Thema: Aufklärung - Aktuelle
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Tod einer Scientologin
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Lisa McPherson |
Am 5. Dezember 1995 fuhr beim New Port Richey Hospital im Norden von Clearwater,
Florida, ein Wagen der "Church of Scientology" vor. Der Fahrer erklärte dem
Notfallarzt, er hätte eine schwerkranke Frau im Fahrzeug. Im Wagen befand sich aber
tatsächlich nur noch eine Leiche in einem entsetzlichen Zustand: Die Frau war abgemagert
und ausgetrocknet, ihr Körper war mit blauen Flecken, Insektenstichen und Schürfwunden
übersät. Die ärzte konnten nur noch den Tod von LisaMcPherson feststellen, die von
ihrem 18. Lebensjahr bis zu ihrem Tod im Alter von 36 Jahren Scientologin gewesen war.
Zweieinhalb Wochen zuvor, am 18. November 1995, war McPherson in einen kleineren
Autounfall verwickelt gewesen. Lisa war nicht verletzt worden, stieg aber völlig vewirrt
aus dem Fahrzeug und riß sich die Kleider vom Leibe. Sie wurde daraufhin in ein
Krankenhaus gebracht, von wo aus sie zur Untersuchung in eine psychiatrische Klinik velegt
werden sollte.
Dazu kam es jedoch nicht mehr: Zwei Scientologen statteten dem Krankenhaus einen Besuch
ab, erklärten, daß Lisa (in Einklang mit den "Lehren" von Scientology, nach
denen ein scientologisches Geistwesen - ein "Thetan" - nicht anfällig für
psychologische Störungen zu sein hat) mit der Psychiatrie nichts zu tun haben wolle, und
nahmen ihre Kollegin mit, um ihr zu "Ruhe und Entspannung" zu verhelfen.
Der Totenschein nennt als Todesursache ein Blutgerinnsel, das durch Bettruhe und
schweren Wasserverlust hervorgerufen worden war. Scientology drängte die Mutter der
Verstorbenen, die Leiche so schnell wie möglich einäschern zu lassen.
Es ist nicht bekannt, was in der Zeit zwischen dem 18. November und dem 5. Dezember mit
McPherson geschah. Es sind aber einige Fakten bekannt, die berechtigten Grund zu der
Annahme geben, Scientology sei am Tod von Lisa McPherson - milde ausgedrückt - nicht
unschuldig:
- Die Scientologen waren mit Lisa 40 km weit zum Richey Hospital gefahren. Auf dieser
Strecke befanden sich wenigstens 4 andere Krankenhäuser.
- Am Richey Hospital arbeitet ein Scientologe als Arzt. Dieser Scientologe hatte der Sekte
geraten, McPherson in sein Krankenhaus zu überführen.
- McPherson hatte nach ihrem Unfall in einem Haus gewohnt, das Scientology gehört.
- Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergab einen katastrophalen Fall von Wasserverlust.
Lisa McPherson habe für mindestens 5 bis 10 Tage kein Wasser bekommen.
- Die Scientologen, welche McPherson ins Krankenhaus brachten, sind nach Bekanntwerden des
Falles aus Amerika ausgereist und in einem Fall noch immer unauffindbar. Dies ist umso
erstaunlicher, als daß bekannt ist, daß die Sekte ihren Mitgliedern normalerweise keinen
Urlaub gestattet.
Viele dieser Tatsachen deuten darauf hin, daß McPherson nach ihrer Abreise aus dem
Krankenhaus einem sogenannten "Introspection Rundown" ausgesetzt wurde - eine
von Sektengründer und Autor mittelklassiger Science-Fiction-Stories L. Ron Hubbard eigens
entwickelte "Therapie", welche bei jenen Mitgliedern angewandt wird, die einen
sogenannten 'psychotic break' erlitten haben. Die Behandlung beinhaltet die Isolation der
Betroffenen, wenn nötig auch gegen ihren Willen.
Es ist nichts neues, daß Scientology-"Behandlungsmethoden" zutiefst fragwürdig
und gesundheitsschädlich sind. In einem "Purification Rundown" beispielsweise,
sollen Scientology-Mitglieder gegen Krankheiten wie radioaktive Verstrahlung, Drogensucht
und Homosexualität (!!!!) immun gemacht werden, indem sie stundenlang in einer Sauna
zubringen und dabei einer gefährlichen überdosierung aller möglichen Vitamine
ausgesetzt werden, was beispielsweise schwere Leberschäden (Niacin-überdosierung)
verursachen kann.
Scientology-Anwalt Elliot Abelson bestreitet, daß Lisa McPherson ein
"Introspection Rundown" angewandt wurde. Für ihn ist der Tod der Scientologin
das Ergebnis eines "Selbstzerstörungs-Modus", in welchen sie unter der Obhut
von Scientology eingetreten war. McPherson habe daraufhin 17 Tage in einem "sehr
schönen Hotelzimmer" ohne Fernsehen, aber mit Zimmerservice und der Möglichkeit,
frei ein- und auszugehen, verbracht.
Ob nun eine Scientology-"Therapie" auf McPherson angewandt wurde, oder nicht:
Fest steht, daß Lisa McPherson in den Tagen vor ihrem Tod nicht von kompetentem,
medizinischen Personal betreut wurde, sondern von unausgebildeten Angehörigen einer
weltweit umstrittenen Psychosekte mit noch umstritteneren Behandlungsmethoden. Es mag
Scientology gelingen, die öffentlichkeit im Unklaren über ihre Ziele und die zahlreichen
tragischen Schicksale ihrer Opfer zu lassen, doch im Fall von Lisa McPherson wird ihr dies
vielleicht nicht mehr möglich sein: Die öffentlichkeit ist hellhörig geworden, und die
Familie von McPherson sucht Antworten auf die Frage, wie es zu Lisas schrecklichem Ende
kommen konnte.
Stephan Kleinert
In diesem Artikel verwendetes und weiterführendes Material: Die "Lisa McPherson
Memorial Page" von Jeff Jacobsen, "Tagesanzeiger" vom 27.02.1997, St. Petersburg Times