Gegen das Ende der Reise, während Gebhard sich schon ungeduldig auf das Wiedersehen mit der Großmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden vorgenommen, nichts davon zu erzählen, daß sie ihren Mann überredet hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu hören. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit der Mutter.
Helene wußte, daß sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem treuen Gefährten Leo war angekündigt. Als die Reisenden in die Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war für die Menge gesperrt, da in Kürze ein Lazarettzug mit einer großen Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitäter mit Tragbahren erwartete den nächsten Zug; aber mitten unter ihnen stand eine einzelne große Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte, um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen.
Gebhard erkannte die Großmutter sofort und eilte auf sie zu.
"Mein lieber, großer Bub!" rief sie, "ich bin froh, daß du zu mir gekommen bist. Und dein schöner Leo ist auch da! Nun komm nur gleich, wir müssen möglichst schnell den Bahnsteig verlassen."
"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!"
"Die Mutter? Kommt sie doch mit?"
Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, daß bei dem unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Großmutter freudig aufleuchtete.
"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand entgegen, "dann ist ja alles schön und gut; wir gehören doch zusammen in dieser Zeit!"
Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne näher wäre, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewußt, daß Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen von Hunden war aber nicht gestattet.
"Kann Leo nachspringen?" fragte die Großmutter.
"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater läßt ihn nie gern neben dem Wagen springen."
"Dann gehst du mit ihm zu Fuß; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn vor zwei Jahren gemacht."
"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich.
"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns hereinlassen," schlug Helene vor.
"Bewahre. Ein großer Bub mit solch gutem Hund sucht sich eben seinen Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weißt du Straße und Nummer?"
"Jawohl, Johannessteg 5."
Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen Begleiter zu Fuß. Helene wunderte sich über die Großmutter, die dem geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmütige, weichherzige Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wußte sie wieder, warum ihr bange gewesen, und es überkam sie eine beklemmende Angst vor der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte.
Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der
Altstadt. Die schönen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser
Wohnung, hingegen war sie geräumig, hatte viele Zimmer, Kammern und
Gänge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg über die
Dächer der gegenüberliegenden Häuser, über Gassen und Straßen hinaus ins
Weite, wo Gärten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte
Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung.
Außer einem Dienstmädchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge
Hausgenossinnen, zwei Enkeltöchter, die hier in der größeren Stadt eine
Töchterschule besuchten. Von ihnen erzählte sie Helene, nachdem sie die
Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht
auf der Straße von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte.
Während sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen,
wunderte sich Helene über die Sechzigerin, die nichts von der
Anstrengung zu merken schien.
"Mutter, wie du steigen kannst!"
"Das macht die Gewohnheit."
"Aber ist dir's nicht lästig? Du dürftest dir's wohl auch leichter machen."
"Warum? Ich bleibe gern in der Übung. Solange ich gesund bin, schadet mir das Steigen nichts. Es wäre nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es nicht mehr tun wollte."
Rüstig stieg sie voraus.
Oben angekommen wurden sie vom Dienstmädchen empfangen mit der Nachricht, daß ein fremdes Fräulein schon lange auf sie warte und sie sprechen möchte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden Schwestern, Grete und Else, große Mädchen mit blonden Zöpfen und frischen, fröhlichen Gesichtern. Sie waren überrascht, statt des erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die Großmutter zu ihnen, "und du, Helene, laß dich nicht abschrecken, wenn es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt so viele Mädchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Mädchen'. Um so etwas wird es sich auch jetzt handeln."
Sie verließ das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben der Großmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, daß diese noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, daß auch die beiden Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der Großmutter beseelt waren.
Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfüllte. "Dürfen wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoß Kinderwäsche genäht für die vertriebenen Ostpreußen und haben Handschuhe und Socken für die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne folgte Helene den eifrigen Mädchen in ihre Stube und ließ sich an das altmodische Pfeilerschränkchen führen, in dem allerlei Arbeiten aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter getrennt; denn er wußte, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch hatte er so ein unbestimmtes Gefühl, daß ihr bangte vor dem Zusammensein mit der Großmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer.
Grete und Else waren gleich für diesen kleinen Vetter eingenommen und auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schließen, wichen ihm aber doch aus, als er sie beschnüffelte.
Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter der Gesellschaft aus.
"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, daß wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von selbst nieder." Das gefiel den Bäschen und freute Gebhard. Wo er gern war und wo es Leo behagte, mußte sich doch auch sein Mütterlein heimisch fühlen.
Nach kurzer Zeit kam auch die Großmutter wieder. Sie hatte dem jungen Mädchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den jüngsten sollte sie selbst ausfahren, das paßte ihr nicht.
