(SZ)Richard II. starb 1400 im Alter von 33 Jahren im Verlies von Pomfret Castle. Bei Shakespeare spielt sich das so ab, dass ihn kurz vorher der Wärter fragt, ob es ihm beliebe zu essen, worauf der König zu ihm sagt, er solle erst vorkosten, was der Wärter aber nicht darf, und das wiederum bringt den König so auf, dass er ihn verprügelt. In dem Moment kommt Sir Exton herein, der König sagt: "Wie? Was soll das bedeuten?" und bringt noch schnell zwei Leute um, ehe er von Exton erschlagen wird. Blättert man im alten Brockhaus nach, sieht die Sache schon ein wenig anders aus, denn dort stirbt Richard "durch Nahrungsentziehung". Wohin man schaut: Essen oder nicht essen, und selbst das Schloss, in dem Richard starb, hört sich nahrhaft an: wie Pommfrit Castle. Was Shakespeare und die Historiker verschweigen, ist der Umstand, dass Richard 1390 ein Kochbuch zusammenstellen ließ, in dem auch ein Rezept für "Loseyns" enthalten war. Das wird als lasan ausgesprochen und soll, wie britische Forscher wissen wollen, die Urform der Lasagne sein. Der Lasagne? Sagen wir lieber: unserer Lasagne, denn wenn auch die jüngsten deutsch-italienischen Auseinandersetzungen von großer Gnadenlosigkeit, ja fast antiker Wucht waren, so hatten sie doch nicht die Kraft, uns dauerhaft von unseren südlichen Freunden zu trennen, schon gar nicht, wenn es ums Essen geht, insbesondere um die Nudeln. La pasta, wie man nicht nur in den diversen Toscana-Fraktionen sagt, sondern auch unter jenen gleichförmigen, supernationalistischen Blonden, die lärmend über Italiens Kellner herfallen: "Deine Pasta benissimo, aber very molto Euro!" Freilich darf man, gerade unter Freunden, schon mal mit der Wahrheit herausrücken, und darum sei angemerkt, dass nicht jede Lasagne ein Hochgenuss ist. Manche sind das, was man Pampe nennt und was, bei allem Respekt auch vor unseren britischen Freunden, doch sehr für die englische Urheberschaft spricht. Von der Produktion hiesiger begeisterter Laien wollen wir überhaupt nicht reden. Wer da glaubt, er könne damit reüssieren, dass er seine alten Gemüsereste unter Nudelplatten verbirgt und das Ganze in Käse gießt, der täuscht möglicherweise sich, doch kaum seine Gäste: Was er an Material und Phantasie spart, das muss er an Grappa drauflegen. Noch hat sich Silvio Berlusconi nicht geäußert, etwa indem er den britischen Forschern passende Filmrollen angeboten hätte. Von Stefano Stefani hört man ebenfalls nichts, obwohl er sicher längst ein Dossier über die Engländer und ihre Urlaubsgewohnheiten ausgearbeitet hat. Eines aber ist jetzt schon abzusehen: Wer künftig Shakespeares "Richard II." auf die Bühne bringen will, wird ohne einen aktuellen, Richards innere Zerrissenheit ausleuchtenden Lasagne-Bezug nur sehr schwer auskommen.