(SZ)Wie viele Flaschen sind in Deutschland im Umlauf? 80 Millionen, wie Donald Rumsfeld wahrscheinlich in grimmiger Ironie sagen würde? Nur die Bundesregierung, wie Stoiber vielleicht andeuten würde? Beides ist nicht völlig von der Hand zu weisen, doch tatsächlich sind in Deutschland zwischen 1,6 und 1,8 Milliarden Flaschen im Umlauf. Der dies sagt, ist Erich Dederichs, der Pressesprecher des Deutschen Brauerbundes, und er sagt es, wie Ludwig Uhlands blinder König, "in bittrem Harme". Die Sache ist nämlich die, dass ein Teil der 1,6 beziehungsweise 1,8 Milliarden Flaschen sich weigert, in die Brauereien zurückzukehren und sich dort neu befüllen zu lassen. Eine Million Mehrwegkästen - 15 bis 20 Millionen Flaschen - haben sich aus dem operativen Geschäft verabschiedet, sind ins Abseits gegangen oder hängen sonst wo herum. Von einem Umlauf im strengen Sinn kann man also fast nicht mehr reden, eher von einem Irr- oder Leerlauf, wenn nicht gar von partiellem Stillstand. Insofern sind die fraglichen Flaschen auf ihre Art auch etwas sehr, sehr Deutsches: Verklemmung und Verdrückung, wohin man schaut. Dabei ist Deutschland als Bierstandort immer noch anerkannt, verglichen jedenfalls mit seinem Status als Bildungs-, Finanz- oder Innovationsstandort. Statistisch gesehen, liegen wir mit einem Bierverbrauch von 121,5 Litern pro Kopf und Jahr an dritter Stelle, gleich hinter Tschechien und Irland, doch nun deutet alles darauf hin, als würden wir diesen ausgezeichneten Platz durch eigenes Verschulden wenn schon nicht gefährden, so doch der Lächerlichkeit aussetzen. Immerhin könnte die Welt, von Tschechien und Irland mal abgesehen, mit dem Finger auf uns deuten und sagen: Nun schaut euch mal wieder diese Deutschen an, wollen beim Biertrinken in der ersten Liga mitspielen und schaffen es nicht, ihr Leergut zu retournieren. Angesichts der desolaten Flaschenlage hätten wir nichts, was wir so einer Achse des Neides und der Schadenfreude entgegenhalten könnten, ja wir müssten sogar eingestehen, dass wir die Misere zu einem nicht geringen Teil einem Nationalproblem namens Dosenpfand verdanken, und was für ein Gelächter dann um den Globus liefe, können wir uns schon vorstellen. Wir haben oben nicht ohne Absicht das Stichwort "Bildungsstandort" fallen gelassen. Schließlich stellt sich bei dem Leergutdilemma wie von selbst die Frage, ob der Geist- und Wissensstandort D. nicht am Ende an einem ähnlichen Fehler krankt wie der Bierstandort. Anders gefragt: Ist im Land genügend Geist, und sind es nur die Flaschen, also die Studenten und wir alle, die es aus Lethargie oder Desorganisation nicht packen, sich mit dem Stoff auffüllen zu lassen? Gern würden wir das bei ein paar Flaschen Bier erörtern, stünde im Keller nicht lauter Leergut herum.