"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muß man froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und übrigens möchte ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Engländer. Und warum nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir müssen ja froh sein, wenn es recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!"
Sie führte die Schwiegertochter über den langen, dunkeln Gang. Helene dachte unwillkürlich an die hell erleuchteten Räume in ihres Bruders Haus.
"Überall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird bei euch auch knapp sein."
"Ich weiß nicht, es war nicht die Rede davon."
"Nicht? Es ist eine große Entbehrung für viele Leute. Manche Familien können abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Für solche ersparen wir immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten müssen sich auf ganz anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden."
Gebhard horchte hoch auf bei diesen und ähnlichen Äußerungen der Großmutter. Während des einfachen Abendessens erklärten ihm die Schwestern, was kriegsmäßig sei und was nicht; was sich die Familie zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von dem zu nähren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben. Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und daß er glühenden Eifer zeigte für alles Gemeinnützige, fragten sie, ob er mittun würde, wenn sie nächsten Sonntag mit der Rotkreuzbüchse durch die Straßen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht, daß man auch ihn irgendwie für solch vaterländische Tätigkeit brauchen könnte. Stolz war er, glücklich über diese neuen Aussichten. "Großmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard trägt die Büchse, wir die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Flüchtling aus Ostpreußen!' Da gibt uns jedermann doppelt so gern!"
"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so polizeimäßig aus, mit ihm können wir uns in alle Winkel der Stadt wagen!"
Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und waren glücklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich heimisch fühlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger behagt, als die einfachen Verhältnisse, die er von Hause aus gewöhnt war, und wie heimische Luft empfand er die vaterländische Gesinnung, die auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war.
Sechstes Kapitel.
Die Teestunde war vorüber, endlich mußte auch der Augenblick kommen, auf den Helene sich gefürchtet hatte, die Aussprache über das, was im stillen Herzen beide Frauen mehr beschäftigte als all die Dinge, über die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten.
"Ich möchte jetzt ungestört ein Stündchen mit Tante Helene sein," sagte Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir fragt, soll warten oder später wiederkommen. Gebhard kann bei euch bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer."
Aber Helene griff unwillkürlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest.
Die Großmutter sah die fast ängstliche Bewegung der jungen Frau.
"Du möchtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt.
"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt."
"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstätte." Vor der
Türe wartete der Hund, er schloß sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr.
Stegemann ging voran, führte ihre Gäste bis an das Ende eines langen
Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird für dich gerichtet, Helene;
wir wußten ja nicht, daß du kommst. Und hier gegenüber, ist deine
Kammer, Gebhard, sieh."
Sie traten in eine große, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand darin. "Wie für einen richtigen Soldaten," sagte die Großmutter, "nur daß es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst einer werden."
"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen."
"Willst du? Das ist recht! Weißt du, Federn sind so etwas weiches, warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser."
"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Großmutter, wohin?"
Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte, Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt für das Kind, er ist es nicht gewöhnt."
"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht für deine Kleider." Sie schloß einen großen, altertümlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein kannst du deine Kleider hängen."
"Ich will ihm helfen, sie einzuräumen," sagte Helene. Ihr war jeder Vorwand erwünscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Während sie nun an den geöffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Großmutter," fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstücke." Sie holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstück hervorzog, eine Herrnjuppe, jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist noch eine Juppe von deinem Vater, ist's möglich, daß er die erkennt?"
"Aber freilich, Großmutter, sieh nur, wie er schnüffelt, wie er sich freut und daran zerrt!" Ein Ruck—und der Hund hatte die Juppe auf den Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in ganzer Länge darüber, wühlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstück und nahm so fest Besitz davon, daß es nicht rätlich schien, es ihm wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden, streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte.
Gerührt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, ließ sich überwältigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von Schluchzen erschütterte Frau und redete ihr in einem weichen, mütterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehört hatte. Da schwand allmählich ihre Furcht und es überkam sie der Trieb, der Mutter ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel schrecklicher, als du ahnst!"
"Wie so? Weißt du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du
Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?"
"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehört seit jenem Tag. Aber es war anders als du denkst, ich kann es so schwer über die Lippen bringen!"
Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht mehr in ihrer Stimme als sie, gefaßt auf die schlimmsten Mitteilungen, zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir dürfen nicht feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hören, auch das grausamste. Und du mußt jede Wahrheit aussprechen können. Sei doch auch tapfer, was hilft das Weinen?"
Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Großmutter," rief er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir Stegemanns. Man muß sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Großmutter hat aber doch recht und ich will ja auch, daß sie alles erfährt. Gebhard, erzähle du es, du warst ja dabei und du mußt nicht immer so weinen, wie ich!"
