Justus Jonas, „der Rechte Licentiat und Erfurter Kanonikus“ nachher (1521) Professor, D. der Theologie und Propst des Allerheiligenstiftes, nahm im Lutherhause eine ähnliche Stellung ein, wie Bugenhagen. Nur hatte er in seinem Wesen nicht die stoische, gesunde Ruhe des D. Pommer. Er war vielmehr kränklich und etwas erregt, ein lebhafter Sprecher, „unser Demosthenes“, der lieber redete als schrieb; denn er „drohte“ nur Briefe zu schreiben, führte es aber nicht aus, wie Luther scherzt. Die Familie wohnte in der Fischervorstadt, hatte auch Garten und Weinberg. Während der Pest 1527 und wieder 1535 zog Jonas mit Weib und Kind in seine Vaterstadt Nordhausen bezw. nach Jena. Er war bei den Verhandlungen in Augsburg, Marburg, Frankfurt, Schmalkalden u.s.w. viel abwesend von Wittenberg, so daß Luther viele und häufige Briefe an ihn zu schreiben hatte, in denen Frau Käthe mit Grüßen, Aufträgen und Mahnungen und dgl. sich hören läßt. Umgekehrt grüßt auch Jonas die Frau Doktorin, Muhme Lene, Hänschen, Lenchen — und sendet seinem Paten einen silbernen Johannes, d.h. einen Joachimsthaler (Gulden) mit dem Bildnis des Kurfürsten Johann[443]. Jonas hatte sich schon 1522 verheiratet mit Katharina von Falk. Sie hatte eine große Kinderschar (1530 schon 5 Söhne), aber viele starben jung; bekannt sind davon Jost, Christoph, „Sophiela“, „Elisabethula“, auch eine Großmutter lebte im Haus und erhielt von Luther Grüße[444]. Frau Käthe Jonas war eine muntere, heitere Frau. Von ihr meldete im Sommer 1529 der Wittenberger Stadtschreiber Baldunai: „Ich hab' Melanchthon mit der Pröpstin tanzen sehen! Es ist mir wunderlich gewesen.“ Auch Luther richtet an sie gelegentlich einen scherzhaften Brief als der „Ehrbaren, Tugendsamen Frauen Kathrin Dokterschen Jonischen, Propstin zu Wittenberg, meiner günstigen Freundin und lieben Gevatterin“ und schließt: „meine Käthe und Herr zu Zulsdorf grüßet Euch alle freundlich.“[445]

Mit der „Jonischen“ Familie war die Lutherische eng befreundet, namentlich die beiden Käthen waren aufs innigste mit einander verbunden, sie waren stets ein Herz und eine Seele: die lebhafte thatkräftige Lutherin war offenbar recht angezogen von der fröhlichen Natur der Propstin. Aber auch den redegewandten Propst mochte die Frau Doktorin gerne leiden. Nach Augsburg schickt sie in einem Brief an ihren Herrn Martinus ein Billet („Zedula“), worin sie von der Geburt eines Jonischen fünften Sohnes berichtet[446]. Als die Propstfamilie während der Pest mit der Universität auch in Jena weilt, bestellt die „Erzköchin“ bei Jonas für einen Thaler allerhand Geflügel und Wildbret zu einem Doktorschmaus und will ihn mit einem guten Sud von ihrem gesunden und heilsamen Bier nach Wittenberg locken. Dagegen warnt sie ihn, sich von der „Güte des Weins“ bei Spalatin berücken zu lassen, wodurch der Leib so rauch und scharf von Steinen werde, wie die Weinfässer, wenn sie ausgetrunken sind. Mit dem Bier wußte Frau Jonas nicht so wohl Bescheid wie Frau Lutherin; denn dasjenige, das sie Luther einmal schickte, war verdorben. Angenehmer als dieses Geschenk waren der Wein, die Quitten und Aepfel u.a., welche Jonas von seinen Reisen oder aus Halle sandte[447]. Als Frau Käthe zu Anfang des Jahres 1540 schwer erkrankte, da schrieb Jonas manchen betrübten Brief voll aufrichtiger Teilnahme und Sorge. „Wenn mein Brief so trübselig ist, so ist die Trauer schuld um die hochgeschätzte Frau, weil sie so krank darniederliegt.“ Und er freut sich „dann, als ἡ γυνή des Herrn D.M. Luther durch göttliche Wunderkraft wieder gesundet.“ Im Frühjahr 1541 zog Jonas nach Halle, um dort trotz des Bischofs „mit Volk und Rat“ die Reformation durchzuführen[448]. Da sich dieser Aufenthalt, wie es den Anschein bekam, lange hinausziehen sollte, so zog im Herbst die Frau Propstin ihrem Manne nach, während der Sohn Tischgenosse im Lutherhause werden sollte. Sie verabschiedete sich so eifrig und eilig, daß sie sogar vergaß, Briefe von Luther mitzunehmen und dieser samt seiner Frau sie neckte mit ihrer Liebessehnsucht. Leider sollten sie die Freundin nicht mehr sehen. Nicht lange nach ihres lieben Töchterchens Lenchen Tod verlor Frau Käthe auch ihre beste Freundin. Sie starb in Halle um Weihnachten 1542, indem sie „mit gar frommen und heiligen Worten ihren Glauben bezeugte.“ Frau Käthe war ganz weg bei der Trauerkunde[449].

Etwas weniger herzlich scheint das Verhältnis zur Familie Melanchthon gewesen zu sein. Die beiden waren fast Gartennachbarn und wie die Männer, so werden auch die Frauen sich an dem Gartenzaun und in ihren Gärten und Häusern doch vielfach begegnet sein. Die Kinder spielten mit einander, wie aus dem Märchenbrief Luthers ersichtlich ist, und Luther schreibt dem ängstlichen Magister während seiner Abwesenheit genau alle Vorkommnisse unter den Kindern[450]. Aber auffällig ist doch, daß in all' den vielen (3000) Briefen Luthers die Gattin seines Kollegen ausdrücklich niemals erwähnt ist. Frau Käthe Melanchthon war der temperamentvollen Doktorin wie dem Doktor nicht so sympathisch als die Frau Käthe Jonas. Sie fühlte ihren Gemahl und sich nach den Epigrammen des Lemnius, aber auch nach den Andeutungen Kreuzigers überall zurückgesetzt und in den Schatten gestellt durch Luther und die Doktorin. Die wohlhabende Bürgermeisterstochter und das arme Edelfräulein standen sich wohl von Anfang an gegenüber, nochmehr aber, als die fremde Nonne den gewaltigen Doktor, den ersten Mann der Stadt, ja der Welt zum Gemahl bekam. Zur Erklärung der Stimmung von Frau Melanchthon muß wohl auch auf die bestehende Kleiderordnung verwiesen werden, welche derjenigen von 1572 ähnlich gewesen sein wird. Die Doktorsfrauen durften darnach eine guldene unverfütterte Haube tragen, und so ein alt Kleid zu kurz wird, es mit Sammet- und Seidegebräm verlängern — die _Magisters_frauen nicht, und Frau Melanchthon war bloße Magisterin. Ferner durften Doktoren 8 Tische, Magister bloß 6 Tische bei Hochzeiten haben; letztern waren auch Röcke, Barett oder Schläpplin aus Sammet und Seide verboten[451].

Es traten sogar einmal Mißstimmungen Luthers gegen Melanchthon ein, welche sich natürlich auch auf die beiderseitigen Frauen übertrugen.

Melanchthons Schwiegersohn Sabinus, ein Humanist und Poet, hatte Luthers alten Gegner, den Kardinal-Erzbischof Albrecht, der sich gern als Mäcen aufspielte, als seinen Gönner gefeiert, und bei seiner Hochzeit mit Melanchthons Töchterlein (1536) war der erzbischöfliche Kanzler Türk zu Gast, ja Sabinus lebte eine zeitlang an Albrechts Hofe. Um diese Zeit machten auch andere römische Kirchenfürsten den Versuch, Melanchthon auf ihre Seite zu bringen. Luther zürnte über die „Erasmischen Vermittler“, wenn er auch nicht glaubte, Melanchthon werde ein zweiter Erasmus werden. Die Anhänger Luthers, Cordatus und Schenk, gingen aber schärfer gegen Melanchthon vor und dieser scheute sich in seiner ängstlichen Art vor einer offenen Aussprache mit Luther. Käthe hätte gerne eine freundschaftliche Auseinandersetzung der beiden alten Freunde gewünscht; die „Doktorin“ beklagte die Entfremdung derselben, sprach dies auch gegen Kreuziger und andere Freunde aus, in der Hoffnung, eine Auseinandersetzung herbeizuführen. Aber dem widersetzte sich die „Weibertyrannei“ der Frau Melanchthon[452].

Jetzt kam noch etwas anderes hinzu. 1537 geriet ein gewisser M. Simon Lemchen (Leminus) nach Wittenberg, der war ein Freund und Gesinnungsgenosse des Sabinus, formgewandt, aber auch charakterlos wie dieser. Für diesen Schöngeist verwendete sich Melanchthon um ein Stipendium bei dem Rat von Augsburg, weil er zum Teil in Augsburg erzogen war und diese löbliche Stadt für sein Vaterland hielt. Er bekam auch wirklich eine Unterstützung von 20 fl. Damals kam auch Sabinus nach Wittenberg und verkehrte viel mit seinem Freunde[453].

Zu Pfingsten 1538 nun hat Lemnius, der „ehrlose Bube etliche Epigrammata ausgehen und sogar an den Kirchthüren verkaufen lassen, ein recht Erzschund-, Schmach- und Lügenbuch, wider viel ehrliche Manns- und Weibsbilder, dieser Stadt und Kirchen wohl bekannt.“ Natürlich machte das Büchlein in der kleinen Stadt das peinlichste Aufsehen und erregte häßliche Geschwätze. Melanchthon hatte als Rektor die Zensur über litterarische Erscheinungen von Universitätsangehörigen zu üben. Daher erhob sich gegen ihn der Verdacht, daß er mit Absicht die böse Schrift habe drucken lassen. Aber Luther überzeugte sich bald, daß es „hinter Wissen und Willen derer, so es befahlen ist zu urteilen“, ausgegangen war. Und so beruhigte sich auch die Frau Doktorin bald wieder. Der „Poetaster und Leuteschänder“ Lemnius flüchtete und wurde relegiert, rächte sich aber durch ein unflätiges Schmähgedicht auf Luthers und Käthes Ehe, wie auf andere Professorenfamilien in Wittenberg [454]. Das gute Einvernehmen der beiden Familien stellte sich bald wieder her. Frau Käthe läßt nach wie vor dem abwesenden Magister Philipp ehrerbietig Grüße zusenden und dieser versäumt nicht nach wie vor „Luthers hochverehrte Gemahlin und süße Kinder zu grüßen“. Ja das Verhältnis zu ihm zeigt sich nach diesem Vorkommnis noch viel freundlicher [455]. Sie läßt dem Magister besonders nachdrücklich danken, daß er ihren Doktor nicht mit nach Schmalkalden — schlimmen Angedenkens — mitgenommen hat. Sie versichert ihn ihrer ganz besonders warmen Liebe und Zuneigung. Als Melanchthon wegen der hessischen Ehegeschichte tödlich erschrocken darniederlag, heißt sie ihn tapfer und „fröhlich“ sein und versichert ihn mit ihrem Gatten ihrer aufrichtigen Liebe und verspricht, eifrig und kräftig für ihn zu beten. Nach Worms läßt sie ihm melden, sie siede eben für ihn Wittenbergisch Bier, um ihn und seine Genossen damit zu empfangen. Und M. Philipp läßt sich auch sorglich über ihr Wohlergehen berichten und wäre sehr beunruhigt, wenn er hören müßte, es ginge der Frau Doktorin übel. An Luthers Todestag noch sendet er in ihrem Auftrag nach Eisleben Nachrichten und Arzeneien[456].

