Thema: Berichte von Aussteigern
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Interview mit einem Aussteiger
"Professionelle Abzocker"
Oliver Schramm, ehemaliges Mitglied
der Sea Org, über seine Zeit im Scientology-System, die Sea Org und seinen Ausstieg
MISSIONAR: Wie lange warst du bei Scientology?
OLIVER SCHRAMM: Der Scientology-Einstieg war am 13.3.94 und der Ausstieg am 27.8.94. Ich
war damals angeknackst, ich kam aus einer Dreiecksbeziehung heraus und wollte mich neu
orientieren, von daher habe ich nicht ganz gecheckt, was damals mit mir ablief. Von daher
habe ich auch kein Problem damit gehabt, als mein Chef mir sagte, er wäre Scientologe, er
würde es als seine Lebensgrundlage ansehen und arbeite auch danach. Ich habe dann gesagt,
ich hätte kein Problem damit, wobei ich vorher noch nie etwas über Scientology gehört
habe.
MISSIONAR: Wenn du einmal auf die Zeit zurückblickst, hattest du ein gutes Gefühl
dabeizusein?
SCHRAMM: Es wird immer darauf geachtet, daß man warmherzig mit dir umgeht, daß man auf
dich zugeht und dir zuhört. Man versucht, eine Art Ersatzfamilie zu schaffen. Natürlich
ist es toll, wenn du zur Tür hereinkommst, und jeder ist aufmerksam, dir zugewandt und
geht auf dich ein - wie ich immer zu sagen pflege: "übertriebene Lieblichkeit"
wird da gefordert. Das ist in meinen Augen auch der Anfang der Manipulation, die mit dem
"Purif" (Reinigungs-Rundown, d. Red.) und dem "Auditing" hinterher
vertieft wird.
Bei mir war es damals so: Ich war selbständig, habe sehr viel Zeit in meine eigene Firma
investieren müssen, und somit schrumpfte der Freundeskreis. Dann ist es natürlich toll,
wenn du irgendwo hinkommst und neue Freunde gewinnen kannst, die auf dich eingehen. Es war
kein weltbewegendes Gefühl, sondern kontinuierlich, mit Auf und Abs.
MISSIONAR: Du bist über deinen Chef zu Scientology gekommen?
SCHRAMM: Genau. Ich habe damals einen Persönlichkeitstest gemacht...
MISSIONAR: ... mit welchem Resultat?
SCHRAMM: Es war relativ hoch. Der Registror hat unheimlich Probleme gehabt, mir überhaupt
etwas zu verkaufen. Irgendwie hat er dann mitgekriegt, daß ich die Dreiecksbeziehung
gehabt habe, und er hat dann gesagt, ich hätte "auf der Beziehungskiste"
irgendein Problem, ich müßte den Beziehungskurs machen. Man sagt dazu den "Auf und
Ab-Kurs im Leben", der kostet 150 Mark zusammen mit dem Kurs-Pack. Den habe ich dann
auch gemacht. Die Einstiegskurse gingen ruck zuck. Innerhalb von drei, vier Wochen habe
ich die Einstiegskurse alle weg gehabt und habe ca. 1500 Mark gezahlt. Ich habe zwar
gesagt: O.K., das war nichts Weltbewegendes, aber ich habe dennoch teilweise auf offene
Fragen Antworten erhalten, weil eigentlich die ganze Ideologie und Technologie auf dem
Buddhismus basiert. Da ich schon von Anfang an zum Buddhismus tendiere, hat mich das natürlich
auch grundlegend angesprochen. Ich habe gedacht: "Na ja, gut, das sind jetzt die
Einleitungskurse, vielleicht gibt es weiter oben, wenn du Richtung 'Clear' gehst, noch
mehr Informationen." Aber irgendwann habe ich dann festgestellt, daß es immer nur
eine Wiederholung ist. Es wiederholt sich immer wieder, nur betrachtest du es mit einem
anderen Bewußtsein. Scientology behauptet dann, du verbesserst dich, was aber
letztendlich gar nicht stimmt.
MISSIONAR: Wie hat dein persönliches Umfeld darauf reagiert, als du Scientologe
wurdest? Gab es Bestrebungen, dich da rauszuholen?
SCHRAMM: Nein. Wenn du anfängst, dich selbständig zu machen, wie ich das Ende 1991
gemacht habe, schrumpft dein Freundeskreis unglaublich zusammen. Ich habe zwar aus Büchern
gewußt, daß es das gibt, aber konnte es nie glauben und deshalb auch nicht akzeptieren.
Auf jeden Fall ist nach dem ersten halben Jahr das, was ich gemeint habe, zu meinem
Freundeskreis zählen zu können, von fünfzig auf zwanzig geschrumpft - aus zeitlichen Gründen
und weil die anderen gesagt haben: "Du spinnst! Mit 19 Jahren macht man sich nicht
selbständig, sondern eine Lehre." Ich aber habe gesagt: "Nee, ihr spinnt doch!
Ich habe den BA Bautechniker, mehr brauche ich nicht, ich mache mich selbständig."
Und so sind viele abgedreht. Dann war es nur noch der harte Kern, etwa fünf Leute, und
die Eltern, und die haben gesagt: "Du bist alt genug, du mußt wissen, was du
machst!" Ich habe dann immer gesagt: "Ich werde das schon irgendwie
hinkriegen."
MISSIONAR: Die Situation wurde also unterschätzt?
SCHRAMM: Ja, absolut. Es war von mir eine naive Handlung, weil ich nichts darüber wußte.
Ich habe vorher nie irgendwas darüber gelesen und dann ignoriert, weil es mich nie
betroffen hatte. Heute muß ich sagen: Wer so denkt, steht schon mit einem Fuß drin.
MISSIONAR: Als du in der Hierarchie aufgestiegen bist, hast du dann mal mitgekriegt,
daß in der ersten Zeit Scientology eine bestimmte Strategie verfolgt?
