(SZ) Es gibt wohl keinen vernünftigen Grund, die PDS, die Partei des Demokratischen Sozialismus, zu wählen. Einen unvernünftigen Grund aber vielleicht schon: Rührung. Diese Rührung stellt sich zuverlässig ein, wenn im Deutschen Bundestag, wie auch wieder dieser Tage, mitten im vitalen Getöse der Parteien plötzlich eine geisterhafte Stille eintritt. Wenn also die eine der beiden fraktionslosen Abgeordneten der PDS das Wort ergreifen darf - und ihr die andere fraktionslose Abgeordnete treu applaudiert. Und sonst niemand. Frau Gesine Lötzsch und Frau Petra Pau: Die eine redet, die andere klatscht. Oder umgekehrt. Das bei diesem Beifall im Riesenraum entstehende winzige, klägliche Geräusch - es klingt noch trauriger, noch stiller sogar als die Stille selber. Da denkt man gleich an das zu Tode betrübte Seiltänzergedicht von Georg Heym: "Und dünner Beifall klappert auf den Bänken." Oder ans Theater, wo man heute Abend wieder einmal die "Drei Schwestern" aufführt - und die Künstler reißen sich beim Spielen das Herz aus der Brust. Doch als der Vorhang fällt, klatscht im großen Schauspielhaus nur ein einziger Mensch. Sagen wir: die Gemahlin des Intendanten. Sonst niemand. In so einem Theater ist die letzte Vorstellung nicht mehr fern. Die melancholische Endzeit-Darbietung der zwei PDS-Schwestern Pau und Lötzsch gewinnt ihre edle Zweifalt, stille Größe natürlich vor allem durch den Schauplatz der Aufführung. Der Bundestag ist das hohe Haus, das stille Haus ist er kaum. Viel lieber ist er eine Lärmanstalt. Auf dem Programm: das bewährte Konzert mit all den altvertrauten Geräuschen. Schröders joviales Gedröhne. Merkels Genörgel. Guidos Gezeter. Das Bärengebrumm des getönten Herrn Glos. Nur wer Lärm macht, lebt. Manchmal, wenn einer der Akteure verstummt oder vom Himmel fällt, gibt es eine Sekunde des Schweigens und des Schreckens. Die Große Politikmaschine steht still. Doch im nächsten Augenblick schon setzt sie sich wieder ratternd und schnatternd in Bewegung. Fernseh- oder Zeitungsmenschen sollten sich hierüber als Letzte beklagen - arbeiten wir doch alle recht gern in der Hauptabteilung "Krach" und nicht im Ressort "Schweigen". Dass die PDS einige Jahre lang mehr Erfolg hatte als verdient, ist ja vermutlich auch ein Geräuschphänomen gewesen. Weil ihr Primarius Gysi auf der politischen Lärmorgel zierlicher spielen konnte als viele ergraute Musikanten, weil sein Instrument ein paar Tasten, Pfeifen und Register hatte, die man hier zu Lande noch nicht kannte, hat man ihm ein Weilchen gerne zugehört. Das ist vorbei. Und 2006 wird es wohl ganz vorbei sein, auch mit dem einsamen Reden und Klatschen der beiden letzten Schwestern unter der Reichstagskuppel. Und eines Tages wird sie dann ganz vergessen sein. Die PDS. Die Partei der Stille.