(SZ) Die Erde ist kein friedvoller Ort. Kaum greift der Mensch zur Tageszeitung, schaut er auf Bilder des Schreckens. Auf Krieg und Terror, Sintflut und Wirbelsturm. Umso glücklicher ist er, wenn er auf einmal ganz andere Bilder sieht: Szenen, die vom Frohsinn erzählen, von Zuneigung, ja Zärtlichkeit. In der letzten Woche häuften sich plötzlich solche Dokumente der Freude. Es begann mit dem dionysisch entfesselten Wahlsieger Stoiber. Schon am nächsten Tag dann: zwei, die einander tiefinnig zugetan sind. Vorne im Bild: Friedrich Merz, glühend, leuchtend, strahlend. In seinem Rücken Frau Merkel, ebenso. Die Apotheose dann am Tage darauf: Der Präsident und der Kanzler, Männerfreunde, wie sie die Welt noch selten gesehen hat. Allenfalls Goethe und Schiller, Netzer und Delling fallen einem an dieser Stelle ein. Und dazu die alte Weisheit: Ein Lächeln sagt mehr als tausend Worte. Wer sich nicht anstecken und erwärmen lässt vom Zauber solcher Augenblicke, wer Merz und Merkel, Bush und Schröder mit klarem Blick und kaltem Herzen betrachtet, der könnte nun freilich sagen, dass auch die verlogenen Friedensszenen Kriegsszenen sind. Ein Lächeln sagt mehr als tausend Morde. Es hat ja tatsächlich das Lächeln (zumindest jenes im Auge der Kameras) längst seine tiefere Bedeutung eingebüßt. Weil es zum Dauerlächeln, also zur Grimasse eingefroren ist. Und das betrifft beileibe nicht nur die notorischen Oberlächler aus der Politik. Längst ist es uns zur strapaziösen Gewohnheit geworden, Dynamik und gute Laune darzustellen, auch wenn im Herzen Finsternis ist. Denn wer nicht lächelt, hat schon verloren. Einstmals galten die Deutschen als das immerzu tiefsinnige, leider auch immerzu schlechtgelaunte Volk. Dieser Not, diesem Fluch entsprang das klassische deutsche Fernweh: nach Italien! Mittlerweile haben wir uns, was die Darstellung südlicher Lebensfreude angeht, erfolgreich in Ober- und Überitaliener verwandelt. Lang war der Weg vom Streber zum Lebemann, vom Muckefuck zum Cappuccino, aber nun sind wir am Ziel! Und unsere innere Toskana reicht bis zum Kap Arkona und bis zur Nordspitze von Sylt. Einer hat nicht mitgelächelt in diesen goldenen, herzigen Herbsttagen. Ja er hat, wie wir mit Schaudern sahen, einfach gegähnt. Der Außenminister hat gegähnt, letzte Woche in Berlin, und alle Augen und Kameras schauten ihm dabei zu. Wir wollen ihn nicht tadeln, sondern preisen, den alten Knurrhahn, den beinahe letzten Gutelauneverweigerer. Und uns dankbar erinnern an den größten aller Fischer-Sätze ("Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!"), der allerdings nicht dem amerikanischen Präsidenten galt, Gott behüte. Was sind das für Zeiten, da uns das Gähnen des Joschka Fischer besser zu trösten vermag als das Lächeln der Mona Lisa!