(SZ) Heute ist Märchentag, das haben wir einfach so, kraft unserer Wassersuppe, beschlossen. Niemand kann uns davon abbringen, noch nicht einmal ein Riese, obwohl doch ein Riese fast alles kann. Zum Beispiel kann er einen Stein in seine Pranke nehmen und ihn so drücken, dass Wasser heraustropft. Daraufhin tut das tapfere Schneiderlein das Gleiche mit einem Käse, weshalb der Riese den Stein in den Himmel wirft, wo . . . ach, nö, nicht so schnell, lasst uns bei der Szene bleiben, in der das Wasser tropft. Warum mögen Grimm&Grimm das geschrieben haben? Nur, um den Riesen dumm erscheinen zu lassen und das Schneiderlein umso klüger? Nein. Wie in jeder guten Geschichte ist da noch ein Subtext, eine Aussage unter dem Offensichtlichen. In diesem Fall strebt der Riese, während das Schneiderlein nur trickst, nach etwas Reinem. Er ist der Sensiblere von beiden, er will dem Stein die Härte austreiben, will ihn erweichen, und natürlich ist das ein Synonym fürs ganze Leben, in dem man nicht zu hart werden soll, oder? Ja, so kann man das lesen. Und damit zu einer anderen, neueren Geschichte. Sie handelt von einem arabischen Mädchen namens Mara. Seit einem Monat, so will es die Überlieferung einer Nachrichtenagentur, weint die Achtjährige Steine, die so groß sind wie Weizenkörner. Ihr Vater hat den Vorgang gefilmt, also bezeugt, alles ist wahr, und so stellen wir uns vor, wie eine Kette von Körnern aus Maras Augen perlt, wie sie, die Körner, auf den Tisch prasseln, wie einige auf den Fußboden rollen, wo der eifrige, gierige Vater sie aufklaubt, als Beweis. Warum aber weint Mara aus Arabien überhaupt? Nun, wahrscheinlich, weil sie unglücklich ist. Nach dem Reim, den wir uns hier machen, trägt es sich jeden Morgen zu, dass sie von ihrem Vater zur Feldarbeit angehalten wird, die Weizengarben sind ihr Zuhause, bis abends, bis die Sonne langsam von den Halmen aufgespießt wird. Ohne Hoffnung sitzt sie sodann am Esstisch, und ihr rinnt aus den Augen, was sie verzweifeln lässt, ein Korn nach dem anderen, denn Mara ist der einzige Mensch auf der großen weiten Welt, der das vermag, der seine Sorgen nicht in Tränen umwandeln muss, sondern sie direkt ausscheidet, in ihrem Kern. Wie wäre es wohl, wenn auch andere diese Fähigkeit besäßen? Wenn jeder genau das weinte, was ihn bedrückt? Dem Torwart Kahn kullerte dann vielleicht ein Ball aus den Augen, dem Kanzler Schröder die Angst vor dem Machtverlust. Moment: Wie soll das gehen? Welche Konsistenz soll diese Angst haben? Und ist Kahns Problem wirklich der Ball? Müsste er nicht wahnhaften Ehrgeiz weinen? Ach, schon gut, das wird jetzt zu kompliziert; zurück zum tapferen Schneiderlein, nachdem nämlich der Riese den Stein ganz hoch in den Himmel geworfen hatte, griff es in seine Tasche und holte den Vogel hervor, und der Vogel . . .