Gespräche in der Newsgroup

Eine Bemerkung, die von jemandem gemacht wurde, der nicht viel im Forum schrieb. Für mich sind diese Diskussionen sehr wichtig und ich fühlte mich aufgefordert, meine Meinung zu schreiben.

Markus schrieb:

Diese Diskussionen führen im Grunde doch zu gar nichts Respekt und Toleranz

Darauf mußte ich einfach antworten. Eine Liste von Dingen, die mir passiert waren. Oder die ich mit mir machen ließ. Den Schaden bemerkte ich ja erst, als es viel zu spät war. Ich schrieb:

Wenn ich 8 Jahre Meines Lebens wegschmeiße,

seelisch vergewaltigt,
ruiniert,
gedemütigt,
abgewertet,
genötigt,
bedrängt,
belogen,
betrogen und
an den Rand des
Selbstmordes gebracht werde,
dann HABE ich einen Grund zu diskutieren!

Bei allem Respekt,bist Du Scientologe oder was?

Joa, jemand der des öfteren in der Newsgroup schrieb fühlte sich angesprochen. Daraufhin entwickelte sich das folgende Gespräch:

Joa:

Wieso sagst du, du hast du deine Jahre weggeschmissen?

Charlie:

Die Zeit, die ich bei Scientology war, war eh für die Katz......
.......dann bin ich weggelaufen. Weg, auch von Freunden und Bekannten die ich noch hatte. Sozial ist bei mir nicht viel mehr gelaufen. Das war meine Lösung. Und indem ich mich von allem abschottete, schaffte ich es, ein paar ziemlich einsame Jahre zu haben. Darunter hat natürlich auch meine Musik gelitten. (Weniger die technische Seite, ich meine Connections, Liveerfahrung, das Zusammenkommen mit Gleichgesinnten, Kollegen,Freunde....)

Joa:

:(

Charlie:

Tagelanges vorsichhinbrüten, Angst, einen Scientologen zu treffen, den Menschen in die Augen zu schauen, das Gefühl ein Verräter an sich selber und der Menschheit zu sein, ein Nichts zu sein. Angst, Scientologen könnten mit ihren Fähigkeiten meinen Körper übernehmen, meine Gedanken lesen, kontrollieren oder einfach meinen Körper platzen lassen!? Ich lebte jahrelang in einer scientologischen Gedankenwelt, maß und wertete nach diesen Maßstäben, sah meine ewige Zukunft versaut, alles futsch..............

Und jeden Tag dieses verdammte WARUM, immer und immer wieder.
WAS habe ich getan, das mir dies geschieht?
WAS habe ich in vergangenen Leben getan?
WARUM?
WIESO?
WER war ich?
Das ist wahrlich Gift für die Psyche, mit so was kann man sich seine eigene Hölle schaffen. Die ganze Arbeit, da raus zu kommen, (und ich bin noch nicht fertig damit) hätte ich mir sparen können.

Joa:

Letztenendes gibt es kein wirkliches Ziel. Jedesmal, wenn du ein vermeintliches Ziel erreicht hast, stellst du doch immer wieder fest, das du eigentlich im Leeren stehst. Es sind die Wege, die du beschreitest, die dein Leben ausmachen. Nicht deine Ziele. "Ich mache eine Reise und ich beschreite Wege. Und ich beschreite diese Wege und gehe meiner Wege auf meine Ziele, wohl wissend, daß sie nur zu anderen Wegen führen. Uns so gehe ich und gehe und staune atemlos" (sinngemäß, Don Juan, aus "Eine andere Wirklichkeit")

Charlie:

Da kann ich mit Dir nicht übereinstimmen. Ich bin schon Stolz auf Stücke die ich schrieb, auf Fähigkeiten, die ich übte usw. Ich hatte nicht das Gefühl im Leeren zu stehen, wenn ich was erreichte. Na, und so unsicher bin ich meiner Ziele auch nicht, daß ich sie aus den Augen verlieren würde. Ich tendiere eher dazu, Wege die nicht zu meinen Zielen führen, zu ignorieren.

