Reisen viel schwerer, namentlich die letzte in der schlimmsten Jahreszeit. Es war Ende Januar und ein gar „unartiges“, kaltes Wetter. Sie wußte aus reicher Erfahrung, was eine Erkältung für den durch und durch kranken Mann bedeute. Sie hatte ja auch gehört, daß Luther im November (1545) seine Vorlesung über die Genesis mit den Abschiedsworten geschlossen hatte: „Ich kann nicht mehr; ich bin schwach; bittet Gott für mich, daß er mir ein gutes, seliges Ende beschere.“ Endlich hatte ein Vorfall das ganze Haus mit banger Ahnung erfüllt. Kurz vorher hatten die studentischen Tisch- und Hausgenossen im Schlafhaus, wo sie wohnten, eine Schlaguhr erneuern lassen. Da begab sich's einstmals um Mitternacht, daß bei dieser Uhr ein sehr großer harter Fall gehört wurde, als ob das ganze Gehäuse mit samt den Gewichten heruntergefallen wäre. Am andern Morgen war alles unversehrt. Da dies Luther gesagt war, sprach er zu den Tischgenossen: „Ihr lieben Quiriten, erschreckt nicht davor. Denn dieser Fall bedeutet mich, daß ich bald sterben werde. Wenn ich von Eisleben komme, will ich mich in Sarg legen. So bin ich der Welt müde, und scheide gerne wie ein reifer Gast aus einer gemeinen Herberge.“ Dennoch wollte Frau Katharina ihren Gatten an dem Friedenswerk in Mansfeld nicht hindern und nachdem er zweimal die Reise glücklich überwunden, hoffte sie wohl auch auf einen glücklichen Ausgang einer dritten und letzten. Sie gab ihm aber nicht nur seinen Famulus Ambrosius Rutfeld mit, sondern auch ihre drei Söhne und in Halle sollte Herr D. Jonas einsteigen. Im Kloster blieben als Tischgenossen Besold, Plato u.a. zurück[552].
Die Reisenden fuhren am Samstag, den 23. Januar, in Wittenberg ab. Es trat nach scharfem Frost während der Nacht auf Sonntag Tauwetter ein, mit Eisgang und Ueberschwemmung, so daß die Reisegesellschaft, als sie Sonntag vormittag in Halle anlangte, nicht über die Saale kommen und drei Tage in der Stadt verziehen mußte; Freund Jonas, der seit vier Jahren in Halle Pfarrer war, hieß aber die Wittenberger Gäste in seinem Hause willkommen. Von Halle empfing nun Frau Käthe einen launigen Brief ihres Eheherrn, der dessen gute Stimmung meldete. Er war adressiert „Meiner freundlichen lieben Käthen Luthrin zu Wittenberg zu Handen“[553].
„Gnad und Friede im Herrn!
Liebe Käthe!
Wir sind heute um acht Uhr zu Halle ankommen, aber nach Eisleben nicht gefahren. Denn es begegnete uns eine große Wiedertäuferin mit Wasserwogen und großen Eisschollen, die das Land bedeckte; die dräuete uns mit der Wiedertaufe. So konnten wir auch nicht wieder zurückkommen, von wegen der Mulda; mußten also zu Halle zwischen den (beiden) Wassern stille liegen. Nicht daß uns durstete zu trinken, sondern nahmen gut Torgisch Bier und guten rheinischen Wein; damit labeten und trösteten wir uns dieweil, ob die Saale wollt wieder auszürnen. Denn weil die Leute und Fuhrmeister, auch wir selbst zaghaftig waren, haben wir uns nicht wollen in das Wasser begeben und Gott versuchen; denn der Teufel wohnet im Wasser und ist uns gram; und ist besser verwahret denn beklaget; und ist ohne Not, daß wir dem Papst samt seinen Schuppen eine Narrenfreude machen sollten. Ich hätte nicht gemeint, daß die Saale eine solche Sod machen könnte, daß sie über Steinwege und alles rumpeln sollte.
Jetzo nicht mehr, denn: betet für uns und seid fromm. Ich halte, wärest Du hier gewesen, so hättest Du uns auch also zu thun geraten; so hätten wir Deinem Rat auch einmal gefolget.
Hiemit Gott befohlen! Amen.
Zu Halle am St. Paulus Bekehrungstage (25. Januar) Anno 1546.
Martinus Luther D.“
Das lautete gar fröhlich und vergnügt, als man im Kloster diesen lustigen Brief las, und Frau Käthe konnte einstweilen beruhigt sein. Aber es dauerte acht Tage, bis wieder ein Brief kam. Das mußte die besorgte Frau schon nicht wenig aufregen und sie sandte Briefe über Briefe ab, was sonst bei der vielbeschäftigten Frau nicht gerade Gewohnheit war. Endlich nach Lichtmeß langte ein zweiter Brief Luthers an. Der war freilich auch in demselben scherzhaften Ton geschrieben, wie der vorige und die meisten Episteln des Doktors an seine Frau. Aber es war doch eine Stelle darin, die bedenklich machen konnte.
„Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin, Doktorin, Zulsdorferin,
Saumärkterin und was sie sonst noch sein kann.
Gnade und Friede in Christo und meine alte, arme und, wie ich weiß, unkräftige Liebe zuvor.
Liebe Käthe! Ich bin schwach gewesen auf dem Wege hart vor Eisleben, das war meine Schuld. Aber wenn Du wärest dagewesen, so hättest Du gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewesen. Denn wir mußten durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viele Juden inne wohnten; vielleicht haben sie mich so scharf angeblasen. So sind hier in der Stadt Eisleben jetzt diese Stunde über fünfzig Juden wohnhaftig (in einem Hause). Und wahr ist's, da ich bei dem Dorf war, ging mir ein solch kalter Wind hinten im Wagen ein auf meinen Kopf durchs Barett, als wollte mir's das Hirn zu Eise machen. Solches mag nun zum Schwindel etwas haben geholfen; aber jetzt bin ich gottlob! wohl geschickt, ausgenommen, daß die schönen Frauen mich so hart anfechten.
Ich trinke Naumburgisch Bier, fast des Geschmacks, den Du von Mansfeld mir etwa hast gelobet. Es gefällt mir wohl.
Deine Söhnchen sind nach Mansfeld gefahren ehegestern, weil sie Hans von
Jene[554] so demütiglich gebeten hatte; weiß nicht, was sie da machen.
Wenn's kalt wäre, so möchten sie helfen frieren. Nun es warm ist,
könnten sie wohl was anders thun oder leiden, wie es ihnen gefällt.
Hiermit Gott befohlen sammt allem Hause, und grüße alle Tischgesellen.
Vigilia Purificationis, 1546.
M.L., Dein altes Liebchen.“[555]
Also der Doktor hatte sich richtig erkältet und zwar durch eigene Schuld; er war eine Zeitlang vom Wagen abgestiegen, hatte sich in Schweiß gelaufen bei dem auffallend warmen Winterwetter, war dann im letzten Dorfe Nißdorf, hart vor Eisleben, unvorsichtigerweise wieder auf den Wagen gesessen und hatte sich in dem scharfen Luftzug des Fuhrwerks erkältet. Frau Käthe wußte, was das zu bedeuten hatte und war gar ängstlich trotz des fröhlichen Briefes. Sie hatte, scheint es, die Sache schon vor Luthers eigener Meldung sonsther gehört, auch daß die sonst immer offen gehaltene Wunde am Bein, welche, eine Art Fontanelle, den kranken Säften einen Abfluß gewährte, bedenklicherweise zugeheilt war. So schrieb sie nun einen Brief um den andern, an einem Tag (Freitag, 5. Februar) sogar mehrere. Auch sandte sie von Wittenberg ihre gewöhnlichen Hausmittel: „Stärkküchlein“, allerlei Stärkwasser, Rosenessig und Aquavitä, und hieß Jonas, den Famulus und ihre Söhne in dem Gemach des Doktors schlafen[556]. Er zwar schreibt wieder ganz sorglos, nur bedenklich wegen der heikeln Streitigkeiten, die er zu schlichten hatte, am 6. Februar[557]:
„Der tiefgelehrten Frauen Katharin Lutherin, meiner gnädigen Hausfrauen zu Wittenberg.
Gnade und Friede.
Liebe Käthe! Wir sitzen hier und lassen uns martern und wären wohl gern davon; aber es kann noch nicht sein, als mich dünkt, in acht Tagen. Mag. Philippus magst Du sagen, daß er seine Postille korrigiere; denn er hat nicht verstanden, warum der Herr im Evangelio die Reichtümer Dornen nennt. Hier ist die Schule, da man solches verstehen lernet. Aber mir grauet, daß allewege in der heiligen Schrift den Dornen das Feuer gedroht wird; darum ich desto größere Geduld habe, ob ich mit Gottes Hilfe möchte etwas Gutes ausrichten. Deine Söhnchen sind noch zu Mansfeld. Sonst haben wir zu essen und trinken genug und hätten gute Tage, wenn's der verdrießliche Handel thät. Mich dünkt, der Teufel spotte unser; Gott woll' ihn wieder spotten, Amen.
Bittet für uns. Der Bote eilte sehr.
Am Sankt Dorotheentage, 1546.“
Trotz dieser Briefe war aber Frau Käthe so voller Sorge um den fernen Gatten, daß sie nicht schlafen konnte, und schrieb gar ängstliche Episteln nach Eisleben, so daß ihr der fromme Doktor eine lange Predigt hielt über Gottvertrauen in zwei aufeinanderfolgenden Briefen, am 7. und 10. Februar[558]:
„Meiner lieben Hausfrauen Katherin Lutherin, Doktorin, Selbstmartyrin zu
Wittenberg, meiner gnädigen Frauen zu Händen und Füßen.
Gnade und Friede im Herrn.
