(SZ) Bislang treibt es das Menschengeschlecht frech in den Tag hinein, obwohl es zu Recht aus dem Paradies flog, seitdem im Schweiße seines Angesichts schuften muss, Kinder unter Schmerzen bekommt und letztlich wenig zu lachen hat. Aber die Aufforderung des Obersten, sich die Erde untertan zu machen, hat es so befolgt, dass die Fetzen flogen und die Arten sterben wie die Fliegen. Der Mensch, das skrupellose Tier, verdrängt, verfolgt, vernichtet, was ihm vor Pfeil und Flinte kommt, frisst ganze Landstriche nachhaltig kahl und manchmal auch seinesgleichen. Er powert die Böden aus bis zur Unfruchtbarkeit, fischt die Meere ratzeputz leer, produziert Treibhausgase, was das Zeug hält, und häuft seinen Müll zu Gebirgen. Die zweite Empfehlung des Obersten hat er erst recht ohne Rücksicht auf Verluste umgesetzt: Mehret euch! Ein Wimpernschlag in der Geschichte des Universums und schon haben wir gut sechs Milliarden Männeken auf dem Globus. Der dreht sich noch, aber er ächzt laut unter den Menschen. Mancher Blick in die Zukunft kann aber trösten, es wird alles besser werden. Etwa Deutschland 2300: endlich Platz, freie Bahn, keine Staus mehr, keine überfüllten Züge, keine Engpässe auf dem Wohnungsmarkt, keine Schlangen vor Schnäppchenläden und Skiliften - endlich Raum genug für das deutsche Volk. Laut UN-Bericht zur Weltbevölkerung brauchen die Deutschen nur so weiterzumachen wie bisher, dann leben in dreihundert Jahren womöglich alle in Berlin, schon wegen verwaltungstechnischer Vereinfachung: Drei Millionen soll es dermaleinst nur mehr geben. Wie schön leuchtet dann die Natur, wenn im weiten Rest des Landes wieder Wisentherden durch ausgedehnte Urwälder ziehen, von Auerochsen und Tarpanen nicht zu reden. Niemand baut in Überschwemmungsgebieten außer Bibern, und man nähert sich politisch dem Zustand einer spree-athenischen Polis mit Scherbengerichten und Direktdemokratie an. Gewiss, der Anteil an Schills wird der gleiche wie heute sein, und Nachbarn werden sich wie bisher wegen überhängender Zweige und Lärmbelästigung zerstreiten, trotz der enormen Möglichkeiten, einander vom Leib zu bleiben. Nichts typisch Deutsches wird verschwinden, keine Vermittlungsausschüsse und Schiedsgerichte, was die schöne Aussicht nur ein wenig trübt. Selbstverständlich werden Männer wie Frauen mindestens 100 Jahre alt, also Heesterse, Jüngers und Riefenstahle allüberall. Deutschland 2300, überschaubar wie ein Stadtstaat, das könnte schön sein. Doch wahrscheinlich werden die drei Millionen Restdeutschen auf Mallorca leben und die schon vom heiligen Beuys verlangte "Verwaldung" Kassels, nun aufs ganze Land ausgeweitet, Hausmeistern und Nachtwächtern überlassen.