(SZ) Was nicht alles verschwindet oder schon verschwunden ist: Heinzelmännchen, verjagt durch dumme Neugier; tasmanische Beutelwölfe und flugunfähige Dronten, ausgerottet durch blöden Jagdeifer; kleine Zitronenäpfel und harte Holzbirnen, verdrängt durch schlappes, zu groß geratenes Plantagenobst; Schellackplatten, durch Bruch zerstört, durch unzerbrechliches Vinyl ersetzt; Manieren, vergessen ohne Not. Jetzt scheint das echt deutsche Weihnachten bedroht, weil Vater nicht mehr tibetmönchartig auf dem tiefsten Ton brummt, weil Mutter - Pastorentochter, die sie ist - nicht mehr glockenhell drei Oktaven drüber einstimmt und weil Max und Moritz, diese beiden, nicht mehr krähen: "O Tannenbaum, o Tannenbaum, der Bäcker hat in' Sack gehaun!", und was das festtägliche Liedgut sonst noch bereithält. Im Grazer "Büro für Weihnachtslieder" kann, wer will, zwölftausend einschlägige Lieder abrufen, aber kaum eines wird mehr unterm Christbaum gesungen. Stattdessen läuft der CD-Player mit so schönen neudeutschen Gesängen wie "Jingle Bells" und "Rudolph The Red-Nosed Reindeer". Höchste Sangeskunst tönt aus dem Lautsprecher und nimmt den schenkenden und beschenkten Laien den Mut, die eigene Stimme mutig zu erheben: "O du fröhliche!" Laut Allensbach sang die deutsche Familie vor 30 Jahren noch zu 52 Prozent am Heiligen Abend, heute nur noch zu 41 Prozent, und in Ostdeutschland raffen sich höchstens 33 Prozent auf. Gewiss, wer erschrickt nicht, wenn aus Gründen der Familiensentimentalität die Stimmbänder plötzlich in ungewohnte Schwingungen versetzt werden sollen? Schon runzelt der Musikpsychologe Karl Adamek sorgenvoll die Stirn: Das "Singen aus der Seele heraus" verkümmere, ein "Verfall der Singkultur"drohe. Also, nach Kultur hat das ja selten oder nie geklungen, doch machte es einst Spaß, wenn alle mitsangen und man selber die Texte unbemerkt verballhornen konnte. Außerdem wurde sonst auf Instrumenten musiziert, was freilich leichter fällt, als vorzutreten und zu singen. Immerhin gibt es heute rund acht Millionen Hobbymusiker, jeder zehnte Deutsche spielt ein Instrument. Doch Gesang? Da manchmal seltsame Grunzlaute sich der Kehle entringen und von geläufigen Gurgeln keine Rede sein kann, ergreift den Empfindsamen Scham. Der geborene Tenor und die zukünftige Primadonna sind dagegen schon unterm Weihnachtsbaum Exhibitionisten von Graden. "Singen ist die perfekte Angstbewältigung", sagt unser Musikpsychologe. So therapeutisch wollen wir es gar nicht treiben, sondern mit Lust und Leidenschaft die Kehlen weiten und wenigstens hier den Herzog-Ruck durch Land, Mark und Bein fahren lassen. Singt also, Leute, und denkt an den alten Spruch: Nur böse Menschen haben keine Lieder.