______________________________ _ Beyköy-Texte _ ______________________________ Introduction ______________________________ Die Beyköy-Texte sind eine Gruppe hieroglyphischer und keilschriftlicher Inschriften in luwischer Sprache. Mit Ausnahme der 1889 von William M. Ramsay beschriebenen hieroglyphenluwischen Trachytinschrift 'Beyköy 1' aus dem 13. Jahrhundert v. Chr., die im Gebiet des Ortes Beyköy in Kleinasien, etwa 34 km nördlich von Afyonkarahisar, entdeckt wurde, wird angenommen, dass es sich bei den Texten um moderne Fälschungen handelt. Vorgebliche Abschriften hieroglyphenluwischer Kalksteininschriften, bezeichnet als 'Beyköy 2-4', sowie angebliche Übersetzungen keilschriftlicher Bronzetafeln stammen aus dem Nachlass des 2012 verstorbenen britisch-niederländischen Prähistorikers James Mellaart, stellvertretender Direktor des British Institute of Archaeology at Ankara von 1959 bis 1961. Nach seinen handschriftlichen Aufzeichnungen seien die Inschrift 'HL Beyköy 2' und die keilschriftlichen Texte bereits 1878 bei Beyköy entdeckt worden, und Abzeichnungen bzw. Übersetzungen später auf großen Umwegen in seinen Besitz gelangt. Die Bezeichnungen 'HL Beyköy 1-4' wurden von Eberhard Zangger und Frederik C. Woudhuizen eingeführt, wobei sie mit dieser Nomenklatur an die von Ramsay entdeckte Inschrift anknüpften. Kurz nach der Publikation der vermeintlichen Abzeichnungen der Hieroglypheninschriften sowie des Inhalts der Keilschriftübersetzungen durch Zangger und Woudhuizen im Jahr 2017 gelangte Zangger bei der Durchsicht von Mellaarts komplettem Nachlass im Februar des darauffolgenden Jahres zu dem Schluss, dass Mellaart im Verlauf seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in großem Umfang Fälschungen angefertigt hatte, um seine Deutungen der kleinasiatischen Frühgeschichte zu untermauern. In der Folge distanzierten sich Zangger und Woudhuizen von der Authentizität der vermeintlichen Keilschriftübersetzungen. Hinsichtlich der hieroglyphenluwischen Inschriften hielten sie jedoch an deren Echtheit fest, womit sie innerhalb der Fachwelt eine isolierte Position einnahmen. In das Corpus der luwischen Hieroglypheninschriften von John David Hawkins wurde keine der Inschriften von Beyköy aufgenommen. HL Beyköy 1 ______________________________ 1889 beschrieb der schottische Althistoriker und Epigraphiker William M. Ramsay (1851-1939) eine Inschrift, die er bereits 1884 auf einem großen, vermutlich trachytischen Steinblock an der Flanke eines Hügelgrabes aufgefunden hatte. Die Lage des Grabbaus bestimmte er auf etwa eine englische Meile südlich von Beyköy. Ramsay fertigte eine Kopie des Fragments an und identifizierte sie als Hieroglypheninschrift. Die Zeichen waren in zwei breiten, durch ein schmales Reliefband getrennten Zeilen angeordnet und bildeten in vertikaler Abfolge einzelne Worte. Die gegenläufige Ausrichtung eines Fußes in der oberen sowie einer Hand in der unteren Zeile deutete er als Hinweis auf zeilenweise abwechselnde Schreibrichtung (Bustrophedon-Schreibung). Das Fragment wurde 1900 von Leopold Messerschmidt in das 'Corpus Inscriptionum Hettiticarum' aufgenommen. Bereits 1939 galt das Fragment als verschollen; trotz mehrerer intensiver Suchaktionen konnte es später nicht wieder aufgefunden werden. Zu Zeiten Ramsays konnten luwische Hieroglyphen noch nicht gedeutet werden. Eine erste, auf den Abzeichnungen von Ramsay fußende Übersetzung der Inschrift wurde 1980 von Émilia Masson vorgelegt. Will man Frederik