Freitags nach Margareten, 1540. Der Bischof von Magdeburg läßt Dich freundlich grüßen.

Dein Liebchen

Martin Luther.“

Und endlich als es wieder auf die Heimreise ging, kündigt Luther Käthe die Rückkehr an und bestellt einen Willkommtrunk.

„Der reichen Frauen zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katherin Lutherin, zu Wittenberg leiblich wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, meinem Liebchen zu handen. — Abwesend dem Doktor Pomeran, Pfarrherr, zu brechen und zu lesen.

… (Ew. Gnaden) … wollen schaffen, daß wir einen guten Trunk bei Euch finden. Denn, ob Gott will, morgen Dienstag wollen wir auf sein gegen Wittenberg zu. Es ist mit dem Reichstage zu Hagenow ein Dreck, ist Mühe und Arbeit verloren und Unkost vergeblich. Doch, wo wir nichts mehr aus gerichtet, so haben wir doch Magister Philippus wieder aus der Hölle geholet und wieder aus dem Grabe fröhlich heimbringen wollen, ob Gott will und mit seiner Gnaden, Amen.

Es ist der Teufel hieraußen selber mit neuen bösen Teufeln besessen, brennt und thut Schaden, das schrecklich ist. Meinem gnädigsten Herrn ist im Thüringer Wald mehr denn tausend Acker Holz abgebrannt und brennet noch. Dazu kommt heute Zeitung, daß der Wald bei Werda auch angegangen sei und viel Orten mehr; hilft kein Löschen. Das will teuer Holz machen. Betet und lasset beten wider den leidigen Satan, der uns sucht nicht allein an Seele und Leib, sondern auch an Gut und Ehre aufs allerheftigste. Christus, unser Herr, wolle vom Himmel kommen und auch ein Feuerlein dem Teufel und seinen Gesellen aufblasen, daß er nicht löschen könnte, Amen.

Ich bin nicht gewiß gewesen, ob Dich diese Briefe zu Wittenberg oder zu
Zulsdorf würden finden; sonst wollt' ich geschrieben haben von mehr
Dingen. Hiemit Gott befohlen, Amen. Grüße unsere Kinder, Kostgänger und
alle. Montags nach Jacobi (26. Juli) 1540.

Dein Liebchen

M. Luther, D.[341]

Um diese Zeit begann eine neue Sorge für Käthe. Ihrem Bruder Hans wollte es auf Zulsdorf gar nicht glücken. Daher kaufte sie ihm Zulsdorf ab. Aber sie mußte auch ihres Mannes vielfache Beziehungen zu fürstlichen Höfen angehen, um ihm wieder einen Hofdienst zu verschaffen, sei's in Preußen, sei's in Sachsen. Luther konnte das mit gutem Gewissen, denn Hans von Bora war keiner von den großmäuligen „Scharhansen“, wie sie in dieser Zeit massenhaft aufgekommen waren. Aber vielleicht eben wegen seiner Frommheit hatte er Unglück. Ein Gegner Luthers verdrängte ihn von seinem Vorsteheramte am Neuen Kloster in Leipzig, bis er endlich einen Teil des Klostergutes in Crimmitschau überkam[342].

Im Herbst dieses Jahres (1540) suchte die Stadt Wittenberg ein Fieber heim, das zwar selten einen tödlichen Ausgang nahm, aber so ziemlich alle Bewohner ergriff. Bugenhagen war so krank, daß Luther für ihn sein Pfarramt versehen mußte. Im eignen Hause waren zehn Todkranke und dazu fühlte sich der Hausherr selber „alt und schwach“. Da konnte wieder Käthe ihre Sorge und Pflege anwenden[343].

Zu Ostern des folgenden Jahres (1541) wurde die Umgebung Wellenbergs erschreckt durch Brandstiftungen und allerlei Vergiftungserscheinungen, indem die Lebensmittel: Wein und Milch mit Gift und Gips gemischt wurden. Es wurden allerlei Leute verhaftet und gefoltert, auch in Wittenberg zwei Leute geröstet — ohne die Ursachen und die Urheber zu entdecken. Luther fühlte sich in diesem Jahr gar nicht wohl, so daß der Kurfürst ihm sogar einmal zwei Aerzte schickte und er am Dreikönigstag des folgenden Jahres (1542) sein Testament machte[344].

Noch eine Freude erlebten die Eheleute zu dieser Zeit: die Enkelin von Luthers Schwerer, Hanna Strauß, die in der Familie erzogen war, wurde mit M. Heinrich von Kölleda im Dezember 1541 verlobt, nachdem die Pflegeeltern die Verlobung des Dr. Jakob Schenck (später als Luthers Gegner „der Jäckel“) abgewiesen hatten. Zu dem Verlöbnis kam gerade von den Anhalter Fürstenbrüdern ein Wildschwein, als Luther eben gebeten hatte, wenn es möglich und thunlich wäre, ihn zur Hochzeit „etwa mit einem Wildbret zu begaben, denn ich einer Hausjungfrauen, meiner Freundin (Verwandten) soll zu Ehren helfen in den hl. Stand der Ehe“. Am 30. Januar 1542 wurde Hochzeit gemacht, die letzte in Luthers Haus. Amsdorf u.a. schickten Hochzeitsgeschenke, und weiteres Wildbret von Anhalt wird nicht gefehlt haben[345].

Aber zu gleicher Zeit (1541) starb auch nach nur vierjähriger Ehe D.
Ambros. Berndt, der Gatte der Magdalene Kaufmann, der Muhme Lene der
Jüngeren. Die junge Witwe machte sich nun zum großen Verdrusse der
Lutherischen Verwandten an einen sehr jugendlichen Mediziner, Ernst
Reichet (Reuchlin), der noch studieren mußte und heiratete ihn auch nach
Luthers Tod, so daß sie eine zeitlang in rechte Bedrängnis geriet, bis
ihr Mann eine ehrenvolle Stellung erwarb[346].

Auch Lenes Bruder, Cyriak, bereitete Luther großen Aerger, indem er nach dem Beispiel von Melanchthons und Dr. Beiers Sohn ein heimliches Verlöbnis einging, was die Wittenberger Juristen als giltig anerkannten[347].

Am 26. August 1542 war der älteste Sohn, Hans Luther, jetzt 16jährig und bereits seit drei Jahren Baccalaureus, nach Torgau geschickt worden zu Markus Crodel, der dort eine treffliche, von Luther hochgeschätzte Knabenschule hielt, damit er in Sprachlehre und Musik ausgebildet werde, auch Sitte und Anstand lerne, wozu in der studentenwimmelnden Kleinstadt und in Luthers überfülltem Hause nicht der rechte Ort war; Luther war sich auch bewußt, Theologen bilden zu können, aber keine Grammatiker und Musiker. Daher wollte er Crodel, wenn er am Leben bliebe, noch später die zwei jüngeren Söhne schicken. Der Gesellschaft und Aneiferung wegen wurde auch Käthes Brudersohn, Florian von Bora, mitgeschickt. Hans war ein guter Junge, während Florian schon einer härteren Zucht bedurfte. Der Mutter that der Abschied weh, noch mehr aber der ältesten Schwester, Lenchen, die mit besondrer Zärtlichkeit an ihm hing. Aber Hans gefiel es gut im Pensionat des Präzeptors, er hatte ihn und seine Frau zu rühmen; er meinte sogar, es erginge ihm hier besser als daheim[646].

Kaum aber war der Bruder abgereist, so wurde Lenchen sterbenskrank.

Es war ein gar liebes frommes Mädchen, das seine Eltern ihr Lebtag nie erzürnt hatte. Auf ihrem Sterbebette verlangte sie herzlich und schmerzlich, ihren Bruder Hans nochmals zusehen; sie meinte, sie würde dann wieder gesund werden. Käthe mußte ihren Wagen anspannen lassen und der Kutscher Wolf fuhr mit dem Luther'schen Gefährt nach Torgau. Er brachte einen Brief vom Vater an den Präzeptor, der lautete:

„Gnade und Friede, mein lieber Markus Krodel. Ich bitt' Euch, sagt meinem Sohn Hans nicht, was ich Euch schreibe. Mein Töchterlein Magdalena ist dem Ende nahe und wird bald heimkehren zu ihrem wahren Vater im Himmel, wenn' s Gott nicht anders gefällig ist. Aber sie sehnt sich so sehr darnach, den Bruder zu sehen, daß ich den Wagen schicken mußte: sie lieben eins das andere gar so sehr — vielleicht, daß sein Kommen ihr neue Kraft geben könnte. Ich thue, was ich kann, damit mich nicht später mein Gewissen beschwert. So sagt ihm also — doch ohne die Ursach' — daß er mit diesem Wagen eilends herkomme, um bald wieder zurückzukehren, wenn Lenchen im Herrn entschlafen oder wieder gesund worden sein wird. Gott befohlen. Ihr müßt ihm sagen, es warte seiner ein heimlicher Auftrag. Sonst steht alles wohl. 6. September 1542.“[348]

Hans kam zurück und auch rechtzeitig daheim an. Denn das arme Mädchen mußte noch vierzehn Tage leiden und mit dem Tode ringen: offenbar hatte dies Wiedersehen des Bruders ihre Lebensgeister nochmals aufflammen lassen. Es waren gar traurige Wochen in dem Lutherhaus. Das fromme Mägdlein zwar wollte gerne sterben: beim irdischen Vater bleiben oder zum himmlischen heimkehren. „Ja, herzer Vater“, sagte es, „wie Gott will!“ Aber den Eltern kam der Abschied ihres Lieblings sehr hart an, namentlich Luther, der hatte sie sehr lieb, denn die Väter hängen mehr an den Töchtern, während Frau Käthe zu ihrem Hans größere Zuneigung fühlte.

In der Nacht vor Lenchens Tode hatte die Mutter einen wundersamen Traum: Es deuchte sie, zwei geschmückte, schöne junge Gesellen kämen und wollten ihr Lenchen zur Hochzeit führen. Am Morgen kam Melanchthon herüber ins Kloster und fragte, was Lenchen machte. Da erzählte Frau Käthe ihren Traum. Magister Philipp, der bei andern im Geruch der Wahrsagung und Traumdeuterei stand und sich selbst viel darauf zu gut that, machte ein erschrockenes Gesicht. Und als er zu anderen Leuten kam, deutete er den Traum: „Die jungen Gesellen sind die lieben Engel, die werden kommen und diese Jungfrau in das Himmelreich zur rechten Hochzeit heimführen.“ Melanchthon hatte diesmal recht prophezeit.