Lies Du, liebe Käthe, den Johannem und den kleinen Katechismus, davon Du einmal sagtest: es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt. Denn Du willst sorgen für Deinen Gott, gerade als wäre er nicht allmächtig, der da könnte zehn Doktor Martinus schaffen, wo der einige alte ersöffe in der Saale oder im Ofenloch oder auf Wolfs Vogelherd. Laß mich in Frieden mit Deiner Sorge: ich hab' einen bessern Sorger, denn Du und alle Engel sind. Der liegt in der Krippe und hänget an einer Jungfrauen Brust; aber sitzet gleichwohl zur rechten Hand Gottes des allmächtigen Vaters. Darum sei in Frieden, Amen.
Betet, betet, betet und helft uns, daß wir's gut machen. Denn ich heute in Willen hatte, den Wagen zu schmieren in meinem Zorn; aber Jammer, so mir einfiel, meines Vaterlandes hat mich gehalten. Ich bin nun auch ein Jurist worden. Aber es wird ihnen nicht gedeihen. Es wäre besser, sie ließen mich einen Theologen bleiben. Komme ich unter sie, so ich leben soll, ich möcht' ein Poltergeist werden, der ihren Stolz durch Gottes Gnade hemmen möchte. Sie stellen sich, als wären sie Gott, davon möchten sie wohl und billig bei Zeit abtreten, ehe denn ihre Gottheit zur Teufelheit würde, wie Luzifer geschah, der auch im Himmel vor Hoffart nicht bleiben konnte. Wohlan, Gottes Wille geschehe.
Du sollst Mag. Philippus diesen Brief lesen lassen: denn ich nicht Zeit hatte, ihm zu schreiben, damit Du Dich trösten kannst, daß ich Dich gern lieb hätte, wenn ich könnte, wie Du weißt, und er gegen seine Frauen vielleicht auch weiß und alles wohl verstehet.
Wir leben hier wohl, und der Rat schenkt mir zu jeglicher Mahlzeit ein halb Stübchen Rheinfall, der ist sehr gut. Zuweilen trink ich's mit meinen Gesellen. So ist der Landwein hier gut, und Naumburgisch Bier sehr gut, ohne daß mich dünkt, es macht mir die Brust voll phlegmate (Schleim) mit seinem Pech. Der Teufel hat uns das Bier in aller Welt mit Pech verdorben und bei euch den Wein mit Schwefel. Aber hier ist der Wein rein, ohne was des Landes Art giebt.
Und wisse, daß alle Briefe, die Du geschrieben hast, sind anher kommen und heute sind die kommen, die Du am nächsten Freitag geschrieben hast mit Mag. Philippus Briefen, damit Du nicht zürnest.
Am Sonntag nach Dorotheens Tag (7. Febr.) 1546.
* * * * *
Dein lieber Herr M. Luther.“
„Der heiligen sorgfältigen Frauen, Katherin Lutherin, Doktor
Zulsdorferin zu Wittenberg, meiner gnädigen, lieben Hausfrauen.
Gnade und Friede in Christo.
Allerheiligste Frau Doktorin! Wir bedanken uns gar freundlich für Eure große Sorge, davor Ihr nicht schlafen könnt; denn seit der Zeit Ihr für uns gesorget habt, wollt' uns das Feuer verzehret haben in unsrer Herberg hart vor meiner Stubenthür; und gestern, ohne Zweifel aus Kraft Eurer Sorge, hat uns schier ein Stein auf den Kopf gefallen und zerquetscht, wie in einer Mausfallen. Der hatte im Sinn, Eurer heiligen Sorge zu danken, wo die lieben heiligen Engel nicht gehütet hätten. Ich sorge, wo Du nicht aufhörst zu sorgen, es möchte uns zuletzt die Erde verschlingen und alle Elemente verfolgen. Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben? Bete Du und laß Gott sorgen, es heißt: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der sorget für dich (1. Petr. 5, 7).“
Wir sind, Gott Lob, frisch und gesund, ohne daß uns die Sachen Unlust machen, und Doktor Jonas wollt' gern einen bösen Schenkel haben, daß er sich an eine Lade ohngefähr gestoßen: so groß ist der Neid in den Leuten, daß er mir nicht wollt' gönnen allein einen bösen Schenkel zu haben.
Hiemit Gott befohlen. Wir wollten nun fort gerne los sein und heimfahren, wenn's Gott wollt', Amen, Amen, Amen.
Euer Heiligen williger Diener Martinus Luther.
Am Tage Scholasticä (10. Febr.) 1546.“
Aber was Frau Käthe zu wenig an Gottvertrauen zeigte, das bewies der
Herr Doktor zu viel. Sie wußte und hörte, daß er, trotzdem er sich jeden
Abend mit warmen Tüchern behandeln lassen mußte, seinen alten
Predigteifer auch in der fremden Stadt in der kalten Kirche bethätigte;
zwei Geistliche ordinierte er und viermal predigte er, zuletzt am
Sonntag den 14. Februar. Abends schrieb er noch einen Brief an seine
Hausfrau, erwähnte aber nichts davon, daß er heute morgen seine Predigt
hatte abbrechen müssen aus Schwachheit; er bat aber seine Frau um
Arzneien[559].
Der Brief schlägt wieder fröhliche und hoffnungsvolle Töne an; die
Aussicht auf Rückkehr nach der lieben Heimat vergoldete die trübe
Stimmung[560]:
„Meiner freundlichen, lieben Hausfrauen, Katherin Lutherin von Bora zu
Wittenberg zu Händen.
Gnade und Friede im Herrn.
Liebe Käthe! Wir hoffen diese Woche wieder heim zu kommen, ob Gott will. Gott hat große Gnade hier erzeigt; denn die Herren durch ihre Räte fast altes verglichen haben, bis auf zwei Artikel oder drei, unter welchen ist, daß die zwei Brüder Graf Gebhardt und Graf Albrecht wiederum Brüder werden, welches ich heute soll vornehmen und will sie zu mir zu Gaste bitten, daß sie auch mit einander reden; denn sie bis daher stumm gewesen und mit Schriften sich hart verbittert haben. Sonst sind die jungen Herren (die Söhne der feindlichen Grafen) fröhlich, fahren zusammen mit den Narrenglöcklein auf Schlitten und die Fräulein auch und bringen einander Mummenschanz, und sind guter Dinge, auch Graf Gebhardts Sohn. Also muß man greifen, daß Gott Gebete erhört.
Ich schicke Dir Forellen, so mir die Gräfin Albrecht geschenkt hat: die ist von Herzen froh der Einigkeit. Deine Söhnchen sind noch zu Mansfeld. Jakob Luther will sie wohl versorgen. Wir haben hier zu essen und zu trinken als die Herrn, und man wartet unser gar schön, nur allzu schön, daß wir Euer wohl vergessen möchten zu Wittenberg. So ficht mich der Stein auch nicht an. Aber Doktor Jonas Bein wäre schier gnad worden, so hat's Löcher gewonnen auf dem Schienbein; aber Gott wird auch helfen.
Solches alles magst Du Mag. Philippus anzeigen, Doktor Pommer und Doktor Kruziger. Hier ist das Gerücht herkommen, daß Doktor Martinus sei weggeführt, wie man zu Leipzig und Magdeburg redet. Solches erdichten die Naseweisen, Deine Landsleute. Etliche sagen, der Kaiser sei dreißig Meilen Wegs von hinnen bei Soest in Westphalen; etliche, daß der Franzose Knechte annehme, der Landgraf auch. Aber laß sagen und singen: wir wollen warten, was Gott thun wird. Hiemit Gott befohlen.
Zu Eisleben am Sonntag Valentini 1546.
M. Luther, Doktor.“
Es war der letzte Brief an seine Ehefrau, der letzte, den Luther überhaupt schrieb. Die heitere Epistel kam am Donnerstag in Käthes Hände und erregte bei den Klosterbewohnern großes Vergnügen: in Eisleben aber lag der Schreiber schon auf dem Totenbette. Der Gewaltige war am selben Tage früh um 3 Uhr im Kreise seiner Freunde, Dr. Jonas, M. Aurifaber, des Arztes, des Stadtpfarrers von Eisleben, des Grafen und der Gräfin Albrecht, sanft und selig entschlafen. In Wittenberg freilich dachte man nicht daran. Melanchthon, dem Luther mit gleichem Boten geschrieben hatte (u.a. daß Papst Paul gestorben wäre), verfaßte noch einen Brief an den Freund und Frau Käthe schickte noch eine Salbe mit, zur Wiederherstellung der Fontanelle am linken Schenkel. Aber am Freitag früh 6 Uhr kam aus Torgau ein reitender kurfürstlicher Bote vor des Kanzlers Brück Haus; dieser ließ sogleich D. Bugenhagen, Kreuziger und M. Philipp zu sich kommen; sie wußten aber bereits, was das kurfürstliche Schreiben meldete, ehe er es ihnen zu lesen gab, denn vor einer Viertelstunde war auch ein Bote mit einem Brief aus Eisleben von Jonas an sie gelangt. Auf Brücks Bitten verfügten sich die drei Herren mit des Kurfürsten und Jonas' Brief unsäumig hinauf zu der Doktorin und berichteten sie mit der besten Vorsicht von ihres Herrn Abgang. „Da ist das arme Weib, wie leichtlich zu achten, hart erschrocken und in großer Betrübnis gewesen.“ Aber wiederum nicht an sich dachte sie zumeist, sondern an ihre Kinder, besonders, wie ihre drei Söhne in der Ferne sich über des Vaters Tod halten möchten[561].
