Thema: Aufklärung - Aktuelle
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"Macht Geld, mehr Geld und noch einmal Geld!"
Ein Bericht über die Manipulationstechniken der Scientology
Reto T. war am Boden zerstört: "Du bist ein Nichts, du bist überhaupt nichts
wert", hatte ihm eine "Dianetik"-Beraterin attestiert. Über eine
Zeitungsanzeige, in der der Bestseller "Dianetik: Die moderne Wissenschaft von der
seelischen Gesundheit" des Scientology-Gründers Lafayette Ron Hubbard (LRH) beworben
wurde, fand Reto Kontakt zur "Dianetik-Beratung". "So tief unten",
schrieb Reto am selben Abend in sein Notizbuch, "war ich noch nie gewesen". Die
"Beraterin" hatte ihm erklärt, er sei instabil, deprimiert und nervös.
Zu
diesem Fazit kam sie, nachdem er einen von Hubbard entwickelten
"Persönlichkeitstest" ausfüllte. Diese Schwächen, erzählte man ihm, könnten
aber ohne weiteres behoben werden - mit Dianetik, einer "Technologie zur Befreiung
des geistigen Wesens" (Eigenwerbung). Immer wieder wurde ihm gesagt, Scientology -
dem eigenen Selbstverständnis nach eine "angewandte religiöse Philosophie" -
sei eine "Brücke zur totalen geistigen Freiheit". Für Reto war es eine Brücke
in größere Abhängigkeit, tiefere Depressionen und höhere Schulden. Auf dem Weg zum
"Ziel" erlöste sich Reto selbst. Er sprang von einer Brücke in den Tod.
Entwickelt wurde das für Reto verhängnisvolle Scientology-System von L. Ron Hubbard.
Dieser Mann ist innerhalb der Sekte allgegenwärtig: Sein Porträt hängt in den
"Missionen", sein (oder das des RTC) Copyright prangt an praktisch jeder
auffindbaren Publikation. Was er sagt, gilt als Gesetz. Der autoritäre Hubbard darf nicht
angezweifelt werden.
Es gibt, was seinen Lebenslauf angeht, kaum brauchbares verifiziertes Material. Sicher
ist nur, daß er am 13.März 1911 in Tilden/Nebraska, USA, als Einzelkind geboren wurde.
Die Sekte macht aus dem Rest seines Lebens eine Legende: So soll Hubbard mit dreieinhalb
Jahren bereits lesen und schreiben gelernt haben, im Kindesalter Reisen um den Globus
gemacht und viele fremde Kulturen kennengelernt haben, mit 18 habe er dann eine Expedition
nach Zentralafrika geleitet. Hubbard konnte - glaubt man den sich teilweise
widersprechenden Darstellungen der Sekte - "reiten, bevor er laufen konnte". Er
habe Mathematik und technische Wissenschaften studiert, danach "besuchte er Amerikas
erstes Seminar über Kernforschung", später promovierte er angeblich zum Doktor der
Philosophie.
Diese Darstellung ist bislang nicht nachvollziehbar: Scientology-Experte
Friedrich-Wilhelm Haack kennt keine "Belege für ein echtes Universitätsdiplom oder
irgendeinen richtigen Studienabschluß bei Lafayette Ronald Hubbard". Und Christopher
Evans schreibt: "Was Hubbards Doktortitel betrifft, so wurde er ihm, wie zu erfahren
ist, von der mit großen Worten gepriesenen 'Sequoia University of California' verliehen -
einem Institut, das man vergeblich auf der Standardliste der amerikanischen Universitäten
suchen wird, das jedoch unter gewissen Scharlatanen an der Westküste als Titelfabrik
bekannt war, bei der man gegen eine angemessene Summe 'Eignungszeugnisse' erwerben
konnte." Während seiner angeblichen Universitätszeit will der Rotschopf Hubbard
"seine besondere Eignung als Segelflieger" entdeckt haben. Wie er das gemacht
haben soll, ist seltsam: Nachforschungen Haacks ergaben, daß er wegen Kurzsichtigkeit
nicht die erwünschte Marinelaufbahn einschlagen konnte. Am Ende des 2.Weltkriegs soll er
"gelähmt und erblindet" gewesen sein. Man habe ihn "zweimal für tot"
erklärt. Daß er überlebt hatte, sei ein "medizinisches Wunder". Geklappt
hat's angeblich mit der von ihm entwickelten Dianetik.
Oder auch nicht. Denn die "Kriegsverletzungen", die Hubbard davontrug,
beschränkten sich auf ein Geschwür am Zwölffingerdarm, Schleimbeutel-, Gelenk- und
Bindehautentzündung. Jemand, der damit wieder auf die Beine kommt, ist kaum ein
"medizinisches Wunder".
Hubbard, der Wunderknabe und übermensch, ständig auf der Suche nach etwas Neuem. Völlig
übertreibend macht Scientology aus ihm u.a. einen Philosophen, Forscher, Wissenschaftler,
Pädagogen, Navy-Officier, Theologen, Therapeuten, Kernphysiker, Seefahrer, Fotografen,
Kriegshelden, Menschenfreund und Schriftsteller.
Aus dieser Aufzählung ist lediglich letzteres glaubwürdig, denn Hubbard war
zweifellos ein bedeutender, aber armer Science-Fiction-Autor. Ab 1934 veröffentlichte er
regelmäßig - teilweise unter Pseudonymen - Abenteuer- und Wildweststories. Ab 1938
betätigte er sich als Science-Fiction-Autor. In seinen Romanen deutete er schon
Phantasien an, die er später den Scientologen als Wahrheit verkaufte. Im Mai 1950
veröffentlichte Hubbard seine "Forschungen" in der führenden
Science-Fiction-Zeitschrift Astounding Science Fiction. Auf die große Resonanz hin führte
er seine Phantasien in seinem Buch "Dianetik: Die moderne Wissenschaft von der
seelischen Gesundheit" aus. Es avancierte zum Bestseller. Angesichts des Erfolges
wurden die ersten "Dianetik"-Beratungsstellen gegründet.
Den Stoff für die "Wissenschaft" holte sich
Hubbard offensichtlich von überall her: Einerseits - was von Scientology heftig
bestritten wird - wohl von Anastasius Nordenholz, der bereits 1934 einige Theorien
entwickelte, die dann vermutlich übernommen und weiterentwickelt wurden. Nordenholz'
Arbeitstitel: "Scientologie". Andererseits vom "Ordo Templi Orientis"
(O.T.O.), einer Okkultismus-Bewegung mit dem Motto: "Tue, was Du willst, soll sein
das ganze Gesetz". Hubbard war hoch angesehen in dem Orden, man vermutete, er stehe
"in direktem Kontakt mit einem höheren Wesen". Aleister Crowley, Lehrmeister
vom "Ordo Templi Orientis", ließ den Rothaarigen allein schon deshalb tief in
seine okkulten Praktiken einblicken - und Hubbard schaute ihm genau auf die Finger. John
Symonds, Autor eines Buches über Crowley: "Hubbard erwarb sich... genügend Kenntnis
von Crowleys magischen Geheimnissen, was ihm ein paar Jahre später bei der Gründung
seiner gefeierten Church of Scientology zugute kommen sollte."
Crowley war es auch, der das "Gesetz der Starken" formulierte: "Wir
haben nichts gemein mit den Ausgestoßenen und den Schwachen, laß sie sterben in ihrem
Elend... Tritt nieder die Elenden und Schwachen." Ob und inwieweit Hubbard dies
seinen Anhängern - besonders bezüglich der Behandlung von Abtrünnigen und Kritikern -
mit auf den Weg gab, bleibt weiterhin umstritten.
Obwohl Hubbard offenkundig seine "Forschungen" - vorsichtig formuliert -
nicht ganz alleine ausgearbeitet hatte, nahm er dennoch alle Rechte daran für sich allein
in Anspruch: Die Begriffe "Scientology" und "Dianetik" ließ er sich
schützen.
Der "Wissenschaft" wurde das Mäntelchen der "Religion" umgehängt:
Religiöse Zeichen wurden eingeführt und religiöse Begriffe benutzt. Heute ist die Frage
strittig, ob die "Scientology-Kirche" tatsächlich eine Religionsgemeinschaft
ist. Kritiker meinen: Nein, Scientology interessiere nur eines: Geld. Der Anspruch,
"Religion" zu sein, sei nur ein Vorwand, um in aller Ruhe die Anhänger
manipulieren zu können und die scientologische "Ethik" zu indoktrinieren.
Mit dem Religions-Mäntelchen läßt sich viel Geld am Fiskus vorbeischleusen, man hat
Privilegien, kann schwer juristisch belangt werden und wirkt insgesamt glaubwürdiger auf
mögliche Kunden.
Der einst ums nackte überleben kämpfende Science-Fiction-Autor machte mit Dianetik
das große Geschäft, genau wie er es ein Jahr vor Gründung der "Kirche"
vorausgesagt hatte, als er auf einer Tagung von Science-Fiction-Autoren in New Jersey
verraten haben soll, wie man gutes Geld "verdienen" kann: "Für einen Penny
pro Wort zu schreiben ist lächerlich. Wenn jemand wirklich eine Million Dollar machen
wollte, dann würde er am besten seine eigene Religion auf die Beine stellen."
Hubbard siedelte nach Saint Hill/GB über, das das Sektenhauptquartier wurde. Von hier
aus vertrieb er seine internen Anweisungen ("Hubbard Communication Office Policy
Letters" - HCO Policy Letters). Ende der 60er Jahre hatte er für England ein
Einreiseverbot, aber auch in den meisten anderen Ländern bekam Hubbard viele Probleme mit
Behörden. Da blieb nur eine Fluchtmöglichkeit: internationale Gewässer. Hier war
Hubbard sicher. Er kaufte sich ein Schiff und gründete die "Sea Org", die
Zentrale der Scientology-"Kirche".
Seit etwa 20 Jahren agiert Scientology auch in Deutschland. In Paris wurde Hubbard 1976
in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren und einer Geldstrafe verurteilt.