"Ja," sagte Gebhard, "die Großmutter darf das wissen, sonst niemand auf der Welt!"
Der kleine Mann gab sich einen Ruck, daß er stramm da stand und fing an: "Großmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fünf Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte uns der Vater, er müsse sie begleiten, aber kein Mensch dürfte wissen wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am nächsten Tag kam der Vater allein zurück und sagte, wir müßten schnell fliehen, die Russen könnten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Jüngferlein war nicht da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der Vater begleitet habe. Ich weiß nicht mehr genau, was der Vater zuerst sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn denselben Weg führen, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter Deutscher und werde nicht zum Verräter." Aber der Offizier hat ihm gesagt: er könne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm versprochen, er dürfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, müßten wir alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten ganz wütend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut, und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht! Aber dann—" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles sagen, Mutter, alles?"
"Alles, Gebhard!"
"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertüre aufgeriegelt und hat von ferne gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein' sagen können. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu führen. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater käme am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen. Das Ehrenwort muß doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht, Großmutter?"
Er bekam keine Antwort. Die Großmutter, die still mit verhaltenem Schmerz den Bericht angehört hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Händen und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich weiß, du wärest heldenmütig gewesen und ich war feig, war in Todesangst; das hat er nicht mit ansehen können und mir zuliebe ist er zum Verräter geworden. Ich bin schuld, daß nun diese Schuld auf seinem Gewissen liegt. Darum habe ich mich nicht entschließen können, dir zu schreiben. Ich weiß ja, wie du mich verachten mußt, daß ich deinen edlen Sohn dazu gebracht habe."
"Du hast ihn nicht dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf der Welt hätte ihn dazu bringen können. Ich kenne ihn. Er hat das nicht getan!"
Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als
Kind in deinem Alter hätte er das nicht getan, wie viel weniger als
Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?"
"Ich habe es gehört, Großmutter, daß er 'ja' gesagt hat, und habe es selbst gesehen, daß er mit den Russen gegangen ist!"
"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du deinen Vater so wenig?"
Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der Großmutter; ein glückliches Leuchten flog über sein Gesicht. "So ganz gewiß weißt du das, Großmutter? kann es gar nicht anders möglich sein?"
"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen dich zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schäme dich, zu denken, daß irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht hätte, die Deutschen an ihre Feinde zu verraten!"
Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Händen der
Russen ist, der wird mürbe gemacht, wenn er noch so tapfer wäre!"
"Dein Bruder kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?" Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkürlich an die Worte: "Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie weich die Züge und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr. "Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn für schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube du mir und laß dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist kein Verräter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein Märtyrer kann er geworden sein, ein Verräter nicht!" Tief erregt wandte sie sich an Gebhard. "Gott gebe, daß du so wirst wie dein Vater! Einen besseren Wunsch weiß ich nicht für dich!"
Erschüttert verließ sie das Gemach, sie mußte jetzt für sich allein sein.
Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde über in die Seele von Mutter und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen.
Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden waren fast glücklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des Helden kämpfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war überwältigt von dem Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan haben in der Wut darüber, daß er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das gräßlichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder, die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hören könnte: "Du mein guter, tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben sie dir getan? Wirst du noch immer gequält und gepeinigt? Oder bist du erlöst von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewißheit!"
An der Zimmertüre wurde geklopft, das Dienstmädchen rief: "Frau Doktor, die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen."
"Sie soll morgen kommen."
"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten."
"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen."
Das Mädchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schließlich half sie doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefaßt heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekämpft hatte, um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte jedenfalls nichts davon; sie war vollständig vom eigenen Leid hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, daß ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hörte gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten zugesprochen wurde. Sie wußte ganz gewiß, ihr Mann war tot.
"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr.
Stegemann kurz.
"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat fragen, ich wäre so gern noch diese Nacht abgereist."
"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, daß Ihr Mann noch lebt. Nun lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt müssen Sie für Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?"
"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn ich das Kind hier lasse!"
"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?"
"Nein, nein, das wäre gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so viel!"
"Dann müssen wir eben eine Unterkunft suchen für den Kleinen. Am besten in der Krippe."
"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem
Kind!"
"Wenn Sie unter allen Umständen vergehen, kann ich Ihnen auch nicht helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder hier lassen—eines von beiden müssen Sie doch tun. Oder wissen Sie einen dritten Weg?"
"Ach nein—aber—"
"Nun also. Seien Sie recht dankbar, daß wir eine Krippe haben, in der man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Für heute nacht will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls sorge ich für eine gute Unterkunft."
"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!"