Eine gewiß noch rascher vorübergehende Verstimmung trat 1544 ein infolge eines Vorwurfs, den Frau Käthe Melanchthon machte und den der empfindliche Meister Philipp wohl zu schwer nahm; sie sagte nämlich, man glaube, er bevorzuge seine schwäbischen Landsleute vor den Sachsen. Das konnte doch weder so ernst gemeint noch genommen werden, wenn er auch in einem Brief an Freund Jonas die δεσποινα (Herrscherin) darüber verklagt[457].

Den Verkehr dieser Hausfreunde mit Frau Käthe kennzeichnet ein Brief, den dieselben von Augsburg aus 1530 an die Doktorin geschrieben haben; es ist der Ton achtungsvoller Freundlichkeit mit einem Anflug von Lutherschem Humor; zugleich aber ein Beweis, wie geschäftstüchtig Frau Käthe war, daß Melanchthon sogar ökonomische Aufträge ihr gab, statt seiner eigenen Gattin, die er wohl auch für weniger schreibfertig halten mußte, als die Lutherin. Der Brief lautet samt der Adresse so[458]:

„Der ehrbaren tugendsamen Frau Katharina Lutherin Doktorin, meiner besonders günstigen Freundin.

Gottes Gnad' und alles Gute!

Ehrbare, tugendsame Frau Doktorin!

Ich füge Euch zu wissen, daß wir nun, Gott gebe Gnad, bis gen Augsburg kommen sind und haben den Herrn Doctor zu Coburg gelassen, wie er ohn Zweifel Euch geschrieben hat. Ich hoff aber, in kurz bei ihm zu sein. Bitt Euch, Ihr wollet mir schreiben, wie es Euch geht und wie sich der Hauptmann Korns halber erzeiget hat. Womit ich Euch dienen kann, will ich mit allem Fleiß, wie ich mich schuldig erkenne, solches thun und ausrichten.

Beide Kanzler[459] grüßen Euch und wünschen altes Gute. Gott bewahre
Euch!

Datum Augsburg, Mittwoch nach Walpurgis. Philippus.

Herzog Georg von Sachsen soll morgen kommen. Der Kaiser ist noch ferne, kommt aber.

Liebe Gevatter! Auch ich wünsche Euch, Hänschen Luther und Magdalenchen und Muhme Lene viel selige Zeit. Pusset mir in meinem Namen meine liebsten Jungen.

J. Jonas.

Ich, Johann Agricola Eißleben, mein es auch gut, meine liebe Frau
Doktorin.“

Wie hier im Brief, so maßen sich an Käthes Tisch die Freunde an der theologischen Tafelrunde im Redewettkampf um den Preis des kürzesten Tischgebets. Da zeigt sich nun Luthers Sinnigkeit, Bugenhagens hausbackenes Behagen und Melanchthons zierliche Feinheit in den Sprüchen Luthers: Dominus Jesus sit potus et esus (der Herr Jesu sei Speis' und Trank); Pommer: „Dit und dat, träg und natt, gesegen uns Gad“; und Melanchthons: Benedictus benedicat (der Gesegnete segne)[460].

Außer den beiden Frauen der Kollegen Jonas und Melanchthon wird Katharina wohl vorzüglich mit Frau Barbara Kranach verkehrt haben und Frau Bürgermeister Reichenbach, ihrer Pflegemutter, beide ältere Matronen, und ebenso mit der Familie des Buchdruckers Hans Lufft. Selbstverständlich gehörte die Gemahlin des Doktors zu den vornehmen Kreisen, ja sie war bei weitem die angesehenste Frau Wittenbergs und es entspricht ihrer Stellung, wenn Meister Lukas sie auf dem Altarbilde der Stadtkirche mit ihrem Kinde in der vordersten Reihe malt. Sie trug auch das feine goldschimmernde Pelzwerk um die Schultern oder in Streifen am Kleid, das die Patrizierin auszeichnet. Ein gewisses Selbstgefühl läßt sie auch verschiedentlich durchblicken. So läßt sie einen Freund ihres Mannes „warnen, beileibe keinen Bauernkloppel zur Ehe zu nehmen; denn sie sind grob und stolz, können die Männer nicht für gut haben, können auch weder kochen noch keltern“. Daneben freilich ging sie mit andern Frauen (in der Weise unserer heutigen Frauenvereine) kranken Weibern und Wöchnerinnen mit Rat und That an die Hand[461].

Aber man versteht es auch, daß eine Frau von der Anlage und dem
Temperament und Bildung Katharinas mehr auf den Umgang mit Männern
hielt, und daß dieser Umgang, zu dem sie so viel Veranlassung und
Gelegenheit hatte, sie wenig geneigt machte, sich viel in weiblicher
Gesellschaft zu bewegen.

Freunde um sich zu haben, war Luther ein Bedürfnis. Er haßte die
Einsamkeit aus Furcht vor „Anfechtungen“ — mußte er doch in den
Nachtstunden dem Teufel genug Rede stehen. „Ehe gehe ich zu meinem
Schweinehirten Johannes und zun Schweinen, denn daß ich allein bliebe“,
sagt er zum Exempel für einen Angefochtenen. So war er auch stets in
Gesellschaft, wenn er spazieren fuhr[462].

Bei der Bibelübersetzung (1525-34) und der Bibelrevision (1539-42) kamen die Gehilfen Luthers, Melanchthon, Bugenhagen, Jonas, Kreuziger, Aurogallus und der Schnellschreiber und Korrektor Röhrer zum evangelischen „Sanhedrin“ zusammen, und nachher blieben sie oft zu Tische da, disputierten weiter, oder erholten sich auch an heiterem Gespräch und Gesang.

So war der Gasttisch in Käthes Haus nimmer leer — dafür sorgte Luther.

Aber auch ihm persönlich und besonders widmete sie als echte deutsche
Frau ihr Leben.

14. Kapitel.

Käthe und Luther.

„Das ist ein seliger Mann, der eine gute Ehe hat. Denn es ist kein lieblicher, freundlicher noch holdseliger Verwandtnis, Gemeinschaft und Gesellschaft, denn eine gute Ehe, wenn Eheleute mit einander in Frieden und Einigkeit leben. Die höchste Gnade Gottes ist, ein fromm, freundlich, gottesfürchtig Gemahl haben, mit der du friedlich lebest, der du darffst all dein Gut und was du hast, ja dein Leib und Leben anvertrauen.“ So preist Luther die Ehe, und seine Ehe und seine Gattin, die ihm das Wesen und das Ideal des Ehestandes vor Augen führte und verwirklichte. Sie bereitete ihm ein schönes Heim, einen glücklichen Hausstand, sie wartete und pflegte ihn treulich und diente ihm „wie eine Ehefrau, ja wie eine Magd“[463].

Käthe sorgte vor allem für ihres Herrn Doktors leibliches Wohl in gesunden und kranken Tagen[464].

Die „Erzköchin“ verstand den leiblichen Bedürfnissen ihres Mannes gerecht zu werden; sie wußte, was seinem Geschmack entsprach und was seiner Gesundheit zuträglich war. Luther wußte auch, was das heißt, und daß „das ein gemarterter Mann sei, dess' Weib und Magd nichts wissen in der Küche: es ist das erste Unglück, woraus viele Uebel folgen.“ Aber auch das Gesinde thut's nicht, sondern, wie Luther in sein Hausbuch schreibt: „Der Frauen Augen kochen wohl.“[465]

Luther liebte, als ein echtes Bauernkind und mit gesundem Appetit gesegnet, recht derbe Hausmannskost. Ueppige Speise machte ihm Beschwerden. Er lobte sich eine reine, gute, gemeine Hausspeise: Brathering und Erbsen war ihm ein Lieblingsgericht[466]. Aber seine Gattin erkannte bald, daß dem Doktor bei seiner sitzenden Lebensweise, bei seiner angestrengten geistigen Thätigkeit und namentlich, weil er in den Tagen seines unnatürlichen Kloster- und Junggesellenlebens seine Natur sehr verdorben hatte und durch Verdauungsstörungen an schweren Schwindelanfällen litt, — daß diese derbe Kost ihm wenig zuträglich sei und sie namentlich mit anderer Pflanzenkost, besonders Obst, nachhelfen müsse, und überhaupt war sie auf Wechsel in der Speise bedacht[467]. So hatte sie denn in ihrer Speisekammer, in Keller und Speicher nicht nur Erbsen und Hirsen, Grütze, Graupen und Reis vorrätig, da gab es auch Kraut, Kohl, Mohren, Rüben und Obst; die einheimischen Mispeln liebte Luther mehr denn alle welschen Feigen, und die Pfirsiche schätzte er besonders hoch und fast den Weintrauben gleich. Da wurden im Kloster nicht nur Ochsen und Schweine geschlachtet, auch Gänse und Enten, Hühner, Tauben und Krammetsvögel, frische und dürre Fische und Krebse kamen als Leckerbissen auf den Tisch. Wildbret war Hochzeitsbraten; Luther fand es aber mit seinem schwarzen Fleisch zu „melancholisch“. Zwar hielt Käthe selber Rinder und Hühner, pflanzte allerlei Frucht und Gemüse, zog Obst, buk das tägliche Brot und sott Bier; aber vieles mußte noch dazu gekauft werden, oder man erhielt es geschenkt, namentlich sorgte der Hof für Wildbret und die Freunde für schönes Obst: Borsdorfer, Gold- und Blutäpfel. Frau Käthe aber würzte die Speisen mit Salz, Pfeffer, Safran, mit Mohn, „Zippel“ (Cipola, Zwiebel), Petersilien, Kümmel und Karbey, schmälzte mit Butter und süßte mit Honig und Zucker. Zum Nachtisch war immer Obst da: Aepfel, Birnen, Pfirsiche und Nüsse; in der Kirschenzeit hing auch ein Kirschenast über der Tafel[468].