Er habe laut Anklageschrift "durch betrügerische Maßnahmen unter Vortäuschung von
falschen Unternehmen, einer imaginären Macht oder durch Erweckung von Hoffnung auf einen
Erfolg oder irgendein ausgebildetes Ergebnis von zahlreichen Personen hohe Geldsummen
bekommen... und in betrügerischer Weise das ganze oder Teile fremden Vermögens an sich
gebracht". Ende 1979 wurde er als "Mitverschwörer" bezeichnet, als es zu
einem Prozeß gegen neun hochrangige Scientologen - darunter Hubbards Frau - vor einem
amerikanischen Bundesgericht kam. Die Scientologen wurden zu Haftstrafen verurteilt. Liane
v. Billerbeck und Frank Nordhausen berichten in ihrem Buch über den Fall: "1976
hatten FBI-Beamte zwei Agenten des Guardian Office (Sicherheitsdienst der Sekte, d. Red.)
mit falschen Papieren nachts im US-Justizministerium aufgegriffen. Sofort setzten
Ermittlungen ein. Als ein verhafteter Scientologe Interna über die geheime Aktion
'Schneewittchen' ausplauderte, schlug die amerikanische Bundespolizei zu. In einer
Großrazzia durchsuchten 134 FBI-Beamte die Scientology-Filialen in Los Angeles und
Washington. Sie stellten etwa 40.000 Seiten Akten mit belastendem Material sicher, Beweise
für mehr als 130 Operationen gegen Einzelpersonen und Behörden. Die Staatsanwaltschaft
konnte unglaubliche Vorgänge aufdecken. Die hubbardistische Sicherheitspolizei hatte
zwischen 1973 und 1976 Agenten in Regierungsbüros eingeschleust, Ausweise gefälscht und
Abhöranlagen installiert, um eine regierungsamtliche Untersuchung von Scientology zu
sabotieren." In den 80er Jahren wurde die Führung in der Scientology-Zentrale nach
internen Machtkämpfen ausgewechselt. Seine Copyrightrechte verkaufte Hubbard 1982 an das
Religious Technology Center (RTC). An seiner Spitze steht David Miscavige und hat die
Macht bei Scientology inne. An der Basis wird allerdings immer noch Hubbard für absolut
gehalten, obwohl dieser sich das letzte Mal Ende der 70er Jahre der öffentlichkeit
zeigte. Seither ist er nicht mehr gesehen worden. Die Sekte gab 1986 an, er sei
verstorben. Die Leiche sei eingeäschert worden.
Der Fall Reto zeigt deutlich, wie gefährlich die selbsternannte "Kirche"
sein kann. Scheinbar unauffällig werben die Scientologen - im Sektenjargon sogenanntes -
"rohes Fleisch" (raw meat), d. h. potentielle Scientologen, an. Scientology geht
dabei sehr raffiniert und somit unerkannt vor:
Scientology wirbt mit "Dianetik" in Zeitungen. "Rohes Fleisch" wie
Reto füllen einen Bestellcoupon für das Hubbard-Buch "Dianetik" aus und
schicken ihn an eine "Beratungsstelle". Einige Zeit nach der Lieferung erhalten
sie Scientology-Werbung ins Haus zugestellt und werden angerufen, mit dem Ziel, daß sie
"weich" werden und einen "Persönlichkeitstest" absolvieren.
Straßenwerbung (intern "Body-routen" genannt) und irgendwelche
Veranstaltungen wie Vorträge werden zwar noch praktiziert, haben aber keine große
Bedeutung mehr. Wichtig bei der Anwerbung sind persönliche Kontakte. Scientologen werden
angehalten, ihre Umgebung zu "handhaben", d.h. ("redefiniert") auf
Scientology-Kurs zu bringen. Brisant ist es, wenn die Eltern Scientologen sind. Kleinere
Kinder kommen in eine sog. "Nursery", eine Gruppe aus Kindern von Scientologen.
Bereits von Kindesbeinen an werden sie mit der Scientology-Ideologie vertraut gemacht.
Wenn sie sich einmal daneben benehmen, werden sie in einer "Ethik-Sitzung"
ungefähr so gerügt: "Paß auf. Du verhältst dich total 'out-ethisch', das ist
nicht in Ordnung so. Du 'enturbulierst' hier alle und ziehst alle mit runter. Damit
schränkst du das überleben von uns allen ein, und das ist ein schwerer 'flunk'! So geht
das nicht. Ich kann ja verstehen, daß du mal deine Grenzen abchecken willst, aber jetzt
bist du schon zu weit gegangen, verstehst du? Schau mal, jeder muß was für das eigene überleben
und auch das der anderen tun, aber du machst genau das Gegenteil, und das ist out-ethisch
und nicht okay. Willst du nicht lieber versuchen, doch gut drauf zu kommen? Damit würdest
du dir selbst helfen und zum überleben beitragen. Dann hab ich dich auch viel mehr lieb,
als wenn du so ein Theater machst." Kommentar überflüssig.
Scientology versucht, bestimmte Zielgruppen über Tarn- und Nebenorganisationen zu
erreichen. Diese Organisationen sind vom Namen her nicht von anderen seriösen Vereinen,
Verbänden oder Vereinigungen zu unterscheiden. Meist operieren sie als eingetragener
Verein ("e.V."). Dies macht einen seriösen und glaubwürdigen Eindruck. Es
kommt vor, daß sie sich - z.B. in Form der KVPM ("Kommission für Verstöße der
Psychiatrie gegen Menschenrechte") - auch an Kindergärten und Schulen wenden und auf
diese Weise versuchen, mit Multiplikatoren in Kontakt zu treten.
Eine weitere Organisation dieser Art ist "Narconon e.V.", die eine
"Drogentherapie" durchführt - Presseberichten zufolge allerdings keinesfalls
erfolgreich. Vom Glauben getrieben, Drogen und Medikamente würden sich im Gewebe des
Menschen absetzen, schicken die Scientologen Drogenabhängige für mehrere Stunden unter
Vitaminzugabe in die Sauna. Begründung: Man würde damit die Substanzen aus dem Körper
"waschen". Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Vorstellung völliger
Blödsinn.
Eine andere Scientology-Tarnorganisation stürzt sich auf Nachhilfe für Schüler: ABLE
(Association for Better Living and Education International) mit Organisationen wie
"Applied Scholastics" oder ZIEL e.V. ("Zentrum für individuelles und
effektives Lernen"). Beide wenden eine vom "großen Pädagogen"
(Eigenbezeichnung) Hubbard entwickelte "Studiertechnik" an, die im wesentlichen
"Lernsperren" aufheben will:
Ein Hilfsmittel ist der sogenannte "Demo-Kit", im Grunde nichts anderes als
eine Knetmasse oder auch Büroklammern, Gummiringe etc. Mit dem "Demo-Kit"
sollen Lehrinhalte anschaulich gemacht werden. Kit für Kids - das bringt Scientology
zahlungskräftige Kunden von morgen.
Jemand ist nicht in der Lage, einen Zusammenhang zu verstehen, weil er ein
unverstandenes Wort "übergeht". Hubbard rät in diesem Fall, dieses Wort
nachzuschlagen, bis man es versteht. "Das ist ziemlich unsinnig und
gefährlich", schreibt Sektenexperte Friedrich-Wilhelm Haack, "der Lernende wird
abhängig und unfähig, seine eigenen Gedanken und Definitionen zu finden." Was Glück,
Liebe oder Freiheit ist, erfahre man nicht mehr durch eigenes Erleben, sondern im
sekteneigenen Nachschlagewerk.
Diese Studiertechniken benutzen alle Scientologen. Dabei werden sie mit den
"Redefinitionen" Hubbards vertraut gemacht - ein wichtiges Instrument des
Scientology-Gründers: "Der Trick ist, Worte zu redefinieren, bis sie zum Vorteil des
Propagandisten etwas bedeuten... Wird die Redefinition oft genug wiederholt, kann die
öffentliche Meinung dadurch geändert werden, daß die Bedeutung eines Wortes geändert
wird... Die Redefinition von Wörtern wird dadurch bewirkt, daß andere Gefühle und
Symbole mit ihnen verbunden werden, als diejenigen, die man erwartet." Ethik, z.B.
bedeutet nicht, bei seinem Handeln Rücksicht auf andere zu nehmen, sondern bei
Scientology per Definition, "Gegenabsichten aus der Umwelt zu entfernen".
Im Klartext: Ethisch ist, wer positiv gegenüber Scientology eingestellt ist. Es gibt
eine Reihe weiterer Begriffe, die so "redefiniert" wurden und auch eigene
Wortkreationen. "Dianetik" (von dia nous = durch den Verstand) oder
"Scientology" (lat. scire = wissen; griech. logos = Lehre => "Lehre vom
Wissen") sind solche Kunstwörter.
Durch das Redefinieren wird das "Studium" erst kompliziert. Aber das
Nachschlagen hat zwei ganz gewichtige "Nebeneffekte", die die Sekte ausnutzt:
Der "Student" nimmt langsam die scientologische Sprache an und verinnerlicht
durch das intensive Studium die neuen, teilweise zu den alten gegensätzlichen Werte.
Beides verstärkt die Bindung zur Sekte.
Scientology versucht, die Wirtschaft systematisch zu unterwandern. Das kann geschehen,
indem man über eine Tarnorganisation wie "Choice international" (soll sich
angeblich in "Euroselect" umbenannt haben) oder "U-Man"
mittelständischen Unternehmen "Management- und Personalberatung" anbietet.
Dabei versucht man, die Personalchefs und Manager mit einem erfolgreichen "neuartigen
Suchkonzept" zu ködern. Die Unternehmen übertragen dann das Auswahlverfahren an die
Scientology- Organisation; und sie bestimmt, wer in die engere Auswahl kommt.
Es ist nicht verwunderlich, daß auch hier der "Persönlichkeitstest" zum
Einsatz kommt, ebenso wie die "unverbindliche Beratung" und der "Tip",
Dianetik anzuwenden. Wer da nicht mitzieht, hat kaum Chancen auf eine Einstellung. Auf
diese Weise werden Scientologen in Unternehmen eingeschleust.
Scientology tritt direkt an die Manager eines Unternehmen heran und bietet ihnen eine
Möglichkeit an, noch erfolgreicher zu werden. Obwohl bevorzugt aufstrebende
mittelständische Unternehmen angesprochen werden, geht Scientology davon aus, daß auch
solche Schwierigkeiten haben. Auch hier wird "Dianetik" wieder wärmstens ans
Herz gelegt. Falls ein Einflußreicher von dieser "Methode" überzeugt ist, wird
er alles an den Tag legen, um das gesamte Unternehmen für Scientology zu gewinnen. Mit
allen Konsequenzen: So absolvieren Mitarbeiter den "Persönlichkeitstest" und
werden auf Scientology-"Kurse" geschickt. Aussteiger berichten, es werde
bespitzelt und kontrolliert. Ein sogenannter "Ethik-Officier" überwache die
Vorgänge. Wer unangenehm auffällt, verliere im schlimmsten Fall seinen Arbeitsplatz.
