(Die folgenden Hyperlinks führen wieder zum Glossar.
Um weiterzulesen, rechte Maustaste klicken und Zurück wählen)
Bücher über die technische Seite, die Kurse und die Machenschaften von Scientology
gibt es viele. Doch was mir als Aussteiger fehlte, waren die Probleme, die Gedanken von
Leuten, die dieses Weltbild abzuschütteln versuchten. Der geistige Weg der Befreiung von
Scientology, könnte man sagen. Vieles ist im laufe meiner Mitgliedschaft bei Scientology
durcheinandergeraten, manches musste ich wieder neu lernen, einiges werde ich nie mehr
lernen.
Meine Idee war, meine eigene Verzückung am Anfang
meiner Scientologykarriere zu zeigen, den schnellen Weg in die Kaderetagen einer
mittelgrossen Scientology-Organisation, die Hingabe, die Zweifel, der Absturz, die Sucht
und die unendliche Geschichte von Selbstbeschuldigungen. Das meiste davon passierte in
meinem Kopf. Das seelische Gleichgewicht, innere Ruhe und Selbstbewusstsein, das sind
Dinge, mit denen sich jeder Aussteiger beschäftigen muss.
Ich hatte das Glück, daß ich schon sehr früh
Zugang zur Musik fand und mein grosses Ziel im Leben, ein Jazzgitarrist zu werden, nie aus
den Augen verlor. Während meiner
Mitarbeit in der
Scientology, habe ich dies natürlich sehr vernachlässigt, obwohl ich immer ganz klar
sagte, daß ich meine Musik zu machen habe. (Kam soweit, daß man mir
Kurse, um dieses "Problem"
zu lösen, andrehen wollte). Bei den Einstellungsgesprächen wurde sogar versprochen, daß
ich eine Scientology-Band auf die Beine stellen sollte!?
Scientologen versuchen vieles, um jemanden für etwas
zu gewinnen. Es ist für sie von Vorteil, wenn eine neue Person überhaupt nichts von
Dianetik oder Scientology gehört hat. Ich wusste damals, das war 1987 auch nichts davon.
Als eingefleischter und naiver, 22 Jähriger Science-Fiction-Fan begriff ich ziemlich
schnell um was es bei Scientology ging, glaubte an magische Kräfte und den märchenhaften
Verheissungen. Die ausgebildeten Scientology-Verkäufer
hatten ein leichtes Spiel mit mir. Bald hatte ich dann auch einen Fünfjahres-Vertrag
unterschrieben. Ich fühlte mich zuerst wie im siebten Himmel. Ich war als Mitarbeiter in
Flag und hatte dort einige schlechte Erlebnisse, die ich in
meiner Euphorie jedoch schnell wieder vergass. Zurück in der Schweiz wurde ich dann voll
eingezogen. Die ersten Zweifel kamen als ich im regulären Betrieb mitarbeitete. Ich meine
nicht die Zweifel in Bezug auf das Auditing oder meine
Zeitspur etc., sondern ob das wohl richtig sei, so wie
Mitarbeiter behandelt wurden. Die meisten hatten Schulden so wie ich und arbeiteten für
einen Hungerlohn
. Ich hatte einen 15 bis 16 Stunden-Arbeitstag
zu bewältigen. Auch Samstag und Sonntag war ich im Dienste der Scientology an der Arbeit.
Schlaf hatte ich nur noch etwa 4-5 Std. pro Nacht. (Ich wurde sogar einmal bestraft, weil
ich nicht genug Schlaf hatte!?)
Auditing und
Sicherheitsüberprüfungen erlebte ich und
ich spendete Tausende von Schweizerfranken. Ich merkte ziemlich schnell, daß ich keine
Zeit mehr für mein Musikinstrument hatte und so meldete ich mich beim Personalchef. Da
kam aber nicht viel dabei heraus, denn die Organisation war permanent unterbesetzt. Ich
bekam immer mehr Probleme mit dem Bezahlen meiner Raten. Der Gedanke an ein Privatleben
war in weiter Ferne. Die
Scientology-Organisation
bot mir als Job das verteilen von Werbeflyers an. Ich verdiente dabei sehr wenig, machte
es nahezu gratis. Es reichte bei weitem nicht aus um meine Basiskosten zu decken. So
machte ich meinen Job in der Organisation und hatte einfach keine Zeit mehr mich um die
existentiellen Dinge im Leben zu kümmern. Ich bemerkte auch Unstimmigkeiten was das Ausführen
von Richtlinien betraf. Fragen meinerseits wurden
abgetan oder es wurde mit Ethikaktionen und
Bestrafungen gedroht. Als die Chefin der lokalen
Organisation
mich wieder einmal zusammenstauchte, riss bei mir der Geduldsfaden. Ich ging. Weinend,
aber ich ging.
