(SZ)Der Sommer fängt an. Heute, um 21Uhr10MESZ. In den alten Zeiten war dies der Augenblick, um sich endgültig ganz den hochsommerlichen Gedanken und erst recht Gefühlen hinzugeben. Sommerthema Nummer eins waren natürlich die Sommerferien oder, wie man in noch älteren Zeiten sagte, die Sommerfrische. Damit ist es heutzutage leider vorbei. Der erste Gedanke heute gilt dem Weihnachtsbaum. Es klingt unglaublich, ist aber leider traurige Tatsache. Der Reihe nach. Der Tag gestern, der letzte Frühlingstag also, begann schon mit düsteren Zeichen. Im Postkasten lag ein Schreiben der Allianz mit der strengen Ermahnung: "Nach aktuellen Umfragen machen sich - allen Warnungen zum Trotz - die meisten Bundesbürger immer noch herzlich wenig Sorgen um ihre Altersversorgung." Das ist ein Hieb, der trifft. Doch der nächste folgt sogleich: In einer Unterführung beim S-Bahnhof Berlin- Tiergarten erblickt der jetzt schon ziemlich niedergeschlagene Mensch einen Lastwagen mit der dramatischen Aufschrift: "Weihnachtsbäume jetzt - am Adenauerplatz!" Man möchte lachen, aber die Lage war noch nie so ernst! Vielleicht wäre es ja wirklich vernünftiger, heute schon den Weihnachtsbaum zu kaufen. Preisgünstiger in jedem Fall. Vielleicht wird es an Weihnachten gar keine Weihnachtsbäume mehr geben, und dann ist jeder froh, der mit Umsicht vorgesorgt hat. Denn auch, wenn manche das Gegenteil behaupten: Die Deutschen machen sich nicht "herzlich wenig Sorgen" um die Zukunft, sie machen sich beinahe nur noch Sorgen. Seit der Irak-Krieg vorbei ist, der uns von den deutschen Ängsten eine Weile abgelenkt hat, ist die Sorge unser tägliches steinhartes Brot. Rentenreform, Steuerreform, Gesundheitsreform - das ist das Trio Infernal, das unser Volk in Geiselhaft hält. Wer denkt da noch harmlos an die Wonnen des Sommers? Ja, es sieht so aus, als sei die ominöse, kreischende Spaßgesellschaft längst verdrängt worden von der grämlichen Spar- und Sorgengesellschaft. Womit dann bloß das eine Grauen das andere abgelöst hätte. Alles trostlos? Nein, Reinigung und also Rettung kommt, wie immer, von den deutschen Dichtern. Einer ihrer besten, Karl Valentin, hat schon im Dramolett "Das Christbaumbrettl" erzählt, wie man am 24. Juni einen Weihnachtsbaum kaufen kann. Und in der Szene "Hausverkauf" hat er gezeigt, was ein im Sinne der Allianz vorbildlich vorsorgliches Verhalten ist. Ein Mann will umziehen, hinab in ein altes, tausend Meter tiefes Bergwerk. Weil er dort endlich sicher ist, vor den Meteorsteinen. Frage: "Aber Meteorsteine sind doch ganz selten." Antwort Valentin: "Schon, aber bei mir geht die Sicherheit über die Seltenheit." So gesehen, sind die Deutschen am Beginn dieses Sommers 2003 ein sowohl seltenes als auch seltsam sicheres Volk.