Das dann sog. "Franchise"-Unternehmen kauft von der Scientology-Organisation
WISE (World Institute of Scientology Enterprises) Lizenzen für LRH-Technologie.
"Diese Technologie", weiß Aussteiger Norbert Potthoff, "ist das Herzstück
von Scientology." Es beinhaltet Verhaltenstraining, Lernprogramme und weitere Kurse,
falls danach Nachfrage besteht. Die Lizenzgebühr richtet sich nach dem Unternehmen. Zu
der "Franchise-Gebühr" (richtet sich nach dem Unternehmen und beträgt mehrere
10 000 Mark) müssen noch einige Prozent des Gesamtumsatzes an die WISE abgeführt werden.
ökonomen wissen: Eine solche finanzielle Belastung treibt das Unternehmen über kurz oder
lang direkt in die Arme eines Konkursverwalters.
Zwei Effekte sind eingetreten: Zum einen ging das vormals "sehr gut
arbeitende" Geschäft pleite, und zum anderen begann die gesamte Belegschaft den Weg
auf der "Brücke zur totalen geistigen Freiheit". Sie wird - falls alles
"planmäßig" läuft - ihren Weg "über die Brücke" weiter
beschreiten. Vom versprochenen Erfolg kann aus unternehmerischer Sicht da nicht die Rede
sein.
Mit der gleichen Taktik versucht Scientology, in der Gesellschaft - was die Ziele der
Sekte betrifft - einen Zustand "völliger Gefälligkeit" zu schaffen. Indem sich
Scientologen in Spitzenpositionen von Vereinen, Verbänden, Organisationen, Parteien und
Wirtschaftsunternehmen einnisten, gewinnt die Sekte einen größeren Einfluß auf die
Gesellschaft und kann in großer Zahl neue Mitglieder werben und so einem großen Teil der
Bevölkerung ihre "Ethik", die im krassen Gegensatz zu gesellschaftlichen Normen
steht, indoktrinieren. Der "soziale Kollaps" (Norbert Potthoff) ist
programmiert.
Entsprechende Anweisungen hat Hubbard seinen Anhängern gegeben: "Erobern Sie,
egal wie, die Schlüsselpositionen, die Position als Vorsitzende des Frauenverbandes, als
Personalchef einer Firma, als Leiter eines guten Orchesters, als Sekretärin des
Direktors, als Berater der Gewerkschaft - irgendeine Schlüsselposition. Verdienen Sie
sich einen ordentlichen Lebensunterhalt damit, fahren Sie einen guten Wagen, aber bringen
Sie Ihre Aufgabe über die Bühne, handhaben und verbessern Sie die Leute, denen Sie
begegnen und schaffen Sie eine bessere Welt."
Egal, über welchen Weg man zu Scientology stößt, das folgende machen dann alle mit,
sofern sie nicht vorher den Braten gerochen haben und sich von Scientology abgewendet
haben (Diese erhalten allerdings noch weiter Werbung ins Haus gestellt und werden
angerufen).
Jeder, der Dienstleistungen von Scientology annehmen will, muß sich einem
Persönlichkeitstest unterziehen. Er taucht unter verschiedenen Bezeichnungen auf:
Oxford-Persönlichlichkeits-Analyse oder ARK-Fähigkeits-Test, um nur zwei Beispiele zu
nennen. Dieser Persönlichkeitstest, von Hubbard entwickelt, umfaßt 200 Fragen. Es sind
allgemeine Fragen wie "Sprechen Sie langsam?" oder "Singen oder pfeifen Sie
einfach so zum Spaß?", aber auch Fragen, die für "später" durchaus
interessant sind, z.B. ob man "einige empfindliche Punkte" aufweist.
Was man auch immer ankreuzt, das Ergebnis ist in den Grundzügen immer das gleiche: Die
Analyse, wissenschaftlich in einer Grafik aufgemacht, zeigt dem "rohen Fleisch",
daß dringend etwas getan werden müsse. Dianetik helfe weiter. Die Auswertung erfolgt
schnell. Man brüstet sich, mit "dem neuen, elektronischen OCA-Testcounter" ein
Gerät zu haben, das den Test in "maximal einer Minute" auswertet. Angesichts
der stereotypen "Test"-Ergebnisse ist dies nicht weiter verwunderlich.
Intern wird diese "Beratung" so beschrieben: "Wenn ich alle Punkte
durchhabe, frage ich die Person, was ihr am meisten Schwierigkeiten macht. Meine Absicht
ist es, die Person für den Kom.Kurs (Kommunikationskurs, d. Red.) abzuzeichnen." Die
"Berater" gehen solange auf den potentiellen Kunden ein, bis dieser sich für
Dianetik entscheidet: "'Dieser Teil zeigt, daß Sie sehr viel Hilfe brauchen'",
soll der "Berater" einer internen Anweisung zufolge dem Getesteten klarmachen,
"Schreite fort mit der Auswertung der tiefen Punkte, Abschnitt für Abschnitt. Mache
eine bestimmte Aussage über jeden. Wenn die Person übereinstimmt, sagt 'ja, das stimmt'
oder 'das beschreibt mich richtig' oder ähnlich, gehe gleich weiter, Du hast getroffen.
Wenn die Person Einwände macht oder protestiert, versteife Dich nicht. Du sprichst
einfach nicht auf ihrer Realitätsstufe. Formuliere Deine Aussage neu, bis sie ihm real
wird. Halte an, sobald Du durchkommst. Sobald Du einen Treffer gelandet hast, schau die
Person direkt an und sage mit Absicht 'Das kann mit Scientology geändert werden' oder
irgendeine ähnliche positive Aussage. NIEMALS sage es halbherzig oder entschuldigend!
Sorge Dich nicht um die hohen Punkte. Wenn er nach ihnen fragt, erzähle ihm, die tiefen
Punkte seien die Ursache seiner Schwierigkeiten und daß diese geändert werden können.
Wenn mehrere hoch sind, kannst Du hinzufügen, daß aufgrund dieser es ihm leichter als
den meisten Leuten fallen wird, Scientology zur Verbesserung zu benutzen."
In einer Anlage werden die einzelnen Stufen dieses Prozesses geschildert. Überschrift:
"Vom Ruin zur Rettung": Eine Skala von -7 bis + 1.
"-7 Ruin ('Was macht Dir am meisten Schwierigkeiten in Deinem Leben? Seit wann,
wo, wie...? Gut. Ich möchte Dir anzeigen, daß Dein Leben von ... ruiniert wird');
-6 Effekt ('Und das beeinflußt Dich sehr stark, nicht wahr?');
-5 Angst vor Verschlechterung ('Und dies wird schlechter werden, falls Du nichts tust!');
-4 Veränderung brauchen ('Nun ich denke, daß Du etwas ändern solltest.');
-3 Forderung nach Verbesserung ('Willst Du es verbessern?');
-2 Hoffnung;
-1 Hilfe ('Nun, vielleicht kann Dir Scientology helfen');
1 Erkennen ('Nun, es gibt einen Kommunikationskurs')."
Diese internen Materialien belegen, daß der scheinbar wissenschaftliche Test nichts
anderes als ein Köder ist, der darauf abzielt, Kunden für die teuren Dienstleistungen
und Bücher zu gewinnen. Wie "erfolgreich" "verkauft" werden kann,
können Scientologen im von Hubbard wärmstens empfohlenen Buch "Die erfolgreichen
Verkaufsabschluß-Techniken" von Les Dane nachlesen. In dem Buch schildert der Autor
die "Geheimnisse eines Verkaufsgenies". Laut Klappentext wird in dem Buch
erklärt, wie man "die Mauer des Kaufwiderstandes mit bemerkenswerten neuen
Fähigkeiten und Techniken durchbrechen" könne, "so daß Sie mit 16 von 20
potentiellen Kunden einen Abschluß machen können... Folgen Sie einfach den Schritt für
Schritt erläuterten Techniken, ... die er und Hunderte anderer Topverkäufer... anwenden,
um Tag für Tag viel Geld zu machen". Anhand des Buches lernen Scientologen u.a., wie
sich "das Panzerkleid des Widerstandes gegen den Kauf" brechen läßt, wie man
den "richtigen Knopf" beim Verkaufsabschluß findet und wann man ihn "drückt",
wie man sich gegen "Rückzieher des Kunden" schützen kann und wie man die
Käufer für sich "arbeiten" lassen kann, um neue Kunden zu gewinnen.
Bald folgt nicht selten tatsächlich ein Ruin - der finanzielle. Denn schon in der
Anfangszeit ziehen die Scientologen den Opfern eine Unmenge an Geld aus der Tasche.
Der erste Schritt auf der "Brücke zur totalen Freiheit" wurde mit dem
Persönlichkeitstest getan. Es folgt ein "Probeauditing" (Erklärung folgt) oder
ein verhältnismäßig billiger Einstiegskurs, oft der sog. Kommunikationskurs.
Wichtiger Bestandteil: "Bestätigung". Das "rohe Fleisch" wird - um
im von Hubbard vorgezeichneten Bild zu bleiben - gekocht, indem man es ständig lobt und
seine Handlungen bestätigt ("Das hast du gut gemacht").
Um die möglichen Kunden vollends von Dianetik zu überzeugen, wird alles Erdenkliche
getan, damit sie sich wohl fühlen. Später behandelt man sie dann teilweise umso
schlechter. Das Opfer ist dann aber so von der Sache überzeugt, daß ihn das nicht
unbedingt stört: Es steht zu diesem Zeitpunkt schon voll unter Bewußtseinskontrolle.
Die Qualität der Kurse ist recht fragwürdig. Die Lehren sind außerhalb der
Organisation nicht viel wert. Nur zwei Dinge sind sicher: Die Kurse sind gnadenlos teuer,
und die "Studenten" werden auf Scientology-Kurs gebracht ("Dianetik
funktioniert!"). Kennzeichnend für scientologische Kurse sind sog.