Joa:

Da kannst du auch mit Fug und Recht drauf stolz sein. Ich meinte mit Leere auch nur, daß danach immer noch etwas anderes kommt. Daß das Leben weiter geht. Wenn du ein Ziel erreicht hast, steht auch schon das nächste wieder an. Deshalb sind Wege für mich halt wichtiger als Ziele. Natürlich brauchst du ein Ziel, ansonsten hast du keinen Weg. Mann, bin ich heute wieder philosophisch ;)

Charlie:

Ts, Ts, ;-) (grinsendes Kopfschütteln)

übrigens, diese Ziele hatte ich schon, bevor ich mit Scientology zu tun hatte. Ich hatte am Anfang sogar das Gefühl, Scientology könne mir beim Erreichen dieser Ziele behilflich sein. Der Registrar hat dies auch schnell erkannt und nicht selten damit argumentiert, daß ich mit Scientology meine Ziele besser erreichen könne. Der ganze Streß ist nicht auf dem Weg zu meinen eigentlichen Zielen. Es waren eigentlich unnötige Umwege, die ich da zu bewältigen hatte und habe.

Sie sind interessant, die Wege, das stimmt. Doch der Grund wieso ich mich auf den Weg mache ist, daß ich dann ein oder mehrere Ziele erreichen kann. Und das hänge ich an eine Wand und erzähle meinen Enkeln davon.

Joa:

Das Schlimme an der westlichen Gesellschaft ist, ist das sie uns zu Warum-Menschen erzieht. Immer Muß ein Grund vorhanden sein. Immer ist die Ratio im Vordergrund. Beste Voraussetzungen für Schuldgefühle.

Charlie:

Ich bin jedoch in dieser Gesellschaft aufgewachsen und empfinde dies als normal.

Joa:

Ich nicht. Es gibt auch noch andere Dinge, die ein Mensch tun kann: Sehen (nicht schauen), träumen, fühlen, verstehen...

Ich empfinde dieses übergewicht auf dem Verstand als erdrückend.

Charlie:

Ich bin in dieser Kultur aufgewachsen und kann sie nicht abstreifen.

Joa;

Kannst du sie nicht abstreifen oder willst du sie nicht abstreifen? Du kannst dir sehr wohl deine Privatkultur aufbauen, und die Teile der Kultur hier, die dir nicht gefallen, abstreifen. Wenn auch nicht alles, was du möchtest...

Charlie:

Unter Kultur verstehe ich so was wie Anstandsregeln, ethische Verhaltensweisen, Traditionen, Sitten etc. Die interpretiere ich auf meine subjektive Art, ganz klar.

Joa:

Es gibt noch andere Dinge auf dieser Welt, die ein Mensch tun kann. Verstehen ist nur eines davon. Wenn du dir deine Seele als einen Brunnen vorstellst, dann sind Schuldgefühle wie verschlossene Holzkisten, die in den tiefen Schlund des Brunnens geschmissen werden. Aber irgendwann verfault das Holz und der üble Inhalt fängt an, DEIN GRUNDWASSER zu verseuchen. Laß auf keinen Fall zu, daß so etwas in deinen Brunnen fällt. Wieso meinst du, daß du dir die Arbeit hättest sparen können?

Charlie:

Irgendwie gefällt mir dieses Sinnbild mit dem Brunnen nicht so. Ich bin eigentlich sehr rational und, man staune, stolz darauf meine Emotionen einigermaßen unter Kontrolle zu haben. Das hat mir in schweren Zeiten sehr geholfen. Ich habe ein Gefühl für richtig und falsch und es gibt Situationen, wo ich gar keine Zeit habe mir zu überlegen ob ich nun von einer Handlung Schuldgefühle bekomme oder nicht.

Joa:

Ist ja auch o.k. Man soll sich nicht von Emotionen dominieren lassen. Aber warum soll ich mich dann andererseits von meinem Verstand dominieren lassen?