"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch für uns im Kugelregen gestanden! So sorgen wir auch für sein Kind. Haben Sie denn das Reisegeld?"
"Ich hoffe, daß es reicht!"
"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen und richten Sie alles!"
"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!"
"Das paßt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie müssen Ihre Gedanken fest zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen."
Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Küche zum Mädchen. Das hatte die Verhandlung gehört. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich nur hätte dazwischen reden dürfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die Frau ist so unvernünftig mit ihm, trägt es und kocht ihm bei Nacht, alle Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel für uns!"
"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' für mich, und für Sie hoffentlich auch nicht!"
"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen."
"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Bräutigam, ob er sagen darf: 'Bei
Nacht wird mir das Schießen zuviel, da will ich meine Ruhe!'"
"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!"
"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen abgestellt, und die Kübel für das Schweinefutter eingeführt, und nicht geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Straße herauskamen? Ich möchte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort fühlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'"
Liese überlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht."
"Den nehme ich schon selbst, denn Sie müssen morgens früh heraus."
Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett, denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so herzlich es ihr zu überlassen, daß niemand ihr die Freude nehmen wollte. Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen.
In später Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt wäre," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist das nicht so, er ist von seinem Geschäft hingenommen; auch wußte er, daß ich nichts hören wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein Mann gehört nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedrängt aus der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen; ich bin so glücklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du nicht?"
Liebevoll zog die Mutter sie an sich.
"Wer weiß," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden hätte, angesichts der rohen Männer, die mit ihren Scheußlichkeiten die Frauen bedrohen. Niemand soll da über andere urteilen. Du wirst noch viel Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu üben, und ich auch. Wie lange werden wir in Unsicherheit bleiben müssen über das Schicksal unseres Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so grauenvoll, daß wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist gut, daß du gekommen bist!"
"Ich möchte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich muß doch bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Wäsche und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden Dienstmädchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle Arbeit ab; meine Schwägerin ist rührend besorgt und verwöhnt mich ganz."
"Ich bin nicht für solch rührend verwöhnende Liebe," war der Mutter Antwort. "Aber," fügte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es für richtig hältst."
Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Für Gebhard ist es ja viel schöner hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie früher. Erst hier ist er wieder ganz mein lieber, prächtiger Bub. Mutter, laß ihn mir nicht fremd werden!"
Helene blieb bis über die Weihnachtsferien und führte selbst noch Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den Mitschülern frei und offen gegenübertrat, da er nichts mehr zu verheimlichen hatte, und daß dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn den Kameraden vorzustellen, da wußte sie, daß er heimisch wurde unter diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermißte auf der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine Mutter verließ. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem Töchterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; für das kleine Menschenkind war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Lächeln und zärtliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut getan."
"Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrückt hatte, das hat mir die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu führen, ist mein Mann mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!"
"Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzähle doch!" riefen die
Geschwister.
"Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter weiß es dennoch, so gewiß wie wenn sie Nachricht hätte. Sie kennt ihn und weiß, daß es ihm ganz unmöglich ist, die Deutschen zu verraten."
"Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttäuschung und Unglaube lag in seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest überzeugt, daß sie recht hat. Sie hat mir erzählt, wie er schon als Bub so tapfer und treu war, ähnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und durch zuverlässig. Ich hätte es ja selbst wissen können, aber ich war wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwägerin schwiegen.
Helene fühlte, sie waren nicht überzeugt. Was konnte sie noch sagen? "Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehört hättet, und sie sehen könntet, wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem erfüllt ist, was für den Krieg, fürs Vaterland geschehen muß. Ein ganz anderer Geist weht bei ihr als bei uns!"
"Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht gekommen!"
"Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr dürft es gar nicht mehr für möglich halten, das kann ich nicht mehr ertragen!" Sie zitterte vor Erregung.
Die Schwägerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen; Männer geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn glauben. Männer glauben erst, wenn Beweise vorliegen."
Beweise? Nein, Beweise für seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den Glauben daran; den Glauben, der sie so glücklich gemacht hatte. O, nur fest daran halten und sich nicht irre machen lassen!
Sie sprachen nicht weiter darüber, denn keines wollte das andere reizen. Freundlich führte Herr Kurz seine Schwester an den reich besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmäßig war das nicht, was hier aufgetischt wurde. Die Geschwister ließen sich nichts abgehen, dachten auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land, welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu rühmen. So schwieg sie darüber. Aber während sie die üppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrückte es sie, die Gastfreundschaft zu genießen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fühlen bei ihnen, trotz aller Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kämpfte sie einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glück und gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast täglich an sie und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den seltenen Worten, die etwas von der Anhänglichkeit aussprachen, die ihr so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und schwer.
