(SZ) Dem homerischen Helden Odysseus gab man den Beinamen "Städtezerstörer". Er hatte ein mit Kriegern gefülltes Holzpferd ersonnen und damit die Stadt Troja entsorgt. Zu jener Zeit bedurfte es keiner großen Menge von Luft-Boden-Raketen, sondern großen Listenreichtums, um "Städtezerstörer" genannt zu werden. Und listenreich war er, der König von Ithaka. Einmal wurde er mitsamt seinen Gefährten vom Zyklopen Polyphem gefangen gesetzt. Diesem Menschenfresser machte Odysseus weis, sein Name sei "Oudeis", zu Deutsch: Niemand. Als er Polyphem bei einem Ausbruchsversuch dann einen glühenden Holzpflock in sein einziges Auge gestoßen hatte, rief der die benachbarten Zyklopen herbei und brüllte durch die ambrosische Nacht: "Niemand hat mich geblendet!" Da entgegneten die anderen Riesen leicht indigniert, wenn niemand ihn geblendet habe, sei ja wohl alles in Ordnung, und ließen Polyphem zetern. Odysseus aber entkam. Alte Kamellen? Durchaus nicht, denn das Für und Wider des Namens "Niemand" hat gerade erst ein Standesamt in Berlin beschäftigt. Dort wollte eine junge Mutter ihren Sohn Nemo nennen, ihm also das lateinische Wort für "Niemand" als Vornamen geben, um so ihrer Vorliebe sowohl für den digitalen Film-Fisch Nemo als auch den Jules-Verne-Kapitän gleichen Namens ein lebendes Denkmal zu setzen. Das Standesamt entschied zu Gunsten der Antragstellerin. Ihr Sprössling heißt jetzt und für alle Zeit Nemo Scheinhardt. Viele werden nun sagen, Mutter Scheinhardt habe an ihrem wehrlosen Baby ähnlich schimpflich gehandelt wie jene Eltern, die ihre Kinder "Momo", "Windsbraut", "Winnetou" oder "Pumuckl" taufen. Diese Kritiker verkennen die unbestreitbaren, wenn auch zum Missbrauch einladenden Vorteile, die der Name Niemand bietet. Wie eine verbale Tarnkappe ist er, das könnte Scheinhardt junior schon im Kindergarten merken: "Wer hat denn deine Legoburg zertrampelt?" würde die Kindergärtnerin einen heulenden Kevin oder Justin oder Leon fragen. "Nemo!" würde ihr zur Antwort werden. Da würde sie sich ein bisschen wundern, dass der Kleine schon Latein kann, und dann leicht indigniert entgegnen, wenn niemand die Burg kaputt gemacht habe, sei ja wohl alles in Ordnung. Niemand kommt ungeschoren davon. Nur Nemo. Man sieht schon, der Name bringt erhebliche Verantwortung mit sich. Zu schlimmeren Vergehen als der Zerstörung einer Spielzeugburg sollte sein Träger sich keinesfalls hinreißen lassen. Doch selbst eine solch lässliche Sünde liefe der Natur eines echten Nemo ohnehin völlig zuwider. Denn "vitiis nemo sine nascitur" - Niemand wird ohne Fehler geboren, sprachen die weisen Römer. Mit anderen Worten: Nemo ist vollkommen.