Katharinas bange Ahnung hatte sich also erfüllt; ihre Sorge um den kränklichen fernen Gatten war nicht ohne Grund gewesen. Das Trauervolle war geschehen: der teure Mann, der gewaltige Reformator, der geistvolle Lehrer und Prediger, der liebreiche Vater, der treue Gatte war nicht mehr! Wenn auch nicht unerwartet, so doch zu früh für die Welt und für die Familie war er dahin geschieden, wohin er sich so oft gesehnt; von der Welt, über die er so viel gescholten und die er doch mit so viel Verständnis und Freude erfaßt; von dem Amte, in dem er sich so müde gearbeitet, und in dem er doch noch so Großes leistete; von der Familie, die ihm zwar Sorgen, aber noch viel mehr Glück und Freude gebracht und die er mit so viel Glauben und Liebe umfaßte; von der Gattin, die er so oft geneckt und manchmal getadelt, die er aber über alle Frauen geschätzt und geliebt hatte.
„Es war eine harte Wunde, die sie durch den Tod ihres Ehegemahls
empfing. Und dazu mußte sie noch klagen, daß derselbe in einem anderen
Orte gestorben war, wo sie nicht bei dem Kranken Treue und die letzten
Liebesdienste hatte erweisen können.“[562]
Ja, in der Fremde war er gestorben, zum großen Schmerze Katharinas, die mit ihm zwanzig Jahre „in Friede und Freude“ gelebt, die ihn in gesunden und kranken Tagen so hingebungsvoll gepflegt und jetzt die letzten Stunden seines Lebens nicht um ihn sein durfte, ihm in das liebe Angesicht schauen und die treuen Augen zudrücken durfte. Es war kaum ein Trost, daß er im Kreise der Freunde verschieden war, daß der Graf Albrecht ihm selbst Einhorn geschabt und seine Gemahlin ihm den Puls mit dem Stärkwasser strich, welches die Doktorin geschickt, und daß er in ihres Sohnes Paul Armen ausgeatmet und ihm sein treuer Aurifaber die Augen zugedrückt hatte[563].
Und jetzt konnte sie nicht einmal den Trost genießen, durch die Fürsorge für die Bestattung des geliebten Toten ihren Geist abzulenken von dem Gedanken des schmerzlichen Verlustes.
Das kurfürstliche Schreiben enthielt nämlich die Bestimmung, daß der Leib Luthers in der Schloßkirche zu Wittenberg bestattet werden sollte, bei Fürsten und Fürstinnen, deren zwanzig dort bestattet waren. Aber so war wenigstens ihr lieber Herr bei ihr in ihrer Stadt und sie konnte mit den anderen Freunden „ihren Heiligen daselbst nach seinem Tode besuchen“, wie Bugenhagen sich ausdrückte. Denn die Grafen von Mansfeld hätten „die Leiche des hochteuern, von Gott mit unaussprechlichen Gaben begnadeten Mannes gern selbst in der Herrschaft behalten“, folgten sie aber „aus unterthänigem Gehorsam“ dem Kurfürsten auf dessen Bitte dienstwillig aus. So rüstete sich nun die Doktorin, ihr Töchterlein und das ganze Kloster für das Leichenbegängnis nur mit Trauergewändern[564].
Aber auch die ganze Stadt und Universität machte sich bereit, ihren größten Bürger mit feierlichem Leichengepränge zu empfangen. Melanchthon hatte sofort nach der Ankunft der Todeskunde am Freitag früh die Studenten in einem Anschlag benachrichtigt, daß der christliche Elias von seinen Jüngern genommen sei. Der Rektor der Akademie, Dr. Aug. Schurf, befahl am Sonntag Morgen in einem Programme „allen Studenten am Nachmittag, sobald das Zeichen mit der kleinen Glocke gegeben werde, sich auf dem Markte zu versammeln und daselbst den ehrwürdigen Pfarrherrn (D. Pommer) an der Kirche zu erwarten, ihm sofort zu folgen und mit ihm die Leiche zu empfangen, welche gewesen ist und sein wird eine Hütte des heiligen Geistes.“ Von Wittenberg ritten dem Trauerzuge entgegen, um ihn in Bitterfeld, an der Mansfeldischen Grenze zu empfangen und ehrenvoll zu geleiten, die „Verordneten des Kurfürsten“: Erasmus Spiegel, der Hauptmann von Wittenberg, Gangolf von Heilingen zu Düben und Dietrich von Taubenheim zu Brehne mit Gefolge[565].
Aber die Leiche kam am Sonntag noch nicht: in jeder Stadt wollte man sie einholen, zurückhalten, begleiten; und so verzögerte sich die Ankunft des Zuges, der zuletzt in Kemberg gerastet hatte. Und Melanchthon mußte am Schwarzen Brett, auf dem Programm des Rektors verkündigen, daß die Ankunft der Leiche und ihre Bestattung erst am andern Morgen, etwa um 9 Uhr, stattfinde[566].
Im Laufe des Sonntags kam ein Beileid-Schreiben des Kurfürsten[567]:
„An Catharina, Doctoris Martini seliger Gedächtnis verlassene Witwe zu
Wittenberg.
Herzog Johanns Friedrich, Kurfürst.
Liebe Besondere!
Wir zweifeln nicht, Ihr werdet nunmehr erfahren haben, daß der Ehrwürdige und Hochgelehrte, unser Lieber Andächtiger Doctor Martin Luther seliges Gedächtnis, Euer Hauswirt, sein Leben in diesem Jammerthal zu Eisleben am nächsten Dornstag frühe zwischen 2 und 3 Uhren christlich und wohl mit göttlichen der hl. Schrift Sprüchen beschlossen hat und von hinnen geschieden ist, welches Wir aber mit betrübtem und bekümmertem Gemüt vernommen. Der allmächtige Gott wolle seiner Seelen, wie Wir denn gar nicht zweifeln, gnädig und barmherzig sein! Und wiewohl Wir wohl ermessen mögen, daß Euch solcher Euers Herrn tödlicher Abgang schmerzlich und bekümmerlich sein wird, so kann doch in dem Gottes gnädigen Willen, des Allmächtigkeit es also mit ihm gnädiglich und christlich geschafft hat, nicht widerstrebt werden, sondern es will solches Gott zu befehlen sein. Darum Ihr auch soviel destoweniger bekümmern und seines christlichen Abscheidens Euch trösten wollet. Denn Wir seind gnädiglich geneigt, Euch und Eure Kinder um Eures Herren sel. willen, dem Wir in sonderen Gnaden und Guten geneigt gewest, in gnädigem Befehl zu haben und nicht zu verlassen. Das wollen Wir Euch gnädiger Meinung nicht verhalten.
Datum Torgau, Sonnabends nach Valentini 1546.“
Am Montag früh versammelten sich am Elsterthor Rektor, Magistri und Doktores und die ganze löbliche Universität, auch ein ehrbarer Rat samt ganzer Gemeinde und Bürgerschaft, dann die Geistlichen und Schulen. Auch Frau Käthe machte sich auf mit ihrem Töchterlein Margarete und einigen Frauen und stellten sich weinend an den Weg, dem toten Gatten entgegen harrend.
Endlich um 9 Uhr, langte der Zug mit der teuren Leiche an: geleitet von den kurfürstlichen Abgeordneten und den beiden jungen Mansfelder Grafen Hans und Hoyer und einer großen Reiterschar. Auch die Mansfelder Verwandten kamen mit, Luthers Lieblingsbruder Jakob, und seine Schwestersöhne Jörg und Cyriak Kaufmann und andere von der „Freundschaft“. Vor allem aber die drei Söhne Hans, Martin und Paul. Es war ein schmerzliches Wiedersehen, das hier Frau Katharina erlebte. Die Söhne freilich konnte sie schluchzend in die Arme schließen, aber das Antlitz des teuren geliebten Gatten durfte sie nicht mehr sehen; da lag er eingeschlossen im Sarg von Zinn, aufgebahrt auf dem Wagen, mit schwarzem samtenem Tuch umhangen[568].
Darauf ordnete sich der Zug: voraus die Geistlichkeit und die Schulen mit den herkömmlichen Gesängen und Zeremonien, darauf die „Berittenen“ auf ungefähr 65 Pferden. Gleich hinter dem vierspännigen Leichenwagen fuhr die „Frau Doktorin Katharina Lutherin“ mit den Matronen, nach herkömmlicher Sitte auf einem niederen Wägelein. Ihr folgten die drei Söhne, der Bruder, die Neffen und andere Verwandten. Dann in vollem Ornat „der Rektor Magnificus der löblichen Universität mit etlichen jungen Fürsten, Grafen und Freiherrn, so in der Universität Wittenberg Studii halber sich (auf)enthalten.“ Darnach kam als weiteres Leichengefolge: Kanzler Brück, Melanchthon, Jonas, Bugenhagen, Kreuziger, Hieronymus Schurf und andere älteste Doktoren; dann die übrigen Doktoren, Magister, der ehrbare Rat, Bürgermeister Cranach samt den Ratspersonen, darnach der ganze große Haufen und herrliche Menge der Studenten; darauf die Bürgerschaft, desgleichen viele Bürgerinnen, Matronen, Frauen, Jungfrauen, viel „ehrliche“ Kinder, jung und alt; alles mit Weinen und Wehklagen. „In allen Gassen, auch auf dem Markt ist das Gedränge so groß und solche Menge des Volkes gewesen, daß sich's billig in der Eil zu verwunden und viele bekannt haben, daß sie dergleichen zu Wittenberg nicht gesehen.“
So ging es unter Gesang und dem Geläute aller Glocken in unabsehbarem Zuge vom Elsterthor die ganze Länge der Stadt hin am Kloster vorbei, das jetzt verwaist von seinem Vater und Herrn dalag, die Kollegienstraße hinab zur Schloßkirche. Dort wurde der Sarg am Predigtstuhl niedergesetzt. Trauerlieder erschollen, bis Bugenhagen die Kanzel bestieg und vor den ungezählten Hörern, die in und vor der Kirche standen, eine „gar festliche und tröstliche Predigt“ that. Darauf hat Melanchthon „aus sonderlichem Mitleiden, um die Kirche zu trösten“, eine lateinische Gedächtnisrede gehalten, die vor dem allgemeinen Weinen und Schluchzen kaum gehört wurde. Seine Klage: „Wir sind wie arme Waisen, die einen vortrefflichen Mann zum Vater gehabt und ihn verloren haben“, die den Grundton aller Rede bildeten, sie waren ganz besonders denjenigen aus dem Herzen gesprochen, die dem teuren Toten am nächsten standen, und am nächsten an seinem Sarg klagten: der trauernden Gattin, den weinenden Kindern[569].