Daher schmeckte dem Doktor nichts besser als seine hausgemachten Speisen und Getränke und nirgends ist es ihm wohler, als daheim an seinem wohlbestellten Tisch. Lieber als die gepreßten Käse, welche Lauterbach fern aus Pirna herschickt, sind ihm „unsre Käse von einfachem Stoff und einfacher Form“. Das von Jonas geschenkte Bier findet er schlecht, während er jenem das Bier von seiner Käthe anpreist als ein erprobtes Heilmittel gegen das Steinleiden; ja er nennt es geradezu die „Königin aller Biere“. Bei Hof gedenkt er an seinen „freundlichen lieben Herrn“ Käthe, wie gut Wein und Bier daheim habe; dort müsse er einen bösen Trunk thun oder von den dicken schweren Brot essen, das ihm so schlecht bekomme[469].

Und wie sehnte sich Luther immer von den Unbequemlichkeiten der Reise und fremder Herberge nach seinem gemütlichen Heim und dem behaglichen warmen Bett!

Käthe befolgte also die alte Regel, welche Luther so gerne jungen Ehefrauen einschärfte: „Halt dich also gegen deinen Mann, daß er fröhlich wird, wenn er auf dem Wiederwege des Hauses Spitzen sieht.“[470]

Freilich hatte Frau Käthe auch in Beziehung auf die Verköstigung ihres Gatten mit dessen Eigensinn zu kämpfen, denn der Doktor genoß oft mehrere Tage lang gar nichts, oder er aß nur einen Bratfisch und ein Stück Brot; wenn er ganz ungestört studieren wollte, nahm er einen Bissen Brot und zog sich in sein Studierstüblein, seine alte Mönchszelle, ein und kam gar nicht zum Essen und — zum Schlafen. So schloß er sich einmal, um den 22. Psalm zu erklären, mit Brot und Salz ein und kam drei Tage nicht zum Vorschein. Da wurde Frau Käthe doch ängstlich zu Mute, sie pochte und rief an der Thür. Keine Antwort. Sie ließ nun den Schlosser kommen und die Thüre aufbrechen. Da rief er unwillig: „Was wollt ihr? Meint ihr, es sei was Schlechtes, was ich vorhabe? Weißt Du nicht, daß ich muß wirken, so lang es Tag ist; denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann!“ Ein andermal (1541) hatte sie ihre liebe Not mit dem eigensinnigen Patienten, der bei seiner „Anfechtung“ vierzehn Tage nicht schlafen konnte und nichts essen und nichts trinken wollte[471].

Freilich zu anderer Zeit war Luther auch aufgelegt zu einem festlichen Schmaus oder einem kleinen Gelage im Freundeskreise, denn er meinte: „Darf unser Herrgott große Hechte und Rheinwein schaffen, so darf ich sie auch essen und trinken; es ist dem lieben Gott recht, wenn du einmal aus Herzensgrund dich freuest oder lachest.“ Da wußte nun Frau Käthe ihrem Manne den Geburtstag, den Doktorstag, den Thesentag u.a. festlich zu schmücken. „Das Königreich“ wurde am 3. Mai mit einem Mahle gefeiert, „da wurden Psalmen gesungen, Evangelien gesagt, der Katechismus, Gebete, wie einem jeglichen aufgelegt war; darauf mußte das Hausgesinde antworten.“ An St. Niklas wurden die Kinder beschenkt; am Neujahr auch das Gesinde. Besonders aber Weihnachten wurde festlich begangen und die Kinder freuten sich darauf und die Eltern mit ihnen. Frau Käthe aber sorgte dafür, daß allerlei Gutes und Schönes ins Zimmer und auf den Tisch kam[472].

Ganz vorzüglich bewährte sich aber Frau Käthe als Krankenpflegerin. Da zeigte sie alle ihre Erfahrung, Geschicklichkeit und Energie. Und was es alles für Krankheiten in einer so großen Familie gab, läßt sich denken. Da waren nicht bloß die Kinder und Schüler, welche allerlei Kinderkrankheiten, zum Teil tödliche, durchmachten; da schleppte Luther noch alle kranken Freunde und Freundinnen ins Schwarze Kloster, so daß es nach seinem eigenen Ausdruck oft genug ein „Spital“ war[473].

Der langwierigste und schwierigste Patient war freilich der Doktor selber[474]. Krank war er eigentlich von Anfang an, und immer neue Krankheiten kamen zu den alten: Ruhr, Fieber, schmerzliche Hautausschläge und Geschwüre, Rheuma, Hüftenweh und Brustbeschwerden. Er hatte insbesondere einen bösen Pfahl im Fleisch: den Stein, der ihn wie „Faustschläge des Satans“ plagte; sodann verursachten ihm seine Verdauungsstörungen Beengungen, Blutandrang nach dem Haupt, Kopfweh, Ohrensausen und Schwindel, Krämpfe und Ohnmachten: Anfälle, vor denen er als „Anfechtungen des Teufels“ sich heftig fürchtete und die ihn oft mit tiefer Schwermut erfüllten[475]. Da galt es, eine geduldige und fröhliche Krankenpflegerin sein. Und Frau Käthe verstand ihren Patienten zu behandeln, besser als die großen Doktoren, die Herren Aerzte; sie wußte, wie man den Kranken behandeln mußte mit Nahrung und Arzneimitteln; sie hielt ihn vom Wein ab und sott ihm leibreinigendes Bier; sie rieb ihm das Bein mit heilkräftiger Salbe und Aquavitä ein und erwärmte ihm den Leib mit heißen Tüchern: sie erquickte ihn mit Kraftküchlein und allerlei Säften; sie kannte eine wirksame Wurzel gegen den Stein und zahlreiche Hausmittel: sie schabte ihm Bernstein von einem alten Rosenkranz und löste ihm die weißen Bernsteinstückchen auf, welche der Herzog von Preußen als Mittel gegen den Stein schickte[476]. Nach dem Zeugnis ihres Sohnes, des nachherigen berühmten Arztes Paul Luther, war sie eine halbe Doktorin. Dieser sagte in seiner Antrittsrede zu seiner Professur in Jena: „Meine Mutter hat nicht allein in Frauenkrankheiten durch Rat und Heilung vielen geholfen, sondern auch Männer oft von Seitenschmerzen befreit.“[477] Ihr vertraute sich daher Luther auch lieber an, als „unsers Herrgotts Flickern“, den Aerzten und den Apothekern. Als Luther zu Schmalkalden tödlich erkrankte und die Aerzte ihm Arzneien gaben, „als ob er ein großer Ochs wäre“, und der schwäbische Carnifex (Schinder, Folterknecht) meinte: „Ei, lieber Herr Doktor, Ihr habt einen guten, starken Leib, Ihr habt wohl noch zuzusetzen; Ihr müßt, bei Gott! leiden, wenn man Euch angreift“ — da dachte er an seine Hausfrau und ihre wohlthuenden Hausmittel und begehrte, trotz aller Schrecken solcher Fahrt, nichts wie heim[477].

Luther hatte den Grundsatz: „Ich esse, was mir schmeckt und leide darnach, was ich muß. Ich frage auch nach den Aerzten nichts; will mir mein Leben, so mir von ihnen auf ein Jahr gestellt ist, nicht sauer machen, sondern in Gottes Namen essen und trinken, was mir schmeckt.“ So berichtet der Arzt Ratzeberger, Leibarzt der Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg, der mit ihr nach Wittenberg floh, dann des Grafen von Mansfeld und zuletzt des Kurfürsten von Sachsen Leibarzt — auch zu Zeiten Luthers eigener Arzt[478]:

„Da D. Luther zum erstenmal am Calculo (Stein) krank war, so war ihm der Appetit entgangen und scheute sich auch sonsten vor gemeiner Arzenei aus der Apotheke. Zudem hatte er große körperliche Schmerzen und gar keine Ruhe. Als er nun weder essen noch trinken konnte und alles, was ihm seine Hausfrau aufs beste und fleißigste zugerichtet, von sich schob, bittet sie ihn aufs fleißigste, er wolle doch selbst eine Speise erwählen, dazu er möchte Lust haben. „Wohlan“, spricht er, „so richte mir zu einen Brathering und ein Essen kalter Erbsen mit Senf, weil du ja willst, daß ich essen soll, und thue solches nur balde, ehe die Lust mir vergeht; verzeuchst du lang, so mag ich hernacher nicht.“ Die Frau thuet, wiewohl mit großen Sorgen, was ihr Herr befohlen, und richtet das Essen zu, so geschwinde sie vermochte, und setzte es ihm vor. Als er nun mit großer Lust davon isset, besuchen ihn die Aerzte — seine Medici waren Augustin Schurf und Lic. Melchior Fend — ihrer Gewohnheit nach und wollen sehen, wie sich die Krankheit anlasse. Da sie ihn nun essen sahen, entsetzten sie sich vor dieser Kost, welche sie ihm schädlich und ungesund achteten. „Ach, was thut Ihr doch, Herr Doktor“, sagte Lic. Fend, „daß Ihr Euch wollet selber noch kränker machen!“ D. Luther schwieg ganz stille und aß immer fort und hatte ein Mitleiden ob der Medikorum Traurigkeit, die so hart für ihn sorgten. Bald nachdem sie Urlaub von ihm genommen und nunmehr gedachten, er würde gar eine tödliche Krankheit erwecken, kommt ein großer Stein von ihm, dessen sie vorher nicht an ihm gewohnt waren und war Lutherus wieder gesund. Des andern Morgens besuchten sie ihn und vermeinten ihn krank im Bette zu finden; da sahen sie ihn aber in seinem Schreibstüblein über den Büchern sitzen, dessen sie sich hoch verwundern.“

Aber Frau Käthe wußte ihren Mann nicht nur durch Speise und Arznei zu erquicken, sondern auch aufzurichten und zu trösten.

Wenn er verstimmt war oder gar seine „Anfechtungen“ hatte, so lud die kluge, verständige Frau heimlich den Dr. Jonas zu Tische, daß dieser ihn mit frohen Gesprächen aufheiterte; sie wußte nämlich, daß ihn niemand durch Gespräch besser aufzumuntern verstand; oder sie ließ Bugenhagen gar im Kloster wohnen und nahm seine Frau, die ihrer Niederkunft entgegensah, dazu[479].

Nicht nur, um ihre Bauerei und Landwirtschaft zu besorgen, hielt Frau
Käthe ein Fuhrwerk, sie ließ auch oft ihre Pferde anspannen und ihren
Gatten mit seinen Freunden spazieren führen, in ein „Holz“ und auf die
Felder, um sich zu erlustieren, wo er dann fröhlich wurde und sogar
Lieder sang; oder er fuhr über Land in die Dörfer, wobei er die Armen
beschenkte[480].