Charlie:

Darum geht's ja, wenn der Verstand wieder mal dominiert, rattert die ganze Geschichte los und wenn ich Pech habe verschafft mir das die tollsten Trips.

Joa:

Musikalisch umsetzen. Als Roman verfassen. Kennst du Phantasy-Rollenspiele? Wenn ja, warum nicht einen entsprechenden Charakter spielen?

Charlie:

Das, was Du da sagst ist natürlich einfacher gesagt als getan. Du mußt Dir das etwa so vorstellen:

Wenn ich nun einer Person begegne, sei es ein neuer Schüler, dann fängt diese Kontrollmaschine schon an zu rattern. Automatisch registriert sie die Emotion des Betreffenden und teilt sie nach der scientologischen Ton-Skala (Gefühls-Emotionen Skala) ein. Wertung folgt. Dann hört sie auf die Worte, die eventuell Hinweise auf Probleme, Geschehnisse oder sonstiges im Leben des Anderen, geben können. Auch dort wird nach scientologischer Manier alles analysiert, eingeteilt. Diese Scieno-Maschine bewertet Menschen. Sie sagt wer Gut und wer schlecht ist, was getan werden muß. (inkl. Verbindung abbrechen). Rechnet scientologische Ethikzustände aus, richtet und verurteilt nach scientologischen Massstäben. Wert und Unwert einer Person. Ohne Gefühle wie Liebe, Verständnis (nicht Verstehen, Verständnis ok?), Fürsorge, Sein gewähren lassen, Mitgefühl.......

Werte die für mich wichtig sind. Etwas tun, ohne es Verstehen zu müssen. Nun rattert sie also los, die Kontrolle und ich kämpfe sie nieder.

Doch, zu früh gefreut, da sitzt noch ein anderes Teufelchen, welches sagt, daß meine eigenen Handlungen ja auch einteilbar sind. Vielleicht habe ich in der Vergangenheit ja was getan, das ich jetzt so reagiere?

Vielleicht hatte ich früher (In einem vergangenem Leben) auch einmal eine solche Kontrollmaschine und mußte sie bekämpfen, habe aber vielleicht verloren, und deshalb bekämpfe ich sie heute noch. Dies ist ein Bestandteil der Scientology Technik. Es funktioniert ähnlich wie beim Karma, eine schlechte Tat gibt schlechtes Karma, also geht's mir dann irgendwann mal Schlecht. Damit ist Cholera sowie aber auch die kleinste Unzufriedenheit gemeint. Scientology ist da sehr gründlich. Wenn's mir dann mal Schlecht geht, ist das natürlich die Folge von etwas früherem. Man beginnt sich dann zu fragen was es wohl war, denn nach Scieno-Gesetz soll sich das in Nichts auflösen, wenn man es sich betrachtet, wie es war.

Knallifalli fängt die Suche an und erzeugt die tollsten Geschehnisse. Wenn Du da mal 'n Zeitchen drin bist, passiert das automatisch. Ein ewiges hin und her. Du siehst das ist ein ziemlich komplexes Spielchen, welches da abgeht, am Anfang läßt sich kaum mit so etwas umgehen. Genau dieses verschiedenartige Ineinanderfunktionieren von scientologischer Technik und eigener Phantasie, machen es so schwer, das richtige zu finden, den eigenen Weg. Da die Scientology nahezu alle Lebensbereiche abdeckt, ist auch für die Maschine genug Futter da.

Ich hoffe Du kannst mir folgen.

Joa:

Hast du in diesen Jahren keine ERFAHRUNG gesammelt?

Charlie:

Das habe ich. Durch meine Flucht habe ich Länder bereist, die mich wohl kaum interessiert hätten. (Oder doch?) Ich hatte genügend Zeit, mir zu überlegen, ob ich trotz allem ein guter Mensch sein wollte. Ich hab viel gelesen und gelernt, mir mein eigenes Weltbild geschaffen. Doch ich denke, das hätte ich auch anders und vor allem billiger haben können.

