(SZ) Über König Heinrich VIII. heißt es in einem alten Lexikon, "mittelbar" verdanke England "diesem grausamen, aber kraftvollen Despoten viel", und es unterliegt keinem Zweifel, dass zu diesen seinen mittelbaren Verdiensten auch einige Gespenster gehören. Auf Schloss Hampton Court zum Beispiel geistert es intensiver als sonst wo im United Kingdom. Das liegt unter anderem daran, dass Heinrich dort von der angeblichen Untreue seiner fünften Gemahlin Catherine Howard erfuhr, einer Cousine übrigens seiner zweiten Frau Anne Boleyn. Rigoros, wie er in solchen Dingen war, ließ er Catherine am 13. Februar 1542 enthaupten. Seitdem gehört sie zu den festangestellten Geistern von Hampton Court, wo sie nachts vor Heinrichs Gemächern zu rumoren pflegt, und folgerichtig wurde sie sofort ins Gespräch gebracht, als jetzt auf Hampton Court ein Geist von einer Überwachungskamera festgehalten worden war. Bei den Geistersehern ist die Neuigkeit auf gewaltiges Wohlwollen gestoßen. Nach all den Jahren, da man zum Beweis des Jenseitigen oder jedenfalls des Unheimlichen nichts vorzuweisen hatte als die trüben, ja meist völlig lächerlichen Fotos des "Ungeheuers" vom Loch Ness (das ja, wenn es denn überhaupt existiert, nicht einmal ein Geistwesen sein dürfte, sondern eine öde, wenn auch ziemlich fette Seeschlange) - nach all dieser Frustration hätte man nun einen Beleg fürs Über- respektive Außerirdische, der den Skeptikern zu beißen und möglicherweise zu denken gäbe. Dass die Gespenster in den vielfältigsten Formen umgehen, als Schemen, Lichter, Tiere, Gegenstände und so fort, ist bekannt; es fehlen jedoch die sozusagen gerichtsverwertbaren Indizien. Zwar hat man schon, etwa um dem Geheimnis der vermutlich abnormen Beine der Geister auf die Spur zu kommen, Asche ausgestreut und darin später prompt Vogelfußabdrücke gefunden. Die Asche aber ist längst verweht, wurde vielleicht sogar von den gegen Ausspähung überaus empfindlichen und darin auch sehr nachtragenden Geistern weggeblasen. Nebenbei könnten in der Asche tatsächlich Vögel herumgelaufen sein: Weiß man denn, was die Hühner nachts wirklich tun und schaffen? Überwachungskameras sind da schon eine andere erkennungsdienstliche Kategorie, und der Umstand, dass der gefilmte Geist gerade die Tür des Notausgangs schließt, weist darauf hin, dass er sich seiner prekären Lage bewusst war. Freilich, um Catherine Howard handelt es sich nicht: Die wurde enthauptet, hätte also nach uraltem Geisterbrauch mit dem Kopf unter dem Arm auftreten müssen. Die Frau auf dem Video hat ihren Kopf jedoch deutlich auf den Schultern. Apropos Video: Man schimpft heute darüber, aber Heinrich und noch mehr seinen Frauen wäre viel Ungemach erspart geblieben, wenn die Schlösser damals sauber überwacht gewesen wären.