„Nach den Leichenreden trugen etliche Magister den Sarg nach der Gruft und legten so das teure Werkzeug des heiligen Geistes, den Leib des ehrwürdigen D. Martini zur Ruhe, nicht fern von dem Predigtstuhl, da er im Leben manche gewaltige Predigt gethan.“ Der Kurfürst aber hatte schon am Tag vorher verordnet, daß eine Tafel aus Messing aufs Grab niedergelegt wurde, dergestalt wie noch heutzutage zu sehen ist[570].
Wohl konnte das außerordentliche, wahrhaft fürstliche Leichengepränge zeigen, welch ein Mann, ja, wie der Rektor ankündigte, welch ein „Fürst Gottes“ der Dahingegangene gewesen, welche Liebe und Verehrung er bei hoch und nieder genossen und die Teilnahme aller bewies, was die Welt an ihm verlor und betrauern mußte, und das ist ja für die Hinterbliebenen immer ein Trost in ihrem Schmerz. Aber diese Leichenfeier zeigte auch, was die Angehörigen selber an ihm gehabt und beweinen mußten.
Was Katharinas Stimmung und Gedanken in diesen schmerzlichen Tagen war, das giebt sie kund in einem Briefe, den sie an ihre Schwägerin Christina, die verwitwete Gemahlin eines ihrer Brüder und Mutter des Florian, welcher in Wittenberg ihr Hausgenosse war, richtete[571]. Da schreibt sie:
„Der ehrbaren und tugendsamen Frauen Christina von Bora, meiner lieben
Schwester zuhand.
Gnad und Fried von Gott dem Vater unsers lieben Herrn Jesu Christi!
Freundliche liebe Schwester!
Daß Ihr ein herzlich Mitleiden mit mir und meinen armen Kindern tragt, gläub' ich leichtlich. Denn wer wollt' nicht billig betrübt und bekümmert sein um einen solchen teuern Mann, als mein lieber Herr gewesen ist, der nicht allein einer Stadt oder einem einigen Land, sondern der ganzen Welt viel gedienet hat. Derhalben ich wahrlich so sehr betrübt bin, daß ich mein großes Herzeleid keinem Menschen sagen kann, und weiß nicht, wie mir zu Sinn und zu Mut ist. Ich kann weder essen noch trinken, auch dazu nicht schlafen. Und wenn ich hätt' ein Fürstentum und Kaisertum gehabt, sollt' mir so leid nimmer geschehen sein, so ich's verloren hätt', als nun unser lieber Herrgott mir, und nicht allein mir, sondern der ganzen Welt, diesen lieben und teuern Mann genommen hat. Wenn ich daran gedenk', so kann ich vor Leid und Weinen — das Gott wohl weiß — weder reden noch schreiben.
Katharina, des Herrn Doctor Martinus Luther gelassene Witfrau.“
16. Kapitel.
Luthers Testament.
„Ich denke noch oft“, erzählt der treue Hieronymus Weller nach Luthers Tod, „an den Mann Gottes, Doktor Martin Luther, daß er sein Gemahl ließ den 31. Psalm auswendig lernen, da sie noch jung und frisch und fröhlich war und sie noch nicht wissen konnte, wie dieser Psalm so lieblich und tröstlich war. Aber ihr Mann that das nicht ohne Ursache. Denn er wußte wohl, daß sie nach seinem Tode ein betrübtes, elendes Weib sein und dieses Trostes, so der 31. Psalm in sich hat, sehr nötig werde bedürfen.“ Und ähnlich hat sich der Doktor auch in seinem Testament ausgesprochen, wie in seinem Brief auf seiner Trutz-Fahrt[572].
Luther kannte eben die Welt und seine und seiner Familie Lage: er kannte der Leute Undank[573], der Fürsten Unzuverlässigkeit und ihrer Beamten Untreue, der Amtsgenossen kleinliche Gesinnung, der Feinde Haß, der sich schon bei Lebzeiten auch gegen sein Gemahl in unerhörter Beschimpfung richtete und sich noch ungehemmter zeigen mußte, wenn erst der gefürchtete Kämpe den Schild nicht mehr über sie deckte. Er wußte, daß er ein kranker Mann war, daß er sterben werde, ehe seine Kinder erzogen und versorgt wären; er kannte die traurige Lage einer Witwe zu seiner Zeit, die ohne Ansprüche auf Witwengehalt, ja nach dem herkömmlichen Recht ohne Ansprüche auf die Hinterlassenschaft war. Deshalb war er in Sorge für seine treue Gattin; deshalb hat er aber auch, so viel an ihm lag, Fürsorge für sie getroffen, um sie vor dem Schwersten zu bewahren.
Diese Gedanken hat Luther in seinem „zweiten“ und „letzten“ „Testament“ niedergelegt, welches vier Jahre vor seinem Tode, am 6. Januar 1542 niedergeschrieben ist. Darin setzt er seiner „lieben und treuen Hausfrau“ ein Leibgeding aus und will sie schützen gegen „etlich unnütze, böse und neidische Mäuler“, welche seine „liebe Käthe“ beschweren oder verunglimpfen möchten oder die Kinder aufhetzen. „Denn der Teufel, so er mir nicht konnte nahe kommen, sollt er wohl meine Käthe (auf) allerlei Weise (heim)suchen, (schon) allein (aus) der Ursache, daß sie des D.M. ehrliche Hausfrau gewesen und Gottlob noch ist.“[574]
So mußte Frau Katharina auch bald spüren, welcher Unterschied es sei, die Gattin des großen Doktors zu sein, der nach dem Anspruch eines großen Fürsten neben dem Kaiser die Welt regierte, dessen Ansehen und Ehre auch auf die „Hauswirtin“ überging, und Luthers verlassene Witwe, in deren Vermögens-und Familienverhältnisse, Hauswirtschaft und Kindererziehung hineinzureden und hineinzuregieren sich jetzt viele berufen fühlten, zum Teil aus gutem Willen und Verehrung für den dahingegangenen Freund und Reformator, während bisher Frau Katharina selbst, höchstens mit Rat und Zustimmung ihres Eheherrn, in diesen Dingen vollständig selbstherrlich geschaltet hatte. Daß sie, die energische Frau, welche sich ihrer Tüchtigkeit in der Leitung eines großen Hauswesens wohl bewußt war, und welcher Luther so bereitwillig das Hausregiment überlassen hatte, dies Dreinreden und Dreinbefehlen schwer empfand, ist begreiflich. Nicht wenig mußte es sie auch schmerzen und ihr Selbstgefühl verletzen, daß sie bisher die erste Frau der Stadt, ja der evangelischen Welt, nun bescheiden zurücktreten mußte. Schwer auch kam sie's gewiß an, daß sie das in so großem Stil geführte Hauswesen mit seiner unerhörten Gastlichkeit beschränken mußte.
Zwar das trat nicht ein, was Luther gefürchtet hatte, daß „die vier Elemente (d.h. doch wohl die vier Fakultäten der Universität) sie nicht wohl leiden“ würden. Auch davon hört man nichts, was Luther in seinem Testamente aussprach: „Ich bitt alle meine guten Freunde, sie wollten meiner lieben Käthe Zeugen sein und sie entschuldigen helfen, wo etliche unnütze Mäuler sie beschweren und verunglimpfen wollten, als sollte sie etwa eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern entwenden oder unterschlagen würde. Ich bin des Zeuge, daß da keine Barschaft ist, ohne die Becher und Kleinod droben im Wipgeding erzählt (aufgezählt), vielmehr 450 fl. Schulden oder mehr.“[575]
Aber Luther hatte noch ein weiteres vorausgesehen, was seiner Frau vorgeworfen werden könnte: eine üble Wirtschaft. Es heißt weiter im Testament: „Es kann solches bei jedermann die Rechnung öffentlich geben, weil man weiß, wie viel ich Einkommens gehabt von meinen gestrengen Herrn, ohn was Geschenk ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden, zumteil auch noch in der Schuld steckt und zu finden ist. Und ich doch von solchem Einkommen und Geschenk so viel gebaut, gekauft und große und schwere Haushaltung geführt, daß ich's muß neben anderem selbst für einen sonderlichen, wunderliche Segen erkennen, daß ich's hab können erschwingen, und nicht Wunder ist, daß keine Barschaft, sondern daß nicht mehr Schuld da ist.“[576]
Am meisten unzufrieden mit der gesamten Wirtschaft Katharinas war der Kanzler Brück, Luthers Gevattersmann. Brück hatte schon 1536, als Katharina das Gut Booß pachten wollte, ihr das nicht zukommen lassen, aus Argwohn, sie wolle dies herrschaftliche Gut so unter der Hand erblich an sich und ihre Kinder bringen, „welche Gedanken doch nie in ihr Herz gekommen sind“. Deshalb hatte sie auch den Landrentmeister Taubenheim später (1539), als das Gut wieder pachtfrei war, angegangen, solchen ihren Antrag an niemand sonst, auch nicht an den Kurfürsten (welchen dann Brück um Gutachten gefragt hätte) gelangen zu lassen, sondern ihr's unter der Hand zukommen zu lassen, was dann auch geschah. Brück äußerte sich auch sehr abschätzig über Käthes Unternehmungen auf ihrem Lieblingssitz Zulsdorf und hielt diese kostspieligen Verbesserungen für arge Verschwendungen. Er widersetzte sich endlich dem Erwerb von Wachsdorf. Daher ist es begreiflich, daß auch Katharina auf ihn übel zu sprechen war, und überhaupt auf die fürstlichen Amtleute, welche scheel zu den Begnadigungen sahen, die sie vom Hofe erhielten, und sogar sie darin verkürzten. Als Luther ein Jahr vor seinem Tode von Wittenberg wegziehen wollte, und seine Frau beauftragte, seine Besitzungen in der Stadt zu veräußern, da ließ Melanchthon gegen Brück merken, daß eigentlich Katharina das „treibe“ und daß es nicht das sei, was Luther vorwende. Das berichtete der Kanzler dem Kurfürsten und fügte mit einer gewissen Schadenfreude hinzu: es gebe Gottlob keine Käufer für so kostbare Häuser und Güter[577].
