(SZ) Ende Dezember. Das sind jetzt die seltsamsten Tage. Man lebt in zwei Jahren zugleich - ratlos blickt man zurück ins Vergangene, furchtsam hinaus in die Zukunft. Und weiß nicht, was soll es bedeuten. Der Mensch könnte konfus und haltlos werden in dieser Zeit, stünden ihm nicht die vielfach bewährten Helfer zur Seite: Unsere Klassiker! Lessing, Goethe und Schiller natürlich. Bach, Mozart, Beethoven. Aber auch diese drei hier, sie vor allem: die Rede des Bundespräsidenten, die Rede des Bundeskanzlers und Dinner for One. Fast unvorstellbar, dass es jemals anders war. Wobei alle Präsidentenreden Variationen einer einzigen Rede sind, ihr Leitmotiv: Halten wir inne! Und alle Kanzlerreden eine einzige Rede, ihr Motto: Packen wir's an! So lernen wir alljährlich von Präsident und Kanzler, worauf es auch im nächsten Jahr entscheidend ankommen wird in Deutschland: innehaltend anzupacken einerseits, anpackend innezuhalten andererseits. Es ist alles viel einfacher, als man glauben möchte. Johannes Rau hat den Anfang gemacht, es war seine letzte Weihnachtsansprache als Präsident. Und siehe, er hat es gut gemacht, und alles war, wie es sein muss: absolut klassisch! Links die dicke rote Kerze. Der kleine Tannenzweig. Die Christrosen. Rechts die mächtige Fahne mit dem wunderlichen Bundesadler. Ein Zoom am Anfang, ein Zoom am Ende, sonst meditative Konzentration. Weihnachtlich still ruhte das Auge der Kamera auf dem Bundespräsidenten und auf der hinter ihm in die Höhe ragenden Bücherwand. Natürlich könnte man sich über das Gutbürgerlich-Evangelische sowie Zeitlos-Altväterliche dieser Präsidentenrede (wie aller Präsidentenreden) lustig machen. Frohlocken wir lieber! Dass unsere Präsidenten als die guten Großväter der Republik auftreten, ist nicht die schlechteste Fügung, denkt man an andere Präsidenten dieser Welt. Sie kommen nicht auf dem Schlachtross und schießen nicht mit dem Gewehr in die Luft. Sie ziehen keine Bomberjacken an und halten nicht die Hand aufs Herz, wenn sie "Deutschland" sagen. Auch von Problemen mit Praktikantinnen ist bei unseren Ersten Männern nichts bekannt. Gottlob, möchte man rufen. Was bringt das neue Jahr? Viel weiß man nicht. Doch das Buch des Jahres, das kennen wir schon. Es heißt "Das Methusalem-Komplott", verfasst hat es Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ und einer der großen alten Männer des deutschen Journalismus. Auch die ersten Sätze aus der Kampfschrift sind schon bekannt: "Die Menschheit", so Schirrmacher, "altert in unvorstellbarem Ausmaß. Wir müssen das Problem unseres eigenen Alterns lösen, um das Problem der Welt zu lösen". Von Rau gestärkt, auf Schröder wartend, dürfen wir heute schon sagen: Kein Problem! Halten wir inne, packen wir's an!