(SZ) Der Himmel war aus abgestandener Milch. Das nasse Laub pappte auf den Straßen. Einige Bürger hielten die Luft an, aus Angst, sie würden an den Flüchen der anderen ersticken. Und während sie das taten, schlossen sie sicherheitshalber auch die Augen. Als sie aber ihre Augen wieder öffneten, erblickten sie hinterm Brandenburger Tor eine Skisprungschanze. Ein Metallgestänge, das sich von einem Anhänger erhob. Das Ganze erinnerte an die guten, alten Stabilbaukästen, an Stille und Klarheit, an schwielige Hände, an den Geruch von Eisen. Aber nur im ersten Moment. Dann fräste sich der Tag weiter ins Gemüt, schmerzvoller als zuvor, denn es gelangte ins Blickfeld eine riesige lila Kuh, es kamen in die Quere lärmende Menschen, die magentafarbene Plastikhände verteilten, und es trat ans Mikrofon ein Mann, der in einem cremetortenähnlichen Dialekt salbaderte, Skispringen gehöre nach Berlin. Das war Hans Mahr, RTL-Info-Direktor. Sind wir Misanthropen? Hassen wir das Skispringen? Verachten wir Cremetorte? Alles falsch. Wir lieben den Genuss und die Menschen und hier insbesondere die Skispringer. Wie elegant, wie abenteuerlich, wie metaphysisch ihr Flug ist! Längst sind wir im Banne jener perfekt getrimmten Wesen, die kranichgleich durch die Lüfte schweben. Wir wollen sie unbedingt sehen, fahren jedes Jahr zum Bergisel und schauen ihnen erregt zu, und ihre Bewegung und ihr Mut inspirieren uns, jawohl, auch wir wollen gern ein Risiko auf uns nehmen, und deshalb trinken wir Obstler und werfen Schneebälle auf die Ösis. Auch widersprechen wir jetzt dem Mahrhansi nicht. Skispringen gehört nach Berlin. Was wir wünschen, ist nur ein wenig Stil. RTL hat ja bloß so ein kleines, bunt beklebtes Ding hingestellt, eine Art Rutschbahn, hat daneben Sponsorentiere aufgeblasen, ein paar steife Semipromis fünf Meter kurz hüpfen lassen und das Ganze als Saisonauftakt deklariert. Kuheuterblöd, das. Ja, sehr dumm, einfach herzukommen, bunte Perlen ins Flachland zu streuen und nicht zu wissen, dass Berlin schon voller Tradition ist; Berlin hat 1927 genau 362 Kinos, 49 Theater und eine große Schanze gehabt, die stand im Grunewald, nahe bei Onkel Toms Hütte. Und es sprang von ihr sogar Birger Ruud. Hansi? Du weißt doch, wer Birger Ruud war? Außerdem ist der Himmel über der Stadt, in den die Spielzeugspringer sich gerade zu erheben versuchten, seit einem Wenders-Film voller mystischer Wesen. Wer das weiß - aber nur der! - kann sie sehen. Milde lächelnd, ausgestattet mit Flügeln und Zöpfen, überschauen sie die Stadt. Manchmal retten sie jemanden, manchmal misslingt es auch, und manchmal lässt sich einer von ihnen nieder, geht abends zu einem Konzert von Nick Cave und verliebt sich. Wie tröstlich. Bald ist wieder Abend in Berlin, beste Zeit für glückliche Landungen.