SCHRAMM: Einerseits ja, aber es ist auch Showbusiness. L. Ron Hubbard sagte selber:
"The Show must go on." Ich habe am Anfang eben nur gesehen, was mir in der
Stuttgarter Org als Kulisse aufgebaut wurde. Nachdem ich dann auf dem Schiff
"Freewinds" war, konnte ich hinter die Kulissen schauen; und das hat mir überhaupt
nicht gepaßt, was da ablief. Da wurden Leute mißhandelt - durch die Straflager, die es
auf dem Schiff gibt -, die Leute wurden finanziell über den Tisch gezogen, und der Umgang
mit den Mitarbeitern selber ist unter aller Sau, z.B. die Unterbringung usw. Wenn du in
einen Schlafsaal kommst, der mit acht, zehn oder zwölf Mann belegt ist, dann steht alle
zwei Stunden jemand anderes auf und zieht sich an, und jemand anderes zieht sich wieder
aus und will sich ins Bett legen. Denn es ist so: Wenn das Schiff unterwegs ist, mußt du
zwei Stunden für das Schiff da sein, d.h. du mußt zehn Minuten früher aufstehen, dir
eine gewisse Uniform anziehen, zwei Stunden für das Schiff da sein und dann sofort wieder
ins Bett. Es ist so eingeteilt: fünf Stunden studieren, fünf Stunden arbeiten und zwei
Stunden für das Schiff da sein. Acht Stunden zu schlafen ist vorgegeben, mindestens
sieben Stunden. Da kannst du dir ausrechnen, wieviel Freizeit da übrig bleibt - relativ
wenig. Du hast vielleicht ein, zwei, drei Stunden Freizeit für dich. Ich sagte mir dann:
"Dafür 25 Dollar am Anfang? Nein, das kann es nicht sein!" Die schieben da pro
Woche 475.000 US-Dollar ein, und ich verdiene gerade mal 25 Dollar! Da stimmt die Relation
irgendwo nicht mehr.
MISSIONAR: Du hast sicherlich mehrere Kurse besucht, wie muß man sich so einen Kurs
vorstellen?
SCHRAMM: Man kann sich so einen Kurs eigentlich gar nicht vorstellen. Ich kann das nur so
beantworten: Jeder bekommt individuell die Sache so verkauft, wie er es in der Birne hat,
d.h. wie du es dir vorstellst, geistig frei zu werden, so wird es dir in einem ähnlichen
Kreislaufverfahren verkauft. Du wirst immer auf eine Schleife gesetzt, bis du da alles
belegt hast an Kursen und dann geht es in das nächste Kreislaufsystem hinein, bis du dann
spiralmäßig, wie es L. Ron Hubbard auch sagte, auf "clear" kommst. Die Spirale
wird sehr eng gepreßt, wie eine Feder, so daß du sehr lange brauchst, um weiter zu
kommen. Das Problem ist: Es geht ja bloß bis OT 8 - ich weiß, L. Ron Hubbard war OT 36,
also... (lacht). Bis du OT 8 erreicht hast, bist du knapp eine Million US-Dollar los,
inklusive Spendenbeiträge an die IAS (International Association of Scientologists, d.
Red.). Die Kurse bis OT 8 allein kosten zwischen 500.000 bis 750.000 US-Dollar, mit
Spendenbeiträge bist du eine Million los.
MISSIONAR: Welchen Gegenwert hat man dafür?
SCHRAMM: Du bist erst einmal OT, dann hast du verschiedene Vorteile als Mitglied der IAS:
Du wirst zu verschiedenen Events eingeladen, du kriegst Prozente bei Kursen oder beim Bücherkauf...
MISSIONAR: Das ist also nur intern?
SCHRAMM: Ja, das ist nur intern. Und jedes Mitglied kriegt eine Mitgliedskarte. Also, wenn
ich dich jetzt reinziehe in Scientology, bekomme ich für alles, was du in Scientology
tätigst, verkaufst oder bezahlst 10 % des Wertes. Also, wenn du einen Kurs nimmst für
10.000 Mark, bekomme ich tausend Mark auf meine Karte gutgeschrieben. Das wird mir zwar
nicht ausbezahlt, aber ich kann es wieder verwenden, um Bücher oder Kurse zu kaufen.
MISSIONAR: Was heißt denn OT?
SCHRAMM: Das heißt, daß du dein Unterbewußtsein steuern kannst, sobald du
"clear" bist, was natürlich absoluter Quatsch ist. Außerdem hat man dich erst
geistig befreit, es geht aber noch weiter: Da erzählt man dir von Xenu, von
Vulkanlandschaften und einer "Feuerwand", durch die du gehen mußt usw. Bei
dieser OT-Geschichte tauchen wieder diese Science-Fiction-Illusionen von L. Ron Hubbard
auf.
MISSIONAR: Was bringt mir das dann, nachdem ich eine Million Dollar gezahlt habe?
SCHRAMM: Dann zählst du zu den Promis in Scientology, wie z.B. John Travolta und Tom
Cruise. Du darfst dich mit ihnen auf eine Stufe stellen, du wirst zu Veranstaltungen
eingeladenen, auf denen du sie kennenlernen kannst, du wirst ständig über die
Neuigkeiten informiert und auf dem laufenden gehalten, du wirst auch ausgezeichnet auf
großen Events und als Ehrenmitglied vorgestellt, was dir wiederum Anerkennung gibt. Du
bist als Operierender Thetan vollkommen und kannst alles bringen, es gibt keine Barrieren
mehr, sonst wärst du kein OT.
MISSIONAR: Verspricht Scientology auch Heilung?
SCHRAMM: Nur! Wobei man sagen muß, daß es keine anerkannte Therapie ist.
MISSIONAR: Scientology behauptet oft, es wäre Seelsorge.
SCHRAMM: Ja, es ist beides. Es ist einmal Seelsorge mit dem geistigen Beistand - das ist
die eine Säule -, dann gibt es noch die Säule von ABLE und von WISE. Scientology kann
auf allen drei Ebenen herumspringen, ohne daß die deutschen Gesetze sie behindern würden.