Damit war es aber noch nicht vorbei. Ich hatte ein
schlechtes Gewissen und nach vier Monaten und reichlicher Bearbeitung durch verschiedene
Scientologen war ich wieder Mitarbeiter, wieder um 50'000Fr ärmer. Doch ich wurde
befördert, ich durfte die
Finanzabteilung
leiten. Ich hatte inzwischen rund 140'000 Franken für Scientology ausgegeben und war am
Ende meines Kredits. Von diesen 140'000 Franken hab ich etwa für 40'000 Franken Kurse und
Auditing erhalten, der Rest wurde mir als Spende abgeschwatzt oder musste für
scientologische Nebenkosten hinhalten. Ich merkte, daß das, was ich mir unter Scientology
vorstellte nicht das war, was in der Organisation praktiziert wurde. Die Widersprüchlichkeiten
häuften sich. Ich hatte zu dieser Zeit ein eigenes Geschäft aufgemacht, wofür ich auch
noch Zeit benötigte. Ein zweites Mal bat ich um eine Reduktion der Arbeitszeit, welche
mit der Antwort "Jetzt nicht!" abgetan wurde. Nach wochenlangen
Ethikaktionen,
Abwertungen,
Comm Ev's,
Strafen etc.
konnte ich nicht anders als ein zweites Mal abzuhauen. Entgültig, so dachte ich. Es
folgten Depressionen und eine Todessehnsucht, da ich mich nicht mehr für Vollwertig
betrachtete. Ich versteckte mich, wurde am Anfang fast täglich von Scientologen besucht
oder angerufen. Ich zerfrass mich fast vor Selbstvorwürfen und begab mich in die
Einsamkeit. Ich wurde fast wahnsinnig bei den Gedanken, daß ein scientologischer
Thetan mir überallhin folgen konnte, meine Gedanken las,
mich kontrollierte........
Ich hatte lange Zeit, bis ich darüber hinweg kam.
Weg, die Flucht vor mir und allem um mich herum, war
mein einziger Gedanke. Ich verkaufte alles was ich hatte, kratzte alle restliche Kohle
zusammen und ging nach Asien, sozusagen als Selbsttherapie. Mehr als drei Jahre reiste ich
in verschiedenen Ländern umher, mein Versagen zu vergessen suchend. Jeden verdammten Tag
habe ich daran gedacht, mich selber abgewertet, bis hin zu Selbstmordgedanken ...
Der Grund wieso ich es nicht tat, was einzig und
alleine die Liebe zur Musik und meinem Instrument. Ich glaubte noch immer ans Auditing,
suchte die Schuld nur allein bei mir selber. Acht lange Jahre ging ich durch meine eigene
private Hölle. Im Wahn versuchte ich verzweifelt herauszufinden, was ich getan hatte,
jetzt und in früheren Leben ...
Ich wurde zum
SP erklärt, einem Feind der Scientology und
der Menschheit. Es war auch noch nicht vorbei, als ich von meinen Reisen zurückkam, es
begann eine Zeit des Wiedergutmachungswahns. Ich wollte wieder ein guter Scientologe sein.
Ich bemühte mich kläglich, und gab auf. Erst viel später erwachte ich aus meiner
Ohnmacht, bemerkte was da geschehen war.
Ich rate jedem, sich Informationen aus verschiedenen Quellen zu besorgen. Ich hab es nicht
getan, vielleicht wäre mir manches erspart geblieben, wenn ich es getan hätte. Ich begab
mich hinein in eine Spirale, aus der sehr schwer zu entkommen ist. Die Gedankenwelt, das
tiefste innere Ich, ängste, Hoffnungen, Glauben, alles umgedreht. Für was das alles?
Vieles musste neu definiert, zurückgedacht werden, ich musste mir klar über die
faschistoiden Züge dieses Systems werden, ich las viel, lernte und versuchte wieder zu
leben. Ich verglich mit meinen eigenen Erlebnissen, wusste über die höheren Stufen
bescheid, kannte die Xenu-Geschichte, konnte mich mehr und mehr von diesem Weltbild
lösen. Ob's schlussendlich ganz gelingt, steht in den Sternen.
K.Maij
Nov 97