Am 26. September um die neunte Stunde ging es zu Ende. Der Vater hielt das Kind in seinen Armen, die Mutter stand dabei. Der Doktor weinte, betete und tröstete abwechselnd das Kind, sich selbst und die Umstehenden: Frau Käthe, Melanchthon und D. Röhrer. Die Mutter war tief ergriffen; als es zu Ende war, weinte sie ihren Jammer laut hinaus, so daß Luther sie beruhigen mußte: „Liebe Käthe, bedenke doch, wo sie hinkommt: sie kommt wohl.“

Die traurigen Ereignisse gingen ihren Gang. Der Sarg kam; aber als das
Mägdlein hineingelegt werden sollte, hatte es der Tod gestreckt und ihr
Bettlein war ihr zu klein geworden. Die Leute kamen und bezeugten den
Eltern nach dem gemeinen Brauch ihr Beileid: „es wäre ihnen ihre
Betrübnis leid“. Der Schülerchor sang das Lied: „Herr, gedenk nicht
unsrer vorigen alten Missethat.“ Sie ward hinausgetragen auf den
Friedhof am Elsterthor, und eingescharrt. „Es ist die Auferstehung des
Fleisches“, sagte Luther, der jedes Wort und jeden Akt mit einem
sinnigen Trostspruch begleitete. Dann ging der traurige Zug heim und der
Doktor sagte zu Käthe: „Nun ist unsere Tochter beschickt, an Leib und
Seel versorgt, wie es Eltern sollen thun, sonderlich mit den armen
Mägdlein.“ Darauf dichtete der Doktor seinem Töchterlein eine
lateinische Grabschrift, die lautet in treuherzigem Deutsch:

  Hie schlaf ich Lenchen, D. Luthers Töchterlein,
  Ruh mit allen Heiligen in mei'm Bettelein[349].

Aber noch monatelang sprach und schrieb Luther von seiner Trauer, zürnte wider den Tod und milderte seinen Schmerz mit Thränen um die geliebte Tochter; und Käthe hatte die Augen voll Thränen und schluchzte laut auf beim Gedanken an das „gute gehorsame Töchterlein“[350].

Begreiflich, daß Frau Käthe den erstgebornen Sohn mit schwerem Herzen wieder in die Ferne entließ. „Wenn dir's übel gehen sollte, so komm nur heim“, hatte die Mutter in einer Anwandlung von Weh und Schwäche zu Hans gesagt. Es ging nun zwar Hans nicht schlecht in Crodels Hause, aber das Heimweh nach Lenchen und die Sehnsucht nach dem Vaterhause wurde übermächtig in ihm — es war ja gerade um die Weihnachtszeit. Er schrieb einen kläglichen Brief und berief sich auf die Rede der Mutter, er solle heimkehren, wenn's ihm übel ginge. Da schrieb Luther am 2. Christtag an den Präzeptor und den Sohn zwei Episteln, in denen er Hans zur männlichen Ueberwindung der weibischen Schwäche ermahnt. Der Brief an den Sohn lautet:

„Gnade und Friede im Herrn.

Mein lieber Sohn Hans. Ich und Deine Mutter und das ganze Haus sind gesund. Gieb Dir Mühe, daß Du Deine Thränen männlich besiegst und Deiner Mutter Schmerz und Sorge nicht noch mehrst, die so geneigt ist zu Sorge und Angst. Gehorche Gott, der Dir durch uns befohlen hat dort zu arbeiten, so wirst Du leicht dieser Schwäche vergessen. Die Mutter kann nicht schreiben und hat es auch nicht nötig geachtet; aber sie sagt, alles was sie Dir gesagt habe — nämlich Du solltest heimkehren, wenn es Dir übel ginge — habe sie von Krankheit gemeint; davon solltest Du, wenn es geschehe, gleich Kunde geben. Sonst will sie, daß Du diese Trauer lassest und fröhlich und ruhig studierest. Hiemit gehab Dich wohl im Herrn.

Dein Vater Martin Luther.“[351]

Der letzte Schmerz und Verlust, den Frau Käthe in diesem schicksalsschweren Jahre noch erlebte, war der Tod ihrer besten Freundin, der Frau Stiftspropst Katharina Jonas. Sie starb am Weihnachtstage 1542, eine frohe freundliche Kinderseele; so ging sie auch am Christfest hinein in den himmlischen Freudensaal zur ewigen Weihnacht.

Frau Käthe aber war's, als sei ihr ein Stück von ihrer Seele gestorben[352].

12. Kapitel

Tischgenossen und Tischreden.

„Unsere Herrin Käthe, die Erzköchin“, so nennt Luther seine Gattin in einem scherzhaften Einladungsbrief an Freund Jonas[353].

Und das war sie; sie kochte gern und gut und braute auch die entsprechenden Getränke dazu. Gelegenheit zu den manchfaltigsten Gastereien hatte aber kein Weib so sehr als Frau Käthe.

Da gab es vor altem gar mancherlei Hochzeiten von Verwandten und
Freunden, deren Ausrichtung dem Herrn Doktor eine Herzensfreude war, bei
denen aber sein „Herr Käthe“ eine ganz besonders hervorragende und liebe
Rolle spielte.

Und was so eine Hochzeit in Wittenberg auf sich hatte, kann man sich kaum recht vorstellen. Da mußte der „Haufe“ geladen werden; bei einer „akademischen“ Hochzeit „die Universität mit Kind und Kegel“ und dazu andere, die man Luthers halber „nicht wohl konnte auß(en) lassen; so bleibt's weder bei 9 noch bei 12 Tischen, 120 Gäste ohne die Diener u.s.w.“ war das Gewöhnliche für eine akademische Hochzeit. „Bei einem Doktorschmaus machten die Männer allein schon 7 bis 8 Tische voll; was wurde es erst, wenn die Frauen, Kinder und noch das Gesinde zu speisen und zu tränken waren?“ Dazu dauerten die Hochzeiten mehrere Tage. Luther hatte sich bei seiner Hochzeit auch nur „für die gewöhnlichen Gäste“ mit einem Tage begnügt. Und das alles bei dem schlechten Markt in Wittenberg! Da war es für die gute Käthe keine geringe Schwierigkeit, einen solchen Schwarm in anständiger Weise zu speisen, und sie wollte doch weder auf den Ruhm ihres Mannes, noch der Gefeierten einen Makel kommen lassen — natürlich auf ihren Ruhm auch nicht. Luther und Käthe wollten beide keine Unehre einlegen[354].

Aber auch sonst richtete Frau Käthe gern Feste aus: Doktorschmäuse, Geburtstagsessen und auch sonstige Gesellschaften ohne besondere Veranlassungen. Da ist Wilhelm Rink, D. Eisleben (Agricola), Alexander Drachstett und Wolf Heinzen zu Besuch im Schwarzen Kloster; und weil der Pfarrer Michael Stiefel in Lochau seltener dahin kommt, soll auch er erscheinen und teilnehmen an den fröhlichen Tagen. Da wird einer der Freunde oder gar zwei: Röhrer oder Jak. Schenk, Hier. Heller, Nikolaus Medler, „der Markgräfin Kaplan“ (d.i. der Hofprediger der Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg) zum Doktor promoviert und Herr Käthe brät und braut für den üblichen Schmaus. Da giebt sie ihrem eignen Doktor am 19. Oktober ein festliches Abendmahl zum Jahrestage seines Doktorats. Am 10. Martini wird mit dem Heiligen Martin auch der Geburtstag ihres D. Martinus und später noch ihres Martinleins festlich begangen[355]. Der zehnte Jahrestag des Thesenanschlags („der niedergetretenen Ablässe“), der Allerheiligentag 1527, wird mit einem Fest begangen. Auch um ihn zu trösten über den Tod des lieben Freundes Hausmann, der Luther ungemein nahe ging, lud Frau Käthe einen Kreis von Freunden ein: Jonas, Melanchthon, Camerarius, Cokritz. Die Kindtaufschmäuse für ihre Neugebornen mußte die Wöchnerin wenigstens einige Zeit vorher vorbereiten und von ihrem Bette aus überwachen. Doch auch ohne besondere festliche Veranlassung erschienen zu kleinerem Beisammensein am geselligen Tisch die guten Freunde und Amtsgenossen: Jonas, Melanchthon, Bugenhagen, so oft ein Stück Wildbret oder eine Sendung Fische ins Haus geschickt wird, oder eine Kufe Bier, oder ein Faß Wein — manchmal mit der ausdrücklichen Bestimmung, „Herr Philipp, D. Pommer und andere gute Freunde sollten es mit dem Doktor gesund verbrauchen.“ Dann darf Frau Käthe die Speisen bereiten und auftischen[356]. Manchmal muß sie auch bei Hof um Wild zum Festbraten bitten lassen, wenn sonst keines zu bekommen ist; oder sie bestellt bei einem guten Freunde „für einen Thaler Vögel, Gefieder, Geflügel und was im Reich der Luft fleugt, ferner was er an Hasen und anderen Leckerbissen kaufen oder umsonst erjagen kann.“ Oder Frau Käthe mußte ihre eigenen Fischteichlein ausräumen, wo neben Hechten und Karpfen, Schmerlen und Barsche, ja sogar Forellen schwammen. Denn nicht immer kamen die Geschenke so reichlich wie einmal vom Kurfürsten „ein Fuder Supstitzer, ein halb Fuder Goreberger, vier Eimer Jenischen Weins, dazu ein Schock Karpfen und ein Zentner Hechte, schöne Fische“ — war auf einmal zu viel, selbst für eine zahlreiche Gesellschaft[357].

Da sind Durchreisende und Besuche vom Fürsten bis zum fahrenden Schüler, fremde Gesandte und stellenlose Magister, arme Witwen und vertriebene Pfarrer, Engländer und Franzosen, Böhmen und Ungarn, sogar einmal ein „Mohr“: sie sitzen zu Gaste einen Tag, auch eine Woche und ein Jahr an Käthes großem Tisch. Als Hartmut von Cronbergs verwitwete Schwester von einem Juden entführt nach Wittenberg kam und heimlich sich da aufhielt, entschuldigt sich Luther mit seinen bösen Erfahrungen an vornehmen und geistlichen Schwindlerinnen, daß er sich ihrer nicht an-, d.h. sie nicht ins Haus genommen; bei ihrem Kinde stand er aber nachher Gevatter[358].

Da kamen Schwester und Bruder, Schwager und „Freunde“ von Mansfeld. Oder die Straßburger Theologen speisten im Schwarzen Kloster. So machte der feine Straßburger Capito, der samt Butzer zur „Concordia“ in Wittenberg verhandelte, einen gar guten Eindruck auf Frau Käthe, und es war ihr ein großes Unglück, daß der goldene Ring, den er ihr verehrte und den sie als Sinnbild der Vereinigung der sächsischen und oberländischen Kirche betrachtete, ihr durch ein Mißgeschick abhanden kam [359].

Sogar dem Kurfürsten mußte Frau Käthe hinter dem Wall eine Collation auftischen (8.-14. März 1534). Später waren noch allerlei andere Fürsten wenigstens vorübergehend Tischgenossen Käthes, so der junge sächsische Johann Ernst und der Herzog Franz von Lüneburg[360].

Ständige Tischgesellen waren die im Schwarzen Kloster wohnenden
Präzeptoren, Famuli und Scholaren.

Einer der ältesten und ersten dieser Tischgenossen im Luther hause ist
Konrad Cordatus.

