(SZ) Manches weiß man schon längst, weigert sich aber hartnäckig, davon auch überzeugt zu sein. Das ist bekanntlich menschlich, allzu menschlich. Tatsächlich dürfte es sich bei dieser Verweigerung von Einsicht um eine geradezu ur-humane Qualität handeln, ohne die etwa in unserem demokratisch verfassten Staatswesen nichts mehr liefe. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn der Wähler endlich die Einsicht beherzigte, dass ihm vor Wahlen fast alles versprochen, hernach aber so gut wie nichts eingehalten wird. Was im Übrigen die Politik anbelangt, sind die Wahrheiten noch viel schauerlicher und außerdem auch viel länger bekannt, als unsere demokratische Verfassungswirklichkeit Bestand hat. Solches gilt zumal für die Erkenntnis, die der schwedische Kanzler Axel Oxenstierna Freiherr von Södermöre auf dem Sterbebett im August 1654 seinem Sohn anvertraute: "Wenn Du wüsstest, mein Sohn, mit wie viel Dummheit die Welt regiert wird!" Wer aber regiert die Welt, wenn nicht die großen Multis, die weltweit agierenden Industriekonzerne, die Daimlers und Chryslers, deren Geschicke von wahren Business-Titanen, von Halbgöttern des Shareholder value, jedenfalls von Übermenschen, mit ruhiger Hand gelenkt werden. Diese Herren pflegen von der Höhe ihrer mit Know-how unterfütterten Erfolgsbilanz auf das hilflos-lächerliche Gewusel der Politik herabzublicken, das ihnen ein Glasperlenspiel im Sandkasten zu sein dünkt. Was Wunder, dass es bisweilen zu ärgerlichen Friktionen kommt, wenn beide Sphären einander berühren, wenn einer der Glasperlenspieler beispielsweise allen Ernstes einen solchen Weltkonzern um Rat und Tat angeht. Sagen wir: für ein Mautsystem, mit dem die Lastwagen besteuert werden sollen, die im Sandkasten die Glasperlen von A nach B transportieren. Machen wir, sagt herablassend der Halbgott und fügt noch gönnerhaft hinzu: Du bekommst das allerbeste System, eines, um das sie dich in allen anderen Sandkästen beneiden werden. Toll, wirklich total toll, tönt es ehrfurchtsvoll zurück. Damit ist dann auch schon die Quintessenz des geheimen Vertrags verbindlich formuliert, den beide Sphären für das Projekt vereinbaren, dem sie konsequenterweise den Namen Toll Collect geben. Dumm nur, dass Toll Collect nicht so toll ist, wie versprochen: Es ist schlicht gar nicht. Null. Nada. Nix mit Toll. Im Sandkasten herrscht deshalb helle Aufregung. Glasperlen fliegen, Sand knirscht zwischen den Zähnen. Da ertönt von oben herab die Stimme des Toll-CollectBosses von Daimler-Chrysler und verkündet die erregende Binse: Noch funktioniere das System nicht. Man habe jedoch "nicht die eigenen Fähigkeiten überschätzt, sondern die Komplexität der Technik und den Zeitaufwand unterschätzt." Voll toll.