(SZ)Dass Musik der Liebe Nahrung sei, es ohne sie womöglich ein Leben gar nicht gebe, haben wir uns immer gern singen und sagen lassen. Die Liebe, sie ist eine Himmelsmacht, doch manchmal kommt einem noch die Kunst zupass, der reine, wortlose Herzton. Tyrannenherzen soll die Musik zum Schmelzen gebracht oder doch wenigstens die eine oder andere schöne Spröde erweicht haben. Und was wurde nicht alles nächtens zur Laute in weinlaubumrankten Locanden gesumset, gezupft und geliebelt! Denn sie greift ans Herz, die Musik, fährt auch dumpferen Gemütern ungesäumt in die Eingeweide, sie kennt nicht Freund noch Feind, kein Vaterland und auch sonst wenig Rücksichten, sie überschwemmt das limbische System und macht mit einem Wort glücklich. Musik kann auch eine Waffe sein, die Waffe der Schwachen. In diesem Verteidigungsfall stören dann Misstöne nicht, erweisen sich vielleicht sogar als besonders nützlich. Die Mauern von Jericho ergaben sich gewiss keinem fein modulierten Bläserseptett, sondern der Brachialität ungestimmter Proto- Alphörner. Das alles kann Frau Musica. Und sie kann noch mehr. Einem Bericht zufolge, den wir der englischen Zeitung Independent verdanken, trug sich die Sache dergestalt zu, dass der interfraktionelle Parlaments-Chor Ihrer britischen Majestät für ein Konzert probte. Dabei gelang es diesem Chor allein mit seiner Stimmgewalt, mehrere Stücke alten und würdigen Eichenholzes aus der Decke der Westminster Hall freizusingen, worauf diese laut polternd die Bank darunter trafen, auf der wiederum bei der Aufführung niemand anderes als Seine andere Majestät, der thronfolgende Prinz von Wales, sitzen sollte. Musik kann offenbar auch tödlich sein. Aber darf sie das, soll sie das dürfen? Ja, sagte der Volkssänger Woody Guthrie und schrieb auf seine Gitarre, dass sie Faschisten töte. Der zwergichte Oskar Matzerath wusste sich einer Lehrerin, die es gewagt hatte, Hand an seine Trommel zu legen, nur mehr mit der Kraft seiner Stimme zu erwehren. "Es kam Oskar an", er wusste nicht, wie, es "fand hoch, besetzte seine Stimmbänder, ließ ihn einen Brunstschrei ausstoßen, der gereicht hätte, eine ganze herrliche, schönfenstrige, lichtfangende, lichtbrechende, gotische Kathedrale zu entglasen". Der zornige Oskar beschränkte sich dann darauf, der bösen Frau Lehrerin ihr Augenglas zu zerscherben. Die wackeren Engländer aber, trafen die nur zufällig die Matzerathsche Tonlage? War's nicht vielmehr ein Attentat, was sich da im politikfreien Kirchenraum ereignete? Wo doch nichts geschieht ohne tieferen Sinn, bleibt uns nur die Vermutung, dass die parlamentarischen Sängerknaben und -mädchen auf den schönen Brauch des Königsmords nicht ganz vergessen haben.