C. Woudhuizen folgen, so bezieht sich der Text mit gewisser Wahrscheinlichkeit auf eine erfolgreiche Militärkampagne in der späten Regierungszeit des hethitischen Großkönigs Muwattallis II. (1295-1272 v. Chr.). Die Abfassung sei demnach in jene Phase zu datieren, in der Urhi-Teššup, der spätere Muršili III, nach dem frühen Tod seines Halbbruders Kurunta - der irgendwann nach der Abfassung des Tawagalawa-Briefes (um 1280 v. Chr.) verstorben war - die Stellung des 'tuhkanti' („designierten Thronfolgers“) übernommen hatte. Da abgesehen von diesem kleinen Fragment praktisch kein weiteres Material vorliegt, lassen sich keine Aussagen zu den historischen Zusammenhängen oder zur politischen Geographie der Region treffen, zumal es sich möglicherweise um ein Spolium handelt, das erst in phrygischer Zeit angetragen wurde. Der Inschriftenblock hat keine Aufnahme in das aktuelle Corpus der luwischen Hieroglypheninschriften erfahren. Nachlass von James Mellaart _____________________________ Im Juni 2017 erhielt der Geoarchäologe Eberhard Zangger über Alan Mellaart, den Sohn des 2012 verstorbenen Archäologen James Mellaart, Zugang zu bislang unveröffentlichten Manuskripten aus dessen Nachlass. Mellaart, von 1959 bis 1961 stellvertretender Direktor des British Institute of Archaeology at Ankara und anschließend Dozent für prähistorische Archäologie an der Universität Istanbul, zählte zu den prägenden Vertretern der prähistorischen Archäologie Kleinasiens und war insbesondere durch die Entdeckung der jungsteinzeitlichen Siedlung Çatal Höyük international bekannt geworden. In seinem Nachlass hatte Mellaart Unterlagen hinterlassen, die sich auf teils hieroglyphenluwische, teils keilschriftliche Bronze- und Kalksteininschriften aus der Zeit der Seevölkerinvasion bezogen. Seinen Notizen zufolge seien diese Inschriften im 19. Jahrhundert beim Dorf Beyköy entdeckt, später jedoch verloren gegangen. Zangger war bereits 1995 im Zuge von Telefongesprächen und Briefwechsel mit Mellaart auf die keilschriftlichen Inschriften aufmerksam geworden, die Mellaart schon Anfang der 90er Jahre in mehreren Publikationen am Rande erwähnt hatte. Nur ein sehr geringer Teil von Mellaarts hieroglyphischen und keilschriftlichen „Entdeckungen“ war zum Zeitpunkt seines Todes veröffentlicht - ein Umstand, der diese Vorfälle deutlich von Mellaarts übrigen Fälschungsaffären unterscheidet. Zangger bewertete das vorgefundene Material zunächst als von erheblicher Bedeutung, da es seine umstrittene These zu mächtigen luwischen Reichen in Westanatolien zu stützen schien, und präsentierte das Konvolut medienwirksam einer breiten Öffentlichkeit. Dabei vertrat er die Auffassung, Mellaart habe das betreffende Material bewusst zurückgehalten, um die seit den 1960er Jahren gegen ihn erhobenen und seit den frühen 1990er Jahren erneut intensivierten Fälschungsvorwürfe nicht weiter zu bekräftigen - Vorwürfe, die er in diesem Zusammenhang konsequent als haltlos zurückwies. Zu diesen Kontroversen zählten neben der Dorak-Affäre insbesondere Vorfälle um gefälschte Wandmalereien aus Çatal Höyük und hieroglyphen-luwische Siegel. Vor dem Hintergrund dieser Vorwürfe vertrat Zangger die Auffassung, die betreffenden Funde seien von einer derartigen Außergewöhnlichkeit und historischen Reichweite, dass ihre Veröffentlichung durch Mellaart zwangsläufig neue - aus der Sicht Zanggers freilich unbegründete - Skepsis und eine erneute Welle der Kritik provoziert hätte. Eine erste Analyse und Rekonstruktionen der