Und Käthe sah, wo sie's kriegte. Sie war nicht so heikel, wie Luther, Verehrungen anzunehmen. Während sie Freund Link von einem Hochzeitsbecher absolviert, hat sie die von Luther zurückgewiesen 20 Goldgulden des Mainzer Erzbischofs hinter seinem Rücken doch behalten. Mit besserem Gewissen empfing sie die Fäßlein Käse von der Herzogin Elisabeth von Braunschweig und ebenso ein Käsegeschenk von Mykonius, dem Stadtpfarrer in Gotha. In Notfällen wandte sich Frau Käthe auch einmal an die kurfürstliche Kämmerei, so während Luthers Aufenthalt auf der Koburg um 12 Scheffel Roggen. Käthe nahm überhaupt das Gehalt ein und verrechnete es, so daß es nicht mehr hieß wie in Luthers Junggesellenwirtschaft (1523): „Wir leben von einem Tag zum andern.“ Sie scheute sich nicht, die säumigen Kostgänger an ihre Schuldigkeit zu mahnen[264]. Ja es wird erzählt, daß sie in späterer Zeit durch Freunde und Kostgänger des Hauses Anschaffungen machen ließ, wofür sie die Bezahlung vergessen habe, weil sie sich wohl für Dienste ihres Mannes dadurch bezahlt machte. Jedenfalls nahm sie auch die Dienste anderer in Anspruch für Gefälligkeiten, welche ihr Mann ihnen erwies: hatte Luther dem Freund Pfarrer Spalatin eine Vorrede zu einem Buche geschrieben, so muß sich dafür Spalatin in Altenburg ihrer Fuhrleute und Arbeiter annehmen, die sie nach Zulsdorf schickt; und Lauterbach, der in ihrem Hause als Kostgänger und Nachschreiber von Luthers Tischreden allerlei Vorteile und Freundlichkeiten genossen, hat zum Entgelt der Doktorin allerlei Besorgungen zu machen[265].

Aber das Beste that doch Frau Käthe selber: Sie züchtete und mästete Tiere, melkte und schlachtete, gewann Butter und Honig, Käse und Eier; sie pflanzte Obst und Früchte, Gemüse und Würzkräuter; sie baute Getreide, buk Brot und braute das Bier für den großen Haushalt, so daß das kleine Söhnchen, als Luther es einmal fragte, wie viel Kostgeld es eigentlich zahlen müßte, sagen konnte: „Ei Vater, Essen und Trinken kauft Ihr nicht; allein Aepfel und Birnen“, meinte der Kleine, „gestehen viel Geld“[266]. Für Obst konnte also Frau Käthe damals nicht aufkommen, weshalb sie dann auch endlich den Ankauf des Baumgartens von Bildenhauer betrieb. Ebenso trachtete sie nach den Hufen und dem Hopfengarten, so daß nach den großen Ankäufen von 1536 die schweren Haushaltsausgaben geringer wurden und die Posten „Gieb Geld“ immer weniger. Hatte Luther am Anfang seiner Ehe den Stoßseufzer gethan: „Der Herr, der meine Unvorsichtigkeit straft, wird mich wieder erlösen“ — von den Schulden, so kann er am Ende derselben in seinem sogenannten „Testament“ (1542) schreiben: „Ich habe von meinem Einkommen und Geschenken so viel gebaut, gekauft, große und schwere Haushaltung geführt, daß ich's muß neben anderm selbst für einen sonderlichen, wunderlichen Segen erkennen, daß ich's habe können erschwingen.“ Das „andere“ neben dem göttlichen Segen, war eben das haushälterische Talent seiner Gattin; sie hatte ihn von seinen Schulden wieder erlöst, ja das Weib hatte nach seinem Spruch den Mann „reich“ gemacht. Und so bezeugt er ihr mit „seiner Hand“ im Haushaltungsbuch: „Was sie jetzt hat, das hat sie selbst gezeuget (errungen) neben mir“[267].

Ein Vermögen zu erwerben oder gar reich zu werden, daran dachte Luther nicht, ja er wollte es nicht. „Mir gebühret nicht als einem Prediger, Ueberfluß zu haben, begehre es auch nicht“, erklärte er. Ihm dünkte, „daß das lieblichste Leben sei ein mittelmäßiger Hausstand, Leben mit einem frommen, willigen, gehorsamen Weibe in Fried und Einigkeit und sich mit wenigem lassen begnügen“[268].

Ja nicht einmal für seine Kinder gedachte er ein Vermögen anzulegen. Er segnete seiner Kindlein eins, das eine Muhme auf dem Arme trug und sprach: „Gehe hin und bis fromm. Geld will ich Dir nicht lassen, aber einen reichen Gott will ich Dir lassen. Der mir Dich nicht versäume. Bis nur fromm! Da helf Dir Gott zu.“ Und als ihn jemand ermahnte, er möchte wenigstens zum Besten seiner Familie ein kleines Vermögen sammeln, da gab er zur Antwort: „Das werde ich nicht thun; denn sonst verlassen sie sich nicht auf Gott und ihre Hände, sondern auf ihr Geld“[269]. Diesen doch wohl allzu theologischen, ja mönchischen Standpunkt ergänzte der praktisch nüchterne Sinn Katharinas, welche gerade darauf aus war, ihren fünf noch unversorgten Kindern ein Erbe zu erwerben; denn sie erkannte besser als wie Luther, daß nach dessen Tod die Gebefreudigkeit der Fürsten und Freunde wohl abnehmen werde mit dem Wegfall der großen Vorteile, welche der lebendige Reformator seinem Land und seiner Stadt und seinen Freunden verschaffte. So brachte sie es in der That zuwege, daß den Kindern doch ein ganz ansehnliches Familiengut übrig blieb[270].

„Das Lob eines tugendsamen Weibes“ — nicht nur in der Bibel hat es Luther übersetzt, sondern auch bei Tisch und sonst oft angeführt und auf seine Käthe bezogen, so daß es — erweitert mit Zusätzen — unter den Tischreden steht, wie ein Lob auf seine Hausfrau: „Der Mann verläßt sich auf sie und vertraut ihr altes. Da wird's an Nahrung nicht mangeln. Sie arbeitet und schafft gern mit ihren Händen, zeuget ins Haus und ist wie ein Kaufmannsschiff, das aus fernen Landen viel War' und Gut bringt. Frühe stehet sie auf, speiset ihr Gesinde und giebt den Mägden ihr beschieden Teil. Sie denkt einem Acker nach und kauft ihn und lebt von der Frucht ihrer Hände. Sie verhütet Schaden und siehet, was Frommen bringt. Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist“[271].

10. Kapitel

Häusliche Leiden und Freuden.

Es war ein schwerer Haushalt, den Frau Käthe zu führen hatte, wenn man auch nur der wirtschaftlichen Sorgen in Haus und Hof, in Küche und Keller, im Garten und auf dem Felde gedenkt. Aber noch bewunderungswürdiger wird ihre Leistungsfähigkeit, wenn man alle die Menschen in Betracht zieht, die als Kinder und Gesinde, als Tisch- und Hausgenossen täglich und stündlich Anspruch an ihre Fürsorge machen in Wohnung und Kleidung, in Speise und Trank, in Erziehung und Zucht — ganz abgesehen von den Gästen und Freunden, die im Schwarzen Kloster ein und ausgingen. Eine so überaus große Familie verursachte aber nicht nur viel Mühe und Arbeit, sondern brachte auch einen mannigfaltigen Wechsel von Freud und Leid ins Haus. So erlebte Frau Käthe in wenigen Jahrzehnten Krankheiten und Feste, Hochzeiten und Todesfälle nach einander und oft neben einander.

Gleich im zweiten Jahre ihres Ehestandes hatte die Doktorin schwere
Zeiten durchzumachen[272].

Frau Käthe wurde durch einen heftigen Krankheitsanfall ihres Gemahls erschreckt, wie sie es in dieser Heftigkeit noch nicht an ihm erlebt hatte, wiewohl er schon mehrmals Schwindelanfälle erfahren. Eine entsetzliche Angst und Beklemmung ging dem Anfall voraus. Samstags 6. August morgens fühlte er am linken Ohr und Backen ein ungestümes Sausen und Brausen wie Windsbraut und Meeresbrandung, so gräßlich und unerträglich, daß er es nur einer satanischen Einwirkung zuschreiben konnte. Es ging gottlob rasch vorüber. Aber er fürchtete, dies sei vielleicht der Vorbote eines noch schwereren, tödlichen Anfalls, darum schickte er um 8 Uhr seinen Diener Wolf zu seinem Beichtvater Bugenhagen, dieser möge eilend kommen. Bugenhagen eilte erschrocken ins Kloster, fand aber da den Doktor in „gewöhnlicher Gestalt“ bei seiner Hausfrau stehen. Warum er ihn habe rufen lassen? „Um keiner bösen Sache willen“, erwiderte Luther, ging mit ihm hierauf abseits, beichtete und begehrte für den folgenden Tag zum Abendmahl zu gehen.

Mittlerweile war es schier Zeit geworden zum Mittagsmahl (d.h. um 10 Uhr). Und weil Luther und Bugenhagen von etlichen Adeligen, Max von Wallefels, Hans von Löser u.a. zu Gaste geladen war, forderte ihn Bugenhagen auf, mitzukommen, indem er hoffte, die Zerstreuung sollte ihm gut thun, wenn er nicht einsam daheim sitze, sondern mit Menschen verkehre. Luther schlug es ab. Aber Bugenhagen steckte es hinter Frau Käthe, und diese brachte Luther dazu, hinzugehn in Paul Schultheiß' Gasthof. Dort aß und trank er, aber sehr wenig, und unterhielt die Gäste mit angemessener Fröhlichkeit. Um zwölf Uhr stand er auf und ging in D. Jonas Gärtlein hinter dem Hause und unterhielt sich da zwei Stunden mit dem Stiftspropst. Beim Weggehen lud er Jonas und seine Frau ein, sie sollten auf den Abend mit ihm essen.

Recht angegriffen kehrte Luther zurück ins Kloster und legte sich ins Bett, um sich zu erholen. Als um 5 Uhr die Jonischen kamen, lag er noch und die Frau Doktorin bat die Gäste, sich die Weile nicht lang sein zu lassen, und so sich's ein wenig verzöge, es seiner Schwachheit zuzurechnen.

Nach einer Weile kam der Doktor herunter, um die Abendmahlzeit gemeinsam mit den andern zu halten. Er klagte wieder über großes unangenehmes Brausen und Klingen des linken Ohrs. Das wurde über Tisch heftiger, er mußte aufstehen und zog sich, begleitet von Jonas, hinauf in seine Schlafkammer zurück; die Doktorin folgte, hatte aber noch unten an der Treppe den Mägden zu befehlen. Da, als Luther gerade über die Schwelle der Schlafkammer trat, überkam ihn plötzlich eine Ohnmacht: „O Herr Doktor Jona“, rief der Kranke, „mir wird übel; Wasser her, oder was Ihr habt, oder ich vergehe.“ Er sank leblos hin. Jonas erwischte erschrocken und behend einen Topf mit kaltem Wasser und goß es dem Ohnmächtigen über Kopf und Rücken. Er kam wieder zu sich und fing an zu beten.