Er war sieben Jahre vor Luther von husitischen Bauern im österreichischen Weißenkirchen geboren, studierte Theologie in Wien, lebte einige Jahre in Rom; erhielt 1510 eine sehr gute Anstellung in Ofen, schloß sich sofort 1517 der Reformation an, wurde abgesetzt, ging 1524 mittellos nach Wittenberg und studierte unter Luther, der sich seiner annahm, kehrte heim und predigte das Evangelium, wird 38 Wochen lang gefangen gehalten im tiefen Turm, in Finsternis bei „Nattern und Schlangen“, entkommt durch einen mitleidigen Wächter und flüchtet zu seinem kongenialen Lehrer D. Luther. Dort lebte er einige Zeit in dessen jungem Haushalt 1526, und wieder stellenlos auf Einladung Luthers von 1528-29, nach zweijährigem Pfarramt in Zwickau 1531-32 wieder fast ein Jahr, bis er Pfarrer in Niemegk nahe bei Wittenberg wurde. Er ist einer der besten Prediger der Reformationszeit. Er war eine trotzige Natur, wie Luther; nur noch viel hitziger, schroffer und wenig verträglich. Er konnte sich auch in Frau Käthes Art nicht sonderlich schicken und machte Luther Vorwürfe, daß er sich von seiner Gattin bestimmen lasse. Dafür macht er in seinen Tischreden einigemale eine bissige Bemerkung über die Doktorin, als wäre sie herrschsüchtig und hoffärtig und berichtet überhaupt mit einer gewissen Herbigkeit über sie. Als Luther ihn und seinen Freund Hausmann nicht so mit Geld unterstützen kann, wie er's möchte, meint Cordatus, Luther hätte seiner Frau nicht erlauben sollen, einen Garten anzukaufen. Auch vertrug er schwer, daß sie beständig Luthers „beste Reden unterbrach“, weil er mit großem Eifer alle Worte Luthers nachschrieb[361].

Am Dreikönigstag 1528 kam desgleichen aus Oesterreich vertrieben Luthers alter Freund Michael Stiefel an, welcher von 1525 an bei der edeln Familie Jörger von Tollet Kaplan gewesen, „ein frommer, sittiger und fleißiger Mensch“. Er kannte Frau Käthe schon vor ihrer Vermählung und war bei seiner Abreise von Wittenberg am 3. Juni 1525 wahrscheinlich schon in Luthers Absicht, zu heiraten, eingeweiht. Von Oesterreich aus hatte er einen gar liebenswürdigen Brief an Frau Katharina geschrieben und sie erwiderte seine Grüße. Bis zu Michaelis 1528 blieb Stiefel in Luthers Haus, fühlte sich aber durch diese Inanspruchnahme seiner Gastfreundschaft bedrückt. Er übernahm darum die Pfarrei und Pfarrwitwe von Lochau mit zwei Kindern. Das Luthersche Ehepaar besorgte seinen Umzug. Der Verkehr mit dem Lochauer Pfarrhaus hielt an. Luther schreibt und erhält viele Briefe und auch Käthe bekommt eine freundliche Epistel vom Pfarrherrn; die Pfarrerin schickt dem Doktor ein Geschenk. Bald wird Stiefel eingeladen zu einer guten Gesellschaft im Schwarzen Kloster, bald sagt sich Luther mit seiner ganzen Knabenschaar zum Kirschenbrechen in Lochau an. Schließlich verfiel Stiefel zum Verdrusse Luthers aufs Grübeln nach dem Jüngsten Tag. Die Bevölkerung der ganzen Gegend bis nach Schlesien hinein strömte dem Propheten zu und erwartete mit ihm am 19. Oktober 1533, 8 Uhr nachmittags, das Ende der Welt. Als dies nicht eintraf, wurde der falsche Prophet vom Landesherrn verhaftet und so für den Unrat, den er angerichtet, gestraft, aber auch gegen die aufgeregten Leute geschützt und nach Wittenberg gebracht, wo er seinen Irrtum bereute[362].

Gleichfalls ein Oesterreicher, Kummer (Kommer), kam 1529 nach
Wittenberg. Auch er hatte, wegen des Evangeliums verfolgt, in
Weiberkleidern fliehen müssen, und nahm natürlich seine Zuflucht zu
Luther. Dessen Haus- und Tischgenosse scheint er ebenfalls gewesen zu
sein. Kummer war ein Freund und Studiengenosse Lauterbachs[363].

Im selben Jahre 1529 kam dieser Anton Lauterbach, geboren 1500 als Sohn des Bürgermeisters zu Stolpe, nach Wittenberg, wo er Magister wurde und mindestens schon 1531 Luthers Hausgenosse und Tischgänger war und Diakonus der Pfarrgemeinde wurde. Ein hochaufgeschossener Mensch, im Gegensatz zu seinem Genossen Cordatus ein gutmütiger Geselle. Dienstag, 28. Januar 1533, diente er zu Tisch beim Kindtaufschmaus für den kleinen Paul. Er verheiratete sich in diesem Jahre mit einer Nonne Auguste, wobei natürlich Frau Käthe wieder die Hochzeit herzurichten hatte. Dann wurde er Diakonus in Leisnig, 1537-39 kam er wieder als Diakonus in die Universitätsstadt. Als darauf das Herzogtum Sachsen reformiert werden sollte, wurde er als Superintendent nach Pirna berufen, wollte aber „das heilige Wittenberg“ nicht verlassen. Doch gab er den Mahnungen Luthers und der andern Väter nach, seinem Vaterlande zu dienen und das beschwerliche Amt zu übernehmen. Am Mittwoch, 25. Juli 1539 erschienen in Wittenberg die Pirnaer Ratsherren mit zwei Wagen und holten ihren ersten evangelischen Pfarrherrn ab. Unter Thränen nahm er Abschied von Luthers Familie. Am folgenden Freitag, Jacobi, kam er, feierlich mit Willkommtrunk empfangen, in Pirna an, und es wurde mit der Reformation „der Anfang deutsch und gut lutherisch zu taufen gemacht an Drillingen“. Aber aus der weiten Ferne blieb Lauterbach in lebhaftem und freundlichem Verkehr mit Luther und Frau Käthe, der er gar mancherlei Besorgungen machte[364].

Ohne Amt, aber auf eines wartend, zog im November 1531 der Oberpfälzer Joh. Schlaginhaufen — der lateinisch Turbicida oder gar griechisch Ochloplectes genannt wurde — ins Schwarze Kloster nach Wittenberg, wo er ein Jahrzehnt zuvor studiert hatte. Er war zum Trübsinn geneigt und quälte sich mit dem Zweifel, ob er auch zur Zahl der Auserwählten gehöre; und Luther muß den Schwermütigen oft aufheitern, wenn er trübselig und teilnahmslos unter den Gästen und Tischgenossen dasitzt. Trotzdem oder gerade deswegen steht er bei Frau Käthe hoch in Gunst, und als ihr Gatte während der Rektoratswahl am 1. Mai 1532 einen Ohnmachtsanfall bekommt, schickt sie zuerst nach Schlaginhaufen in die Festversammlung und dann erst läßt sie Melanchthon und Jonas rufen. „Meister Hans“ war willig zu jedem Dienst, nahm sich des Gartens und besonders des Bienenstandes der Frau Käthe an, und wurde später als Pfarrer im nahen Zahna und dann in Köthen ein tüchtiger Bienenvater[365].

Seit 1527 war im Schwarzen Kloster als Hausgenosse der gesetzte, ernste 30jährige Hieronymus Weller aus Freiberg. Als Luther auf der Koburg saß, war er der Hauslehrer des jungen Hans. Sein Bruder Peter, ein junger Magister und juristischer Student, welcher ebenfalls später unterrichtete, zog 1530 auch in das Kloster; beide als männliche „Schirmer“ der von Luther und seinem Famulus Veit Dietrich verwaisten Familie. Die Brüder waren sehr musikalisch; ein dritter, namens Matthias, sogar in seiner Vaterstadt am Dom Organist und Tonsetzer. Peter und Hieronymus erfreuten also die Familie durch ihren hübschen Gesang. Aber es war gut, daß der heitere Bruder Peter noch ins Kloster kam, denn der hochbegabte Hieronymus war — wie Matthias — zur Schwermut geneigt. Und die vielbesorgte Hausfrau wird zugeredet haben, daß der Trübsinnige lieber eine Stelle in Dresden annehmen solle; aber er blieb bis 1535 und war so acht Jahre in ihrem Haus. Daher kam es, daß auch die beiden andern Weller gar oft als Gäste im Kloster weilten. So waren am 24. September 1533 die zwei oder gar drei Weller da und sangen mit Luther. Ebenso 1534. Im folgenden Jahr wurde Hieronymus Doktor der Theologie und den Doktorschmaus für acht Tische mußte Frau Käthe ausrichten Mit dem Juristen Peter biß sich Luther weidlich herum[366].

Um diese Zeit gehörte auch ein adeliger Böhme, Hennick, ein Waldenser, zu den Tischgenossen, der später mit Peter Weller zum heiligen Lande zog, wo beide gestorben und begraben sind[367].

Als fremdländischer Haus- und Tischgenosse lebte im Lutherhause auch der „schwarze Engeleser“ Dr. theol. Antonius (Robert Barns), dem Luther im Scherz seine Käthe zum deutschen Sprachmeister geben wollte und der auch Gast bei den häufigen Hochzeiten im Schwarzen Kloster war. Er war 1529 seines Glaubens wegen aus der Heimat geflohen, dann von Heinrich VIII. als Unterhändler seiner neuen Ehe und „Religion“ gebraucht, aber dann doch bei seiner Rückkehr mit zwei Gefährten „von König Heinz wegen seines evangelischen Glaubens auf das Schmidfeld hinausgeführt und verbrannt worden“. Von dem Märtyrertum „unseres guten Tischgesellen und Hausgenossen“ gab Luther dann eine Schrift heraus[368].

Käthes Tischgenosse war ferner der Ungar Matthias v. Vai, ein mutiger Mann, dem es daheim besser erging als Robert Barns. Denn als er mit seinen papistischem Amtsgenossen in Streit geriet, verklagte ihn dieser bei des Woiwoden Bruder, dem Mönch Georg, damals Statthalter in Ofen. Dieser wollte bald erfahren, wer recht habe, setzte zwei Tonnen Pulver auf den Markt und sagte: „Wer seine Lehre für göttlich erkennt, setze sich Drauf — ich zünde es an, wer lebendig bleibt, dess' Lehre ist recht.“ Da sprang Vai flugs auf die Tonne, der Priester aber folgte nicht und Georg strafte den Priester mit seinem Anhang um 4000 Gulden, dem Vai aber erlaubte er, öffentlich zu predigen. Diese rettende, mutige That erzählte Luther mit Freude seinen Tischgenossen[369].

