Als Magdalena heranwuchs, sah das Mädchen dem älteren Bruder Hänschen „über die Maßen gleich mit Mund, Augen und Nase, in Summa mit dem ganzen Gesicht“, und war auch gutmütig und brav wie dieser. Diese zwei ältesten Geschwister hingen auch sehr aneinander. Als Luther im folgenden Jahr während des Augsburger Reichstags in Verborgenheit auf der Koburg weilte und sich dort wie auf der Wartburg den Bart wachsen ließ, um sich unkenntlich zu machen, da ließ Frau Käthe von dem kleinen Lenichen einen Abriß in schwarzer Kreide oder Tusche machen, welches freilich etwas zu dunkel geraten scheint, und sandte es ihm als Herzstärkung in seine „Wüste“, wo der Doktor in Einsamkeit und Thatlosigkeit oft trüben Gedanken nachhing, auch sich gar viel ärgern mußte über den Gang der Dinge in Augsburg; auch war gerade sein Vater gestorben, der alte Hans Luther, was den Sohn tief bewegte, denn er hing mit kindlicher Liebe und Ehrfurcht an ihm. Da der Vater das Konterfei des Töchterchens zuerst ansah, konnt' er sie nicht erkennen. „Ei“, sprach er, „die Lene ist ja schwarz“. Aber bald gefiel sie ihm wohl und dünkte ihm je länger je mehr, es sei Lenchen. Der Doktor hängte die Kontrefaktur gegen den Tisch über an die Wand im Fürstenzimmer, wo er aß, und vergaß über die Maßen viel Gedanken mit dem Bilde.“[172]

Das Mädchen wurde vom Vater anders behandelt als der Sohn. Dieser wurde mit Ernst gezogen und Luther wollte, daß man ihm nichts lasse gut sein. Aber mit seinem Töchterlein scherzte er mehr. Dagegen zog die Mutter naturgemäß den Sohn vor, namentlich den erstgeborenen und suchte des Vaters Strenge gegen ihn zu mildern[173].

Am Vorabend vor Luthers Geburtstag, den 9. November 1531, traf zu Wittenberg im schwarzen Kloster wieder ein Sohn ein, der deshalb des Vaters Namen erhielt. Als jetzt der jüngste wurde nunmehr er der Liebling des Vaters. Denn, sagt dieser, „die Eltern haben die jüngsten Kinder stets am allerliebsten. Mein Martinchen ist mein liebster Schatz, denn solche Kinder bedürfen der Eltern Sorge und Liebe wohl, daß ihrer fleißig gewartet wird. Hänschen und Lenchen können nun reden, bedürfen solche Sorge so groß nicht.“[174]

Am Namenstag des folgenden Jahres meldet Luther dem Paten Martins, dem gestrengen und ehrenfesten Joh. von Rindesel Kurf. Kämmerer: „Euer Pate will ein thätiger Mann werden, er greift zu und will sein Sinnchen haben.“[175]

Der Knabe war, scheint es, kränklich und ein kleiner Taugenichts, so daß der Vater fürchtete, er möchte einmal Jurist werden[176]!

Dagegen war Hänschen ein stiller nachdenklicher Bursche, so daß der Vater meinte: „Er ist ein (geborener) Theologe.“ Der jüngste Sohn Paul aber, der am 28. Januar 1533 auf die Welt kam, ein kräftiger mutiger Junge, schien sich zum Türkenkrieger zu eignen. Daran dachte der Vater schon bei seiner Geburt und wählte ihm vielleicht deshalb einen Ritter, Hans von Löser, Erbmarschall und Landrentmeister, zum Paten. Aber auch der Herzog Joh. Ernst von Sachsen, ferner D. Jonas und die Frau des Kaspar Lindemann standen bei Paul zu Gevatter[177].

In dem Gevatterbrief an Löser, der noch in der Nacht des 28. Januar 1533 geschrieben wurde, damit der Knabe nicht lange ein Heide bleibe und schon zur Vesper getauft werde, heißt es: „Ew. Gestrengen wollen sich demütigen Gott zu Ehren für meinen jungen Sohn förderlich und füglich erscheinen, damit er aus der alten Art Adams zur neuen Geburt Christi durch das hl. Sakrament der Taufe kommen und ein Glied der Christenheit werden möchte, ob vielleicht Gott der Herr einen neuen Feind des Papstes oder des Türken erziehen wolle.“[178]

Als Hans Löser zur Taufe kam, hat ihn Luther also empfangen: „Gott sei Dank! Ich werde nicht ermangeln, Ew. Gestrengen in andern Sachen zu dienen. Es ist heut ein junger Papst geboren worden; derohalben helfet doch dem armen Schelm, daß er getauft werde.“ Das Kind wurde im Schlosse in einem Becken getauft. Hernach hat Luther seinen Gevatter zu Gaste geladen, da sie denn viel freundliche Diskurse geführt. Luther sagte: „Ich habe meinen Sohn lassen Paul heißen, denn der hl. Paulus hat uns viel große Lehren und Sprüche vorgetragen. Gott gebe ihm die Gnaden und Gaben Pauli. Ich will, so Gott will, alle meine Söhne von mir thun: der Lust zum Krieg hat, den will ich zu Hans Löser thun; der Lust zu studieren hat, zu Jonas und Philipp; der Lust zur Arbeit hat, den will ich zum Bauern thun“[179].

Als eine Art Nachkömmling wurde das um Weihnachten 1534 geborene jüngste Kind angesehen, das nach Luthers (1531) verstorbenen Mutter Margareta genannt wurde. Wenigstens sah der Vater voraus, daß er nicht so alt werden würde, um sie zu versorgen. Darum schrieb er auch, als sie erst vier Jahr alt war, ihrem Paten, dem Pfarrer Probst in Bremen: „Es grüßet Euch meine Frau Käthe und Euer Patchen, mein Töchterlein Margaretchen, der Ihr nach meinem Tode für einen feinen frommen Mann sorgen sollt. Ihr habt sie zum Patchen gewählt, Euch befehle ich sie auch.“ Ein anderer, sehr hoher Pate war der Fürst Joachim von Anhalt, der Luther das „christliche Amt geistlicher Vaterschaft“ angetragen hatte und auch übernahm[180].

Frau Käthe mußte die Kinder oft ihrem Vater bringen, auch ins Studierzimmer, da koste er mit ihnen und machte seine sinnigen Bemerkungen über Kindesnatur und Kindesleben; das zeige uns, wie's im Paradies war und wie's im Gottesreich sein sollte. Der Vater schaute aber auch mit Wohlgefallen zu, wie seine Käthe so freundlich mit ihrem Martinchen redete und so viel Geduld und Erbarmen mit allen Kindern hatte. Luther unterhielt sich mit ihnen übers Christkind, sah zu, wie Martinchen eine Puppe als Braut schmückte und beschützte, freute sich, wenn die Kinder sich zankten und schnell vertrugen als über ein Sinnbild der Sündenvergebung der Gotteskinder; er sah, wie die Kinder um den Tisch saßen und in freudiger Erwartung auf Pfirsiche und Birnen sahen, die darauf lagen, oder den Ast Kirschen, den ihnen Jonas gebracht, und sagte: „Wer da sehen will das Bild eines, der sich in Hoffnung freuet, der hat hier ein rechtes Konterfei. Ach daß wir den jüngsten Tag so fröhlich in Hoffnung könnten ansehen!“ Sein herziger Märchenbrief an sein liebes Söhnichen von der Koburg, ist das schönste Zeugnis eines kinderfreundlichen Gemütes. Von Koburg aus besorgte Luther seinem Haus ein groß schön Buch von Zucker aus dem schönen (Märchen-)Garten in Nürnberg. Auch sonst bringt er seinen Kindern von seinen Reisen immer „Jahrmarkt“ mit. Regelmäßig auch sendet er aus der Ferne Grüße und Küsse an Hänschen und Lenchen[181].

Die Gespielen der Lutherischen Kleinen waren Melanchthons und Jonas' Kinder („Lippus“ und „Jost“ im Märchenbrief). Der Spielplatz war der große Klosterhof; da tummelten sie ihre Steckenpferde und schossen mit Armbrüsten, lärmten mit Pfeifen und Trommeln, tanzten oder „sprangen der Kleider und des Baretts“; auch ein Hündlein durften die Kinder halten. Später richtete der Vater Luther für sie und die andern jungen Hausgenossen auch einen Kegelplan ein und sah zu, wie sie sich vermaßen, zwölf Kegel zu treffen, wo doch nur neun auf dem „Boßleich“ standen, und schließlich froh waren, eine nicht zu fehlen. Ja, er selbst maß sich hie und da als ein Meister des Spiels mit ihnen, „schub einmal die Kegel umbwärts, das andere Mal seitwärts oder über Eck“[182].

Aber Luther betete auch täglich den Katechismus mit seinem Sohn Hansen und seinem Töchterlein Magdalene und die Kinder selbst mußten „bei Tisch beten und herlesen“; und auch sonst waren sie von Vater und Mutter angehalten zum Gebet für die Gönner und Schützer der Reformation, für das Heil der Kirche und des Vaterlands. Martin und Paul hatten des Vaters musikalische Anlagen geerbt und mußten nach der Mahlzeit — allein oder mit andern — die liturgischen Gesänge der jeweiligen Kirchenzeit vortragen. Auch die kleine Margarete lernte mit fünf Jahren schon mit schöner Stimme singen: „Kommt her zu mir alle“ und anderes[183].

In ihren Kindern sahen die Eltern ihr höchstes Glück und ihren schönsten Schatz. „Kinder binden, sie sind ein Band der Ehe und Liebe“, pflegte Luther zu sagen. Er fand in ihnen seinen Trost und seine Erholung von seinen Welt- und Kirchensorgen. „Ich bin zufrieden; ich habe drei eheliche Kinder, die kein papistischer Theolog hat, und die drei Kinder sind drei Königreiche, die habe ich ehrlicher und erblicher denn Ferdinandus Ungarn, Böhmen und das römische Reich“[184].

Freilich, was für den Vater in seinen Mußestunden und bei Tisch eine Freude und Erholung war, das brachte der Mutter Arbeit, Sorge und Schmerzen. Es war doch keine Kleinigkeit für die vielbeschäftigte Hausfrau in acht Jahren sechs kleine Kinder zu haben, zu pflegen und zu erziehen — denn auf ihr lag doch das Hauptgeschäft der Erziehung. Und ihr Gatte sah das ein und bemerkte einmal, daß nur unser Herrgott sich von seinen Menschenkindern mehr gefallen lassen müsse als eine Mutter[185].

Da war es denn ein großer Segen, daß Frau Käthe in ihrem Hause eine
Stütze fand an ihrer Tante, Magdalene von Bora.

