(SZ)Die jüngste Sternstunde für Frankreichs Gastronomie schlägt nicht in Küche, Keller oder gar auf dem Teller, sondern beim Finanzamt. Endlich wird für Restaurants die Mehrwertsteuer von 19,6 auf den Vorzugssatz von 5,5 Prozent gesenkt, den bisher nur vaterlandslose Hamburger-Bratereien, noch dazu mit angelsächsischen Firmennamen, genießen. Warum Fast Food gegenüber den nationalen Institutionen Bistrot und Haute cuisine steuerlich bevorzugt wurde, weiß niemand genau. So hatte man sich jene kulturelle Ausnahme nicht vorgestellt, die französische Regierungen zäh verteidigen, wenn es um Film, Fernsehen oder Konsum-Musik geht! Dass kulinarische Raffinesse zu den schönen Künsten gehört, galt zwischen Ärmelkanal und Pyrenäen immer als ausgemacht. Jetzt werden die Restaurants billiger, frohlockt die Europa-Ministerin, nicht zuletzt mit Blick auf ausländische Touristen. Keine Rede. Sofort stellen Sprecher des Not leidenden Gastgewerbes klar, dass die Wirte seit Jahrzehnten an der Existenzgrenze kochen. Und da sie Rückenwind spüren, wollen die Restaurateure gleich noch eine andere gesetzliche Last abschütteln: das Gratis-Brot. Den General de Gaulle hatte es wie viele geärgert, wenn auf der Rechnung am Ende mit Brot, Service und Steuer fast das Doppelte von dem stand, was die Speisen kosteten. Auf der Höhe seiner Macht verfügte er deshalb Inklusivpreise für sämtliche Menüs, eine Reform, die dauerhafter zu sein schien als die politischen Institutionen der Fünften Republik. Vielen Religionen ist das Brot heilig, sein Preis war oft ein Politikum. Mit ihrem Bonmot, das Volk solle doch Kuchen essen, wenn kein Brot da sei, witzelte sich die leichtsinnige Königin Marie-Antoinette um Thron und Kragen. Über die wahren Wertvorstellungen einer Nation verrät der Umgang mit Speisen mehr als Wahlen oder Umfragen: Wenn die Franzosen das Erbe des Generals an dieser Stelle verschleudern, dann liegt Abendrot über dem Gaullismus. Umgekehrt bemühen sich die Hamburger-Multis um Lokalkolorit, denn sie möchten vom negativen Globalisierungs-Image loskommen. So hat einer von ihnen "Hamburger El Cataluña" kreiert - für den französischen, nicht den iberischen Markt. Denn dort käme den Kunden der Mix von Schmelzkäse, marinierten Tomaten, Salatblättern und Sauce "Costa del Sol" so spanisch vor wie den Franzosen ein "Hamburger Parisien" mit Camembert in Rotweintunke, den es glücklicherweise noch nicht gibt. Sofort protestierte die Nationale Jugend der Katalanen gegen die Vermengung ihrer Kultur mit der Kastiliens, bei der die Unwissenheit zu Verachtung mutiere. Über den Geschmack lässt sich streiten. Seltsam nur, dass sich die Einwohner der Hansestadt nie gegen den Missbrauch ihres guten Namens verwahrt haben.