Das ist das allgemeine Problem. Wenn man sowas wie ein "Heilpraktikergesetz"
durchziehen könnte, würden mit Sicherheit auch andere davon betroffen. Das wäre eine
Möglichkeit, um einzuschreiten, wobei Scientology auch nicht auf den Kopf gefallen ist,
sie arbeitet auch schon dafür vor: Dann heißt es eben nicht mehr "Seelsorge"
sondern "geistiger Beistand", und "geistigen Beistand" darf jeder
machen. Sie ändern alles um: Sie verpacken etwas und verkaufen es, und falls jemand
darauf losgeht und es verbietet, machen sie es auf und verpacken es neu. Das ist die
Masche, die Scientology aufrechterhält, weshalb man sie auch nicht greifen kann. Deshalb
hat ja auch L. Ron Hubbard 1967/68 die Sea Org gegründet, um mit seinem Schiff auf
königliche Gewässer zu gehen, damit er rechtlich nicht mehr greifbar war. Somit hat er
sich Scientology neu aufbauen können.
MISSIONAR: Wie hat man sich das Auditing vorzustellen?
SCHRAMM: Das Auditing kostet derzeit in Hamburg 600 DM pro
Stunde, wobei man mindestens 12,5 Stunden nehmen muß. Der Auditor und der Pre-Clear bzw.
Pre-OT - d.h. jemand, der bereits "Clear" ist, aber noch nicht
"Operierender Thetan" - sitzen gegenüber, und der Auditor stellt Fragen anhand
des Materials von L. Ron Hubbard und hofft, gewisse Engramme hervorrufen zu können. Und
wenn der Gegenüber anfängt zu labern, schreibt es der Auditor auf - Wort für Wort, auch
wie die Nadel des E-Meters ausschlägt. Und wenn die Nadel immer noch ausschlägt, fragt
er dich tausendmal, wenn es sein muß, auch fünf, sechs Stunden am Stück - so lange, bis
die Nadel schwebt.
MISSIONAR: Danach kommt alles in die Ethik-Akte?
SCHRAMM: Ja, da kommt alles rein, auch was persönlich ist, z.B. dein Lebenslauf und was
du alles so erzählt hast. Auch wenn wir zwei uns in der Kantine über irgend etwas
unterhalten und es kommt dem Ethik-Officier zu Ohren, dann wirst du zu ihm geschickt und
mußt ihm alles erzählen, was ich dir gesagt habe - das kommt dann auch alles in die
Ethik-Akte mit hinein. Es ist also ein totalitäres System, weil alles sofort
niedergeschrieben und in Akten eingeordnet wird, damit man sagen kann: "Oh, schauen
wir mal! Womit können wir ihn kaputtmachen?", falls jemand Scientology angreifen
will. Außerdem gibt es noch eine Mitarbeiter- und Studenten-Akte, d.h. wie fleißig der
Student lernt und in welcher Frequenz er die Kurse abschließen kann, ob er
steigerungsfähig ist oder abschwächt; das wird dort alles gecheckt.
MISSIONAR: Hast du selber auch mal Auditing gegeben?
SCHRAMM: Nein, nie. Wenn du die "Brücke" ansiehst, ist die rechte Seite für
dich, um die "geistige Befreiung" zu erhalten, und auf der linken Seite kannst
du Geistlicher im Deckmantel der Kirche, also Auditor, werden. Du kannst es dir aussuchen,
was du machen willst, aber du kannst auch beide Wege gleichzeitig gehen - nur: Für den
einen zahlst du etwa 500.000 Dollar, für den anderen dasselbe noch einmal.
MISSIONAR: Was hast du insgesamt bezahlt?
SCHRAMM: In den drei Monaten, in denen ich nicht zum Mitarbeiterstab gehörte, habe ich
ungefähr 15.000 Mark investiert und später, als ich die Blitzkarriere in die Sea Org
gestartet habe, habe ich nichts mehr bezahlen müssen.
MISSIONAR: Aber du hast eben nur einen Hungerlohn gekriegt...
SCHRAMM: Ja, am Anfang 25 Dollar pro Woche und zum Schluß, als ich
Chief Patty Officier war, habe ich 75 Dollar in der Woche gekriegt. Man muß dazu sagen:
Unterkunft frei, Verpflegung frei, andere Dinge frei... Du arbeitest von Sonntag bis
Sonntag und hast am Samstag einen halben Tag frei oder alle zwei Samstage einen ganzen Tag
frei.
MISSIONAR: Was macht man in der Zeit? Kann man dann an Land gehen?
SCHRAMM: Ja, man kann an Land gehen, die Küste und den Strand anschauen, schwimmen gehen
oder sonst irgendwas machen, aber du darfst keinen Kontakt aufbauen, außer wenn es dir
befohlen wird.
MISSIONAR: Du mußtest auch ziemlich viel studieren. Was machtest du da?
SCHRAMM: Das läuft so ab: Du erhältst ein "Log-Buch", in dem dein Werdegang
als Sea-Org-Member drinsteht, denn als Sea-Org-Member wirst du ganz speziell ausgebildet,
d.h. du fängst bei dem "Produkt 0" an und mußt bis "Produkt 10"
liefern, dann bist du vergleichbar mit OT 1. Dann geht es weiter, es gibt neue Richtlinien
von L. Ron Hubbard, die dir nur der Registrar zeigen kann. Du mußt zum Beispiel den ganz
normalen "Key to Life"-Kurs, so wie du ihn überall kaufen kannst - mit dem
Kneten und so weiter -, zu 100 % erfüllen, d.h. nachdem du den Kurs beendest, machst du
dein Examen bei einem "Supervisor", dem "Teacher", dann schickt er
dich zum "Examinor", der dir den Kurs abnimmt und dort brauchst du 100 %. Sobald
du nur 99 % hast, schickt er dich zurück, und du darfst den ganzen Kurs noch mal machen.
Du hast dann z.B. ein Wort nicht verstanden.
MISSIONAR: Ist dir das auch passiert?
SCHRAMM: Einmal. Da ging es in einem Kurs über "Etikette" - jeder Mensch hat
"Etikette". Ich hatte ein Kapitel übersprungen, weil ich dachte: "Mein
Gott, da brauch ich eh' nicht viel, ich habe eine gute Erziehung genossen", aber es
war eben doch nicht so toll. Ich wurde dann zurückgeschickt und mußte den Kurs noch mal
machen.
MISSIONAR: Hast du die "Reinigungs-Rundowns" auch machen müssen?
