Thema: Ist Scientology
eine Religion? - Aktuelle
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Scientology, religiöse Ansprüche und Heilungsschwindel
Berliner Dialog Heft 1-97
Übersetzung: Guntram Thilo, Berlin
Während der ersten fünfundzwanzig Jahre von Dianetik und Scientology verwendete
Hubbard den Anspruch, eine Religion zu sein, dazu, seine Organisation vor
regierungsamtlichen und medizinischen Untersuchungen wegen unerlaubter Ausübung eines
Heilberufes und damit zusammenhängenden betrügerischen Behauptungen von Heilerfolgen zu
schützen. Hubbard stellte die meisten seiner Behauptungen über Ähnlichkeiten östlicher
Lehren mit Scientology immer gerade dann auf, wenn er ein drohendes Einschreiten der
Regierung wegen des Vorwurfs der ungenehmigten Ausübung der Heilkunde abzuwenden suchte.
Dies gilt für die ersten zwei Jahrzehnte des Bestehens von Dianetik und Scientology;
während dieser Zeit behauptete Hubbard Ähnlichkeiten zwischen Scientology und östlichen
Religionen dreimal: 1954, 1960 und 1962.
Die interessante Ausnahme davon fand 1968 im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung
mit der amerikanischen Steuerbehörde (IRS) über die Besteuerung der Founding Church of
Scientology in Washington, D. C., statt. Bei Nachforschungen dazu darf man finanzielle
Motive für Hubbards Entscheidung, Scientology in den frühen fünfziger Jahren als eine
Religion darzustellen, nicht zu gering einschätzen (s. Miller, 1987: 220), man darf aber
auch nicht die Tatsache vernachlässigen, daß Anhänger Hubbards immer wieder in
verschiedenen Staaten der USA wegen Ausübung eines Heilberufs ohne Genehmigung verhaftet
wurden. "Arthritis verschwindet, ... Mägen arbeiten ordentlich" In dem Buch,
das die Grundlage für Dianetik und Scientology ist und bleibt, verkündete Hubbard 1950,
daß bei richtiger Anwendung der von ihm dargelegten Techniken "Arthritis
verschwindet, Kurzsichtigkeit wird besser, Herzkrankheiten nehmen ab, Asthma vergeht,
Mägen arbeiten ordentlich, und der ganze Katalog von Krankheiten geht weg und bleibt
weg" (Hubbard, 1950: 569). Wegen solcher Behauptungen (bei denen Scientology immer
noch bleibt) verklagte das New Jersey State Board of Medical Examiners die Hubbard
Dianetic Research Foundation, Inc., wegen "Betreibens einer Ausbildungsstätte für
die Behandlung von Krankheiten ohne Genehmigung" im Januar 1951 (Elizabeth Daily
Journal, 1951a), was dazu beitrug, daß die Organisation den Ort Elizabeth, New Jersey,
noch im April verließ, also vor dem im Mai bevorstehenden Gerichtsverfahren (Elizabeth
Daily Journal, 1951b).
Ende März 1953 wurden zwei Anhänger von Dianetik und Scientology verhaftet, dabei
wurde ein E-Meter beschlagnahmt; beides war Teil einer Untersuchung wegen "Betreibens
einer nicht genehmigten Ausbildungsstätte und Ausübung eines Heilberufes ohne
Genehmigung" (Detroit News, 1953a, b; s. Pickering, 1953). Außerdem hat ein
Dianetiker oder Scientologe offenbar Ende 1953 oder Anfang 1954 in Glendale, Kalifornien,
zehn Tage wegen "Ausübung eines Heilberufs ohne Genehmigung" im Gefängnis
verbracht (ange- führt in Aberree, 1954a: 4).
Als Reaktion auf sich abzeichnende weitere Verhaftungen ließ Hubbard (im Dezember
1953) in New Jersey drei religiöse Organisationen amtlich eintragen: die Church of
American Science, die Church of Scientology und die Church of Spiritual Engineering
(Aberree, 1954a: 1). Ein unabhängiger Scientologe berichtet in einer Veröffentlichung
aus dieser Zeit, daß offizielle Vertreter der Hubbard Association of Scientologists
"sagten, daß kaum Zweifel bestehen, aber (sic) dieser Streich wird Scientology aus
dem Schußfeld offener und verborgener Angriffe der Mediziner rücken, die ihre Pillen,
Skalpelle und mit Blinddärmen übersäten Einkommen bedroht sehen" (Aberree, 1954a:
4). Im Juni 1954 verkündete Hubbard die Bildung einer neuen Organisation, der Hubbard
Association of Scientologists, International (HASI), die die bestehende Hubbard
Association of Scientologists ersetzte. Normale Scientologen erwarteten nicht, daß die
organisatorische Veränderung für sie von Bedeutung sein werde, "außer daß sie
Auditoren und Ausbildungsstätten völlige Sicherheit vor juristischen Eingriffen bieten
wird.