Lange Zeit (1529-1534) lebte auch M. Veit Dietrich im Lutherhause. Er war ein Nürnberger (geb. 1506), der nach Wittenberg gekommen war, um Medizin zu studieren, aber wie manche andere von Luther für die Theologie gewonnen wurde (1527) und ihm bald als vertrauter Famulus an die Hand ging. Er begleitete Luther auf die Koburg. Dietrich hatte seine eignen Zöglinge; von der Koburg sandte er ihnen „Argumente“, die sie auswendig lernen sollten, während Luther dieselben durch seinen Brief vom Dohlen-Reichstag erfreute. Als Luther vom Reichstag zurückgekehrt war, schrieb er dem in Nürnberg zurückgebliebenen Dietrich von dem Stand der Dinge in Wittenberg, auch Grüße von der ganzen Tischgenossenschaft und Frau Käthe, welche zugleich auszurichten befahl, „Dietrich solle nicht glauben, daß sie ihm erzürnt sei“. Dietrich kam nämlich nicht recht mit Frau Käthe aus. Er meinte von sich selbst, daß er zwar keine krausen Haare habe, aber einen krausen Sinn. Daher riet ihm Luther, ein Weib zu nehmen, da werde ihm das schon vergehen. Das wollte Dietrich auch. Aber bis er dazu kam, rieb er sich einstweilen, wie es scheint, an Frau Käthe. Als sie ihm gar die Liebschaft mit Muhme Lene untersagte, zog er im Herbst 1534 mit seinen sechs Scholaren aus dem Hause und verbreitete die Rede, die Doktorin sei gegen seine Zöglinge hochmütig und berechnet gewesen. Für die Hauswirtin mit ihren eignen fünf kleinen Kindern und dem schweren Haushalt war dieser Wegzug wahrlich eine Erleichterung[370].

Es gab nun natürlich zwischen Dietrich und dem Lutherischen Hause eine Spannung. Diese aber ging vorüber. Als Dietrich im folgenden Jahre in seine Vaterstadt Nürnberg berufen wurde und heiratete, schrieb ihm nicht nur Luther einen freundlichen Brief, sondern auch Käthe sandte ihm Grüße und Glückwünsche zum Ehestand und Amt. Der Briefwechsel dauerte fort bis zu beider Männer Tod und auch Käthes Grüße blieben nicht aus[371].

Ein Landsmann von Veit Dietrich, Hieronymus Besold, kam einige Jahre nach dessen Weggang ins Lutherhaus. Er war durch jenen gegen die Hauswirtin eingenommen, so daß er sich anfangs vor ihr als einer herrischen und habsüchtigen Frau fürchtete. Aber — er kam doch an ihren Tisch und blieb da und verlor seine schlechte Meinung von ihr, wenn er auch von Frau Käthe mit Bestellungen in Nürnberg in Anspruch genommen wurde und dann einmal nicht wagte, sie an seine Auslagen zu erinnern[372].

Um diese Zeit (1537-1542) war auch M. Johann (Sachse aus) Holstein im Klosterhaus Tischgenosse, auf dessen rotes Haar der „Schandpoetaster“ Simon Lemnius (1538) seine wohlfeilen Witze machte. Er war eines „ehrbaren, frommen Gemüts und stillen Wesens, dazu ein feiner Magister“. Er hatte 17 Jahre studiert und war über zehn Jahre lang Magister (Privatdozent) gewesen, gab im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen keinem etwas nach. Trotzdem konnte er nicht als ordentlicher Professor ankommen, so daß sich Luther bei dem Senior der „Artistenfakultät“, M. Melanchthon, erkundigen wollte, was für ein Groll und Neidhart dahinter stecke. Auch Frau Käthe nahm sich seiner an und legte ein gutes Wort bei Meister Philipp ein, das aber eine böse Statt fand. So mußte sich Holstein weiter mit Knaben ernähren und wurde schließlich Jurist[373].

1539 lebte bei Luther wieder ein „Oestreicher“ als Kostgänger, Huttens Freund Wolfgang Angst oder Schiefer (Severus), gebürtig aus dem österreichischen Elsaß zu Kaisersberg bei Kolmar. Er war zuvor Hofmeister der Söhne des Königs Ferdinand, später Kaiser Ferdinand I., Bruder Karls V. gewesen, mußte aber seines Luthertums wegen flüchten und nahm nach Wittenberg seine Zuflucht. Er war ein sehr feiner Mann, noch unbeweibt; Luther empfahl ihn dem Kurfürsten zum Hofmeister und hoffte, er solle ihm „sehr wohl gefallen“. Aber es wurde nichts daraus, und so lebte Schiefer als ein lieber Freund Luthers ins folgende Jahr im Haus. Schiefer beteiligt sich gar oft an den Tischgesprächen, ihm soll Frau Käthe auch von Luther aus Weimar allerlei über „seinen König Ferdinand“ ausrichten[374].

Ein ebenso gesetzter Mann kam um diese Zeit als Gast ins Lutherhaus nach Wittenberg, Matthesius, der 36jährige Schulmeister von Joachimsthal, der noch Theologie studieren wollte, um daheim das Pfarramt zu übernehmen. Von 1540-42 war er Genosse an Käthes Kosttisch. Er redet mit großer Verehrung von ihr[375].

Und endlich kam noch Goldschmidt (Aurifaber) ins Haus, ein Mansfelder.
Er studierte von 1537-40 Theologie; wurde dann Hofmeister des jungen
Grafen Mansfeld, und darauf Feldprediger, kam aber 1545 nochmals nach
Wittenberg und war die ganze Zeit bis zu Luthers Tod um ihn.
Gleichzeitig war Rutfeld da als Famulus und Präzeptor für Luthers
Knaben[376].

In dieser letzten Lebenszeit Luthers saß wieder ein Oesterreicher an
Käthes Tisch, Ferdinand a Mangis, ferner ein M. Plato und andere
Kostgänger[377].

Das war Luthers oder vielmehr Frau Käthes „Tischburse“, an welcher teilzunehmen alle, auch die Aeltesten, Geehrtesten und Gelehrtesten für ein hohes Glück und große Auszeichnung ansahen. Und wenn es gar einen Rundtrank gab aus dem Glase der heiligen Elisabeth von Thüringen, das Luther besaß, so galt das als eine besonders feierliche Stunde[378].

Außer diesen erwachsenen und zum Teil sogar in sehr gesetztem Alter stehenden Kostgängern gehörten zur „Tischburse“ Luthers noch die zahlreichen fremden Kinder, die als Pensionäre gegen und ohne Entgelt im Schwarzen Kloster lebten. Käthe setzte eine bestimmte Zahl von solchen Kostgängern fest, über die sie mit Recht nicht hinausgehen wollte. Als daher der Kanzler Müller zu Mansfeld im Januar 1536 anfragte wegen Uebernahme eines gewissen Kegel an Käthes Kosttisch, mußte ihm der Hausherr schreiben: „Den Kegel hätte ich wohl gerne zum Kostgänger haben mögen aus allerlei Ursachen, aber weil die Purse (Burse) wiederkummt von Jena (wohin die Studenten wegen der Pest gezogen), so ist der Tisch voll und ich kann die alten Compane nicht also verstoßen. Wo aber eine Stätt los (ein Platz leer) würde (was nach Ostern geschehen mag), so will ich meinen Willen Euch gern darthun, wo anders Herr Käthe alsdann mir gnädig sein wird.“[379]

Also Frau Käthe bestimmte über den Kosttisch. Und das war auch sonst gut so. Denn der gutmütige Doktor nahm jeden armen Schelm auf, der sonst nicht unterkam oder sorgte für ihn durch Stipendien, so daß aus aller Herren Länder und aus allen Städten, sogar aus „Mohrenland“ Schüler und Studenten nach Wittenberg strömten „und wir allhie gar sehr überladen sind und mehr denn unsre Armut vermag von vielen verjagten und sonst guten Leuten, so gern studieren wollen, besucht werden um Hülfe“. So mußte z.B. 1533 die Frau Doktorin ihren Mann drängen, an die Stadträte von Rothenburg an der Tauber zu schreiben, daß sie sich eines ihrer Stadtkinder annähmen, eines Georg Schnell, der „arm war und nichts hatte“ als einen guten Kopf und ein frommes Gemüt, und täglicher Haus- und Tischgenoß im Schwarzen Kloster war[380]. Einen andern kleinen Knaben, der ihnen 1541 vom reichen England durch einen Nürnberger Geistlichen aufgehalst war, mußte man nach Nürnberg ins Findlingshaus (Waisenhaus) abschieben. Luther mußte sich auf Käthes Vorstellungen an den „ehrbaren und fürsichtigen“ Ratsherrn Hieron. Baumgärtner wenden, ihrer beiden „lieben Herrn und guten Freund“. „Auf gut Vertrauen, so ich zu Euch habe, schicke ich hie einen Knaben, der mir aus England ist schalkhaft aufgelogen. Nu ihr aber wisset, was für eine Bettelstadt unsre Stadt ist, dazu der Bube noch wohl bedarf einer Magd, die sein warte mit Waschen und Lausen usw., mein Zins (Einkommen) aber nicht vermöge, ist meine ganz freundliche Bitte, wollet bei den Herren in Nürnberg guter Fugge sein, daß er ins Fündli-Haus möchte versetzt werden. Wir sind sonst ohnedas, und ich sonderlich, hier gar hoch genug beschwert und über Vermögen beladen. Gott behüte mich, daß ich nicht mehr so betrogen werde.“[381] Aber auch die andern nicht gerade armen Kostgänger ließen es an pünktlicher Bezahlung fehlen und empfanden es als Härte von Käthe der Hausfrau, wenn sie „auf richtige Bezahlung drang“, während sie von Luther her anders gewohnt und verwöhnt waren[382].

Gelegenheit, die jungen Leute nicht nur zu beköstigen, sondern auch in Krankheit zu pflegen, hatte natürlich Frau Käthe auch genug. Ein junger Adeliger, Sohn eines der vielen Lutherischen Gevattersleute, war 1534 im Haus und hielt sich fein. Er machte die Masern durch und wurde von Käthe „fleißig gewartet“ nach Dr. Augustins (Schurff) Rat, des Hausarztes und Nachbarn. Er wurde gesund. Aber manche diese Krankheiten führten auch zum Tode und das mußte den Pflegeeltern, insbesondere der Frau Käthe zu schwerer Sorge werden[383].

Wie Frau Käthe bei den Mahlzeiten die leibliche Kost bereitete, so gab der gesprächige, unterhaltsame Doktor die geistige Kost, die „Tischwürze“.

Luther war von Natur „ein gar fröhlicher Gesell“, ja voll übersprudelndem Humor, wenn er sich wohl fühlte, aber auch, wenn er Uebles erfahren hatte: Aerger und Verdruß, dem zum Trotz. In seiner Beichte vor seinem ersten Krankheitsanfall (1527) sagte er zu Bugenhagen: „Viele denken, weil ich mich unterweilen in meinem äußern Wandel fröhlich stelle, ich gehe auf lauter Rosen; aber Gott weiß, wie es um mich stehet meines Lebens halber. Ich habe mir oft vorgenommen, ich wollte der Welt zu Dienst mich etwas ernstlicher und heiliger (weiß nicht, wie ich's nennen soll) stellen; aber Gott hat mir solches zu thun nicht gegeben.“ Und Bugenhagen bezeugte dabei: „Thut er ihm unterweilen über Tisch mit Fröhlichsein zu viel, so hat er selbst keinen Gefallen daran und kann solches keinem gottseligen Menschen übel gefallen, viel weniger ihn ärgern, denn er ist ein leutseliger Mensch und aller Gleisnerei und Heuchelei feind.“[384]

Luther redete gut und gern und viel. Er liebte besonders Sprüche, sinnreiche Reden und hübsche Reime, Sprichwörter und Anekdoten. Deren wußte er sehr viel und die brachte er am Tisch wie auf der Kanzel vor. Ueber und nach Tische wurde zwischen den Reden auch gesungen, und wer eine gute Stimme hatte, auch Gäste, mußten mitthun; Luther, der ein guter „Lautenist“ war, begleitete den Gesang[385].