SCHRAMM: Die "Purifs", ja. Du sitzt fünf Stunden in der Saune und mußt vorher
20 Minuten lang joggen und deine Vitamine schlucken. Danach sollst du die
"Entgiftungsanleitungen" lesen, die Hubbard aufgestellt hat, also was das alles
in deinem Körper bewirkt. Was bewirken die Vitamine? Wie kann man den Körper entgiften?
Was ist Radioaktivität? Das alles wird dort beschrieben. Du sollst natürlich auch daran
glauben, was dort steht. Für mich ist das aber nichts anderes als die Birne
weichzukochen, um danach die Leute besser abzocken zu können. Das heißt, du hast danach
so eine Mattscheibe vor deinem Kopf, daß du nicht mehr nachdenken kannst, was mit dir
gemacht wird. Meistens wird das so gemacht: Erst kommt Auditing, dann Purif und danach
kannst du nicht mehr klar denken und dir wird gleich ein ganzes "Clear"-Paket
auf einmal verkauft - für 40.000 DM.
MISSIONAR: Unmittelbar nach dem Rundown?
SCHRAMM: Ja, gleich danach.
MISSIONAR: Glaubst du, daß die hochrangigen Scientologen das bewußt machen, oder daß
nur Hubbard wußte, welche Auswirkungen die Psychomethoden haben?
SCHRAMM: Auf der Höhe, auf der ich war - also auf der IAS -, haben alle gewußt, was sie
machen. Sie wußten auch, daß das für die Menschheit nicht ganz okay ist, aber sind ja
die ethische Gruppe auf der Erde und dürfen sich das von daher erlauben. Es sind
professionelle Leute, die richtig abzocken und hundertprozentig wissen, wie es
funktioniert. Und eines muß man noch dazu sagen: Es gibt keine sieben- oder achtmillionen
Scientologen, wie Scientology immer wieder behauptet, sondern 240.000 weltweit aktive
Mitglieder von Scientology, in Deutschland sind es etwa 48.000.
MISSIONAR: Welche Rolle spielt die Sea Org innerhalb der Scientology?
SCHRAMM: Die Sea Org ist die Eliteeinheit, die aus dem Grund gegründet wurde, weil
Scientology 1967/68 kurz vorm Abgrund stand, als es eine große Informationswelle über
Scientology und Dianetik gab, und man fast erreicht hätte, daß Scientology aufgelöst
worden wäre. L. Ron Hubbard hat seine fähigsten Mitarbeiter geschnappt, ein Schiff
gekauft und ist auf See gegangen. Aus diesem Grunde konnte man ihm rechtlich nichts mehr
anhaben, denn er war ständig woanders. Auf der Sea Org wurden dann Leute ausgebildet, die
dann eine "Mission" bekommen haben. Hubbard hatte wenige Leute, aber er schaffte
es, Scientology neu aufzubauen, er führte dann Tarnorganisationen ein und erst 1972 fing
Scientology an, mit dem Deckmantel "Kirche" zu arbeiten. Die Mitarbeiter wurden
dahingehend umgepolt, alles nicht mehr als "Geisteswissenschaft", sondern als
"Kirche" zu verkaufen, und danach ging alles wieder rapide aufwärts.
Insgesamt gab es acht Schiffe, wovon man heute noch drei Schiffe besitzt. Die
"Freewinds" ist davon das größte mit 145 Metern Länge. Es ist elf Etagen hoch
und bietet insgesamt 750 Passagieren Platz, davon sind 200 Leute ständig als
"Crew" auf dem Schiff, die dazu beitragen sollen, die Expansionsfähigkeit von
Scientology aufrechtzuerhalten. Den Service, OT 8 zu erhalten, bekommst du nur auf dem
Schiff. Es ist derzeit in der Frage, ob OT 9 auch freigegeben werden soll, das wird es
dann auch nur auf dem Schiff geben.
MISSIONAR: Was macht man den ganzen Tag auf dem Schiff?
SCHRAMM: Fünf Stunden studieren, zwei Stunden für das Schiff da sein und fünf Stunden
auf seinem Posten arbeiten. Ich hatte den Posten für Mitgliedschaften inne, d.h. ich
hatte weltweite Mitgliedschaften zu überprüfen. Wenn du Jahresmitglied werden wolltest,
hast du mich angeschrieben, ich habe dich im Computer aufgenommen, dir das erste
Info-Material zugeschickt und mit der Zeit versucht, dich zu einer Mitgliedschaft auf
Lebenszeit zu animieren, da mußt du 2.000 Mark zahlen, und ich animiere dich immer
wieder, auf den nächsten Status zu kommen, bis du 1 Million reingebuttert hast. Das
größte Ziel ist, dich "Patron" zu machen, also daß du 40.000 Dollar einzahlst
- du kannst es aber auch in Raten zahlen, nach und nach mal 5.000 Dollar, mal 1.000
Dollar, so wie du es dir eben leisten kannst.
MISSIONAR: Von daher weißt du auch, wieviele Mitglieder es weltweit etwa gibt.
SCHRAMM: Genau.
MISSIONAR: Kannst du auch sagen, wieviel Umsatz gemacht wird?
SCHRAMM: Ja, pro Woche hat die IAS - also nicht die ganze Organisation, sondern nur die,
in der ich war - 475.000 US-Dollar kontinuierlich eingenommen.
MISSIONAR: Kann man das auf die ganze Organisation hochrechnen?
SCHRAMM: Ich schätze die gesamten Einnahmen weltweit mit WISE, ABLE, Watch Dog Kommitee
und alles, was es so gibt, auf acht bis neun Milliarden Dollar jährlich. Es sind momentan
insgesamt etwa 2500 Firmen in der WISE, die 15 % ihres Jahresbruttoumsatzes abliefern müssen.
MISSIONAR: Sind die Einnahmen gleich Gewinn?
SCHRAMM: Die müssen nicht versteuert werden. Es sind ja "Spendenbeiträge" und
so werden die ganzen Gelder um den Fiskus herumgeschoben.
MISSIONAR: Was macht Scientology mit dem Geld?