von ihm und Woudhuizen später als 'Beyköy 2' bezeichneten Inschrift veröffentlichte Zangger im Oktober 2017, ohne zu bemerken, dass Mellaart denselben Text bereits in den 90er Jahren Fachkollegen vorgestellt hatte - damals bestand der Konsens, dass es sich um weitere Fälschungen Mellaarts handle. Gemeinsam mit Frederik C. Woudhuizen veröffentlichte er im Dezember 2017 - zunächst online, später auch in Druckform - einen Beitrag, der unter anderem auf die im Zuge der Veröffentlichung in der Fachwelt aufkommenden Zweifel reagierte und für die Echtheit der Inschrift plädierte. Ende Februar 2018 sichtete Zangger während fünf Tagen den Nachlass aus dem Arbeitszimmer von James Mellaart. Dabei offenbarte sich dem Geoarchäologen, dass Mellaart im Verlauf seiner akademischen Laufbahn in beträchtlichem Umfang Material gefälscht hatte. Obgleich Zangger bereits im Vorfeld auf die zahlreichen, weithin bekannten Fälschungen Mellaarts hingewiesen worden war, diese Hinweise jedoch in den Wind geschlagen hatte, präsentierte er diese Entdeckungen dennoch mit bemerkenswerter Selbstgewissheit als einen „neuen Durchbruch“, der allein durch die von ihm aufgefundenen Unterlagen ermöglicht worden sei. Trotz dieser Entwicklungen haben Zangger und Woudhuizen - u. a. im Rückgriff auf die Unschuldsvermutung - an der Echtheit der hieroglyphenluwischen Kalksteininschriften festgehalten. Als eigentlichen Ursprung vermuten sie den illegalen Kunstmarkt. Diese Positionierung stieß in der Fachwelt auf erhebliche Irritation und zog scharfe Kritik nach sich. HL Beyköy 3 und 4 ___________________ Die von Zangger und Woudhuizen als 'Beyköy 3' und 'Beyköy 4' bezeichneten Texte beruhen auf Zeichnungen zweier hieroglyphenluwischer Fragmente aus dem Nachlass Mellaarts, die im Dezember 2017 erstmals publiziert wurden. Bekannt wurden diese angeblichen Abzeichnungen der Fachwelt erstmals Ende der 1980er Jahre. In einem auf Anfang Juni 1989 datierten Brief übersandte Mellaart an John David Hawkins ein Blatt mit Zeichnungen von sieben hieroglyphischen Inschriftenblöcken, die mit den Buchstaben A bis G bezeichnet waren. Dabei handelte es sich um Reliefblöcke und Felsinschriften, die nach Mellaarts Angaben von unterschiedlichen Fundorten stammten: Beyköy bei Afyon (A und B), Çapan/Şahakaya zwischen Gördes und Akhisar (C) sowie Dağardı am Eğrigöz Dağ (D-G). In dem Brief äußerte Mellaart die Absicht, die Inschriften auf der einen Monat später stattfindenden 36. 'Rencontre Assyriologique Internationale' in Gent zu präsentieren, was auch geschah. Die Zeichnungen waren zu dieser Zeit offenbar aktuell und vermutlich im selben Jahr angefertigt worden. Zangger hat die in Gent präsentierten Inschriftenblöcke irrtümlich mit den von ihm und Woudhuizen als 'HL Beyköy 2' bezeichneten Texten identifiziert und zudem angenommen, dass das Papier in Mellaarts Abwesenheit von Oliver Gurney vorgestellt worden sei. Tatsächlich war Mellaart allerdings auf der Tagung anwesend und hat den Vortrag wohl auch selbst gehalten. Die in Gent präsentierten Inschriften zeigen eine gewisse Nähe zu den hieroglyphenluwischen Siegeln, die Mellaart in den 1950er Jahren bei Ortakaraviran gefunden haben will und die vermutlich seine frühesten Fälschungen darstellen. Die Zeichnungen besitzen zahlreiche fehlerhafte Verwendungen hieroglyphischer Zeichen. Wesentliche Teile der Inschriften müssen als falsch oder gänzlich bedeutungslos gelten. Frederik C. Woudhuizen hat unter der Annahme, die Texte seien echt, eine Transliteration