Achtes Kapitel.
Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen, seinen kleinen Herrn abzuholen. Es genügte, daß Frau Dr. Stegemann dem Tier die Türe öffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in großen Sätzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehörte, drängte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er angehörte. Viele der Kameraden hatten ihren Spaß daran, einer beachtete den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pfälzer war es. Er hatte einen Vetter, der Sanitätshundeführer gewesen, jetzt aber verwundet im Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund gesprochen, und ebenso erzählte er Gebhard viel von den Leistungen des Hundeführers. So waren die beiden längst begierig, sich kennen zu lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanitätshundeführer," sagte der kleine Pfälzer und der Soldat begrüßte Gebhard freundlich: "Ich wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich muß sagen, er gefällt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Straße daher gesaust und dann regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe nämlich wieder als Hundeführer hinaus und da muß ich mich halt jetzt umsehen nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben."
Gebhard sah den Soldaten, der immer prüfend auf den Hund blickte, mit großen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!"
Der Hundeführer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der
Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der
Schlingel lachte.
"Bloß damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob der wohl zum Sanitätshund gut wäre."
"Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich groß bin auch als Führer mit ihm in den Krieg."
Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwätzt ihr! Bis ihr groß seid, ist doch der Krieg längst aus und so aus, daß nicht gleich wieder jemand sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund wäre auch bis dahin zu alt, jetzt wäre er gerade recht. Aber ich glaub's gern, daß du ihn nicht hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn längst beschäftigt hatten.
"Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren sollte, daß er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das gemacht?"
"Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja für dich auch keinen Wert."
"Ich hätte es nur so gern gewußt."
Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!"
"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelände hinter dem Lazarett, kann ich's euch zeigen."
"Vielleicht gleich nächsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard.
"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!"
Gebhard kam ganz im Glück über diesen Vorschlag nach Hause. Die Großmutter war gleich für den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Mißmutig stand Gebhard am Fenster, schaute hinunter auf die Straße, ob es denn wirklich so schlimm aussähe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der—Gebhard sah es mit zunehmender Erregung—der war kein anderer als der Hundeführer und kam geradewegs auf das Haus zu, drückte auch schon auf den Klingelknopf! Gebhard stürzte hinaus, öffnete und wurde ganz rot vor stolzer, freudiger Erregung, daß dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloß sagen, daß er bei dem schlechten Wetter die Übung leider nicht machen dürfe; aber er wurde bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden Enkelinnen überredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer eine Freude und so ein Sanitätshundeführer war noch ganz besonders willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der siebzehnjährige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben können. "Das war im Gefecht bei Ch.," erzählte er, "die Unsrigen hatten einen harten Stand gegen die Übermacht; aber am Nachmittag mußte der Feind weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitäter suchten die Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend wurden alle Namen festgestellt; da hieß es: Es fehlen noch 5 Mann. Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und Gestrüpp verwachsen, daß man gar nicht vorwärts kommt; wenigstens ist's so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der Nacht. Also fünf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte. Jetzt, denke ich, muß der seine Kunst zeigen. Ich führe ihn in der Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in den Wald hinein. Eine Weile höre ich noch rascheln und knacken, dann wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Lämpchen habe ich wohl in der Tasche, aber das spart man für die äußerste Not. Ich weiß nicht, wie lang das währte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da höre ich in der Ferne so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen gefunden! Da ist mir's siedheiß vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und laß mein Lämpchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmütze im Maul. Schnell lege ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Führ mich!' Er zieht an und führt mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er plötzlich stehen. Ich höre ein Stöhnen und sehe vor mir einen unserer Vermißten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und wie war er dankbar für einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuß in den Oberschenkel hatte er, und so großen Blutverlust, er hat sich nicht rühren können vor Schwäche und Schmerzen. Ich habe ihm einen Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm versprochen, daß ihn die Träger holen würden. Allein hätte ich ja den Weg in der Nacht nicht zurückgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder, daß mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit, den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder geführt und wir haben unsern Landwehrmann glücklich zum Verbandplatz gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespürt und errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon verblutet. Hätten wir mehr Hunde mit Führern gehabt, wäre der vielleicht auch noch gerettet worden."
Der Soldat schien fertig mit seiner Erzählung; aber alle hätten gern noch mehr gehört.
"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?" fragte Frau Dr. Stegemann.