"Erfolgsberichte", die jeder Absolvent am Ende eines Kurses schreiben soll. Ein
solches Statement hat scheinbar zwei Absichten: Erstens ist ein solcher Bericht schon von
vornherein gefärbt, da er "Erfolgs"-Bericht heißt. Der Kunde wird sich kaum in
einer negativen Weise über den Kurs äußern, ein angeblicher Erfolg des Kurses wird so
suggeriert. Zweitens haben die Scientologen etwas Schriftliches für den Fall der Fälle
in der Hand. Sollte jemand keinen Kurs mehr belegen wollen, wird ihm sein
"Erfolgsbericht" präsentiert: "Aber hier schreibst du, daß es dir etwas
gebracht hat!"
Mit dem einen Kurs ist die Sache aber noch lange nicht erledigt. Die
"Studenten" leisten Sisyphusarbeit: Kurz bevor sie glauben, das Ziel zu
erreichen, wird ihnen eine neue Schwäche präsentiert, an der sie zu arbeiten hätten.
Oder es wird gesagt: "Es gibt noch einen Fortsetzungskurs, in dem du noch mehr darüber
erfährst." Tatsächlich arbeiten sie aber an einer sinnlosen Illusion. Diese
Illusion heißt Dianetik, das Finanzierungskonzept Scientologys.
Dianetik ist, geht es nach Hubbard, eine Wissenschaft und damit mehr als nur eine
Alternative zur Psychiatrie. Scientology stellt die Psychiatrie in ein schlechtes Licht
und fühlt sich von ihr bekämpft. Warum der Scientology-Gründer Aggressionen gegen die
Psychiatrie entwickelte, ist nicht genau bekannt. Man vermutet, daß er einmal von
Psychiatern nicht zufriedenstellend behandelt wurde.
Dianetik basiert auf Hubbards Menschenbild, man bestehe aus Body (Körper), Mind
(Verstand, Geist, Sinn) und Thetan (das wahre Ich). Der Thetan sucht sich demnach
Menschenhüllen (nach der Reinkarnationstheorie). Bei der Wanderung durch die Körper wird
dieser Thetan mit Engrammen belastet. Diese Engramme sind negative Ladungen (Hubbard, der
Atomphysiker?), auf denen negative Erlebnisse (= Schmerzen) gespeichert sind. Die Engramme
selber können vom Menschen nicht wahrgenommen werden, weil sie sich im Unterbewußtsein,
dem "reaktiven Mind", befinden. Sie blockieren, so die Vorstellungen, den
Menschen bei gewissen Handlungen und rufen "Geisteskrankheiten" hervor. Die
universelle Antwort auf ein Problem heißt bei Scientology "Engramm".
Die Aufgabe ist es jetzt, diese Engramme - jeder Mensch hat mindestens eines (von der
Geburt) - aufzuspüren, sie in positive Ladung umzuwandeln und in den "analytischen
Mind" (Bewußtsein) zu bringen.
Ein Engramm, das von "Aberrationen" (Zwänge, ängste und sonstige
Makel) erzeugt wird, stößt - glaubt man Hubbard - gegen die von ihm kreierten Dynamiken,
die auch im "Kirchen"-Symbol dargestellt sind. Die ersten vier Dynamiken
("Unterabteilungen der Urkraft") sind der Drang zum eigenen überleben, überleben
der Familie (in den Nachkommen), überleben der Gruppe und überleben der gesamten
Menschheit. Später fügte Hubbard noch weitere vier "Dynamiken" hinzu: der
Drang zum "Dasein" als ganzes organisches Leben, als das physische Universum,
als "geistiges Wesen" und letztlich als "Unendlichkeit".
Der pyramidenförmige Aufbau ist ein gutes Mittel, um laschen Scientologen wieder Beine
zu machen. Denn nur, wenn alle an einem Strang ziehen, kann die Gruppe "überleben".
Fällt auch nur einer aus der Reihe, steuert die gesamte Gruppe dem Abgrund entgegen.
Dementsprechend fallen auch klare Worte: "Wir haben dich lieber tot als
unfähig."
Ein Engramm ist eine große Katastrophe für einen Scientologen. Merkt er, daß sich
eines womöglich im "reaktiven Mind" bildet, ist Schweigen allererste
Scientologen-Pflicht: "So ist gewährleistet, daß erst gar kein gesprochenes Wort im
reaktiven Mind gespeichert wird, das später zu aberriertem Verhalten zwingen würde."
Hat man es geschafft, mit allen Engrammen aufzuräumen, ist man "clear"; es
gibt keinen reaktiven Mind mehr, man ist frei von "Aberrationen". Der Zustand
"clear" ist das erste Ziel für einen "Pre-clear" (pre = vor). Damit
gibt man sich aber noch nicht zufrieden. Es wird weiter gesucht. Wähnt man sich endlich
am Ziel seiner Illusionen, gilt es, sämtliche Engramme des "Thetans" zu finden.
Jetzt geht es erst richtig los. Dieser Thetan "durchwandert" bekanntlich mehrere
Menschenkörper. Es gibt also viel zu tun.
Von nun an erklimmt man einzelne OT-Stufen. OT bedeutet "Operierender
Thetan". Für Scientology ist das ein "Clear, der mit seiner Umgebung so
vertraut gemacht worden ist, daß er den Punkt erreicht hat, völlige Ursache über
Materie, Energie, Raum, Zeit und Denkens zu sein, und der nicht in einem Körper
ist". Damit besitze man allerhand Fähigkeiten:
OTs könnten, spöttelt Die Zeit, "ihren Thetan mal kurz über dem Nordpol
schweben lassen oder auf der Zeitspur die Neandertaler besuchen." Offiziell heißt
das anders:
Die erste Stufe (OT I), eine "kurze und angenehme Stufe", erlebt man mit
"Freude", als "Thetan zu operieren" und sich mit dessen Umgebung
vertraut zu machen. OT II "erweitert das Bewußtsein" rasch und
"hinterläßt das Wesen ursächlicher und fähiger, als es sich jemals vorgestellt
hat". Auf Stufe 3 wird das letzte Geheimnis des Universums gelüftet: "Das Haupt
der Galaktischen Konföderation (76 Planeten größerer, von hier aus sichtbarer Sterne,
gegründet vor 95 Millionen Jahren, eine richtige Weltraum-Oper) litt unter überbevölkerung
(250 Milliarden oder so pro Planet - 178 Milliarden im Durchschnitt) und rettete sich
durch Massen-Implantation. Er veranlaßte, daß die Leute nach Teegeeack (Erde) gebracht
wurden, und er brachte eine Wasserstoff-Bombe in die größten Vulkane (Vorfall II)...
Sein Name war Xenu." Dies stammt aus der Feder des Science-Fiction-Autors Hubbard.
Auf OT IV ("Gewißheit des eigenen Selbst") lernt man sich "als geistiges
Wesen" kennen. "Operierende Thetanen" der 5.Stufe wollen die "Freiheit
von fixierter Introversion im MEST" erreichen. MEST (Matter - Materie, Energy -
Energie, Space - Raum, Time - Zeit) ist ein Hubbard-Kunstwort. Ein OT VI hat die
Fähigkeit, "exterior zu operieren". Die Stufe VII ist gar unbeschreiblich
("jenseits von Worten"). Die 8. Stufe ist derzeit das Höchste der Gefühle,
damit ist man praktisch perfekt.
Die Zahl der OT-Stufen erhöht sich mit der Zeit. Anfangs waren es drei, z.Z. sind es
15, wovon 8 freigegeben sind. Die weiteren 7 können noch nicht erreicht werden. Hubbard
selbst ist der höchste OT und hat "unglaubliche Fähigkeiten".
Man kann sicher sein, daß mit der Zeit noch mehr Stufen eingeführt werden. Innerhalb
der Organisation gilt die Anweisung, daß OTs mit höherer Stufe keine Informationen über
diese Stufe an einen OT weitergeben, der noch nicht so weit ist.
Scientologen führen einen Kampf gegen die "lästigen" Engramme. Wie werden
sie sie los? Die Antwort lautet Auditing. Auditing ist im Grunde nichts anderes als ein
Frage-und-Antwort-Spiel zwischen dem "Pre-clear" bzw. "Pre-OT" und dem
sog. Auditor. Der Auditor fragt, und der zu Auditierende antwortet. Der Zweck besteht -
laut Scientology - darin, "einem Menschen zu einem höheren Bewußtseinsniveau über
sich selbst und über seine Beziehung zu seinen Mitmenschen und zu seiner Umwelt zu
bringen".
Das ist nur die halbe "Wahrheit": In aller erster Linie bringt das Auditing
eine Menge Geld. Für eine Karriere innerhalb Scientology blättert ein OT für Kurse,
Auditing und Bücher mehrere Hunderttausend Mark hin.
Hubbard rechtfertigt die Preise: "Die Preise, die wir verlangen, sind Preise für
unbezahlbare Güter: persönliche Fähigkeit, Gesundheit und Unsterblichkeit. Das
Wohlergehen einer Gruppe. Ein geretteter Planet. Noch vor 21 Jahren hätte man nicht
einmal mit 100 Milliarden Dollar eine einzige Stunde Leben kaufen können. Für ein paar
hundert oder tausend Dollar kann man jetzt ein längeres Leben und persönliche
Unsterblichkeit erwerben... Wieviel ist einem an die Finsternis dieser Erde gefesselten
Wesen die Unsterblichkeit wert? Genau. Sie ist unbezahlbar. Es gibt gar nicht soviel
Geld."
Wohl mit ein Grund, die Preise steigen zu lassen. Ende der 70er Jahre wurden die Preise
für Bücher oder Dienstleistungen monatlich erhöht. Begründung: Mal war es die
Inflationsrate, mal die "gestiegenen Druckkosten".
Die Zahlungen der Opfer an die "Kirche" werden - wohl aus juristischen Gründen
- teilweise als "Spenden" bezeichnet. Von diesen Einnahmen fließt ein Teil an
die "Mutterkirche". Schon nach kurzer Zeit pressen die Scientologen Zehntausende
von Mark aus ihren nichtsahnenden Opfern heraus. Der Gegenwert ist dürftig, nicht mehr
als Schall und Rauch. Überspitzt formuliert: Der Nutzen der teuren Kurse außerhalb der
Sekte ist antiproportional zum Preis.