Indem kommt auch die Doktorin hinauf; da sie nun sah, daß er so hinfällig und schier tot war, entsetzte sie sich sehr und rief laut den Mägden. Dann schickte sie zum Hausarzt Dr. Augustin Schurf und zu dem Hausfreund Bugenhagen. Mittlerweile zogen sie dem Kranken die Kleider aus und legten ihn auf den Rücken. Er war sehr matt und völlig kraftlos. Frau Käthe und Jonas rieben und kühlten ihn, gaben ihm Labsal und thaten, was sie konnten, bis der Arzt kam.

Da der Doktor so eiskalt und leblos war, so verordnete Schurf dem Kranken warme Tücher, Kleider und Kissen, die man immer über dem Kohlenfeuer wärmte, aufzulegen auf Brust und Füße, ließ auch seinen Leib reiben, tröstete ihn auch und hieß ihn hoffen, es würde, ob Gott will, auf diesmal keine Not haben. Dann kam auch um 6 Uhr Dr. Pommer, und die Freunde mahnten den Patienten, er solle mit ihnen dafür beten, daß er möge leben bleiben, ihnen und vielen zum Trost. Da antwortete er: „Zwar für meine Person wäre Sterben mein Gewinn; aber im Fleische länger leben, wäre nötig um vieler willen. Lieber Gott, Dein Wille geschehe.“

Da aber die Ohnmacht wieder zunahm, betete er wieder um Erbarmen. Dann sagte er zu seiner Hausfrau: „Meine allerliebste Käthe, ich bitte Dich, will mich unser lieber Gott auf diesmal zu sich nehmen, daß Du Dich in seinen gnädigen Willen ergebest. Du bist mein ehrlich Weib, dafür sollst Du Dich gewiß halten und gar keinen Zweifel daran haben. Laß die blinde, gottlose Welt darüber sagen, was sie will; richte Du Dich nach Gottes Wort und halte fest daran, so hast Du einen gewissen beständigen Trost wider den Teufel und all seine Lästermäuler.“

Dann fragte er nach seinem Söhnlein: „Wo ist denn mein allerliebstes Hänsichen?“ Da das Kind gebracht wurde, lachte es den Vater an. Da sprach er: „O Du gutes armes Kindlein! Nun ich befehle meine allerliebste Käthe und Dich armes Waislein meinem lieben, frommen, treuen Gott. Ihr habt nichts, Gott aber, der ein Vater der Waisen und Richter der Witwen ist, wird Euch wohl ernähren und versorgen.“

Darauf redete er weiter mit seiner Hausfrau von den silbernen Bechern: „Die ausgenommen weißt Du, daß wir sonst nichts haben.“ Ueber dieser und andern Reden ihres Herrn war die Doktorin hoch erschrocken und betrübt. Doch ließ sie sich nicht merken, wie groß Leid ihr geschah, daß sie ihren lieben Herrn dergestalt so jämmerlich da vor Augen liegen sah, sondern sie stellte sich getrost und sprach: „Mein liebster Herr Doktor! Ist's Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Herrn Gott lieber denn bei mir wissen. Aber es ist nicht allein um mich und mein liebes Kind zu thun, sondern um viel frommer, christlicher Leute, die Euer noch bedürfen. Wollet Euch, mein allerliebster Herr, nicht bekümmern; ich befehle Euch seinem göttlichen Willen, ich hoff und trau zu Gott, er werde Euch gnädiglich erhalten.“

Bald fühlte der Kranke Besserung, die Schwäche ließ nach und der Doktor meinte, wenn der Patient nur schwitzen könnte, so sollte es durch Gottes Gnade für diesmal keine Not mehr mit ihm haben.

Da gingen die drei Männer, um ihm Ruhe zu gönnen, hinab in den Saal zur Abendmahlzeit und hießen die Frauen stille sein. Der Patient geriet wirklich in Schweiß. Der Arzt sah später wieder nach dem Kranken und erklärte die Gefahr vorbei. Dann kamen auch die Freunde, begrüßten den Genesenden, wünschten ihm „Selige Nacht“ und gingen nach Hause.

Zwar dauerte das Ohrenbrausen am Sonntag noch fort; am Abend aber konnte der Doktor aufstehen und mit den Freunden das Abendmahl halten. Das körperliche Leiden war so bald gehoben; aber die „geistige Anfechtung“, wie Luther sagt, warf ihn noch eine ganze Woche in „Tod und Hölle“ umher, so daß er zerschlagen an allen Gliedern bebte.

Kaum war dieser Schrecken vorbei, so nahte eine neue und viel längere Heimsuchung: die Pest, die damals ganz Deutschland durchzog, kam auch nach Wittenberg. Alles was konnte, floh aus der Stadt; die Universität wurde nach Jena verlegt; Luther aber blieb zurück als Mann, Seelsorger und Lehrer und seine treue Gattin mit ihm. Er war immer des Glaubens, die Angst sei die schlimmste Seuche, die Hälfte der Leute stürben an Furcht davor, nicht an der Pest selbst. Er hielt es für einen „Spuk des Teufels“, dem er trotzen müsse, während der Böse sich freue, die Menschen so zu ängstigen und die Universität zu sprengen, die er nicht umsonst so hasse. Er bleibe gerade wegen der ungeheuren Angst des Volkes. Er ging ohne Scheu zu den Pestkranken: die Frau des Bürgermeisters Thilo Dene starb fast in seinen Armen; und andere Pestverdächtige nahm er in sein Haus. Dagegen war, scheint's aus Furcht vor der Pest, Elsa von Kanitz, welche in Wittenberg Mädchenlehrerin werden und bei Luther wohnen sollte, nicht aufgezogen; an ihrer Statt aber wohnte nun Fräulein Magdalene von Mochau im Klosterhause[273].

Die Seuche brach in den Winkeln aus, kam aber bald ans Elsterthor-Viertel, wo der Pestkirchhof lag[274]; zuerst wurde die Umgebung angesteckt, so das Haus des nächsten Nachbarn, des D. Schurf und endlich auch das Schwarze Kloster. Das wurde jetzt gerade ein Spital, denn Luther nahm die kranke Frau Dr. Schurf, Hanna, herüber. Die von Mochau bekam die wirkliche Pest. Die Frau des Kaplan (Diakonus) Röhrer, eines von Luther hochgeschätzen Amtsgenossen, starb (am 2. Nov.) daran bei ihrer Entbindung samt dem Kinde. Und Bugenhagen flüchtete deshalb mit seiner Familie aus dem Pfarrhaus in das Schwarze Kloster. Zwei Pflegetöchter von Käthe erkrankten und auch der kleine Hans war vom Zahnen so mitgenommen, daß er mehrere Wochen nichts aß und allein mit Flüssigkeit ernährt wurde, so daß er nur sehr langsam wieder zu Kräften kam. Dazu war Luther selbst noch immer eine lange Zeit (Juli bis November) vom Unwohlsein geplagt, besonders mit Blutandrang nach dem Kopf und infolge dessen von Schwermut, oder wie er sagte, vom Satan angefochten und sehr entkräftet. Schließlich kam die Krankheit noch in die Ställe und es fielen fünf Schweine. Die Bauern brachten der Stadt keine Zufuhr, so daß eine Teurung entstand und der Scheffel Mehl 5 Groschen galt, eine Gans 2 Groschen[275].

Nur Käthe hielt sich aufrecht in alt dieser Not, „tapfer im Glauben und gesund am Körper“, und doch war sie ihrer Entbindung nahe. Sie pflegte Mann und Kind, Nichten und Gäste. Den Diakonus Röhrer mit seinem Knäblein Paul, welches nach der Mutter schrie, nahm Käthe auch noch auf, und Luther lud noch Jonas dringend zum Besuch ein, als es ein wenig besser ging. Die von Mochau wurde in dem gewöhnlichem Winterzimmer (Wohnzimmer) eingeschlossen, Frau Hanna war in Katharinas Kemenate (heizbarem Zimmer), Hänschen im Studierzimmer, der Doktor und die Lutherin weilten in der vorderen großen Aula. Schließlich wurde der „Mochau“ die Beule aufgeschnitten, und nachdem das Gift heraus war, ging es besser. Endlich, Mitte November, wich die Krankheit. Die Eheleute waren froh, daß der böse Geist der Pest nur in die Säue gefahren war und sie mit diesem Opfer sich loskauften. Hänschen war wieder frisch und munter, Hanna genas und die Mochau entrann mit Mühe dem Tode; auch Luthers Zustand und Stimmung wurde besser, namentlich als die Universität allmählich wiederkehrte und er seine gewohnte Lehrtätigkeit wieder beginnen konnte[276].

In dieser Zeit (am 10. Dezember) kam nun Käthe nach schmerzlichen Wochen mit ihrem Töchterchen Elisabeth nieder, gerade als der Gemahl von einer Vorlesung heimkehrte. Die vorausgegangenen Strapazen hatten doch ihre Spuren hinterlassen, und die Mutter war recht angegriffen. Aber schon zu Weihnachten wurde im Lutherhaus Verlobung gefeiert; die Hanna von Sala wurde dem Petrus Eisenberg, einem braven Mann aus guter Familie, Leut-Priester in Halle, anverlobt; schon am Neujahrstag war die Hochzeit, und die kaum vom Wochenbett erstandene Hausfrau hatte schon wieder diese fröhliche Unmuße durchzumachen[277].

Das neue Jahr (1528) war ein gesundes und im ganzen glückliches, Luther und Käthe lebten wieder frisch auf. Sie brachten am 15. Mai wieder eine Verlobung zustande, zwischen dem verwitweten Kaplan D. Georg Röhrer und ihrer Pflegetochter Magdalene von Mochau. Die Hochzeit sollte fröhlich am Tag nach Laurenzi (11. August) gefeiert werden. Aber da kam Leid vor die Freude: am 3. August starb „Elslein“ und von dem lieben Töchterlein, dessen Ankunft die glücklichen Eltern den Freunden in zahlreichen Briefen angekündet hatten, mußten sie jetzt, gar wehmütig und weich gestimmt, wieder ihr Abscheiden in die ewige Heimat melden. „Es war ein großes Herzeleid; denn es starb ein Stück an des Vaters und ein Teil von der Mutter Leibe“[278].