So entstanden die berühmten Tischgespräche, die sich um die tiefsten und höchsten, die größten und kleinsten Dinge, göttliche und menschliche, himmlische und irdische drehten, bald im erbaulichsten Ernst, bald im lustigsten Scherz, jetzt sinnig zart, dann in derber Natürlichkeit — obwohl der erste und Hauptherausgeber der Tischreden, der ehemalige Feldprediger Aurifaber, später Pfarrer in Erfurt, die derben mit behaglicher Breite ausmalt, vergröbert und aus dem nicht ganz sauberen Schatz seiner soldatischen Erinnerungen und Ausdrucksweisen ergänzt[386].

Diese Tischreden wurden nämlich von Luthers Jüngern auf- und nachgeschrieben, wie Jesu und Sokrates' Aussprüche und Gespräche; zuerst nach dem Gedächtnis, später nach gleichzeitigen Aufzeichnungen.

Cordatus war der erste, der es wagte, hinter dem Tisch sitzend oder davorstehend, die geistvollen Reden des Meisters — auch, wie ihm Melanchthon warnend bedeutete, manches weniger zur Verewigung geeignete Wort — in sein Notizbuch einzutragen. Andre Tischgenossen und Gäste wie H. Weller, Veit Dietrich, Lauterbach, Besold, Schlaginhaufen, Matthesius, Ferdinand a Mangis, Goldschmidt folgten seinem Beispiel nach. Auch der Diakonus Röhrer, der berühmte Schnellschreiber und Notarius (Protokollführer) der Evangelischen auf den Reichstagen und Religionsgesprächen, verzeichnete „viel Köstliches“. Und so sind unter der zahllosen Menge von Lutherreden (3000) auch einzelne authentische Worte der Doktorin überliefert[387].

Wie es bei diesen Tischgesprächen zuging, das erzählt uns Matthesius. Bescheiden und sittsam saßen die Leute da und sahen auf „Seine Würden, den Herrn Doktor“. „Wenn er uns nun Rede abgewinnen wollte, fing er an: „Was hört man Neues?“ Diese erste Vermahnung ließen wir gehen. Wenn er aber wieder anhob: „Ihr Prälaten, was Neues?“ da fingen die Alten an zu reden. D. Wolf Severus, so der Römischen Königlichen Majestät Präzeptor gewesen, saß oben an, der brachte, wo niemand Fremdes vorhanden, als gewandter Hofmann was auf die Bahn. Wenn so das Gedöber anging, doch mit gebürlichem Anstand, so schossen die andern auch ihren Teil dazu“[388].

Alle möglichen Dinge und Vorkommnisse gaben den Anlaß zu kürzeren oder längeren Reden, bald die Tagesneuigkeiten, bald ein Gast, jetzt die Kinder mit ihrem Spiele oder Unarten und dann Peter Wellers Hund, der so andächtig morgens zum Essen war wie kein Beter. Alles mußte zum Anknüpfungspunkt oder zum Sinnbild für höhere Wahrheiten dienen. Und nicht selten gab Frau Käthe durch eine Rede oder durch ihre bloße Anwesenheit die Veranlassung zu sinnigen Bemerkungen[389].

Die Tischreden wurden meist lateinisch gehalten, wie die Briefe Luthers mit allen „gelehrten“, d.h. akademisch gebildeten, Männern lateinisch geschrieben wurden. Bei alltäglichen Dingen, wo der deutsche Ausdruck geläufiger war, ging es vom Latein ins Deutsche bunt durch einander. Wenn ungelehrte Freunde oder Freundinnen zugegen waren, oder Frau und Kinder der Unterhaltung folgen sollten, wurde deutsch gesprochen; doch liefen auch da lateinische Brocken unter. Am treuesten ist dieser Wechsel vom Latein und Deutsch bewahrt in Lauterbachs Tagebuch.

So viel verstanden aber auch die weiblichen Hausgenossen, teils vom Kloster her, teils aus dem steten Hören von Lateinisch, daß sie sich drein mischen konnten, oft sogar selbst vielleicht mit lateinischen Phrasen. So Muhme Lene, welche auf die Frage, ob sie wieder ins Kloster wolle, mit Non, Non! antwortete. Besonders aber die Doctorissa, wie sie bei den jungen Leuten respektvoll genannt und geschrieben wurde[390].

So redete Luther einmal von der elterlichen Liebe: „Lieber Gott, wie wird sich ein Herzpochen erhoben haben, da Abraham seinen einigen und allerliebsten Sohn Isaak hat sollen töten! Es wird ihm der Gang auf den Berg Moria sauer angekommen sein. Er wird der Sarah nichts davon gesagt haben.“ Da fing seine Hausfrau an und sagte: „Ich kann's in meinen Kopf nicht bringen, daß Gott so grausam Ding von jemands begehren sollte, sein Kind selbst zu erwürgen.“ Luther widerlegte diese verständig natürliche Einwendung mit dem theologischen Hinweis auf Gott selbst, der ja seinen eigenen Sohn habe kreuzigen lassen. Aber die Doktorin konnte sich damit nicht ganz überzeugen lassen[391].

Frau Käthe wußte auch Sagen. So erzählte sie von einem Wasserweib, das in der Mulde im Wasser in einem Loche wie in einer schönen Stube gesessen und hätte ihr das Wasser nichts geschadet; zu der sei eine Wehemutter von einem „Geist“ geführt worden, um ihr beizustehen[392].

Ein andermal wurde bei Tisch erzählt, daß einer in der Stadt die Ehe gebrochen. Da entsetzte sich Frau Käthe und fragte den Herrn Doktor: „Lieber Herr, wie können die Leute nur so böse sein und sich mit solchen Sünden beflecken?!“ Da antwortete er: „Ja, liebe Käthe, die Leute beten nicht; so ist dann der Teufel bei der Hand.“[393]

Einmal fing der Doktor mit seiner Käthe eine Disputation an über ihre Heiligkeit. Sie erwies sich da als eine tüchtige, in lutherischen Gedankengängen geübte Theologin, wurde natürlich aber von dem Sieggewaltigen doch widerlegt und überwunden. Er fragte sie, ob sie glaube, daß sie heilig wäre? Sie dachte lange nach, dann erwiderte sie: „Wie kann ich heilig sein, da ich eine so große Sünderin bin! So sehr hat der Papst unser ganzes Wesen verdorben, seine Lehre hat unser Innerstes so durchsetzt, daß wir auch mit willigem Ohr Christus nicht als unsern Erlöser, als unsere Gerechtigkeit und Heiligkeit erkennen und wunderbarer Weise glauben, getauft, ja Christen zu sein und doch nicht glauben, heilig zu sein. Denn in der Taufe wird unsre Sünde verbannt und uns Christi Gerechtigkeit geschenkt und wir glauben doch nicht, heilig geworden zu sein. Soweit wir Menschen, sind wir Sünder, aber weil wir getauft sind und glauben, so sind wir heilig durch Christum.“

Luther entgegnete: „Ja, der ganze Christ ist heilig; denn wenn der Teufel den Sünder wegführt, wo bleibt der Christ? Daher ist die Unterscheidung meiner Gattin nicht gültig. Denn wer durch festen Glauben an seiner Taufe hängt, der ist ganz heilig (wie David sich heilig nennt). Die Papisten, welche den Artikel von der Sündenvergebung nicht verstehen, können diese Heiligkeit nicht glauben noch einsehen, ärgern sich nur, wenn sie solches von uns hören.“[394]

Die Ritter vom Geiste waren zu jener Zeit ganz besonders kampfesfreudig und die Fehden des Wortes wollten kein Ende nehmen. Insbesondere aber waren an Luthers Tische die wissenshungrigen Magister auf diese interessanten Privatissima erpicht und vor allem suchten die Tagebuchschreiber, die auf jedes Wort vom Munde des Geistgewaltigen lauerten, um es gedruckt in die Welt zu senden, diese Gespräche zu verlängern. Natürlich hatte Frau Käthe viel weniger Freude an diesen theologischen Turnieren; ihr lebhafter Geist, wie derjenige von Jonas, mochte langen Erörterungen nicht folgen. Sie unterbrach daher gar oft die gelehrten Gespräche, indem sie den geistlichen Fechtern ganz gewöhnliche Knüppel zwischen die Schwerter warf, vor allem ihrem Gatten, der nicht leicht aufhören konnte, wenn er einmal im Zuge war[395].

Wenn des Redens bei Tisch zu viel wurde und dabei die Speisen kalt und warm der Trank, da brach Frau Käthe mit einer Strafpredigt los über den Text: „Was ist denn, daß ihr ohne Unterbrechung redet und nicht eßt?“ Ueber diese Störung war der Tischredenschreiber Cordatus entrüstet, er hatte gerade eine gar schöne Auseinandersetzung Luthers über das Vaterunser, den „Himmelsknecht Gabriel und den Himmelsfuhrmann Raphael“, die er „aus vollem glühenden Herzen“ that, heimlich aufgeschrieben. Aber Luther wandte die Sache zum Scherz und sagte: „Wenn nur ihr Frauen, bevor ihr eine Predigt anfanget, auch beten könntet (d.h. euch sammeln und besinnen); ein Paternoster solltet ihr zuvor sprechen!“ [396]

Aber auch Frau Käthe stellte in der Rede ihren Mann. Ueber diese weibliche Wohlredenheit wurde sie öfter aufgezogen von Luther. Er fragte sie lachend: ob sie predigen wolle und ihrer Predigt so viel Worte Betens (als Einleitung) vorausschicke? Oder er neckte sie: die Weiber dürften nicht predigen, weil sie nicht beteten vor der Predigt; oder: Gott lasse, durch ihr langes Gebet ermüdet, sie gar nicht zum Predigen kommen. Einst saß ein gelehrter „Engeleser“ (Engländer) am Tische, der kein Wort Deutsch konnte; da sagte Luther zu ihm: „Ich will Euch meine Frau zum Lehrer in der deutschen Sprache vorschlagen, die ist gar beredt. Sie kann's so fertig, daß sie mich weit überwindet.“[397] Freilich setzte er hinzu: „Die Beredsamkeit ist nicht zu loben an Frauen; es ziemt sich eher, daß sie bloß lispeln und stammeln. Das steht ihnen wohl besser an.“ Und vom Unterschied der weiblichen und männlichen Beredsamkeit sagt er in einem andern Tischgespräch: „Die Weiber sind von Natur beredt und können die Rethoricam, die Redekunst wohl, welche doch die Männer mit großem Fleiß lernen und überkommen müssen. Das aber ist wahr: in häuslichen Sachen, was das Hausregiment, da sind die Weiber geschickter und beredter; aber im weltlichen, politischen Regiment und Händeln taugen sie nichts. Dazu sind die Männer geschaffen und geordnet von Gott und nicht die Weiber. Denn wiewohl sie Worte genug haben, so fehlet und mangelt's ihnen an Sachen, als die sie nicht verstehen; drum reden sie davon auch läppisch, unordentlich und wüste über die Maßen. Daraus erscheint, daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Policei (Politik), weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshändeln, die zu verwalten und führen.“[398]

So kam Frau Käthe bei den Gesprächen der Männer wohl weniger zum Wort, als sie verdient hätte; und noch weniger fand man bemerkenswert, was sie sagte. Es ist schade, daß die „Tischreden“ so wenig von der Doctorissa berichten. Aber den Tagebuchschreibern kam es vor allem auf theologische Erörterungen an — darum ist auch die einzige längere Rede von Käthe, die sie der Aufzeichnung wert erachtet haben, eine theologische; zum andern wollten sie des Doktors Reden bringen: die Ergüsse seines übergewaltigen Geistes schienen ihnen allein der Nachwelt würdig.