"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind lagen. Das ist immer das gefährlichste. Wenn es so steht, dann bindet man den Hunden den Fang zu, daß sie keinen Laut geben können; das haben sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm draußen war und mit den Trägern ganz nahe an den vordersten Schützengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten, sondern hat uns lautlos herangeführt; aber die Verwundeten haben gestöhnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die Schießerei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich getroffen, so daß ich noch selbst habe zurückgehen und mit der linken Hand den Hund führen können; unsere Leute hätten sonst in der Nacht nicht zurückgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmächtig geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die Kameraden gleich zugerufen, ich bekäme das Eiserne Kreuz. Nun, ich will's später noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden geführt, und ich muß schauen, daß ich wieder einen Hund abrichte. Er muß halt folgen und klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Mädchen, die nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehört hatten, ließen ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich würde meinen Hund gleich verkaufen!" rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das Geld würde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und Päckchen an die Soldaten schicken oder ich gäbe es für die Ostpreußen."
"Die Fräulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich hätte meinen Tell auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?"
"Im Hof."
"Da hast du recht. Laß ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er verweichlicht."
Der Soldat hatte sich neben dem Erzählen den Kaffee wacker schmecken lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen, ob draußen noch Vorrat wäre. Gebhard folgte ihr in die Küche. "Großmutter, gelt, ich muß meinen Leo nicht hergeben?"
"Niemand kann das von dir verlangen."
"Großmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie gern ich meinen Leo habe, aber du weißt es doch, Großmutter!"
"Ich weiß es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe, alte Heimat. Du würdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm hängt."
"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Großmutter. Leo könnte es auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als müßte ich ihn hergeben, weil man ihn im Krieg so nötig brauchen könnte, aber ich bin froh, daß du selbst sagst, ich soll ihn behalten."
"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fürs Vaterland hergeben mußt oder nicht!"
"Nein, Großmutter, sage mir, was du meinst."
"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage den Kaffee in das Zimmer!"
"Ich will aber doch wissen, was du denkst!"
Die Großmutter überhörte den ärgerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte in das Zimmer zurück. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Ärger und Unmut da, dann tat er doch, was die Großmutter gesagt; er ging hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und freudig seinen kleinen Herrn begrüßte, der ihn diesmal mit stürmischer Zärtlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!"
Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstände, noch weiter dem Kaffee zuzusprechen und noch länger zu verweilen.
"Ich meine," sagte die Großmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben dürfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch wieder an unsere Arbeit."
"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und gab sich noch einmal dem seltenen Genuß hin, am behaglichen Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzählen zu dürfen. Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine führend. Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er glich selbst schon einem Führer, der mit seinem Hund einen schweren Gang wagen will.
Der Soldat unterbrach seine Erzählung und wandte sich dem Knaben zu. Der trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem Vaterland." Er ließ die Leine los, sie lag nun in des Führers Hand. Der junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so überrascht war er, so bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Großmutter trat und zu ihr sagte: "Ich habe es doch tun müssen, Großmutter!"
Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie.
Aber der Feldgraue machte Einwände: "Ich kann das gar nicht annehmen von dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu groß!"
"Ei was, wer wird darüber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht leicht das Glück, daß er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das darf wohl auch wehtun, sonst wäre es ja gar kein Opfer!"
"Es tut weh, Großmutter!"
"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!"
Sie sah, daß der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Tränen zurückzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten wandte.
"Nun werden Sie erst erproben müssen, ob Leo wirklich brauchbar ist als
Sanitätshund."
"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafür bin. Nach dem Krieg—wenn wir's erleben—bringe ich dir aber deinen Leo zurück, Gebhard, dann soll er wieder dir gehören." Das war eine schöne Hoffnung, Gebhard sah schon wieder fröhlich aus.
"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet."
"Ja, ob er solche Verwundete aufspürt, die sonst umgekommen wären."
"Gebhard sähe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Könnten Sie das einrichten?" fragte die Großmutter.
"Aber natürlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muß ich es im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Laß doch sehen, ob er sich nicht losreißt von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging auf die Türe zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte folgen.—"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und verließ das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!" bemerkte Else.
"Er merkt, daß mir die Leine übergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie werden gleich sehen!" Der Soldat ließ die Leine zu Boden gleiten, sofort war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!"
"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater."
"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?"
"Im Feld nicht, aber in russischen Händen. Was sie ihm getan haben und ob er noch lebt, das wissen wir nicht."
"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, daß Sie so eine Sorge haben," sagte der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und nehme dem Kind noch seine größte Freude weg, das geht doch nicht."
"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem
Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und
Entbehrungen zu gewöhnen, so wachsen Helden heran."
Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stück Weges das Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorüber, grüßten den Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen, denn der grüßte heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben!
Neuntes Kapitel.
Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmählich daran gewöhnt, manche Stunde so liegend zu verträumen. Arbeit gab es nicht für sie in diesem Hause; für ihr Töchterchen war ein Kindermädchen gedungen worden; denn die Geschwister wünschten nicht, daß sie das Kind selbst ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwägerin mochte sie nicht teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war für sie ein besonders wehmütiger Tag, ihr Hochzeitstag jährte sich zum zweiten Mal. Und sie wußte nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glück gewesen?
Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht mehr mit derselben Freude ansehen wie früher, sie bedauerte es. Ohne den Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und fröhlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein flügellahmer Vogel vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurück. Eine Weile später trat leise das Kindermädchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen. "Ich will nicht stören," sagte das Mädchen, "wollte nur die Post bringen." Sie gab einen Brief ab und verließ das Zimmer.
Gleichgiltig öffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei, nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer Mädchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte, aber Worte, die sie auffahren ließen, ihr Herz klopfen machten, ihr schier unglaublich schienen, so daß sie ihren Augen nicht traute und einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und grüßt Sie tausendmal!"
So lebhaft war Helene aufgesprungen, daß ihr Töchterchen davon erwachte.
"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa!
Jüngferlein, der Papa lebt und läßt uns tausendmal grüßen!"
Sie nahm das Kind heraus, drückte es jubelnd an sich und lachte so, daß das Kleine auf ihrem Arm ganz übermütig wurde. Aber nach dieser ersten überquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.—Warum schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn man nur mehr wüßte! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte man verfolgen. Das mußte sie mit seiner Mutter besprechen, zu der gehörte sie jetzt. Ein heißes Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard; wie würde der jubeln!
Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwägerin den Brief zu zeigen und sich mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, daß Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen müsse, aber sie hatten beide den Eindruck, daß gegen diesen stürmischen Wunsch gar nichts zu machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte, niedergeschlagene Frau. Man mußte sie gewähren lassen.
So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob sie zu ihr kommen dürfe mit dem Töchterchen und bei ihr bleiben, damit sie alle beisammen wären, wenn ihr Mann käme. Er lebte—also kam er, wer konnte wissen, wie bald!
Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hieß Helene mit dem Kind willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen.
Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser langen, trübseligen Zeit," sagte sie.
"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du kannst jederzeit wiederkommen, du weißt, wir haben dich lieb!"
"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehört auch dazu. Wenn ich ihn erst wieder habe, müßt ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz schön!"
"Gott gebe es!"
Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit ihrem Töchterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche; denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und grüßt Sie tausendmal!"
Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten hatte. Mündlich wollte sie der Mutter die Nachricht überbringen, wollte ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem früheren Zug, als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur das Mädchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer, besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkäme.
Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben einer Übung des Sanitätshundes Leo beigewohnt und waren noch erfüllt davon. Die junge Frau konnte nicht länger warten, öffnete das Fenster und rief Gebhards Namen; der blickte auf, löste sich aus der Gruppe, rannte der Haustür zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewußt, daß sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glück, und es überkam ihn so plötzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, daß ihm Tränen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm, wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!"
"Doch Gebhard, jetzt können wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, daß der
Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der
Vater lebt und grüßt uns tausendmal!"
Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfaßt, so erklang draußen ein wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Großmutter, darf ich's ihr sagen, Mutter?"
"Wir miteinander!"
Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so
leichtfüßig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Mädchen noch zuvor.
Die Großmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hörte nichts als:
Er lebt und grüßt uns tausendmal!
Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie brachten für Helene nicht mehr verträumte Stunden auf dem Ruhebett; in diesem altmodischen Haus gab es überhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr. Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, daß es für gesunde Menschen genüge, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, daß junge Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnügen, in bloßem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese Auffassung und kam durch Arbeit hinweg über die Enttäuschung, daß der ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei Arbeit für andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr mußte man helfen Verdienst zu suchen, und dabei hörte man von anderen, die in ähnliche Not geraten waren.
Da gab es für Helene viele Gänge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige Woll- und Metallsammlerinnen fürs Vaterland, hatten auch Gebhard mit hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Tätigkeit, selten ein Gespräch, das nicht mit dem Krieg zusammenhing.
Über all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte Vorfrühling über in einen Mai, so wonnig, daß all die Krieger im Feld und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer dieser wonnigen Maitage löste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher über dem Schicksal des Försters gewaltet hatte.
Helene war mit ihrem Töchterchen und den großen Kindern den Nachmittag im Wald gewesen, nun kamen sie zurück mit großen Sträußen von Waldblumen und jungem Grün; ein ganzer Frühlingseinzug war es, als all diese Jugend heimkehrte und fröhlich die Großmutter begrüßte. Die mußte sich gleichzeitig von jedem erzählen lassen, wie schön es im Wald gewesen, mußte die Sträuße in Empfang nehmen, die für sie gepflückt waren, und konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehör verschaffen. Aber als Helene mit den Kindern in die große Wohnstube ging, da folgte ihnen die Großmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herüber. Ich habe dir etwas zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr, daß sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wußte: eine Nachricht war gekommen!