und Übersetzung der Inschriften angefertigt. Offensichtlich waren die Fälschungen darauf angelegt, anderweitig überlieferte westanatolische Herrscher in erfundenen Zusammenhängen darzustellen, um eine eigenwillige Interpretation der politischen Geographie Westanatoliens zu untermauern. HL Beyköy 2 _____________ Die angebliche Abzeichnung des heute als 'HL Beyköy 2' bezeichneten hieroglyphenluwischen Textes aus dem Nachlass von James Mellaart, den dieser der Fachwelt erstmals Mitte der 1990er Jahre vorlegte. Bei 'HL Beyköy 2' handelt es sich angeblich - ebenso wie bei 'HL Beyköy 3' und '4' - um die Abzeichnung einer hieroglyphenluwischen Inschrift aus der späten westanatolischen Bronzezeit. Im Oktober 2017 veröffentlichte Zangger den Fries erstmals in seinem Buch 'Die Luwier und der Trojanische Krieg', was den Ausgangspunkt einer intensiven und kontrovers geführten wissenschaftlichen Debatte bilden sollte. Wäre der Fries authentisch, so würde es sich mit deutlichem Abstand um die längste bekannte bronzezeitliche hieroglyphenluwische Inschrift handeln. Inhaltlich präsentiert sich der Text als Inschrift eines sonst nicht bekannten Großkönigs Kupanta-Kurunta von Mira, Zeitgenosse des Muksus. Er enthält eine genealogische Rückführung bis auf dessen Urgroßvater und Namensvetter, der im späten 14. Jahrhundert v. Chr. vom hethitischen Großkönig Muršili II. eingesetzt worden war. Thematisch behandelt die Inschrift Ereignisse aus dem Umfeld der Seevölkerinvasionen um 1190 v. Chr. und bietet umfangreiche Aufzählungen von Orten und Ländern sowie von dort verehrten Gottheiten. Der Fries war Mitte der 90er Jahre, einige Zeit nach der Vorstellung der Gent-Inschriften (unter ihnen auch 'Beyköy 3' und '4'), erstmals durch Mellaart der Fachwelt bekannt gemacht worden. Schon damals galt er als weitere Fälschung Mellaarts. Seine Entstehung ist wohl im Zusammenhang mit der Edition der Yalburt-Inschrift 1993 zu sehen, die Mellaart zu seiner Täuschung angeregt haben dürfte. Nach Mellaarts in handschriftlichen Aufzeichnungen seines Nachlasses überlieferter, überaus abenteuerlicher Darstellung sei der Text bereits 1878 vom französischen Archäologen und Epigraphiker Georges Perrot von rund dreißig Kalksteinblöcken abgezeichnet worden, die Kleinbauern bei Beyköy bei der Suche nach Baumaterial aus dem Boden geborgen hätten. Der Inschriftenfries habe eine Höhe von rund 35 cm und eine Gesamtlänge von etwa 29 m besessen. Nach Perrots Rückkehr nach Konstantinopel hätten die osmanischen Behörden die Sicherstellung der Blöcke verfügt; als der Leiter der Altertumsverwaltung am Fundort eintraf, seien die Steine jedoch bereits in das Fundament einer neu errichteten Moschee eingearbeitet gewesen. Bei einer anschließenden Durchsuchung des Dorfes, so Mellaart, habe man eine Reihe von Bronzetafeln mit Keilschriftzeichen entdeckt (siehe zu diesen unten). In den 1950er Jahren sei dann ein türkisch-amerikanisches Forschungsprojekt unter der Leitung des Direktors der Antikenbehörde in Ankara Hamit Zübeyir Koşay († 1984) gegründet worden, welches die Veröffentlichung von im 19. Jahrhundert konfiszierten Inschriften zum Ziel gehabt habe. Die Übersetzung der Keilschrifttafeln habe man bereits in den 60er Jahren abschließen können, während die von Georges Perrot angefertigten Zeichnungen der Hieroglypheninschrift erst in den 1970er Jahren wiederentdeckt worden seien. Eine Veröffentlichung der Kalksteininschriften sei dabei erst für den zweiten Band der Publikationsreihe