Als dann die kurfürstliche Verordnung wegen „der Hochzeiten und Kindtaufen“ an Luther geschickt wurde, kamen Melanchthon und Bugenhagen zu Brück und zeigten an, Luther wolle sie weder sehen noch hören; zu Hof hätte man nur sein Gespött damit. Daraus schloß Brück, daß der Doktor durch seine Frau aufgewiegelt werde.
Es war also ein Zerwürfnis zwischen dem Schwarzen Kloster und dem Hof, das heißt zwischen Dr. Luther und Kanzler Brück, der den „Hof“ vertrat, so daß Brück gar nicht mehr persönlich und direkt mit Luther verhandelte, sondern die beiden Theologen sandte oder auch einen Dritten[578]. Dieses Zerwürfnis hatte dann noch seine weitere Geschichte.
Im Dezember 1545 schickte Brück einen Zwischenhändler ins Schwarze Kloster „hinauf zu Sr. Ehrwürden“, um Luther zu bewegen, er solle aus einer vom Hof bestellten Schrift eine politisch bedenkliche Stelle auslassen. „Da war Frau Käthe auch dabei und hat ihr Wort dazu gelegt dergestalt: „Ei lieber Herr, sie lesen zu Hof nichts; das macht's, wissen sie doch Euere Weise wohl u.s.w.“ Und Luther wurde über diese Zumutung des Kanzlers zornig und wunderlich und sagte, er wolle es kurzum nicht thun. Diese Rede Käthes wurde natürlich dem Kanzler hinterbracht und er berichtete sie sofort samt den vorhergehenden Beobachtungen dem Kurfürsten mit dem Zusatz: „Ich sorg, weil sich Doktor Martinus in mehr denn einem Weg wider den Hof bewegt vermerken läßt, es muß nochmals das Gütlein Wachsdorf dahinter stecken, und der gute, fromme Herr durch die „Rippe“ bewegt wird.“[579]
Das alles spielte kurz vor Luthers Tode; begreiflich, daß die Verstimmung bei Brück jetzt noch frisch und kräftig nachwirkte. Auch Melanchthon und Bugenhagen scheinen gegen die Doktorin eingenommen, wenn man den Berichten von Brück glauben soll. Es muß aber doch ausfallen, daß außer den Brückschen Berichten keine Belege für Melanchthons und Bugenhagens Feindseligkeit gegen Frau Käthe bekannt sind; ja die Fürsorge beider, namentlich Melanchthons und das Zutrauen Katharinas zu diesem beweist eher das Gegenteil. Dennoch wäre nach Brücks Eingabe eine vorübergehende Erregung der beiden alten Freunde gegen sie vorhanden gewesen.
Zunächst freilich wirkte die Liebe und Verehrung, die der gewaltige und gemütreiche Mann genossen, auch noch auf seine Familie, insbesondere die trauernde Gattin.
Der Kurfürst hatte einst vor neun Jahren in Schmalkalden an Luthers vermeintlichem Sterbebett diesem versprochen: „Euer Weib soll mein Weib sein und Euere Kinder sollen meine Kinder sein“. Dessen gedachte er auch jetzt nach des Doktors wirklichem Abscheiden und sandte an „die Doktorin, Luthers liebe Hausfrau“, jenes gnädige Trostschreiben, worin er sie und ihre Kinder seiner gnädigen Fürsorge versichert[580]. Diesem Versprechen kam nun auch der Fürst getreulich nach, so lange er in Freiheit war und es vermochte.
Der Kanzler Brück hatte in einer Nachschrift zu seinem Briefe an den Kurfürsten vom 19. bemerkt: „Philippus hat mir gesagt, er habe der Doktorin bereits vor 14 Tagen 20 Thaler zur Haushaltung leihen müssen. E. Kf. Gn. wollen 14 Thaler verordnen zur Haushaltung und anderem, das dieses Falles Notdurft wohl erfordern will. Der Allmächtige wird es E. Kf. Gn. reichlich vergelten!“ Darauf sandte der Kurfürst sofort am folgenden Tag hundert Gulden mit einem Schreiben an Melanchthon; darin heißt es: „Dieweil Wir auch vermerken, als solle gemeldten Doctor Martini seligen Hausfrau und Witwe am Gelde Mangel haben, wie ihr denn von Euch vor seinem Tode Fürsehung (Vorschuß) geschehen sein solle: als schicken Wir Euch bei diesem Boten hundert Gulden. Davon wollet Euch des Geldes, was Ihr geliehen habt, zuvor bezahlen und der Witwe die Übermaß (den Überschuß) von Unserntwegen zustellen.“[581]
Und vielleicht nochmals zwei Tage nach der Beisetzung hat der Kurfürst die Witwe Luthers seiner besonderen Gnade und Fürsorge versichert. Auch erbot er sich, ihren ältesten Sohn an den Hof und in die kurfürstliche Kanzlei zu nehmen[582].
Auch die Freunde des Hauses nahmen sich der Witwe noch an. Melanchthon erwies ihr eine kleine Aufmerksamkeit. Als er am 11. März einen Hasen und einen Pelz von Jonas erhielt, dachte er an das Mosesgesetz, daß den Priestern, welche die Bürde der Kirchenregierung auf ihren Schultern trugen, auch die Haut des Opfertieres gehören sollte, und damit an Luther, der so lange Jahre auf seinen Schultern eine solche Last Geschäfte getragen, und er schickte den Pelz und Hasen an Luthers Witwe[583].
Jonas berichtet am 15. April an König Christian III. von Dänemark über Luthers Tod und fügte die Bitte bei: „Bitt' unterthänigst E.K.Maj. wolle der Witwe Domini D. Martini seiner drei Söhne Martini, Pauli, Johannis und eines Töchterlein Margret gnädigster Herr sein.“[584]
Sogar der Herzog von Preußen schrieb an den Kurfürsten von Sachsen für D. Martini seligen Witwe eine „Vorbitt“, deren der Kurfürst freundlich eingedenk zu sein verheißt: „Dieweil Wir dem Doktor bei seinem Leben in allem Guten geneigt gewesen, so achten Wir Uns auch schuldig, seine nachgelassenen Kinder, seinen getreuen, fleißigen und christlichen Dienst genießen zu lassen, wie Wir sie auch samt der Witwe in gutem Befehl habend.“[585]
Die Grafen von Mansfeld hatten Luther und seiner Familie für seine
Vermittlung 2000 fl. zugesagt und haben diese dann auch am 8. Mai 1546
„Doktor Luthers nachgelassener Wittfrau und Kindern“ verschrieben, zu
„Dankbarkeit solch christlichen Liebe und Erzeigung bemeldts D.M.
Luthers, daß er sich gutwillig gen Eisleben gefügt und treumeinende
Handlung vorgenommen und also daselbst mit Friede sein Ende christlich
und seliglich beschlossen.“[586]
Endlich bestand noch ein Vermächtnis des Kurfürsten Johann Friedrich von 1000 fl., welche Luthers Kindern ausgesetzt waren, und wovon einstweilen die Renten ausbezahlt wurden, als eine Art Gnadengehalt für die Waisen[587].
Der Witwe war in diesen Verschreibungen nicht gedacht. Dagegen hatte Luther für seine Gattin schon vier Jahre vor seinem Tode ein Leibgeding ausgesetzt.
Luther hatte nun in bekannter Mißachtung der Juristen und des juristischen Formen-Krams dies Dokument absichtlich selbst aufgesetzt und nur von seinen theologischen Freunden Melanchthon, Kreuziger und Bugenhagen unterschreiben lassen, in der Meinung, da ihn so „viele in der Welt für einen Lehrer der Wahrheit halten“ trotz Papstes Bann und des Kaisers, Könige, Fürsten, Pfaffen, ja aller Teufel Zorn, so sollte man ihm und seiner Handschrift auch in diesen geringen Sachen glauben.“ Er schreibt darin: „Zuletzt bitt' ich jedermann, weil ich in dieser Begabung oder Wibgeding nicht gebrauche der juristischen Formen und Wörter (wozu ich Ursachen gehabt), man wolle mich lassen sein die Person, die ich in Wahrheit bin, nämlich öffentlich im Himmel, auf Erden und in der Hölle bekannt, der man trauen und glauben mag, mehr denn keinem Notario.“[588]
Daraus ergiebt sich eine Mißstimmung gerade gegen Brück, der ja in diesem Falle besonders hätte gehört werden müssen. Aber die Rechtsgelehrten konnten dies Testament auch anfechten und scheinen dies gethan zu haben eben darum, weil Luther in so geflissentlicher Weise die verhaßten Juristen übergangen hatte. Waren doch die Juristen immer noch bedenklich über die Rechtsgültigkeit der Priesterehe und gar der Ehe von Mönchen und Nonnen, also daß Luther fürchten mußte, daß sie seine „Ehre und Bettelstücke seinen Kindern nicht gedenken zuzusprechen“. Da konnte nur eine besondere Entscheidung der Staatshoheit der Witwe zu ihrem Rechte verhelfen, wie auch Luther selbst in dem Testament vorgesehen hatte: „Und bitt auch hiemit unterthäniglich, S.K.G. wollten solche Begabung oder Wibgeding schützen und handhaben.“[589]
Dies sog. „Testament“ Luthers war eigentlich ein Leibgeding für seine Hausfrau, ein „Weibgedinge“, wie es herkömmlich von Ehemännern früher oder später ausgestellt zu werden pflegte. Es hatte um so größere Bedeutung, als es für Beamten-, wie Professorenfrauen kein Witwengehalt gab und das sächsische Erbrecht für Frauen so ungünstig war.