Diesen Beruf der Frau Doktorin, dem großen Reformator Leben und Gesundheit und Geistesfrische zu erhalten, zum Segen der Kirche, erkannte besonders der feine Capito an und spricht es aus in den Worten an Luther: „Ich liebe sie von Herzen als diejenige, welche dazu geboren ist, Deine Gesundheit aufrecht zu halten, damit Du desto länger der unter Dir geborenen Kirche, d.h. allen Christgläubigen zum Heile dienen kannst.“[481]

Doch nicht bloß als treffliche Köchin und ausgezeichnete Krankenpflegerin stand Frau Käthe ihrem Gatten bei, wie er es von dem Eheweib verlangt, „daß sie ihres Mannes Unfall, Krankheit und Unglück tragen zu helfen, schuldig sei“; sie war ihm auch „ein freundlicher, holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens“; in diesem Sinn nennt er sie „Hausehre“, daß sie des Hauses Ehre, Schmuck und Zierde wäre[482].

Ueber den Verkehr mit der Ehegattin spricht sich Luther bei der Auslegung von 1. Moses 26, 8 aus, wo Isaak und Rebecca scherzen. „Das ist ein ehrlicher Scherz, so einem frommen Weibe wohl ansteht. Wenn der Hausherr mit seiner Schwester oder Gesinde dermaßen scherzen wollte, das würde ihm nicht wohl anstehen. Denn da gehört sich, daß man sie heiße, was sie thun und lassen sollen, und da soll Ernst dabei sein, auch wenn man sie tröstet. Aber mit der, die mir Gott zugefüget hat, will ich scherzen, spielen und freundlich reden, auf daß ich mit Vernunft und Bescheidenheit bei ihr leben möge.“[483]

So wußte auch Katharina selbst ihren Gatten zu unterhalten, selber einen Scherz zu machen und noch mehr Scherz und Neckerei ihres Eheherrn auszuhalten. Und auch den Freunden und Gästen weiß sie so zu begegnen. Den Bremer Pfarrer Probst läßt sie fragen, ob die Nordsee ausgetrocknet sei, daß es keine Fische gebe. Als D. Speratus eine Menge Fische schickt durch den hochgewachsenen Cario, sagte sie zu Luther: „Ein großer Bischof hat mir ein großes Faß geschickt.“ „Und zwar durch einen großen Mann, unsern Charon“, setzte Luther hinzu. „Ja, heut ist alles groß!“ meinte sie darauf[484].

In Luthers eigener sinniger Art, aber mit wirkungsvollem Handeln wußte sie ihrem Gemahl entgegenzutreten. Da war er einmal in einer Anwandlung von Schwermut, an Gott und der Welt verzweifelnd, fortgegangen. Als er heimkehrte, trat ihm Frau Käthe entgegen im schwarzen Trauergewand und den Schleier tief im Gesicht. Erschrocken rief er: „Um Gotteswillen, Käthe, was ist geschehen?“ „O, Herr Doktor, ein großes Unglück“, erwiderte sie; „denket nur, unser lieber Hergott ist gestorben, des bin ich so traurig.“ Da fiel Luther seinem Weibe um den Hals und rief: „Ja, liebe Käthe, that ich doch, als wär' kein Gott im Himmel mehr!“ Und so gewann er neuen Mut, daß er die Traurigkeit überwand[485].

Nicht nur Luthers Verstimmungen und Anfechtungen wußte Frau Käthe aufzuheitern, sondern auch den gewaltigen Willen des bei aller Gutmütigkeit eigensinnigen und starrköpfigen Mannes zu brechen, namentlich wenn es galt, ihn zu seinem eigenen Besten zur Ruhe und Erholung zu bewegen. „Mein Kopf ist eigensinnig, wie ihr sagt“, schreibt er einmal an Melanchthon, „aber mir ist er eigensinnigissimmum, weil mich der Satan so wider Willen zu feiern und Zeit zu verderben zwingt.“ Die kluge Frau aber verstand es, nach seinem eigenen Geständnis, ihn zu überreden, so oft sie wollte[486].

Dagegen verwahrt sich Luther gegen den Verdacht, daß er sich in theologischen oder kirchlichen Dingen durch seine Frau bestimmen lasse. Dennoch wurde das geglaubt und ihr namentlich ein schlimmer Einfluß zugetraut gegen gewisse Personen; so schreibt z.B. Kreuziger an Veit Dietrich, der Frau Käthe an sich nicht hold war: „Du weißt, daß er (Luther) zu vielem, was ihn entflammt, eine Fackel im Hause hat.“ Namentlich bei seinem Streit mit den Juristen glaubten die Wittenberger die persönliche Abneigung seiner Frau gegen gewisse Persönlichkeiten dahinter zu wittern[487].

In einer so kleinen Stadt und bei den oft so kleinlichen Reibereien der Gelehrten und ihrer Frauen, ist ein solcher Klatsch auch begreiflich, so grundlos er auch sein möchte. Wir haben darüber eine sehr lebhafte und anschauliche Schilderung eines Augenzeugen. Am Sonntag Estomihi (24. Februar) 1544 war bei Luther ein „Königreich“ mit dem üblichen Schmause. Außer Bugenhagen, Melanchthon, Röhrer, Major u.a. war auch der Schulmeister Crodel aus Torgau zu seiner großen Freude und Genugthuung eingeladen. Dieser, von einigen Wittenbergern dazu veranlaßt, brachte das Gespräch auf das „verleumderische Gerücht“, daß der Doktor „aus Eingebung und Antrieb seiner Gattin predige“. Mit großer Ernsthaftigkeit und Wärme wies Luther diesen Verdacht ab und sagte u.a.: „Solcherlei Worte, wie ich sie in dieser Sache (dem Streit mit den Juristen) vorbringe, fallen — ohne daß ich dem heiligen Geist eine Regel vorgeschrieben haben will — keinem Weiberkopf ein. Ich laß mich von meinem Weibe etwa leiten in Sachen des Haushaltes und Tisches, aber in Dingen des Gewissens und der Schrift erkenne ich keinen andern Lehrer und Doktor an, als den heiligen Geist.“ Ein wenig darauf, nach einer heftigen Rede, kam sein Weib her und fragte, was denn mit so großer Heftigkeit verhandelt werde. Er schloß mit den Worten zu Crodel: „Sage den Rechtsgelehrten, daß ich in dieser Sache nicht von meiner Frau geleitet werde; ich hebe es auf die Sache selbst und den Kern eines Gegenstandes ab ohne Rücksicht auf eine Person.“ Crodel war dieses Gespräch so wichtig, daß er's wörtlich seinem Freunde Ratzeberger schriftlich mitteilte, und es war auch bezeichnend genug: man mußte Luther wenig kennen, wenn man solchem Klatsch Glauben schenken wollte[488].

Es kommt auch jetzt noch vor, daß Luther seiner Käthe Briefe vorlas, auch in ihrer Gegenwart solche schrieb und daß sie ihm Aufträge dabei gab; auch ermunterte sie ihn, an die Freunde zu schreiben, wenn er säumig darinnen war. Freilich zu Stunden stiller Erholung, wie in den ersten Jahren ihrer Ehe, werden die Gatten in der späteren Zeit des großen Arbeitsdranges seltener mehr gekommen sein. Aber bei aller häuslichen Sorge und Thätigkeit in Garten und Feld ging Frau Käthe doch nicht völlig in ihrer wirtschaftlichen Thätigkeit auf. Sie war ihrem Manne in seinem Amt und Beruf, so viel das möglich und nötig war, doch die Gehilfin seines Lebens. Nicht nur in dem Sinne, daß sie ihm die Sorgen abnahm für Familie und Vermögen, sondern sie nimmt teil an seinem Wirken, an den zeitbewegenden Fragen[489].

„Lehrest Du also den Katechismum und den Glauben?“ schreibt der Doktor von Eisleben an seine „sorgfältige“ Hausfrau. Damit ist doch wohl ausgesprochen, daß Frau Käthe — mindestens in Abwesenheit des Doktors — mit Kindern und Gesinde den Katechismus trieb, wie Luther mit diesem Lehrbüchlein allen christlichen Eltern zumutete[490].

Luther giebt aber auch seiner Hausfrau Aufträge wegen des Druckes seiner
Schriften; ja sie hat mit darein zu reden und bestimmt ihn, was er
drucken lassen solle oder nicht. Von Marburg aus schreibt er über das
Religionsgespräch mit Zwingli, über das Abendmahl sogar mit lateinischen
Schlagwörtern[491].

Für diese Anteilnahme an ihres Gatten Arbeiten, Sorgen, wie an den großen Zeitfragen und Weltbegebenheiten, geben die Briefe vor allem Zeugnis, die er während seiner Abwesenheit bei Gelegenheit von Reichstagen an sie schrieb. So die von Koburg (S. 109-113). Insbesondere der letzte vom 24. September, „zuhanden Frauen Kathrin D. Lutherin zu Wittenberg.“

Gnade und Friede in Christo!

Meine liebe Käthe! Gestern hab ich Dir geschrieben und einen Brief in gnädigsten Herrn mitgeschickt, daraus Du vernehmen kannst, wie die Unsern von Augsburg wollen auf sein. Darnach hoff ich, wo Gott Gnade giebt, wollen wir in vierzehn Tagen bei Euch daheim sein. Wiewohl ich achte, unsere Sache werde nicht gar unverdammt bleiben. Da liegt auch nicht Macht an. Doch hat der Rietesel anhero geschrieben, er hoffe, man werde in Augsburg mit Frieden abscheiden in allen Gassen. Das gebe Gott und wäre eine große Gnade. So bedürfen wir's alle wohl, weil der Türke so an uns will. Weiteres wirst Du wohl von Hornungen hören. Hiemit seid Gott alle befohlen.

Sonnabends nach Matthäi, 1530. Martinus LutheR.“[492]

Zehn Jahre nachher, als der Reichstag und Konvent in Hagenau stattfand, schreibt Luther am 10. Juli 1540 von Eisenach seiner „lieben Hausfrauen, Frauen Kathrin Luderin zu Wittenberg“ u.a.: „… Bittet mit Fleiß, wie ihr schuldig seid, für unsern Herrn Christum, d.i. für uns alle, die an ihn glauben, wider den Schwarm der Teufel, so jetzt zu Hagenau toben wider den Herrn und seinen Gesalbten (Ps. 2).“ (S.o.S. 130 f.)[493].

So redete Luther auch in den letzten Jahren mit seiner Hausfrau über die politische Lage, namentlich die hinterlistige Politik des Herzogs Moriz. „Liebe Käthe“, erklärte er da, „deine Landsleute haben mit meines gnädigsten Herrn Räten eine Hundskette gemacht und werden nicht eher nachlassen, sie haben ihn denn verraten.“[494]

Es ist naturgemäß und begreiflich, daß wir von Frau Katharinas Wesen, Wirken und Bedeutung so wenig direkte Zeugnisse besitzen. Denn sie selbst hat nicht gerade viel geschrieben und ihre Briefe sind fast alle verloren gegangen, während sie selbst ihres Doktors Briefe sorgfältig aufbewahrt hat; ferner interessierten sich die Hausgenossen und Zeitgenossen selbstverständlich fast nur für den großen Mann, der die Welt bewegt hatte. Seine Gestalt überstrahlte die Hausfrau völlig. Nur im Reflex von Luthers Briefen und Tischgesprächen, selten in Bemerkungen seiner Bewunderer, finden wir Züge, die ihr Charakterbild darstellen.

