Gebhard führte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und Helene brachte schüchtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenüber." Sie betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, daß sie sich im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geöffneten Fenster, durch das der Duft blühender Linden hereinströmte. "Das ist der Blinde," sagte Gebhard und führte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tüchlein befestigt, die die Augenhöhlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der Blinde hörte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch für die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man muß es halt hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschäftigung gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden Nachmittag Unterricht."
"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?"
"Ja, das wäre mir wohl recht."
Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er führte den blinden Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Draußen sprach sie mit der Schwester. "Darf ich öfter kommen?" fragte sie, "ich möchte so gerne mehr von ihm hören," und zaghaft fügte sie hinzu: "Ich möchte ihn auch ohne die Binde sehen."
"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde trägt er bloß, wenn er über die Straße geht. Sie werden sich schnell an den Anblick gewöhnen—wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr daran, das ist nicht so schlimm!"
Erleichterten Herzens verließ Helene das Gebäude. Der Blinde, die Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiß nicht. Gleich morgen wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener geliebter Blinder kommen würde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein!
Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der
Sanitätshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten
Kreuz geschmückte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu.
"Heute sollst du sein Meisterstück sehen, Gebhard," sagte der Hundeführer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Frühe ab, gleich an die Front!"
Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer kleinen Anhöhe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen wären. Auf einem andern Weg folgte nun der Führer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon ähnliche Übungen mit dem Hund gemacht," sagte der Führer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, ließ er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such verwundet!"
Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien er sich zu besinnen, schnüffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase auf dem Boden. Allmählich näherte er sich dem Wald.
"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Führer. "Der Steg ist weiter oben. Die Soldaten werden sicher nicht über den Steg gegangen sein, sondern durchs Wasser."
"Aber im Wasser verliert er die Spur!"
"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo verschwand plötzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches wieder auf, schüttelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinüber an den Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend. Plötzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf.
"Er bringt eine Mütze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnügen dem wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und die Soldatenmütze zu den Füßen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav," lobte der Führer und befestigte die Leine am Halsband. "Führe mich, Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in den Wald hinein, durch dick und dünn eine gute Strecke weit; dann gab der Hund Laut und blieb stehen. Möglichst im Unterholz versteckt lag ein Soldat ohne Mütze. Der Führer sprach ruhig und freundlich den Soldaten an, während er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muß merken, daß es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklärte er, streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und führte diesen am Arm mit sich fort.
Die Übung wurde wiederholt, der neue Sanitätshund bewährte sich glänzend, er fand alle Versteckten.
Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurück, der Führer begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied. "Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann, der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar nicht. Ich glaube auch, daß Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe. Er weiß, daß er Verwundete suchen muß. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es verstand jedenfalls so viel, daß von ihm die Rede war. Nun wandte sich Gebhard ab, gab dem Führer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir wollen jetzt doch lieber gehen."
Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glück!" rief sie.
"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich.
Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Straßen waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In der Mitte der Straße bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kümmerte sich viel um den gewohnten Anblick.—Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder hing über dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstücke; man wußte: das sind Frauen, deren Männer im Krieg sind und die nun nähen für das Militär, um Geld zu verdienen für sich und die Kinder.—An einem Ladenfenster klebt ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe steht davor, auch Helene und Gebhard bemühen sich, sie zu lesen, können aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."—Zwei vorübergehende Frauen plaudern miteinander, man hört nur drei Worte, nur den gewichtigen Ausruf: "das Stück 14 Pfennig!" aber man weiß: von den Eiern reden sie.—Auch was die zwei älteren Damen meinen, die so besorgt aussehen, ergänzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hört: "Morgen sind's schon drei Wochen!" daß keine Nachricht vom Sohn mehr eingetroffen ist.—Ein paar muntere Mädchen eilen vorüber, die eine rühmt sich: "O wir haben im vorigen Monat zehn übrig behalten," Brotkarten natürlich.
Und plötzlich schauen alle, horchen alle—drei Schüsse? Ein Sieg? Da und dort fährt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Straße: Was ist's denn? Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl ist gefallen!"
Eine Freude fliegt durch die ganze Stadt.
Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, können kaum erwarten heim zu kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu läuten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Großmutter Fenster erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe österreichische; denn eine kann nimmer genügen, um die Siegesfreude auszusprechen in dieser einzig großen, schweren Zeit.
Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit gelebt. Immer wieder hatte sie zurückdenken müssen an den Tag, der ihr Glück vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie es werden sollte, wenn er zurückkäme. Seine Stelle konnte er ja nicht mehr ausfüllen, das Forsthaus war keine Heimat mehr für sie. Vor längerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschädigt geblieben sei und geholt werden könnte. Heute war amtliche Mitteilung darüber eingetroffen. Sie besagte, daß infolge russischer Plünderung sämtliche Möbel und Hausgeräte zertrümmert seien, die Betten aufgeschnitten und besudelt, Bücher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die zerstörte Wohnung später noch durch Diebsgesindel durchsucht worden, denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden.
Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche künstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht—nun war die ganze schöne Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an geliebten Gegenständen, jedes Andenken an frühere Zeiten, die Spiele, die Gebhards Kinderglück ausgemacht hatten, alles war in die Hände roher Gesellen gefallen und vernichtet worden.
Helene war tief gebeugt über diese vollständige Verarmung. Noch vor kurzem hätte sie sich wenig darum bekümmert, aber eben jetzt, wo sie ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden im eigenen Haus empfangen. Aber das wußte sie: die Mutter würde Raum schaffen für ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu ihr käme er gerne und man mußte dankbar sein, daß das möglich war.
So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich weiß, du wirst ihn mit Freuden aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir dann nicht zu viel?"
"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort.
"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.—"Ich meine zu viel für mich, weil zu wenig bleibt für dich. Ich habe schon viel darüber nachgedacht und möchte gerne herausbringen, daß Ihr eine kleine, einfache Wohnung für Euch allein nehmen und einrichten könnt. Aber das genügt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und stilgemäß sein. Dazu reicht es aber nicht. Es müßte eine ganz bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Möbel dazu verwendet werden, das könnten wir mit vereinten Kräften schon bestreiten und dann wäret Ihr vier beisammen; so käme es mir am besten vor."
"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glück umarmte sie die Mutter und rief in übermütiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unkünstlerisch als du nur willst. Ein urgemütliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter, gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah glücklich auf die strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben.
In den nächsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen Zukunftsplan Einfluß hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er sprach herzliche Teilnahme aus über das Schicksal des Erblindeten; aber auch Stolz und Freude über das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu dürfen bei der Gründung eines neuen Heims.
Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, daß dank
der großen Summen, die aus ganz Deutschland für die vertriebenen
Ostpreußen eingegangen seien, eine Entschädigung für den verlorenen
Besitz bewilligt werden könnte, sobald der Antrag gestellt würde.
Zu Tränen gerührt war Helene über diese freiwillige Hilfe von allen Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so schön und reichlich anschaffen, wie einst als Braut.
Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle Wünsche befriedigen? Sie war so fröhlich und eifrig gewesen bei dem Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie möglich einzurichten. Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch ausgerechnet, daß wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann möchte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die für die Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an ärmeren ab. Ich meine, Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?"
"Ich denke, daß du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort. Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr auch blieb, während sie die bescheidene Wohnung wählte und mit schlichten Möbeln ausstattete. Ein fröhliches Vorbereiten, ein bräutliches Erwarten erfüllte sie in diesen Tagen.
Elftes Kapitel.
An seinen Schulheften saß Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf den Vater unerträglich lang. Die Mutter hatte es gut—ihre Tage waren ganz ausgefüllt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete die Wohnung für ihn; sie ging um seinetwillen fast täglich ins Lazarett zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege.
Und die Großmutter war von früh bis spät in allerlei Kriegshilfe tätig; viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten hatte sie ein wenig Muße für ihren Enkel. Else und Grete waren in allen Freistunden unterwegs, sie sammelten fürs Vaterland das Gold ein, von dem noch viel bei ängstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte. Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als "Kuckuck" ließ sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt.
Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie tröstete ihn. "Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird es um so schöner bei uns." Vom nächsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch mit, daß ihm die Zeit rascher vergehe über dem Lesen.
Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Großmutter. "Wann kommt denn endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!"
"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draußen müssen doch alle warten!"
"Ja, aber es ist keine schöne Zeit, wenn man so wartet, Großmutter."
"Willst du denn eine schöne Zeit haben im Krieg, während so viele leiden? Sei froh, daß du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig ausharrst."
So ernst nahm es die Großmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war, wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf sich nehmen, das sollte die Großmutter sehen. Er nahm sich zusammen und ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett gegen mich," erzählte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber daß ihm alle Herzen zugetan waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die andern an, ohne daß er's wußte.
Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder Sanitäter war, Gebhard an, daß an diesem Vormittag ein Zug mit Verwundeten ankäme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht die neugierigen Menschen an die Bahn kämen. Sie würden alle in das Lazarett gebracht, außer einem, den müsse sein Bruder abholen und in die Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards Vater sein könne?
"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die plötzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der Zug?"
"Das weiß man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben doch bis zwölf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug kommt."
Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, daß vielleicht der Vater ankomme? das ging doch nicht? Aber es mußte gehen. Die Großmutter würde sagen: ausharren. Wie sonderbar, daß er da saß in dem großen Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wüßte! Wie qualvoll dieses Stillehalten!—Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so furchtbar schwer!
Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Nähe und richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief, wie wenn er eine Last mit in die Höhe zu heben hätte. Der Lehrer lachte. "Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus gepreßtem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater ankommt und ich in der Schule bin!"
"Dein Vater kommt? Heute früh? Du hättest ihn gern begrüßt? Ja! Möchtest fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?"
Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung.
"Närrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!"
Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der
Türe zu.
"Deine Mütze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal, sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Mütze vom Nagel, auf und davon, dem Bahnhof zu.
Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn nötig, vor dem Bahnhof warten, ohne daß er daheim vermißt wurde. So lange wollte er ausharren, o leicht und gern!
Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von Lazarettzügen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor. Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Körben am Arm, die da standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die Verwundeten ankämen. Die eine lachte: "Da bist du zu spät aufgestanden!" und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklärte die andere: "Die sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und gingen ihres Weges.
Also zu spät, nicht zu früh! Bitter enttäuscht stand Gebhard, konnte sich nicht gleich entschließen den Platz zu verlassen; zögernd, planlos ging er noch auf den Bahnhof zu und stand plötzlich betroffen still. Aus dem Bahnhofgebäude kam ein Sanitäter, führte zwei Männer und diese beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt näherte sich die Gruppe; der Sanitäter stützte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat war und auch am Fuß verletzt schien; sorglich führte er ihn die breiten Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb der andere, den Führer erwartend, an einer Säule der Vorhalle stehen, und da nun seine stattliche, kräftige Gestalt ganz zu sehen war, erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zögern war vorbei, in jubelnder Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender Stimme:
"Vater! Grüß dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden Händen und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Grüß dich Gott, mein Männlein, mein guter Bub! Ich hätte nicht gedacht, daß du mich gleich erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!"
"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten können, bis du kommst; das wissen wir ja schon lang, daß du blind bist, das macht gar nichts, Vater!"
"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen. Der Sanitäter kam nun zurück, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu holen.
"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut führen!"
"Zunächst bin ich noch ins Lazarett überschrieben, aber bald darf ich heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen."
"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der
Sanitäter und fügte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, daß heute
Verwundete ankommen?"
"Ein Schulkamerad."
"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur mit!"
Sorgsam führte der Sanitäter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard ging auf der andern Seite.
"Künftig darf ich dich immer führen, gelt Vater?"
"Letzte Stufe," sagte der Führer und wandte sich an Gebhard: "Immer voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankündigen, das ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig und zuversichtlich. Darauf mußt du achten!"
"Ja das will ich gewiß tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitäter dem Blinden das Einsteigen ermöglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe.
Bald saßen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel, weil sie noch kaum das Glück fassen konnten, wieder beisammen zu sein. Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn mußten sich trennen. "Bitte die Großmutter, sie möchte zuerst allein zu mir kommen; für die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde, küßte den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuß gib der Mutter!"
Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die wunderbare Mär glauben, die er nun verkündigen wollte: daß der Vater angekommen sei!
Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren nach der künftigen kleinen Wohnung hinübergegangen; Helene war fertig mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und führte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefällt es dir, Mutter? Ist dir's recht so?"
"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine frühere reiche, stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte fröhlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil. Wie wenn man Reste aus ein paar zerstörten Häusern zusammengetragen hätte: da ein paar schöne, alte Möbel von dir, dort schlichte, gebeizte vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt hat, und davor ein gewöhnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein kleiner Spiegel vom Trödelmarkt. Aber sieh, die sogenannte Mädchenkammer, hat die nicht ein nettes Stübchen für Gebhard gegeben? Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln dürfen und sein schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu paßt auch statt eines Mädchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur er noch! Wie lange wohl?"
