(SZ)Der Bodensee, am Strandbad Eichwald bei Lindau, hat jetzt 29 Grad, wirklich, lustvolle 29 Grad, und wer da sagt "Igitt, diese lauwarme Pissbrühe", der hat den Sinn der Schöpfung nicht verstanden. Der weiß nicht, welche Seite die richtige ist im ewigen Kulturkampf zwischen Kalt- und Warmduschern respektive -badern. Wir aber wissen es, und das muss jetzt raus, ohne Umschweife: Der Kaltbader ist böse. Er ist ein schlechter Mensch, dem es gefällt, mit Gott und der Welt in Unfrieden zu leben, seinen Körper nicht ausgenommen, den er morgens "zur Abschreckung" mit eiskaltem Wasser traktiert, als wäre er ein Frühstücksei. FriedrichI. Barbarossa war so einer, der alte Kaiser, z. Zt. Kyffhäuser: Dauernd auf Kriegs- und Kreuzzug, und am Ende, zwei Siege hatte er gerade gefeiert, muss er bei größter Hitze in den kalten Fluss Saleph springen...aus, vorbei, tot. Kälteschock vermutlich. Wie anders, wie anmutig ist dagegen die Welt des Warmbaders. Ihn umschmeicheln freundlich-sanfte Wellen, er ist eins mit sich, seinem Leib und der Welt, er möchte niemanden abschrecken, sondern vielmehr mit Erich Kästner ausrufen: "Ich kündige. Auf meine alten Tage will ich in meiner Badewanne bleiben." Nur in solcher Atmosphäre entfaltet sich der humane Geist zur vollen Größe, und nicht mal die fanatischsten Kaltbader, die im Winter vereiste Seen aufbrechen, können bestreiten, dass die Wiege der abendländischen Kultur an den Gestaden des menschlich-warmen Mittelmeeres stand. Was wäre aus Odysseus geworden, hätte er sich im Eismeer verfahren? Nie wäre er heimgekehrt. Er läge noch heute tiefgefroren an der Nordspitze Grönlands, wo es keine Kirke gibt und keine Nymphe Kalypso, ach warum hat er die überhaupt verlassen? Die minoischen Paläste, die griechische Philosophie, die Verführungskünste Kleopatras - wo warmes Wasser oder Eselsmilch zum Bade lud, blühte die Kultur. Man darf jetzt einiges von der Bodenseeregion erwarten, auch von Martin Walser. Aber Vorsicht, noch geben sich die Kaltbader nicht geschlagen. Noch setzen sie die Freunde des wohltemperierten Wassers in denunziatorischer Absicht mit Weicheiern, Frauenverstehern und Chefgrüßern gleich. Nicht vergessen ist auch, wie der SPD-Zuchtmeister Herbert Wehner den empfindsamen Willy Brandt lächerlich zu machen versuchte: Der Herr, spottete er, "badet gern lau, so in einem Schaumbad". Als ob das ein Vorwurf wäre! Doch à la longue stehen Leute wie Wehner auf verlorenem Posten. Die Klimakatastrophe wirkt auf Seiten der Warmbader, selbst der Eissee bei Oberstdorf hat schon 16 Grad. Die Gletscher schmelzen, die Polkappen auch. Bald baden wir in tropischen Gewässern, ehe alles Land im Meer versinkt. Bis dahin halten wir's mit Kästner: "Legt mir ins kühle Grab Warmwasserleitung!"