Diese war bald nach ihrer Nichte selber aus Nimbschen entwichen und wohnte jetzt im schwarzen Kloster in einem besonderen Stüblein. Sie war als „Muhme Lene“ der gute Hausgeist, die echte und rechte Kindertante in der Lutherischen Familie. Als Siechenmeisterin hat sie sich ja zum Warten und Pflegen schon im Kloster ausgebildet. Und so wartete und hütete sie die kleinen Großneffen und Großnichten, spielte und betete mit ihnen, verwöhnte sie auch wohl und vertuschte ihre bösen Streiche, pflegte sie in den Kinderkrankheiten und war auch für Frau Käthe in ihren Kindbetten und Krankheiten die sorgsame Pflegerin und Lehrerin. Luther will in dem Märchenbrief von der Koburg an sein Söhnchen Hans die „Muhme Lene“ auch mitbringen lassen in den schönen Wundergarten und läßt sie grüßen und ihr einen Kuß „von meinetwegen“ geben; und auch sonst sendet er Muhme Lene seine Grüße[186].

Zu den eigenen Kindern im Lutherischen Hause kamen bald andere. Zunächst
Verwandte, Neffen und Nichten, dann aber Kinder von Freunden und
Bekannten, und endlich fremde Kostgänger.

Der erste war Cyriak Kaufmann, der Sohn einer Schwester Luthers; er kam als Studiosus nach Wittenberg und wurde am 22. November 1529 immatrikuliert. Er begleitete 1530 seinen Oheim auf die Koburg und dieser schickte ihn im August nach Augsburg, daß er sich in der großen Stadt einmal das Treiben eines Reichstags ansehe; dann mußte er wieder zu seinen Studien nach Wittenberg; auf der Heimreise brachte er von Nürnberg den Lebkuchen für seinen kleinen Vetter Hans Luther mit[187].

Luthers Schwager und Schwester Kaufmann starben früh und so kamen allmählich alle fünf Waisen derselben zu ihrem Oheim nach Wittenberg, außer dem genannten Cyriak noch seine jungen Geschwister, die Brüder Fabian und Andreas, welche 1533 am 8. Juni frühzeitig mit dem erst siebenjährigen Hans Luther zu Wittenberg als akademische Bürger eingeschrieben wurden, und die Schwestern Lene und Else. Es war keine Kleinigkeit, fünf elternlosen Kindern Vater und besonders Mutter zu sein, zumal, da sie nicht alle wohlgeraten waren und namentlich Lene Sorge machte, so daß Luther einmal erklärte, wenn sie nicht gut thun wolle, werde er sie einem schwarzen Hüttenknecht (Bergmann) geben, statt einen frommen und gelehrten Mann mit ihr betrügen. — Schließlich kam zu den zwei Nichten noch eine kleine Großnichte, Anna Strauß, die Enkelin einer Schwester Luthers[188].

Mit Cyriak Kaufmann war ein andrer Schwestersohn, Hans Polner, als Student ins Haus gekommen, der an Peter Weller anbefohlen wurde. Aber Frau Katharina war aufgetragen zuzusehen, „daß er sich gehorsamlich halte“, und auch sonst mußte sie für ihn sorgen. Dieser Polner wartete als Famulus dem Doktor auf, studierte Theologie und predigte einmal in der Pfarrkirche; die Doktorin meinte, den hätte sie viel besser verstehen können, als D. Pommer, welcher sonst von dem Thema weit abweiche und andre Dinge in seine Predigt mit einführe, oder, wie Jonas sich ausdrückte, unterwegs manchen Landsknecht anspreche[189].

Noch ein Neffe Luthers, seines Lieblings-Bruders Jakob Sohn, Martin, wurde später zur Erziehung der Doktorsfamilie übergeben und 1539 an der Universität eingeschrieben; ebenso Florian von Bora, der Sohn von Käthes ältestem Bruder. Martin und Florian wurden zusammen mit den Kindern Luthers unterrichtet. Einer der Neffen sollte einmal zu Camerarius auf die Schule kommen; später kam Florian mit Hans nach Torgau[190].

Schließlich wurden dem Lutherischen Hause noch allerlei Schüler und angehende Studenten anvertraut, welche in dem Kloster wohnten, aßen und unterrichtet wurden.

Für die eigenen und fremden Kinder wurden nun, bei der großen anderweiten Inanspruchnahme Luthers, „allerlei Zuchtmeister und Präzeptoren“ nötig: ältere Studenten, junge Magister, auch Leute von gesetztem Alter, welche noch einmal die Universität bezogen, um ihre Kenntnisse zu erweitern oder die neue evangelische Theologie zu studieren. Sie waren in Luthers Familie Hausgenossen und Tischgesellen, unterstützten auch etwa Luther in seinen Arbeiten, ja auch (wie z.B. Neuheller) Frau Käthe in der Wirtschaft und Aufsicht über das Gesinde.

So waren nach und neben einander im Hause als „Schulmeister“ und Luthers Gehülfen die Nürnberger Veit Dietrich (1529-34) und Besold (1537-42), Cordatus (1528-31), die Freiberger Hieronymus und Peter Kelter (1530), Joh. Schlaginhaufen (1531-32), Jodocus Neuheller (Neobulus) (1537-38) aus Lauterburg, Jakobus Lauterbach (1536-39), Schiefer (1539-41), ein Franziskus und zuletzt Rutfeld (1546). Diese Präzeptoren hatten sogar oft wieder ihre eigenen Zöglinge, welche mit im schwarzen Kloster wohnten und aßen oder auch nur dort unterrichtet wurden. Der Unterricht begann oft in sehr frühen Jahren: der junge Hans Luther mußte schon mit vier Jahren tüchtig „lernen“, hauptsächlich wohl lateinisch sprechen — wie es heute mit dem Französischen geschieht.

Außer den Magistern hatte Luther noch Famuli, nicht nur seinen lebenslänglichen Diener Wolf, sondern auch andere, wie der „fromme Gesell“, welcher „etliche Jahre treulich, fleißig und demütig gedienet hat und altes gethan und gelitten“ und 1532 wegzog. Der Famulus diente bei Tisch, schenkte ein, besorgte Gartengeschäfte, machte Ausgänge, schrieb auch für Frau Käthe Briefe[191].

Sogar eine Lehrerin wurde nach Wittenberg ins schwarze Kloster berufen: nämlich im Jahre 1527 hat Luther auch eine Mitschwester Frau Käthe's, die ehemalige Nonne und Flüchtlingin von Nimbschen, die „ehrbare, tugendsame Jungfrau Else von Kanitz“ eingeladen auf eine Zeitlang nach Wittenberg zu kommen. „Denn ich gedacht Euer zu brauchen, junge Mägdelein zu lehren und durch Euch solch Werk andern zum Exempel anzufahen. Bei mir sollt Ihr sein zu Hause und zu Tische, daß Ihr keine Fahr noch Sorge haben sollt. So bitte ich nu, daß Ihr mir solchs nicht wollt abschlagen.“ Die Kanitz kam aber nicht. Dafür erscheint jetzt ein Fräulein Margarete von Mochau, wahrscheinlich die Schwester von Karlstadts Frau, im Klosterhause und wird ihre Stelle vertreten haben[192].

Natürlich fehlte es bei dem großen Haushalt auch an sonstigem Gesinde nicht und da gab es, wie überall gute und schlechte, dankbare und undankbare, getreue und ungetreue Dienstboten. Alle aber wurden zur „Familie“ gerechnet und nahmen an der Hausandacht teil. Und der abwesende Hausvater verfehlte nicht in seinen Briefen, das „gesamte Gesinde“ grüßen zu lassen. Aber er ermahnt es auch, daß sie im Haus kein Aergernis gäben. Oft scherzt er in seinen Briefen über Trägheit und Bequemlichkeit seiner Dienstleute: so wenn er aus Nürnberg Handwerkszeug bestellt, welches von selber geht, wenn Wolf schläft oder nachlässig ist, oder einen Kronleuchter, der sich von selber putzt, damit er nicht zerbricht oder beschädigt wird von der zornigen oder schläfrigen Magd[193].

Natürlich auch Gäste aller Art verkehrten im Schwarzen Kloster oder wohnten darin in kürzerem oder längerem Aufenthalt, oft monate-, ja jahrelang: vertriebene oder stellenlose Prediger, flüchtige Fremde, entwichene Mönche und Nonnen, Besuche und Festgenossen, „armseliges Gesindlein“ und fürstliche Damen.

So beherbergte das Lutherhaus 1525 mehrere adlige Ordensschwestern; 1528 einige Monate lang sogar die Herzogin Ursula von Münsterberg, Herzog Georgs eigene Base, die mit zwei getreuen Klosterfrauen dem Nonnenkloster zu Freiberg entflohen war; und zu Pfingsten 1529 wieder drei Adelige aus demselben Konvent. Außerdem kamen auch allerlei Mönche, sogar aus Frankreich, ins Lutherhaus nach Wittenberg, als der allgemeinen Zufluchtsstätte aller religiös Bedrängten. So hat Herzog Georg in begreiflichem Zorn, wenn auch mit unwahren Behauptungen, Luther beschuldigt: „Du hast zu Wittenberg ein Asylum eingerichtet, daß alle Mönche und Nonnen, so uns unsre Klöster berauben mit Nehmen und Stehlen, die haben bei Dir Zuflucht und Aufenthalt, als wäre Wittenberg, höflich zu reden, ein Ganerbenhaus aller Abtrünnigen des Landes“[194].

Ja, die Wittenberger Freundinnen des Hauses, Bugenhagens und Dr. A.
Schurfs Frauen, warteten im schwarzen Kloster ihr Wochenbett oder ihre
Krankheit ab[195].

Aber auch fürstliche Gäste suchten das gastliche Haus der Luther'schen
Eheleute auf.

Die Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg hatte sich, besonders durch den Einfluß ihres evangelisch gesinnten Leibarztes Ratzeberger, der Reformation zugewandt, während ihr altgläubiger Gemahl Joachim I. streng darauf sah, daß das Lutherische Gift nicht über die sächsische Grenze herüberkäme. Da mußte er von seiner 14jährigen Tochter Elisabeth zu seinem Schrecken erfahren, daß seine eigene Gemahlin im Berliner Schlosse heimlich das Abendmahl unter beiderlei Gestalt genommen habe. Er sperrte die Kurfürstin ein; das Gerücht ging, er wolle sie einmauern lassen. Da entwich sie mit Hilfe ihres königlichen Bruders Christiern, der damals landflüchtig in Deutschland umherirrte, samt Dr. Ratzeberger (März 1528) und floh zu ihrem Oheim Kurfürst Johann nach Sachsen. Ihren Wohnsitz erhielt sie auf Schloß Lichtenberg, hielt sich aber oft in Wittenberg auf und verkehrte viel im Klosterhause mit Luther und Frau Käthe; sie stand sogar zu einem der Kinder Gevatter[196].