Die durch Tod und Verheiratung in die Hausgenossenschaft gerissenen Lücken wurden bald reichlich ausgefüllt. Im Mai des folgenden Jahres erschien das kleine Lenchen im Schwarzen Kloster. Auf gar wunderbare Weise entkam die Herzogin Ursula von Münsterberg, die Base des Herzogs Georg aus dem Kloster Freiburg samt zwei andern bürgerlichen Klosterjungfrauen, von denen die eine ihr reiches Vermögen im Stiche ließ, um der Armut Christi zu folgen. Die drei flüchteten nach Wittenberg in die Freistätte des Lutherhauses: keinen Kreuzer brachten sie mit, wohl aber den Haß des Herzogs und Verlegenheit für Luthers Landesherrn[279].

Das war im Herbst 1528. Zu Ostern 1529 hatte Frau Käthe wieder eine
Hochzeit auszurichten: dem Pfarrer Bruno Brauer zu Dobin, dessen Braut
natürlich auch schon ein paar Tage vorher sich im Hause aufhielt.
Amsdorf wird dazu eingeladen und wird ersucht, sich nicht mit Eisen und
Schwert, sondern mit Gold und Silber und Ranzen zu umgürten, denn ohne
Geschenk komme er nicht los. Im Sommer verlobten die beiden Ehegatten
den Professor der Medizin Milich mit Susanna von Muschwitz, der
Schwester von Frau D. Schurf[280].

Während dieser Zeit war der Hausherr vielfach abwesend auf der
Visitation des Kurkreises, welche Luther mit dem Stadthauptmann Herrn
Metsch, dem Edlen Hans von Taubenheim und dem Rechtsgelehrten Benedikt
Pauli vorzunehmen hatte. Dazu kam die Reise nach Marburg zum
Religionsgespräch mit Zwingli (1529).

Von Marburg stammt auch der erste Brief des Doktors an seine Ehefrau, der erhalten geblieben ist. Er lautet[281]:

„Gnad und Fried in Christo!

Lieber Herr Käthe!

Wisset, daß unser freundlich Gespräch zu Marburg ein Ende hat, und seynd fast in allen Stücken eins worden, ohne daß der Widerteil (Gegenpartei) wollen eitel Brot und Wein im Abendmal behalten und Christum geistlich darinnen gegenwärtig bekennen. Heute handelt der Landgraf, ob wir könnten eins werden, oder doch gleichwohl, so wir uneins blieben, dennoch (als) Brüder und Christi Glieder unter einander uns halten. Da arbeit der Landgraf heftig. Aber wir wollen des Brüdern und Gliederns nicht; friedlich und Guts wollen wir wohl….

Sage dem Herrn Pommer, daß die besten Argument seind gewesen des Zwingli, daß corpus non potest esse sine loco: ergo Christi corpus non est in pane; des Oecolampadii: dies sacramentum est Signun corporis Christi. Ich achte, Gott habe sie verblendet, daß sie nichts haben müssen fürbringen.

Ich habe viel zu thun und der Bot eilet. Sage allen gute Nacht und bittet für uns. Wir seind auch alle frisch und gesund und leben wie die Fürsten. Küßt mir Lensgen und Hänsgen.

E. williger Diener

Martin Luther.

Ins folgende Jahr (1530), zur Zeit des Augsburger Reichstags, fällt der lange halbjährige Aufenthalt Luthers auf der Koburg (April bis Oktober). Er reiste mit dem Kurfürsten Johann und Kanzler Brück und den Wittenberger Theologen, Melanchthon und Jonas ab und nahm seinen Famulus Veit Dietrich mit. Käthe konnte ihren Gatten nicht ohne Sorge zum Reichstag scheiden sehen; denn bei seiner Abreise glaubte man, daß auch Luther nach Augsburg selbst gehe, also mitten in die Reihe seiner Feinde. Bald erhielt sie die Nachricht, daß ihr Gatte, eben um seine Gegner, und namentlich den Kaiser, in dessen Acht er war, nicht zu reizen, in der südlichsten Stadt des Kurfürstentums bleibe, auf der Feste Koburg, und zwar einigermaßen in Verborgenheit, ähnlich wie auf der Wartburg. Er wurde morgens vor Tagesanbruch, samt seinem Famulus Veit Dietrich, dahin gebracht; er ließ sich da den Bart wachsen und dazu schickte ihm auch noch ein Freund, Abt Friedrich aus Nürnberg, ein Schwert. Also mußte Frau Käthe in die „Einöde Gruboc“ allerlei Dinge schicken, Bücher und Papier für allerlei Schriften, und empfahl ihren Gemahl der Fürsorge der Kastellanin[282]. Freilich war vortrefflich für den Einsiedler auf seinem Sinai gesorgt, die erste Frühlingszeit mit Dohlenschwarm, Kuckuck und Nachtigall stimmte fröhlich; Veit Dietrich wachte sorgfältig darüber, daß Luther keinen Diätfehler begehe und veranlaßte ihn gar zum Armbrustschießen auf Fledermäuse. Auch an Besuchen fehlte es nicht, so daß er schließlich klagte: „Die Wallfahrt will zu groß werden hierher“[283]. Aber Luther litt bei der ungewohnten Muße doch wieder an seinem alten Leiden: Fluß am Bein, Kopfweh und Schwindel, und infolgedessen „Anfechtungen“ des Satans, so daß er sich schon ein Oertlein für ein Grab aussuchte und meinte, unter dem Kreuz in der Kapelle werde er wohl liegen. Davon meldete zwar der Doktor an seine besorgte Ehehälfte kein Wörtlein; er schrieb vielmehr sie neckend: „Sie wollen (in Augsburg) schlechterdings die Mönche und Nonnen wieder im Kloster haben“[284]. Aber sie ahnte es doch, oder erfuhr es auf Umwegen von den Freunden, denen er sein Leiden klagte, oder durch die Boten, die vorbei kamen. Darum schickte sie ihm nicht nur Lenchens Bild, sondern auch seinen Neffen Cyriak in Person samt seinem Präzeptor. Boten mit Briefen und Aufträgen gingen fleißig hin und her: so bestellte Frau Käthe durch Luther Pomeranzen bei Link in Nürnberg, weil es keine in Wittenberg gebe, und sie erfuhr zeitig und ausführlich, wie es auf Koburg und in Augsburg ging, wo der Kaiser sich barsch benahm und Melanchthon gar ängstlich war. Wenn aber zu Wittenberg Sonntags in der Kirche für glücklichen Ausgang des Augsburger Reichstages und für die abwesenden Theologen gebetet wurde, da war Frau Luther wohl von allen Kirchgängerinnen die andächtigste; und zu Mittags bei Tisch mit ihren Tischgesellen und Kinderlein und abends im Kämmerlein allein hat sie für den teuren Mann in der Ferne gefleht, wie er's in jedem Briefe erbittet[285].

Einige Briefe Luthers von der Koburg an seine Hausfrau sind erhalten; so kam um Pfingsten einer[286]:

„Gnad und Friede in Christo.

Liebe Käthe! Ich hab, acht ich, Deine Briefe alle empfangen. So ist dies der vierte Brief, den ich Dir schreibe heut daß Er Johann von hinnen gegangen ist. Lenchen Konterfeit hab ich mit der Schachtel auch. Ich kannte das H… zuerst nicht, so schwarz deucht mir's (zu) sein. Ich halte, wo Du es wilt absetzen von Wöhnen (d.h. entwöhnen), das gut sei weilinger Weise, also daß Du ihr zuerst eines Tages einmal abbrechest, darnach des Tages zweimal, bis es also säuberlich abläßt. Also hat mir Georgen von Grumbachs Mutter, Frau Argula, geraten. Die ist hier bei uns gewest und hat mit mir gessen. Hans Reinicke von Mansfeld auch und George Römer, daß wir müssen an einen andern Ort; es will zu gemeiner Wallfahrt hieher werden.

Sage Meister Christannus[287], daß ich meins Tage schändlichere Brillen nicht gesehen habe, denn die mit seinem Briefe (ist) kommen. Ich konnt nicht ein Stich dadurch sehen. So ist mir auch der Brief an Kunzen Vater nicht geworden. Auch bin ich nicht zu Koburg, (d.h. ich will nicht da zu finden sein); kann ich aber sonst dazu thun, will ich's nicht lassen. Du sollst aber gleichwohl Deine Briefe dem Kastner, (Schloßverwalter) [646], lassen zustellen; der wird sie mir wohl schaffen.

Man beginnt zu Nürnberg und Augsburg zu zweifeln, ob etwas aus dem
Reichstag werde. Der Kaiser verzeucht noch immer in Inspruck. Die
Pfaffen haben etwas vor und gehet mit Kräutern zu. Gott gebe, daß sie
der Teufel besch…. Amen.

Laß den Herrn Doctor Pommer den Brief an D. Wencels lesen.

Eilend. Der Bote wollt nicht harren. Grüße, küsse, herze und sei freundlich allen, jeden nach seinem Stande.

Am Pfingsttag frühe, 1530.

Martin Luther.

Meiner herzlieben Hausfrauen Katharin Lutherin zu Wittenberg zu handen.“

Zu Wittenberg machte damals der Festungsbau den Einwohnern, namentlich auch der Familie Jonas, viel Verdruß und Aufregung; das Kloster blieb einstweilen noch verschont.

Während Luthers Abwesenheit waren im Klosterhause Hieronymus Weller als Präzeptor des kleinen Häuschens. Hieronymus war aber ein von Schwermut geplagter Mann, und es wurde darum dankbar begrüßt, daß auch sein Bruder Peter ins Haus zog, der Präzeptor von Luthers Neffen, Polner. Auch der würdige D. Pommer (Bugenhagen) kam ab und zu ins Schwarze Kloster, um Frau Käthe zu beraten, und Frau Jonas, die allezeit fröhliche, muntere Gattin des in Augsburg abwesenden Stiftspropstes, welche freilich damals ihr zweites Söhnlein bald nach der Geburt verlor[288]. Mit hohem Interesse wurden Luthers Schreiben empfangen und mit vieler Freude im Kreise der zurückgebliebenen Freunde vorgelesen. Großen Jubel bei den Tischgesellen erregte ein humorvoller Brief Luthers vom „Reichstag der Dohlen und Krähen“, dem lustigen Abbild des Augsburger Reichstags. Da wird gar ergötzlich geschildert das Ab- und Zureiten „der Malztürken“, ihr Scharwänzen und Turnieren, ihr „Kecken“ und Kriegsrat wider Korn und Weizen. Und welche Freude erst war's, als goldene Frühäpfel aus Nürnberg mit dem Boten von Koburg für die Tischgesellschaft ankamen! Wie leuchteten aber erst die Augen der Kleinen und seiner Gespielen über den herzigen Märchenbrief Luthers an sein „liebes Söhnichen Johannes“ von dem schönen Paradiesesgarten. Wie hat sich da die Mutter gefreut und Muhme Lene und des Jonas Jost und Melanchthons Lips, die auch in den Garten kommen sollten, und der „Gruß und Putz“ wird der Muhme Lene von dem kleinen Hans ausgerichtet worden sein. Hänschen war ein braver Bub und wird von seinem Präzeptor wegen seines Fleißes und Eifers gelobt[289].