SCHRAMM: Gewisse Führungskräfte müssen bezahlt werden, es werden große Veranstaltungen
davon bezahlt - wie 1994 das 10jährige Jubiläum der IAS, das einige Millionen gekostet
hat -, auch Kampagnen gegen Kritiker und Promotion.
MISSIONAR: Was verdient man als Scientologe?
SCHRAMM: Kommt darauf an, wie fleißig du bist. Du kannst 15.000 Dollar im Monat haben, du
kannst auch 15 Dollar im Monat haben.
MISSIONAR: Welche ängste kreiert Scientology?
SCHRAMM: ängste insofern, daß du mit der Zeit blickst, daß du komplett kontrolliert
wirst. Du hast also keine andere Möglichkeit, denn wenn du rausgehst, zerbrichst du als
Mensch, d.h. wenn du an einem bestimmten Punkt ankommst und in die Gesellschaft zurückgehst,
dann findest du dich darin nicht mehr zurecht, und du wirst daran kaputtgehen. Außerdem
sind sie die ethische Gruppe, nur sie hat die einzige funktionierende Technik weltweit.
Von daher fängst du schon an, z.B. an der Schulmedizin zu zweifeln. Das wird ganz langsam
Schicht für Schicht aufgebaut: Alles andere ist Quatsch, nur Scientology zählt. Die
Angst ist, sagen zu müssen: "Wenn ich jetzt aussteige, falle ich in ein Loch, weil
ich mich nicht mehr in die Gesellschaft integrieren kann." Und deswegen bleibst du
drin.
MISSIONAR: Welche Strafen gibt es in Scientology?
SCHRAMM: Da kann ich nur auf das Ethik-Buch von Scientology verweisen. Um das zu
erörtern, bräuchte man Stunden.
MISSIONAR: Was ist so das Härteste?
SCHRAMM: Das Härteste ist, daß du komplett isoliert werden kannst, sowohl von der
gesellschaftlichen Seite her, als auch in Scientology selber. Es gibt 32 Ethik-Zustände,
und wenn du ganz unten bist, wirst du hinausgeworfen. Besonders schlimm ist es, wenn du in
ein Arbeitslager kommst, wo versucht wird, deine Persönlichkeit zu brechen, d.h. deine
Persönlichkeit wird gebrochen und neu aufgebaut; das kann sich über Monate hinziehen.
MISSIONAR: Was hat man mit dir angestellt?
SCHRAMM: Mit mir hat man nichts angestellt. Ich habe mich ja immer gefügt (lacht). Ich
war also bis zu einem gewissen Zeitpunkt ein ganz erfolgreicher Scientologe.
MISSIONAR: Bei welchen Vergehen werden Strafen verhängt?
SCHRAMM: Ach, das reicht schon aus, wenn du z.B. als "Clear" - da brauchst du
kein Alkohol, keine Zigaretten und Tabletten mehr, weil du ja nicht mehr krank wirst - das
Rauchen wieder anfängst - das ist das Vergehen deines "Body-Thetans" -, dann
bekommst du dafür eine Strafe. Dann mußt du "overts" (Vergehen) und
"withholds" (Vergehen auf der Zeitspur) aufschreiben, daß du mit dem Rauchen
wieder angefangen hast, obwohl du schon "geklärt" hast, daß du diese Droge
nicht mehr benötigst, vielleicht gibst du noch eine kleine Erklärung, daß du das aus
Vergnügen gemacht hast, dann ist es wieder okay. Dann gibst du es ab, der Ethik-Officier
legt es in deiner Ethik-Akte ab, und dann ist es okay, dann soll dir das "vergeben
sein, mein Sohn". So ähnlich läuft das ab.
MISSIONAR: Kannst du, aufgrund deiner gewonnenen Erkenntnisse, etwas darüber sagen,
was Scientology für die Zukunft plant?
SCHRAMM: Als ich auf dem Schiff war, sollte die Geldmaschine in Deutschland angekurbelt
werden. Das sollte folgendermaßen aussehen: Zehn junge Leute aus dem deutschsprachigen
Raum, also aus Deutschland, österreich und der Schweiz, sollten auf dem Schiff
ausgebildet werden, um in Deutschland die Geldmaschine anzukurbeln, z.B. indem sie
"Events" veranstalten, es geht also ein Sea-Org-Member in eine Org rein, macht
dort ein "Briefing", gibt also an Informationen weiter, was Neues erreicht wurde
- oft natürlich mit Lügen unterstrichen - und nach dem "Event" nehmen sie
irgendwelche Leute zur Brust und versuchen, aus ihnen irgendwelche Gelder herauszupressen.
Als ich ausstieg wurden unter anderem auf diese Weise aus Deutschland 40.000 US-Dollar
gepreßt, allein durch die IAS.
MISSIONAR: Was weißt du über die Strategie der Scientology z.B. hinsichtlich der
Bekämpfung von Kritik?
SCHRAMM: Es gibt so einen gewissen Verbreitungsdrill, und wie man gegen Angriffe von
Kritikern vorgehen soll, steht im Ethik-Buch. Da gibt es so einen "PDS-SP"-Kurs,
in dem du lernst, wie du gegen Gegner vorgehen solltest - nicht mußt, es ist immer
freigestellt; wenn jemand die Fähigkeit hat, dir rüber zu bringen, daß du das Gefühl
hast, so vorgehen zu müssen, dann gehe so vor!
MISSIONAR: Wieviel weiß ein Scientologe über diese ganzen Internas Bescheid?