Was das Opfer nicht weiß: Von jedem Auditing wird, wie Aussteiger berichten, ein
Protokoll verfaßt und sorgfältig abgeheftet (im Sektenjargon "Ethik-Akten"
genannt). Dazu kommt: Durch die "tolle Stimmung", die innerhalb der Gruppe
herrscht, erzählt das Opfer seine Sorgen und Nöten "frei von der Leber weg",
wie es eine Aussteigerin formulierte.
Scientology kann so Informationen - oder soll man Belastungsmaterial sagen - gegen
mögliche Zweifler sammeln. Verläßt jemand die Sekte, werden die Akten möglicherweise
aus dem Schrank geholt. Erpressungsversuche können vorkommen, denn während des Auditings
vertraut das Opfer teilweise Dinge an, die es selbst dem besten Freund nicht erzählen würde.
Um der Gesprächsfreudigkeit der Opfer etwas auf die Sprünge zu helfen (bzw. im
Scientology-Jargon gesprochen: Um besser Engramme aufspüren zu können), zauberte Hubbard
das berühmt-berüchtigte E-Meter hervor. Das E-Meter ist ein technisches Gerät im
50er-Jahre-Design mit Skala, Nadel und zwei Blechdosen. Es hat nach Scientology-Angaben
keine therapeutische Aufgabe, sondern dient nur der "Kontrolle".
"Schwebt" die Nadel, ist alles in Ordnung, schlägt sie aus, "weiß der
Auditor, daß an dem entsprechenden Punkt gearbeitet werden muß".
Mit diesem E-Meter gelingt es den Scientologen, Engramme auf der "Zeitspur"
zu lokalisieren. Üblicherweise hält der "Preclear" die beiden Blechdosen in
der Hand, während der Auditor ihm in die Arme kneift. Die Nadel schlägt aus. Nun soll
sich der "Preclear" an den vorangegangenen Schmerz erinnern. Die Nadel schlägt
wieder aus. "über solche simplen Taschenspielertricks", merkt Norbert Potthoff
an, werde eine "Glaubwürdigkeit erzeugt und weidlich ausgenutzt, um alles, was im
Auditing passiert und als Nadelausschlag registriert wird, als wahr zu akzeptieren."
Tatsächlich aber mißt das E-Meter nicht irgendwelche Gedanken (oder spürt gar
"Engramme" auf), sondern schlicht den Hautwiderstand.
Kommentar der Aktion Bildungsinformation e.V. (ABI) dazu: "Bei dem von den
Scientologen gern demonstrierten in-den-Arm-Zwicken kann der Zeigerausschlag in Verbindung
nach Schmerzen 'Ja' bedeuten. Der Zeigerausschlag kann aber auch dadurch verursacht worden
sein, daß das Kneifen ein Zusammenzucken verursachte, dadurch die Dosen fester gedrückt
wurden. Oder dadurch, daß sich der Delinquent über die Unverschämtheit des Auditors
ärgerte oder über dessen Dummheit. Mit Hilfe des E-Meters können also keine Antworten
auf bestimmte Fragen gefunden werden. Die angeblichen 'Techniken' der Scientologen sind
somit nichts als Schwindel."
Christopher Evans schreibt über das E-Meter: "Schon vor hundert Jahren haben
Psychologen mit derartigen Hautgalvanometern experimentiert. 1950 oder 51 tauchte in
Hubbards Umgebung ein Mann namens Mathison auf und behauptete, ein Gerät erfunden zu
haben, mit dem die 'Masse' eines Gedankens gemessen werden könne. Skeptikern
präsentierte er stolz die US-Patentnummer. Bis ein Scientologe dahinterkam, daß unter
dieser Nummer keineswegs ein Gerät zur Messung von Gedanken registriert war, sondern eine
1860 erfundene Dreschmaschine. Also stand Hubbard nichts mehr im Wege, das altbekannte
Psychogalvanometer neu zu taufen und als seine Erfindung zu präsentieren."
Ein Patent, das Geld bringt. Materialkosten von wenigen hundert Mark steht ein
Verkaufserlös von teilweise bis zu 20 000 Mark gegenüber. Kritiker vergleichen das
E-Meter eher mit einem Lügendetektor. In dem Glauben, das E-Meter könne tatsächlich
eine "Masse der Gedanken" messen, und aus Angst, es könnte ihn überführen,
erzählt das Opfer lieber gleich alle schmerzvollen Erfahrungen. Damit gelangt Scientology
an wichtige Informationen, beispielsweise können Zweifler entlarvt werden. An anderer
Stelle wird noch erklärt, welche Konsequenzen dies innerhalb der Organisation hat.
Das Elektro-Meter wurde von Scientologen zum Kultgegenstand erhoben. Als
wissenschaftliches Instrument wäre es ohnehin nicht durchgekommen: Gutachten ergaben,
daß das Meßergebnis von mehreren Umweltfaktoren abhängt. Außerdem konnte so verhindert
werden, daß Behörden den ertragreichen Gegenstand per Beschluß aus dem Weg gezogen
hätten.
Aus gutem Grund: Ein Gutachten des Psychologischen Instituts der Universität Tübingen
aus dem Jahr 1976 entlarvt das Gerät als Hautwiderstandsmesser, der zudem nicht einmal
den Sicherheitsanforderungen entspricht: "Bei Anwendung des Geräts mit
angeschlossenem Ladekabel kann für den Probanden Lebensgefahr bestehen."
Es gibt noch weitere "Schritte", die ein "guter" Scientologe
unweigerlich gehen muß, will er am Scientology-Ziel ankommen. Offiziell ist dies, ein
"Operierender Thetan" zu sein, Aussteiger definieren es anders:
"Scientology geht es nur um deinen Geist und um dein Geld", sagt das Ehepaar
Young, das vor seinem Austritt Top-Managerposten bei Scientology einnahm, im
Focus-Interview, das wir auszugsweise auf den Seiten 137-140 nachdrucken.
Zu diesen Schritten gehören neben dem Auditing Kurse. Diese Kurse werden von den
Scientologen den Opfern nahegelegt. Vornehm ausgedrückt, denn gezwungen im eigentlichen
Sinne wird niemand, die Angebote wahrzunehmen. Dies geschieht viel subtiler: Es wird
suggeriert, daß man die angeblichen Makel ausmerzen sollte. Das Opfer sieht dies in der
Regel ein und akzeptiert gleichzeitig die Preise. "Das sollte Dir Deine Gesundheit
wert sein." Nach diesem Motto wird verfahren. Die hohen Preise werden innerhalb einer
"Org" (= Organisation, die die Dienstleistungen anbietet) gerne auch damit
gerechtfertigt, daß sie eben ein bißchen knapp bei Kasse sei. Wenn die Kasse etwas
besser stünde, werde man die Preise sicher bald senken.
Eine Rechtfertigung, die auf wackligem Boden steht. Zwar weiß kaum einer genau, wie
hoch die Umsätze der Scientology insgesamt weltweit pro Jahr sind, weil sie ihre Bilanzen
aufgrund ihres Religionsstatus nicht offenbaren muß und alle Nebenorganisationen noch mit
berücksichtigt werden müssen. Sicher ist nur: Die Umsätze sind astronomisch hoch.
Das Kursangebot der Scientology ist vielfältig. Wichtig ist nur, daß Nachfrage
besteht. Es kommt auch vor (siehe Seite 124), daß Kurse in mehrere Teile zerstückelt
werden und einzeln neu verkauft werden. Der gleiche Aufwand bringt somit ein Vielfaches an
Geld. Das Preis-Leistungsverhältnis gerät stark ins Wanken. Die Qualität ist nicht
sonderlich ansprechend. Eine Aussteigerin erzählt: "Immer wenn mein Umsatz nicht
hoch genug war, bekam ich übungen, zum Beispiel 'Geld und seine Dynamiken'. Dabei mußte
ich Geldscheine zerknüllen und hochwerfen, wieder einsammeln, zerknüllen, hochwerfen
usw." Kommentar überflüssig.
Eine "übung" im "Kommunikationskurs" ist die Konfrontation. Sie
ist ein Bestandteil eines gesamten Trainings, in dem die Opfer gedrillt werden. Anfangs
sitzen "Trainer und Student" in einem Abstand von einem Meter bei geschlossenen
Augen stundenlang gegenüber. Bei der nächsten Stufe ("TR 0 Konfrontieren" - TR
= "Trainings-Routine") "sind die Augen geöffnet, und man starrt sich
gegenseitig in die Augen". Konfrontation bedeutet bei Scientology, sich einander
"ins Gesicht oder ins Auge zu sehen; gegenüberstehen oder gegenübersein, ohne zurückzuschrecken
oder auszuweichen". Trainer und Student sollten lediglich "dasitzen und sich
einander anschauen und für einige Stunden lang nichts tun als dazusein und zu
konfrontieren!" Nicht erlaubt: Zappeln, Kichern, Zucken oder jede andere
"störende Bewegung".
Zuerst fühlt sich der "Student" wie gelähmt. Nach mehreren
"Konfrontationen" treten andere Wirkungen ein. Eine Aussteigerin beschreibt sie
so: "Ich fühle mich wieder wie gelähmt. Dann passieren merkwürdige Dinge:
Sämtliche Dimensionen scheinen sich zu verschieben. Mein Kopf wird riesengroß, der
Körper schrumpft in sich zusammen. Dann vergrößern sich meine Hände ins Unendliche.
Mein gesamter Körper zerfließt, findet neu zusammen. Der Raum erdrückt mich,
explodiert, ich schwebe, im freien Flug sehe ich das Zimmer von oben." Weiter (nach
ihrem Motto: "Augen zu und durch!"): "Wieder verzerrt sich alles. Das
dauert und dauert. Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit. Dann passiert es plötzlich: Es
macht klick! Alle Somatiken und Symptome sind verschwunden. Nichts tut mehr weh, alles ist
egal, ich bin selig, fühle mich super und absolut frisch, wie nach 'ner Dusche. Alles ist
egal, Hauptsache, ich bin, bin da. Und ich bin glücklich. Der Zustand ist wunderbar,
unbeschreiblich, wie auf Wolke sieben. Ich lebe! Ich liebe! Ich bin da!"