angedacht gewesen. An diesem Projekt seien neben den Übersetzern Albrecht Götze († 1971) und Edmund Irwin Gordon († 1984) der Kurator des Britischen Museums Richard David Barnett († 1986) sowie die Archäologen Bahadır Alkım († 1981) und dessen Ehefrau Handam Alkım († 1985) beteiligt gewesen; Mellaart selbst sei erst 1976 über die Eheleute Alkım in das Unternehmen aufgenommen worden. Der frühe Tod Bahadır Alkıms hätte dann die Publikation verzögert, und obwohl die Übersetzungen der Keilschrifttafeln 1984 bereits im Druck gewesen seien, habe das rasche Ableben aller maßgeblichen Projektbeteiligten letztlich dazu geführt, dass die Veröffentlichung des Bandes nie zustande kam. Im Nachlass von Mellaart ließen sich allerdings keinerlei Spuren eines Briefwechsels mit Gordon, Götze oder Alkım nachweisen. Jüngere philologische Untersuchungen haben gezeigt, dass der Text im Wesentlichen aus Kauderwelsch besteht und keinerlei Ähnlichkeit mit authentischen hieroglyphenluwischen Inschriften - gleich welcher Epoche - aufweist. Die Zeichen sind willkürlich angeordnet, Logogramme fehlerhaft oder spiegelverkehrt wiedergegeben, und die Zeichenfolgen ergeben keinen sprachlich sinnvollen Zusammenhang. Hinzu kommen frei erfundene Zeichenformen. Mellaart griff bei der Anfertigung der Fälschung offenbar auf ältere Publikationen zurück - vor allem auf Emmanuel Laroches 'Les Hiéroglyphes Hittites' von 1960 -, ohne die späteren Fortschritte in der Entzifferung zu berücksichtigen. Der Inhalt besteht überwiegend aus phantasievoll konstruierten Ortsnamen, von denen einige zwar formal noch plausibel erscheinen, die Mehrzahl jedoch spontane, unbelegte Erfindungen darstellen. Zudem mischt der Text Zeichenformen verschiedener Epochen, sodass späte Varianten aus dem 10. Jahrhundert v. Chr. in einen angeblich früh-12.-Jh.-Kontext gesetzt werden. Die Forschung betrachtet 'Beyköy 2' heute als eine von mehreren hieroglyphenluwischen Fälschungen James Mellaarts, welche er seit den 50er Jahren angefertigt hatte. Sie scheinen Teil eines Versuchs gewesen zu sein, die Existenz bedeutender westanatolischer luwischer Reiche zu belegen, deren historische Realität archäologisch nicht nachweisbar ist. Frederik C. Woudhuizen hat unter der Annahme, der Fries sei echt, Mellaart jedoch nicht in der Lage, Hieroglyphenluwisch zu lesen, die Inschriftenblöcke neu geordnet sowie eine Transliteration und Übersetzung des Textes angefertigt. Diese Übersetzung erlaubt folglich keine zuverlässigen Aussage darüber, was Mellaart im Detail intendierte. Keilschriftliche Beyköy-Texte _______________________________ Die keilschriftlichen Beyköy-Texte sollen sich nach Notizen aus dem Nachlass James Mellaarts auf ein, zwei, drei oder fünfundzwanzig großen Bronzetafeln befunden haben, die 1878 vom Direktor der osmanischen Antikenverwaltung nach einer Durchsuchung des Ortes Beyköy beschlagnahmt worden waren. Anlass für diese Durchsuchung habe der missglückte Versuch, die oben genannten rund 30 Steinblöcke der hieroglyphenluwischen Kalksteinschrift sicherzustellen, gegeben, die - so Mellaarts Darstellung - von den Bewohnern des Dorfes kurz nach der Entdeckung in das Fundament einer Moschee eingemauert worden waren (siehe oben). Die Bronzetafeln habe man nach der Beschlagnahmung dem neu gegründeten Archäologischen Museum in Konstantinopel zugeführt, wobei eine von ihnen in den 1880er Jahren kurzzeitig in einer Ausstellung gezeigt worden sei. Nachdem eine Tafel jedoch verschwand, habe man die verbliebenen