(SZ) Die Wendung, jedes Tierchen habe sein Pläsierchen, gewinnt ihre Schönheit erst durch das Wissen, dass es sich dabei um die Schöpfung des sächsischen Mundartdichters Edwin Bormann handelt. "Jädäsdierschn hadsäinbläsierschn" hat er wohl bei seinen Lesungen im Rahmen des "Zoologischen Liedergartens" gesagt, aber wie auch immer: Glaubt man R. Bommelis zur selben Zeit entstandenem Werk "Die Thierwelt in gemeinverständlichen Abhandlungen" von 1894, ist das Pläsierchen des indischen Königstigers das Erbeuten von Postboten. Schaudernd schreibt er, eine Tigerin habe "in einem Engpasse mehrere Monate hindurch Menschen erwürgt, darunter etwa ein Dutzend Briefträger". Man könnte heute versucht sein, eine solche Wahl der Leibspeise als gerechte Strafe für die Dienstleistungskonzepte der Post AG zu verstehen, die ja allein darin bestehen, Filialen und Briefkästen zu beseitigen, also zu verschwindenden Dingen zu machen, die niemand mehr zählen kann. Leider gilt eben dies auch für den Tiger, der sich vor dem Menschen längst in die letzten Dschungel und Sümpfe geflüchtet hat, an Orte also, wohin sich noch nie ein Briefträger wagte. Die indische Regierung hat nun dorthin Zähltrupps ausgesandt. Die letzten Tiger zählen: ein trauriges Geschäft. Andererseits werfen die von Bommeli genannten spezifischen Eigenheiten des Tiers gewisse Probleme für dessen Quantifizierung auf, was wiederum darauf verweist, dass das Zählen nur nach Adam Riese einfach, in der Praxis aber eine verzwickte Sache ist. Der Bundesminister der Finanzen hat sogar eine eigene Kunst entwickeln müssen, nicht vorhandene Milliarden zu zählen, nur um auf das Phänomen zu stoßen, dass sich diese beim Zählen rätselhafterweise immer weiter vermehren. Leichter hat es das Meereszentrum Fehmarn, dessen Mitarbeiter unlängst durch Auflisten, Wiegen und Messen der Frage nachgingen, was und wer sich in ihren Aquarien eigentlich herumtreibt. In der Regel reicht es, kurz das Wasser ablaufen zu lassen und dem Fisch das Maßband anzulegen; die Haie wurden vorsichtshalber eher großzügig durch die Glasscheibe vermessen. Aber wo ist der Tiger? William Blake hat die große Katze so beschworen: "Tiger! Tiger! grauses Licht, das aus Nacht und Wäldern bricht." Das ist keine schöne Lektüre für die Mitglieder der Zählkommission, die sich daher Stahlhelm und Schutzweste übergestreift haben. Ihr Los gleicht dem jener Unglücklichen, welche die Bundesregierung einst aussandte, das Volk zu zählen, und deren Begehren nicht selten mit Hieben und Bierdosenwürfen beantwortet wurde. Auch der Tiger ist von seiner ganzen Anlage her eher unkooperativ, was ihn noch mit der Deutschen Post verbindet. Deren Briefe kommen auch ganz ohne Tiger zu spät an.