Es ist nicht verwunderlich, wenn die "Studenten" diesen Zustand möglichst
bald wieder erreichen wollen. Prof. Nedophil, Leiter der Abteilung für forensische
Psychiatrie an der Psychiatrischen Klinik der Universität München, über den
"Reizentzug": "Ich konzentriere mich auf die Augen meines Gegenübers und
blende Außenreize ab, teilweise stundenlang. Dann habe ich zum Beispiel das Gefühl,
Geräusche zu hören, wo keine sind, das Gefühl, daß die Arme sich verändern, der ganze
Körper sich verändert, ja, daß er gar nicht mehr da ist. Wenn Leute labil sind und
vielleicht auch eine Prädisposition haben, psychotisch zu kompensieren, dann bedingt
diese Technik ein extrem hohes Risiko. Bei Menschen nun, die mit keiner erkennbaren
psychischen Labilität oder psychotischer Prädisposition ins Confronting gehen, ereignen
sich zwar die gleichen Phänomene. Wenn solche Personen indes mit dem Confronting
aufhören, verschwinden die Phänomene wieder. In der Regel sind bei gesunden, vorher
untersuchten Menschen die längsten psychotischen Dekompensationen nach sechs Wochen
wieder vorbei."
Mit anderen Worten: Durch diese "übung" wird die "geistige
Leistungsfähigkeit", beispielsweise Kritikfähigkeit, abgebaut. Der
"Student" wird für die Lehren oder Anweisungen zugänglicher und nimmt sie
ungeprüft an. Dieser Effekt tritt auch bei Menschen mit stabilem Weltbild auf, allerdings
dauert er nicht ewig an.
Wer ein guter Scientologe sein will, absolviert neben dem "Training",
"Studium", "Auditing" auch einen "Rundown". Einige
Varianten: "Reinigungs-Rundown", "überlebens-Rundown" und
"Rundown fürs Glücklichsein". Der Reinigungs-Rundown soll gegen
"Krankheiten" wie Homosexualität oder (vermindernd) gegen "atomare
Verstrahlung" wirken.
Haack schreibt: "Der Reinigungs-Rundown beinhaltet gesundheitlich bedenklich lange
Sauna-Sitzungen, das Essen von Vitaminen in erheblichen Portionen sowie Jogging-übungen."
Im übrigen empfinden die Absolventen ähnliche Dinge wie beim "Konfrontieren".
Rundowns seien eine Antwort auf die Wünsche der öffentlichkeit. Natürlich wollte und
will immer noch jeder in Zeiten der atomaren Aufrüstung vor Auswirkungen geschützt sein,
oder daß sein Körper frei von Giften (Drogen) ist.
Es stellt sich die Frage, zu welchem Zweck Vitamine verabreicht werden. Hubbard hat
sogar eine bestimmte "Formel" erforscht. Sie stärken zunächst die
Vertrauensseligkeit bei den ahnungslosen Opfern. Es ist aber anzunehmen, daß damit die
psychotischen Dekompensationen verstärkt werden. Prof. Nedophil meint, daß die
angesprochenen Konfrontationen "in Verbindung mit Verabreichung bestimmter
Vitamin-B-Dosierungen und mit Schlafentzug auch bei gesunden Leuten zu längeren
psychotischen Dekompensationen" führen könnten. Regelmäßiges "Training"
und regelmäßige "Rundowns" mindern also unterm Strich die Kritikfähigkeit des
Opfers.
Ein weiterer wichtiger Grund für Kurse oder Training, außer dem
Geld-"verdienen" (wann ist das für Hubbard kein Grund?), ist das Lehren von
"ethischen" Grundsätzen. Ethik ist bei Scientology alles, was der
"Kirche" hilft. Der Begriff "Ethik" (und dessen
"Redefintion") zeigt, daß Hubbard eine Schwarz-Weiß-Malerei betreibt: Wir, die
Scientologen, sind die Guten, die die Menschheit retten wollen, und die Kritiker sind die
Schlechten, die uns an unserem Vorhaben hindern wollen.
Einen Nicht-Scientologen bezeichnet Hubbard als "Wog" ("gewöhnlicher,
durchschnittlicher, Lieschen-Müller-artiger, seriengefertigter Humanoid"), ein
Kritiker ist für Hubbard ein SP ("Suppressive Person"), eine "unterdrückerische
Person". Die Scientologen jedoch sind für ihn die Elite der Menschheit: "Wir
gehören immerhin den oberen 10 % der oberen 10 % der Intelligenten an... In der ganzen
Weite des Universums gibt es keine andere Hoffnung für die Menschheit als uns."
Wer sich öffentlich gegen Scientology äußert, wird aktiv bekämpft (Kritiker sind für
Hubbard "kriminell" und "geisteskrank"). Diese Bekämpfung und das dafür
nötige Know-How wird dem Scientologen im "Studium" beigebracht. Das
"Studium", das ebenfalls jeder Scientologe absolvieren muß (täglich eine
bestimmte Zeit lang), besteht aus der Verarbeitung der Hubbard-Schriften. Der Scientologe
macht sich hier mit den "Redefinitionen" Hubbards vertraut. Des weiteren wird
ihm die "Ethik" klargemacht. Motto: "Was sich gegen uns stellt, muß
bekämpft werden." Dabei werden auch Gesetzesüberschreitungen legitimiert. Zitat
Hubbard: "Fürchte nie, einen anderen zu verletzen in einer Sache, die gerecht
ist." Zweifellos ist Scientology für ihn eine "gerechte" Sache.
Auch durch das "Studium" der sekteneigenen Schriften wird praktisch die
gesamte Lebensführung übertragen. Das Opfer macht dann auch Dinge, die es vorher nicht
gewagt hätte. Wie zu erfahren ist, wird von den Scientologen außerdem verlangt, daß sie
sog. "Wissensberichte" erstatten. Mit Hilfe dieser Berichte gelangt die
Organisation an wichtige Informationen - auch über SPs.
In den Kursen und auch im Studium werden dann den Scientologen Dinge beigebracht, die
sie bei der Umsetzung der "Ethik" anwenden sollen. Für jede mögliche Situation
erstellt Hubbard einen Plan, nach dem die Scientologen vorzugehen haben.
Erfährt Scientology, daß sich in der Umgebung eines "Preclears" jemand
befindet, der sich nicht für die "Kirche" begeistern läßt, wird der
"Preclear" zum PTS degradiert. PTS bedeutet "mögliche
Schwierigkeitsquelle" ("Potential Trouble Source").
Ein PTS darf nicht auditiert werden - das ist die Höchststrafe innerhalb der
Organisation. Um diesen Makel wieder loszuwerden, stellt man ihn vor zwei Alternativen.
Entweder er schafft es, die "unterdrückerische Person" von Scientology zu überzeugen,
oder er muß sich von ihr trennen. Auf diese Weise sind schon Familien und enge
Freundschaften auseinandergebrochen.
Effekt: In der Umgebung eines "Preclears" sind nur noch Scientologen. Das
verstärkt die Bindung zur Sekte.
Wie die Vorgehensweise eines PTS bei der Durchführung der angeordneten Order zu sein
hat, erfährt er im "Studium". Es gibt regelrechte Musterbriefe, in denen ein
PTS Möglichkeiten findet, wie er beispielsweise seinem Ehepartner am besten beibringt,
daß eine Trennung angebracht sei.
Es ist anzunehmen, daß bei den scientology-üblichen Preisen die Ersparnisse der Opfer
schnell aufgebraucht sind. Für diesen Fall hat Hubbard vorgesorgt. In den Anweisungen,
"HCO-Letters" (HCO = Hubbard Communication Office) genannt, findet der
"Preclear" Tips, wie er schnellstmöglich an Geld kommt. Opfer werden sogar auf
Kurse geschickt, in denen trainiert wird, wie sie sich in solchen Situationen zu verhalten
haben.
Anfangs wird das Opfer angewiesen, sich Geld bei Freunden oder Verwandten zu leihen.
Ist diese Quelle erschöpft, geht man zur Hausbank. Scientology bietet immer eine
Möglichkeit an, wie man an das schnelle Geld für Bücher oder Dienstleistungen kommt. Es
wird angewiesen, das Geld unter einem Vorwand zu leihen.
Sobald die Geldquellen nicht mehr sprießen, offeriert Scientology dem Opfer ein
verlockendes Angebot: Es hat die Möglichkeit, in der "Org" mitzuarbeiten, ein
sog. "Staff Member" zu werden. Es werden ihm zwei Vertragslaufzeiten angeboten:
über zweieinhalb oder fünf Jahre. Der Mitarbeiter erhält für seine Arbeitskraft
hauptsächlich Dienstleistungen von Scientology. Das Gehalt dagegen ist dürftig. Die
Organisation setzt voraus, daß das Opfer seine gesamte Zeit der Sekte zur Verfügung
steht.
Mit der Unterschrift unter den - für Scientologen lediglich mit Symbolcharakter
behafteten - Arbeitsvertrag, von dem der Arbeitnehmer, wie häufig berichtet wird, üblicherweise
keinen Durchschlag erhält, zieht der Scientologe einen Schlußstrich unter sein
bisheriges Leben: Kontakte zur Außenwelt werden abgebrochen und das alte
Arbeitsverhältnis gekündigt (alternativ: Schule, Studium oder Ausbildung wird
abgebrochen). Ob für zweieinhalb oder fünf Jahre unterschrieben wird, ist letztendlich
egal. "Draußen" wartet ein riesiger Berg von Schulden, der schon einen
möglichen Gedanken an einen Ausstieg im Keim ersticken läßt. Außerdem kommt man mit
seinem neuen Job kaum noch zum Nachdenken und wenn, dann denkt man ganz anders und ist so
von der Sache überzeugt, daß man die Gruppe am liebsten nie mehr verlassen würde. Die
Person hat ihren Charakter grundlegend verändert.
Am Rande bemerkt: Absolviert ein Opfer zu diesem Zeitpunkt nochmals den
Persönlichkeitstest, sieht das Ergebnis schon gleich viel besser aus. Man kann sich
denken, warum. Es ist aber noch nicht zufriedenstellend (wer hätte das auch erwartet?),
so daß man weiter Scientology-Dienstleistungen in Anspruch nimmt und eine Menge Geld
bezahlt.
Auf den Mitarbeitern lastet ein hoher Druck. Durch eine hierarchische Gliederung wird
der von der Führung ausgeübte Druck bis an die Basis durchgereicht.
Aussteiger berichten, der hohe Druck habe innerhalb der Organisation Neid, Mißtrauen
und Bespitzelung zur Folge. Scientology weise militärische Strukturen auf (Hubbard, ein
Anhänger der US-Navy, machte nur in seinen von Scientology "zurechtgerückten"
Lebensläufen Karriere in der US-Navy).
