(SZ) Ich lebe von guter Suppe und nicht von schöner Rede, schrieb Molière. Aber wie wäre es, einmal schöne Rede über gute Suppe zu führen? Über aufsteigende Düfte, über Menschen, die sich langsam und nicht zu weit - nicht zu weit! - über Teller beugen. Wer sich partout nicht beherrschen kann und der heißen Brühe zu nahe kommt, dem beschlägt das Monokel, der muss sich, für Sekunden blind, zurücklehnen. Jener Zügellose ist sofort abgeschottet von der restlichen Welt. Um sich seiner Handlungsfähigkeit zu vergewissern, tastet er nach dem Löffel. Langsam gewinnt der Teller wieder Konturen. Nun wird der Löffel eingetaucht, von allen am Tisch, in den verschiedenen Bruchteilen einer Sekunde und doch auf dieselbe Art. Alle beginnen am Rande, wo die Suppe nicht mehr so heiß ist. Und dabei bleibt es. Selten nur verlässt der löffelnde Mensch die Außenbezirke, und nie am Ende, da er das Porzellan schräg hält, mit elegant ausgestrecktem Zeigefinger, sodass der kalte Rest wie gewünscht zur Tellerwand schwappt, fließt, kriecht, sickert. Das ist die menschliche Methode. Und was soll man sagen, auch die nahrungssuchenden Fische im See streben unaufhaltsam zum Rande. Zu den Ufern, wo Bäume ihre Kronen übers Wasser gebeugt haben. Ja, die Fische verbringen ganze Tage unter Bäumen. Zur Not auch in der Nähe von Sträuchern. Und dann schnappen sie nach ins Wasser gefallenem Grünzeug. Die Landpflanzenteilchen können bis zu 50 Prozent ihrer Nahrung ausmachen, wie gerade ein schwedisch-amerikanisches Wissenschaftlerteam herausgefunden hat. Von den üblichen Algen, die in den Tiefen der Seen treiben, würden sie gar nicht satt. Die Suppe, die Fische, was für Zeichen! Und wie sie doch immer wieder übersehen werden! Wie der Mensch meint, zur Mitte drängen zu müssen, zuletzt Ottmar Hitzfeld, der, so hört man, seine Außenläufer nach innen verschieben will. Wo sie was tun werden? Na, den anderen auf die Füße treten. Nur einer auf der weiten Welt hat alles begriffen, nur einer tanzt ausschließlich an der Eckfahne, das ist Aki Kaurismäki, der Finne, der auf Landgang zwischen zwei Wodkas - oder tief in ihnen - die besten Filme macht. Randstreifen, sozusagen. In Calamari Union lässt er ein Dutzend abgerissener Typen, die am düsteren Ende Helsinkis leben, auswandern. Sie heißen alle Frank. Sie müssen durchs feindliche Zentrum der Stadt, zerstreuen sich, begegnen sich wieder: Hallo Frank, was von Frank gehört? - Nein, Frank. Sie wollen weit weg, an das andere, das helle Ende der Stadt. Aber nur zwei schaffen es. Das heißt, sie denken, sie hätten es geschafft. Sie müssen sehen, dass die verdammte Mitte ihr Paradies schon aufgesogen hat. Da setzen sie sich in einen Kahn und rudern aufs Meer, weitersuchen, und ihre Blätter tauchen so asynchron ins Wasser wie, nun ja, wie Löffel in die Suppe.