(SZ) Obwohl viele Erwachsene Gegenteiliges behaupten, werden die Kinder immer klüger, und zwar auf der ganzen Welt. Man kann das daran sehen, dass sie zwar immer noch ihre possierlichen Briefe an den Weihnachtsmann schicken und diesen nach wie vor in irgendeiner Rentierstraße/irgendeinem Schlittenweg vermuten, obige Adressen aber nicht mehr in der Schweiz wähnen. Wie anders doch vor 50 Jahren: Damals war die Hälfte aller Schreiben, welche die eidgenössische Post an den Weihnachtsmann weiterleiten sollte, im Ausland abgesendet worden. Viele Dummerchen von Friesland bis rüber nach Idaho hatten geglaubt, da es in der Schweiz so vielBerge und Schnee gebe, müsse dort und nirgendwo anders Knecht Ruprecht herumstapfen. Kinder? Natürlich habt ihr Recht. Der Weihnachtsmann wohnt nicht in der Schweiz. Aber hört von einem anderen Geheimnis aus diesem Land, ihr glaubt es nicht, lasst mal eure Playstation in Ruhe und setzt euch leise auf euren Strumpfhosenboden. In der Schweiz, Kinder, regiert nämlich ein Baum, der mächtiger und gefährlicher ist als alle mächtigen, gefährlichen Könige zusammen. Es ist ein riesiger Baum. Gerade hat er all seine Blätter verloren, und noch trägt er kein bisschen Schnee, noch hängen keine Eiszapfenschwerter an ihm, so dass seine kahlen Äste am Nachmittag, wenn die lila Sonne langsam vom Himmel fällt, sich wie ein großes Geweih auf die Alm legen. Meistens zittert das Geweih lautlos im sanften Wind. Aber zuweilen, im Sturm, beginnt es, gar fürchterlich zu klappern. Es reckt und streckt sich, es greift nach jedem, der sich in der Nähe befindet, oh ja, dieser unheimliche Baum ist schnell und beweglich. Und sogar sprechen kann er. "Schwer wiegt der Zorn der Könige", fluchte er am 28. September, das ist ein Zitat vom Philosophen Seneca, der noch älter ist als der Weihnachtsmann. Ihr seht, der Baum ist durchaus weise. Aber vor allem ist er unberechenbar, und deshalb hat er an jenem 28., kurz nachdem er so geflucht hat, aus seinem Geweih eine messerscharfe Scherenhand gemacht, hat mit ihr in den Himmel gelangt und eine Stromleitung durchtrennt, die nach Italien führte. Das geschah, wenn ihr es genau wissen wollt, um 3.01 Uhr. Und um 3.20 Uhr wurde es in ganz Italien stockdunkel, und vor Schreck verkeilten und verknoteten sich alle Autos und Menschen, die noch wach waren. Seht ihr nun, wie mächtig dieser Baum da ist? Bis eben, Kinder, hieß es, ein Blitzschlag wäre an allem schuld gewesen. Aber in Wirklichkeit war es der wütende Baum! Wissenschaftler haben das herausgefunden. Wissenschaftler finden alles heraus. Irgendwann werden sie auch sämtliche Rentierstraßen und Schlittenwege des Universums durchstreift haben und euch mitteilen, dass es gar keinen Weihnachtsmann gibt. Dann, ihr Süßen, müsst ihr ganz, ganz tapfer sein.