13. Kapitel

Hausfreunde.

Die Humanistenzeit hatte ein ausgeprägtes Freundschaftsbedürfnis, welches nur ein Seitenstück findet in der freundesseligen Stimmung unserer klassischen Litteraturperiode im vorigen Jahrhundert. Dieses rege Freundschaftsgefühl äußert sich einerseits in den zahlreichen Besuchsreisen der befreundeten Humanisten, welche in jener Zeit der so beschwerlichen Reisegelegenheiten doppelt auffallen, und dann in dem heute ganz unbegreiflich reichen Briefwechsel, in welchem diese Gelehrten damals mit einander standen. Alle möglichen Dinge teilte man sich brieflich mit, selbst die intimsten persönlichen Erlebnisse und Stimmungen; und wenn man gar nichts zu schreiben hatte, so schrieb man sich auch dieses. „Ich schreibe Dir, um Dir zu schreiben, daß ich nichts zu schreiben habe“, ist kein ungewöhnlicher Briefinhalt dieser Zeit, sogar bei Luther[399].

Den größtmöglichen Freundeskreis zählte aber begreiflicherweise das
Luthersche Ehepaar. Nicht etwa Luther allein, sondern auch Frau Käthe.
Die vielen jungen Leute, die bei ihr Kost und Pflege fanden, die
mancherlei Magister, die als Präzeptoren ihrer und anderer Knaben im
Schwarzen Kloster hausten, die vielen Amtsgenossen und Schüler ihres
Mannes, die zahllosen Gäste, welche freundliche Aufnahme an ihrem Tische
erlebten: sie alte kannten und verehrten neben dem gewaltigen Doktor
auch die weibliche Genossin seiner Freundschaft und Gastlichkeit, Frau
Käthe. Aus den Schülern wurden Amtsgenossen, aus den Tischgenossen
Freunde — ein stets wachsender Haufen. Und Luthers alte Bekannte, welche
Frau Käthe erst durch Briefe oder Besuche kennen lernte, wurden mit der
Zeit auch ihre Freunde, namentlich wenn sie diese Freundschaft durch
Grüße, Glückwünsche und Geschenke warm hielten.

Diese umfangreiche Freundschaft wurde auch lebhaft gepflegt. Da ist kaum ein Brief, den Luther empfängt oder schreibt, in dem nicht auch die Frau Käthe gegrüßt wird oder grüßt, oder Glückwünsche und Beileidsbezeugungen zu allerlei Familienereignisse und Glückwechsel empfängt und sendet.

Gar oft begnügt sich aber Frau Käthe nicht mit einem bloßen Wortgruß, sie fügt auch in ihrer praktischen Weise einen guten Rat bei, eine Mahnung, oder ein Rezept, eine Arzenei, eine Wurzel gut fürs Steinleiden u. dgl.

Noch viel häufiger aber hat Frau Käthe zu danken für allerhand Geschenke. Und nicht zum wenigsten nützt die wirtliche Hausfrau die Freundschaften aus zu allerlei hauswirtschaftlichen Aufträgen. Dies ging bei Lauterbach sogar soweit, daß Luther selber einmal bei einer solchen Bestellung meint, sie hätte den Freund förmlich in Dienst und Beschlag genommen[400].

Wie begreiflich, waren die Hausfreunde in einem so ausnehmend theologischen Hause auch fast lauter Theologen. Weltlich waren nur die Verwandten: Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen, einige vornehme Gevattersleute, wie die Kanzler Müller und Rühel in Mansfeld, die Goritz in Leipzig, Hans von Riedtesel und Hans von Taubenheim, der Landrentmeister in Torgau, an welchen Frau Käthe in die Ferne freundliche und ehrerbietige Grüße, Glückwünsche oder Einladungen sendet oder gar selbst einmal zu einem Brief — natürlich einem Geschäftsbrief — sich aufschwingt. Auch der Straßburger Syndikus Gerbel läßt Frau Käthe tausendmal grüßen. Der Stadtschreiber Roth von Zwickau läßt ein Exemplar seiner Postille für die Doktorin binden und schenken und sendet ein Glas, das „fein ganz“ ankommt. Endlich war noch eine liebenswürdige Adelsfamilie Jörger von Tollet im Oesterreichischen, eine Mutter mit mehreren Söhnen, welcher Luther einen evangelischen Hauskaplan besorgt hatte (1525) und allerlei seelsorgerliche Ratschläge gab, die sich nun dankbar erwies in zahlreichen und teuren Geschenken: „ungarische Gulden“, „Kütten-Latwerg“ und andere „treue und teure Gaben“; auch ein Stipendium sandte sie von 500 Goldgulden für arme Gesellen, die in der heiligen Schrift studieren. Später studierte auch ein Enkel der Jörgerin in Wittenberg. Mit dieser „ehrenreichen, edlen Frauen Dorothea Jörgerin, als besonders guten Freundin“, wurden gar zahlreiche und freundliche Briefe gewechselt, worin auch Luthers „Hausehre Frau Käthe“ oft zum Gruße kommt[401].

Mit dem evangelischen Bischof von Naumburg, Nikolaus v. Amsdorf, wechselte Frau Käthe ehrerbietige Grüße, namentlich seitdem sie durch den Besitz von Zulsdorf die Nachbarin des gnädigen Herrn Bischofs geworden (1542); sogar mit einem Besuch „droht“ sie auf „künftigen Sommer“. Sonst hatte man freilich mit dem ehelosen und hochgestellten Mann weniger intime Beziehungen. Doch besorgte er auch einmal für 7 fl. Butter und Stockfisch ins Lutherhaus[402].

Mit dem kleinen M. Joh. Agrikola, dem Pfarrer von Eisleben und seiner Else, stand die Luthersche Familie gleich von Anfang an in lebhaftem Verkehr. „Sie konnte ihn auch sehr wohl leiden.“ Er hatte schon 1523 zu dem Kreise der jungen Nürnberger gehört, welche über die Verlobung Baumgartens mit Käthe sich aussprachen und steht auch jetzt noch in regem Briefwechsel mit Wittenberg[403]. Da giebt's Grüße an Weib und Kinder, hinüber und herüber; auch ein Pelzrock wird dorther besorgt, der Frau Käthe nur zu teuer ausfällt, und Elsbeeren oder kleine Mispelchen werden bestellt, nach denen Frau Käthe eben Gelüste bekommt. 1529 wird Agrikola nach Wittenberg geladen. 1530 sendet er vom Augsburger Reichstag über Koburg einen scherzhaften Brief zur Besorgung an Frau Käthe, über den ihm Luther schreibt: „Ich errate leicht, was sie Dir antworten wird. Wenn sie den Brief gelesen hat, wird sie lachen und sagen: Ei, wie ist M. Eisleben doch ein Grundschalk!“[404] Luther nahm sich Agrikolas an, als es dem beweglichen und ehrgeizigen Mann nicht mehr in Eisleben gefiel. Und als er 1536 seine Stelle kündigte und in Wittenberg nicht gleich eine bequeme Wohnung fand, so öffnete sich ihm das Klosterhaus und Agrikola zog ein mit Weib und Kind. Als dann Luther zu Anfang 1537 nach Schmalkalden zog, vertraute er Agrikola nicht nur „Lehre, Predigtstuhl und Kirche an“, sondern auch „Weib, Kind, Haus und Heimlichkeit“[405]. Als aber Agrikola ein „Antinomist“ (Bestreiter der Giltigkeit des Gesetzes für die Christen) wurde, da entbrannte Luthers Zorn wider ihn und er entzog ihm die vorher gewährte Erlaubnis, in Wittenberg Vorlesungen zu halten. Agrikolas Frau, zu welcher Luther ganz väterlich stand, so daß er sie mit Du anredet, that zwar vor dem Doktor einen Fußfall und dieser nahm ihren Mann wieder zu Gnaden an (1538); aber Agrikola entzog sich dem Einfluß Luthers, ging nach Berlin und die Freundschaft mit dem „Meister Grickel“ hörte natürlich auch für Frau Käthe auf, ohne wieder angeknüpft zu werden. Als später einmal (1545) Agrikola mit Weib und Tochter nach Wittenberg kam, durften bloß die beiden Frauen ins Klosterhaus kommen; aber das Töchterlein fanden die Lutherischen eitel und vorlaut wie ihren Vater[406].

Mit dem Pfarrer Jakob Probst in Bremen, einem früheren Klostergenossen Luthers, auch einem Gevatter, stand ebenso die Lutherische Familie in früher Verbindung. Familiennachrichten werden ausgiebig mitgeteilt; Käthe und auch das kleine Patchen Margaretel senden regelmäßig Grüße an den fernen Gevatter und danken für Patengulden und andere Geschenke. Ihm empfehlen die Eltern ihre Jüngste zur Versorgung, da Probst sie sich zum Patchen auserlesen. Und „Herr Käthe“ befiehlt ihrem Gatten, noch scherzend anzufragen, ob denn die Nordsee ausgetrocknet sei, seitdem das Evangelium die Erlaubnis zum Fleischessen gebracht habe? Denn niemals habe es in Wittenberg weniger Seefische gegeben, so daß man schon durch die Hungersnot zum Fleischessen gezwungen werde, wo nicht etwa die Fische und das Meer sich vor des Papstes Zorn ängstigten, nachdem man ihn zu Lande verachte. Am 14. Juni 1542 kam Probst, jetzt ein alter Mann, nach Wittenberg, um seinen Vater D. Martinus noch einmal zu sehen. Das war ein gar unerwarteter lieber Besuch und Frau Käthe wird ihm den Aufenthalt recht angenehm gemacht und das Margaretlein den Paten fröhlich begrüßt und ihm mit ihrer hübschen Stimme etwas vorgesungen haben[407].

Weniger im Verkehr war man mit dem früheren Prior des Schwarzen Klosters
Eberhard Brisger, Pfarrer in Altenburg; doch tauschte auch mit ihm
Käthe Grüße aus[408].

Der ehemalige Klosterbruder (Stiftsherr der „Brüder vom gemeinsamen Leben“) Gerhard Viscampius zu Herford war auch ein besonders guter Freund der Familie Luther und Melanchthon und sie nahmen warmen Anteil an ihm. 1528 sendet er an das Lutherische Ehepaar Tuch und zwei Lampen, welche die zwei Gatten jede Nacht ständig gebrauchten. Dafür soll er auch regelmäßig Luthers Schriften erhalten[409].