Stücke in die Residenz des Sultans Abdülhamid II., den Dolmabahçe-Palast, verbracht. Während der politischen Unruhen von 1918 seien die verbliebenen Tafeln mehrfach als verlegt, gestohlen oder verloren gemeldet worden, jedoch später wieder aufgetaucht. In den 1920er Jahren habe man dann Emil Forrer eine der Tafeln vorgelegt, da zu jener Zeit noch kein türkischer Gelehrter den Keilschrifttext zu lesen vermochte. Forrer habe aus der Inschrift geschlossen, dass - anders als bisher angenommen - die Könige von Arzawa/Mira für den Untergang des Hethiterreiches verantwortlich gewesen seien. Daraufhin habe Kemal Atatürk persönlich die Veröffentlichung des Textes untersagt, da dessen Inhalt im Widerspruch zur offiziellen hethitischen Staatsideologie der jungen Republik gestanden habe. Diese Darstellung gewährt zugleich gewisse Einblicke in Mellaarts Hethiterbild. Hinsichtlich der verschiedenen Völker des kleinasiatischen Altertums nahm er eine dezidiert „politische“ Position ein: Er war antimykenisch, antihethitisch und proluwisch gesinnt. Das von Emil Forrer vertretene Konzept eines mykenischen Großreichs verwarf er; zugleich hielt er auch die historische Bedeutung der Hethiter für überschätzt. Für Mellaart lag die eigentliche Macht im Kleinasien des 2. Jahrtausends v. Chr. im Königreich Arzawa. In seiner Vorstellung erschienen die Hethiter als aggressive Nationalisten und Unterdrücker fremder Völker, während er die Luwier beinahe als Freiheitskämpfer des Altertums stilisierte, die sich den stürmischen Mächten ihrer Zeit tapfer widersetzten. Ende der 1930er Jahre habe man schließlich auch die zuvor verschwundene Tafel wiederentdeckt und zwei deutsche Hethitologen hätten den Auftrag erhalten, eine Übersetzung des Textes anzufertigen, das Ensemble sei jedoch seither im Magazin verblieben. In den 1950er Jahren habe der deutsch-amerikanische Altorientalist Albrecht Götze im Rahmen eines türkisch-amerikanischen Forschungsprojekts den Auftrag erhalten, die Texte zu übersetzen. Eine englische Übersetzung Götzes, die 67 Seiten mit 278 nummerierten, durch horizontale Linien getrennten Absätzen umfasste, will Mellaart zwischen 1976 und 1981 teilweise erhalten haben. Nach dem Tod des für die Publikation vorgesehenen Bahadır Alkım im Jahr 1981 sei der erste Band mit den keilschriftlichen Texten der Bronzetafeln 1984 in Druck gegangen, jedoch nie erschienen. Ab 1986 sei Mellaart nach eigenen Angaben der Einzige gewesen, der noch über Teile des Materials verfügte und damit arbeitete. In mehreren Publikationen der Jahre 1992 und 1993 sowie in der Korrespondenz mit Fachkollegen kündigte er die baldige Veröffentlichung der Texte an, die jedoch bis zu seinem Tod 2012 nicht erfolgte. Es kann davon ausgegangen werden, dass die vorgebliche Übersetzung der Tafeln um 1992 entstanden ist. 1995 stand er in brieflichem und telefonischem Kontakt mit Eberhard Zangger über den Inhalt der Keilschrifttafeln. Im Mai 2017 legten Zangger und Frederik C. Woudhuizen auf einer internationalen Tagung in Izmir erstmals den Inhalt der betreffenden Inschrift sowie ihre Argumente für die Echtheit der zugrunde liegenden Texte vor. Ihre Darstellung basierte zu diesem Zeitpunkt ausschließlich auf jenen Zusammenfassungen, die Mellaart in den 90er Jahren in zwei Briefen an Zangger übersandt hatte. Bereits im Folgemonat konnte Zangger jedoch eine komprimierte Fassung der 67-seitigen „Übersetzung“ präsentieren, auf die er inzwischen über Mellaarts Sohn Zugriff erhalten hatte. Nach