(SZ) Auf dem Internet-Marktplatz eBay wird unter der Nummer 3 242 537 328 ein höchst interessanter Artikel angeboten: das Gedicht "Abendstern" von Petra Schachtschabel, das bei dem vom Verein Deutsche Sprache (VDS) veranstalteten Wettbewerb "Deutschlands Superdichter 2003" den ersten Preis errang. Es startete mit 5,55 Euro und steht zur Stunde, da dies geschrieben wird, bei 30 Euro, und wenn nun jemand sagen sollte, mehr sei es auch nicht wert, so würde man dem nur schwer widersprechen können. Das Gedicht handelt von einem anderen Gedicht, das ein gewisser Max K. bei einem Familienfest vortragen will, wobei er freilich, mit demselben Gedicht, von einer gewissen Eva ausgebremst wird. Für Max ist das eine Katastrophe, denn "während man noch Lobe säht, / das Tantchen unsern Max erspäht / und zischt zu ihm mit spitzer Zunge: / Da, nimm dir mal ein Beispiel, Junge!" Diesem Gedicht also wurden die meisten Lobe gesäht, die Verfasserin aber bekam einen "Klapprechner" (VDS-intern für Laptop) und darf für eine Büste Modell sitzen. Schon in der Antike ging, wer Superdichter werden wollte, zum Wettbewerb, "zum Fest der Wagen und Gesänge", wie Schiller das nennt. Schiller selbst war übrigens kein Superdichter im Sinn des VDS und auch sonst nicht so super drauf, wie man aufgrund seiner Balladen glauben möchte; Goethe war im Allgemeinen etwas besser drauf, aber die Leichtigkeit einer Petra Schachtschabel fehlte auch ihm. Die Antike ging dahin, doch der Poeta laureatus hat sich noch einige Jahrhunderte behaupten können. Wenn nicht alles trügt, verhielt es sich mit den gekrönten Dichtern so ähnlich wie mit den Nobelpreisträgern, und ähnlich exotisch hören sich ja auch die meisten ihrer Namen an: Georg Sabinus, Johann Stigelius, Nikodemus Frischlin. Hat sich diese Linie fortgesetzt? Nun, Dichter wie Sabinus, Stigelius oder Frischlin haben wir heute nicht mehr, dafür aber einen Durs Grünbein, der die letzten Wochen über tagtäglich eine Drittelseite der FAZ mit Blankversen volldichtete, dass es nur so staubte: "Die Seeluft beißt, noch in den Kissen, Zeh und Nase . . ." Der VDS fuhr 5000 Gedichte von 3000 Poeten ein, eine grausige Ernte. Einer zum Beispiel träumt sich in die Rolle des lieben Gottes, mit Heine als Lehrer und den absehbaren Folgen: "Komm, Heine, alter Judensohn, / und wird nicht melancholisch . . ." Sollte Karl Kraus in der Nähe sein, wird er sicher an sein Bonmot erinnern, wonach Heine der Sprache so sehr das Mieder gelockert habe, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern könnten. Apropos Brüste! Ein anderer Dichter bastelte folgende Parodie: "Die Brüste sind frei, / wer kann sie erfassen? / Sie schwanken vorbei / wie Pracht-Kalebassen." Wie sagt ein dritter Dichter? "Spitzgebubte Meucheltäter", sagt er, und das mit vollem Recht.