Aber auch ernste Briefe kamen von Koburg an, welche Frau Käthe und die Theologen interessierten und im Lutherhaus gemeinsam gelesen wurden, oder auch unter den Freunden umliefen. Allerdings seine schwersten Sorgen und Schmerzen schrieb Luther nicht darin, aber allerlei Anliegen wegen der Zöglinge und an seine Buchdrucker Schirlenz, Weiß und Rau. So kamen vom 14. und 15. August mit einem Boten zwei Episteln an seine „herzliebe Hausfrau“[290].

„Gnade und Friede in Christo.

Meine liebe Käthe! Dieser Bote lief eilend vorüber, daß ich nichts mehr schreiben konnte, nur daß ich ihn nicht wollte ohne meine Handschrift gehen lassen. Du magst Herr Johann Pommern und allen sagen, daß ich bald mehr schreiben will. Wir haben noch nichts von Augsburg, warten aber alle Stunden auf Botschaft und Schrift. Aus fliegenden Reden haben wir, daß unsers Widerparts Antwort soll öffentlich gelesen sein; man habe aber den Unsern keine Abschrift wollen geben, daß sie darauf antworten möchten. Weiß nicht, ob's wahr ist. Wo sie das Licht so scheuen, werden die Unsern nicht lange bleiben. Ich bin seit Lorenzentag recht gesund gewesen und habe kein Sausen im Kopf gefühlt; das hat mich fein lustig gemacht zu schreiben, denn bisher hat mich das Sausen wohl zerplaget.

Grüße alle und alles; ein andermal weiter. Gott mit euch. Amen. Und betet getrost: es ist wohl angelegt, und Gott wird helfen.

Gegeben am Sonntage nach Lorenzentag, Anno 1530.“

Der Brief war kaum geschrieben, so kam weitere Nachricht von Augsburg.
Luther behielt deshalb den Boten bei sich über Nacht und fügte am andern
Tage noch folgendes hinzu:

„Gnad' und Fried in Christo.

Meine liebe Käthe! Als ich den Brief hatte zugemacht, kamen mir diese Briefe von Augsburg: da ließ ich den Boten aufhalten, daß er sie mit sich nähme. Daraus werdet ihr wohl vernehmen, wie es zu Augsburg mit unsrer Sache steht, fast wie ich im andern Brief geschrieben habe. Laß Dir sie Peter Weilern lesen oder Herrn Johann Pommer[291]. Gott helfe weiter, wie er gnädiglich angefangen hat, Amen.

Jetzt kann ich nicht mehr schreiben, weil der Bote so wegfertig da sitzt und harret kaum. Grüße unsern lieben Sack.

Ich habe Deinen Brief an die Kästnerin (die Kastellanin vom Koburger
Schloß) gelesen, und sie dankt Dir sehr. Hans Polner habe ich Peter
Wellern befohlen: siehe zu, daß er sich gehorsamlich halte. Grüße Hansen
Luthern und seinen Schulmeister; dem will ich bald auch schreiben. Grüße
Muhme Lenen und allesamt. Wir essen hier reife Weintrauben, wiewohl es
diesen Monat hieraußen sehr naß gewesen ist. Gott sei mit euch allen,
Amen.

Aus der Wüsten, am Tage Maria Himmelfahrt 1530.

Mart. Luther.

Wie verdreußt mich's, daß unsere Drucker so schändlich verziehen mit den Exemplaren[292]. Ich schicke solch Exemplar darum hinein, daß sie bald sollen fertig werden — da machen sie mir ein Lagerobst draus. Wollt' ich sie so liegen haben, ich hätte sie wohl hier bei mir auch wissen zu halten. Ich hab' Dir geschrieben, daß Du den Sermon, wo er nicht angefangen, von Schirlenz nehmen und Georgen Rau geben solltest. Ich kann doch wohl denken, daß Schirlenz sein groß Exemplar kaum zu verlegen hat mit Papier. Ist das nicht geschehen, so schaffe, daß es noch bald geschehe und der Sermon aufs förderlichste gefertigt werde.“

Die Abwesenheit des Doktors zögerte sich gar lange hinaus: es wurde
Sommer und wurde Herbst und der Doktor war noch nicht da. Mit Sehnsucht
wurde er erwartet und voll Sehnsucht schrieb er nach Hause. So um „Maria
Geburt“[293]:

„Gnade und Friede in Christo.

Meine liebe Käthe! Dieser Bote lief eilend vorüber, daß ich nicht viel schreiben konnte. Hoffe aber, wir wollen schier selbst kommen; denn dieser Bote bringt uns von Augsburg Briefe, daß die Handlung in unsrer Sache ein Ende habe und man nur wartet, was der Kaiser schließen und urteilen wird. Man hält's dafür, daß es werde alles aufgehoben auf ein künftig Konzilium; denn der Bischof zu Mainz und Augsburg halten noch fest, so wollen der Pfalzgraf, Trier und Cöln nicht zum Unfrieden oder Krieg willigen. Die andern wollten gern wüten und versehen sich, daß der Kaiser mit Ernst gebieten werde. Es geschehe, was Gott will: daß nur des Reichstags ein Ende werde! Wir haben genug gethan und erboten; die Papisten wollen nicht ein Haarbreit weichen; damit wird einer kommen, der sie lehren soll weichen und räumen.

Mich wundert, warum Hans Weiß den Psalm nicht hat genommen. Ich hätt' nicht gemeint, daß er so ekel wäre, ist's doch ein köstlich Exemplar. Schicke hier denselbigen vollends ganz mit und gönn' ihn Georgen Rau wohl. Gefällt das Exemplar Herrn Johann Pommern und Kreuzigern, so laß immerhin drucken. Es ist doch nichts, daß man den Teufel feiert.

Wer Dir gesagt hat, daß ich krank sei, wundert mich sehr, und Du siehest ja die Bücher vor Augen, die ich schreibe. So hab' ich ja die Propheten alle aus, ohne den Ezechiel, darin ich jetzt bin und im Sermon vom Sakrament, ohne was sonst des Schreibens mit Briefen und anders mehr ist. Ich konnte jetzt nicht mehr vor Eilen schreiben. Grüßt alle und alles.

Ich hab' ein groß schön Buch von Zucker für Hansen Luther, das hat Cyriakus von Nürnberg gebracht aus dem schönen Garten. Hiemit Gott befohlen und betet.

Mit Polner mach's nach Rat des Pommers und Kellers.

Aus der Wüsten, am 8. September 1530.“

Als aber die Herren endlich wieder heimkehrten, samt Veit Dietrich, Peter Weller und dem jungen Cyriak, der mit seinem Lehrer das Schauspiel des Reichstag in Augsburg und die berühmte Stadt Nürnberg hatte besuchen dürfen, da war ein Erzählen am Eichentisch im Wohnzimmer und unten im Hof unterm Birnbaum, während der vierjährige Studiosus Hans sich an seinem Nürnberger Zuckerbuch erlustierte.

Ruhiger gingen die folgenden Jahre hin. Freilich wiederholten sich die beängstigenden Schwindelanfälle beim Doktor, so daß er im Herbst 1531 eine Erholungsreise zu Gevatter Hans Löser nach Schloß Pretzsch machte, um durch die Bewegung das Sausen loszuwerden. Da ging er viel spazieren, fuhr auch zur Jagd[294].

Von Mansfeld waren auch die Großeltern einigemal nach Wittenberg herübergekommen, obwohl das keine kleine Reise war; da schickte der Stadtrat „Doktoris Martini Vater“ einen Ehrentrunk. Dann herrschte große Freude im Kloster und der Doktor konnte eine Vergleichung anstellen zwischen seiner harten Jugend und der Zärtlichkeit der alten Leute gegen die Enkel und merken, daß die Großeltern ihre Kindeskinder lieber haben als ihre eigenen Kinder. Als im Anfang 1530 Bruder Jakob von Mansfeld schrieb, der Vater wäre „fährlich krank“, wäre Luther aus der Maßen gern selbst kommen; aber er durfte es dorthin der Bauern und des Adels wegen nicht wagen. Aber große Freude sollt es ihm sein, schrieb er, wo es möglich wäre, daß der Vater samt der Mutter sich ließe herbeiführen nach Wittenberg, was auch „Käthe mit Thränen begehrte“, in der Hoffnung, sie aufs beste zu warten. Dazu wurde Cyriak in seine Vaterstadt abgefertigt, zu sehen, ob das möglich wäre. Aber die alten Leute konnten sich begreiflicherweise nicht zu diesem Umzug entschließen. Und nicht lange darauf, als Luther auf der Koburg saß, starb der Vater. Im Sommer des folgenden Jahres erkrankte die Großmutter. Das erregte großes Leid in der Familie; Luther schrieb inmitten der Kinderschar einen Trostbrief: darin schildert er gar anschaulich das echt kindliche Benehmen der beiden eigenen Kinder und der andern Enkel, welche im Klosterhause lebten: „Es bitten für Euch alle Eure (Enkel-) Kinder und meine Käthe; etliche weinen, etliche essen und sagen: Die Großmutter ist sehr krank.“ Am 30. Juni schied auch sie vom Leben[295].

Von den Enkeln hatten freilich die Großeltern höchstens die drei ersten gesehen: Hans, Elisabeth und Lenchen. Erst nach ihrem Tode kam der vierte auf die Welt am Vorabend von Luthers Geburtstag und bekam deshalb den Namen Martin. Es war gerade zur Zeit als die Bauern, wie man ihnen nachsagte, eine künstliche Teuerung zu stande brachten. Fünfviertel Jahre später (am 28. Januar 1533) stellte sich Paul ein und endlich am Ausgang des folgenden Jahres das Jüngste, Margarete. Schon 1533 war der siebenjährige Erstgeborne — gewiß nur, wie andre Professorensöhne, der Ehre halber — bei der Universität als akademischer Bürger angenommen worden, zugleich mit seinen Vettern Fabian und Andreas Kaufmann[296].

In diesem Jahre 1533 war Luther wieder einen ganzen Monat krank an
Kopfleiden[297].

Im Februar 1534 kam seine Schwester zu Besuch nach Wittenberg. Da tischte Frau Käthe für die Schwägerin köstlich auf und ließ Hechte kommen aus den kurfürstlichen Teichen[298].

