(SZ) Heute tut diese Kolumne, was der Kellner Mager in Thomas Manns Roman "Lotte in Weimar" tat, nachdem er die Hofrätin Charlotte Kestner, geb. Buff, bis zur Bewusstlosigkeit belabert hatte: Er stemmte, halb schon im Gehen, "bremsend ein Bein auf den Boden und hielt der Balance halber das andere in die Luft". Genauso machen wir es, weil es uns siedend heiß einschießt, dass wir seit vier Jahren ein Problem haben und nichts dazu sagen. Das Problem besteht darin, dass es für das seit 2000 laufende Jahrzehnt nach wie vor keine bündige Bezeichnung gibt, vergleichbar mit den Zwanzigerjahren alias Zwanzigern und geeignet, mit schmückenden oder charakterisierenden Adjektiven versehen zu werden: die wilden, verrückten, roaring, dummen, romantischen - aber was? Sprachpflegerisch tätigen Institutionen ist das Manko bekannt, und sie können es auch beschreiben. Demnach hat die Sprachgemeinschaft keine Schwierigkeiten, Jahrzehnte zu benennen, deren Zehnerwert durch auf -zig oder -ßig endende Zahlworte ausgedrückt wird. Sie hängt das Suffix -er dran und fertig ist die Laube. Ein simples System, das aber scheitert, sobald die Zahlwörter aus der Reihe tanzen. Bei Dekaden mit den Endzahlen 10 bis 19 geht es ja noch an. Die lassen sich, wenn man die Ausreißer elf und zwölf vernachlässigt, als Zehnerjahre kategorisieren. Anders die 00/09- Dekaden. Hier sind die Zahlwörter zwar beneidenswert kurz, aber dafür von archaischer Originalität und Sperrigkeit. Wenn man sich deswegen entschließt, die Anfangszahl null zur Richtschnur zu nehmen, gerät man vollends in die Bredouille, weil daraus hauptsächlich ehrenrührige Benennungen resultieren: Nullerjahre und Ähnliches. Das erinnert fatal an den Nullinger, der auch Nullchecker genannt wird und unter Schimpfwörtern wie Lusche oder Saftheini sein Auskommen hat. Die Versuchung ist groß, die Schwerbenennbarkeit beziehungsweise Nullität als schicksalhaft aufzufassen oder, noch besser, jemandem die Schuld daran zuzuschieben. Natürlich ist das ungerecht, weil schon frühere erste Dekaden unter diesem Mangel litten, ohne dass man den oder den dafür hätte verantwortlich machen können. Allenfalls wäre die Theorie zu entwickeln, wonach es die Zeit nach Jahrhundert- oder gar Jahrtausendwechseln schwerer als sonst hat, wieder in die Gänge zu kommen und sich so zu entwickeln, dass die ersten Jahrzehnte auch jenseits der Zahlwörter zu einem Titel kämen. Der Wechsel von 1999 auf 2000 war dafür ein gutes Beispiel. Wie das nach dem Millenniumsgetöse mühsam wieder anlief, du meine Güte! Hätte die Bundesregierung nicht derart beherzt angeschoben, wer weiß, was aus dieser Dekade geworden wäre. Wenn sie nun noch einen tollen Namen dafür erfände, könnten wir unser anderes Bein endlich wieder auf den Boden stellen.