Daß aber demnach Frau Katharina neben dem Reformator eine selbständige Stellung und Geltung behauptete, beweist der Umstand, daß die Freunde und Luther selbst sie nicht nur respektvoll die „Domina“ und Doktorin, mit lateinischen und griechischen Worten nannten, sondern auch von der verheirateten Frau noch den Namen „Katharina von Bora“ gebrauchten.

Was hielt nun Luther von seiner Frau?

Da giebt es drei wichtige Zeugnisse, die Luther seiner Gattin ausstellt, am Anfang, in der Mitte und am Ende seiner Ehe, nicht etwa bloß gelegentliche Aeußerungen guter oder schlechter Laune, sondern überlegte und feierliche Anerkennung ihrer Vortrefflichkeit als Hausfrau und Ehefrau.

Im zweiten Jahre seines Ehestands (1526) schreibt er an Stiefel: „Sie ist mir willfährig und in allen Dingen gehorsam und gefällig, viel mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte (Gott sei Dank!), so daß ich meine Armut nicht mit den Schätzen des Krösus tauschen möchte.“[495]

Elf Jahre darauf, bei seinem tödlichen Krankheitsanfall auf der Reise von Schmalkalden, diktierte Luther in Gotha sein Testament, worin es heißt: „Tröstet meine Käthe, daß sie dies trage dafür, daß sie zwölf Jahre mit mir froh gelebt hat. Sie selbst hat mir gedient nicht allein wie eine Gattin, sondern auch wie eine Magd. Gott vergelt es ihr! Ihr aber sollt für sie sorgen und ihre Kinder, wie sich's geziemt“ Und dann sagte er: „Ich habe meine Käthe lieb, ja ich hab sie lieber denn mich selber, das ist gewißlich wahr; ich wollt lieber sterben, denn daß sie und die Kinderlein sterben sollten.“[496]

Endlich schreibt Luther in seinem letzten und endgiltigen Testament i.J. 1542. „Ich M.D.L. bekenne mit dieser meiner eigenen Handschrift, daß ich meiner lieben und treuen Hausfrauen gegeben habe zum Leibgeding Gut, Haus und Kleinode. Das thue ich darum, daß sie mich als ein fromm (brav), treu ehelich Gemahl allezeit lieb, wert und schön gehalten hat.“[497]

Und was so Luther in feierlichen Stunden bezeugte, das hat er wiederholt sonst vor seinen Tischgenossen und Freunden bekannt. Sein langjähriger Hausgenosse Hieronymus Weller schreibt in seinen Erinnerungen: „Ich erinnere mich, wie der hochw. Mann oft sagte: er preise sich von Herzen glücklich, daß ihm Gott eine so folgsame, bescheidene und kluge Gemahlin geschenkt, welche so ausgezeichnet für seine Gesundheit sorge und eintreten könne und sich so geschickt seinem Wesen anzupassen und seine Fehler und Unannehmlichkeiten mit so stillem Gemüte zu tragen wisse. Denn er könne bei seinen vielen Arbeiten, Beschäftigungen und Anfechtungen nicht immer seinem Wohlbefinden Rechnung tragen.“[498]

Das Verhältnis zwischen Käthe und Luther war das der achtungsvollen Verehrung; das entsprach einmal der Anschauung des Mittelalters von der Herrschaftsstellung des Mannes zum Weibe; anderseits rührte es davon her, daß die fünfzehn Jahre jüngere Frau zu dem älteren, durch Gelehrsamkeit und hohes Ansehen ehrwürdigen Mann mit einer gewissen Pietät hinaufschaute. Daher redet er sie zwar immer mit „Du“ an, sie aber spricht zu ihm immer mit „Ihr“ und nennt ihn „Herr Doktor“. Das fand auch Luther selbstverständlich. Als einmal von einem Manne die Rede war, welcher an eine reiche Frau seine Freiheit verkauft hatte, sagte er: „Ich hab's auch gern, wenn mir meine Käthe übers Maul fährt — nur daß ich sie nicht viel dran lasse gewinnen als ein Maulschellium.“[499] Und ein andermal: „Sie hat allein die ganze Herrschaft in ihrer Hand. Ich gestehe ihr auch gerne das ganze Hausregiment zu; aber mein Recht wollte ich mir unversehrt erhalten und Weiberregiment hat nie nichts Gutes ausgerichtet.“ Luther war seinem ganzen Wesen, aber auch seiner Anschauung und seinen biblischen Grundsätzen nach nicht der Mann, seine eheherrlichen Rechte sich verkürzen zu lassen: einen Freund, der ihm die Tyrannei seines Weibes klagt, verweist er tadelnd darauf, daß man das Ansehen des Mannes nicht dürfe mit Füßen treten lassen. So führte er auch auf Hans Luffts Tochter Hochzeit die Braut zum Lager und sprach zum Bräutigam (dem Arzt M. Andreas Aurifaber): „Er soll's bei dem gemeinen Lauf bleiben lassen und Herr im Hause sein (wenn die Frau nicht daheim ist, setzte er scherzend hinzu). Und zum Zeichen zog er ihm einen Schuh aus und legte ihn aufs Himmelbett, daß er die Herrschaft und das Regiment behielte[500].

Aber freilich Käthes resolutes Wesen, die Herrschaft, die sie im Haus führte und die der Hausherr ihr auch völlig einräumte, führte ihn dazu, daß er sie auch scherzend seinen „Herrn“ nannte. So schreibt er ihr vom Hoflager in Torgau: „Gestern hab ich gedacht, wie ich daheim eine schöne Frauen habe, oder sollt ich sagen Herren?“[501]

Und gerade mit dieser resoluten Art ihres Wesens neckt er sie genugsam. Und wie gerade recht willensstarke wenn auch gutmütige Eheherren, gefällt er sich seinen Freunden gegenüber in der humoristischen Rolle des gehorsamen, unterdrückten Ehemanns. So sagte er einmal zu einem Gast: „Nehmt fürlieb mit einem frommen (braven) Wirt, denn er ist der Frauen gehorsam.“ Ihr selbst gegenüber spricht Luther in immer neuen Wendungen von dieser angeblichen Eheherrschaft und charakterisiert jenes gebieterische Wesen der Frau Käthe. „Meine Herrin“ nennt er sie schon in der ersten Woche ihrer Ehe. „Mein Käthe“ (Meus Ketha) ist später ihre regelmäßige Bezeichnung in seinen vertrauten Briefen und in ebenso drolliger Verbindung „Meine Herr Käthe“, oder sprachlich richtiger „Mein Herr Kätha“, „Dr. Kethus“, auch einmal „mein Herr und mein Moses“ und „meine Gebieterin“ oder „Kaiserin“[502].

Aber sonst nennt er sie in zärtlichem Wortspiel gar häufig „meine Kette“, auch meine „Weinrebe“, oder in Briefen an entfernter Stehende respektvoll „meine Hausfrau“, „meine Hausehre“[503].

Auch seiner Frau selber gegenüber schlägt Luther gewöhnlich jenen neckischen Ton an, woraus einerseits zärtliche Neigung, andererseits doch auch achtungsvolle Anerkennung blickt.

Schon in seinem ersten erhaltenen Brief und dann fast regelmäßig redet er sie an „Lieber Herr Käth“. Dann adressiert er — nach Sitte der damaligen Zeit — „Meinem lieben Herrn, Frau Kathrin Lutherin zu Wittenberg zu handen“, oder „Meinem freundlichen lieben Herrn, Frau Katherin von Bora, D. Lutherin, zu Wittenberg“ oder noch umständlicher humoristisch pathetisch: „Meinem freundlichen lieben Herren Katherina Lutherin, Doctorin, Predigerin zu Wittenbergh“. Oder: „Meiner gnädigen Jungfer Katherin Lutherin von Bora und Zulsdorf gen Wittenberg, meinem Liebchen“. „Meiner herzlieben Hausfrauen Katherin Lutherin Doctorin Zulsdorferin, Saumärkterin und was sie mehr sein kann.“ „Meiner freundlichen lieben Hausfrau Katherinen Luther von Bora, Predigerin, Brauerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann.“ Dann aber heißt es auch innig und herzlich auf der Adresse „Meiner lieben“ oder „herzlieben Hausfrauen“ oder „Meiner freundlichen lieben Käthe Lutherin“ und in der Anrede: „Liebe Jungfer Käthe“ und zum Schluß „Dein altes Liebchen“ oder auch „Dein lieber Herr“. Sogar in seinem täglichen Hausgebet bittet er für „mein liebes Weib“[504].

So dient dem Doktor seine Hausfrau manchmal auch zur Exemplifikation seiner theologischen oder erfahrungsgemäßen Ansicht über die Weiber, oft in scherzhafter oder wohl auch einmal ernsthafter Uebertreibung. Da spricht er ihnen Weisheit und Herrschaftstalent ab und macht sich lustig über ihre Redseligkeit, indem er verschiedentlich bemerkte, die Weiber im allgemeinen und seine Käthe im besonderen vergäßen das Vaterunser, wenn sie anfingen, zu predigen[505].

So „lachte der Doktor einmal seiner Käthe, als sie klug sein wollte; er meinte, Gott habe dem Manne eine breite Brust als Sitz der Weisheit gegeben, dem Weibe aber breite Hüften und starke Schenkel, daß sie sollen daheim bleiben, im Hause still sitzen, haushalten, Kinder tragen und ziehen. Weiberregiment im Haus und Staat taugt nichts. Der Mann hat im Hause das Regiment. Das Gesetz nimmt den Weibern Weisheit und Regiment.“ Er meinte überhaupt: „Es ist kein Rock noch Kleid, das einer Frauen oder Jungfrauen übeler ansteht, als wenn sie klug will sein.“ Luther erklärte sogar einmal in einer Tischrede: „Den Weibern mangelt's an Stärke, Kräften des Leibes und am Verstand. Den Mangel an Leibeskräften soll man dulden, denn die Männer sollen sie ernähren. Den Mangel an Verstand sollen wir ihnen wünschen, doch ihre Sitten und Weise mit Vernunft tragen, regieren und etwas zu Gute halten.“[506]