Eine ehemalige Mitarbeiterin Hubbards schwört: "Das Wachstum und die Leistungen
von Scientologen werden mit 'Statistiken' gemessen. Die Leistung des einzelnen Mitglieds
in Scientology wird nach einem Punktesystem vermerkt. In einigen Orgs wird sie sogar an
der Kleidung erkennbar gemacht. Wenn ein Scientology-Mitglied sein zugewiesenes Kontingent
nicht erfüllt, dann erwartet den Betreffenden Bestrafung. Der Druck, Geld zu machen und
zusätzliche Mitglieder anzuwerben, ist so riesengroß, daß viele Anwerber und
Registratoren die unglaublichsten Anstrengungen unternehmen, um ihre Kontingente zu
erreichen und ihre 'Statistiken' oben zu halten." Weiter: "Die erste durch
Hubbard... verbreitete Richtlinie, die ständig wiederholt und mit Nachdruck versehen
wird, lautet: 'Macht Geld, mehr Geld und noch einmal Geld'." Haack faßt die
schriftlichen äußerungen und sonstigen Selbstdarstellungen (außer die religiösen
Selbstdarstellungen, die erfolgen, um in den Genuß einiger Privilegien zu kommen) in drei
Hauptpunkten zusammen: "1. Verkauf von Schriften, Kursen und Materialien; 2. Werbung
und Ermunterung zum Kauf von Schriften, Kursen und Materialien; 3. Bekämpfen von Kritik,
die Leute vom Kauf von Schriften, Kursen und Materialien abhalten könnte. Dabei hat der
Verkauf Vorrang, denn er ist es, der die Statistiken am erfolgreichsten steigen
läßt." Bemerkenswert: Nicht die Zahl der Verkäufe bringt eine gute Statistik,
sondern Namen und Adressen.
Punkte gibt es für alles, was "ethisch" ist. Im Sinne der Ethik wird
ebenfalls belohnt: Belästigung von möglichen Kunden durch Anrufe oder Werbesendungen und
Terror bei Leuten, die sich gegen Scientology aussprechen.
Es war zu erfahren, daß die Statistiken jedes Mitarbeiters an einer Tafel in der
"Org" aushängen, so daß jeder die Statistiken des anderen einsehen kann. Nach
dem Bonus-Malus-Prinzip werden die Statistiken bewertet: Fällt ein "Staff
Member" positiv auf, wird er gelobt, stagniert die Statistik oder fällt sie sogar,
wird er bestraft. In diesem Fall werden Mitarbeiter, so eine Aussteigerin, "umgehend
von ihrem Arbeitsplatz entfernt" und hätten laut Richtlinie "Rechenschaft in
der 'Ethik-Abteilung' abzulegen." Der Sektenideologie zufolge verhindert ein solches
Verhalten das überleben der Gruppe.
Es folgt ein Spießrutenlauf, wenn ein Scientologe wieder "ethisch" werden
will. Dann müsse er aufschreiben, "1. was er getan hat, 2. was er dafür an
Wiedergutmachung getan hat, 3. zwei Kolonnen: 'Ich möchte wieder Mitglied der Gruppe
sein, bist Du dafür, ja oder nein?' Er muß also rumgehen jetzt und sich die
Unterschriften der Mitglieder holen. Taucht ein Name bei 'nein' auf, ist das Programm
hinfällig, und er kann etwas Neues anbieten".
Wie hart jemand bestraft wird, hängt sicher von der "Straftat" und von der
Organisation bzw. dem Vorgesetzten ab. Einem Vorgesetzten rät Hubbard: "(a) Setzen
Sie auf Unordnung und falsche Berichte so harte Strafen, daß einem schlecht wird, und
achten Sie darauf, daß sie erhoben werden. (b) Machen Sie die Untergebenen ausfindig und
bestrafen Sie diejenigen, die Befehle nicht ausführen oder nicht dahinter sind, daß
Befehle ausgeführt werden. (c) Entlassen Sie jeden Untergebenen, der sich nicht von
selbst auf seinem Gebiet um gute Arbeit bemüht... Sie sind ein guter Vorgesetzter, wenn
Sie Ihre Arbeit machen und die obengenannten Punkte (a), (b) und (c) beachten.
Andernfalls, Gott sei Ihnen gnädig, werden Ihre Untergebenen Sie durch (a), (b) und (c)
erschießen. Natürlich ist ein guter Kerl auch als Toter noch ein guter Kerl. Dennoch ist
es keine Lösung, einfach ein guter Kerl zu sein, damit die Arbeit funktioniert. Die
Lösung für einen Vorgesetzten liegt allein in (a), (b) und (c)."
Sanktioniert wird bei "fallenden Statistiken", "schlechter PR" oder
Skepsis, Zweifel und Kritik. In solchen Fällen kann der Vorgesetzte auf einen umfassenden
"Ethik-Katalog" zurückgreifen - erarbeitet von Hubbard.
Um zu messen, in welch guter oder schlechter Verfassung der Scientologe sich befindet,
gibt es eine sog. "Ton-Skala". Ziel ist es, möglichst hohe Werte auf dieser
Skala zu erreichen. Befindet man sich in dieser Skala oben, hat man Fähigkeiten, wie sie
nur aus Science-Fiction-Romanen à la Hubbard bekannt sind. Steht man am anderen Ende der
Skala, ist man nicht viel wert und muß schleunigst seinen Zustand verbessern.
Intern stehen Scientologen angesehen da, wenn sie als sog. "Patrons" in
sekteneigenen Publikationen wie "Impact" aufgeführt werden. Bedingung:
Mindestspende in die "Kriegskasse" ("war chest") von mindestens 40 000
Dollar. Bei Spenden von über 200.000 Dollar wird dem edlen Spender eine besondere Ehre
zuteil - sein Name wird fettgedruckt. Mit Mitteln aus der prall gefüllten
"Kriegskasse" wird der Kampf gegen Kritiker finanziert.
Um gegen diese vorzugehen oder - in der Scientology-Sprache - um die Ethik einzuhalten,
wurde eine dafür zuständige Unterabteilung eingerichtet: Office for Special Affairs, die
Nachfolgeorganisation des Guardian Office. Das OSA (mit Sitz: Los Angeles, zuständig für
Europa/Afrika: Kopenhagen; in Deutschland heißt die Einheit DSA - Departement für
spezielle Angelegenheiten) ist eine Art Geheimdienst, der sich um die
"unethischen" Angelegenheiten in der öffentlichkeit "kümmert".
Für das OSA werden Scientologen speziell ausgebildet. Sie sind dann damit
beschäftigt, Kritiker mundtot zu machen. Für den von Hubbard legitimierten Psychoterror
gibt es klare Anweisungen.
Eine relativ harmlose Kampagne wird per Telefon betrieben: Scientologen rufen bei
Personen aus dem nächsten Umfeld des Kritikers an: Arbeitskollegen, Arbeitgeber,
Freunden, Verwandten. Man gibt ihnen vor, man sei von einer Behörde und recherchiere in
einem Fall, in dem der Kritiker verwickelt sei. Man bittet um Informationen und erzählt,
man habe schon "erstaunliche Tatsachen" beisammen. Mit dieser Masche erreicht
Scientology zweierlei: Man schwärzt den Kritiker an, verabreicht ihm ein schlechtes Image
und erhält eventuell noch Informationen, die man gut "gebrauchen" kann.
Um Kritikern zu schaden, schreckt man auch nicht davor zurück, in der öffentlichkeit
Lügen über sie zu verbreiten oder sie mit einem Prozeß zu überziehen. Obwohl die
"Kirche" die wenigsten dieser Prozesse gewinnt, stellt sie sich im nachhinein
gerne als Sieger dar. Prozesse führe man ohnehin, so Hubbard, "mehr, um zu zermürben
und abzuschrecken, als um recht zu bekommen." An anderer Stelle bestätigt er seine
Auffassung: "Der Zweck eines Rechtsstreits... besteht darin, zu belästigen und
entmutigen und nicht darin zu gewinnen."
Schon früh erklärte Hubbard eine Person, "die in den Ethik-Zustand des Feindes
zurückgestuft wurde" für vogelfrei: "Man darf ihr Eigentum abnehmen, sie in
jeder Weise verletzen, ohne daß man von einem Scientologen bestraft wird. MAN DARF IHR
STREICHE SPIELEN, SIE VERKLAGEN, SIE BELüGEN ODER VERNICHTEN." In den Sechzigern
wurde das sog. "Fair Game" offiziell eingestellt. Begründung: "Es bewirkt
schlechte Public-Relations."
Statt dessen soll "schwarze Propaganda" dafür sorgen, daß Aussteiger
("Es ist ein Schwerverbrechen, Scientology öffentlich zu verlassen") und
Kritiker ("Sie können fast immer davon ausgehen, daß der Unterdrücker ein
chronischer Gesetzesverbrecher ist") öffentlich in ein schlechtes Licht gerückt
werden: "Der komplizierteste Gebrauch von PR ist ihr versteckter Gebrauch, um den Ruf
von Personen und Gruppen zu vernichten." So funktioniert die "schwarze
Propaganda": "Eine verborgene Quelle läßt Lügen und herabsetzende Daten in
die öffentlichkeit einfließen." - "Das Verfahren zielt darauf ab",
erklärt Hubbard, "den Ruf so zu schaden, daß der betreffenden Person, Firma oder
Nation alle Rechte, gleich welcher Art, durch 'allgemeine Zustimmung' abgesprochen werden.
Es ist dann möglich, die Person, Firma oder Nation durch einen kleineren Angriff zu
vernichten, falls dies die schwarze Propaganda nicht bereits selbst erledigt hat."
Hubbard wird konkret: "Findet oder erfindet so viel Belastungsmaterial, daß sie um
Frieden bitten müssen. Organisiert Kampagnen, die den Ruf des Betreffenden so nachhaltig
ruinieren, daß er geächtet wird. Erhebt bei jeder Gelegenheit Verleumdungsklagen, um die
Presse davon abzuschrecken, über die Scientology-Kirche zu schreiben."
Dabei sind sich Scientologen auch für Drecksarbeit nicht zu schade. Laut Direktive
soll der Mitarbeiter oder ein "wie ein Penner gekleideter" Gesandter selbst in Mülltonnen
verdächtiger Personen nach interessanten Papieren suchen.