der systematischen Durchsicht des Nachlasses im folgenden Jahr, in deren Verlauf Zangger Mellaarts Fälschungstätigkeit erkannte, distanzierten sich sowohl er als auch Woudhuizen von der postulierten Echtheit der Keilschrifttafeln, hielten jedoch weiterhin an der Authentizität der vorgeblichen Abzeichnungen hieroglyphenluwischer Fragmente fest. Das Dokument stellt sich als umfassende Geschichtsschreibung der Ereignisse im Westen Kleinasiens dar, die in sehr vager Form bis etwa 3170 v. Chr. zurückreicht und ab 2500 v. Chr. zunehmend konkrete Züge annimmt. Es will um 1170 v. Chr. anlässlich der Thronbesteigung von König Muksus niedergeschrieben worden sein, nachdem dieser Siege über Hatti und Ägypten errungen habe. Als Auftraggeber wird ein Kupanta-Kurunta, Großkönig von Mira, genannt. Die Bronzetafeln seien in akkadischer Keilschrift, jedoch in hethitischer Sprache verfasst worden. Spätere Herrscher von Arzawa sollen das Dokument sukzessive ergänzt haben, bis zum ersten Regierungsjahr von König Midas im Jahr 720 v. Chr. Der Text ist dabei offensichtlich ein Versuch, den Beginn der europäischen Geschichtsschreibung in die Bronzezeit vorzuverlegen und eine geschlossene Geschichte des kleinasiatischen Altertums bis zum Einsetzen der griechischen Historiographie zu konstruieren. Literatur ______________________________ * Émilia Masson: 'Les inscriptions louvites hiéroglyphiques de Köylütolu et Beyköy'. In: 'Kadmos. Zeitschrift für vor- und frühgriechische Epigraphik' 19/2 (1980), S. 106-122 (Digitalisat). * Eberhard Zangger: 'Die Luwier und der Trojanische Krieg', Zürich 2017. * Eberhard Zangger/Frederik C. Woudhuizen: 'Rediscovered Luwian Hieroglyphic Inscriptions from Western Asia Minor.' In: 'Talanta' 50 (2018), S. 9-56 ([https://www.academia.edu/35419417/Rediscovered_Luwian_Hieroglyphic_Inscriptions_from_Western_Asia_Minor?source=swp_share PDF-Version]). * Michael Bányai: 'Der Beylöy Text: Eine Fälschung?' In: 'Talanta' 50 (2018), S. 57-82 ([https://www.talanta.nl/01-tal-50-banyai-2-22-juli-19/ PDF-Version]). * Vladimir Stissi: 'What is Drawn and Written is not Necessary True. Contextualising Mellaart’s Fakes'. In: 'Talanta' 50 (2018), S. 87-124 ([https://pure.uva.nl/ws/files/47567770/534495_bw_NAHG_87_123.pdf PDF-Version]). * Frederik C. Woudhuizen/Eberhard Zangger: 'Arguments for the Authenticity of the Luwian Hieroglyphic Texts from the Mellaart Files'. In: 'Talanta' 50 (2018), S. 183-212 ([https://www.academia.edu/40616714/ PDF-Version]). * Frederik C. Woudhuizen: 'Luwian Hieroglyphic Texts in Late Bronze Age Scribal Tradition', Wiesbaden 2021. * John David Hawkins: 'The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist'. In: 'The IOS Annual' 24 (2024), S. 103-127. * Diether Schürr: 'Ein pathologischer Betrüger - James Mellaart'. In: 'Gephyra' 30 (2025), S. 195-216 ([https://dergipark.org.tr/en/pub/gephyra/article/1644622 PDF-Version]). Weblinks ______________________________ * [https://www.hittitemonuments.com/beykoy/ Beyköy] bei hittitemonuments.com. Anmerkungen ______________________________ Kategorie:Hieroglyphen-luwische Inschrift Kategorie:Türkische Geschichte (Antike) Kategorie:Provinz Afyonkarahisar Kategorie:Phrygien Kategorie:Inschrift in der Türkei Kategorie:Wissenschaftliche Fälschung License _________ All content on Gopherpedia comes from Wikipedia, and is licensed under CC-BY-SA License URL: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/ Original Article: http://en.wikipedia.org/wiki/Beyköy-Texte .