(SZ) Die Unkenntnis bayerischer Ess- und Trinkgewohnheiten ist groß und hat Tradition. Da gibt es Generalisten wie den niederländischen Kartographen und Weltbeschreiber Willem Janszoon Blaeu, der 1636, in Anlehnung freilich an Aventinus, über die Bayern schreibt: Sie "hangen dem sauffen und schwelgen gewaltig nach". Detaillierter äußert sich 1826 Karl Julius Weber: "Cartoffel gibt er lieber seinen Schweinen und zieht Knötel, Dampfnudel, Wespennester, Bauchstecherl und fette Mehlspeisen vor . . . und nun frage man noch, warum er faul und phlegmatisch sey." Als vorläufig Letzter gibt nun ein Spezialist seinen Senf dazu. Wolfram Siebeck lässt sich ein paar Tage vor seinem 75. Geburtstag dahingehend vernehmen, dass die Weißwurst "schrecklich unappetitlich in ihrer furchtbaren Haut" sei und dass man beim Leberkäs nicht wisse, was drin ist. So Siebeck ex cathedra, und es fragt sich, ob wir Bayern phlegmatisch genug sind, Ja und Amen dazu zu sagen. Sind wir nicht. Um mit dem Leberkäs zu beginnen, so weiß man jedenfalls, was nicht drin ist, nämlich Leber und Käse, aber schließlich ist ja auch in der Königinpastete keine Königin drin. Damit sei angedeutet, dass es Scherze gibt, die noch länger im Amt sind als "Fresspapst" Siebeck, dass daraus allein aber keine besondere Trefflichkeit abgeleitet werden sollte. Im Hinblick auf die Weißwurst ist Siebeck etwas passiert, was unter echten Päpsten als Fauxpas gilt und bei Kardinälen stets Kopfschütteln hervorruft: Er hat Sein und Schein verwechselt. Dass das Äußere der Weißwurst ein im Husserlschen Sinn "nichtiger Schein" ist, wird von niemandem bestritten. Ihr Inneres jedoch, ihr Sein, muss man sich als eine, wie Plato sagen würde, Vielheit von an und für sich seienden Ideen vorstellen. Hauptidee wäre demnach die im Kalbfleisch ausgedrückte Milde der Bayern, die jedoch dank beigefügtem Häutelwerk (niemals über zehn Prozent) ins vorzivilisatorisch Unberechenbare hinüberspielt. Was mit Petersilie, Zitrone und diversen sonstigen Gewürzen gesagt sein soll, ist klar: Charme, Pfiff und all das Übrige, das die Bayern der übrigen Welt gern als Schlitzohrigkeit oder wechselweise als Aufmüpfigkeit andrehen. Von dem bodenständigen Poeten Herbert Schneider gibt es eine halbamtliche Weißwurst-Hymne, die so beginnt: "Du Königin im Wurstrevier, / du schön gekurvte Tellerzier, / lass dir den weißen Hermelin, / von deinen zarten Schultern ziehn!" Hermelin für Wursthaut! Hymnendichter dürfen das, wie ja auch Paul Heyse das Bockbier "Held im Schaumgelock" nannte, und Heyse bekam immerhin den Nobelpreis, wenngleich nicht dafür. Wenn es Siebeck also wieder einmal vor einer Weißwursthaut graust, sollte er daran denken, dass die Zeit außen auch oft schaurig aussieht. Innen aber hat sie meist sehr feine Siebeck-Kolumnen.