Joa:

Das hättest du (sehr wahrscheinlich sogar). Aber diese Reisen, das kontaktieren anderer Kulturen, das Lesen, das hat dir Erfahrungen gebracht, die deiner Seele gutgetan haben. (Obwohl ich mit meiner Frage eigentlich die Jahre bei Scientology meinte, aber sei's drum). Und hast du nicht die Länder bereist, die Menschen angesprochen, die Bücher gelesen, zu denen DU DICH ENTSCHIEDEN HAST? Hier hat sich doch dein freier Wille gezeigt. Du hast dich dafür entschieden, Bücher zu lesen, die DIR gefallen. Du hast dich dafür entschieden, Sachen zu lernen, von denen DU meintest, daß sie dir helfen, ein besserer Mensch zu werden. Sei dir dieser Tatsache bewußt. Und hast du dadurch nicht genau die Erfahrungen gemacht, die deinem Kern, deiner Frage nach deinem 'guten Menschsein' einen Weg gewiesen haben?

Charlie:

Trotz meiner vermeintlichen Freiheit habe ich keine Bücher gelesen, von denen ICH dachte sie seien nicht Scientology-Konform. Als Scientologe verbietet man sich das selber. Genauso wenig wie ein Scientologe ein Buch über Psychologie lesen würde weil man damit übereinstimmt, daß Psychiater und Psychologen schlecht sind. Die ganze Zeit nach dem ich von Scientology wegging, habe ich gedacht und gehandelt als Scientologe, das heißt, ich habe mich noch immer an scientologische Richtlinien gehalten, lange nachdem ich zum SP erklärt wurde. Mein erstes scienokritische Buch war ein Schock und eine Erleichterung zugleich. Erst dann merkte ich das auch anderen die Ungereimtheiten im Scientologysystem aufgefallen waren und ich konnte dazu stehen. Es hat einiges an überwindung gekostet, so ein Buch in die Hand zu nehmen. Wahrscheinlich war ich all die Zeit ein besserer Scientologe, als damals als ich noch dabei war. :-)

Das ist ja der Irrsinn daran. Wenn man keine Hilfe von Außen erhält, hält man an diesem verrückten Weltbild fest. Ich klassifizierte Menschen nach scientologischem Vorbild, obwohl ich es nicht wollte. Darum spielt es für mich auch keine Rolle ob ich nun dabei war oder nicht. Darum sehe ich diese acht Jahre als Ganzes.

Was den "guten Menschen" betrifft:

Nachdem ich zum SP erklärt wurde, kam bei mir das Gefühl auf einen Freipass zu haben. Ich war sozusagen ein diplomierter Assozialer, der sich alles erlauben konnte. Ich war einer der Bösen und konnte auch so handeln. Diese Versuchung war groß, doch ich habe mich trotz diesem Freibillet für das Gute, das was ich als Gut empfinde, entschieden. Das habe ich nicht aus Büchern.

Joa:

Bist du nicht morgens aufgestanden und hast über die Dinge nachgedacht, die du an diesem oder den anderen Tagen erledigen wolltest?

Charlie:

Ich habe Tage erlebt, da habe als erstes einen Joint (oder Zwei :-)) geraucht, weil ich's nicht aushielt. Manchmal bin ich überhaupt nicht aufgestanden. Nicht selten versuchte ich's mit Alkohol oder anderem. Einfach, um nicht denken zu müssen.

Ich hatte aber auch gute Tage, aber da war immer dieser dunkle Schatten.....

..........und dieser verdammte Fatalismus.

Joa:

Hast du nicht intensiv über dein Leben nachgedacht?

Charlie:

Doch, ich habe mir meine eigenen "Richtlinien" gemacht. Meine Wichtigkeiten eingeordnet.