Alle evangelischen Pfarrer der Reformationszeit, deren Besoldung sehr unsicher, oft nur ein Gnadengehalt war, strebten deshalb danach, ihren Frauen, wie Luther sich ausdrückt, ein „Erbdächlein und Herdlin“, d.h. Grundbesitz, zu verschaffen; und jeder Ehemann in Sachsen pflegte der Ehefrau ein Leibgedinge zu verschreiben. „Wie wenige findet man,“ sagt Luthers langjähriger Hausgenosse Hieronymus Weller, als er Pfarrer in Freiberg war und Weib und Kind hatte, „wie wenige findet man, die sich kümmern um Witwen und Waisen von verstorbenen Dienern der Kirche! Darum folge ich Luthers Beispiele und kaufe ein Haus zur Zuflucht für die Meinen in der Zukunft.“ So dachte auch Luther. Er äußerte sich sehr unzufrieden über das sächsische Recht wegen seiner Behandlung der weiblichen Ansprüche. „Sachsenrecht“, sagte er, „ist allzustreng und hart, als das da anordnet, daß man einem Weibe nach ihres Mannes Tode geben soll nur einen Stuhl und Rocken“. Dies legte aber Luther so aus: „Stuhl, das ist Haus und Hof; Rocken, das ist Nahrung, dabei sie sich in ihrem Alter auch könne erhalten; muß man doch Dienstboten besolden und jährlich ihnen ihren Lohn geben, ja man giebt doch einem Bettler mehr.“[590]
Demgemäß handelte nun auch Luther und schrieb — schon am Dreikönigstag 1542 — sein „Testament“, d.h. das „Weibgeding“ für seine Gattin[591].
„Ich, M.L.D. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, daß ich meiner lieben u. treuen Hausfrauen Katherin gegeben habe zum Wipgeding (oder wie man es nennen kann) auf ihr Lebenlang, damit sie ihres Gefallens u. zu ihrem Besten gebaren muge, und gebe ihr das in Kraft dieses Briefs, gegenwartiges und heutigen Tages:
Nämlich das Guttlein Zeilsdorff, wie ichs bis daher gehabt habe.
Zum andern das Haus Bruno zur Wohnung, so ich unter meines Wolfs Namen gekauft habe.
Zum dritten die Becher und Kleinod, als Ringe, Ketten, Schenkgroschen, gulden und silbern, welche ungefährlich sollten bey 1000 Fl. werth seyn.
Das thue ich darumb,
Erstlich, daß sie mich als ein frum, treu ehelich Gemahel allezeit lieb, werth u. schön gehalten, und mir durch reichen Gottes-Segen fünf lebendige Kinder (die noch furhanden, Gott geb lange) geboren und erzogen hat.
Zum andern, daß sie die Schuld, so ich noch schuldig bin (wo ich sie nit bey Leben ablege), auf sich nehmen und bezahlen soll, welcher mag seyn ungefähr, mir bewußt, 450 fl. mugen sich vielleicht wohl mehr finden.
Zum dritten, und allermeist darumb, daß ich will, sie müsse nicht den Kindern, sonder die Kinder ihr in die Hände sehen, sie in Ehren halten, und unterworfen seyn, wie Gott geboten hat. Denn ich wohl gesehen und erfahren, wie der Teufel wider dieß Gebot die Kinder hetzet und reizet, wenn sie gleich frum sind, durch böse und neidische Mäuler, sonderlich wenn die Mütter Witwen sind, und die Söhne Ehefrauen, und die Töchter Ehemänner kriegen, und wiederumb socrus nurum, nurus socrum. Denn ich halte, daß die Mutter werde ihrer eigenen Kinder der beste Vormund seyn, und sölch Guttlein und Wipgeding nicht zu der Kinder Schaden oder Nachtheil, sondern zu Nutz und Besserung brauchen, als die ihr Fleisch und Blut sind und sie unter ihrem Herzen getragen hat.
Und ob sie nach meinem Tode genöthiget oder sonst vorursachet wurde (denn ich Gott in seinen Werken und Willen kein Ziel setzen kann) sich zu vorändern: so traue ich doch, und will hiemit sölches Vertrauen haben, sie werde sich mutterlich gegen unser beyder Kinder halten, und alles treulich, es sey Wipgeding oder anders, wie recht ist, mit ihnen theilen.
Auch bitt ich alle meine gutten Freunde, sie wollten meiner lieben Käthen Zeugen seyn und sie entschuldigen helfen, wo etzliche unnutze Mäuler sie beschweren oder verunglimpfen wollten, als sollt sie etwa eine Barschaft hinter sich haben, die sie den armen Kindern entwenden oder unterschlagen würde. Ich bin deß Zeuge, daß da keine Barschaft ist, ohn die Becher und Kleinod, droben im Wipgeding erzählet.
Und zwar sollts bey iedermann die Rechnung offentlich geben, weil man weiß, wie viel ich Einkummens gehabt vom M. gestr. Herr, und sonst nicht ein Heller noch Körnlein von iemand einzukummen gehabt, ohn was Geschenk ist gewesen, welches droben unter den Kleinoden, zum Theil auch noch in der Schuld steckt, und zu finden ist. Dieß bitte ich darumb: denn der Teufel, so er mir nicht kunnt näher kummen, sollt er wohl meine Käthe, allein der Ursachen, allerley Weise suchen, daß sie des Mannes D.M. eheliche Hausfrau gewesen, und (Gott Lob) noch ist.“ —
Außer diesem Witwengut bestand das Lutherische Vermögen aus folgendem: dem Klosterhaus, hernach zu 3700 fl. verkauft, den beiden Gärten zu 500 fl., Hausrat und Bibliothek zu 1000 fl. zusammen 5200 fl. Das Leibgeding der Mutter betrug im Verkaufswert 2300 fl., nämlich das Gut Zulsdorf 956 fl., das Haus „Bruno“ zu 343 fl., bisher „um einen liederlichen Zins“ vermietet, dazu noch die 1000 fl. Silbergeschirre; davon gingen allerdings die genannten 450 fl. Schulden ab, wenn sie bei Luthers Tod noch standen; diese Schulden machten ihr viel Sorgen; eine „Barschaft“ war — auch nach D. Brücks Zeugnis „nicht da“. Freilich Luther selber hatte diesen Besitz viel höher angeschlagen; in der Schätzung 1542 berechnet er ihn auf 9000 fl. Das Einkommen aber aus allem schätzt er auf kaum 100 fl. Dazu kamen noch seit einiger Zeit 50 fl. jährliche Rente, aus dem verschriebenen kurfürstlichen Legate von 1000 fl. und endlich noch 2000 fl. des Grafen von Mansfeld[592].
Das war wohl ein großer, weitläufiger Besitz; aber er war wenig einträglich; alles in allem warf er 250 fl. ab. Ob davon eine größere Familie ohne gar zu große Einschränkung leben konnte? Die Kinder waren noch alle unversorgt und unmündig. Der älteste Sohn Hans war 20 Jahre alt, das jüngste Töchterlein Margarete erst 11, Martin 14 und Paul 15. Und die drei Söhne sollten nach Luthers Wunsch alle studieren: Hans nach der Mutter Meinung die Rechte, Martin wollte Theologe werden, Paul hatte sich schon mit des Vaters Beifall für die Medizin entschlossen. Zudem war noch der alte lahme Famulus Wolf da, der als gewohntes Erbstück mit versorgt werden mußte; er hatte zwar auf Luthers Ansuchen vom Kurfürsten ein Stipendium von 40 fl. bekommen, dies aber ging in Luthers Haushalt mit auf[593]. Man konnte Luthers Witwe, die einen so großen und gastfreien Haushalt gewohnt war, doch nicht zumuten, das alte liebe Haus zu verlassen und sich in ärmlichster Weise, etwa in die „Bude“ Bruno oder auf Zulsdorf zurückzuziehen und die Kinder unter fremde Leute zu geben. Brück war freilich dieser Meinung. Frau Katharina dagegen wollte alle Kinder bei sich behalten, was ja wohl auch das billigste war; sie wollte ferner im Klosterhaus bleiben und Kostgänger nehmen in noch ausgedehnterem Maße wie bisher; sie wollte endlich nicht nur „die Böse“ (das Gut Booß), die sie etliche Jahre her zur Miete und um einen „liederlichen Zins“ innegehabt, ferner auch also behalten, sondern noch ein weiteres landwirtschaftliches Anwesen erwerben, um ihre Einnahmen zu vermehren[594]. Dies alles aus Fürsorge für sich und ihre Kinder; aber auch, wie der Kanzler Dr. Brück gewiß richtig versteht, „damit sie zu thun, zu schaffen und zu gebieten genug hab, und ihr demnach an der vorigen Reputation nichts abgehe“. Namentlich war ihr das neue Landgut angelegen: hatte sie ja für die Landwirtschaft besondere Neigung aus wirtschaftlichem Interesse, aber wohl auch aus ihrem adeligen Bewußtsein heraus. Schon vor mehreren Jahren nämlich war ihrem Gatten das große Gut Wachsdorf zum Kaufe angetragen worden, welches eine Stunde von Wittenberg, jenseits der Elbe, also viel günstiger als das ferne Zulsdorf gelegen, auch fruchtbarer und einträglicher, freilich auch teurer war als dies. Das wurde ihr nun aufs neue angeboten[595].
