(SZ) Alles, was ist, trägt den Keim des Zerfalls in sich. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir auch ständig daran erinnert werden wollen, und so gibt es denn nichts Menschenfreundlicheres, als wenn ein Produzent seinem Zeug die Anmutung mit auf den Weg gibt, es sei von Dauer. Einer, der das auf exemplarische Weise tat, war der in Hannover ansässige Keks-Fabrikant Hermann Bahlsen, der schon vor beiläufig hundert Jahren die Verpackungen mit dem TET-Zeichen bedrucken ließ, in Anspielung an eine ägyptische Hieroglyphe, die, wie Keks-Esser von Format wissen, so etwas wie "ewig" bedeutet. Nichtsdestoweniger sind auch Kekse endlich, sofern man nicht der Theorie anhängt, dass sie im Körper ihres Essers aufgehen und dort irgendwie weiterleben. Oft scheint ihr Verfall freilich lange vor dem Verzehr einzusetzen. Dann kommen die Kekse schon völlig zerbröselt aus der Packung und können zusehen, wie sie im und mit dem Müll weiterexistieren. Es spricht für den Realitätssinn britischer Forschung, dass sie sich nun dieses Themas annahm. An der Loughborough University hatte man Zweifel, ob die Brösel auf unsachgemäße Behandlung beim Transport zurückgehen, und die aus diesen Zweifeln geborenen Ergebnisse zeigen uns den Keks als ein Wesen, das keineswegs so einschichtig ist, wie wir bisher vermutet hatten. Nicht dass man nun gleich das Schicksal als solches bemühen müsste, aber dass der Keks ein Zerrissener ist, davor wird man künftig, wenn einem wieder einmal nichts als Brösel aus der frischen Packung entgegenrieseln, die Augen nicht mehr verschließen können. Tatsache ist, dass sich Kekse beim Verlassen des Backofens nach Feuchtigkeit sehnen und sie aus der Luft aufnehmen, so gut sie können. Das geschieht in den äußeren Schichten, die sich folglich wieder ausdehnen, und zwar "wohlig", wie anzunehmen ist. Die inneren Schichten hingegen bleiben trocken und ziehen sich zusammen, und an dieser Spannung kann der Keks nur stärker werden oder scheitern. Unsereins redet oft und leichthin von Zerreißproben: Der Keks kennt sie und könnte, wäre das seine Art, ein Lied davon singen. Bleibt die Frage, ob der Keks, selbst wenn er schweigt, uns nicht doch etwas lehren will. Es ließe sich jetzt lang und breit darüber schwadronieren, dass wir, kaum haben wir den Ofen des Lebens verlassen, an der Welt und ihren Bedingungen zu scheitern drohen; dass es manche von uns zerbröselt hat, bevor sie zeigen dürfen, was aus ihnen sonst noch hätte werden können. Das ist aber allgemeines Menschenlos und war auch lange vor der Erfindung der Kekse schon so. Wahrscheinlich sollten wir uns auf die kleinstmögliche Nutzanwendung beschränken, und die lässt sich ungefähr so formulieren: Bevor's dich zerreißt, trink lieber einen guten Schluck!