SCHRAMM: Das ist das Problem bei Scientology, deswegen ist es ja totalitär. Du bekommst
auf deinem Posten wirklich 100 % Information, aber über das, was links und rechts, vorne,
hinten, oben und unten abläuft, hast du null Ahnung. Du weißt: über deine Tätigkeit
weißt du alles, du weißt noch ein bißchen, wo du das hinleiten mußt, aber dann ist
Ende, da wird abgeschottet. Das basiert darauf, daß jemand nur über den einen Bereich
berichten kann, falls er aussteigt. Ich hatte einen tollen Vorteil: Auf dem Schiff war ich
die ersten zwei Wochen als Springer eingesetzt. Da mußte ich eine Ausbildung machen, die
heißt "EPF". Da wirst du überall hineinintegriert, um herauszufinden, wo man
dich am besten einsetzen kann. Ich habe also das Deck abgeschrubbt, gehobelt, neu bewachst
und gestrichen, war auch teilweise in der "Security"-Abteilung drin, habe dann
verschiedene Ausbildungen gemacht wie "Schiffs-driver", d.h. man hat die
Aufgabe, das Schiff am Steuer auf Kurs zu halten, oder "Radarlotse" oder
"Lookout" oder wie auch immer. Ich wurde überall miteingesetzt. Für die kurze
Zeit, die ich dabei war, habe ich doch sehr viel aufnehmen können. Aber wenn du normal
reinkommst, kriegst du einen Posten zugewiesen und über diese Stelle weißt du
hundertprozentig Bescheid, d.h. welche Anträge du wohin leiten mußt, damit der andere
weiterarbeiten kann, aber wie der andere weiterarbeitet, das weißt du nicht.
MISSIONAR: Dann weiß auch ein Scientologe, der damit nicht befaßt ist, auch nicht darüber
Bescheid, wie Kritiker bekämpft werden oder Unternehmen unterwandert werden?
SCHRAMM: Zu dem damaligen Zeitpunkt wußte ich z.B. nicht, wie Firmen unterwandert werden.
Keine Ahnung. Ich wußte zwar, daß Scientology in jeden Bereich reingehen mußte, um sich
zu verbreiten. Aber ansonsten habe ich keinen Einblick gehabt, wie die das machten, warum
die das machten und wie sie da vorgingen.
MISSIONAR: Scientology genießt in Amerika Steuerfreiheit. Wie kommt es dazu?
SCHRAMM: Da gab es einen Abgeordneten, der Scientologe war und das auf Biegen und Brechen
durchgekämpft hat, bis die Behörden nachgeben mußten, weil er damit gedroht hat,
gewisse Informationen über gewisse angesehene Leute in die öffentlichkeit gelangen zu
lassen. Dann hat man gesagt: Steuerfreiheit aufgrund von Spenden kann man machen, weil man
das bei anderen Vereinen auch so gemacht hat.
MISSIONAR: Wie kam es bei dir zum Ausstieg? Haben dich irgendwelche Zweifel gepackt,
hast du Widersprüche bemerkt oder was war der Anstoß?
SCHRAMM: Bei mir war das so: Erstens konnte ich hinter die Kulissen schauen und zweitens
habe ich auf dem Schiff eine recht interessante Frau in einer Zeit kennengelernt, in der
ich keinen Kontakt zu Frauen haben durfte. Dazu muß man wissen: Ein Sea-Org-Member kann
immer nur einen Sea-Org-Member heiraten, also er könnte nie einen anderen heiraten, wenn
er nicht aus der Sea Org austreten wollte. Die andere Variante: Der andere steigt in die
Sea Org mit ein, dann können sie auch heiraten. Solange können sie zusammen arbeiten, im
Falle, daß sie ein Kind bekäme, müßten beide austreten. Sobald das Kind dann sechs
Jahre alt ist, können alle drei wieder einsteigen. Ich weiß von jemand anderem, daß es
Frauen in der Sea Org verboten wurde, ein Kind zu bekommen; es wurde auch auf Abtreibungen
hingedeutet und vom "Ethik-Officier" befohlen, daß abgetrieben werden müßte,
sonst würden sie rausfliegen.
Ich habe mich mit dieser Frau angefreundet und wurde nach 23 Uhr auf dem Oberdeck beim
Flirten bis spät in die Nacht gesehen. Mein Befehl lautete damals während des
"EPF", um 23 Uhr wäre Zapfenstreich für mich. Wie man halt so ist, habe ich
mit ihr rumgeflirtet, dann wurde sie bestraft, und ich wurde auch bestraft - sie mehr als
ich, da sie wußte, was es hieß, "EPF" zu machen, weil sie ja schon mehrere
Jahre Sea-Org-Member war. Sie wurde insofern bestraft, daß sie nie mehr die Möglichkeit
bekäme, auf das Schiff zu gehen, und somit konnte sie auch nicht OT 8 werden, außerdem
wurde sie nach L.A. in eine ganz billige Org, in der absolut nichts los ist, zurückbeordert.
Das ist natürlich eine Demütigung eines Sea-Org-Members. Ich mußte "overts"
und "withholds" aufschreiben, was ich getan habe, und mußte mich dafür
rechtfertigen.
Wenige Wochen später war die "Clear Deutschland"-Woche, und da habe ich erlebt,
wie die die Leute auf dem Schiff abgezockt haben. Da wurden alle ins Kino reingerufen, und
nach einem kurzen Statement wurden sie so aufgeputscht, daß die deutsche Bundesregierung
sie verfolge und diskriminiere. Nach etwa einer Stunde wurde eine Magnettafel hergezogen
und der Betrag 150.000 US-Dollar draufgeschrieben. Es waren etwa 100 Leute in dem Kino,
und es wurde gesagt: "So, den Betrag machen wir heute!" Ich stand da und habe
gedacht: "Mensch, wie meint der denn das?" Und dann hat er gesagt: "Wir
sind hundert Leute, 150.000 Dollar brauchen wir von euch. Im Durchschnittt muß jeder
1.500 Dollar zahlen. Das kann jeder von euch, das bringt jetzt auch jeder von euch!"
Und nach einer weiteren Stunde haben sie 134.800 US-Dollar zusammengehabt. Als ich gesehen
habe, daß ich nur 75 Dollar pro Woche verdient habe, habe ich gesagt: "Also nee!
Beim besten Willen nicht!"
Dann kam es für mich darauf an, wie ich rauskommen könnte. Ich war mit 75 Dollar pro
Woche kein Großverdiener und konnte den Flug zurück nicht zahlen. Ich dachte mir also
eine gute Lüge aus und habe in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit meiner Rechtsanwältin
und meinem Steuerberater telefoniert.
MISSIONAR: Wie ging das überhaupt?