Auch der Fürst Georg von Anhalt wollte im schwarzen Kloster Aufenthalt nehmen, um Luthers Umgang und Geist recht zu genießen. Aber sein Vizekanzler mußte ihm davon abraten, da das Haus zu voll sei.

So wurde „das Haus des Herrn Doktor Luther von einer buntgemischten Schar studierender Zöglinge, Mädchen, alter Witwen und artiger Kinder bewohnt. Darum herrschte viel Unruhe darin“[197].

Da begreift es sich, daß, als der junge Hans anfangen sollte ernstlich zu lernen, er der größeren Muße wegen aus dem Hause gethan wurde — vielleicht nach Torgau. Zu Neujahr 1537 ist der elfjährige Sohn irgendwo auf der Schule, wo er durch seine „Studien“ und lateinischen Briefe dem Vater Freude machte. Dieser erlaubt ihm, namentlich auf Bitten von Muhme Lene, zu den nächsten Fastnachtsferien nach Hause zu kommen zu Mutter und Muhme, Schwestern und Brüdern[198].

Zu allen Haus- und Tischgenossen im Kloster kamen nun noch die täglichen Besuche und Gäste von Bekannten, Freunden, Verwandten, Amtsgenossen und Mitbürgern: so aus der Ferne die Geistlichen Amsdorf und Spalatin, Hausmann und Link, die Hofherren und Ritter Taubenheim und Löser, Bruder Jakob oder Schwager Rühel von Mansfeld, Käthes Bruder Hans, Abgesandte aus aller Herren Länder, Staatsmänner und Kirchenbeamte aus England und Frankreich, aus Skandinavien und Böhmen, Ungarn und Venedig; Stadträte und Bürger von allen sächsischen und deutschen Städten, wandernde Magister und fahrende Schüler. Aus Wittenberg selbst verkehrten als liebe und häufige Gäste vor allem Magister Philipp (Melanchthon) und Frau; die Gärten der beiden Häuser waren nicht weit von einander und — wie man wenigstens heute erzählt — ein Thürlein zwischen beiden vermittelte den Verkehr der zwei Familien. Gerngesehene Hausfreunde waren auch der Propst Jonas und seine Gattin; ferner noch andere Gevattersleute, der Superintendent Bugenhagen, M. Kreuziger, M. Rörer, der Buchdrucker Hans Lufft, der Meister Lukas Kranach mit seiner Frau und der alte Meister Claus Bildenhauer oder „Bildenhain“, wie Sophiele Jonas ihn zu nennen pflegte, ein wackerer Künstler, der auch manchmal zu Tische war; von ihm kaufte Luther später einen Garten. Mit ihm, der auch schon „zu viele Ostereier gegessen“, gedachte Luther gern der guten alten Zeiten[199].

Da wurde denn droben in der Familienstube um den großen Eichentisch oder unten im Hof unter dem schattigen Birnbaum oder auch wohl vorm Elsterthor draußen bei dem murmelnden Lutherbrunnen Gesellschaft und Mahlzeit gehalten und Frau Käthe mußte die Wirtin machen, ihr treffliches Hausbräu aufsetzen und auch zu den Kosten der Unterhaltung ihr Scherflein beitragen.

8. Kapitel

Katharinas Haushalt und Wirtschaft[200].

Für eine so zahlreiche Haus- und Tischgenossenschaft galt es eine Menge Gemächer zu beschaffen und auszustatten; es mußte Küche und Keller in großem Maßstabe in stand gesetzt werden; es war nötig, Stall und Garten zu besorgen; es war erforderlich Markt und Einkauf, Rechnung und Vermögensverwaltung zu verstehen; und endlich zur Regierung eines so umfangreichen Hauswesens mit seinen vielen und vielerlei Gliedern, Tischgängern und Hofmeistern, Kindern und Gesinde galt es eine weise Umsicht, aber auch ein strammes Herrschaftstalent zu entfalten.

Das alles fiel nun der Hausfrau anheim. Denn es wäre unmöglich gewesen, daß Luther neben den gewaltigen Arbeiten seines Berufs als Prediger, Seelsorger, Professor, Ratgeber für einzelne Personen wie ganze Städte und Länder, als Reformator nicht nur Deutschlands, sondern der halben Christenheit sich um die Hauswirtschaft kümmern konnte, namentlich eine so umfangreiche, die allein schon eine ganze Menschenkraft erforderte[201]. Sodann aber war es des Doktors Anschauung, daß in Haus und Wirtschaft die Frau zu walten und zu regieren habe: „Das Weib habe das Regiment im Hause, ohnbeschadet des Mannes Recht und Gerechtigkeit; dafür ist es geschaffen. Denn das ist wahr, die häuslichen Sachen, was das Hausregiment betrifft, da sind die Weiber geschickter und beredter als wir.“ „Ich bin zur Haushaltung sehr ungeschickt und fahrlässig. Ich kann mich in das Haushalten nicht richten. Ich werde von meinem großen Hauswesen erdrückt.“ Vor so etwas hatte er sich schon als Junggesell gefürchtet. 1523 sagte er: „Nimmst Du ein Weib, so ist der erste Stoß: wie willt Du nun Dich, Dein Weib und Kind ernähren? Und das währet Dein Lebenlang; beim ersten Kind denken die Eltern daran, ein Haus zu bauen, Vermögen zu erwerben und die Nachkommenschaft zu versorgen“[202]. Andererseits aber war auch Frau Käthe so veranlagt und gewillt, daß sie dies Regiment gerne führte und ihrem Gatten alles das fernhalten wollte, was ihn in seiner Wirksamkeit hindern und stören konnte. Und Luther ließ sich das gerne gefallen. „Meine Frau kann mich überreden, wie oft sie will, denn sie hat die ganze Herrschaft allein in ihrer Hand, und ich gestehe ihr auch gerne die gesamte Hauswirtschaft zu“[203].

So richtete nun Katharina zunächst das Haus her und ein, und der Kurfürst und die Stadt Wittenberg, die Freunde des Hauses und die Eltern der Kostgänger stifteten dazu mancherlei Baubedarf und Geräte.

Das schwarze Kloster war 1502 von Staupitz mit Unterstützung des Kurfürsten gebaut, aber nur zu einem Drittel vollendet worden. Die Kirche war nur angefangen, die Wirtschaftsgebäude kaum vorhanden. Eigentlich war nur das sog. Schlafhaus (dormitorium), die früheren Wohnräume der Mönche fertig, die für 40 Menschen reichten. Aber die Zellen — meist im dritten Stock — waren zahlreich, dagegen klein, und daher mußte wohl manche Wand durchgebrochen und manche auch aufgerichtet werden. Auf der Gartenseite war ein größerer Saal (jetzt die Aula) und ein kleinerer, welche beide von Luther zu Vorlesungen und Hausandachten benutzt wurden. Ein Zimmer daneben hatte oder erhielt eine Thüre in Luthers Studierstube. Im oberen Stock wurden die Gelasse zu Gastzimmern für die mancherlei Hausgenossen benutzt.

Das Erdgeschoß hatte Frau Käthe zu Wirtschaftsräumen eingerichtet und zum leichteren Verkehr mit dem Oberstock eine Treppe in das Zimmer neben das Schlafgemach führen lassen.

Im Jahre 1539 auf 40 erfreute Frau Käthe ihren Gatten mit einem sinnigen Geschenk: aus Pirna ließ sie — durch den dortigen Pfarrer Lauterbach — eine schöngearbeitete Pforte aus weißem Sandstein kommen, einen Spitzbogen mit hübschen Stäben; auf der einen Seite Luthers Brustbild, auf der anderen sein Wappen, die weiße Rose mit dem roten Herzen und schwarzen Kreuz darin, vom goldenen Ring der Ewigkeit umfaßt, und die lateinische Inschrift: „Im Stillesein und Hoffen ruht meine Stärke.“ Auf beiden Seiten der Thüre waren zwei Sitze angebracht zum Ausruhen am Feierabend[204].

Der Klosterhof war gegen die Straße mit einem Zaun abgeschlossen; später kamen an das Thor zwei Buden, wohl für die Bewachung des Anwesens in der unruhigen und gefährlichen Zeit des Festungsbaues, wo die Stadtmauern am Elsterthor abgerissen und die Stadt allem Gesindel geöffnet war[205].

An der Westseite des Hofes wurden nun allerlei Wirtschaftsgebäude errichtet.

Eine Braustube war schon im Kloster vorhanden; denn der Kurfürst hatte diesem die Braugerechtigkeit für 12 „Gebräude“ verliehen; diese ging auf den neuen Besitzer über und wurde von Frau Käthe selbst ausgeübt. Das war ein großer Vorteil für den starken Haushalt; denn das Bier war in Wittenberg auffällig teuer: die Kanne kostete drei Pfennige. Aber die Herstellung des Brauhauses und die Geräte kosteten 150 fl. Eine Badestube mit Wanne und Ständer baute sie nun auch und D. Lauterbach mußte ihr das Baumaterial dazu besorgen. Auch allerlei Viehställe ließ sie errichten und hielt Pferde, Kühe und namentlich Schweine, um Arbeitskräfte, Milch und Fleisch für den Hausbedarf zu haben: Schon 1527 hatte man einen Stall voll Schweine, mehr als fünf Stück; 1542 waren es zehn und drei Ferkel, so daß ein eigener Schweinehirt gehalten werden mußte; ferner hatte Käthe mehrere Pferde, fünf Kühe, neun Kälber und eine Ziege mit zwei Zicklein. Ein Hühnerhof lieferte die nötigen Eier. Endlich wurden auch noch einige Keller ausgebessert oder neu angelegt, so der Weinkeller, der neue Keller und der große Keller. Bei der Besichtigung des letzteren kam das Ehepaar fast um's Leben, denn das Gewölbe stürzte hinter ihnen ein, gerade als sie es besichtigt und eben herausgetreten waren[206].

Im Laufe der Zeiten wurden in dem halbfertigen Hause gar mancherlei Reparaturen nötig und ebenso allerlei Neubauten. So erhielten Johann Crafft und M. Plato ihre Stübchen, auch der Sohn Hans, als er herangewachsen war; Muhme Lene hatte ihr Stüblein mit Kammer und Schornstein — jedes kostete 5 fl. herzurichten. Die obere Stube und Kammer kam aber auf 100 fl. zu stehen und die untere auf 40 fl. Außer dem großen Keller, der (mit dem „Schaden“ beim Einsturz) auf 130 fl. gekommen war, wurde noch der neue Keller für 50 fl. gebaut und ein Weinkeller für 10 fl. eingerichtet. Endlich wurde noch ein „new Haus“ gebaut, welches 400 fl. kostete. Die Treppe mußte zweimal hergestellt werden und das Dach öfters geflickt[207].