Hubbards beliebtestes Angriffsziel: "Der Punkt an dem sie (Kritiker, d. Red.)
verletzlich sind - und eigentlich nur dort - ist der Verlust ihres Arbeitsplatzes oder
ihrer Stellung."
Bei jeder Aktion sind Scientologen darauf bedacht, daß die Attacke nicht auf sie zurückzuführen
ist. Der Gründer höchstpersönlich gab Tips, wie sie das am besten machen sollten:
"...Und schließlich das Wichtigste, nämlich daß unsere Namen nicht ins Blickfeld
der öffentlichkeit geraten. Üben Sie immer Macht auf denjenigen aus, dessen Macht Sie
untergruben. Dies kann mehr Geld für die Macht sein oder eine größere Erleichterung,
eine lautstarke Verteidigung der Macht gegenüber einem Kritiker oder sogar dumpfe
Schläge im dunkeln für einen Ihrer Feinde oder die Verwandlung des gesamten feindlichen
Lagers in ein großartiges Flammenmeer - als Geburtstagsüberraschung."
Wer als Kritiker dennoch nicht locker läßt, soll mit höchst
unreligiöse Methoden zum Schweigen gebracht werden: "Versucht immer, ausreichend
Drohungen gegen sie zu finden oder zu konstruieren, um sie zu veranlassen, Frieden zu
geben." Hubbard läßt keine Gelegenheit aus, um deutlich zu machen, worauf es ihm
ankommt: "Es ist meine gezielte Absicht, daß bei der Anwendung von professionellen
PR-Taktiken jeglicher Widerstand nicht nur gebrochen, sondern für alle Zeiten beseitigt
wird." Was allerdings das öffentliche Bild von Scientology angeht, gibt Hubbard die
pauschale Anweisung, "jedes aufgetauchte Gerücht" abzustreiten.
Die Innenbehörde in Hamburg zählt einige der nachweislich benutzten Methoden der
"Kirche" zur Bekämpfung von Kritikern auf: "Ehrenrührige Artikel in der
Scientology-Presse; Leserbriefe in Zeitungen; sogenannte Informationsbriefe an Personen
des öffentlichen Lebens; Sammlung von Informationen über Kritiker; offene
Materialsammlung (Archive usw.); verdeckte Materialsammlung (Beschattung, Anrufe bei
Bekannten und Verwandten des Kritikers usw.); Verschicken von Briefen mit falschen
Anschuldigungen an den Arbeitgeber des Kritikers; Telefonkampagnen gegen Kritiker;
Bespitzelung durch Privatdetektive; Einschleusung von Scientologen in
Kritikerorganisationen oder deren Veranstaltungen; überziehen von Kritikern mit
Strafanzeigen und Zivilklagen; Verleumdung, üble Nachrede und Falschaussagen."
Die wichtigste "Org" ist die sog. "Sea Org". Sie ist die
internationale Scientology-Zentrale. Vorübergehend hatte Hubbard sie aufs Meer verlagert,
woher auch der Name kommt. Heute ist die "Sea Org" (auch "Flag"
genannt) an Land, in Clearwater/Florida. Dort und in Saint Hill (Großbritannien) und
Kopenhagen (Dänemark) werden die höheren OTs ausgebildet. Die höchsten Stufen kann man
allerdings nur auf einem Schiff erreichen.
Der Druck in der Zentrale ist enorm, die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Zwar ist sie
luxuriös ausgestattet. Aber wo am einen Ende (der Schokoladenseite) zuviel ist, fehlt es
am anderen. Melanie (Name von der Redaktion geändert), eine ehemalige Scientologin,
blickt zurück (eidesstattliche Aussage): "Die Unterkünfte waren verwahrlost. Die
Glasscherben von zerbrochenen Scheiben waren über den Boden zerstreut. Unter Spannung
stehende elektrische Leitungen waren an Stellen freigelegt, an denen kleine Kinder
spielten. Wir erhielten wenig Nahrung. Bei mehreren Gelegenheiten wurde den Kindern
verdorbene Milch mit Maden darin gegeben. Bevor man die Milch verteilte, wurden die Maden
mit der Hand herausgeholt... Den Kindern war es nicht erlaubt, bei ihren Eltern zu leben.
Scientology gestattete alle vierzehn Tage einen Besuch, für nur 45 Minuten während der
Essenszeit." Wer gegen Richtlinien verstößt, werde möglicherweise in die
Rehabilitation Projekt Force (RPF), das sekteneigene "Straflager", gesteckt.
Dort müßten die "Häftlinge" 18 Stunden pro Tag, sieben Tage in der Woche hart
arbeiten. Zu essen gebe es "Reis und Bohnen", zu trinken Wasser. Melanie:
"Während dieser Zeit sah ich mit eigenen Augen, wie jemand mit Ketten mehrere Wochen
lang an Leitungsrohre im Heizraum des Gebäudes Fort Harrison gefesselt war."
Mitarbeiter der Sea Org haben einen Vertrag über "Milliarden Jahre" und
unterwerfen sich einem strengen Ehrenkodex.
Darüberhinaus habe Hubbard strenge Vorschriften gemacht. Sophie (Name von der
Redaktion geändert) faßt sie aus eigener Erfahrung in einer eidesstattlichen Erklärung
zusammen:
"1. Gehen verboten. Man mußte die ganze Zeit rennen.
2. Außerhalb der RPF war es uns nicht erlaubt, mit jemanden zu sprechen.
3. Es war uns nicht erlaubt, eine schriftliche oder anderweitige Mitteilung an irgend
jemand außerhalb der RPF zu machen, außer es lag eine Notsituation vor...
4. Es war uns nicht erlaubt, alleine irgendwo hinzugehen, außer wenn die entsprechende
Erlaubnis gegeben wurde. Selbst wenn man zur Toilette ging, mußte jemand
mitgehen..."
Außerdem wurden ganz alltägliche Dinge geregelt: Sophie mußte ihre Vorgesetzten mit
"Sir" anreden und dunkelblaue Kleidung tragen. Der Kontakt nach außen wurde
streng überwacht: "Sämtliche Briefe, die wir schrieben, mußten in einen
frankierten unverschlossenen Umschlag gesteckt werden, der dann im RPF-Raum in einen
Kasten eingeworfen wurde. Die gesamte ausgehende Post wurde dann von einem 'RPF-MAA'
gelesen."
Wer sich nicht an diese "Regeln" hält, wird bestraft. Sophie: "Es
handelt sich dabei um Strafen, die man erhält für alles, was man falsch macht... Die
Strafen bestehen darin, daß soundsoviele Runden gedreht werden müssen, oder
soundsovielmal hinsetzen, aufstehen. Das Rundendrehen besteht aus dem Hinauf- und
Hinunterrennen auf der Parkhausauffahrt."
Dazu kam die Willkür des Sektenoberhaupts. Sophie: "Ich stellte fest, daß LRH
sehr launisch war und im höchsten Maße reizbar und explosiv. Er pflegte, jeden anzubrüllen
wegen etwas, das ihm nicht paßte, und zur Hälfte der Zeit schien er über dies oder
jenes verärgert zu sein. Er war Fanatiker hinsichtlich Staub und Wäsche... Er war auch
ein Sauberkeitsfanatiker. Selbst nachdem in seinem Büro gerade von der Decke bis zum
Fußboden gewischt worden war, pflegte er hereinzukommen und wegen des Staubs zu schreien,
und 'ihr versucht alle miteinander, mich umzubringen'!"
Ehemalige Mitarbeiter berichten, Hubbard sei sehr geldgierig gewesen. Regelmäßig
wurden ihm die Umsätze aller "Orgs" aus der ganzen Welt zugespielt. Entsprachen
sie nicht seinen Vorstellungen, änderte sich entsprechend seine Laune. Die Anweisung, die
Umsätze schleunigst zu steigern, wurde schnell verbreitet und an die Basis durchgereicht.
Gelegentlich erläuterte "unserer Ron" auch einmal den "kaltblütigen
Tatsachenbericht über deine letzten 60 Trillionen Jahre": "Vor 35 Billionen
Jahre löste ein böser Fürst namens Xenn das Problem der überbevölkerung auf einem
anderen Planeten, indem er zwei Billionen Thetanen zur Erde brachte, die zu jener Zeit als
Teegeack bekannt war - er stopfte sie in Wasserstoffbomben, die er in einem Vulkankrater
explodieren ließ - durch die Explosion wurden die Thetanen, an elektrische Kabel
angeschlossen, bis hoch in den Himmel geschleudert, dann wurde ihnen die gesamte R6 Bank
eingeprägt, sie wurden in ein Flugzeug geladen und wieder auf die Erde geworden -
schreckliches Urteil ereilte jeden, der diesen Komplott aufzudecken versuchte, bis uns die
Aufklärung gelang - Ron wäre fast elend zugrunde gegangen; doch irgendwie überlebte er,
allerdings völlig zerschlagen - Xenn wurde für sein Verbrechen bestraft, indem er in
eine elektrisch geladene Kiste eingesperrt wurde, die in einem Berg im Westen des
nordamerikanischen Kontinentes versteckt worden ist, dort befindet er sich noch
heute..."
Seriösen Wissenschaftlern zufolge liegt der Urknall - und damit den Anfang des
Universums - 13-17 Milliarden Jahre zurück. Dies scheint Hubbard nicht weiter zu kümmern.
Am 11.5.1963 ließ Hubbard verkünden, er habe "am 9.Mai 1963 abends um zehn Uhr
und eine halbe Minute für 43 891 832 611 177 Jahre, 344 Tage, zehn Stunden, 20 Minuten
und 40 Sekunden den Himmel besucht". Nochmals sei betont: Hubbard war
Science-Fiction-Autor.
Eine Welt ohne "Geisteskrankheit und Kriminalität" wird von Scientology
propagiert. Es läßt sich darüber streiten, ob der oberste Scientologe überhaupt, L.
Ron Hubbard, diese Ziele bei sich selbst durch das Wundermittel "Auditing"
erreicht hat. Seine "Beratungen", wie etwa Eheberatung, scheinen nicht immer
gefruchtet zu haben: Seine zweite Ehefrau ließ sich jedenfalls von ihm scheiden. Begründung:
Hubbard sei "hoffnungslos geisteskrank".
Diesen Eindruck hat nicht nur sie.
© 1996 by Gerhard Wahle