Die neue Organisation, die HASI, ist eine gemeinnützige religiöse Körperschaft und
hat als solche, wie Ron sagte, Anrecht auf die verfassungsmäßigen Garantien eines
Urteils des Obersten Gerichtshofes, daß kein Staat Schritte unternehmen soll, um die
Arbeit irgendeiner mit dem Studium der menschlichen Seele befaßten Organisation zu
verhindern ... Diese religiöse Körperschaft, sagte Ron, soll die Wiederholung solcher
Fiaskos wie das in Detroit vor mehr als einem Jahr verhindern, wo zwei Scientologen
verhaftet und nur in den Schlagzeilen vor Gericht gestellt wurden (Aberree, 1954b: 1, 3).
Im Juli 1954 versuchte Hubbard, Scientology mit dem Hinduismus, Buddhismus und Taoismus
in Verbindung zu bringen, und zwar in den Jahre später als The Phoenix Lectures bekannt
gewordenen Vorträgen. Wenig später, im September 1955, wurde mindestens ein anderer
Anhänger (in Phoenix, Arizona) wegen Ausübung eines Heilberufes ohne Genehmigung ins
Gefängnis gebracht (Karie, 1955). Im Rückblick auf diese Zeit bezog sich Hubbard selbst
mittelbar auf die Strafverfolgung, als er seinen Anhängern erklärte, "warum
Dianetik außer Gebrauch kam". Er spielte auf diese der Dianetik entstandenen
Probleme an mit den Worten: "In einigen Ländern, hauptsächlich den Vereinigten
Staaten, war es illegal, irgendetwas zu heilen oder zu kurieren", und fügte gleich
hinzu: "Scientologys Fähigkeit, spirituelle Freiheit zustande zu bringen, wurde
deshalb das gemeinsame Ziel der Anstrengungen von Organisationen" (Hubbard, 1969c:
347). Hubbards erster Versuch, die religiöse Seite von Scientology als Kirche
anzupreisen, war von kurzer Dauer. Im Spätsommer 1954 versandte Hubbard ein Anzeigenblatt
mit dem Namen The Golden Dawn (höchstwahrscheinlich so genannt nach der berühmten
englischen okkulten Gruppe, der Aleister Crowley angehört hatte) an etwa 5000 Haushalte
in Phoenix, Arizona, und startete eine Werbekampagne von Haus zu Haus in der Stadt
(Aberree, 1954c). Schon im November gab er diese Versandanstrengung auf (Churchill, 1954b:
9), weil er damit nur wenige Interessierte für sich eingenommen hatte (Churchill, 1954a).
Seine religiösen Ansprüche ruhten dann fast ganz bis zum Jahre 1960; zu der Zeit
wohnte er bereits auf seinem Besitz in East Grinstead, Sussex, England. In einer kurzen
Verlautbarung schrieb Hubbard, daß Scientology sowohl eine "Religiöse
Philosophie" sei als auch eine "Religiöse Praxis", die "grundlegende
Dienstleistungen durchführt wie zum Beispiel Predigten bei gottesdienstlichen
Versammlungen, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen". Wie schon vor Jahren bestand
Hubbard darauf, daß "Scientologys engste spirituelle Bande mit anderen Religionen
mit dem orthodoxen (Hinayana-)Buddhismus bestehen, mit dem Scientology einen historischen
Stammbaum gemein hat" (Hubbard, 1960). Das Erscheinungsdatum dieser Verlautbarung -
21. Juni 1960 - liefert vielleicht den Schlüssel zum Verständnis, warum Hubbard gerade
zu diesem Zeitpunkt zur Betonung der vorgeblich religiösen Aspekte von Scientology zurückkehrte.
Ende März und Anfang April erschienen in The Times drei Artikel über die Bemühungen der
National Federation of Spiritual Healers, Besuchsrechte in Krankenhäusern "ähnlich
denen den Geistlichen der Religion gewährten" (Times, 1960a; s. 1960b, c) zu
erhalten.