Seitdem Johann Friedrich Kurfürst geworden, war Luther gar oft zu dem ihm vorher schon sehr befreundeten neuen Landesherrn allein oder mit andern Theologen nach Torgau geladen, wo er predigte, disputierte und bei Tisch in ernstem und fröhlichem Gespräch verblieb. Von dort sandte der Doktor auch einmal an „seinen freundlichen lieben Herrn, Frau Katharina von Bora, D. Lutherin zu Wittenberg“ einen heiteren Brief[299]:

„Gnade und Friede in Christo.

Lieber Herr Käthe! Ich weiß Dir nichts zu schreiben, weil Magister Philipps samt den andern selbst kommen. Ich muß länger hier bleiben, um des frommen Fürsten willen. Du magst denken, wie lange ich hier bleiben werde, oder wie Du mich los machst. Ich halt', M. Franciscus wird mich wieder los machen, wie ich ihn losgemacht habe, doch nicht so balde.

Gestern hatt' ich einen bösen Trunk gefaßt, da mußt' ich singen. Trink' ich nicht wohl, das ist mir leid und thät's so recht gerne, und hab gedacht, wie gut Wein und Bier hab' ich daheime, dazu eine schöne Frauen oder (sollt' ich sagen) Herrn. Und Du thätest wohl, daß Du mir hinüberschicktest den ganzen Keller voll meines Weines und eine Flaschen Deines Biers, so oft Du kannst. Sonst komme ich vor dem neuen Bier nicht wieder. Hiermit Gott befohlen samt unsern Jüngern und altem Gesinde, Amen.

Mittwoch nach Jakobi, 1534.

Dein Liebchen

Mart. LutheR, D.“

Im Jahre 1535 kam der päpstliche Gesandte Kardinal Vergerius durch Wittenberg; mit glänzendem Gefolge, zwanzig Pferden und einem Esel zog er ins Schloß und ließ Luther dahin einladen. Der ließ sich schön schmücken, hängte eine goldene Kette um und fuhr mit Bugenhagen, als der deutsche Papst mit Kardinal Pomeranus, ins Schloß, wo er dem Legaten gegenüber, wie er sich vorgenommen hatte, den rechten Luther spielte. Da erzählte er auch dem Kirchenfürsten, um ihn zu ärgern, von seiner Frau, der ehrwürdigen Nonne, und seinen fünf Kindern, von denen der Erstgeborene hoffentlich ein großer evangelischer Theologe werden würde [300].

Während dieser Zeit waren mancherlei Verändernden im Kreise der Lutherschen Hausgenossen eingetreten. Natürlich wechselte von Jahr zu Jahr die Tafelrunde der jugendlichen Kostgänger durch Abgang oder Zugang zur Schule. Aber es starb auch einmal ein Schüler. So aus Nürnberg Hans Zink Ostern 1531. Er war allen ein gar lieber Bube, sonderlich dem Hausvater, indem er den Discant bei der abendlichen Hausmusik sang; aber auch weil er fein still und züchtig (sittsam) und im Studium sonderlich fleißig war, so daß allen gar wehe geschehen ist durch seinen Abscheid. Frau Käthe sparte zu seiner Pflege nichts an Fleiß, Sorge und Arzenei, um das fremde liebe Kind wo nur möglich zu retten und zu erhalten. Aber die Krankheit wurde übermächtig über die Pflege, und der Knabe ist Gott noch viel lieber gewesen als den Lutherschen, der hat ihn wollen haben. Das meldete Luther im Trauer- und Trostbrief den betrübten fernen Eltern. Auch später kamen solche Sterbefälle noch vor; ja es starben Ostern 1544, als in Wittenberg die Masern grassierten und auch Luthers Kinder alle daran darniederlagen, auf einmal zwei Zöglinge, ein wohlgeschickter Knabe aus Lüneburg und ein Straßburger. Das war keine kleine Verantwortung, welche Luther und besonders Käthe zu tragen hatte. Das jüngste, Margaretlein, hatte als Nachwehen 10 Wochen ein schweres hitziges Fieber und kämpfte noch vor Weihnachten um Gesundheit und Leben [301].

Der Diener Johannes Nischmann, der mehrere Jahre der Familie treulich und „fleißig gedienet, dem Evangelium gemäß sich demütig gehalten und alles gethan und gelitten“, zog Lichtmeß 1534 aus dem Schwarzen Kloster mit 5 fl. Lohn und einem guten Zeugnis. Von einem andern dagegen ging ein böses Geschrei aus, daß er sich von einem wenig achtbaren Mädchen hätte verführen lassen[302].

Schmerz und Verdruß bereiteten den Lutherischen Eheleuten in dieser Zeit aber auch ihre Verwandten.

Zunächst Katharinas Brüder. Da war Hans aus Preußen heimgekehrt, um das Gut Zulsdorf zu übernehmen, hatte eine Witfrau des von Seidewitz, eine geborene Marschall, mit einem oder mehrern Kindern geheiratet[303]; er konnte aber von dem Gütchen nicht recht leben und seinen Dienst am preußischen Hofe auch nicht mehr erhalten — und seine Ehe soll auch nicht glücklich gewesen sein. Daher mußte Käthe ihren Gatten um manche Bittschrift für ihn angehen. Ebenso machte Bruder Clemens Sorge, welcher gleichfalls in Preußen wegen Beteiligung an einer Schlägerei seine Stelle bei Hof verlor und, wie es scheint, nicht mehr in „vorigen Stand kommen“ konnte, trotz der Fürbitte der evangelischen Bischöfe von Samland und Pomesan an den Herzog, ihn wieder zu Gnaden anzunehmen, „damit er D. Martino und seiner geliebten Hausfrau nicht eine Betrübnis, dazu Schimpf und Spott sei und also im Land hin und wieder und endlich hinaus ziehet“. Der Herzog „wolle ihn doch mit einem Klepper und Zehrung und gnädiger Fürschrift an den Kurfürsten von Sachsen abfertigen“[304].

Näher noch gingen den beiden Ehegatten allerlei Erlebnisse mit den
Kindern im Hause, den eignen und noch mehr den fremden.

Mit der Anzahl der Kinder wuchs auch die Erfahrung der jungen Eheleute in der Zucht und Erziehung. Zu Anfang, als einmal eines der jungen Kindlein schrie und weinte, daß es niemand stillen konnte, waren Käthe sowohl wie Luther eine ganze Stunde traurig und bekümmert. Später erkannten sie und der Vater sprach es aus: „Wenn junge Kinder recht schreien, so wachsen sie wohl; denn durch Schreien dehnen sich die Glieder und Adern auseinander, weil sie sonst keine andere Uebung haben, sich zu bewegen“[305].

Als die Kinder größer wurden, gab es natürlich allerlei Unarten und Vergehungen, und zwar sowohl bei den eignen, wie bei den angenommenen Waisen. Das „Tauschen“ („Fuggern“ nannte man's später nach dem damals berühmten Augsburger Handelshause) war natürlich auch bei den Lutherskindern üblich. Ja, auch das „Stehlen“ („Schießen“ nannte man es auch nach den „Schützen“ d.h. jungen fahrenden Schülern, den tirones oder Plänklern in Vergleichung mit der römischen Heeresordnung). Das war nun beides recht verpönt im Luther-Hause, freilich wurde bei Eßwaren, namentlich Obst, als Kirschen, Aepfeln, Birnen, Nüssen, die Strafe gelinder bemessen. Aber wenn einmal etwas anderes genommen wurde, dann gab es böses Wetter im Hause. Ganz besonders aufgebracht werden konnte der heftige Hausvater wegen Ungehorsams: Gehorsam hielt er mit andern Pädagogen für die erste Tugend der Kinder. Darum ließ er seinen Erstgeborenen einmal drei Tage lang nicht vors Angesicht kommen und Frau Käthe mußte ihre ganze Ueberredungskraft und die Fürsprache von Freunden anwenden, um den erzürnten Vater umzustimmen[306].

Im Jahre 1536 that Luther seinen Erstgebornen schon aus dem Hause zu
einem tüchtigen Schulmeister. — Die Unruhe war im Kloster gar zu groß.
Später — 1542 — kam er wieder fort zu dem berühmten Präzeptor Crodel in
Torgau[307].

Manchen Aerger hatten Luther und Käthe auch mit den fremden Kindern, namentlich den Neffen.

Man wird frelich kein großes Aufhebens zu machen haben, wenn Luther einmal sagt: „Wenn ich meinen Enders (d.i. Andreas Kaufmann) nicht hätte gestrichen, von seiner Untugend über Tisch gesagt und ihm Zucker und Mandelkerne gegeben hätte, so hätte ich ihn schlimmer gemacht.“ Aber von Martin (seines Bruders Sohn) erzählte Luther: „Derselbe hat mich einmal also erzürnt und getötet, daß ich ganz von meines Leibes Kräften gekommen bin.“ Als Fabian von Bora mit Hans Luther 1542 nach Torgau kam, ließ er sich auf der Reise dahin verleiten, dem kleinen Paul Luther ein Messer zu nehmen und dem Schulmeister Crodel vorzulügen, der Oheim habe es ihm gegeben, während er vorher dergleichen nie gethan. Darüber erzürnte Luther mächtig und diktierte dem armen Sünder drei Tage hintereinander Streiche[308].

Begreiflicherweise vertuschte auch die Mutter und Hausfrau gar manches, was bei den Kindern und dem Gesinde in dem großen Haushalt vorfiel, vor dem heftigen Mann, so daß er in hellem Zorn aufflammen konnte: „Wenn sie sündigen und allerlei Büberei treiben, so erfahre ich's nicht; man zeigt mir's nicht an, sondern hält's heimlich vor mir“[309].

Es war aber freilich nicht allein die Furcht vor des Doktors Zorn, sondern doch auch die Rücksicht auf den vielbeschäftigten und viel geärgerten Mann, was die Gattin bewegen mußte, ihn mit den häuslichen Widerwärtigkeiten möglichst zu verschonen. Er sollte vor allem an den Kindern sich erfreuen. Denn diese Freude an den Kindern war Luther freilich die größte und schönste und er war einigermaßen eifersüchtig auf „Muhme Lene“, welche sie ihm „vorwegnahm“, da die Kinder so an ihr hingen und so viel um sie waren[310]. Luther wollte seine Kinder nicht so hart erzogen haben, wie es ihm ergangen war. Aber für Bosheit und Schalkheit und Schaden sollten sie gestraft werden und es ihnen nicht nachgesehen werden. Das war gewiß auch Frau Käthes Meinung und jedenfalls war sie mit ihres Mannes Anschauung einverstanden: eines Geistlichen Kinder müßten ganz besonders wohlgezogen sein, auf daß andere Leute davon erbaut und ein gut Exempel nähmen; ungezogene Pfarrkinder gäben andern „ein Aergernis und Privilegium zu sündigen“. Dasselbe galt auch vom Gesinde. Denn, sagt Luther, „der Teufel hat ein scharpf Aug auf mich, damit er meine Lehre verdächtig mache oder gar einen Schandfleck anhänge.“ Daher war es ein aufregendes Ereignis, als ein Mädchen in Luthers Hause sich übel aufführte[311].