Dazu brauchte es manches Tausend Dachsteine (Ziegel) und Backsteine, auch nicht wenige Tonnen und Wagen Kalk, besonders in den Baujahren 1535-39: 280 Wagen Kalk und 12500 Mauersteine und 1300 Dachsteine und wieder von beiden Arten zusammen 2600. Freilich, das Tausend „Dachsteine“ kostete nur 40 Groschen, Mauersteine 57 Groschen und der Wagen Kalk nur 4-5 Groschen. Das lieferte die Stadt, aus der eigenen Brennerei. Luther machte sie bezahlt durch seine Dienste (unentgeltliche Predigt und Seelsorge u.a.) und durch Abtretung von Boden an seinem Klosterhof. Im Jahre 1542 hatte Luther allein 1155 fl. verbaut[208].

Später erlebte man im Lutherhause schweren Ärger durch den neuen Festungsbau. Der Zeugmeister Friedrich von der Grüne war den Lutherschen offenbar nicht grün. Er verschüttete nicht nur — mit Luthers Bewilligung — das untere Gemach, sondern auch ohne Not und Zustimmung das mittlere, verderbte das Brauthor, bedrohte die Gartenmauer und die Erdmauer am hinteren neuen Haus. Und wie der Herr, so machten's die Knechte: die Deichknechte warfen Fenster ein und trieben sonst noch allerlei Mutwillen. Luther fürchtete sogar für seine geliebte Studierstube, darin er so viele schwere Stunden mit Studieren und Anfechtungen erlebt, „daraus er den Papst gestürmet“ und seine wunderbaren Schriftwerke und Episteln in die Welt gesandt. Da mußte der Doktor einen gar zornigen Brief an den Zeugmeister schicken, der wahrscheinlich seinen Eindruck nicht verfehlte[209].

Im Hof, dem ehemaligen Spitalkirchhof, waren die Fundamente der Kirche angelegt, aber nur der Erde gleichgebracht. Mitten in diesen Fundamenten stand eine alte Kapelle „von Holz gebaut und mit Lehm beklebt; diese war sehr baufällig, war gestützt auf allen Seiten. Es war bei 30 Schuhen lang und 20 breit, hatte ein klein alt rostig Vorkirchlein, darauf 20 Menschen kaum mit Not stehen konnten. An der Wand gegen Mittag, war ein Predigtstuhl von alten Brettern, die ungehobelt, ein Predigtstühlchen gemacht, etwa 1-1/2 Ellen hoch von der Erde, worauf Luther einst gepredigt hatte. In Summa, es hatte allenthalben das Ansehen, wie die Maler den Stall malen zu Bethlehem, darinnen Christus geboren worden.“ Erst im Jahre 1542 fiel es der Befestigung zum Opfer; Luther „murrte ärger darüber als Jona über die verdorrte Kürbisstaude“[210].

Der Hof war mit einem Bretterverschlag gegen die Straße abgeschlossen und wie der Kirchhof mit Bäumen bepflanzt. Darin liefen Hühner, Gänse, Enten, Tauben; Singvögel nisteten im Gebüsch, Spatzen flogen zu und wurden von einem Hündlein gescheucht[211].

Sonst diente er zum Tummelplatz der Kinder, zum Spielplatz und
Kegelschieben.

Zur Ausstattung des großen Haushaltes mußte gar viel angeschafft und geschenkt werden.

Von der Klosterzeit waren noch einige Sachen da: zinnerne Gefäße und Küchen- und Gartengeräte als Schüsseln, Bratspieße, Schaufeln, freilich recht verbraucht und schadhaft, keine 20 fl. wert. Das mußte bald ergänzt und ersetzt werden. So auch der wurmstichige Kasten Dr. Zwillings in Torgau. Dieser bot einen andern an; Frau Käthe wundert sich über den hohen Preis, den er kosten solle: 4 Florin, erkundigt sich, ob er „reinlich“ sei, mit einem „Sedel“ (Sitzkasten) „für leinen Gerät darin zu legen, da nicht Eisen durchgeschlagen das Leinen eisenmalich macht“; sonst wollte sie sich einen in Wittenberg machen lassen. Einen „Schatzkasten“ hatte das Ehepaar bereits, nur war er „wohl tausendmal zu weit“ für ihren Schatz; 1532 hatten sie nur einen einzigen Becher. Doch füllte sich der Schrein allmählich mit silbernen Bechern, Ringen, Denkmünzen und andern Kleinodien. Auch geerbt hatten sie einen fast zu köstlichen Pokal, den der Augsburger Bürger Hans Honold dem großen Doktor vermachte. Von Nürnberg schenkte der evangelische Abt Friedrich eine kunstreiche Uhr, die das Lutherische Ehepaar gebührend bewunderte; 1529 kam eine zweite (von Link) und 1542 eine dritte dazu. 1536 schickten die Ältesten der Mährischen Brüder ein Dutzend böhmische Messer[212].

Eine ständige Ausgabe machten die Anschaffungen für Leinwand, Betten,
Federn, Leuchter in die Schlafkammern; für zinnerne Kannen, Schüsseln,
Teller, Becken, Kesseln, Pfannen in die Küche; für Schaufeln,
Grabscheite, Gabeln, „Schupen“, Mulden, Radbarn (Schubkarren) in den
Garten; für Fässer, „Gelten“ (niedere Kübel), Eimer in Keller und
Waschküche; für Geschirr und Wagen zum Fuhrwerk[213].

Das Klosterhaus war bisher zwar im thatsächlichen Besitze Luthers; aber eine förmliche Verschreibung hatte er nicht, nur durch mündliche Abmachung war das Gebäude mit seinen Gerechtigkeiten ihm vom Kurfürsten überlassen. Diesem hatte es Luther, der letzte Mönch des Wittenberger Augustinerkonvents, als dem jüngsten Erben zur Verfügung gestellt. Nunmehr aber betätigte der ihm so wohlgewogene Kurfürst Johann vor seinem Tode der Lutherschen Familie den Besitz des Anwesens vorbehaltlich des Vorkaufsrechtes für Staat und Stadt in einer förmlichen Verschreibung. Die Urkunde besagt[214]:

„Von Gottes Gnaden Wir Johann Herzog von Sachsen thun kund männiglich:

Nachdem der ehrwürdig und hochgelahrte unser lieber andächtige Herr M. Luther D. aus sonderlicher Gnad und Schickung Gottes sich fast vom Anfang bei unser Universität zu Wittenberg mit Lesen in der heiligen Schrift, Predigen, Ausbreitung und Verkündung des heiligen Evangelii u.s.w. bemüht, so haben Wir in Erwägung des alles und aus unser selbsteigenen Bewegnis unersucht obgen. D.M. Luther, Katharin seinem ehelichen Weib und ihrer beider Leibeserben die neu Behausung in unserer Stadt Wittenberg, welche hievor das „Schwarze Kloster“ genannt war, darinnen D. Martinus seither gewohnt, mit seinem Begriff und Umfang samt dem Garten und Hof zu einem rechten freien Erbe verschrieben und sie damit begabt und begnadet als ihr Eigen und Gut…. Geben auch vielgenanntem Doktor und seiner ehelichen Hausfrau aus sonderlichen Gnaden diese Freiheiten, daß sie zu ihrer beider Lebtag aller bürgerlichen Bürden und Last derselben frei sein, also daß sie keinen Schoß noch andre Pflicht wie Wachen und dgl. davon sollen thun und mögen gleichwohl brauen, mälzen, schänken, Vieh halten und andere bürgerliche Handtirung treiben.

… Zu Urkund …

Torgau, 4. Febr. 1532.“

„Es war Wittenberg bis daher eine arme, unansehnliche Stadt mit kleinen alten häßlichen, niedrigen hölzernen Häuslein, einem alten Dorfe ähnlicher als einer Stadt. Aber um diese Zeit kamen Leute aus aller Welt, die da sehen, hören und etliche studieren wollten.“ Da wurde nun freilich gebaut und gebessert. Aber in dem kleinen Städtchen mit seinen paar tausend Einwohnern und ebensoviel Studenten waren die alltäglichen Bedürfnisse nicht gar leicht zu bekommen. Melanchthon schon beklagte sich bei seiner Uebersiedlung nach Wittenberg, daß da nichts Rechtes zu bekommen sei und Luther schreibt selbst: „Es ist unser Markt ein Dr. …“ Dazu war es teuer genug. Und so mußte Frau Luther nicht nur einen Kasten, einen Pelzrock für die kleine Margarete nach angegebenem Maß von auswärts bestellen, sondern allerlei Bedürfnisse, Sämereien, Stecklinge, sogar Borsdorfer Aepfel, ja Butter und Käse mußte sie von weither aus Pirna durch den dortigen Pfarrer Lauterbach oder von Erfurt und Nürnberg kommen lassen[215].

Als Käthe für Luthers Großnichte die Hochzeit ausrichten sollte (Januar 1542), mußte ihr Gatte an den Hof nach Dessau um Wildbret schreiben. „Hie ist wenig zu bekommen, denn die Menge (der Einwohner) und viel mehr die Aemter und Hoflager haben schier alles aufgefressen, daß weder Hühner, noch ander Fleisch wohl zu bekommen, daß, wo es fehlet (am Wildbret) ich mit Würsten und Kaldaunen muß nachfüllen.“ Natürlich mußte sie auch Mehl kaufen, während Landpfarrer solches zu Kauf anboten, und Frau Käthe konnte es sehr verdrießen, wenn ein solcher ihr, weil sie die Frau Doktorin war, für den Scheffel neunthalb Groschen forderte, also mehr als die Bauern. Und ebenso vermerkte sie übel, daß die Wittenberger drei Pfennig für ein Kandel Bier begehrten[216].

Wie alle Stadtbewohner des Mittelalters, auch die Professoren, Jonas, Melanchthon u.a.[217], so strebte darum auch Frau Katharina nach liegenden Gründen; als ehemaliges Edelfräulein und Klosterfrau hatte sie ohnedies eine besondere Neigung zum Grundbesitz, und auch Luther hatte seine Freude wenigstens an der Natur und der Landwirtschaft. So hielt man es auch für die sicherste Anlage und eigentliches Erbe für die Nachkommen, „Feld und Gut zu hinterlassen“, und auch Frau Käthe „hoffte zu Gott, er werde ihren Kindern, so sie leben und sich frommlich und ehrlich halten werden, wohl Erbe bescheren“[218]. Freilich ist der Boden auf dem rechten Elbufer, wo Wittenberg liegt, wie Luther klagt, drei Meilen herum, sandige und steinige Heide, so daß bei windigem Wetter nach dem Witzwort 99 Prozent Landgüter in der Luft herumfliegen. Er fuhrt den plattdeutschen Spruch im Mund:

  Ländicken, Ländicken
  Du bist ein Sändicken!
  Wenn ik dik arbeite,
  So bist du licht (leicht);
  Wenn ik dik egge,
  So bist du schlicht;
  Wenn ik dik meie (mähe),
  So find ich nicht (nichts).