SCHRAMM: Es war sehr kompliziert, aber es ging. Ich hatte eine eigene Code-Nummer, womit
ich "geschäftlich" auf der ganzen Welt anrufen konnte. Außerdem bekommst du
eine "Cruise"-Karte; es gibt eine eigene Bank auf dem Schiff, auf die du dein
Gehalt einzahlen kannst und dann auf dem Schiff mit der Karte bargeldlos einkaufen gehen
kannst. Ich habe beide Varianten gemacht, damit das nicht auffällt. Ich habe meine
Rechtsanwältin angerufen, verschiedene Freunde benachrichtigt und mit meinem
Steuerberater telefoniert. Ich muß dazu sagen: Ich habe in Deutschland eine
Kapitalanlage, die heute noch läuft. Das ist eine Wohnung, die ich gekauft und vermietet
habe, und durch andere Gelder und Mieteinnahmen trägt sich die Wohnung von alleine. Ich
habe dann mit meiner Rechtsanwältin ausgemacht, sie solle mich auf dem Schiff zu einer
Zeit anrufen, zu der ich garantiert nicht an meinem Arbeitsplatz wäre, und sie sollte die
Lüge so rüberbringen, daß ich praktisch zurück nach Deutschland müsse, weil die
Finanzierung zusammengebrochen wäre und ich deshalb vor dem Gericht eine eidesstattliche
Erklärung, einen Offenbarungseid, abgeben müsse, was sie nicht in Vertretung meiner
Person könne, sondern nur ich selber. Sie hat dann auch angerufen, der Steuerberater hat
dann zwei Stunden später angerufen, und ich habe mich dumm gestellt und gesagt:
"Häh? Was ist denn hier los?" Es wurde mir dann so erklärt, und ich habe
gesagt: "Was? Gibt's das? Ich muß da unbedingt anrufen!" Ich konnte dann auch
anrufen, und das ging dann alles hin und her. Bis ich dann gehen konnte, vergingen noch
einmal sechs Wochen, in denen ich aufpassen mußte, daß ich mich nicht verrate.
Ich habe dann den Antrag gestellt, daß die IAS mir den Flug zurückbezahlt, da ich
sowieso mit der Arbeit wieder anfangen müßte, um die Gerichts- und sonstigen Kosten zu
bezahlen, und dann könnte ich problemlos die 2.000 Dollar für den Flug an die IAS zurückbezahlen.
Ich bin dann auf so ein Konsulat gegangen und habe mir am 23.8. die Ausreisegenehmigung
geholt. Am 27.8. bin ich rein ins Flugzeug und am 28.8. in Stuttgart gelandet.
MISSIONAR: Und was war, als Scientology dahinterkam, daß es alles nur eine Lüge war?
SCHRAMM: Da sind sie bis heute nicht dahintergekommen. Das Problem war nur, daß ich
einfach nicht mehr da war. Da ging es schon nach drei, vier Tagen mit Telefonterror los.
Es wurden also alle Freunde, die ich im Lebenslauf angab, angerufen und sie nach mir
befragt. Zwei Wochen später haben sie dann auch den elterlichen Teil beobachtet, also
z.B. im Müll rumgewühlt, fotografiert und auch teilweise geklingelt und gefragt, ob ich
da wäre, bis ich dann das LKA in Stuttgart eingeschaltet habe, das mir einen guten Rat
gegeben hat, ich solle den Leuten mitteilen bzw. mitteilen lassen, daß sie aufhören
sollen, sonst würden wir in den Medienbereich gehen und die Polizei einschalten. Zum
anderen war ich lange Zeit, etwa 9-10 Wochen, bei Freunden untergetaucht, ich war noch ein
paar Wochen bei meiner Tante in München und habe dann von dort aus mit dem
Kreiswehrersatzamt in Tübingen Kontakt aufgenommen und gesagt: "Ich bin zwar 24, würde
aber jetzt ganz gerne zur Bundeswehr gehen, denn ich habe noch eine gewisse Zeit
ausstehen, die jeder über 18 ableisten sollte." Ich habe dann in einem mehrstündigem
Gespräch die Hintergründe erklärt und wurde dann am 2.1.1995 eingezogen. Dort war ich
dann sicher. Ich werde jetzt auch nicht mehr bedroht.
MISSIONAR: Warum, glaubst du, lassen sie dich in Ruhe?
SCHRAMM: Es ist so, sie versuchen, über die Angst-Schiene Leute wieder reinzuholen. Und
da ich - ich sag das mal so - das Maul momentan ziemlich weit aufreiße in den Medien und
aufkläre, trauen sie sich nicht an mich heran, weil ich das dann wieder als Munition
gegen sie verwenden könnte. Sie können sich im Moment keine schlechte PR-Arbeit leisten.
Sie sind momentan sehr zahlungswillig gegenüber Aussteigern - Aussteiger bekommen also
ihr Geld teilweise zurück - und außerdem können sie sich nicht mehr erlauben, ein
schlechtes Image zu bekommen. Wenn sie solche Aktionen anlaufen, wie vor kurzem die
"Freiheit"-Sonderausgaben (Umfangreiche Selbstdarstellung in hoher Auflage, Anm.
d. Red.), merkt man, daß sie im Moment sehr angeknackst sind. Dann versuchen sie immer,
das alles zu tarnen: "Uns geht es gut, wir expandieren usw." Daran sieht man
eigentlich, wie tief die Aufklärungsarbeit von uns allen greift.
MISSIONAR: Viele Aussteiger schließen nach dem Ausstieg das Kapitel ab, weil sie davon
nichts mehr wissen wollen und Angst haben. Das muß man verstehen und akzeptieren, aber
was sind deine Motive, über Scientology aufzuklären?
SCHRAMM: Als ich festgestellt habe, daß die Leute so sehr in den finanziellen Ruin
gezogen werden, daß sie keine Möglichkeiten mehr haben, da heraus zu kommen, habe ich
entschlossen, darüber aufzuklären, damit die Leute frei die Entscheidung treffen
können, ob sie da rein gehen wollen oder nicht. Natürlich bringe ich dabei meine
negativen Erfahrungen ins Spiel. Zum zweiten möchte ich andere Leute davor schützen, die
einfach keine Ahnung von Scientology haben und denken, es ginge sie nichts an, aber
vielleicht schon voll drin sind, zumal Scientology auch viel mit Tarnorganisationen
arbeitet, ich wechsle also den Arbeitsplatz und plötzlich bin ich bei Scientology und
weiß es gar nicht. Das ist das Problem.