Joa:

Wenn ich deine Beiträge heute sehe, glaube ich, daß du sogar SEHR über dein Leben nachgedacht hast. Bist du nicht reifer als vorher?

Charlie:

Das sind, so glaube ich, allgemeine Begleiterscheinungen des Lebens.

Joa:

öh, äh, *kratz sich am Kopf*, äh,ich meinte eigentlich, ob du durch deine Erfahrung nach $cientology und durch dein Re-Organisieren deines Lebens geradezu einen Reife(n) - Sprung nach vorne gemacht hast ;) Sozusagen ein paar Bäume auf einmal genommen hast? ;)

Charlie:

Das mag sich auf das Thema Scientology beziehen, aber nicht auf andere Bereiche. Ich habe zum Beispiel keine Kinder, obwohl ich gerne welche hätte. Hätte ich Kinder gehabt, wäre ich alleine durch die Beschäftigung mit ihnen reifer geworden. Ich denke, daß man in allen Bereichen des Lebens reifer wird, wenn man sich damit beschäftigt, ob man das nun will oder nicht.

Joa:

Würden dir Dinge, die dir vorher passiert sind, jetzt noch mal passieren? Ich schätze mal, deine Antwortet lautet (etwas verbittert?) : NEIN

Charlie:

Nein, Nein und nochmals Nein. ;-)

Ich war ziemlich lange verbittert, doch ich glaube, ich habe das ablegen können.

Joa:

:-) Selbstmitleid ist echt nur Energieverschwendung!

Charlie:

Verbitterung ist nicht Selbstmitleid. Wobei ich nicht abstreiten will, Selbstmitleid zu haben.

Joa:

Verbitterung ist auch Energieverschwendung ;)

Charlie:

Zugegebenermassen. Am Anfang haßte ich die Leute, die mich da reingezogen hatten, doch nachdem ich viel über Scientology gelesen habe, glaube ich, daß sie selber auch Opfer sind, Opfer und Täter. Genauso wie ich selber Opfer und Täter war.

Joa:

Genau das meine ich. Du bist geimpft, geschützt. Du bist diesen Weg gegangen und jetzt ist dieser Weg vorbei. Du WEISST (!), daß du so einen Weg nie wieder beschreiten würdest, egal, wie schlecht es dir in deinem Leben geht. Das ist eine Erfahrung, die dich für den Rest deines Lebens prägt und wenn du mal Kinder haben solltest, denke ich, daß du ihnen genau vermitteln kannst, worauf man achten sollte, um nicht in die Sektenfalle zu tappen. So kannst du tatsächlich aus deinen Erfahrungen Nutzen ziehen.

Charlie:

Damals wußte ich nichts über Scientology und eine Xenu-Story oder die OTIII bis VIII-Storys. Diese Materialien hätten mich damals sehr schnell stutzig gemacht, genauso wie sie es heute tun. Erst viel später konnte ich mich mit solchen Dingen beschäftigen. Meine Idee war, wenn es mir gut geht, wieso soll es anderen nicht auch gut gehen und als angenehmer Nebeneffekt geht es mir dann noch besser. Das war das Motiv da mitzumachen. Hätte ich von den Widersprüchlichkeiten in diesem System gewußt, wäre ich schon geimpft worden. Dazu braucht es keine acht Jahre.

Joa:

Aber sie waren auch nicht umsonst! Auf gar keinen Fall! Sie sind passiert. Das ist zwar nicht schön, aber jetzt auch nicht mehr zu ändern. Auf jeden Fall hat dich (!) deine negative Erfahrung mit Scientology dazu gebracht, viel Gutes für dein Ich zu tun und dein Leben neu zu ordnen. Ich weiß, ich weiß: das hättest du auch ohne Scientology tun müssen, aber stell dir vor, du wärst ein Heroin-Junkie geworden, der auf Grund seiner Anschaffungs-Prostitution jetzt AIDS hat (wobei ich jetzt mal davon ausgehe, daß du zu Scientology gegangen bist, weil du bereits irgendein anderes Problem hattest. Falls nicht, ignoriere bitte den letzten Absatz).