Nach Muhme Lene's Abscheiden nämlich (1537) nahm das Luthersche Ehepaar eine gefährliche Person ins Haus. Sie kam zu Luther, nannte sich Rosine von Truchses und gab vor, eine arme Nonne aus hohem Geschlecht zu sein. Da Luther aber scharf in sie drang, so bekannte sie, sie wäre eine Bürgerstochter aus Minderstadt in Franken; ihr Vater sei im Bauernaufruhr geköpft worden; sie irre als verwaistes Kind umher und bitte um Gotteswillen ihr zu verzeihen und sich ihrer zu erbarmen. Der gutherzige Mann that es. Das Jüngferlein bezeugte sich gar sittsam und artig, wußte sich in Gunst zu setzen und das Vertrauen aller im Hause zu erschleichen, besonders sich bei den Kindern wohl anzumachen. Aber es war ein schlechtes Weibsbild, das sich in das Haus gedrängt hatte. In Keller, Küche und Kammer kam allerlei weg; niemand wußte, wer der Dieb war. Weiter lockte sie allerlei junge Leute an sich, die sie mit ihrer angeblich hohen Abkunft beschwindelte, und trieb Unzucht mit ihnen. Endlich entdeckte Frau Käthe die Sache und entfernte, während Luther auf einer Reise war, die Person in aller Stille aus dem Hause. Luther war froh, daß er nichts von allem gewußt hatte und daß sie jetzt fort sei. Aber die Schwindlerin zog umher in allen Pfarrhäusern, berühmte sich ihrer Bekanntschaft mit dem großen Doktor und seinem Hause, log, trog und stahl weiter. Immer von neuem tauchte sie auf, zuletzt nach mehreren Jahren noch in Leipzig, so daß Luther dorthin an den Richter Göritz, seinen Gevatter, schreiben mußte, um ihrem Unfug ein Ende zu machen. Luther litt unendlich unter dieser Schmach, die seinem Hause widerfahren, und meinte, die Papisten hätten ihm diese Teufelsperson auf den Hals geschickt. Aber auch Frau Käthe mußte es schwer tragen und dazu noch die Vorwürfe ihres Mannes, welcher zürnte, daß man dieses Weibsbild hatte entkommen lassen und nicht gleich in der Elbe ertränkt habe. Er meinte durch diese Erfahrung gewitzigt zu sein, und doch bekam er vor seinem Ende noch eine „andere Rosine“ ins Haus, die ihm den Aufenthalt in Wittenberg verleiden half[312].

Ein anderes Vorkommnis setzte Frau Käthe 1538 hart zu. Ein Tagelöhner arbeitete oft bei ihr, ein fleißiger und braver Mensch, nüchtern sanfter wie ein Lamm, aber in der Trunkenheit ein Krakehler. An einem Sonntag lief er in der ganzen Stadt herum und prahlte, er sei Famulus bei Luther, und in der Aufregung schlug er jemand tot. Dann ward er nüchtern, nahm mit Thränen Abschied von Frau Luther und wurde flüchtig. Ein Weib und drei Kinder, die er im größten Elend zurückließ, fiel natürlich Frau Käthe zur Last[313].

11. Kapitel

Hochzeiten und Krankheiten, Pest und Tod.

Besondere Geduld und Liebe, Vorsicht und Weisheit mußten die Eheleute brauchen in der Behandlung der ihnen anvertrauten Kinder.

Die verwaiste Pflegetochter Lenchen Kaufmann, „Mühmchen Lene die Jüngere“, fing in noch recht jugendlichem Alter eine Liebelei mit Magister Veit Dietrich an, der mit seinen sechs Scholaren im Schwarzen Kloster lebte. Nun war Luther zwar der Meinung des Sprichworts: „Früh aufstehn und jung freien“ und ist öfters für junge ehrbare Leute, die sich einander gern hatten und zu einander paßten, bei ihren Eltern um ihre Einwilligung eingetreten und hat sie gegen Eigensinn und Selbstsucht der Väter und Mütter in Schutz genommen und zusammengebracht. So hatte er sich auch schon 1523 eines Mädchens aus Torgau angenommen, welchem der kurfürstliche Barbier die Ehe versprochen und zum Unterpfand einen Ring gegeben und mit ihr eine Münze geteilt hatte[314].

Aber er wußte auch, daß es zu früh und ungeschickt sein könnte, das konnte er an Melanchthons Töchterlein merken, welches auch als kaum vierzehnjähriges Kind sich in einen begabten, aber leichtsinnigen jungen Poeten verliebt hatte und, da die Eltern unbedacht nachgaben, einen unglücklichen Ehestand erlebte. Luther meinte, „es wäre nicht ratsam, daß junge Leute so bald in der ersten Hitze und plötzlich freiten; denn wenn sie den Fürwitz gebüßt hätten, so gereuete sie's bald hernach und könnte keine beständige Ehe bleiben; es käme das Hündlein Reuel, das viele Leute beißt“. Bestärkt wurde Luther in dieser Anschauung durch seine Ehefrau, welche dem Veit Dietrich überhaupt nicht ganz hold war. Das Jüngferlein Lene wollte natürlich die Stimme der Vernunft nicht hören und zeigte sich ungebärdig, so daß Luther sogar einmal meinte, „man sollte sie mit einem guten Knüttel züchtigen, daß ihr das Mannnehmen verginge“[315].

Der Herr Magister Veit zog nun aus dem Hause und warf seinen Zorn vor allem auf Frau Käthe, der er Herrschsucht und Habsucht vorwarf (1534).

Aber als Bäschen Lene zu ihren vollkommenen Jahren gekommen war (1538) und der Rechte kam, der auch mit Vorwissen der Pflegeeltern um sie freite, da gaben diese ihre freudige Einwilligung. Es war M. Ambrosius Berndt aus Jüterbog, ein gesetzter, „recht frommer (braver) Mann, der Christum lieb hatte“, seit einem halben Jahr, wo ihm seine junge Frau im ersten Kindbett samt dem Knäblein gestorben war, kinderloser Witwer, Professor der Philosophie und Schöffer in Wittenberg, ein Amtsgenosse und guter Bekannter und Gevattersmann der Lutherschen Familie. Von dieser Verlobung und Hochzeit ist uns in den Tischreden Eingehendes berichtet[316].

Martini 1538 beging Luther seinen Geburtstag. Dazu hatte Frau Käthe, wie gewöhnlich einen festlichen Schmaus gerichtet und viele Freunde, Jonas, Kreuziger, Melanchthon, auch die fremden Gäste Camerarius und Bucer, welche damals in Wittenberg waren, eingeladen. Auch der Freier und Lenchen Kaufmann waren zugeben. Vor dem Essen — es war ein Nachtmahl — ließ nun der M. Ambrosius bei Luther „öffentlich werben um des Doktors Muhme Magdalene, daß er ihm dieselbige wollte zur Ehegattin geben, wie er ihm zuvor zugesagt“. Da nahm D. Martinus die Jungfrau bei der Hand und sagte: „Lieber Herr Schöffer und Gevatter! Allhie habe ich die Jungfrau, wie mir sie Gott gegeben und bescheret hat, die überantworte ich Ihm. Gott gebe seinen Segen und Benedeiung, daß sie wohl und christlich mit einander leben!“

Die Gäste wünschten Glück; man setzte sich zur Mahlzeit und waren alle fröhlich und guter Dinge. Luther sprach vom Freien und der Freiheit eines neuen Bräutigams, vom Kriegsdienst und allen andern Lasten und Bürden.

Als die Brautleute so eifrig und heimlich mit einander sprachen und die Gesellschaft um sich her vergaßen, lächelte der Doktor und sagte: „Es wundert mich, daß doch ein Bräutigam mit der Braut so viel zu reden hat. Ob sie auch müde werden können? Aber man darf sie nicht vexieren, denn sie haben Freibriefe über alle Macht und Gewohnheit.“

Die Brautleute bekümmerten sich nun um die Herrichtung der Hochzeit und das Gästebitten. Da sprach der Doktor: „Seid unbekümmert, solches geht euch nichts an. Wir wollen bedacht sein auf solch zufällig Ding, das nicht zum Wesen des Ehestandes gehört.“

So schrieb denn Luther an den Fürsten von Anhalt um den Wild-Festbraten: „Ich bitte ganz demütig, wo Ew. Fürstl. Gnaden so viel Uebrigs hätten, wollten mir einen Frischling oder Schweinskopf schenken; denn ich soll bis Mittwoch mein Waislein, meiner Schwester Tochter versorgen.“ Der Wildbraten blieb natürlich nicht aus und Frau Käthe bereitete ihn zu, auch der Stadtrat schickte zum Hochzeitsmahl ein „Stübchen“ Frankenwein und vier Quart Jüterbogischen Wein — also aus des Bräutigams Heimat[317].

So richteten nun die Pflegeeltern ihrer Nichte Hochzeit aus und sorgten dafür, daß es fröhlich zuging und auch die Verwandten aus Mansfeld und Eisleben eingeladen wurden. Luthers Lieblingsbruder Jakob kam herüber und sogar zwei Vatersbrüder. Der Schulmeister mit den Sängern wurde bestellt, und während Frau Käthe buk, briet und kochte, kostete der Doktor die Weine im Keller. Er meinte: „Man soll den Gästen einen guten Trunk geben, daß sie fröhlich werden: denn wie die Schrift sagt, das Brot stärkt des Menschen Herz, der Wein aber macht ihn fröhlich.“ Es sollte überhaupt in christlicher Fröhlichkeit bei Hochzeit zugehen, nach dem Grundsatz: „Bei der Hochzeit soll man die Braut schmücken, soll essen, trinken, schön tanzen und sich darüber kein Gewissen machen, denn der Glaube und die Liebe läßt sich nicht austanzen noch aussitzen, so du züchtig und mäßig darinnen bist.“ Beim Hochzeitsschmaus selbst sorgte Luther für fröhliche Unterhaltung und allerlei Rätselaufgaben. So fragte er den „schwarzen Engländer“ (wahrscheinlich Robert Barns, der seit 1533 in Wittenberg studierte und zur Hochzeit geladen war): „Wie wollt Ihr Wein in einen Keller legen nicht eingeschroten und nicht eingefüllt?“ Der Engländer wußte es nicht; Luther aber sagte: „Man bringt Most hinein, so wird schon Wein daraus; das ist eine natürliche Magie und Kunststück.“ Weiter fragte er, welches die breiteten Wasser zu Lande wären? Antwort: „Der Schnee, Regen und Tau“[318].