Daneben aber erkennt er die Vorzüge und die Bestimmung des weiblichen Geschlechts rühmend an: „Ein Weib ist ein freundlicher, holdseliger und kurzweiliger Gesell des Lebens. Weiber tragen Kinder und ziehen sie auf, regieren das Haus und teilen ordentlich aus, was ein Mann hineinschaffet und erwirbt, daß es zu Rate gehalten und nicht unnütze verthan werde, sondern daß einem jeglichen gegeben werde, was ihm gebührt. Daher sie vom heiligen Geiste Hausehren genannt werden, daß sie des Hauses Schmuck, Ehre und Zierde sein sollen. Sie sind geneigt zur Barmherzigkeit, denn sie sind von Gott auch fürnehmlich dazu geschaffen, daß sie sollen Kinder haben, der Männer Lust und Freude und barmherzig seien.“ „Es ist ein arm Ding ein Weib. Die größte Ehre, die es hat, ist, daß wir allzumal durch die Weiber geboren werden und auf die Welt kommen. Ein Weib wird in der heiligen Schrift genannt „ein Lust und Freude deiner Augen“ (Sirach 26, 2). Ein fromm Weib soll darum geehret und geliebet werden, erstlich, daß sie Gottes Gabe und Geschenk ist; zum andern, daß Gott einem Weibe herrliche große Tugenden verliehen, welche andere Mängel und Gebrechen weit übertreffen, sonderlich wo sie Zucht, Treue und Glauben halten.“ „Wenn die Weiber die Lehre des Evangeliums annehmen, so sind sie viel stärker und inbrünstiger im Glauben, halten viel stärker und steifer darüber, als die Männer, wie man siehet an der lieben Anastasia und andern Märtyrern; auch Magdalena war herzenhaftiger denn Petrus.“[507]

Einmal klagt er wohl auch: „Wenn ich noch eine freien sollte, so wollte ich mir ein gehorsam Weib aus einem Steine hauen; so sehr hab ich verzweifelt an aller Weiber Gehorsam.“ Aber so gar ernst war's ihm doch nicht damit. Er wußte wohl: „Es ist keine größere Plage noch Kreuz auf Erden, denn ein bös, wunderlich, zänkisch Weib.“ Bei ihm war's nicht so, sonst liefe er davon, sagt er. Dagegen weiß er seines Weibes Willfährigkeit und Dienstfertigkeit an vielen Orten und in mancherlei Weise zu rühmen. So zitierte er auch gerne das Wort seiner Wirtin zu Eisenach: „Es ist kein lieber Ding auf Erden als Frauenlieb, wem sie kann werden.“ Und aus seiner eignen Erfahrung erklärt er: „Ein fromm Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes Trost.“ [508]

Kleine eheliche Fehden nahm Luther als selbstverständliche Dinge leichten Herzens in den Kauf. Als er einmal einen kleinen Zwist mit seiner Frau gehabt hatte, sagte er erklärend zu Veit Dietrich: „Er stehe auch von ihr einen Zorn aus, er könne ja noch mehr ertragen.“ Er meint von Eheleuten: „Ob sie gleich zuweilen schnurren und murren, das muß nicht schaden; es gehet in der Ehe nicht allzeit schnurgleich zu, ist ein zufällig Ding, des muß man sich ergeben. Adam und Eva werden sich auch gar weidlich die neunhundert Jahre zerscholten haben und Eva zum Adam gesagt: „Du hast den Apfel gessen.“ Herwiederum wird Adam geantwortet haben: „Warum hast Du mir ihn gegeben?“ Das Wesen der Ehe wird durch solche Plänkeleien nicht geschädigt. „Denn wiewohl die Weibsen gemeiniglich alle die Kunst kennen, daß sie mit Weinen, Lügen, Einreden einen Mann gefangen nehmen, können's fein verdrehen und die besten Worte geben; wenn nur diese drei Stücke im Ehestand bleiben, nämlich Treu und Glauben, Kinder und Leibesfrüchte und Sakrament, daß man's nämlich für ein heilig Ding und göttlichen Stand hält, so ist's gar ein seliger Stand, und das ein seliger Mann, der eine gute Ehefrau hat.“[509]

Einmal klagt er wohl: „Ich muß Geduld haben mit dem Papste, ich muß Patienz haben mit den Schwärmern, ich muß Geduld haben mit den Scharhaufen, ich muß Patienz haben mit dem Gesinde, ich muß Patienz haben mit Käthen von Bora, und der Patienz ist so viel, daß mein Leben nichts sein will als Patienz. Der Prophet Jesaias (30, 15) spricht: „In Schweigen und Hoffen steht eure Stärke.“ — Wie wenig aber Käthe dies übel nahm, beweist, daß sie auf die steinerne Hausthüre, welche sie in Pirna für Luther bestellte, grade diesen Prophetenspruch eingraben ließ. Luther bekennt aber auch: „Wer ein fromm (brav) Weib bekommt, der bekommt eine gute Mitgift. Und da gleich ein Weib etwas bitter ist, doch soll man mit ihr Geduld haben. Denn sie gehört ins Haus und das Gesinde bedarf's bisweilen auch sehr wohl, daß man ihnen hart sei und weidlich zuspreche.“ „Der häusliche Zorn als Vater und Mutter, Herrn und Frau im Hause, thut nicht großen Schaden. Häuslicher Zorn ist, als wenn die Kinder mit den Puppen spielen.“[510]

Die Hochschätzung des Familienlebens, das Lob, das Luther in allen Tonarten dem Ehestand anstimmt, ist doch auch ein Beweis für die glückliche Ehe, in der Luther mit seiner Käthe lebte. Das Kapitel über den Ehestand ist in seinen Tischreden das größte. So fing er bei der Verlobung seiner Nichte (1538) an und konnte gar nicht aufhören, den Ehestand zu loben, daß er Gottes Ordnung und der allerbeste und heiligste Stand sei. „Darum sollte man ihn mit den herrlichsten Zeremonien (Feierlichkeiten) anfangen. Gott hat ein Kreuz (nämlich: des Segens) über den Ehestand gemacht und hält's auch darüber.“[511]

In der Ehe soll eitel Liebe und Lust sein, freilich „muß es ein frommer Mann und ein fromm Weib sein, welche Gemahl und Kinder von ganzem Herzen lieben. Ein fromm Eheweib ist eine Gesellin des Lebens, des Mannes Trost, wie geschrieben steht (Sprw. 31, 11): Des Mannes Herz verläßt sich auf sie. Das Weib hat das Lob der Gefälligkeit und erfreuenden Anmut.“ Das lieblichste Leben dünkte ihm: „leben mit einem frommen, willigen, gehorsamen Weibe in Frieden und Einigkeit.“[512]

Luther selber hatte nun in seiner Hausfrau und seinem Hausstand gefunden, was er in dem rechten Ehestand suchte und von dem rechten Eheweib erwartet. Er bezeugt: „Mir ist, gottlob! wohl geraten, denn ich habe ein fromm (brav), getreu Weib, auf welche sich des Mannes Seele verlassen darf, wie Salomon sagt (Sprw. 31, 11): Sie verderbet mir's nicht.“[513]

„Martinus redete von seiner Hausfrau und sagte: er achtete sie teurer denn das Königreich Frankreich und der Venediger Herrschaft. Denn ihm wäre ein fromm (brav) Weib von Gott geschenkt und gegeben. Zum andern, er höre, daß viel größer Gebrechen und Fehler allenthalben unter Eheleuten seien, denn an ihr erfunden wäre. Zum dritten: das wäre überflüssige Ursach genug, sie lieb und wert zu halten, daß sie Glauben und sich ehrlich hielte, wie es einem frommen, züchtigen Weib gebühret. Welches alles, da es ein Mann ansehe, so würde er leichtlich überwinden, was sich möchte zutragen, und triumphieren wider Zank und Uneinigkeit, so der Satan pflegt unter Eheleuten anzurichten.“ „Die Ehe ist nicht ein natürlich Ding, sondern Gottes Gabe, das allersüßeste, lieblichste und keuscheste Leben. Ach, wie herzlich sehnte ich mich nach den Meinen, da ich zu Schmalkalden todkrank lag! Ich meinte, ich würde Weib und Kinder hie nicht mehr sehen; wie weh that mir solche Scheidung und Trennung. Nun glaub ich wohl, daß in sterbenden Menschen solche natürliche Neigung und Liebe, so ein Ehemann zu seinem Eheweib habe, am größten sei. Weil ich aber nun gesund bin worden durch Gottes Gnade, so hab ich mein Weib und Kinderlein desto lieber. Keiner ist so geistlich, der solche angeborene Neigung und Liebe nicht fühlet. Denn es ist ein groß Ding um das Bündnis und die Gemeinschaft zwischen Mann und Weib.“[514]

Luther wußte aber auch, daß er keine zweite Frau in der Welt finden könnte, die so gut für ihn paßte, als Katharina von Bora. Er warnte den Pfarrer von Sitten vor einer zweiten Heirat und fügt bei der Umschau auf seinen Bekanntenkreis hinzu: „Ich, wenn ich jung wäre und die Bosheit der Welt so kennete, ich würde, wenn mir auch eine Königin angeboten würde nach meiner Käthe, lieber sterben, als noch einmal heiraten.“ Und doch schätzte er den Ehestand so hoch, daß er ihn für die schönste Ordnung nach der Religion, für den fürnehmsten Stand auf Erden hielt[515].

Luther kannte nichts Lieberes als seine Käthe. Er beteuert, er habe sie lieber als sich selber. Ja er klagte darüber als menschliche Schwäche, daß er seine Käthe lieber habe als unsern Herrgott. Seine Lieblingsepistel, den Galaterbrief, nannte er „seine Käthe im neuen Testament“. „Der Brief an die Galater ist meine liebe Epistel, der ich mich vertrauet habe: sie ist meine Käthe von Bora.“ Und sein höchster Trumpf war: „Ich setze meine Käthe zum Pfand!“[516]

Käthe war nicht eine geistreiche Frau, hoher Schwung der Gedanken, glänzende Geistesgaben gingen ihr ab: sie ist eine nüchterne und doch nicht hausbackene, tüchtige deutsche Frau.

Es ist eine unzeitgemäße Sache, die Frage aufzuwerfen, ob denn Frau Käthe „gebildet“ war. Eine gelehrte Frau wie Argula von Grumbach war sie glücklicherweise nicht; von einer solchen war Luther, wie seine Aeußerungen zeigen, wenig erbaut und jedenfalls wäre dann seine Wahl nicht auf Katharina gefallen. (S. 185 f.) Eine geistvolle Frau wie die Kirchenmutter Katharina Schützin in Straßburg, welche Sendschreiben an die christlichen Frauen ergehen ließ, brauchte sie neben Luther nicht zu sein. Aber so gebildet wie irgend eine Frau ihres Standes war sie doch.