Ueber diese Wittenberger Gemarkung bemerkte er gegenüber der seiner Heimat: „In dieser unserer Gegend, welche sandig ist, giebt die Erde in mittleren Jahren für einen Scheffel 7 bis 8, in Thüringen meist 12 und mehr“[219]. Dennoch erwarben die Luthers bald mehrere Grundstücke, zwei Hufen und zwei weitere Gärten.

Schon 1531 kaufte Käthe einen Garten, wie Luther sagte „nicht für mich, ja gegen mich“. Es ist wohl derselbe, dessen Kauf sie „mit Thränen“ durchsetzte, so daß er seinem Freund und ehemaligen Mitbruder Brisger sein Häuschen nicht abkaufen, ihm auch kein Geld leihen konnte. Dieser Garten, an der Zahnischen Straße gelegen, wurde, scheint es, später veräußert; dafür wurde (um 1536) von Claus Bildenhauer für 900 fl. ein größerer „Baum-Garten“ mit allerlei Gebäulichkeiten und einem angestrichenen Zaun erworben. Einer dieser Gärten lag vor der Stadt an dem „Saumarkt“; deshalb adressiert Luther Briefe an die „Saumärkterin“, „auf dem Saumarkt zu finden“[220]. Hier floß die „Rische Bach“ und speiste wohl die „Fischteichlein“, welche Frau Käthe mit allerlei Fischen, sogar mit edlen Forellen besetzte. Am Hause wurde ferner im selben Jahre (1536) ein Garten mit Bäumen angelegt, der 400 fl. kostete. Für den Famulus Wolf wurde um 20 fl. ein Gärtlein gekauft, wo er wahrscheinlich seinen Vogelherd anlegte, mit dem ihn Luther verschiedentlich neckt. Ferner wurden einige Hufen gekauft am „Eichenpfuhl“[221].

Zwei Jahre vor Luthers Tode kam endlich noch zu Frau Käthes Wirtschaft um 375 fl. ein Hopfengarten hinzu, der „an der Specke“, einem Eichwäldchen auf der nahen Gemarkung des Dorfes Lopez, gelegen war, wo die Studenten gerne lustwandelten und auch manchen Unfug trieben. Aus diesem Garten gewann die Frau Doktorin ihren Hopfenbedarf für ihr Klosterbräu[222].

So schaltete und waltete Frau Käthe im Haus und in ihren Gärten und Hufen als „Küchenmeisterin“, „Bäuerin und Gärtnerin“, fuhrwerkte, baute Aecker, kaufte Vieh, weidete Tiere u.s.f. Besonders verlegte sie sich mit ihrem Gemahl auf die Obstzucht: Kirschen, Pfirsiche, Nüsse, Apfel, Birnen erntete die Doktorin. Auch mit Rebbau gab sie sich ab, und ihr Faktotum Pfarrer Lauterbach mußte ihr aus Pirna dazu die Pfähle, allein 10 Schock d.h. 600 Stück, besorgen; freilich wurde aus den Trauben nicht Wein bereitet, sondern sie dienten zur Nachkost auf der Tafel. Selbst mit Feigen- und Maulbeerbäumen versuchte sie sich. Und als Gemüse pflanzte sie nicht nur die einheimischen: Kraut, Erbsen und Bohnen, sondern auch Gurken, Kürbisse und Melonen, wozu Link aus Nürnberg die Samenkerne schickte. Mit Erfurter Riesenrettichen wollte Luther seine Freunde nicht nur in Erstaunen setzen, sondern sie auch selbst gezogen haben. Frau Käthe war sehr unglücklich, wenn Ungeziefer ihr das Gemüse schädigten: „denn Raupen im Kohl und Fliegen in der Suppe — ein sehr nützlich und lieblich Vieh!“ hieß es da. Aber noch ärger war ihr's, wenn Studenten, Spatzen und Dohlen ihr in die Gärten einfielen, und ihr Gemahl hätte gern ein strenges Edikt „gegen die unnützen Sperlinge und Krähen, Raben und Spechte erlassen, welche alles verderben“[223].

In einem der Gärten waren Bienenstöcke, vor welchen der grübelnde Doktor das wunderbare Treiben der fleißigen Tierlein belauschte, die praktische Hausfrau aber den süßen Ertrag berechnete für Met, Süßwein und Honigkuchen. Im großen Garten draußen vor der Stadt, hatte Frau Käthe ihre Fischteichlein, worin sie Hechte und Schmerle, Kaulbarsche und Karpfen, sogar Forellen zog und von denen sie bei guter Gelegenheit etliche „gesotten auf den Tisch brachte und mit großer Lust und Freude und Danksagung davon aß“, und sie hatte „größere Freude über den wenigen Fischen, denn mancher Edelmann, wenn er etliche große Teiche und Weiher fischet und etliche hundert Schock Fische fähet“[224].

Mit diesen Gärten waren aber die Gütererwerbungen der Lutherischen Familie noch nicht abgeschlossen. Zunächst kam ein unwillkommener Erwerb hinzu, den Luther aus Gefälligkeit übernahm. Es war das kleine Haus „Bruno“, eine „Bude“ ohne Gerechtigkeiten und Zubehör an Garten, unmittelbar neben dem Kloster, aber vorn an der Kollegiengasse gelegen. Das hatte Luthers letzter Klosterbruder Brisger für sich bauen lassen, dann aber bei seinem Wegzug dem Pfarrer Bruno Brauer zur Verwaltung gegeben und Luther oft angeboten; dieser konnte es aber wegen anderer Käufe nicht erwerben, auch forderte Brisger, der von seiner katholisch gebliebenen Mutter enterbt wurde und, scheint es, in Geldbedrängnis war, einen zu hohen Preis (440 fl.). Endlich kaufte es Luther als Lehen für seinen Diener Wolf Sieberger bezw. als Leibgedinge für seine Gattin, mußte aber den Kaufschilling völlig schuldig bleiben. Der Besitz dieses Hauses war unwillkommen, weil es erst wieder vermietet werden mußte und mehr Sorgen als Ertrag brachte; es kostete 250 fl. und mußte noch um 70 fl. „geflickt“ werden[225].

Der Sinn von Frau Käthe stand viel mehr auf landwirtschaftliche Besitztümer, weil diese ihrer nutzbringenden Thätigkeit mehr entsprachen. So bekam sie nach einem großem Pachtgut Verlangen, um daraus ihre großen häuslichen Bedürfnisse zu beschaffen; sie wollte nicht abhängig sein von den teuren Lieferanten und störrischen Bauern, welche manchmal eine künstliche Teuerung veranlaßten. So hatte sie schon 1536 ihren Gevatter, den Landrentmeister Hans von Taubenheim, um Ueberlassung eines günstig gelegenen Gutes, Booß, gebeten, hatte es aber nicht bekommen. Drei Jahre später fing sie aufs neue Verhandlungen mit Taubenheim an. Ihr Brief lautet in der ursprünglichen Schreibweise so:

„Gnad vnd fride yn Christo zuuor, gestrenger, ernuester, lieber herr geuatter. Euch ist wol wissentlich, wie ich E.g. vngeferlich fur dreyen jaren gebeten, daß myr das gut „Booß“ myt seynen zugehorungen vmb eynen gewonlichen zynß zu meyner teglichen hawßhaltung wie eynem andern mochte gelassen werden, als denn auch meyn lieber herr bey doctor Brug[226] diselbige zeyt deshalben hat angeregt; ist aber dasselbig mal vorblieben, daß ichs mecht bekommen, vylleycht daß doselbst nicht loß ist gewesen von seynem herrn, der es vmb den zynß hat ynnen gehabt. Ich byn aber unterrichtet, wie der kruger von Brato, welcher es dysse zeyt ynnengehabt, soll iezund solch gut loßgeschrieben haben, wo solchs also were, ist meine freuntliche bytte an Euch also mynen lieben gevattern, wollt myr zw solchem gut fodderlich seyn vmb denselbigen zynß, ßo eyn ander gybt, wyll ichs von herczen gerne annehmen vnd die zynße deglich an zwen orth vberychen. Bitte gancz freuntlich, e.g. wolde myr Ewer gemueth wyder schreyben vnd das beste rathen yn dyssem fall vnd anzceygen, wo ich etwas hyrin vnbyllichs begert vnd woldet denen nicht stadgeben myt yrem argkwone, alß ßolde ich solchs gut fur mich odder meyne kinder erblich begeren, welche gedanken yn meyn hercz nie kommen synd. Hoffe zu gott, er werde meynen kindern, ßo sie leben vnd sich fromlich vnd ehrlich halten wurden, wol erbe beschern, bytte alleyne, das myrs ein jar odder zwey vmb eynen zymlichen geburlichen zynß mochte gelassen werden, damyt ich meyne haushaltung vnd vyhe deste bek(w)emer erhalten mochte, weyl man alles alhier vfs tewerst kewfen muß vnd myr solcher ort, der nahe gelegen, ßer nuezlich seyn mochte. Ich habe meynen lieben herrn iczt yn dvßer sachen nicht wollen beschweren, an Euch zuschreyben, der sunst vyl zu schaffen, ist auch on noth, daß E.g. solchs meyn antragen ferrer an ymandes odder an m. g'sten herrn wolde gelangen lassen, ßunder ßo Ir solche myne bytte fur byllich erkennet, daß Irs myt dem schoßzer zw Seyda bestellen wolt, daß myr solch gut vmb eynen geburlichen zynß wie eynen andern mochte eyngethan werden. Domyt seyet gott bepholen. Gegeben zu Wyttembergk, Montag nach Jubilate ym 1539. jhare.

Catherina Lutherynu“[227].

Wiederum wurde aus der Pacht nichts. Dagegen kam Frau Käthe im folgenden
Jahre unverhofft zu einem eigenen Hofgut, das sogar ihr persönlich als
Leibgeding gehörte und ihr um so werter sein mußte, als es der letzte
Rest von dem Erbgut der Bora war, welches sonst der Familie anscheinend
vollständig abhanden gekommen war.

Es war das Gütchen Zulsdorf, das ihr Bruder Hans vor sieben Jahren übernommen hatte, aber trotz der Mitgift der Witwe Apollonia von Seidewitz, die er geheiratet hatte, nicht halten konnte, oder das zu gering war, um ihn selbst zu ernähren. Es war freilich weitab von Wittenberg gelegen, wohl zwei Tagereisen; aber es zog sie doch hin nach dieser ihrer mutmaßlichen einstigen Heimat und ihrem künftigen Witwensitz. So wurde Frau Käthe die Nachbarin von Amsdorf, dem Bischof von Naumburg, dem sie jetzt ihren Gruß entbietet als „gnädigem Nachbar und Gevatter“. Ihr Gemahl that alles, „um die neue Königin würdig in ihr Reich einzusetzen“ und titulierte sie seitdem als die „Zulsdorferin“, „die gnädige Frau von Zulsdorf“, oder „Ihro Gnaden Frau von Bora und Zulsdorf“[228].

