(SZ) Früher gab es im Fernsehen nur drei Programme, die Zahl der Nachrichtensendungen war überschaubar wie die der Nachrichtensprecher. Herr Köpke kam im Ersten, Herr Wieben auch, im Zweiten gab es Herrn Klarner und Herrn Diepholz. Lauter lebenskluge Herrschaften, die sich niemals versprachen, und wenn sie sich doch mal im Wald der schwierigen Begriffe verirrten und Aufpitschmuttel sagten statt Aufputschmittel, entschuldigten sie sich sogleich mit dem schuldbewusst gehauchten Wort "Verzeihung". Diese Männer waren Vertrauenspersonen für ihr Publikum, verlässliche Freunde, die in alle Wohnzimmer blickten, in Millionen von Wohnzimmer und in jedes Einzelne. Manchmal bekamen sie sehr ernst gemeinte Briefe von den Zuschauern. "Herr Wieben", stand darin, "haben Sie gesehen - wir haben frisch tapeziert!" Oder: "Herr Köpke, wie finden Sie meinen neuen Bademantel?" Das Fernsehen ist zu kompliziert für den Menschen. Jemanden sehen zu können, ohne von ihm gesehen zu werden; die Illusionen von Realität zu begreifen, die das Fernsehen bietet - das ist eine gedankliche Umstellung, die nicht jedem so ohne weiteres glückt. Inzwischen gibt es viel mehr Sender und keinen Sendeschluss. Das Angebot wird immer größer und mit ihm die Verwirrung, die es stiftet. Soeben wird von einer Frau aus Lübeck berichtet, die vor dem Fernseher eingeschlafen war, und als sie morgens um halb sechs erwachte, sah sie das Nachtprogramm von Super RTL: das angeblich beruhigende Dauer-Fernsehbild eines lodernden Kaminfeuers. Die Frau wurde aber sehr unruhig, geriet sogar in Panik, klingelte ihre Nachbarn aus dem Schlaf, rief nach Polizei und Feuerwehr. Die rückte mit mehreren Einsatzfahrzeugen an und löschte den Fernseher - per Knopfdruck. Wie sich inzwischen herausstellt, ist das weiß Gott kein Einzelfall. Eine Sprecherin von Super RTL sagt, sie habe von einer Rentnerin gehört, die sich angesichts der nächtlichen Übertragungen aus dem Kamin nicht anders zu helfen wusste als einen halben Eimer Wasser über das Gerät zu kippen. Vielleicht sollten sich die Medienwissenschaftler weniger um Randaspekte wie Agenda-Setting und Wissenskluft-Perspektive kümmern, sondern ermitteln, wie viele aus der Menge da draußen an ihrem Fernseher nach dem Einfüllstutzen für das Futter suchen, wenn nachts ein Dauerbild vom Aquarium gesendet wird. Ebenso, wie viele das Wesen der Zeitlupe nicht erfasst haben und vermuten, die Fußballer spielten die aufregendsten Szenen noch einmal ganz langsam nach. Oder wie viele nicht verstehen, dass Dieter Bohlen und Daniel Küblböck in Wahrheit virtuelle Figuren aus dem Giftlabor profitversessener TV-Unternehmen sind. Wahrscheinlich sitzt da draußen immer noch jemand, der glaubt, solche Menschen gibt es wirklich.