Der alte „Stürmer und Schwärmer“ D. Gabriel Zwilling, Luthers Klostergenosse, der ihm auf der Wartburg mit seiner Bilderstürmerei so zu schaffen machte, war, nachdem er seinen Radikalismus ausgetobt, ein ruhiger Pfarrherr zu Torgau geworden. Er hatte zur Befreiung der Nonnen aus Nimbschen mitgewirkt, und kam verschiedentlich nach Wittenberg, durfte auch einen etwas schweren Auftrag Käthes wegen Beschaffung eines Leinenkastens besorgen[410].

Der Reformator und Stadtprediger von Gotha, Mykonius, der auch zur
Zeit der „Wittenberger Konkordia“ sich im Lutherhause aufhielt, bekam
von Käthe Grüße, Glückwünsche, Danksagung für ein „Käse-Geschenk“, auch
Verhaltungsmaßregeln gegen seine Frau und Teilnahme an seinem
Brustleiden[411].

Ein besonderer Verehrer der Frau Doktorin war der feine Straßburger Capito (Köpflin), welcher im Jahre 1536 mit Butzer in Wittenberg die „Konkordia“ der sächsischen und oberländischen Kirche zustande brachte und dabei im Lutherhause verkehrte. Er läßt die „treffliche Frau Katharina von Bora, seine Wirtin“, grüßen und sendet nach seiner Heimkehr ihr einen goldenen Ring als Zeichen seiner Gesinnung gegen sie, „welche mit Recht so hoch geschätzt wird, weil sie mit hausmütterlicher Sanftmut und Emsigkeit die Versorgung unsres Lehrers übt“. Und auch Frau Käthe schätzt den Straßburger Gast. Wiederholt läßt er sie grüßen und verspricht ihr zur Frankfurter Messe 1537 einen Brief. Capito erbat sich sogar mit den übrigen Straßburger Freunden Gerbel, Butzer u.s.w. den Sohn Hans erziehen zu helfen[412].

In Nürnberg hatte Luther und damit auch seine Käthe, allerlei gute Freunde, besonders seine beiden Ordensbrüder, Wenceslaus Link und Abt Friedrich (Becker, Pistorius), die ihm manches schöne Geschenk und Gerät an Uhren, Drechslerwerkzeug, Holz- und Kupferstichen, feines Obst, Sämereien aus der reichen Freistadt besorgten. Auch sie läßt Käthe grüßen[413].

In der Reichsstadt lebte aber auch ihre „alte Flamme“, wie Luther schreibt, der Ratsherr Hieronymus Baumgärtner. Die alte Liebe zu ihm hatte sich zu herzlicher Freundschaft gestaltet, und es ist ein gar schönes Zeichen eines natürlichen und gesunden Gefühls, daß sowohl Luther als Frau Käthe in ganz unbefangener offener Weise von dieser liebenden Verehrung für den ehemaligen Geliebten reden unter sich und dem gemeinsamen Freund gegenüber: „Es grüßt Euch verehrungsvoll meine Käthe, Eure alte Flamme, welche Euch ob Eurer Tugenden und Vorzüge mit neuer Liebe umfaßt und von ganzem Herzen Euch wohl will.“ Von Koburg schreibt Luther am 1. Oktober 1531 an Baumgärtner: „Ich grüße Dich im Namen meiner Herrin, Deiner einstigen Flamme; so werde ich ihr erzählen, wenn ich heim komme. So pflege ich auch sie in Deinem Namen zu necken.“ Als 1543 Luther durch seinen Tischgänger Besold einen Brief erhielt, rühmte er des Briefschreibers Sittenreinheit, Frömmigkeit und Tugend. Da fragte Luthers Gattin „nach ihrer Gewohnheit“, wer denn der Schreiber des Briefes wäre. Luther antwortete: „tuus ignis Amynthas: Dein alter Buhle (Liebhaber).“[414] Der Ton, diesem Freunde gegenüber, ist ein gar herzlicher, namentlich in dem Trostbrief Luthers an Baumgärtner und seine Frau, als der Nürnberger Kaufherr von dem Ritter Albrecht von Rosenberg (bei Mergentheim) gefangen genommen und lange in Haft gehalten wurde, so daß Frau Sibylle mit ihren fünf unerzogenen Kindern länger als ein Jahr um das Leben ihres Ehewirts in Angst schwebte. Die Wittenberger Freunde beteten in der Kirche öffentlich um die Freilassung und gingen den Landgrafen von Hessen darum an[415].

Auch Veit Dietrich blieb trotz seines Spanes mit Käthe nicht nur Luthers Freund nach seinem Wegzug nach Nürnberg, wo er Pfarrer an der Sebalduskirche wurde, sondern auch mit Frau Käthe stellte sich bald wieder ein freundliches Verhältnis her. Sie läßt ihn wiederholt grüßen[416].

Mit den Freiberger „Geschwistern Weller“, dem jüngsten Peter, dem Komponisten Matthias und besonders dem Theologen Hieronymus, aber auch der Schwester Barbara Lischner standen die Lutherischen Eheleute in freundschaftlichem Verhältnis. Der eine mußte in seiner Schwermut aufgerichtet werden, der andere versorgt, die Schwester belehrt über den heimlichen Empfang des heiligen Abendmahls[417]. Dem Komponisten Matthias läßt Luther mit Frau Käthe danken, für sein „gutwillig Herz, so er erzeigt hat mit dem Gesang und den Borsdorfern.“ Das Lied sängen die Männer unter Tisch, so gut sie's könnten. „Machen wir etliche Säue (Böcke, Fehler) darunter, so ist's freilich Eure Schuld nicht, sondern unsre Kunst. Wenn's schon alle Komponisten gut machen, so ist unser Ernst wohl noch weit drüber und können's böse genug singen. Es folgen uns alle Regiment der ganzen Welt; sie lassen Gott und alte Vernunft sehr gut Ding komponieren und stellen, aber sie singen auch, daß sie wert wären einen Markt eitel Würste aus den Säuen oder Klöppel in den Feldglocken[418]. Darum müßt ihr Komponisten uns auch zugut halten, wenn wir Säue machen in den Gesängen. Denn wir wollten's lieber treffen denn fehlen. Solchen Scherz, bittet meine liebe Käthe, wollet ihr für gut annehmen, und läßt Euch freundlich grüßen. Hiemit Gott befohlen. 1535. Priska-Tag.“[419]

Dr. Hieronymus Weller heiratete um diese Zeit ein Freiberger Mädchen, die Tochter G. am Steige. Natürlich sollte ihm Frau Käthe die Hochzeit in Wittenberg ausrichten. Aber Frau Käthe war damit nicht einverstanden; kannte sie doch die große Unmuße und Unkosten, welche ein Doktor in einer Universitätsstadt aufwenden müsse: und hier wäre sowohl der Hochzeiter, wie der Hochzeitgeber ein Doktor; daher müßten viele Leute eingeladen werden; Weller solle sich die Liste, die beigelegt sei, einmal ansehen und werde dann merken, welche Menge geladen werden müßte (wenn man auch einige streichen könnte), wofern man des Hochzeiters und seiner Angehörigen Ehre bedenke, zumal man die angesehenen Freunde doch ehrenvoll bewirten müsse. Das sei sehr schwer. Auch koste es mehr als 100 fl. Die Eheleute rieten Weller daher, die eigentliche Hochzeit anderswo zu halten und es einzurichten wie M. Kreuziger und Dr. Brück, nämlich mit geringer Begleitung nach der Universitätsstadt zu kommen, zu einem Morgen- oder Abendessen mit zwei oder drei Tischen. Hoffentlich war der Dr. Hieronymus und seine Braut so verständig und gingen darauf ein. Während der ledige Doktor bei Luthers gewohnt hatte, zog er mit seiner jungen Frau in ein eigenes Haus in der Nachbarschaft. Nicht lange darauf wurde Weller Pfarrer in seiner Vaterstadt Freiberg, wo Herzog Georgs Bruder Heinrich residierte und dem Evangelium beitrat; er blieb aber in regem Verkehr mit dem Lutherhaus[420].

Nach Freiberg wurde 1538 auch M. Nikolaus Hausmann als Stadtpfarrer berufen. Er war einer der ältesten und besten Freunde des Lutherischen Hauses, ein sanfter, liebenswürdiger Mann und Junggeselle. Zuerst in Zwickau angestellt (bis 1532), wurde er dann Hofprediger bei den drei Anhalter Fürsten in Dessau (1532-38). Die Bekanntschaft Käthes mit ihm ging durch ein zierliches und mühsam geflochtenes Körbchen und das schöne Glasgefäß, welches Hausmann selbst gemalt und als Andenken in den jungen Haushalt geschickt hatte und das Käthes Wohlgefallen erregte (S. 96)[421]. Von da an sendete Frau Käthe dem Zwickauer Stadtpfarrer stets angelegentliche Grüße und wird wieder gegrüßt in den zahllosen Briefen, die fast jede Woche zwischen dem Wittenberger Kloster und dem Zwickauer Pfarrhaus hin und wieder fliegen. Sie empfiehlt sich in schweren Zeiten seinem Gebet oder bedankt sich für gesandtes Chemnitzer Leinen, wofür er eine Last lutherischer Schriften durch den Paketträger erhält[422]. Auch „lebendige Briefe“ gingen hin und her: allerlei Freunde und Bekannte, namentlich seitdem auch Cordatus nach Zwickau versetzt war, anfangs 1529.[423] Oefters wird Hausmann eingeladen: seine Stubella (Stüblein) sei bereitgestellt und alles gerüstet — trotzdem Frau Käthe einen jungen Erdenbürger erwartet. Einigemale kam auch Hausmann wirklich den weiten Weg nach Wittenberg[424].

Im August 1531 ging Hausmann von dem schwierigen Zwickau weg, hielt sich auch in Wittenberg auf. Von dem nahen Dessau aus war noch ein viel regerer Verkehr möglich. Das erste Zeichen war ein Wildschwein, das von der Residenz kam und zum Martinstag von den Freunden des Lutherhauses verspeist wurde. Als er krank wird, bekümmert sich „Herr Käthe“ in gar „stattlichem stetem Gedanken um den Freund“. Ja, da dieser so oft kränklich ist, will Luther ihn gar zu sich nehmen, damit er der Stille und Ruhe genieße. 1538 kam aber Nikolaus Hausmann als Superintendent nach Freiberg, wo sein Bruder Valentin lebte. Hier traf ihn bei seiner Antrittspredigt am 3. November auf der Kanzel der Schlag. Die Freunde und die Hausfrau verheimlichten Luther den Tod seines lieben Genossen und brachten ihm die Nachricht erst allmählich bei — er aber saß einen ganzen Tag und weinte, und auch Frau Käthe wird dem Getreuen ihre Thränen nachgeweint haben[425].

Der frühere Tischgenosse Schlaginhaufen war im Jahre 1532 nach Zahna, nur zwei Stunden von Wittenberg, als Pfarrer gesetzt worden, wo er mit dem Lutherhause in enger Verbindung blieb, und z.B. einmal die von Luther so geliebten Mispeln schickte. Aber in dem ärmlichen und der Gesundheit des schwachbrüstigen Mannes wenig zuträglichen Orte hielt er es nur ein Jahr aus. Er wurde dann Pfarrer in Köthen und reformierte dies Ländchen. Dahin grüßt auch Frau Käthe. Er reiste mit nach Schmalkalden, begleitete den erkrankten Luther zurück bis Tambach, lief dann mit der Kunde von dessen Besserung nach Schmalkalden und rief zu den Fenstern an der Herberge des Legaten hinauf: Lutherus vivit! Lutherus vivit! (Luther lebt! Luther lebt!)[426].