Draußen wurde geklopft. "Es muß jemand an der Vorplatztüre sein," sagte
Helene, "die Klingel geht nämlich nicht immer und der Aufzug ist auch
ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehört eben auch zum
Kriegsstil."
Sie gingen miteinander hinaus und öffneten. Gebhard stand vor ihnen auf der Schwelle, wußte vor übergroßer Erregung nicht gleich, wie er erzählen sollte, war auch so gesprungen, daß es ihm den Atem benommen hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und rief: "Der Vater kommt?"
"Der Vater ist schon da!" Glückselig fiel er der Mutter um den Hals und jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuß von ihm!"
Zwölftes Kapitel.
Am Bett ihres Sohnes saß Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen leer, die Verwundeten waren an dem schönen Nachmittag ins Freie gebracht worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des Wiedersehens und ungestört hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine Erlebnisse erzählen können. Sie wußte jetzt, was er durchgemacht von dem Augenblick an, da er sich bereit erklärt, die Russen zu führen, in der stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der Offizier traute seinem Führer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht zu Willen sei, solle er nie mehr seine schöne Frau wiedersehen, er würde ihm die Augen ausstechen lassen.
So wußte er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf irgend einen glücklichen Zufall, der ihm zu Hilfe käme, und betete im stillen. Aber das Mißtrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte, daß der bittere Kelch nicht an ihm vorübergehen sollte, und bereitete sich innerlich vor auf das, was kommen mußte.
Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut der Feinde gegen ihn. Sie verübten an ihm die grauenvolle Untat, ließen ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon.
Als Stegemann so weit erzählt hatte, spürte er an der zitternden Hand der Mutter, daß sie überwältigt war, und er hielt inne.
"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja überstanden, auch die schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter davon erzählen; ich danke dir, daß du mich so tapfer angehört hast. Dir habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen. Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir, Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfühlend ist und mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude angelegt? Zwar glaube ich nicht, daß wir Not leiden müssen. Das ganze Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, daß wir arbeiten lernen und etwas verdienen können. Damit habe ich schon angefangen und werde meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen für die Meinigen. Aber dennoch—wie schwer ist es für Helene! Nie hätte ich, so wie ich jetzt bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in die ihrige und sprach in voller Überzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt, Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Bräutigam entgegensehen, als sie ihrem Helden!"
"Weil sie nicht weiß, was für ein Anblick ihr bevorsteht und was es heißt, einen hilfsbedürftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg räumt!"
"O, sie weiß das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate
Krieg erlebt, die waren für deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen
und Warten; sie hat sich durchgekämpft, ist stark geworden, um Leid und
Entbehrung mit dir zu tragen."
"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist, dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine weitere Stunde soll die Trennung verlängert werden."
"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich bringe ihr deine Botschaft."
Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die
Schublade auf.
"Was suchst du? Kann ich dir helfen?"
"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz. Wenn du mir das befestigen willst. Daß sie doch etwas Schönes sieht an ihrem Mann!—So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr, man sieht die Zerstörung nicht?"
"Nein."—Sie wollte hinzufügen: "Deine Frau hat sich längst geübt, auch das zu sehen," aber sie unterdrückte es. Wer konnte wissen, wie es sie im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschüttern würde?
Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet.
"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein sprechen?"
"Er hat Mitleid mit dir, daß du ihn so wiedersehen mußt, hat Angst, es möchte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es furchtbar erschüttert; ich mußte mich so zusammennehmen, um die Fassung zu bewahren."
Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie diese Fassung und konnte die bittern Tränen nicht zurückhalten. Das hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstärke überlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?" Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er wartet!"
Der Mutter Schwäche wurde eine merkwürdige Hilfe für die junge Frau. Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann mußte sie die tapfere sein. Alles Bangen wich von ihr, leichtfüßig eilte sie die Treppe hinauf, sie wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser lang ersehnten Stunde.
Sie öffnete die Türe, sah, wie bei dem Geräusch ein Kopf sich aus dem
Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Türe wandte.
"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn stürmisch und rief ihm fröhlich zu: "Glaubst du, daß ich's bin, wenn du mich gleich nicht siehst?"
Er spürte ihre Fröhlichkeit und zog sie an sein Herz.
"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, daß ich dich habe!" Er küßte sie. Da schob sie sanft die Binde über seine Stirne hinweg, drückte einen Kuß auf jede der verheilten Wunden und sagte zu ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf diese Narben!"
Er legte sich zurück, fühlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab sich der Wonne des wiedergefundenen Glückes hin.