Am 21. Juni veröffentlichte The Times einen Meinungsaustausch zwischen einem
Abgeordneten des Unterhauses und dem Gesundheitsminister, in dem der Minister darauf
hinwies, daß Besuche von Geistheilern von der Krankenhausleitung, den für den einzelnen
Patienten zuständigen ärzten und den Patienten selbst geregelt werden müßten (Times,
1960d). Am Anfang dieser Debatte hatten einige Mitglieder der British Medical Association
sich gegen solche Art von Besuchen ausgesprochen (Times, 1960b; British Medical Journal,
1960a, b), danach, gegen Ende Juni, beschloß die Medical Association, keine Besuche von
Geistheilern in den Krankenhäusern des National Health Service zuzulassen (Times, 1960c).
Es dürfte deshalb kein Zufall sein, daß Hubbard im Juli eine scharfe Attacke gegen die
British Medical Association losließ, einen Monat nach der Verlautbarung über Religion
(s. Malko, 1970: 8610 und ein paar Wochen nach dem genannten Beschluß der Association.
(Malko schreibt, der Angriff auf die British Medical Association sei ein HCO Bulletin vom
24. Juli 1960; ich kann diese Veröffentlichung jedoch nirgendwo finden und frage mich, ob
er die Quelle korrekt angegeben hat).
Ende Oktober 1962 kam Hubbard noch einmal auf seine religiösen Ansprüche zurück,
offenbar nachdem er erfahren hatte, daß die United States Food and Drug Administration
(FDA) sich für die E-Meter seiner Organisation 'interessierte'. Hubbard, der das
Schlimmste fürchtete, gab einen "policy letter" mit dem Titel
"Religion" heraus, in dem er diese Apparate ausdrücklich rechtfertigte mit dem
Argument, Scientologen benutzten sie, "um dem in Behandlung befindlichen Individuum
die Wahrheit zu enthüllen und es so spirituell frei zu machen". In Hinsicht auf die
zukünftige Ausrichtung seiner Organisation kündigte Hubbard an, daß "Scientology
1970 als eine religiöse Organisation in der ganzen Welt geplant" werde. Er beruhigte
seine Mitglieder jedoch durch den Zusatz, daß "dies in keiner Weise die normalen
Aktivitäten irgendeiner Organisation stören wird.
1963: Polizeiliche Durchsuchung Zwei Monate später, am 4. Januar 1963, durchsuchte die
Polizei (aufgrund eines Durchsuchungsbefehls der FDA) die Founding Church of Scientology
in Washington, D. C., und beschlagnahmte "mehr als drei Tonnen Literatur und Ausrüstung"
(Miller, 1987: 247; s. Atack, 1990: 154). Der Kampf um die Bezeichnung der E-Meter zog
sich über die nächsten zehn Jahre hin, aber schließlich gab die Regierung das
beschlagnahmte Material zurück, nachdem das Gericht angeordnet hatte, daß ein gedruckter
Aufkleber auf allen E-Metern ihre Funktion einzig und allein als Werkzeug religiöser
Beratung ausweisen sollte (Atack, 1990: 154, 193, 204; Church of Scientology of
California, 1978: 154-155).
Nochmals legte Hubbard großes Gewicht auf religiöse Aspekte seiner Organisation im
Jahr 1968. Im Mai dieses Jahres brachte er eine Veröffentlichung namens Advance! heraus,
die dem Vergleich von Scientology mit verschiedenen anderen Religionen diente; es
ist auch das Jahr, in dem er The Phoenix Lectures (die auf vierzehn Jahre früher
gehaltenen Vorträgen beruhen) herausgab. Das Hervorkehren eines religiösen Image war zu
dieser Zeit besonders wichtig, weil die Eingabe seiner Kirche in Washington, D. C., zur
Wiedererlangung der Steuerfreiheit abgelehnt wurde, während die Regierungen in
Australien, Großbritannien, Neuseeland und Rhodesien entweder Scientologys Umtriebe
beschränkten, wenn nicht sogar verboten, oder offizielle Untersuchungen einleiteten
(Church of Scientology of California, 1978: 154, 156, 157). Ereignisse in Großbritannien
gegen Ende der sechziger Jahre können weiteres Licht auf den Zeitpunkt der Erhebung
dieser religiösen Ansprüche durch Scientology werfen.