Hier in ihrem, „neuen Königreich“ und Sondereigentum konnte ihr unternehmender thatkräftiger Geist so recht nach Behagen schalten und walten und ein Neues pflügen und schaffen. Denn das Gütchen war verlottert, das Land eine „wüste Mark“, die Gebäulichkeiten baufällig. Sie riß nieder, baute, besserte, fuhrwerkte und nahm dabei, wie gewohnt, auch die Hilfe der Freunde ihres Hauses in Anspruch: der Herr von Ende mußte ihr Hafer und Saatkorn liefern, der von Einsiedel Wagen stellen, Spalatin ihre Fuhrleute beherbergen. Sie steckte viel Geld hinein, der Kurfürst gab ihr Eichenbalken und anderes Holz und 600 fl. „Begnadigung“, aber auch das reichte zum Schmerze Käthes nicht für Reparatur und Zustandhaltung des heruntergekommenen Anwesens, so daß Luther im ersten Jahr schreibt: „Sie verschwendet in diesem Jahr dort, was erzeugt wurde“[229].

Dabei hatte die Doktorin allerlei Aerger und Mißgeschick: die Eichenstämme, die ihr der Kurfürst aus dem Altenburger Forst angewiesen und die Luther selbst ausgesucht hatte, ließ sie fällen, um sie in Bretter schneiden zu lassen für ein Scheunlein. Als sie aber mit ihrem Fuhrwerk kam, die Bäume abzuholen, waren sie vom Amtmann verkauft oder unterschlagen. Und es mußte geklagt, von neuem petitioniert und verhandelt werden, bis wieder Holz angewiesen war und Käthe die Fuhren besorgen konnte. Weitere Unannehmlichkeiten erlebte die Gutsbesitzerin mit den Anliegern von Zulsdorf, den Kieritzscher Bauern, welche ihr das Weiderecht beeinträchtigten. So hatte sie im Jahre 1541 monatelang vorm Amtmann Heinrich von Einsiedel zu Borna mit denen von Kieritzsch zu prozessieren. Das Urteil des Kurfürsten fiel günstig für die Lutherischen aus; sie „hätten in der Güte wohl mehr um Friedens und guter Nachbarschaft willen eingeräumt“[230].

Trotzdem verleidete der Doktorin der Besitz nicht. Wochenlang, namentlich wenn Luther verreist war, hielt sich Frau Käthe in ihrem neuen Besitztum auf, so daß ihr der Gemahl manche Epistel dahin schreiben mußte. So im Herbst (13. September) 1541, wo sie vielleicht mit einigen Kindern Obsternte dort hielt. Da schreibt er: „Meiner lieben Hausfrauen Käthe Ludern von Bora zuhanden.

G.u.F.! Liebe Käthe! Ich lasse hiermit Urban zu Dir laufen, auf daß Du nicht erschrecken sollst, ob ein Geschrei vom Türken zu Dir kommen würde. Und mich wundert, daß Du so gar nichts her schreibst oder entbeutst, so Du wohl weißt, daß wir hie nicht ohne Sorge sind für euch, weil Mainz, Heinz und viel vom Adel in Meißen uns sehr feind sind. Verkaufe und bestelle, was Du kannst, und komme heim. Denn als mich's ansieht, so will's Dreck regnen, und unsre Sünde will Gott heimsuchen durch seines Zornes Willen. Hiemit Gott befohlen, Amen.

Sonntags nach Lamperti 1541.

M. LutheR“[231].

Ja noch zu Wittenberg war Käthe mit ihren Gedanken oft abwesend auf ihrem Lieblingssitz, so daß ihr Gemahl adressiert: „Der reichen Frauen zu Zulsdorf, Frauen Doktorin Katharin Lutherin, zu Wittenberg leiblich wohnhaftig und zu Zulsdorf geistlich wandelnd, meinem Liebchen.“ Auch Luther hielt sich manchmal in dem stillen Oertlein zur Erholung auf und sendet von hier Briefe und Grüße „von meinem Käthe und Herrn zu Zulsdorf“[232].

Wohl weil Zulsdorf zu weit abgelegen und zu wenig einträglich war, so wandte in den letzten Jahren Frau Katharina ihre Augen auf das Gut Wachsdorf bei Wittenberg, eine Stunde davon, jenseits der Elbe auf fruchtbarem Boden gelegen, mit Hochwald umgeben; freilich etwas sumpfig. Es gehörte des † Dr. Sebald Münsterers Kindern und war der Erbteilung wegen käuflich. Aber es wurde nichts daraus; namentlich hintertrieb der Kanzler Brück die Erwerbung.

Auch der Doktor war mit dieser großen Ausdehnung der Wirtschaft nicht mehr recht einverstanden, obwohl er den Hausspruch: „Eigen Wat gut ist dat“ sehr wohl kannte und anerkannte und sagte, alles Gute im Ehestand sei eitel Segen Gottes was niemand erkenne, „als der Gott fürchtet und alles auf dem Markte kaufen muß.“ Er konnte sich in diese Haushaltung nicht richten; er meinte, daß die Sorge und Geschäftigkeit um den großen Haushalt sie abziehe, in stiller, gemütlicher, geistiger Weise sich selbst zu leben und ihm und ihren Kindern. Auch klagte er gelegentlich über die vielen Dienstboten, welche in dem weitläuftigen Hauswesen nötig waren; so schon 1527 waren mehrere Mägde da, 1534 ein Kutscher, später sogar ein Schweinehirt. Er meinte: „Ich habe zu viel Gesinde.“ Mehr Dienstboten als heutzutage waren ja auch in diesen Zeiten üblich und möglicherweise ist hierin Frau Käthe etwas weiter gegangen, was wohl mit der zahlreichen Gesindeschar im Klosterleben zusammenhängen mochte[233].

Aber es ist doch begreiflich, daß die Frau Doktorin darauf bedacht war, ihre Wirtschaft zu erweitern. Es war nicht allein die unternehmungslustige Thatkraft der energischen Frau, welche Neues schaffen und ein großes Bereich beherrschen wollte, es war auch die Sorge um die Bedürfnisse des großen Haushaltes selbst, es war aber ganz besonders das Streben, die ökonomische Zukunft der nicht kleinen Familie für das Alter, namentlich aber für die eigene Witwenschaft und das Waisentum ihrer fünf Kinder, zu sichern, indem sie das in Luthers Händen gefährdete flüssige Geld in festes Gut umwandelte.

So bestand am Ende der gesamte Besitz der Lutherischen Familie aus einem Landgut, dem großen und kleinen Haus, dem Klostergarten, dem „Baumgarten“ auf dem Saumarkt, dem Hopfengarten an der „Specke“ und zwei Hufen Landes. Das war ein ziemlich umfangreicher Besitz, der neben der großen und weitläufigen Haushaltung gar viel Unruhe verursachte und viel Zeit und Arbeit kostete, so daß man kaum begreift, woher Frau Käthe nur die Zeit nahm, um das alles zu besorgen und zu übersehen. Und wir verstehen, daß es ihr manchmal zu viel wurde und sie dem heftigen, ungeduldigen Mann manchmal nicht rasch genug nachkommen konnte, so daß er klagt: „Ich bin unter einem unglücklichen Stern geboren, vielleicht dem Saturn; was man mir thun und machen soll, kann nimmermehr fertig werden; Schneider, Schuster, Buchbinder, mein Weib ziehen mich aufs längste hin.“ Aber er muß in derselben Zeit auch die vielgeplagte Frau noch entschuldigen, wo sie ein Kind an der Brust und eins unter dem Herzen nährte: „Es ist schwer zwei Gäste zu nähren, einen im Haus und den andern vor der Thüre.“ Und er erkennt ihre Anstrengungen und Sorgen auch an: „Mein Wolf hat's besser denn ich und meine Käthe“[234].

Die Frau Doktorin war aber auch ein gar fleißiges Weib. Sie hat in ihrem Bereich ebenso gewaltig und unermüdlich geschafft und geschaffen, wie der Doktor in dem seinigen.

Freilich schon morgens um 4 Uhr im Sommer, um 5 Uhr im Winter, oft auch noch früher, stand sie auf, und darum wohl sagte ihr Gatte und ihre Mitbürger: „Käthe von Bora ist der Morgenstern von Wittenberg.“ Und so stand sie an der Arbeit bis abends um 9 Uhr, wo der Doktor unerbittlich zum Schlafengehen drängte. Freilich hatte sie einen kräftigen, leistungsfähigen Körper und war, im Gegensatz zu ihrem viel kränklichen Mann, so gesund, daß fast niemals von einer Erkrankung Meldung geschieht. Es ist nur einmal die Rede davon, daß sie eines Abends schwach wurde und ein Fieber bekam, so daß ihr Gatte in Angst geriet und sagte: „Liebe Käthe, stirb mir ja nicht.“ Ein andermal, da D.M. Luther mit etlichen über Tische redete, ging sie in die Kammer und fiel in Ohnmacht. Aber das war alles vorübergehendes Unwohlsein. Nur eine Krankheit machte sie durch infolge einer Frühgeburt; sonst scheint sie gesund gewesen zu sein bis ins Alter[235].

Doch nicht nur unermüdliche Geschäftigkeit war Käthes Tugend, sondern sie verstand es auch, das Hausregiment zu führen in Küche und Keller, im Brauhaus und Backhaus, in Garten und Feld, in der Kinder- und Gesindestube, als Mutter und Gattin, als Wirtin und Herrin, als „Predigerin, Bräuerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann“, und mit Bezug auf sie, die Hausregentin und „Küchenmeisterin“, schrieb Luther an den Rand seines Hausbuches:

  „Der Frauen Augen kochen wohl
  Mehr denn Magd, Knecht und Feuer und Kohl“[236].

Freilich Luther selbst war nicht weniger arbeitssam, auch mit körperlicher Beschäftigung; namentlich in den ersten Jahren: er gärtelte gern und viel, grub, säete, pfropfte; er drechselte auch auf seiner eigenen Drehbank. Beides sah gewiß Frau Käthe gern, nicht nur, weil es manchen Tagelohn und Handwerksmann ersparte, sondern weil es auch Luthers Gesundheit zuträglich war. Weniger Gefallen hatte sie an seiner aus der Junggesellenzeit herübergenommenen Neigung, seine Kleider selber zu flicken. Der Doktor that sich auf diese Kunst viel zu gut und dünkte darin sich geschickter, wie die deutschen Schneider, welche keine gutsitzenden Hosen fertig brächten. Da fand Frau Käthe eines Tags zu ihrem nicht geringen Staunen und Verdruß ein Paar Hosen ihres Buben, aus denen ein Stück herausgeschnitten war: und als sie nachfragte, hatte der Herr Gemahl den Flicken zum Ausbessern seiner eigenen Hose verwendet[237]! —

Es war ein arbeitsseliges Haus, die ehemalige Stätte der Beschaulichkeit. Droben in der Studierstube der große Doktor, der mit emsiger Gewissenhaftigkeit und dem angestammten Fleiß eines Bauernsohnes seine Zeit auskaufte für die geistliche Haushaltung der Kirche; und unten die wirtliche Hausfrau, die in echter deutscher Geschäftigkeit und Treue sich ihrem Hause widmete, dem Gatten und den Kindern, dem Gesinde und den Freunden, und deren Stolz und Ruhm es war, alles zu können und alles zu thun.