Frau Käthe, wird bezeugt, las gerne und eifrig in der Bibel und gewiß nicht bloß wegen der von Luther versprochenen 50 fl. Einmal ermahnte der Doktor sein Weib, daß sie fleißig Gottes Wort lesen und hören solle, und sonderlich den Psalter fleißig lesen. Sie aber sprach, daß sie es genug thäte und täglich viel lese, und könne auch viel davon reden; wollte Gott, sie thäte auch darnach. Der Doktor meinte zwar, solch' Rühmen müsse der Vortrab des künftigen Ueberdrusses sein. Aber freilich, die vielbeschäftigte Frau konnte doch auch nicht ständig mit geistlichen Dingen sich beschäftigen, wie ihr theologischer Gemahl. Und ein andermal fiel ihr selbst auf, daß sie im Evangelium nicht mehr so hitzig und emsig bete wie im Papsttum. Geistlich gesinnet sein konnte sie aber deswegen doch. Von seinen Predigten über Joh. 14-16 sagte Luther zu seiner Gattin: „Das ist das beste unter allen Büchern, die ich je geschrieben habe; darum liebe Käthe, laß Dir's befohlen sein und halt es für mein Testament.“[517]

Und von Eisleben aus schrieb er: „Lies Du, liebe Käthe, den Johannem und den kleinen Katechismum, davon Du zu dem Male sagtest: „Es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt.“ Sie las also nicht nur in Schrift und Glaubensbüchlein, sondern wandte es auch auf sich an[518].

Es ist doch ein Zeugnis für so eifriges Forschen in der Schrift, wenn ihr von ihren Kindern auf ihrem Grabstein ein offenes Buch in die Hände gegeben wird.

Käthe konnte auch schreiben, und ihre Briefe, soweit sie diktiert und nicht etwa von andern stilisiert sind, beweisen eine klare, bestimmte und verständige Denk- und Ausdrucksweise. Und wenn Luther seine Frau auch einmal damit aufzieht, daß sie „Kattegissimum“ schrieb statt Katechismum, so kann dies damals viel weniger wie heute als orthographische Unbildung gelten zu einer Zeit, wo nicht nur Laien, sondern auch Gelehrte höchstens das Lateinische einigermaßen orthographisch schrieben, das Deutsche aber in der krausesten Form, wie es ihnen in die Feder kam mit allen Fehlern der undeutlichen, verdorbenen mundartlichen Aussprache[519].

Ebenso wenig sachgemäß ist die Frage, ob Frau Katharina ihrem Gemahle ebenbürtig war. An eine Vergleichung mit seinem geistigen Wesen, mit Luthers Genialität und Charakter, Wirksamkeit und weltgeschichtlicher Bedeutung ist ja naturgemäß nicht zu denken. Aber daß sie als Gattin, als Hausfrau und Mutter seiner Kinder ihm das war, was er an ihr brauchte und wollte, daß sie Luthers rechte und somit ebenbürtige Gattin war, das hat er immer wieder ausgesprochen und anerkannt.

Aber auch daran muß erinnert werden, daß Frau Katharina doch ein lebhaftes Interesse für das Werk ihres Gatten, für die Kirche und die Reformation bezeugte. Frau Käthe hörte und las viele von den Briefen, die ab- und eingingen. Sie drängte ihren Gatten zum Schreiben. Sie sprach ein Wort darein, wenn er eine Schrift ausgehen ließ. Sie durfte als eine Doktorin auch ihren Rat bei Besetzung von Pfarrstellen geben und bemühte sich für junge Magister um Anstellung. Sie verstand die Bedeutung ihres Gatten für die Christenheit, sie wußte seine Persönlichkeit und sein Werk zu würdigen. Sie betete und sorgte für das Heil der Christenheit und den Erfolg des Evangeliums noch auf ihrem Totenbette. Und Luther mutete ihr solches Interesse auch zu.

Und wenn wir die Rolle in Betracht ziehen, welche Katharina gegenüber den anderen Professoren- und Reformatorenfrauen in dem mündlichen und schriftlichen Gedankenaustausch der Zeitgenossen spielte, so z.B. Melanchthons Frau, wenn wir sehen, wie sie allerseits geehrt, gegrüßt und beachtet, in ihrer Krankheit um sie gebangt war, nicht bloß um ihres Gatten willen, dann ist außer Zweifel: seine Käthe ist des großen Doktors wert und würdig gewesen, und es ist doch bemerkenswert, daß die Freunde die Gattin Luthers mit dem Weibe der Offenbarung, dem Sinnbild der christlichen Kirche verglichen[520].

Aus den späteren Jahren giebt es von Frau Katharina ein Kranachsches Bild[521]. Das Gesicht ist etwas gebräunt, die Augen blicken trübe, fast schmerzlich und müde, wie Luther in dieser Zeit sie schildert, als „geneigt zu Mißtrauen und Sorgen“[522]; wieder zeigt die starke Unterlippe das kräftige Selbstbewußtsein, die zusammengelegten Hände deuten ruhige Gelassenheit an. Aber es ist das Bild einer geistig nicht unbedeutenden Frau. Der ernste, ja strenge Ausdruck des Gesichts verkündet ein schweres Geschick, das ihr bevorsteht, oder das sie schon erlebt hat.

15. Kapitel.

Luthers Tod.

Die letzten Jahre der Ehe waren gar schwer und trübe. Das lag einerseits in den Verhältnissen, die sich fast nach allen Seiten recht widerwärtig gestalteten; andererseits aber in Luthers Zustand, der immer krankhafter, immer hinfälliger und damit trübseliger und verstimmter wurde. Was Käthe bei dem zur Schwermut geneigten Temperament und der zornmütigen Gereiztheit ihres Gatten unter all' diesen Verhältnissen zu leiden hatte, ist leicht zu denken[523].

Die Weltlage, welche der Reformator begreiflicherweise mit aufmerksamem Auge verfolgte, war eine seltsame und für Luthers Empfinden geradezu erschreckliche. Das stete Vordringen der Türken, das seinem christlich-deutschen Herzen schwer weh that, die Verbindung christlicher Mächte, wie Frankreichs und, wenigstens indirekt, Venedigs und des Papstes mit dem Erbfeind der Christenheit erschien wie drohende Vorzeichen des Jüngsten Tages. Dazu das Verhalten des Kaisers und seines Bruders, des Königs Ferdinand, das deutlich darauf ausging, die Protestanten hinzuhalten, sie, wie einstens die Husiten, mit einem Brocken Zugeständnis abzuspeisen, wenn man aber einmal freie Hand hätte, mit Gewalt, wie Luther fürchtete — verbunden mit Papst und Teufel, Türke und Hölle, über sie herzufallen. Das alles erfüllte ihn mit bangen Sorgen. Er weissagte an seinem letzten Geburtstag richtig: „Bei meinem Leben wird es, ob Gott will, keine Not haben und guter Friede in Germania bleiben; aber wenn ich nun tot bin, da wird alsdann das Beten hoch vonnöten sein. Unsere Kinder werden noch müssen den Spieß in die Hand nehmen; denn es wird übel zugehen in Deutschland. Das Konzil zu Trient ist sehr zornig und meinet es sehr böse mit uns. Darum betet zu Gott mit Fleiß.“[524]

Noch verdrießlicher aber und sorgenerregender waren für Luther mit Recht die Streitigkeiten in den eigenen Reihen. Darüber sagte er seinen Freunden beim letzten Geburtstagsfest: „Ich fürchte mich nicht vor den Papisten, das sind des mehren Teils grobe Esel; aber unsere Brüder werden dem Evangelium Schaden thun, die von uns ausgegangen sind, aber nicht von uns sind.“ Da standen sich Kurfürst und Herzog von Sachsen wegen Landbesitz feindlich gegenüber im sogenannten „Fladenkrieg“ (weil um Ostern 1542). Herzog Moriz, welchem Luther Verräterei zutraute, entzog sich dem evangelischen Bunde von Schmalkalden. Wohl waren — bis auf den „geistlichen Türken“, den Mainzer Erzbischof — die alten Feinde Luthers: Herzog Georg und Kurfürst Joachim I. gestorben und das Herzogtum Sachsen und Kurbrandenburg zum Protestantismus übergetreten und sogar das Erzbistum Köln dazu bereit; aber in Berlin traten der „Grickel und der Jäckel“ (Agricola und Schenk) auf mit ihren gesetzesstürmerischen Lehren; in Köln wollte man die Luther so unsympathische schweizerische „Sakramentiererei“ einführen und der große Vermittler Butzer und der milde Melanchthon, welche diese Kölner Reformation übernommen hatten, wurden Luther höchst verdächtig und das ganze Werk ärgerlich — es scheiterte ohnedies durch die Gewaltthat des Kaisers. In Luthers Umgebung wuchs, nachdem die alten Mitarbeiter der Reformation am Abgang waren, ein neues Geschlecht heran, das mit epigonenhafter Uebertreibung die Gegensätze schärfte oder allerlei Kleinigkeiten und Aeußerlichkeiten aufbauschte, wie die Zeremonien, Auslegung der Offenbarung Johannes, Verbot von alten Osterbräuchen und andere „Geislein“ „herfürgucken“ ließen, die sie führen wollten, um sich wichtig zu machen; auch der alte Streit mit den Schweizern flammte wieder auf[525].

Ja, auf Melanchthon selbst, seinen alten Freund und Mitarbeiter, wurde Luther mißtrauisch gemacht wegen allerlei Abweichungen vom „echten“ Luthertum und es entstand eine gefährliche Spannung zwischen den beiden Männern und ihren Familien, bis die Mißstimmung endlich durch Luther selbst beigelegt wurde, so daß der Reformator doch bis ans Ende seines Lebens mit ihm als dem treuesten Freunde verkehrte[526]. Mit seinen Kollegen von der juristischen Fakultät, namentlich seinem alten Freunde Hier. Schurf, bekam Luther einen bösen Span wegen der heimlichen Verlöbnisse, welche die „garstigen Juristen“ mit einem Rückfall ins kanonische Recht für giltig erklärten, Luther aber verwarf[527]: er hatte die Gefährlichkeit der Sache an Melanchthons Sohn er fahren, der sich — noch unmündig — von einem Mädchen hatte fangen und ohne Wissen und Willen seiner Eltern ihr ein Eheversprechen gegeben hatte, worüber M. Philipp und sein Weib „schier verschmachtet“ wären, wenn Luther es nicht abgewendet hätte. Und er selber mußte es erfahren in seiner eigenen Familie, indem seiner Schwester Sohn sich ungehorsamerweise ohne der Freundschaft Rat verlobte. Er hatte infolgedessen zu klagen, daß das „Meidevolk in Wittenberg gar kühn“ geworden sei und die Eltern ihre Söhne von der Universität zurückforderten, weil man ihnen da Weiber an den Hals hänge[528].

Die alten Hausgenossen und Freunde waren in alle Welt zerstreut; aber in ihren Anfechtungen, Verdrießlichkeiten, Bedenken wandten sie sich an ihren „heiligen Vater Luther“. So hatte er zu schlichten, zu raten und zu trösten — und das richtete ihn selber auf. Aber er hatte auch manchen Aerger und manchen Schmerz[529]. Da plagte ihn M. Stiefel mit seinen Grillen über den Jüngsten Tag, oder der Stadthauptmann Metzsch mit seinem übeln Wandel und seiner rücksichtslosen Niederlegung von vielen Wohnhäusern zum Festungsbau, wodurch die kleine, volkreiche Stadt noch enger wurde und die armen Studenten noch elender wohnen mußten. Einer nach dem andern von den Zeitgenossen ging aus dem Leben. So schon 1538 der treue Hausmann. Dann Luthers letzter Klostergenosse Brisger, endlich auch Spalatin (1545). Schon vorher (1542) war seine und Käthes liebenswürdige, heitere Freundin, Käthe Jonas, verschieden, deren Erscheinung ihm immer erfreulich und tröstlich gewesen[530]; vor allem aber der Sonnenschein des Hauses, das gute Magdalenchen. Der Sohn und ein Neffe waren eine zeitlang fort in Torgau. In dieser Zeit starb auch der Gatte seiner Nichte Lene, geb. Kaufmann; und diese machte ihm dann schweren Verdruß durch ihre zweite Heirat mit dem jugendlichen Mediziner Ernst Reuchlin (Ende 1545).