Charlie:

Dieser Vergleich hinkt aber gewaltig. (Letzter Absatz ignoriert) ;-) Mir ging es nicht schlecht, als ich mit Scientolgy in Kontakt kam. Im Gegenteil, es war für mich gerade eine gute Zeit.

Joa:

Ja, das scheint die Masche der $. zu sein: Diejenigen anzulocken, die einen gewissen Idealismus in sich tragen, helfen wollen, Gutes erreichen wollen. Und diese Suchenden werden dann auch geschickt eingesackt. Ich will nicht behaupten, daß deine vergangenen Jahre ein Zuckerschlecken für dich waren, dafür kenne ich deine Lebensgeschichte nicht, ABER warum glaubst du, daß deine vergangenen Jahre umsonst waren?

Charlie:

Im großen Ganzen hätte ich besseres mit meiner Zeit anfangen können.

Joa:

Sie waren es NICHT.

Charlie:

Tja.........

Joa:

Nein, das meine ich ernst. Deine Jahre sind deine Jahre. Jeden Tag, den du verbracht hast, hast du geatmet, geschlafen, hast geträumt. Dein Geist war aktiv. Deine Entscheidung, dich von $. zu lösen, war ein Prozeß, der sich aus vielen Tausenden kleinen Prozessen zusammengesetzt hat. Irgendwie. Die einzelnen Prozesse wirst du wohl eher kennen als ich. Du hast eine Kraft in dir, die es zum Schluß doch geschafft hat, dich aus dem Sumpf zu ziehen. Sei dir dieser Tatsache bewußt. Du bist in der Lage, Entscheidungen zu treffen und sie entweder durchzuziehen oder ihre Fehlerhaftigkeit zu erkennen. Sei dir dieser Tatsache bewußt. Du glaubst gar nicht, wie viele Leute sich selber belügen, wenn es darum geht, Entscheidungen auf Grund von Fakten zu fällen. Es ist unfaßbar, wieviel Wunschdenken da hineinließt. Diese Selbstbelügung dürfte bei zukünftigen Entscheidungen deinerseits stark zurückgegangen sein, eben weil du diese acht schlimmen Jahre hinter dir hast. Du hast dein Ich besser analysiert, als so mancher anderer in drei oder vier Leben. Hugh!

Charlie:

So wie Du das sagst bin ich ja Clear geworden, indem ich mich von Scientology verabschiedete.

Joa:

Von der Seite aus betrachtet aus: ja, so gesehen bist du clear. Und Vorsicht beschützt einen.

Charlie:

Ich glaube nicht, daß ich nun gegen alles gefeit bin, höchstens vorsichtiger. Ich glaube auch nicht, daß ich die Sache so einfach abhaken kann, es ist einfach zuviel passiert. Ich bin immer noch ein Homo Sapiens, Selbstbelügigungen inklusive.:-)

Joa:

Tja, wir Menschen sind doch nur irgendwie alle ein Haufen Trottel ;)

Charlie:

Die manchmal Geniales zustande bringen. :-)

Joa:

Auch ein blinder Trinker findet mal einen Korn ;)

Charlie:

Beim einzelnen Scientologen ist kein schlechter Wille dahinter, er denkt, er tut recht. Ich versuche das mit Liebe zu lösen. Leben, Lieben, Nehmen und Geben............ (Meine Reihenfolge ;-))

Joa:

Das Problem bei Sektenanhängern ist immer, daß sie den freien Willen anderer nicht akzeptieren können.

Charlie:

Es geht in Scientology darum, jemanden dazu zu bringen, daß er einen freien Willen haben kann. (So die Propaganda) Das ist das Bestreben eines Scientologen. Er will dem anderen etwas Gutes tun. Wie das in anderen Sekten ist, weiß ich nicht.