Mit dem Pfarrhaus von Leisnig standen Luther und seine Käthe in regem Verkehr. Sie senden in zahlreichen Briefen Grüße an ihre ehemaligen Tischgenossen M. Lauterbach und seine Hagnes oder Nise (Agnese) und Elslein („Lamm“ und „Lämmlein“); sie geben ihm allerlei zu besorgen, so Frau Käthe einen Katechismus an eine arme ehemalige Nonne, Christina v. Honsberg, jetzt Gattin von Georg Schmid. Der Bischof von Meißen hatte sich gegen Lauterbach gesträubt, weil er nicht geweiht wäre; da sagte Lauterbach zu dem bischöflichen Amtmann: „Ich bin genug geweiht durch mein Weib (denn sie war eine Nonne) und Mann und Weib ist ein Leib“[427]. Da der andre Pfarrer in Leisnig sich nicht mit Lauterbach vertrug, so verzog dieser als Diakonus nach Wittenberg, wo er von 1536-39 lebte, um dann als Superintendent nach Pirna ins evangelisch gewordene Herzogtum Sachsen zu kommen. Zu Wittenberg als Amtsgenosse Luthers verkehrte er viel im Klosterhaus; auch seine Frau war öfter da und gab einmal auf eine theologische Frage eine gar feine Antwort. Es war an sie dieselbe Frage gerichtet, wie an Frau Käthe, ob sie heilig wäre; da sagte sie, sie wäre heilig, so viel sie glaubte; wäre aber eine Sünderin, sofern sie ein Mensch wäre. Von Pirna hat Lauterbach die Steinmetzarbeit an der Hausthür für Frau Käthe besorgt, weiterhin Rebpfähle, mehrmals Pelzröcke für die Töchter, auch Butter und Aepfel, Borsdorfer und andere, „rötliche“, von welchen sich dann Frau Käthe auch Zweige zur Veredlung bestellt[428].

Georg Spalatin war bald nach Luthers Vermählung aus dem Hofdienst getreten, hatte sich verheiratet und war neben M. Eberhard Brisger Oberpfarrer von Altenburg geworden. Weil diese Stadt ziemlich weit ablag, so kam der alte Freund Luthers nur bei besonderen Veranlassungen amtlicher Art nach Wittenberg; auch Luther konnte, so sehr er voll Sehnsucht nach des Freundes Umgang war, schwer nach Altenburg kommen, nicht einmal zur Hochzeit Spalatins, weil er eben die Flucht der 13 Nonnen aus Freiberg veranstaltet hatte. Um so häufiger aber sandten sich die Freunde Briefe und Boten und teilten sich die häuslichen Vorkommnisse mit und Frau Käthe drängt dabei ihren Mann zum Schreiben. „Meine Rippe“ oder „mein Herr Käthe“ senden an Spalatin und „seine Rippe“ oder „Kette“ (sie hieß auch Katharina), seine „Hindin“ und ihre Kleinen Grüße und Glückwünsche, wünscht ihm auch ein kleines „Spalatinlein, das ihn lehre, was sie sich rühmt von ihrem Hänslein gelernt zu haben, nämlich die Frucht und Freude des Ehestandes, deren der Papst mit seiner Welt nicht wert ist“[429]. Den in Schmalkalden schwer erkrankten Luther ließ Frau Käthe ins Altenburger Pfarrhaus bringen und bleibt dort mehrere Tage. Voller Dankbarkeit und Anerkennung ist sie für die „freundliche Liebenswürdigkeit und liebenswürdige Freundlichkeit“, die sie mit ihrem Gatten im Hause des feinen Mannes erfahren. Sie ist unglücklich, daß sie in der Aufregung den Töchtern Spalatins nichts mitgebracht und sendet ihnen schön gebundene Büchlein, ihr gewöhnliches Geschenk[430]. Nochmals nimmt sie die Liebenswürdigkeit des Altenburger Pfarrherrn in Anspruch, als sie ihre Bauten in Zulsdorf ausführt. Weil Spalatin gerade um diese Zeit nach Wittenberg kam, so giebt sie ihm allerlei Aufträge mit, da Zulsdorf von Wittenberg so weit weg und näher bei Altenburg lag und sie wegen der bestehenden Winterszeit nicht dahin kommen konnte. Da soll er, der ehemalige Hofmann, bei dem Schöffer dafür sorgen, daß sie Eichenstämme und dicke Prügel für Bauten bekomme in ihrem neuen Reich. Da empfiehlt sie ihre Fuhrleute und Handwerker der Fürsorge Spalatins. Und dieser interessiert sich für ihre Zulsdorfer Unternehmungen so sehr, daß ihm Luther ausführlich über all die Mißgeschicke schreiben muß, welche seine Frau mit den sächsischen „Harpyen“ hat, welche ihr Bauholz wegstibitzen. Dafür schickt die arzneikundige Doktorin dem Herrn Oberpfarrer auch eine Wurzel gegen den Stein, die sich bei Luther recht wirksam gezeigt hatten.[431]

Ein Freund der Familie Luther war auch ihr Gevatter Hans von Taubenheim. An ihn wendet Käthe sich vertraulich mit wirtschaftlichen Anliegen. Aber sie nimmt auch Teil an seinem Schicksal, als er 1539, scheint's, in Ungnade fiel. Luther muß ihm schreiben: „Meine Käthe läßt Euch herzlich grüßen und weinet bitterlich über Euren Unfall und sagt: wenn Euch Gott nicht so lieb hätte, oder wäret ein Papist, so würd er Euch solch Unglück nicht geschehen lassen.“[432]

Alle diese Freunde des Lutherhauses lebten auswärts und waren nur besuchsweise oder doch vorübergehend in Wittenberg. Die befreundeten Familien in der Stadt selbst waren die der Amtsgenossen Luthers: die Professoren Kreuziger, Jonas und Melanchthon und die Pfarrer Bugenhagen und Röhrer, weniger bedeutend der andere Schloßprediger D. Georg Major, der Professor des Hebräischen Matthäus Aurogallus (Goldhahn), Melanchthons Busenfreund Paul Eber, D. Hier. Schurf, endlich sein Bruder, der Hausarzt und Nachbar, Professor Augustin Schurf, dessen Weib Hanna von Frau Käthe in der Pestzeit ins Haus genommen und gepflegt wurde. Sie alle waren vielfach Gäste in Luthers Haus, namentlich bei der Bibel-Uebersetzung. In ihrem Kreise ließ sich Luther mehr gehen, als an der Tafelrunde der Tischgenossen, mit „fröhlicher Laune und witzigem Scherzwort“[433].

Kreuziger, Dr. der heiligen Schrift, Luthers treuer Freund und „Fürbund“, den er (seit 1528) zu seinem „Elisa“, seinem Nachfolger in der Theologie erlesen hatte, der auch Luthers Testament unterschrieben hat, war — ausnahmsweise — ein wohlhabender Theologe[434]. Für ihn besorgte Frau Käthe Aufträge und seine Frau Elisabeth, eine gewesene Nonne aus Pommern, bringt ihr ein goldenes Meßgeschenk, wofür Luther an Kreuzigers Frau ein gleiches schickt. Diese, Elisabeth von Meseritz, war die Dichterin eines Liedes, das Luther in sein Gesangbuch setzen ließ. Es beginnt:

  Herr Christ, der Einige Gottes
  Vaters in Ewigkeit,
  Aus seinem Herz entsprossen
  Gleichwie geschrieben steit.
  Er ist der Morgenstern,
  Sein' Glanz streckt er so fern
  Vor andern Sternen dar[435].

Elisabeth starb früh, so daß Kreuziger zur zweiten Ehe schritt (1530); mit der Hochzeit wollte er aber Frau Käthe nicht beschweren und hielt sie auf Schloß Eilenburg ab, das ihm der Kurfürst auf Luthers Bitte dafür zur Verfügung stellte. Dagegen ist er eingeladen bei Luthers Geburtstagsschmaus[436].

Bugenhagen oder D. Pommer, der stattliche und würdige Propst, Professor und Stadtpfarrer und geborene General-Superintendent (1536)[437], war mit seiner pommerschen Gelassenheit ein gar milderndes Element in dem Lutherischen Hause, dessen Beichtvater er war. So hielt er auch neben Luther ruhig in der Pestzeit aus. Trotz seines würdevollen Wesens war er doch „im gemeinen Wandel eines liberalischen, fröhlichen und fertigen Gemüts“. Er stellte sich von Anfang auf Frau Käthes Seite. Er half ihr — nebst dem Kapellan Röhrer — das schöne Glas vor Luthers Geschenkwut retten. Er hielt sich gar viel im Kloster auf; ja er wohnte sogar in Luthers Anfechtungen dort[438]. Luthers Briefe grüßen gar oft in einem Atem: Dr. Pommer und meine Käthe oder meine Käthe und Dr. Pommer. Einmal schreibt er sogar im Hause und Namen Luthers einen Brief an Spalatin, worin „Dominus mea“ („meine Herr“ Käthe) grüßte. Einen Brief Luthers an Frau Käthe sollte in ihrer Abwesenheit Pfarrherr D. Pommer erbrechen und lesen[439]. Umgekehrt hat Frau Käthe auch allerlei an D. Pommer auszurichten, sogar allerlei Theologisches in lateinischen Wendungen von den Argumenten Zwinglis in Marburg und Kirchenpolitisches von Augsburg. „Sage D. Pommer“, heißt es dann in Luthers Briefen an seine Frau[440]. Der behagliche Pommer ergötzte die Freunde gar sehr mit seinen Sprüchen, namentlich in breitem Platt; aber er lachte auch, wenn der „schwäbische“ Pfälzer Melanchthon sich im Plattdeutschen versuchen wollte. Im Dezember 1527 erwartet der Propst im Lutherhause die Niederkunft seiner Frau. Sie und Frau Katharina lagen fast zu gleicher Zeit in den Wochen: Frau Pommer mit einem Knäblein, Frau Käthe mit ihrem Töchterlein Elsbeth. Bald darauf starben ihr zwei Söhne[441]. 1528 wird zu Bugenhagens Reise nach Braunschweig von Luthers „Eva“ im Kloster ein Abschiedsmahl gehalten; er wurde aber auch nach Hamburg „geliehen“, dann nach Lübeck, Pommern und Dänemark, und erzählte dann daheim, nach der Landesart gefragt, zum Ergötzen der „Tafelrunde“, dort tränken die Leute „Oel“ und äßen „Schmeer“ (d.h. Bier und Butter). Bugenhagen war also viel weg von Wittenberg, zur großen Sorge Luthers, der seine Arbeitslast als Stadtpfarrer und Professor noch dazu übernehmen mußte. So hatte auch Frau Käthe gar oft nach dem „Pommerischen Rom“ mit seinen kleinen Weltbürgern in der Superintendur am Kirchenplatz zu sehen[442].