Dem neuen Ehepaare legte aber Luther einen seinen Spruch der Alten ans Herz; der Braut: „Liebe Tochter, halte Dich also gegen Deinen Mann, daß er fröhlich wird, wie er auf dem Heimwege die Spitze des Hauses sieht.“ Und dem Bräutigam: „Es soll der Mann leben mit seinem Weibe, daß sie ihn nicht gerne siehet wegziehen und fröhlich wird, so er heimkommt“[319].

Diesen fröhlichen Tagen sind schwere Jahre vorausgegangen und gefolgt.

Schon 1535 war die Pest wieder in Wittenberg eingekehrt. Obwohl der Kurfürst Luther dringend mahnte, der Gefahr aus dem Wege zu gehen, meinte er doch, es sei nichts Rechtes an der Sache, er glaubte nicht daran und spottete darüber in seinem Brief an den Kurfürsten: sein „gewisser Wetterhahn“, der Landvoigt Hans Metzsch, hätte sonst mit seiner Spürnase schon die Pestilenz gespürt. Luther meinte, die Studenten hörten das Pestgeschrei gern, sie kriegten die Beule auf dem Schulsack, die Kolik in den Büchern, den Grind an den Federn, die Gicht am Papier; vielen sei die Tinte schimmlich geworden, oder sie hätten die Mutterbriefe gefressen und das Heimweh bekommen: da müßten die Eltern und die Obrigkeit eine starke Arznei wider solch Landsterben verschreiben. Der Teufel scheine Fastnacht mit solchem Schrecken zu halten oder Kirmes in der Hölle zu feiern mit solchen Larven. Die Sache ging auch bald vorüber[320].

Ernster wurde es aber 1537. Zu Lichtmeß dieses Jahres mußte Luther auf den Schmalkaldener Konvent. Er fuhr in eigenem Wagen mit Käthes Pferden. Käthe sah ihren Gatten nicht ohne Sorgen abreisen; denn er war nicht ganz wohl, das Wetter unwirtlich, die Wege schlecht, fremde Betten und Mahlzeiten und das ungewohnte Leben waren ihm nicht zuträglich, wie sie schon von früheren Reisen wußte. Er fühlte sich nirgends so wohl wie daheim, mit seinem gewohnten Essen und Trinken und Arbeiten. Luther erkältete sich denn auch zu Schmalkalden in seiner unbequemen Herberge in den feuchten „hessischen Betten“ und verdarb sich an dem schweren, festen Hofbrot den Magen. Sein Steinleiden stellte sich mit einer unerhörten Heftigkeit ein; über vierzehn Tage lang dauerte es und verursachte die rasendsten Schmerzen, so daß er sich den Tod wünschte und seine Umgebung seinen Tod voraussah. Die Fürstlichen Leibärzte wußten ihm nicht zu helfen und sie marterten ihn mit Roßkuren. Daher wollte Luther lieber daheim sterben und sich von seinem Weibe zu tot oder gesund pflegen lassen und ließ sich am 26. Februar aus Schmalkalden in kurfürstlichem Gefährt wegfahren gen Wittenberg[321].

Hier hatte Jonas zu Anfang mehrere Briefe von Luther aus Schmalkalden empfangen. Im ersten meldete er, daß er gleich nach seiner Ankunft einen Stein überstanden habe, sonst schrieb er aber vergnügt, und fünf Tage darauf, daß der Valentinstag ihn valentulum d.h. zum Rekonvaleszenten gemacht habe. Vier Briefe aber an Käthe waren nicht an sie gelangt: wahrscheinlich waren sie von den ängstlichen Freunden vorsorglicherweise zurückgehalten worden. Aber sie hatte doch Gerüchte gehört und nicht geruht, bis wenigstens Jonas mit der Nichte Luthers dem kranken Mann entgegenreiste. Frau Käthe erhielt erst später, als es wieder besser ging, folgenden Brief ihres Mannes aus Gotha[646]:

„Gnade und Friede in Christo!

Du magst dieweil andere Pferde mieten zu Deiner Notdurft, liebe Käthe; denn mein gnädiger Herr wird Deine Pferde behalten und mit dem Mag. Philipp heimschicken. Denn ich selber gestern von Schmalkalden aufgebrochen auf meines gnädigen Herrn eigenem Wagen daher fuhr. Ist die Ursach, ich bin nicht über drei Tag hier gesund, und ist bis auf diese Nacht vom ersten Sonntag an kein Tröpflein Wasser von mir gelassen, hab' nie geruhet noch geschlafen, kein Trinken noch Essen behalten mögen. Summa, ich bin tot gewesen, und hab' Dich mit den Kindlein Gott befohlen und meinem guten Herrn, als würde ich euch nimmermehr sehen; hat mich euer sehr erbarmet, aber ich hatte mich dem Grabe beschieden. Nun hat man so hart gebeten für mich zu Gott, daß vieler Leute Thränen vermocht haben, daß mir Gott diese Nacht geholfen hat und mich dünkt, ich sei wieder von neuem geboren.

Darum danke Gott, und laß die lieben Kindlein mit Muhme Lenen dem rechten Vater danken; denn ihr hättet diesen Vater gewißlich verloren. Der fromme Fürst hat lassen laufen, reiten, holen und mit altem Vermögen sein Höchstes versucht, ob mir möcht' geholfen werden; aber es hat nicht wollen sein. Deine Kunst hilft nicht mit dem Mist[322]. Gott hat Wunder an mir gethan diese Nacht und thut's noch durch frommer Leute Fürbitte.

Solches schreib' ich Dir darum, denn ich halte, daß mein gnädigster Herr habe befohlen dem Landvogt, Dich mir entgegen zu schicken, da ich ja unterwegen stürbe, daß Du zuvor mit mir reden oder mich sehen möchtest; welches nun nicht not ist und magst wohl daheim bleiben, weil mir Gott so reichlich geholfen hat, daß ich mich versehe, fröhlich zu Dir zu kommen. Heute liegen wir zu Gotha. Ich habe sonst viermal geschrieben, wundert mich, daß nichts zu euch kommen ist.

Dienstags nach Reminiscere. 1537.

Martinus Luther.“

Wie mag das arme Weib erschrocken sein über diese unglückliche Kunde! und wie hätte sie erst gebangt, wenn sie gewußt hätte, daß am folgenden Tag der tödliche Anfall sich wiederholte, bis wieder sechs Steine von ihm gingen. Käthe fuhr nun ihrem Manne entgegen nach Altenburg, wo Freund Spalatin als Pfarrer lebte. Bei diesem bereitete sie nun eine Herberge, bis Jonas und die Muhme Lenchen mit dem Kranken von Weimar her ankamen. Im gastlichen Altenburger Pfarrhaus pflegte Käthe den Erschöpften einige Tage und fuhr dann mit ihm Mitte März langsam an Kloster Nimbschen vorbei, mit einem Aufenthalt in Grimma nach Wittenberg heim, wo sie am 14. März ankamen[323].

Langsam nur erholte sich Luther; an allen Knochen wie zerschlagen, konnte er sich kaum auf den Beinen halten, so erschöpft war er. Er lernte wieder essen und trinken: die Ruhe und Käthes sorgliche Pflege brachte ihn allmählich wieder zu Kräften. Acht Tage darauf konnte er wieder die feiernde Feder ergreifen und seinen Dankesbrief an Spalatin schreiben. Frau Käthe, die in der Bestürzung den Töchtern Spalatins nichts mitgebracht hatte, wollte ein paar Bücher binden lassen und zum Andenken schicken. Ueber die Osterzeit hat Luther dann wieder fleißig gepredigt. Aber als er später wieder in die Hessenstadt zum Konvent gehen sollte, hielt Käthe ihren Gatten zurück und er selbst warnte die Freunde vor „den hessischen Betten“[324].

In diesem Jahre ging auch Muhme Lene heim und mit ihr ein guter Hausgeist, eine Stütze der Hausfrau, eine geliebte Freundin und Hüterin der Kinder. Der Ersatz, den Frau Käthe für sie suchte und erhielt in „Muhme Lene“ der jüngeren, ihrer leichtherzigen Nichte, und gar in fremden Stützen der Hausfrau, war ein sehr zweifelhafter[325].

In diesem Jahre 1537 hatte Frau Käthe noch einen schweren Fall von
Krankenpflege in ihrem Hause: nämlich die Kurfürstin Elisabeth von
Brandenburg.

Die arme Frau war schon 1534 kränklich, bald besser, bald schwerer. Damals war sie in Wittenberg. Luther mußte aber auch öfter zu ihr nach Schloß Lichtenberg reisen. Im Todesjahre ihres Gemahls, 1537, aber, als sich ihr Zustand zu einer Geistesstörung ausgebildet hatte, war sie zur Verpflegung in Luthers Haus, wohl auf des Kurfürsten von Sachsen Veranlassung. Nach langem Fiebertraum erwachte sie im September, war aber so blöde und kindisch, daß sie wenig verstand. Frau Käthe saß bei ihr auf dem Bette und schweigete sie[326]. Darauf wollte ihre Tochter, Fürstin Margarete von Anhalt, mit Gefolge zum Besuch der kranken Mutter kommen, natürlich womöglich auch in Luthers Behausung. Aber diese konnte man nicht auch noch aufnehmen; war doch das große Haus genug belegt; auch in der Stadt, die als Festung so eng gebaut war und jetzt so besucht von Studenten, war jedes Haus bis in den kleinsten Winkel vollgepropft. So mußte man den Besuch ablehnen, aber versichern, daß alles angewendet werde, um die Genesung der Kurfürstin zu beschleunigen[327]. Die andere Tochter der Kurfürstin, Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Calenberg, welche einst ihre Mutter wegen des evangelischen Abendmahls an den Vater und eine ungünstige Aeußerung Luthers über Herzog Georg an diesen verraten hatte, kam öfter zum Besuch ihrer kranken Mutter in Luthers Haus; und dieser Umgang brachte sie dazu, daß sie selbst evangelisch wurde und nach dem Tode ihres Gemahls als Regentin des Landes in Braunschweig die Reformation einführte. Sie wurde sehr befreundet mit Luther und Käthe, schickte ihr einmal eine Sendung Käse und bekam dafür Maulbeer- und Feigen-Setzlinge[328].

Aber der Zustand der armen „Markgräfin“ war ein trauriger und noch monatelang mußte sie Käthe pflegen. Dabei trugen sich allerlei ärgerliche Zwischenfälle zu, namentlich durch die Zudringlichkeit unberufener Leute: so drängte sich eine schmutzige Böhmin ins Haus, ins Gemach und an die Seite der Fürstin, suchte für sich Gunst und andern Ungunst zu erregen. Eine Zeitlang ging es noch gut; als die Kranke aber Geld ausgezahlt bekam, da fing es wieder an, sie verschwendete maßlos an jedermann ohne Unterschied; auch den Lutherischen Eheleuten wollte sie zwei Stürzbecher mit 100 Goldgulden darin schenken. Dazu machte sie immer Reisepläne und schrieb heimlich überallhin und wollte durchaus fort aus Wittenberg[329].

