(SZ)Verbreitet ist die hartnäckige Meinung, früher sei alles besser, wahlweise auch, gewaltiger, bedeutender gewesen, mit einem Wort, mythenstiftend. Vor allem Helden und Tätern eignete eine Größe oder Ruchlosigkeit, von der noch heute so manche Sage zu künden weiß. Herostrat beispielsweise, der nur deshalb den Tempel von Ephesos einäscherte, um seinen Namen unsterblich zu machen. Oder Nero, der angesichts des lichterloh brennenden Roms die Leier schlug. Das Feuer hatte er zwar nicht legen lassen, wie lange behauptet wurde. Unvergessen ist er aber dennoch, weil er das römische Flammenmeer als eine Art von Gesamtkunstwerk verstand, an dem er sich erbaute. Was Herostrat und Nero verbindet, ist die Faszination der Feuersbrunst, die ganze Städte in Schutt und Asche legt, Wälder in einer Waberlohe verzehrt, kurz etwas, das in Jahrzehnten oder Jahrhunderten gewachsen ist, in einem prasselnden Gluthauch vernichtet. Das ist allemal ein Spektakel, das viele auf widrige Weise in Bann schlägt, sie zwischen Furcht und Entzücken schwanken lässt. Manch einer, den seine Mitmenschen für einen harmlosen Biedermann halten, wird deshalb zum Brandstifter, zum Pyromanen. Häufig lässt sich einem Ausbruch dieser Manie zum Segen für die Allgemeinheit dadurch steuern, dass ein solcher Biedermann Mitglied der freiwilligen Feuerwehr wird. Bei den Waldbränden, die augenblicklich das südfranzösische Département Var verheeren, ist ein Mann verhaftet worden, der gestand, Brände aus Wut gelegt zu haben, weil er nicht in die freiwillige Feuerwehr aufgenommen wurde. Das, so möchte man sagen, kommt davon. Hätte die Wiener Kunstakademie weiland einen gewiss wenig talentierten Bewerber nicht abgelehnt, hätte die Welt zwar einen erfolglosen Künstler mehr gehabt, sich aber dafür das grausige Erlebnis des größten Mordbrenners aller Zeiten erspart. Die Sublimation, die den Ausbruch von Pyromanie vereiteln kann, geht bisweilen die seltsamsten Wege. Ein weithin sichtbares Beispiel hinterließ Lillie Hitchcock Coit, die von der Tätigkeit der Feuerwehrleute derart fasziniert war, dass sie bei Bränden selber den rettenden Strahl der Feuerspritze dirigierte. Ihr nicht unbeträchtliches Vermögen vermachte sie der Stadt San Francisco mit der Auflage, ein Bauwerk zu errichten, das zur Verschönerung der Stadt beitrüge. Das ist der 1933 fertiggestellte 63,80 Meter hohe Coit-Tower auf dem Telegraph Hill, dessen Gestalt einer Feuerspritze nachempfunden ist. Sigmund Freud, dem wir die einschlägige Deutung des Prometheus-Mythos verdanken, hätte daran gewiss seine Freude gehabt. Erstaunlich nur, dass sich bislang noch kein Herostrat fand, der versuchte, sich mit der Zerstörung dieses Turms einen Namen zu machen.