MISSIONAR: Vielleicht kannst du aufgrund deiner Erfahrung Tips geben, wie man auf
Scientology reagieren kann, z.B. bei der Anwerbung.
SCHRAMM: Bei der Anwerbung auf der Straße z.B. sollte man darauf hinweisen, daß es
verboten ist, und am Telefon ist es auch verboten. Oder - weil man auch über
Tarnorganisationen angeworben wird - immer von vornherein fragen, ob es etwas mit
Scientology zu tun hat. Wenn ja, sollte man offen dazu stehen, nichts damit zu tun haben
zu wollen, diesen Standpunkt nicht verlassen und nicht auf Diskussionen eingehen! Sonst
hat man verloren. Die Leute sind so gut rhetorisch geschult, da hat man keine Chance. Es
wird da mit allen Mitteln versucht, dich überhaupt zu einem Persönlichkeitstest zu
bewegen. Viele sagen: "Na ja, was soll's? Ein Persönlichkeitstest, da muß man
nichts unterschreiben und ist auch noch kostenlos." Aber das sind die ersten Maschen,
einen auf Interesse zu bringen. Deshalb sollte man seinen Standpunkt bewahren und einfach
weitergehen.
MISSIONAR: Was kann man bei Bedrohung machen?
SCHRAMM: Was sehr effektiv ist, ist das Zurückdrohen, daß Medien, Polizei oder andere
Institutionen eingeschaltet werden.
MISSIONAR: Was kann ich als Unternehmer machen, wenn ich merke, daß ein Mitarbeiter
Scientologe ist?
SCHRAMM: Erst einmal sollte man herausfinden, wie weit er letztlich die Firma bedroht oder
beschädigt hat oder wieviele Mitarbeiter er rekrutieren wollte. Dementsprechend kann man
dann reagieren, indem man Hilfsorganisationen oder Leute wie mich kontaktiert und im
Einzelfall überlegt, was zu tun ist. Sehr wichtig ist, daß sich Unternehmer darüber
informieren.
MISSIONAR: Kann man erkennen, ob jemand Scientologe ist?
SCHRAMM: Es gibt verschiedene Merkmale: die Sprache, die Gestik, die Mimik, das leere
kalte Starren in den Augen - wenn ein Scientologe in eine komische Situation gedrängt
wird, dann kommt dieses "trainierte Schauen" - oder auch die übertriebene
Hilfsbereitschaft. Bei länger gedienten Scientologen, die öfters "Purifs"
gemacht haben, erkennt man an der Haut gewisse Hautflecken am ganzen Körper. Das sind
aber keine Sommersprossen, das sind gewisse Farbpigmente, die durch das übermäßige
Saunieren und hochdosierte Einnehmen von Vitaminen zerstört wurden. Man erkennt sie auch
manchmal am Geruch, man muß es allerdings vorher gerochen haben. Das ist ein ganz
spezifischer Geruch, der nicht ekelerregend aber auch nicht besonders gut ist und durch
diese Vitamine erzeugt wird. Es gibt noch viele andere Merkmale, z.B. kann man bestimmte
Reize auslösen, um ihn in eine bestimmte eingespielte Situation zu bringen: "Bist du
Scientologe?", "Was hältst du von Scientology? Ich finde das voll
scheiße." Jeder Scientologe hat die Aufgabe, antagonistische Leute zu handhaben,
daß sie nicht mehr antagonistisch gegen Scientology sind. Antagonistisch heißt: Eine
Verhaltensweise einer Person gegen Scientology in einer schlechten Absicht.
MISSIONAR: Meinst du, daß ein Verbot von Scientology sinnvoll wäre?
SCHRAMM: Nein, glaube ich nicht. Wenn ich Scientology verbiete, mache ich aus den
Scientologen Märtyrer, so wie damals in Australien. Dort haben sie dann im Untergrund
gearbeitet, es hat dann nicht mehr "Scientology" oder "Dianetik"
sondern irgendwas anderes geheißen, und es lief trotzdem ungeachtet weiter. Fünf Jahre
später hat man dann keine Aktivitäten mehr festgestellt, das Verbot wieder aufgehoben,
und jetzt gibt es Scientology wieder offiziell.
MISSIONAR: Was kann man sonst noch machen, um deren Aktivitäten einzuschränken?
SCHRAMM: Das, was zur Zeit läuft, ist sehr gut, also das "e.V." abzuerkennen
und sie zu verpflichten, Gewerbe anzumelden. Somit habe ich dann auch mehr Möglichkeiten,
vom rechtlichen Standpunkt aus in diese Organisation hineinzuschauen. Das
Heilpraktikergesetz wäre auch sehr sinnvoll. Man sollte auch anfangen, sie von
staatlicher Seite aus zu beobachten, also vom BND und Verfassungsschutz usw., um
aufzudecken, was dort vorgeht, z.B. um zu erfahren, wie hoch die Umsätze sind. Die
Innenminister sollten die Anträge der Fraktionen besser beachten, denn es werden Familien
zerstört, Kinderarbeit betrieben - es müssen Kinder Kindern 12 Stunden lang Auditing
geben -, Gesetze, die Sozialabgaben regeln, werden verletzt, indem man sagt, das sind
ehrenamtliche Mitarbeiter und es werden auch Millionensummen am Fiskus vorbeigeschoben.
Oliver Schramm, 25, kam 1994 über seinen Chef zu Scientology,
als er sich beruflich umorientiern wollte. In der Organisation machte er eine
Blitzkarriere und kam in die Eliteeinheit "Sea Org" auf das Schiff
"Freewinds", das irgendwo in der Karibik herumtuckert. Knapp ein halbes Jahr
später gelang ihm durch einen Trick der Ausstieg aus dem totalitären System. Heute
klärt Schramm in zahlreichen Fernsehsendungen über Scientology auf, gibt Interviews und
arbeitet eng mit zahlreichen Institutionen zusammen.
© 1996 by Gerhard Wahle