Luther und Käthe wären die unruhige Patientin, über die sie nicht völlige Gewalt hatten, mit der vielen Unmuße gerne losgewesen, mußten aber warten, bis der Hofhalt in Lichtenberg wieder eingerichtet war[330].

Die greise Kurfürstin wurde nachher wieder gesund und überlebte noch
Luther.

Nachdem das Jahr 1538 ebenfalls ein „fährlich schwer Jahr“ gewesen wegen der mancherlei Krankheiten, spukte im Spätherbst 1539 die Pest wieder im Lande. Die Leute hatten eine furchtbare Angst, der Bruder ließ den Bruder, der Sohn die Eltern im Stich; wenn ein Haus angesteckt war, wurde es niedergerissen. Kein Bauer wollte Holz, Eier, Butter, Käse, Korn in die verseuchte Stadt fahren. Da mußten die Wittenberger zwei Plagen für eine leiden: Pestilenz und Hunger und Frost. Die Bauern luden endlich ihre Sachen draußen vor den Thoren ab und die Städter mußten sie auflesen[331].

Luther freilich nahm wie gewohnt „das Pestlein“ leicht und hielt es nur für eine Seuche. Er zürnte und spottete über die Pestfurcht: „Ich halt, der Teufel hat die Leut besessen mit der rechten Pestilenz, daß sie so schändlich erschrecken.“ Ja, er trotzte der Krankheit, um Tod und Teufel zu verachten. Als er einmal einen Pestkranken besuchte, betastete er ohne Scheu dessen Beulen. Und er war so sorglos, daß er, als er heimkam, sogar mit ungewaschenen Händen sein Töchterlein Margarete unbedacht um den Mund streichelte — es schadete freilich nichts. Ja, als die Gattin des Kosmographen Dr. Sebald Münster an der Seuche starb und dieser selbst an sieben Beulen litt, nahm Luther zum Entsetzen der Wittenberger die vier Kinder Sebalds aus dem verpesteten Hause zu sich. Guter Gott! was entstand in der ganzen Stadt für ein Geschrei gegen Luther! Er wollte den Erbarmungslosen und Furchtsamen ein Exempel geben[332].

Diejenige, welche am wenigsten wider diese starkmütige Tapferkeit Luthers einzuwenden hatte, war seine Gattin; und sie hatte doch die größte Mühe und Sorge mit den übernommenen Kindern und war dazu wie vor zehn Jahren ihrer Entbindung nahe. Und sie mußte es büßen. Sie kam unglücklich nieder und schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod. Sie fiel von einer Ohnmacht in die andre. Vergebens wurden alle stärkenden Mittel angewendet, die Entkräftung zu heben. Sie lag da wie eine atmende Leiche, das Gesicht entstellt, die Gestalt verfallen. Wohl wurde sie von besorgten Händen aufs treulichste gepflegt und jeder Atemzug, jede Bewegung beobachtet[333].

Luther wich nicht von der geliebten Frau und sagte darum seine Anwohnung auf dem Schmalkalder Konvent ab. Er betete Käthe wieder lebendig, wie einst zu Weimar seinen Freund Melanchthon. Denn wunderbarerweise siegte Käthes starke Natur. Sie erholte sich, fing mit Appetit an zu essen und zu trinken, stand wieder auf und kroch umher, indem sie sich mit den Händen an Tischen und Bänken hielt. Und bald that sie sich etwas zu gut auf ihre wachsende Gesundheit und im April ist sie völlig wieder hergestellt[334].

Die Freunde sahen in der wie durch ein Wunder genesenden Gattin des Reformators das Weib der Offenbarung (Kap. 12): ein Sinnbild der durch ein Gotteswunder genesenden kranken Kirche[335].

Im Sommer 1540 reiste Luther mit Melanchthon nach Eisenach, um dem Reichstag in Hagenau näher zu sein, ähnlich wie vor zehn Jahren in Koburg dem Augsburger Tag. Melanchthon sollte nach Hagenau ziehen, aber er wurde unterwegs in Weimar sterbenskrank; doch Luther hat ihn unsrem Herrgott abgebetet. In Eisenach wohnte Luther im Pfarrhaus des Menius, welcher mit nach Hagenau reiste. Sein „Fraulein“ pflegte den Wittenberger Doktor aufs sorgsamste und liebenswürdigste, so daß Frau Käthe unbesorgt sein konnte. Und der Kinderfreund Luther entschädigte sich für die Entfernung von seinen Kleinen dadurch, daß er den Pfarrbuben Timotheus ein Spiel mit Nüssen lehrte. Von hier aus schrieb Luther fleißig Briefe nach Haus, erhielt freilich von der vielbeschäftigten Frau Käthe nicht so leicht einen. Dafür mußten die Kinder und Hausgenossen schreiben, zu denen damals auch ein „Mariischen“ gehörte[336].

Die drei ersten Briefe sind verloren gegangen, der vierte aber lautet[337]:

„Meiner herzlieben Käthe, Doktorin Kathrin und Frauen auf dem neuen
Saumarkt zu handen.

Gnade und Friede, liebe Jungfrau Käthe, gnädige Frau von Zulsdorf und wie Ew. Gnaden mehr heißt! Ich füge Euch und Ew. Gnaden unterthäniglich zu wissen, daß mir's hie wohl gehet: „ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher“[338] — das sei Gott gedankt, Amen. Das kommt daher: Magister Philipps ist wahrlich tot gewesen und recht wie Lazarus vom Tod auferstanden. Gott der liebe Vater höret unser Gebet, das sehen und greifen wir, ohne daß wir's dennoch nicht glauben: da sage niemand Amen zu unserm schändlichen Unglauben.

Ich hab' dem Doktor Pommer Pfarrherr geschrieben, wie der Graf zu Schwarzburg (um) einen Pfarrherrn gen Greußen bittet, da magst Du als eine kluge Frau und Doktorin mit Magister Georg Röhrer und Magister Ambrosio Berndt helfen raten, welcher unter den dreien sich wollte bereden lassen, die ich dem Pommer angezeigt: es ist nicht eine schlechte Pfarre; doch seid ihr klug und macht's besser.

Ich habe der Kinder Briefe, auch des Bacculaurien (Hans) — der kein Kind ist, Mariische auch nicht — kriegt, aber von Ew. Gnaden hab' ich nichts kriegt; werdet jetzt auf die vierte Schrift, ob Gott will, einmal antworten mit Ew. gnädigen Hand.

Ich schicke hie mit dem Magister Paul den silbernen Apfel, den mir Ihre gnädige Hand geschenkt hat, den magst Du, wie ich zuvor geredet habe, unter die Kinder teilen und fragen, wie viel sie Kirschen und Aepfel dafür nehmen wollen; die bezahle ihnen bar über und behalt' Du den Stiel davon.

Sage untern lieben Kostgängern, sonderlich Doktor Severo oder Schiefer, mein freundlich Herz und guten Willen, und daß sie helfen zusehen in allen Sachen der Kirchen, Schulen, Haus und wo es not sein will. Auch M. Georg Major und M. Ambrosio, daß sie Dir zu Hause tröstlich seien. Will's Gott, so wollen wir bis Sonntag auf sein, von Weimar gen Eisenach zu ziehen, und Philipps mit. Hiemit Gott befohlen. Sage Lycaoni nostro (dem Diener Wolfgang), daß er die Maulbeer nicht versäume, er verschlafe sie denn, das wird er nicht thun — er versehe es denn — und den Wein soll er auch zur Zeit abziehen. Seid fröhlich alle und betet. Amen.

Weimar, am Tage der Heimsuchung Mariä (2. Juli) 1540.

Martinus Luther,

Dein Herzliebchen.“

Mit dem folgenden Brief an „Frau Katherin Luderin zu Wittenberg, meiner lieben Hausfrau“ schickt Luther seiner „lieben Jungfer Käthe“ durch den Fuhrmann Wolf 42 Thaler Sold und 40 fl. Die „magst Du brauchen, bis wir kommen, und wechseln lassen bei Haus von Taubenheim zu Torgau; denn wir zu Hofe nicht einen Pfennig Kleinmünze mögen haben. Magister Philipps kommt wieder zum Leben aus dem Grabe, siehet noch kränklich, aber doch leberlich aus, scherzt und lacht wieder mit uns, isset und trinket wie zuvor mit über Tische. Gott sei Lob! Und danket ihr auch dem lieben Vater im Himmel…. Was aber (zu Hagenau) geschieht, wissen wir nicht, nur das: man achtet, sie werden uns heißen: Thu das und das, oder wir wollen euch fressen. Denn sie haben's böse im Sinn. Sage auch Doct. Schiefer, daß ich nichts mehr von Ferdinando halte; er gehet da hin zu grunde. Doch hab ich Sorge, wie ich oft geweissagt, der Papst möchte den Türken über uns führen…. Denn der Papst singet schon bereits: flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo: kann er den Kaiser nicht über uns treiben, so wird er's mit dem Türken versuchen; er will Christus nicht nachgeben. So schlage denn Christus drein beides in Türken, Papst und Teufel und beweise, daß er der rechte Herr sei vom Vater zur Rechten gesetzt. Amen! — Amsdorf ist auch noch hier bei uns. Hiemit Gott befohlen. Amen.

Sonnabends nach Kiliani (10. Juli).

Mart. Luther.“[339]

Sechs Tage darauf kam wieder ein Brief[340].

„Gnade und Friede. Meine liebe Jungfer und Frau Käthe! Euer Gnaden sollen wissen, daß wir hier, Gottlob, frisch und gesund sind; „fressen, wie die Böhmen“ — doch nicht sehr — „saufen wie die Deutschen“ — doch nicht viel —, sind aber fröhlich. Denn unser gnädiger Herr von Magdeburg, Bischof Amsdorf, ist unser Tischgenosse. Mehr neue Zeitung wissen wir nicht, denn daß Doktor Kaspar Mekum und Menius sind von Hagenau gen Straßburg spazieren gezogen, Hans von Jenen zu Dienst und Ehren. M. Philipps ist wiederum fein worden, Gottlob. Sage meinem lieben D. Schiefer, daß sein König Ferdinand ein Geschrei will kriegen, als wolle er den Türken zu Gevatter bitten über die evangelischen Fürsten: hoffe nicht, daß es wahr sei, sonst wäre es zu grob. Schreibe mir auch einmal, ob Du alles kriegt hast, was ich Dir gesandt, als neulich 90 Fl. bei Wolf Fuhrmann u.s.w. Hiermit Gott befohlen, Amen. Und laß die Kinder beten. Es ist allhier solche Hitze und Dürre, daß unsäglich und unerträglich ist bei Tag und Nacht. Komm, lieber jüngster Tag, Amen.