Das Jahr 1544 war wieder ein Krankheitsjahr in Wittenberg und im Lutherhaus. Um Ostern lagen alle Kinder an den Masern und die kleine Margarete bekam davon ein schweres Fieber, an dem sie zehn Wochen lebensgefährlich darniederlag und von dem sie sich bis in den Dezember hinein gar nicht erholen wollte. Was gab es da für Käthe an Sorgen und Mühen[531]!

Aber auch der Hausvater selbst war jetzt immer krank: bald fehlte ihm dies, bald jenes; alle seine Leiden stellten sich mit Macht ein in dem abgearbeiteten Körper und der erschöpfte Lebensgeist war nicht mehr recht widerstandsfähig gegen die mancherlei Angriffe auf die verschiedenen Organe. Die Hausärzte und die kurfürstlichen Leibärzte doktorten an ihm herum; der Hof schickte Arzneien; die Gräfin von Mansfeld wollte ihn in die Kur nehmen. Es war ein alter (noch jetzt bestehender) Glaube, daß großer Fürsten und Herren Arznei, die sie selbst gäben und applizierten, kräftig und heilsam seien, sonst nichts wirkten, wenn's ein Medikus gäbe[532]. Das meiste und beste that freilich Frau Käthe.

Im Jahre 1541 war Luther lange Zeit so schwach, daß er nicht eine Stunde angestrengt lesen und sprechen konnte; er mußte daheim bleiben und da seine Hausgottesdienste halten. Einmal schrieb er auch an die arzneikundige verwitwete Gräfin Dorothea von Mansfeld, welche auch gern dem „lieben togktor“ geholfen hätte. Denn die Schmerzen waren entsetzlich, so daß er jammerte: „Sterben will ich, aber diese Qualen sind gräßlich.“[533] Im folgenden Jahre machte er sein Testament, „satt dieses Lebens, oder daß ich's richtiger sage, dieses herben Todes“. „Ich habe mich ausgearbeitet und ausgelebt. Der Kopf ist kein nutz mehr. Ich bin müde erschöpft, bin nichts mehr.“[534] Im April 1543 klagt er: „Wie oft bin ich in diesem Jahre schon gestorben! Und doch lebe ich noch, eine unnütze Last der Erde.“ Am 13. und 14. Juli 1543 wurde er wiederholt so ohnmächtig, daß er zu sterben meinte und seinen Hans von Torgau holen lassen wollte. Aber Frau Käthe hatte gelernt, ihn zu ermutigen und redete ihm die Todesgedanken aus. Anfangs 1515 hatte er einen Krankheitsanfall mit ähnlichen Erscheinungen, wie sie ein Jahr später seinen Tod herbeiführten, Leichenkälte und die beängstigenden Beklemmungen auf der Brust. Er konnte lange keine Predigt und keine Vorlesung halten und mußte selbst in einem Wägelchen sich zur Kirche fahren lassen, um die Predigt zu hören[535]. „Ich glaube, meine wirkliche Krankheit ist das Alter, dann meine Arbeiten und heftigen Gedanken, besonders aber die Schläge Satans.“ „Daß ich am Haupte untüchtig bin, ist nicht Wunder; das Alter ist da; der Krug geht solange zu Wasser, bis er einmal zerbricht.“ „Ich bin träg, müde, kalt, das heißt alt und unnütz; ich habe meinen Lauf vollendet und es bleibt nichts übrig, als daß der Herr mich zu meinen Vätern versammle.“ Bei seinen gräßlichen Qualen wünscht er, wenn nicht sanft, so doch tapfer zu sterben[536].

Und bei all' diesen Leiden und Qualen sollte der alte Mann noch für drei arbeiten, so war er geplagt von Fürsten und Stadträten, von Freunden und Amtsgenossen und Beichtkindern mit Briefschreiben, Bücherschreiben, Vorlesungen, Predigten und Beratungen, „Bedenken“, Trostschreiben; so daß er klagt: „Da sitze ich alter, abgelebter, fauler, müder, frostiger und noch dazu einäugiger Mann und schreibe. Hoffte ich doch, man sollte mir Abgestorbenen nun die Ruhe gönnen, die ich mir, denkt mich, verdient habe. Aber als hätte ich niemals etwas gethan, geschrieben, geredet und ausgeführt, muß ich so viel reden, thun und ausführen, daß ich mir keinen Rat weiß. Ich bin so beschäftigt, daß ich gar selten Muße habe, zu lesen oder für mich zu beten, was mir beschwerlich ist.[537]

Freilich brach oft der angeborene Humor bei Luther durch, und das frohe Gottvertrauen blieb wohl die Grundstimmung seines Wesens. Aber bei seinem zur Schwermut neigenden Temperament und Gesundheitszustand pflegte der alternde Mann doch vorwiegend die Schattenseiten aller Erscheinungen zu sehen und nur selten konnte er sich sagen: „Ich lasse das Antlitz unsrer Gemeinden nicht trauervoll zurück, sondern blühend, durch reine und heilige Lehre mit vielen vortrefflichen und lauteren Geistlichen, von Tag zu Tage wachsend.[538]

So war ihm Zeit und Welt widerwärtig geworden. „Welt ist Welt, war Welt und wird Welt sein.“ Und er wünschte sich weg daraus. Er hoffte und wünschte, daß das Weltende nahe sei oder doch sein Lebensende. „Komm', lieber jüngster Tag!“ seufzt er am Schluß eines Briefes an Käthe, und an Frau Jörger schließt er (1544) ein Schreiben: „Es sollt ja nunmehr die Zeit da sein meiner Heimfahrt und Ruhe; bittet für mich um ein seliges Stündlein.“[539]

Da er aber nicht aus der Welt gehen und die Feiertagsruhe des Jüngsten Tages nicht selbst herbeiführen konnte, so wollte er wenigstens aus seiner Welt scheiden und von seinem Beruf. Denn so ist ja Stimmung und Wunsch bei alten und kranken Leuten: da sie nicht aus dem Leben gehen können, so suchen sie ihren Wohnort zu verändern und wünschen sich daraus weg, mit so viel Beschwerden auch ein Wechsel und eine Reise verbunden sein mag. So sagte Luther das ganze letzte Jahr zu seiner Umgebung, „er begehre an einen anderen Ort zu ziehen“. Und die Freunde fanden es auch merkwürdig, daß er in diesem Jahr vor seinem Tode öfter ausgezogen, denn in vielen Jahren; und sie sahen es als „Prophezeiung an, daß er die selige Reise werde thun in ein besser Leben“[540].

So ging es nun auch schon 1544, wo er mit einem Wegzug aus Wittenberg gedroht und von den Freunden und Beamten Wittenbergs davon abgebracht war. Im folgenden Jahr (1545) nachdem er am Johannistag von seinem „Peiniger“, dem Stein, fast umgebracht worden und dadurch in eine gereizte Stimmung versetzt war, führte er diesen Entschluß wirklich aus[541].

Es war gerade kein besonderer Anlaß zu diesem Schritte da. Aber mancherlei hatte ihm den Aufenthalt in Wittenberg in der letzten Zeit verleidet. Der Streit mit den Juristen, die ärgerliche Geschichte im Haus mit „einer andern Rosina und Schwindlerin“, vor allem aber das Leben und Treiben von Bürgern und Studenten in Wittenberg, hatten ihn hoch aufgebracht. Der ungeheure Studentenandrang nach Wittenberg brachte begreiflicherweise nicht lauter gute, fromme und sittige Elemente dahin und bei den 2000 Studierenden gab es natürlich viel mehr zu rügen und zu strafen, als bei den früheren 200. Und unter diesen Tausenden waren Leute aus allerlei Volk; nicht nur alle deutschen Stämme, sondern auch Ausländer: „Reußen und Preußen, Holländer und Engellender, Dänemarker und Schweden, Böhmen, Polen, Hungern, Wenden und Winden, Walen und Franzosen, Spanier und Gräken.“ Die Bürger beuteten die Studierenden aus. Weibliches Gesindel zog herbei, wie Luther meinte, von den Widersachern geschickt, und es gab manche „Speckstudenten“, die sich lieber in dem Lustwäldchen „Specke“ umhertrieben, statt in der Schule Gottes Wort, Tugend und Zucht zu lernen. Gegen solche Unordentlichkeit trat nun Luther als alter treuer Prediger mit väterlicher Vermahnung auf. Er bittet seinen „Bruder Studium, sich still, züchtig und ehrlich zu halten, des warten, warum sie hergesandt und mit schweren Kosten von den Ihren erhalten werden, daß sie Kunst und Tugend lernen, weil die Zeit da ist und solche feine Präzeptoren da sind.“ Er ermahnte den Rat, die Laster zu strafen, und die Bürger, dem „Geiz“ zu steuern. Aber die Bürger der kleinen Universitätsstadt hielten zumeist auf ihren Vorteil, der Rat war lässig und ängstlich, wie Luther oftmals klagt gegenüber der schönen Ordnung in einer Reichsstadt wie Nürnberg, und die Studenten wies er vergeblich auf seinen grauen Kopf; sie überhörten seine schmerzlichen und herzlichen Mahnungen: „Ach, mein Bruder Studium, schone mein und laß es nicht dahin kommen, daß ich müsse schreien wie St. Polykarpus: Ach Gott, warum hast Du mich das erleben lassen? Ich hab's ja nicht verdient, sondern da sind vorhanden meine und euer Präzeptoren treue Arbeit, die euch zum besten dienen in diesem und jenem Leben.“[542]

Neben und mit diesem unordentlichen Wesen nahm die Ueppigkeit in der Stadt bei Doktorschmäusen und besonders bei Hochzeiten und Kindtaufen so überhand, daß mancher Mann (z.B. Georg Major durch sein Doktorat und neun Kindtaufen) in Schulden geriet. Ja, es riß die neue Kleidertracht ein, „die Jungfrauen zu blößen, hinten und vorn“, und niemand war da, „der da strafe oder wehre“; es schien, wie Luther fürchtet, sich anzulassen, „daß Wittenberg mit seinem Regiment nicht den S. Veitstanz noch S. Johannistanz, sondern den Bettlertanz und Beelzebubtanz kriege“. Daher meinte Luther: „Nur weg aus dieser Sodoma!“[646]