Joa:

Wärst du jetzt in der Lage Lieder über deine damalige Situation zu verfassen? Wärst du heute in der Lage, deine Gefühle, die damalige Situation betreffend, in Musik umzusetzen?

Charlie:

Das tue ich ja am Laufmeter. Weniger mit Texten, dafür um so mehr mit der Musik .(Jazz)

Joa:

Na also. Das ist genau die richtige Richtung. Free Jazz oder erträglichen Jazz? ;))

Charlie:

Erträglich swingendes Gedudel. :-)

Joa:

Ich habe keine inneren Siege über die Denke von $cientology vorzuweisen, du hast, wenn auch nach acht Jahren, einen sehr großen persönlichen Sieg vorzuweisen.

Charlie:

Für mich ist dies kein Sieg, sondern bloß eine Lebensnotwendigkeit. Es gibt da einen Punkt, an dem man sich entscheidet, als Scherbenhaufen aus dem Leben zu treten, oder neu Anzufangen. Ich hatte Glück, die Musik war meine Verbündete. Viele haben das nicht....

Joa:

Ja, der Selbsterhaltungstrieb hat schon so manches Wunschdenken beiseite-, und so manche Perspektive gerade gerückt. Du hast wahrscheinlich noch andere Schilde aufgebaut, ohne es zu merken (die DUNE-Serie zum Beispiel). Ja, Musik ist ein hervorragender Verbündeter.

Charlie:

Zum Glück!

Joa:

Das viele Menschen keine Schilde mehr in ihrem Leben bei sich führen, ist wirklich erschreckend. [Definition Schild: Eine Fähigkeit, Erinnerung, oder etwas anderes Persönliches, was für einen persönlichen Frieden und Freude aus dem Herzen bedeutet. Ist nicht ganz gleichzusetzen mit Selbstvertrauen, spielt aber da hinein.]

Wenn ich so sehe, wie LEER das Leben vieler Menschen ist, wie berechenbar, wie sehr alltägliche Routine das Leben dieser Leute bestimmt - wenn solche Leute einmal einer Sekte zum Opfer fallen, dürfte die Person ziemlich verloren sein.

Joa:

Du hast Interna anzubieten, die es woanders nicht oder nur stückelweise gibt.

Charlie:

Das mag ein Vorteil sein. Es sind aber meine eigenen subjektiven Erfahrungen, die ich da habe. Ein Anderer mag es anders sehen.

Joa:

Auszüge aus Büchern sind alles andere als subjektiv. Und deine Erfahrungen dürften sich nicht so sehr von den Erfahrungen Anderer unterscheiden, weil $. Nicht in der Lage ist, sich tatsächlich auf ein einzelnen Mitglied einzustellen, weil ihre Schriften nicht geändert werden dürfen. Wie andere sich dann ihre Meinung bilden, ist natürlich eine andere Geschichte. Aber was die Behandlung betrifft, ist $. echt demokratisch: Sie zieht über kurz oder lang alle Mitglieder gleich schlimm über den Tisch ;)

Joa:

Jede Erfahrung, egal wie gut oder schlecht, bringt dich weiter.

Charlie:

Stimmt, wenn auch mit großen Umwegen.

Joa:

Nicht immer ist die beste Verbindung zwischen zwei Punkten auch automatisch die schnellste. Stell dir vor, du wärst jetzt schon seit, sagen wir mal, 16 Jahren bei $. Gewesen und würdest erst jetzt aussteigen. Was würdest du zu einem sagen, wenn du dein aktuelles Ich siehst, mit 'nur' acht Jahre $. auf dem Buckel? (Auch wenn ich aus Herzen wünsche, es wären bei dir weniger Jahre gewesen)

Charlie:

Ich meine es wäre überhaupt nicht nötig eine solche Erfahrung zu machen, wenn Leute wüßten was in Scientology vorgeht. Ich kann Deiner Behauptung, daß ich viel Erfahrungen gemacht habe nicht sehr viel abgewinnen, sorry.

