(SZ)Wenn im Fernsehen jetzt immer die Profile all der Bergetappen eingeblendet werden, woran erinnern uns dann diese Grafiken, diese terrassenförmig aufsteigenden Linien? Richtig, an etwas ganz Bedeutendes, an das Bedeutendste überhaupt, an den Menschen und seine Genese. Wie er in die Höhe geschossen ist während eines historischen Wimpernschlags, der Mensch! Urgroßvater noch war nicht viel größer als die Milchkanne, die er beim Bauern geklaut hat. Großvater reichte schon an die Kirschen des Baumes in seinem Garten, aber nur, wenn er sich den Arm halb ausrenkte. Vater dann berührte locker, sowas von locker, den grauen Holzquerbalken des Fußballtors. Und wir, tja, wir stolpern im Museum über Milchkannen, die uns bis an die Knie reichen, und wir müssen uns bücken, nein, müssen niederknien, um an die höchsten Kirschen zu kommen, und wenn wir wollten, setzten wir uns aufs Fußballtor, mit dieser maßvollen Bewegung, mit der wir uns auch auf die Kloschüssel setzen, die Oberschenkel angespannt, die Arme nach unten gerichtet, so lang sind wir, so sonnennah schon. Und unsere Kinder werden die Wolken durchstoßen, und unsere Kindeskinder werden von oben auf die silbernen Sterne schauen, dem ewigen Gesetz folgend, dass sich alles entwickelt, zum Höheren hin? Ach, nein. Es geht jetzt nimmer weiter, jedenfalls nicht hier zu Lande, das haben Humangenetiker aus Jena herausgefunden. Im Jahre 1870, wissen sie, wurde der Deutsche 1,64 Meter groß. Seitdem hat er sich ohne Unterlass gereckt und gestreckt. Nun aber pendelt er sich bei 1,80 bis 1,81Metern ein. Schon im vorigen Jahrzehnt hatte sich das angekündigt, schon da war die Körpergröße von Wehrpflichtigen nur noch um Millimeter gestiegen. Mittlerweile stagniert sie, und Messungen an Schülern bestätigen diese traurige, unheilvolle Tendenz. Traurig? Unheilvoll? Können wir uns nicht mit den Einsachtzig begnügen? Einsachtzig sind doch nicht schlecht, oder? Die Japaner sind kleiner, die Chinesen sowieso, und bestimmt auch die Amerikaner, denn wir - wir! - haben die sauberste Umwelt, die wenigsten Kinderkrankheiten, die geräumigsten Wohnungen, alles Gründe, deretwegen wir so in die Höhe schossen, deretwegen wir sprossen wie Pflanzen im Gewächshaus. Aber genau das ist ja das Traurige: Jene Stagnation kann nur Menetekel sein für ein allgemeines und endgültiges Ende des Wachstums. Jegliches ist gestoppt, unsere Körper zeigen es an, Millionen Seismographen der deutschen Gesellschaft, wir sind auf dem Höhepunkt angelangt, und nun kann es nur noch schlechter werden, ja, bergab wird es gehen, terrassenförmig, in rasender Fahrt. Arme, rapid schrumpfende Kinder, werden schon sie Leitern brauchen, um ein paar Kartoffeln auszugraben, oder erst die Enkel?