So waltete Frau Käthe in ihrer „Wirtschaft“.

9. Kapitel

„Wunderliche Rechnung zwischen D. Martin und Käthe.“

Ein Grundbesitz, wie ihn das Lutherische Ehepaar am Ende aufwies, zeugte von nicht geringer Vermöglichkeit. Woher und wie war nun dieses Vermögen zusammengekommen?

Katharina sowohl wie Luther brachten nichts in die Ehe. Sie waren am Anfang ihres Hausstandes und noch lange fort vollständig vermögenslos; erst nach seiner Eltern Absterben (1530-31) erbte Luther eine kleine Barschaft von 250 fl. Im Jahre 1527 war er noch gänzlich ohne Besitz, er war arm und ein Bettler, konnte weder Haus, Aecker, liegende Gründe, Geld noch Gut seinem Weib und Kind nach sich lassen, wenn er damals gestorben wäre. Denn auch das Klosteranwesen war noch nicht sein ausgesprochenes Eigentum. „Armut ist mein Irrtum und meine Ketzerei“, sagte er noch 1530; und zwei Jahre darauf hat er nur einen Becher im Schatzkästlein. Noch 1534 mußte er es ablehnen, für ein paar hundert Gulden das kleine Haus Bruno zu kaufen: er wollte seine Armut nicht offenbar werden lassen, weil er's für unmöglich hielt, jemals auch nur die Hälfte einer solchen Summe zusammenzubringen[238].

In Ermangelung eines eingebrachte Heiratsgutes war das Ehepaar also auf
die Besoldung angewiesen, welche der Hausvater hatte, und auf den
Verdienst, welchen die Hausmutter von der Bebauung des Gutes und ihrem
Kosttisch zog.

Die Beamtenbesoldungen waren zu jener Zeit nicht etwa bloß feste Gehalte, sondern bestanden auch in allerlei Ehrengeschenken, meist in Naturalien, welche den Angestellten bei besonderen Gelegenheiten und für besondere Dienstleistungen, als Reisen, Gutachten, Berichte, Schriften u.a., von den Fürsten und Stadtobrigkeiten zuflossen.

Seit seiner Verheiratung war Luthers Besoldung von einhundert auf zweihundert Gulden erhöht worden. Von 1532 ab, unter Kurfürst Johann Friedrich, kamen noch jährlich 100 Scheffel Korn, 100 Scheffel Malz für zwei Gebräude Bier, 60 (später 100) Klafter Holz und zwei Fuder Heu hinzu. Freilich blieben die Lieferungen „aus Unwillen“ der Beamten manchmal aus. Der kurfürstliche Keller zu Wittenberg stand den hervorragenden Professoren immer offen. Außerdem kamen ihm vom Hofe allerlei Viktualien zu: Wein, Most, Essig, Obst, Fische, Wildbret, Arzneien, auch Kleider und Tuche. So sendet 1543 der Kurfürst „zwei Faß, eins mit altem Wein, das andre mit heurigem gewachsenen Most, Suptezer, so gut Uns der allmächtige Gott dies Jahr bescheret hat; den wollet von Unseretwegen gutwillig annehmen und in Fröhlichkeit genießen“. Auch der Dänenkönig Christian III. sandte in den letzten Jahren (1543) zuerst Butter und Heringe; als man aber unterwegs mit dieser „Küchenspeise unschicklich umgegangen“, wurde die Sendung in ein Geschenk von 50 fl. verwandelt. Soviel erhielten auch die andern Wittenberger Theologen Bugenhagen und Jonas: es war ein Ehrensold, den der Fürst für die Ausbildung seiner Gottesgelehrten an die sächsische Universität zahlte[239].

Wenn der Kurfürst Johann an Luther bei Aufhebung des Klosters den Hausrat im Werte von 20 fl. und die Küchengeräte, welche um 50 fl. verkauft wurden, überließ, so war das eine Entschädigung dafür, daß er lange Zeit sein Deputat an Viktualien gar nicht oder nur spärlich erhalten hatte. Für den Hausrat hatte er „der Kirche und Universität mit Predigen, Lesen, Schreiben u.s.w. die langen Jahre her um Gotteswillen und umsonst gedient; und für die Küchengeräte hatte er Nonnen und Mönche (Diebe und Schälke mitunter) gekleidet, gespeiset und versorget mit solchem Nutzen, daß ich das Meine und 100 fl., so mir m. gn. H. Herzog Hans zur Haushaltung geschenkt, gar weidlich zugesetzt habe“[240].

Aehnlich waren die Geschenke der Stadt Wittenberg auch nur Gegenleistungen. So hat der Stadtrat aus seinen Brennereien Baumaterialien, als Ziegelsteine und Kalk, nicht angerechnet, schenkte auch sonst eine Jahresgabe oder besondere Erkenntlichkeit, so als Luther in der Osterzeit jeden Tag gepredigt hatte, einen halben Lachs, anno 1529 der Frau Doktor in Abwesenheit ihres Mannes 10 Thaler, „weil man ihm dies Jahr sonst keine Verehrung gethan“. Dafür war Luther ohne Gehalt bei dreißig Jahre der Stadt Prediger gewesen, hatte auch oftmals noch Bugenhagen auf kürzere oder längere Zeit, einmal sogar, als jener auswärts reformierte, zwei Jahre lang (1535-37) vertreten. Auch mußte Luther auf seine Kosten „zu ihrer Kirche Dienst und Nutz“ Diener halten, ohne daß der „gemeine Kasten“ etwas für sie beitrug. Ferner trat Luther einen großen Raum vorm Klosterhof umsonst an die Stadt ab, gestattete auch, daß sein ganzes Anwesen nach seinem Tode und das Nebengebäude auch bei seinen Lebzeiten unter das Bürgerrecht gestellt wurde, während es vorher ganz frei gewesen. Ebenso wollte Luther, als der Kurfürst 1542 eine Türkensteuer ausschrieb, obgleich er grundsteuerfrei war, doch des Beispiels wegen auch geschatzt sein[241].

Trotz solcher Gegendienste, welche mittelbar oder unmittelbar „Geschenke“ veranlaßten, nahm doch Luther solche nicht ohne Wahl und Maß an. Er lehnte nicht nur das Hochzeitsgeschenk des Mainzer Erzbischofs ab, er wies auch eine Gabe des Kurfürsten zurück, weil er wisse, „daß der hohe Herr des Gebens viel habe und zu viel den Sack zerreiße“. „Bitte derhalben Ew. Kurfürstliche Gnaden wollten harren, bis ich selber klage und bitte, auf daß ich durch solch Zuvorkommen Eurer Kurf. Gnaden nicht scheu werde für andre zu bitten, die viel würdiger sind solcher Gaben“[242].

Und ferner: „Ich will Ew. Kurf. Gn. unterthäniglich bitten, nicht zu glauben denen, die mich angeben, als habe ich Mangel; ich habe leider mehr, sonderlich von Ew. K. Gn., denn ich im Gewissen vertragen kann“[243].

Auch seine Freunde schilt er oft, daß sie des Schenkens zu viel machen[244].

Wenn er Sommers von einem Pfarrherrn oder Schultheißen aufs Dorf zu Gaste geladen wurde, so kam er gern mit einem Tischgesellen und hielt eine Predigt. Aber er brachte allewege Speise und Trank für sich und seine Begleiter mit, die ihm daheim Frau Käthe zubereitet und in den Wagen gepackt hatte[245].

Einem wegziehenden Famulus würde er gerne zehn Gulden geben, wenn er sie hätte; aber unter fünf Gulden soll ihm seine Frau nicht geben und was sie darüber kann geben, bittet der Doktor sie, das solle sie thun — also bis auf den letzten Gulden mutet er der Hausfrau zu sich zu entblößen und doch trägt er der Frau gleichzeitig auf, ein Mitbringsel für die Kinder zu kaufen, weil er selbst in Torgau nichts Sonderliches fände[246].

Für seine Vorlesungen nahm Luther von den Studenten keine Kollegiengelder. Ja, auch von seinen Schriften nahm er kein Honorar: 400 fl., die ihm ein Buchdrucker jährlich für den Verlag seiner Schriften anbot, schlug er aus, auch die 1000 fl., welche Melanchthon ihm für die Ausarbeitung des deutschen Aesop versprach. Eine Kure im Silberbergwerk zu Schneeberg, welche ihm der Kurfürst für seine Bibelübersetzung 1529 schenken wollte, wies er ab: er wollte von der Welt seine geistige Arbeit nicht bezahlt haben und wie Paulus mit dem Gotteswort nicht Handel treiben[247].

Bei einer solchen Gesinnung und Handlungsweise ist es begreiflich, daß die praktische Frau Käthe auch einmal über ihren Doktor mit seiner Geldverachtung seufzte. Als der gleichfalls wenig haushälterische Meister Philipp Melanchthon einmal bei Luther speiste und im Gespräch über den Weltlauf von einem Magister sprach, welcher dem Geiz ergeben, ein sehr gutes Urteil über gute und schlechte Gulden habe, bemerkte die Doktorin: „Wenn mein Gemahl solchen Sinn hätte, würde er gar reich sein.“ Melanchthon meinte darauf: „Das kann nicht sein, denn die Geister, welche für die Allgemeinheit arbeiten, können sich ihren Privatangelegenheiten nicht hingeben“[248].

Den nicht gerade außerordentlichen Einnahmen Luthers standen nun aber gewaltige Ausgaben gegenüber. Zunächst einmal für die ausgedehnte Haushaltung; dann aber auch für andere Zwecke und Anschaffungen. Einen interessanten Einblick in diese Dinge gewähren die Aufzeichnungen Luthers in seinem Haushaltungsbuch. Da ist[249] eine

„Wunderliche Rechnung gehalten zwischen Doc. Martin und Käthe

             1535
        Anno ——
             1536
das waren zwei halbe Jahr.
      90 fl. für Getreide
      90 fl. für die Hufen
      20 fl. für Leinwat (Leinwand)
      30 fl. für Schweine
      28 fl. Muhme Lene gen Borna(u)
      29 fl. für Ochsen
      10 fl. Valt. Mollerstet bezahlt
      10 fl. Geleitsmann "
       8 Thaler M. Philipp "
      40 fl. für Gregor Tischer "
      26 fl. Universität "
     ———-
Zus. 389 fl. außer andern Viktualien. "

Diese „andern Viktualien“ waren Gemüse, Fleisch, Fisch und Geflügel,
Obst und Kolonialwaren, Getreide und Hopfen, Brot und Semmel, Oel und
Talg, Butter und Honig, Wein und Bier.