Im Januar 1967 begann der amtierende Chaplain des scientologischen Saint Hill Manor in
East Grinstead, Sussex, mit seinen Bemühungen, die Kapelle des Landsitzes offiziell als
"Begegnungsstätte für religiösen Gottesdienst ..." eintragen zu lassen
(Weekly Law Reports, 1970a: 141). Die Korrespondenz zwischen Scientology, ihren
Rechtsberatern und dem Obersten Standesbeamten (Registrar General) als Leiter der
Registrierungsbehörde zog sich über das Jahr 1968 hin, wobei der Registrar General die
Rechtmäßigkeit des Anspruchs verneinte. Daraufhin erwirkte Scientology am 9. Mai 1969
die "Genehmigung, ein -order of mandamus' (Verordnung eines höheren Gerichts an ein
untergeordnetes) zu beantragen" zugunsten des Antrags auf Anerkennung als Religion.
Der Antrag wurde jedoch sowohl in erster Instanz als auch in der Berufung abgelehnt
(Weekly Law Reports, 1970a, 1970b). Der Berufungsrichter führte aus: "Scientology
scheint mir eher eine Philosophie der menschlichen Existenz oder des Lebens zu sein als
eine Religion.
Religiöser Gottesdienst bedeutet Verehrung Gottes oder eines höchsten Wesens. Solche
Verehrung finde ich in dem Glaubensbekenntnis dieser Kirche nicht, auch nicht in der
eidesstattlichen Erklärung des Herrn Segerdal" (des amtierenden Geistlichen).
(Weekly Law Reports, 1970b: 485). Hubbards Versuche, Scientology als eine östlichen
Glaubenssystemen ähnliche Religion darzustellen, vermochten also die britischen Gerichte
nicht davon zu überzeugen, daß ihre religiösen Ansprüche vom juristischen Standpunkt
aus gerechtfertigt seien. Spuren und Motive Wenn man die Geschehnisse mindestens der
späten sechziger Jahre überblickt, hat Hubbard immer dann die angeblich spirituellen
Aspekte von Scientology betont, wenn entweder die vorgeblichen -Heilungs'Aspekte seiner
Organisation direkt oder indirekt angegriffen wurden oder wenn er sich um offizielle
Anerkennung seiner Organisation als eines Versammlungsortes für religiösen Gottesdienst
bemühte. Besondere Bedeutung maß er dabei dem Schutz der E-Meter bei, weil er diese
Geräte für entscheidend für das Auditieren hielt, das seinerseits die angeblichen
Heilungen bewirkt.
In einem früheren Forschungsbericht über Scientology wird von einem Interview mit
einem Informanten berichtet, der gesagt habe, daß Hubbard "erst Anfang der fünfziger
Jahre mit der Eingliederung dessen begann, was er für buddhistische Ideen hielt, nachdem
er eine umfangreiche Bibliothek mystischer und religiöser Bücher erhalten hatte. Ein
Mitarbeiter las die Bücher und faßte den Inhalt zusammen" (Atack, 1990: 374). Diese
Information mag zwar stimmen, sie läßt aber die bedeutsame Frage offen, warum Hubbard
bestimmte Dinge betreffend östliche Religionen immer gerade dann schrieb, wenn er es tat.
In diesem Beitrag habe ich diese Frage damit zu beantworten versucht, daß der Zeitpunkt,
zu dem Hubbard etwas über östliche Religionen schrieb oder veröffentlichte,
normalerweise mit sozialen, juristischen und regierungsamtlichen Bedrohungen der
vorgeblichen Heiltätigkeiten zusammenfiel, denen Scientology immer wieder in den fünfziger
und sechziger Jahren ausgesetzt war. In dem Glauben, daß das religiöse Mäntelchen seine
Gruppe und ihre Aktivitäten in einem großen Teil der westlichen Welt aus Regulierungen
von außen heraushalten könnte, blickte Hubbard nach Osten. Auf lange Sicht hatte er
anscheinend Erfolg damit, denn die Organisation verwendet ihre E-Meter immer noch für
-spirituelle' Beratung. Sie besteht darüber hinaus immer noch auf der Kraft dieses
Apparates, Heilerfolge zu erzielen, wenn er in Verbindung mit dem Auditieren verwendet
wird. Schließlich glauben viele Scientologen immer noch, daß die Theologie ihrer
Organisa- tion in wichtigen Teilen verschiedenen östlichen Glaubenssystemen ähnlich sei.
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Dr. Stephen A. Kent, 45, ist außerordentlicher Professor an der
soziologischen Fakultät der University of Alberta, Kanada.
Derzeit arbeitet er hauptsächlich über nicht-traditionelle und alternative Religionen.
Zuschriften an:
Department of Sociology, University of Alberta,
Edmonton, Alberta, Canada T6C 2H4.