Die Witwe fragte nun Melanchthon um Rat. Der sah für gut an, man sollte den Kauf von Wachsdorf anlangend des Kurfürsten Rat und, wo dieser es riete, seine gnädige Hilfe erbitten. Sie aber wollte das schlechterdings nicht haben — gewiß nur deshalb, weil sie von vorn herein wußte, daß der kurfürstliche Rat — der Rat Dr. Brücks sei, dem die Sache zur Begutachtung übergeben würde und der dem Vorhaben Katharinas durchaus entgegen war. Sie entwarf nun eine Eingabe an den Kurfürsten dahingehend: Weil sie gedenke, das Gut Wachsdorf zu kaufen, so wolle S.K.Gn. ihr dazu gnädige Hilfe thun, und sie mit Vormündern bedenken, damit ihre Kinder und sie zu ihrer Unterhaltung bedacht werden möchten, dieweil kein Geld, Gesinde oder Vorrat vorhanden, denn das Gut wäre nicht angerichtet (eingerichtet).
Diese Bittschrift gab Frau Katharina Melanchthon zur Begutachtung. Dieser brachte sie nun am Dienstag, 9. März, abends in die Sitzung mit, welche er, Bugenhagen und Kreuziger mit Brück wegen des Regensburger Religionsgespräches bei dem Kanzler hielten, und gab sie — Brück. Und der Kanzler las sie nun „öffentlich“ vor.
Als Bugenhagen den Plan Katharinas wegen Wachsdorf vernahm, rief er: „Da hört man wohl, wer alleweg nach dem Gut Wachsdorf getrachtet. Vorher hat man's auf den Doktor geworfen, der wolle es schlechterdings haben; aber jetzt merkt man wohl, wessen Getrieb es gewest.“
Darnach fielen allerlei Reden zwischen den vier Männern und meinten dieselben „fast insgemein“: „Kriegte sie das Gut, so würde sie ein solches Bauen darauf anfangen, zu ihrem und der Kinder großem Schaden, wie sie mit dem Gut Zulsdorf auch gethan, welches sie über 1600(!) Gulden zu stehen kam und wollt ihr nicht gern 600 Gulden gelten[596]. Weiter wurde bedacht: Wenn sie draußen (in Wachsdorf) bauen und wohnen wollte, so würde sie die Söhne zu sich hinaus vom Studium abziehen, daß sie junkern lernten und Vögel fangen[597]. Ferner überschwemme die Elbe sofort und bedecke das Gut mehrern Teils mit Wasser; man könne keinen Keller bauen, es sei überhaupt „ein wüstes Gütlein“.
Aber Melanchthon, der das Ungehörige seines Schrittes wohl einsah, bat, man solle nicht über die Bittschrift verhandeln, sondern sie, wie sie wäre, an den Kurfürsten abgehen lassen; „die Frau ließe sich doch nit raten, sondern ihr Gutdünken und Meinung müsse alleweg für rücken“.
Brück sagte: „Will sie um Vormünder bitten, so wird sie ja mit derselben Rate handeln und vorgehen müssen. Und ich dächte, daß Kreuziger und M. Melanchthon neben andern die besten Vormünder wären; denn sie wissen ja um des Herrn sel. Gelegenheit; die Kinder müssen ihnen auch des Studiums halber vor anderen folgen.“
Aber die beiden schlugen die Vormundschaft „alsbald glatt ab“, aus Ursachen, daß „die Frau nicht folge und sie oft beschwerliche Reden von ihr würden einnehmen müssen“.
Ferner ließ sich Melanchthon vernehmen, daß sie der Kinder keins wolle von sich thun, sondern dieselben sollten bei ihr in Wittenberg unterhalten werden. Und wiewohl der ältere Sohn Hans nicht ungeneigt gewesen wäre, auf des Kurfürst gnädiges Erbieten gen Hof und in die kurf. Kanzlei zu ziehen, so hätte sie ihn doch (ab)wendig gemacht. Man[598] habe von andern auch dergleichen gehört, daß sie vorgäbe: es wäre ein alberner Gesell, man würde ihn in der Kanzlei nur äffen und zum Narren machen. Zum Studium tauge er nach Melanchthons Meinung gar nicht, denn er wäre zu groß und es fehlten ihm die Grundlagen. Endlich war der Kanzler der Meinung, man sollte die Behausung des Klosters, diese weitläufige Wohnung, verkaufen oder verlassen. Aber Melanchthon erklärte, daß „ihr Gemüt (Sinn) nicht wäre“, das zu thun, sondern sie gedächt es zu behalten, ingleichen auch das Gut Zulsdorf, selbst wenn Wachsdorf dazu käme.
So war — nach Brücks Bericht — die Unterredung der vier Freunde und
Gevattern Luthers über seine Witwe.
Melanchthon hatte also gegen den Willen der Frau Doktorin ihr Anliegen
dem Kanzler vorgetragen, dessen Dreinreden sie gerade — und mit gutem
Grund — vermeiden wollte; und er hatte auch noch allerlei mündliche
Mitteilungen gemacht, welche nicht dazu dienen konnten, die Stimmung der
Freunde gegen die Doktorin zu verbessern.
Ohne von dieser Behandlung ihrer vertraulichen Mitteilung etwas zu wissen, ließ nun Frau Katharina ihre Eingabe durch den Hausfreund Ratzeberger, den kurfürstlichen Leibarzt, bei Hofe im Torgauer Schloß einreichen. Es geschah am Mittwoch, und schon Donnerstag, 11. März, fordert der Kurfürst den Kanzler Brück in Wittenberg um ein Gutachten über die Bittschrift Katharinas auf, die er seinem Schreiben beilegte.
Das Gutachten des Kanzlers ist nun ein eigentümlich gehässiges Schreiben. Brück berichtet darin an den Kurfürsten zuerst die vertrauliche Beratung der drei Theologen mit allen für Katharina ungünstigen Bemerkungen derselben, und zwar, wie es scheint, verschärft. Hätte das Melanchthon gewußt, so hätte er's wohl unterlassen, Brück „von der Frauen wegen um sein Bedenken“ zu bitten. Ferner erwähnt der Kanzler in dem Schriftstück allerlei gehässiges und sogar verlogenes Geschwätz „von andern“. „Viel Leut wollen's dafür halten, es werde endlich schwerlich unterbleiben, daß sie sich wieder verändern wird“ — so wagt Brück drei Wochen nach ihres Gatten Tod von einer 47jährigen Frau zu schreiben! und dies, obwohl er sich bewußt ist und ausdrücklich erklärt, es sollte vermieden werden, daß „man mit der Frauen disputiere, ob sie sich verändern wird oder nit“. Ferner berichtet er an den Kurfürsten: „Man sagt mir, es hab ein jeder Knab einen eigenen Präceptor und Famulum“ — hinterher stellt sich aber heraus, daß es bloß ein einziger ist, Rutfeld, und ein gelehrter und treuer Geselle. Ebenso wird es Uebertreibung sein, wenn er als „öffentlich“ hinstellt, was „des andern Gesindes vorhanden ist“ — wie sie nämlich „mit vielem Volk“ (Gesinde) überladen sei. Endlich giebt der Kanzler seiner Abneigung gegen die Doctorin noch verschiedentlich klaren Ausdruck. Er nennt ihre Bitte „stumpf und kurz“; er rechnet dem Kurfürsten wiederholt vor, daß er 600 fl. Gnadengeld zur Erbauung des Gutes Zulsdorf gegeben und noch dazu für 100 fl. Holz; er spricht die Verdächtigung aus, welche doch auch Dr. Luther träfe: „Der arme lahme Wolf ist auch noch da; wollt sie ihn bei sich behalten und er bei ihr bleiben, so hätt sie die vierzig Gulden auch mit einzubrocken, wie denn bisher geschehen, daß der arme Mensch derselben wenig genossen hat, — besorg ich“, setzt er doch etwas bedenklich hinzu. Das Gut Wachsdorf macht Brück so schlecht wie möglich und meint, es „erobere“ keine hundert Gulden Reinertrag, also nicht einmal die Kapitalzinsen. Er verdächtigt die Doctorin weiter, „es sei ihren Kindern nichts nutz“ und es sei ihr nur darum zu thun, teil zu haben an dem Gut. Und sein ganzes Bestreben geht dahin, nur den Kindern und immer den Kindern alles zugut kommen zu lassen und die Witwe vom Besitz und Genuß auszuschließen. Und weiterhin ist Brücks Rat und Absicht, „ihr die stattliche — ein andermal heißts: „große und verthunliche“ — Haushaltung zu brechen“. Endlich geht er mit aller Macht darauf aus, der Mutter die Kinder zu entziehen. Während Luther in seinem Testament zu seiner Gattin das gute Zutrauen hatte, „die Mutter werde ihren eigenen Kindern der beste Vormund sein“, erklärte Brück, wie es scheint mit direkter Beziehung auf diese Meinung Luthers: „Nach sächsischem Recht kann sie nit Vormund sein, dieweil sie bei ihrem Witwenstand selbst Vormünder bedürftig; so wär es auch sorglich, da (wenn) sich die Frau anderweit würde verehelichen.“ Am ärgsten wohl tritt er der Witwe zu nahe, wenn er ausführt, die Knaben würden bei ihr junkern und spazieren gehen und vom Studio abgezogen, sie müßten daher „zu gelehrten Leuten gethan werden, vor denen sie Furcht und Scheu hätten, bei welchen sie auch einen bequemen Tisch hätten“ — als ob die Kinder bei ihr — der „Erzköchin“ — sogar in ihrer leiblichen Pflege versäumt würden! Die einzige gegründete Veranlassung zu dem Mißtrauen in Katharinas Erziehungskunst konnten doch nur die geringen Fortschritte geben, die der wenig begabte Erstgeborne im Studium bisher gemacht.