Joa:

Ich war nie bei $cientology und du bist jetzt nicht mehr bei denen.

Charlie:

Jawohl!

Joa:

Ich habe mein Wissen aus dem Internet, du deines aus erster Hand.

Charlie:

Leider....(hab ich auch bezahlen müssen dafür ;-)

Joa:

Blicke bitte nicht auf deine Vergangenheit, als wäre dir nur schlechtes widerfahren. Nutze die Chance, die sich dir hier bietet und ziehe Stärke aus deinen acht Jahren. Laß deine Erfahrungen dein Acker sein, in welchem du die Saat der Kreativität verstreust.

Charlie:

"That's where the blues comes from"

Mir ist auch nicht nur Schlechtes widerfahren, ich habe auch Gutes erlebt. Doch das Thema Scientology ist bei mir noch nicht abgeschlossen. Da kommen unweigerlich ungute Gefühle auf, ganz klar. Ich komme mir aber so vor, wie ein (Steinzeit)-Mensch der vom falschen Strauch gegessen hat und jetzt seine Sippe davor warnen will. :-)

Joa:

Nicht unterdrücken. Nicht verdrängen. Durchleben lassen. Eine der wenigen Techniken, die bei $. tatsächlich funktioniert - wenn auch völlig verhunzt - ist das Verarbeiten von Geschehnissen aus der Vergangenheit. Ist ja auch geklaut, frage mich bloß nicht woher, (ich meine, sie bei Crowley gelesen zu haben, aber da kann ich mich auch irren). In Don Juan's Nagualismus (dem Schamanismus, der mich fasziniert), gibt es eine Technik, die sich Rekapitulation nennt. Dies ist eine bestimmte Atemtechnik, die an abgeschlossenen Orten ausgeübt wird, ohne das du dich irgendeinem Anderen dafür offenbaren mußt. Hier werden Geschehnisse aus deiner Vergangenheit so oft wiederholt, bis du dir die Energien, die du an diese Vergangenheit hast, wiedergeholt hast. Falls du an der Ausübung dieser Technik Interesse hast, kann ich dir den entsprechenden Abschnitt mal posten/mailen oder dir die entsprechenden Bücher sagen, wo diese sehr Techniken beschrieben sind. Keine Angst. Ich will kein Geld oder dich in irgendeine 'Gemeinde' oder so was ziehen, ich will dir tatsächlich nur helfen.

Charlie:

Ich hab eigentlich so ziemlich die Nase voll von irgendwelchen Techniken. Ich will nur ein normaler Mensch sein. Ein normales Leben führen, eine Familie haben. Ich lese auch keine Esoterik, weil ich schon genug Durcheinander in meinem Kopf habe, weiß es aber zu schätzen, daß Du mir helfen willst. Danke! Ich denke das ist etwas, was ich ganz alleine tun muß.

Joa:

Auch als normaler Mensch träumst, fühlst und stirbst du...

Charlie:

Würde ich nicht träumen und fühlen, hätte ich mein Scientology-Problem nicht.

Joa:

Würdest du nicht träumen und fühlen würdest, wärst du auch kein Mensch. Du bist doch ein Mensch oder? ;) Also hast du auch ein Recht auf Träume und Gefühle...

Charlie:

Ich träume, sehe, phantasiere mehr als mir lieb ist. Das habe ich bei Scientology gelernt. Am besten hilft mir ein Joint, ein guter Kontrabassist, ein guter Schlagzeuger und ein Freund der das Saxophon spielt. Und nicht vergessen; meine Freundin. :-)

Joa:

Spielt die dann Keyboard oder bei dir zu Hause das Nudelholz ? ;)

Charlie:

Tenorflöte ;-)

Joa:

Da fällt mir jetzt was Versautes zu ein, das verkneif ich mir jetzt lieber ;)) Und immer daran denken: Humor beschützt einen!

Charlie:

Die beste Medizin, dreimal täglich, vor dem Einnehmen gut schütteln! :-)

Joa:

Richtig