Dann hieß es: „Gieb Geld für Hanf und Flachs, Garn und Wachs, Nägel und
Haken, allerlei Geschirr und Geräte in Stube, Küche, Keller, Garten; für
Wagen und Geschirr.“

„Gieb Geld“ forderten auch 29erlei Handwerker, ferner Buchführer
(Buchhändler), Arzt, Apotheker und Präzeptor, Knechte, Mägde, Hirten,
Knaben und Jungfern, Bräute und Gevattern, auch Bettler und —
Diebe[250].

Ausgaben gab es dann für manche Patengeschenke, Hochzeiten und
Gastungen, Geschenke zu Neujahr, Jahrmarkt und S. Niklas. Endlich kamen
die „grobe Stück: Hochzeit machen für Sohn, Tochter, Freundin; dem
Krämer für Seiden, Sammet und Wurze“[251].

Im ganzen waren es 135 Dinge, für welche Frau Käthe stets die Hand ausstrecken und „Gieb Geld“ sagen mußte.

Unter diesen Ausgaben machen namentlich die Ehrengeschenke und Wohlthaten einen großen Posten aus; sie gehörten bei Luther zu den besonders „groben Stücken“. Außer den Gastungen gehören namentlich die Patengeschenke und Hochzeiten hierher; Luther und Frau Käthe standen zahllose Male zu Gevatter, denn in Wittenberg waren bei jedem Kinde viele Paten üblich, und für jeden kostete es einen Silberbecher oder eine große Münze. Die Hochzeiten und Hochzeitsgeschenke waren eine große Last. So klagt Luther (1543) am Ende selber: „Die täglichen Hochzeiten hier erschöpfen mich“[252]. Luthers Mildtätigkeit kannte keine Grenzen. Er sprach als Grundsatz aus: „Wer gerne giebt, dem wird gegeben; das erhält das Haus, darum, liebe Käthe, haben wir nicht mehr Geld, so müssen die Becher daran.“ Und demgemäß handelt er. Wie viele andere Theologen und sonstige gutmütige Menschen (auch Melanchthon) gab er Bedürftigen und Bittenden über Gebühr und Vermögen, und gar oft an Unwürdige, so daß er erst durch „böse Buben witzig gemacht“ wurde. Er gestand später (1532) selbst seiner Frau: „Denke, wie oftmals wir haben bösen Buben und undankbaren Schülern gegeben, da es alles verloren gewesen ist.“ Wie weit er in seiner Gutherzigkeit ging, mögen von vielen nur zwei Beispiele zeigen: Einem armen Studenten schenkt der Doktor, weil kein Geld im Haus ist, einen silbernen Ehrenbecher, und als er merkte, wie Frau Käthe ihm abwinkt, drückt er ihn schnell zusammen und schickt den jungen Menschen damit zum Goldschmied; was er dafür löse, solle er behalten, er brauche keinen silbernen Becher. Ja, als seine Frau im Wochenbett liegt, gerät er gar über das Patengeschenk seines jüngsten Kindes, um einen bedrängten Bedürftigen nicht mit leerer Hand gehen zu lassen, und meinte: „Gott ist reich, er wird anderes bescheren“[253].

Das gesamte, so wenig berechnende Verhalten Luthers erklärt sich einerseits aus seiner allem Eigennutz abgeneigten Natur und seinem großartigen Gottvertrauen, andrerseits aber auch aus dem Mangel an Berechnung, welche dem weltentfremdeten Mönch aus seiner Klosterzeit noch anhaftete; dies mußte aber bei einem „weltlichen“ Haushalt naturgemäß dazu führen, daß Einnahme und Ausgabe bald nicht mehr im richtigen Verhältnis zu einander stand. So hatte das junge Paar im zweiten Jahre seiner Ehe über hundert Gulden Schulden, so daß Luther seinem Freunde und ehemaligen Klostergenossen Brisger keine acht Gulden vorstrecken konnte. „Woher soll ich's nehmen?“ fragt er. „Durch meinen schweren Haushalt und meine Unvorsichtigkeit ist es so gekommen. Drei Becher sind für 50 fl. verpfändet. Dazu kommt, daß Lukas (Cranach) und Christian (Aurifaber, Goldschmied) mich nicht mehr als Bürgen zulassen, denn sie merken, daß sie so (durch meine Bürgschaft) auch nicht besser daran sind oder ich ausgebeutelt werde. Ich habe ihnen jetzt auch den vierten Becher gegeben, welchen sie dem fetten H. geliehen haben.“ Dabei kommt ihm aber noch nicht in Sinn, wo der Rechnungsfehler stecke. Er klagt: „Wie kommt's, daß ich allein so ausgesaugt werde? nein, nicht nur ausgesaugt, sondern sogar in Schulden verstrickt?“ Sogar noch 1543 klagt er dem allerdings etwas habsüchtigen Jonas gegenüber, der von ihm bei seiner zweiten Verheiratung wohl ein „fettes Hochzeitsgeschenk“ erwartete: „Du kennst meine Dürftigkeit und meine Schuldenlast“.[254]

Einmal fing er auch an zu rechnen — am Kleinen, ans Große dachte er nicht. Da brachte er heraus, daß er allein jährlich für Semmeln 31 Groschen 4 Pfennig brauche; dazu noch der Trank mit 4 Pfennig täglich und das Uebrige — eine Summe, die ihm zu groß war, und er schließt: „Ich mag nie mehr rechnen, es macht einen gar verdrossen. Ich hätte nicht gemeint, daß auf einen Menschen so viel gehen sollte“[255].

Dennoch stellte er 1536 eine Generalrechnung an für „grobe Stück“ und brachte da allein 389 fl. Ausgaben heraus in zwei halben Jahren, ohne die Viktualien u.a. Er schloß diese Zusammenstellung ab mit dem Seufzer: „Rat, wo kommt dies Geld her? Sollt das nicht stinken und Schuld machen[256]?“

Und als Luther im Jahre 1542, wo er sein „Testament“ machte, seine Ausgaben zusammenstellte und seine Einnahmen dagegen hielt, schließt er: „Ich habe eine wunderliche Haushaltung, ich verzehre mehr als ich einnehme; ich muß jedes Jahr 500 Gulden in der Haushaltung in die Küche haben, zu geschweigen der Kleider, anderer Zierat und Almosens, da doch meine jährliche Besoldung sich nur auf 200 Gulden belauft.“ Dazu schreibt er im Haushaltungsbuch neben anderen ernsten und launigen Reimen den Stoßseufzer:

  „Ich armer Mann! So halt ich Haus;
  Wo ich mein Geld soll geben aus,
  Bedürft ich's wohl an sieben Ort
  Und fehlt mir allweg hier und dort“[257].

Da war es freilich begreiflich, daß manchmal die Fleischer und Fischer von Wittenberg „grob“ wurden und mit „ungestümen Worten der Frau“ gegenüber ihre Schuld forderten. „Die Doktorin“ half sich dann wohl damit, bei „Philipp Melanchthon 20 Thaler zur Haushaltung zu leihen“. Und dann sprang etwa der Kurfürst ein, wenn er's durch den Kanzler Brück erfuhr[258].

Diese „wunderliche Haushaltung“ Luthers wurde in sehr Natur- und sachgemäßer Weise geregelt durch die Hausfrau. Die „wunderliche Rechnung gehalten zwischen Doktor Martin und Käthe“, mit ihrem ständigen Defizit, wurde in Ordnung gebracht durch diese gute Rechnerin und sparsame und erwerbsame Haushälterin. Frau Käthe brachte einen Ausgleich zwischen Soll und Haben: sie verminderte die Ausgaben, vermehrte die Einnahmen, sie bezahlte die Schulden und erwarb ein Vermögen.

Eines der ersten Ereignisse in dem neuen Haushalt ist eine lustige Familienszene, welche die gutmütige Verschwendung des Eheherrn und die listige Sparsamkeit der Gattin zeigte. Es hatte nämlich das Ehepaar ein hübsches Glasgeschirr mit Zinnverzierung von Hausmann geschenkt bekommen; das hätte Frau Käthe selbst gerne behalten, Luther aber an den D. Agrikola, damals noch sein lieber Freund, der auch darnach Gelüste hatte, verschenkt. Luther hatte es gemerkt, wie sie darauf gelauert, und wollte es kurz machen. Er hatte schon den Brief dazu geschrieben; als er aber das Geschenk dazu packen wollte, war es fort: Frau Käthe hatte es abhanden kommen lassen und die Hausfreunde D. Bugenhagen und D. Röhrer hatten sich mit ihr verschworen und ihr dabei geholfen. So mußte sich Luther in einer Nachschrift entschuldigen, daß er das Glas nicht mitschicken könne; seiner insidiatrix Ketha (der hinterlistigen Käthe) gegenüber sei er ohnmächtig; er denke aber das Glas später doch noch einmal zu erwischen. Käthe aber hielt es fest wie ein bissiger Kettenhund[259]. Sie brachte etwas strengere Ordnung in die Gesellschaft der jungen Studenten und in ihre Hausrechnung, so daß M. Veit Dietrich sich über sie beklagte und sein Landsmann und Nachfolger im Haus und am Tisch Frau Käthes sie als stramm und knauserig beschrieb, „die alles zu Rat gehalten und bei den Tischgenossen auf nötige Bezahlung gedrungen“[260]. Auch Kanzler Brück warf ihr in feindseliger Stimmung Knauserigkeit in der Haushaltung vor. Von Luther und andern hören wir dagegen hierüber keine Klagen; und daß der Zudrang zu ihrem Kosttisch von alt und jung ein großer und nicht zu befriedigender war, ist der beste Beweis für die Uebertriebenheit jener Vorwürfe. Aber ihre löbliche Sparsamkeit und haushälterisches Zuratehalten weiß ihr Gemahl wohl anzuerkennen. Er sagt: „Das Weib kann den Mann wohl reich machen, aber nicht der Mann das Weib. Denn der ersparte Pfennig ist besser denn der erworbene. Also ist rätlich sein (zu rate halten) das beste Einkommen“[261]. Und in sein Haushaltungsbuch schrieb Luther den Sinnspruch:

  Es gehört gar viel in ein Haus.
  Willst Du es aber rechnen aus,
  So muß noch viel mehr gehn heraus.
  Des nimm ein Exempel, mein Haus[262].

So hörte er mit Rechnen auf und überließ das seiner „rätlichen“ und wirtlichen Hausfrau, und wenn er selbst nicht wußte, woher nehmen, so schrieb er seiner Käthe: „Sieh, wo Du's kriegst“[263].