(SZ) Die Sonne ist erblasst, im Rotweinglas liegt eine tote Fliege, das letzte weiße Sandkorn wird fortgespült im Schnellwaschgang. Wir klappen die hitzemorschen Liegestühle zusammen, ducken uns im Gewitter fallender Kastanienkugeln und kaufen dicke, schwere Bücher. Aber wir packen die Bücher noch nicht aus. Bringen die Stühle nicht in den Keller. Wir wollen den Sommer nicht freigeben, wir weigern uns, ihn jetzt, da er nach respektablem Widerstand das Feld geräumt hat, durch sofortiges pragmatisches Umschalten zu verraten. Und so schlüpfen wir jeden kühlen Morgen unverdrossen in unsere Mokassins, lautlos wollen wir durch die Stadt federn, dem Mittag entgegen, der die klammen Zehen wärmt. Er wird doch noch wärmen, der Mittag heute? Natürlich sind wir auf Arbeit. Und doch sind wir es nicht. Wir arbeiten auf eine Weise, die der Sommer vorgegeben hat. Träge. Absichtslos. Geräuscharm. Mag die Hitze auch vom Pflaster gewichen sein, in den Köpfen hält sie sich, ein wohliger Nebel, in dem die Gedanken langsam, aber keineswegs schwer schwimmen, ja, wir haben uns daran gewöhnt, in Zeitlupe zu denken, nichts treibt und nichts hemmt uns, gelassen steuern wir auf den späten Nachmittag zu, den wir Tag für Tag im See verbrachten. Man kann sagen, wir haben im See gelebt. Nun ist das Wasser zu kalt; wir wissen es, wir brauchen es nicht erst zu überprüfen. Aber das ändert nicht viel. Der perfekte Ersatz für einen See ist eine Bar. Wir stoßen die Tür einer solchen Bar auf. Wir bestellen eine Tasse Milchkaffee und springen hinein, wir planschen und prusten, bis die Kellnerin herbeieilt, sich herüberbeugt und verständnisvoll flüstert, aber, aber, nicht so spritzen, bitte. Da greifen wir mit nach hinten gestreckten Händen den Tassenrand, legen uns auf den Rücken, stecken die Zehen aus dem Schaum und rufen, das Leben ist eine Badewanne, wenn Sie verstehn. Sie nickt. Sie lächelt. Wie schön, auch sie zeigt dem Herbst die heiße Schulter. Haben Sie schon gelesen? Sie wedelt nun mit einer Zeitung und repetiert die jüngste Meldung, dass sich in diesem Jahrhundert die Seen um mindestens zwei Grad erwärmen werden. Wobei das Minimum für die Tropengewässer gelte. In kalten Regionen hingegen könne mit einer Erwärmung von bis zu sechs Grad gerechnet werden. Es eröffneten sich Bademöglichkeiten sogar im Baikalsee. Kurz gedenken wir der Fische, die im Wasser keine Luft mehr bekommen, und der Vögel, die im Schilf keine Nahrung mehr finden werden. Arme Kreaturen! Sind den heißer werdenden Sommern nicht gewachsen. Nun, man muss bereit sein für die neuartigen Sommer, und wir hier, wir sind es, wir geben unsere Rückenlage auf und schwimmen gemächlich über den Milchkaffee, Zug um Zug, bis wir den warmen Baikal erreichen.