"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen, Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind, das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Großen auf den Boden und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?"
"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir.
Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blaß.
"Sind es keine guten Nachrichten?"
"Wie kannst du gute Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns längst gesagt, daß wir aufs Schlimmste gefaßt sein müssen. Aber er lebt doch und wird wiederkommen!"
Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme:
"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, daß ich dir einen Brief schicken kann, wie ein Wunder, daß ich wieder im deutschen Vaterland bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit eigener Lebensgefahr über die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich dir das alles mündlich erzählen, nur auf eines soll dich dieser Brief vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben grausame Rache an mir verübt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen. Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiß ich, ein grauenvoller Anblick, und dies quält mich vor allem bei dem Gedanken an meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drückte Helene beide Hände vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht möglich, weiter vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich, Helene; nicht wahr, wir wußten schon lange, daß er in den Händen grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet."
"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern gehalten."
Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest ins Auge zu fassen, was kommen mußte. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll, "du wolltest doch tapfer sein!"
"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Türe ließ sich eine Stimme hören.
"Großmutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein Mütterlein aufgelöst in Tränen, daneben die Großmutter mit dem strengen Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter fürchtete ihn, das wußte er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er vergaß sich und rief mit zornigem Ausdruck, während ihm die Röte ins Gesicht stieg: "Großmutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, daß sie so weinen muß, das leidet der Vater nicht!"
Die Großmutter, die ihm sonst nie solch ungebärdiges Auftreten hingehen ließ, übersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten für die Mutter gefiel ihr.
"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern dieser Brief, obgleich darin steht, daß der Vater bald kommt. Nun sieh nur zu, wie du sie tröstest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!" Sie gab das Blatt in seine Hand und verließ die beiden. Gebhard stand ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine schwere Aufgabe.
"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und trösten auch nicht."
Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst mich nicht trösten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen, warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind; seine lieben, schönen Augen sind ihm zerstört worden aus Rache, weil er die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich, wie entsetzlich mußte ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Tränen kamen ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es: "Jetzt müssen es alle glauben, daß der Vater kein Verräter ist, alle, auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?"
"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehört und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der hat schon oft mit dem Hundeführer und mir geplaudert und war ganz vergnügt!"
"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz ängstlich klang die Frage.
"Ich weiß nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut."
"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?"
"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater nicht mehr wehtun."
"Vielleicht steht darüber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach, denn der kleine Mann hatte sie doch getröstet, sie war wieder gefaßt und las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es: "Bald darf ich reisen; zunächst komme ich noch nicht zu dir ins Haus, sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine tapfere Mutter, mich besuchen. Ich weiß nicht, ob meine Lieben bei dir sind, und überlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir schwer an ihren Jammer zu denken. Aber eine Mitteilung weiß ich doch, die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht kämpfen durfte fürs Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen für die eine Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die Feinde seitab von der Spur führte, die sie suchten, und ihre Rache auf mich nahm. Erst kürzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der Heeresleitung gekommen."
Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam über das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt mehr die alte Reue sie überfallen, nie durfte irgend jemand an seiner Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Mächtig wuchs ihr Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und glücklich mit ihm sein!
"Wie heißt es in dem Brief? Bald darf ich reisen. Was heißt bald? Komm, wir müssen die Großmutter fragen; und an meinen Bruder muß ich schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!"
Hand in Hand, in einer gleichen, großen Freude eilten sie hinaus, die
Großmutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die
Kleine saß da, im niedrigen Kinderstühlchen; neben ihr Grete, die ihr
das Abendsüppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind.
"Gebhard, wir müssen es dem Jüngferlein auch sagen, daß der Vater kommt.
Hörst du, Jüngferlein? Sag: Papa!"
"Mam-ma!" rief die Kleine.
"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich das Mäulchen, machte sichtlich eine große Anstrengung und rief—"Mama!" Da lachten alle zusammen.
Frau Dr. Stegemann war nebenan und hörte das Lachen; hell und fröhlich klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgelöst in Tränen verlassen hatte.
"O Jugend!" sagte die Großmutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt doch noch Herzensfreude für dich. Gottlob, dies Lachen hörst ja auch du, so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau zuflüstern, die nur du hören wirst!"
Zehntes Kapitel.
An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanitätshund, abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie Gebhard an, daß sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie wollte sich daran gewöhnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen.