Thema: Ist Scientology
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Ist Scientology eine Religion?
Seit dem Jahr 1955 beansprucht der Gründer der Scientology, L. Ron Hubbard, für seine
Weltanschauung den Status einer Religion und für seine Organisation denjenigen einer
Kirche. Für die VertreterInnen der Scientology ist dieser Anspruch seither aktuell,
dessen staatliche Anerkennung wird allenthalben mit unterschiedlichem Erfolg eingefordert.
Die Forderung an die Religionswissenschaft geht seitens der Scientology dahin, die
Legitimität dieses Anspruchs zu bestätigen.
Im folgenden soll deshalb der behauptete Religionsstatus der Scientology einer kritischen
Prüfung unterzogen werden.
Hierbei ist überraschenderweise vorerst zu bemerken, dass die Scientology ihren eigenen
Anspruch, Religion zu sein, vielfach selbst wieder relativiert.
1 Relativierungen des Religionsstatus durch Scientology selbst
Für Aussenstehende wirkt äusserst irritierend, dass die Scientology die von ihr
verfochtene Geltung als Religion mancherorts selbst wieder zurücknimmt:
- Zitate aus dem Munde Hubbards belegen, dass bei diesem Anspruch steuerliche und
imagemässige Motivationen zumindest mit eine Rolle gespielt haben, ein Faktum, das für
breite Teile der Oeffentlichkeit den Religions- resp. den Kirchenstatus der Scientology
als obsolet erscheinen lässt.
- In der Strassenwerbung wird religionskritischen Menschen gegenüber der Anspruch,
Religion zu sein, ebenso begründet: Es ginge darum, steuerliche Vorteile zu erzielen. Im
Grunde wäre es der Scientology nicht um Religion, sondern um Wissenschaft zu tun. Dass
Scientology-WerberInnen die Negierung religiöser Absichten in der Werbung regelmässig üben,
kann jede Person im Rahmen einer Scientology-Strassenwerbung leicht überprüfen.
- In Ländern, wo ein Religionsstatus klare Nachteile erbringen würde, besteht
Scientology darauf, keine Religion zu sein. So nimmt die Scientology in Griechenland für
sich den Titel einer Philosophie in Anspruch, da philosophische Veranstaltungen im
Gegensatz zu religiösen nicht bewilligungspflichtig sind.
Aus diesen Relativierungen des Anspruches, Religion oder gar Kirche zu sein, folgern
steuer- oder werbetechnische Ueberlegungen nicht zwingend als einzige oder vordergründige
Motivation zur Erhebung dieses Anspruches. Klar ist aber, dass nichtreligiöse Erwägungen
eine grosse Rolle spielen, ein Faktum, das eine religionswissenschaftliche Analyse des
Religionsstatus von Scientology zu äusserster Vorsicht und Präzision anhalten sollte.
2 Die Begründung des Anspruches, Religion zu sein,
durch Scientology selbst
Die Scientology begründet ihren Anspruch, Religion zu sein, mit einer Vielzahl von
Vergleichen ihrer eigenen Theorie und Praxis mit derjenigen religiöser Traditionen und
Organisationen. Die Argumente der Scientology lassen sich dabei auf drei Hauptbegründungsreihen
bündeln:
- Die Scientology behauptet für ihre Weltanschauung, oder zumindest Teile davon, die
Geltung als religiöse Lehre. Abgestützt wird diese Behauptung durch angebliche
Parallelen zwischen der Lehre der Scientology und Elementen aus religiösen, insbesondere
östlichen Traditionen.
- Die Scientology weist in ihrer Tätigkeit Praktiken auf, die sie in Parallele zu
Gebräuchen religiöser Organisationen sieht und bewusst nach dem Vorbild religiöser
Institutionen benennt. Die hierbei zur Anwendung kommende Terminologie stammt zumeist aus
der christlichen Tradition.
- Die Scientology weist darauf hin, dass die Hingabe der Menschen an Scientology der
Bindung von Menschen an religiöse Traditionen und Organisationen gleichkommt.
Die drei Argumentationsfiguren sollen im folgenden einzeln diskutiert werden.
2.1 Scientology: Religion oder Parawissenschaft?
Für gewisse Teile ihrer Ideologie beansprucht Scientology die Geltung als religiös.
Insbesondere geht es hierbei um die Lehre vom Thetan, dem unsterblichen menschlichen
Personenkern, die Lehre der Reinkarnation und die in den OT-Kursen gelehrte Vorstellung,
dass der Mensch bei Anwendung scientologischer Techniken zu einer Ueberschreitung seiner
natürlichen Möglichkeiten komme. Diese Konzepte finden sich ähnlich auch in religiösen
Traditionen, woraus für Scientology folgert, dass es sich hierbei um Kennzeichen einer
Religion handle.
Zu bemerken ist zu dieser Argumentation allerdings, dass sich diese Gedanken auch in
Traditionen finden, die nicht Religion, sondern bewusst Wissenschaft sein wollen, zu
denken ist hierbei etwa an die Anthroposophie, die "Geisteswissenschaft" sein
will, aber für zukünftige Inkarnationen ebenfalls eine beachtliche Ausweitung
menschlicher Möglichkeiten verspricht, an die boomende Reinkarnationstherapie, die das
Thema der Reinkarnation und der Unsterblichkeit der Seele mit wissenschaftlicher Methodik
erhellt haben will, und an unzählige Psycho-Kursangebote, die dem Menschen durch die
Anwendung ihrer Methodik moderatere oder phantastischere neue Fähigkeiten verheissen.
Mithin können die Lehren, die für Scientology das typische Kennzeichen einer Religion
sind, auch in bewusst wissenschaftlichem und nichtreligiösem Kontext auftauchen.
Die Deutung dieser Lehren ist in unserer Gesellschaft folglich strittig und nicht etwa
klar religiös, wie Scientology annimmt.
Nun sind die angesprochenen Theorien von den Fachwissenschaften nicht als
wissenschaftliche anerkannt, der mancherorts behauptete Wissenschaftsstatus kann ihnen
nicht zugebilligt werden. Dennoch ist ernstzunehmen, dass manche ihrer Vertreter mit
wissenschaftlicher Methodik zu ihnen gelangt zu sein glauben. Diesen Vertretern, wie es
Scientology tut, implicite Religion zu unterschieben, kann nicht als fair bezeichnet
werden. Weiter trägt hier der Begriff der "Parawissenschaft", der
Theoriekonzepte bezeichnet, die wissenschaftlich gewonnen sein wollen, von den
Fachwissenschaften aber wegen wissenschaftstheoretischer Mängel (Fehlen der
Intersubjektivität resp. der Reprodzierbarkeit) nicht als wissenschaftlich anerkannt
werden können.
Die Frage um die Wertung der angeblich "religiösen" Lehren der Scientology kann
somit zugespitzt werden zu: Sind diese Lehren religiös oder parawissenschaftlich?
Zur Beantwortung dieser Frage sind die Differenzen zwischen Religion und Parawissenschaft
herauszuarbeiten:
- Diese Differenzen liegen, wie oben gezeigt wurde, nicht im Inhalt der Lehren. Ein und
dieselbe Lehre kann in religiösem wie in parawissenschaftlichem Kontext auftreten.
- Der wesentliche Unterschied ist derjenige der Gewinnung der Lehre: Während sich eine
religiöse Lehre auf Offenbarung oder Ueberlieferung stützt, will eine
parawissenschaftliche Theorie durch Forschung gewonnen sein.
- Eine weitere Differenz ist diejenige der Ueberprüfbarkeit. Während religiöse Lehren
den Glauben ansprechen und für den durchschnittlichen Anhänger nicht überprüfbar sind,
geht die Parawissenschaft davon aus, dass ihre Resultate zumindest theoretisch von jedem
Menschen durch Forschung nachgeprüft werden können. In der Parawissenschaft lautet das
Motto folglich: glaube nicht, überprüfe selbst.
- Der dritte Unterschied zeigt die differenten Wege der Vermittlung. Während religiöse
Lehren als Glaubensgut vermittelt werden, tritt die Parawissenschaft mit dem Anspruch auf,
wissenschaftliche Resultate anbieten zu können.
Nun ist für die drei genannten Punkte zu überprüfen, ob Scientology jeweils die
Position der Religion oder diejenige der Parawissenschaft einnimmt:
- L. Ron Hubbard behauptet, seine Theorien durch Forschung gewonnen zu haben. Sein Rang
als Forscher und Wissenschaftler wird von der Scientology denn auch intensiv thematisiert.
Irgendeine Offenbarung spielt bei Hubbard keine Rolle. Auf Ueberlieferungen diverser
Traditionen bezieht er sich zwar, will deren Gültigkeit aber durch Forschung und
Experiment verifiziert haben.
- Von Scientologen ist oft der Rat zu hören, man/frau solle der Scientology nichts
glauben, sondern deren Aussagen selbst überprüfen. Scientology behauptet folglich die
Ueberprüfbarkeit ihrer Resultate.
- In der Werbung wird, wie oben schon angesprochen wurde, der wissenschaftliche Rang der
Erkenntnisse der Scientology betont.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Lehren der Scientology, die sie als religiöse
wertet, durch die Art ihrer Gewinnung und Vermittlung durch die Scientology als
parawissenschaftliche Lehren auftreten. Scientology als Tradition ist Parawissenschaft,
nicht Religion.
2.2 Die "religiösen" Rituale der Scientology
Das zweite Argument, das Scientology vorbringt, um den eigenen Religionsstatus zu
untermauern, weist auf angebliche religiöse Rituale hin, die im Rahmen der Scientology geübt
würden. Die hier angeführten Gebräuche lassen sich in zwei Gruppen einteilen:
- Zum einen benennt Scientology Gebräuche, Funktionen und auch Objekte, deren Einsatz
rein weltlich-immanent motiviert wird, mit (Zweit-)Namen, die aus religiösen Traditionen
geschöpft sind. So gilt das Auditing als Form der "Beichte", der Auditor wird
zum "Geistlichen", das E-Meter ein "religiöses Artefakt". Hierbei
handelt es sich um eine rein interpretatorische Ebene: Beliebigen scientologischen
Begriffen werden religiöse Termini übergestülpt. Dieses religiöse Mimikry kann zur
Begründung des Religionsstatus keinen grossen Wert haben, da solches jedem beliebigen
Verein möglich ist.
So könnte jeder Fussballclub seine gemeinsamen Trainings als "Kommunion"
bezeichnen, Einzelgespräche mit dem Trainer als "Beichte", diesen selbst als
"Geistlichen", das Mannschaftsdress als "liturgische Gewänder", die
das Training beschliessende Dusche als "Reinigungsritual" und Ligaspiele als
"Hochamt". Der Ball könnte ebensowohl als "religiöses Artefakt"
durchgehen wie das E-Meter.
Diese camouflage allein kann eine religiöse Praxis der Scientology für
religionswissenschaftliche Sicht folglich nicht begründen, will diese nicht Gefahr
laufen, fürderhin jede beliebige Betätigung als religiös werten zu müssen, falls diese
einen solchen Anspruch erhebt.
- Zum zweiten führte die Scientology, allerdings erst relativ spät in ihrer Geschichte,
Gebräuche ein, die zumeist den christlichen Kirchen nachempfunden sind, so einen
Sonntagmorgen-Gottesdienst, ein Namengebunsritual und ein Bestattungsritual. Die Frage
muss nun lauten, ob solche Rituale religiös zu werten sind oder nicht.
Hierzu scheinen drei Gedanken bedeutsam:
- Einerseits können die genannten Rituale durchaus auch ausserhalb religiösen Kontexts
auftreten, zu denken etwa an Namengebungsrituale bei den Pfadfindern, an säkulare
Bestattungsriten und an Reden und Ansprachen zu Feierstunden säkularen Gepräges. Die
Tatsache, dass Scientology über die genannten Rituale verfügt, weist folglich nicht
zwingend auf einen Religionsstatus hin. Die Scientology-Rituale können durchaus auch
säkular gedeutet werden, diese Deutung wird bei den Teilnehmenden auch der Normalfall
sein.
- Zweitens würde auch eine Deutung der in Frage stehenden Rituale als religiös noch
nicht den Status der Scientology als Religion oder gar Kirche belegen. Das Faktum, dass
eine evangelische Schule jeweils in der grossen Pause eine Andacht durchführt, macht aus
dieser evangelischen Schule noch keine Kirche. Dass CVP-Parteikongresse mit einer Andacht
beginnen mögen, verwandelt die Partei nicht in eine Religion. Religiöse Aktivitäten
machen aus einer Organisation keine Religion, falls nicht diese religiösen Aktivitäten
den Hauptzweck der Institution ausmachen.
- Hier schliesst das dritte Argument an. In der Praxis der Scientology kommt den genannten
Ritualen eine bloss randständige Bedeutung zu. Für die Praxis der durchschnittlichen
Scientologin, des durchschnittlichen Scientologen spielt weder der Gottesdienst noch das
Namengebungsritual irgendeine Rolle. Von der äusserst umfänglichen Literatur der
Scientology ist diesen Ritualen wohl kein Promille der gesamten Textmenge gewidmet. Für
die Zwecke der Scientology kommt den Ritualen somit ein ähnlich niederer oder gar noch
geringerer Rang zu als der Andacht für eine evangelische Schule. Zur Begründung eines
Religionsstatus reicht dies nicht aus.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die von der Scientology als religiös gewerteten
Gebräuche einen Religionsstatus nicht zu begründen vermögen, da sie entweder
religiösen Praktiken nur terminologisch angeglichen wurden oder aber eine bloss
randständige Bedeutung haben. In grosszügigster Interpretation und unter Einsatz
grössten Wohlwollens könnte der Scientology allenfalls zugebilligt werden, dass sie ein
Konzern mit parawissenschaftlicher Ideologie darstellt, welcher nebenbei Rituale anbietet,
welche auch religiös gedeutet werden können.
2.3 Die Hingabe der ScientologInnen
Der dritte Argumentationsstrang der Scientology zur Begründung ihres Religionsstatus
verweist auf den Grad der Hingabe und persönlichen Beteiligung, der von ScientologInnen
gegenüber ihrer Organisation geübt würde. Dieses hohe Engagement wäre, so die
Behauptung, nur mit Religionen zu vergleichen.
In ihrem dritten Argument geht die Scientology hinter gesicherte Resultate
religionswissenschaftlicher Forschung zurück. Dass der Grad der Hingabe und der
persönlichen Beteiligung zwischen religiösen und nichtreligiösen Organisationen nicht
unterschieden werden kann, dass sich die Grösse des Engagements also zur Bestimmung des
Religionscharakters einer Institution nicht eignet, kann als nicht mehr bestrittene
Erkenntnis der Religionswissenschaft gelten.
Augenfällig zu belegen ist diese Tatsache anhand eines Vergleichs religiöser und bewusst
irreligiöser weltanschaulicher Gemeinschaften. VPM und Yamagishi unterscheiden sich als
nichtreligiöse Gruppierungen im Grad des Engagements ihrer Mitgliedschaft in nichts von
explizit religiösen Organisationen wie den Zeugen Jehovas oder der ICOC. Noch
weitergehend kann darauf hingewiesen werden, dass auch manche nicht-weltanschauliche
Organisation auf ein nicht geringeres emotionales wie finanzielles Engagement ihrer
Mitgliedschaft zählen kann, vgl. etwa Fan-Clubs von Sportvereinen oder Musik-Gruppen.
Der Hinweis auf das zweifellos grosse Engagement vieler ScientologInnen kann einen
Religionsstatus der Scientology folglich nicht belegen.
3 Scientology in der Sicht ihrer Kritiker
Nachdem die Argumente der Scientology, mit welchen sie ihre Geltung als Religion
plausibilisieren möchte, gewürdigt sind, sollen nun noch die wesentlichen Argumente
kritischer ExpertInnen besprochen werden, die häufig gegen einen Religionsstatus der
Scientology ins Felde geführt werden.
Es geht hierbei einerseits um die Organisationsstruktur der Scientology, andererseits um
deren Wertung als Ideologie.
3.1 Scientology als Konzern
Scientology tritt in den Augen ihrer Kritiker als privatwirtschaftliche Firma, als
Konzern auf, und nicht als religiöse Institution.
Eine Prüfung der Scientology ergibt, dass diese Organisation tatsächlich einige
schlagende Parallelen zur Organisationsstruktur eines Konzerns aufweist:
- Die Werke L. Ron Hubbards, aber auch entscheidende Termini der Lehre Hubbards sind
urheberrechtlich geschützt, die Rechte liegen beim RTC unter der Leitung David
Miscaviges. Scientology-Organisationen müssen für die Verwendung scientologischer Lehren
dem RTC Urheberrechtsgebühren bezahlen. Es kann folglich formuliert werden, dass die
Scientology ihre weltanschauliche Tradition verkauft.
Religiöse Institutionen verschenken ihre Tradition. Bezahlt wird allenfalls für konkrete
Leistungen, aber keinesfalls für die Bezugnahme auf die Tradition selbst (man/frau stelle
sich vor, der Papst würde die Rechte auf Begriffen wie "Messe",
"Eucharistiefeier", "Maria", "Dreieinigkeit" halten und für
deren Verwendung von Pfarreien Lizenzgebühren erheben).
Diese finanzielle Bewirtschaftung der eigenen Tradition teilt Scientology mit der
Privatwirtschaft, nicht mit religiösen Institutionen.
- Die Scientology kennt feste Preise für ihre Leistungen, die ohne Rücksicht auf die
finanziellen Verhältnisse des Leistungsnehmers erhoben werden.
Religiöse Institutionen kennen durchgängig eine sozial abgefederte Gestaltung ihrer
Finanzierung, entweder über einkommensabhängige Abgaben oder über in der Höhe freie
Spenden.
Die Erhebung fester Preise teilt die Scientology mit der Privatwirtschaft. Von religiösen
Institutionen grenzt sie sich hier klar ab.
- In der Scientology wird der finanzielle Umsatz intern zur Massgabe des Erfolges, er ist
Hauptdatum der intensiv geführten Statistiken. "Make money, make more money"
lautet denn auch L. Ron Hubbards Weisung an seine Mitstreiter.
Gemässigte religiöse Institutionen kennen den finanziellen Umsatz nicht als Massstab des
Erfolges. Radikale religiöse Organisationen wie die ICOC können das Finanzaufkommen in
der Erfolgsbilanz anführen, es steht aber hinter dem missionarischen Erfolg auch intern
in klar sekundärer Position.
Ihre Umsatzbezogenheit teilt die Scientology mit der Privatwirtschaft.
- Ein Unterschied zwischen der Scientology und einem privatwirtschaftlichen Konzern zeigt
sich da, wo es um das Endziel der offensichtlichen Bereicherungsabsicht geht. Während die
Privatwirtschaft ihren Gewinn an die Anteilseigner ausschüttet, wirft die Scientology
ihren Gewinn in die Dissemination, die Ausbreitung. Privatwirtschaftlich gesprochen legt
die Scientology den ganzen Gewinn ins Werbebudget um.
In ihrer Organisationsstruktur kann die Scientology folglich mit einigem Recht als Konzern
gewertet werden, der allerdings nicht persönliche Bereicherung, sondern permanente
Umsatzsteigerung im Auge hat.
3.2 Scientology als Ideologie
Scientology vertritt, dies wird eigentlich von niemandem bestritten, ein Konzept der
Umgestaltung der Gesellschaft, das jeden Bereich des menschlichen Lebens im Auge hat. Der
Anspruch der Scientology ist mithin ein totaler.
Scientology wird deshalb von Kritikern strukturell gerne mit klassischen Ideologien wie
dem Kommunismus oder dem Faschismus verglichen, die ebenso die Totalität des menschlichen
Lebens umfassen möchten. Scientology könnte so mit gutem Recht als Ideologie bezeichnet
werden.
Dahingegen würde eine Religion sich auf einen gesellschaftlichen Teilbereich beschränken
und auf die Regulation anderer Teilbereiche verzichten.
Dieses Argument trifft allerdings nur für nachaufklärerische Religionen zu. Religionen,
die die Aufklärung bewusst zurückweisen, wie der protestantische oder der islamische
Fundamentalismus, oder von dieser unbeeinflusst sind, wie ein traditioneller
Katholizismus, können durchaus die Religion als umfassenden Sinnhorzont für alle
gesellschaftlichen Fragen betrachten. Eine Religion kann folglich durchaus auch als
Ideologie auftreten.
Die Tatsache, dass Scientology mit einigem Recht als Ideologie bezeichnet werden kann,
besagt so für den von ihr beanspruchten Religionsstatus nichts.
4 Zusammenfassung
Scientology bemüht sich intensiv, an Orten, wo solches vorteilhaft zu sein scheint,
als Religion anerkannt zu werden. Die Art der Gewinnung und Vermittlung ihrer Lehre, das
leicht durchschaubare terminologische Mimikry, die geringe Bedeutung ihrer Rituale und die
auf Umsatz orientierte Organisationsstruktur machen es aus religionswissenschaftlicher
Sicht aber nicht ratsam, der Scientology diesen Status zuzubilligen, will die
Religionswissenschaft nicht Gefahr laufen, fürderhin jeden Anspruch einer beliebigen
Organisation, Religion zu sein, unbesehen übernehmen zu müssen.
Der Anspruch der Scientology, Religion zu sein, ist deshalb aus
religionswissenschaftlicher Sicht zurückzuweisen.
Scientology ist religionswissenschaftlich gesehen näherungsweise als Konzern mit
parawissenschaftlicher Ideologie zu werten.
Georg Otto Schmid, 1998