Fast eher wie böses Gewissen sieht es aus, als wie Scheu vor Frau Katharinas starkem Willen, wenn der Kanzler an den Kurfürsten schreibt: „Nun wär ich in Unterthänigkeit willig gewest, mit der Frauen selbst oder dem Philippo von den Sachen auf E. Kurf. Gn. Befehl zu reden; so hat mich doch dies abgescheuet, daß ich dazumal vom Philippo verstanden, daß ihr Gemüt nit wäre das Haus allhie zu verkaufen oder zu verlassen, sondern gedächt es zu behalten, ingleichen Zulsdorf und Wachsdorf; darum des Verkaufens des Hauses gegen ihr nit zu gedenken sein wollte.“
Sachlich macht der Kanzler dem Kurfürsten nun folgende Vorschläge:
1. Damit die Domina nicht Ursache habe S.K.Gn. zu Unglimpf zu gedenken, möge der Kurfürst zu den bisherig verschriebenen 1000 fl. noch 1000 fl. — aber nur für die Kinder — hinzuthun und beides zusammen mit 100 fl. verzinsen, das auf das Mädchen (Margarete) fallende Viertel aber (500 fl.) bis zu ihrer Verheiratung verpensionieren.
2. Der Kurfürst solle der Mutter und den Kindern besondere Vormünder geben. Diese beiderseitigen Vormünder sollten dann das Eigentum der Witwe und das der Waisen reinlich scheiden.
3. „Darnach müssen die Vormünder beiderseits davon reden, wie, wovon und welcher Gestalt die Kinder sollen unterhalten werden. Da wird sich denn das Gebeiß zwischen der Frau und den beiderseitigen Vormündern ergeben. Denn der Kinder Vormünder werden sagen: es sei kein bessers, denn Hansen den ältern Sohn thue man gen Hof in E.K.G. Kanzlei; so möchte es sich mit der Zeit also schicken, daß er zu etwas käme, so ihm sonst fehlen möchte. Denn wenn ihm E.K.G. ein Stipendium verordnet und es wollt mit dem Studium nicht fort, so wird es schimpflich, es ihm zu kündigen. Ferner werden sie sagen, daß mit den andern Knaben auch kein besser wäre, denn daß man sie von einander thät und daß sie nit bei der Mutter wären.“ Dazu könne ihnen der Kurfürst noch ein weiteres Stipendium geben.
4. Das Töchterlein könne man bei der Mutter lassen, und von den 500 fl. 30 fl. Rente geben, und wenn es nicht reiche: 40 fl. Davon könnte es die Mutter mit einem kleinen Meidlein, das ihm aufwartet, wohl erhalten und es von dem Mansfeldischen Geld- oder Zinsanteil mit Kleidung versehen.
5. Auf diesem Weg würde der Frau ihre große und verthunliche Haushaltung gebrochen werden und dem vorgebeugt, daß aus den Kindern „Junker und Lappen“ werden.
6. „Würde die Frau unsern Vormündern dann sagen: „Wovon solle sie denn erhalten werden?“, so könnten die Vormünder der Kinder erwidern: Sie brauche mit ihrer Tochter nicht große Haushaltung, nicht viel Gesinde, hätte die Wohnung umsonst, könne Kostgänger halten, die Anwesen zum Teil vermieten, brauen, den Genuß vom Garten, Hufen und Zulsdorf haben und Anteil an den Mansfeldschen Kapitalzinsen. Auch könne der Kurfürst ihr und der Tochter jährlich 2 Wispel Korn geben und vielleicht etliche Klafter Holz.
7. „Wenn sie (die Domina) vermerkte, daß E.K.G. den Kindern bewilligen wollte, Wachsdorf zu kaufen und dazu die 2000 fl. ausfolgen lassen, so wird sie des Gutes bald vergessen und sich der Mühe und des Bauens nicht wollen beladen, so sie nicht zum wenigsten die Hälfte daran mitberechtigt wird.“ Es gebe auch jährlich kaum 100 fl. Reinertrag, und habe dazu auch die Last eines halben Lehnspferdes. Darüber aber solle der Hauptmann zu Wittenberg Asmus Spiegel befinden, ob das Gut mehr eintrage als das Kapital.
Der Kurfürst war rücksichtsvoller als sein Kanzler. Er schien dessen
Abneigung zu merken und ordnete in einem Schreiben an Brück und
Melanchthon an, daß Vormünder für die Witwe und für die Waisen bestellt
würden, und verschrieb den Kindern noch 1000 fl.; über den Kauf von
Wachsdorf sollten die Vormünder befinden[599].
Zwar erbot sich Brück, „hinauf zu fahren (zur Doktorin) und die
Anzeigung mit zu thun; Philippus aber meinte, es wäre ohne Not, er wollt
es von unser beider wegen wohl ausrichten.“ Also ging Melanchthon am
Freitag früh mit dem kurfürstlichen Schreiben zu der Doktorin[600].
Sie bedankte sich bei ihm und dem Kurfürsten für die Begnadigungs-Zulage zu gunsten ihrer Kinder und erklärte dann folgendes:
1. Sie wünsche für sich zu Vormündern den jeweiligen Stadthauptmann von Wittenberg und ihren Bruder Hans von Bora; für die Kinder des Doktors sel. Bruder Jakob, den jetzigen Bürgermeister Reuter von Wittenberg und Melanchthon, Dr. G. Major lehnte sie ab; auch Kreuziger scheint sie abgelehnt zu haben, welcher im vertrauten Briefwechsel mit Veit Dietrich Käthe eine „Hausfackel“ genannt hatte. Sie erklärte sich aber mit der Vormundschaft des Kurfürstl. Leibarztes Dr. Ratzeberger einverstanden, der „seines Weibes halber selber der Freundschaft (= Verwandtschaft) war.“[601]
2. Sie war einverstanden, daß die 1500 fl. vom Kurfürsten für ihre Söhne auf Wachsdorf angelegt würden. Der Kanzler hatte ihr also auch darin Unrecht gethan, daß er meinte, die Domina wolle Wachsdorf nur oder hauptsächlich für sich haben und bewirtschaften, statt für ihre Söhne.
Der Kanzler schlug nun dem Kurfürsten vor, Melanchthon „nicht mit der Vormundschaft zu beladen, denn er ist fromm und wenig (gutherzig und schwach), dienet nit dazu, da man der Frau wird sollen Oppositum (Opposition) halten.“ Man solle die beiden Theologen Melanchthon und Kreuzinger nur zu Mitvormündern in Bezug auf die Erziehung der Kinder machen, daß die Söhne zu „Gottesfurcht, Lehre, Zucht und Tugend möchten gezogen werden“.[602]
So wurde es dann auch vom Kurfürsten angenommen und die Vormünder bestellt, für die Kinder auch Kreuziger in Stellvertretung für Ratzeberger, welcher nur bei den wichtigsten Verhandlungen abkommen könnte[603].
Auch das Testament Luthers wurde, „nachdem Uns Unsre Liebe Besondere Katharina, des Ehrwürdigen und Hochgelehrten Unsers Lieben Andächtigen Ehr Martin Luthers, der hl. Schrift Doctors seligen nachgelassene Witwe ihres Herrn Testament und Verordnung vortragen und bitten lassen“ — zu Judica vom Kurfürsten „gnädiglich bestätiget und konfirmiret, ob es gleich an Zierlichkeiten und Solemnitäten, so die Rechte erfordern, mangelhaft wäre.“[604]
Nun gab es noch lange mühsame Verhandlungen zwischen dem Kanzler und
Kurfürsten einerseits und zwischen den Vormündern und der Doctorin
anderseits wegen der Erwerbung des Gutes Wachsdorf und der Erziehung der
Kinder[605].
Der Kanzler riet energisch von dem Kauf des Gutes ab, aber noch hartnäckiger „arbeitete“ Frau Katharina darauf, und erbot sich, ihren Kindern zu gut sich mit dieser Sache zu „beladen“; denn sie verhoffte daraus große Nutznießung zu ziehen und versprach auch „keine sonderlichen Gebäude allda vorzunehmen“. Darum haben die Vormünder „es auch nit härter bestreiten wollen und durch ihr Widerfechten das Ansehen bei ihr haben, als wollten sie ihre Wohlfahrt hindern und des Herrn (Luthers) Wohlthaten vergessen“. „Also hat es die tugendsame Frau Doctorin und die Vormünder neben ihr angenommen.“[606] Das Gut kostete aber 2200 fl. Weil das Mansfeldische Kapital erst in zwei Jahren flüssig wurde, so gaben die Vormünder dem Kurfürsten zu bedenken, „daß um des löblichen Herrn Doctors willen der Witfrauen auch etwas zu willfahren ist, und daß sie wahrlich zwischen Thür und Angel stecken.“ Darum gab der Kurfürst die 2000 fl. her, darunter auch die 500 fl. der Margarete, welche aber bis zu ihrer Verehelichung als Hypothek auf Wachsdorf gestellt und mit 30 fl. verzinst werden mußten. Von den fehlenden 200 fl. gab Melanchthon und ein Freund die Hälfte, um die andere ging er den wohlhabenden Amsdorf an. Am Pfingstmontag (14. Juni 1546) zahlte der Kanzler Brück die 2000 fl. an die Vormünder Ratzeberger, Reuter und Jacob Luther aus, und Frau Käthe, die so „fleißig angehalten, daß gemeldte Gabe in liegende Güter umgewandelt werde“, erbot sich, „daß sie solche Güter den vier Kindern zu Gute treulich und fleißig warten wollte“. Zur Verwaltung des Gutes hätte sie freilich gerne noch einen Teil des Mansfeldschen Kapitals gehabt und begab sich dieserhalb zu dem Grafen, und wie es scheint, mit teilweisem Erfolg[607].