(SZ)Dass sich eins ins andere fügt wie bei den russischen Holzpuppen, so wünschen sich viele ihr Leben; Stück für Stück erschaffen nach dem eigenen Bauplan, und am Ende steht ein Gesamtkunstwerk ohne Sprünge und Brüche. In Wahrheit knirscht es sehr oft und das eine will nicht ins andere, weil das eine eckig und das andere rund ist, jedenfalls sperrig. Weil das eine eben nicht ohne das andere zu haben ist: der Lebenspartner zum Beispiel, dessen liebenswerte, verständige Art ab und an völlig verdrängt wird von durchaus widerwärtigen Allüren. Und, das ist das Verstörende daran, es scheint nicht möglich zu sein, das eine sich wegzudenken, das andere aber als das eigentliche Wesen zu begreifen: Es scheint miteinander zu korrespondieren, scheint nur miteinander existieren zu können, und wer in sich zu lesen vermag, der kennt sogar die Momente, in denen es schwer fällt, diesen Menschen zu mögen, der man selber ist. Die modernen Medien sprechen, um der allem Menschlichen innewohnenden Dialektik Herr zu werden, schnell von einem "Doppelleben". Als solches gilt ihnen leider schon die kleinste Abweichung vom geraden Weg, selbst das, was gemeinhin als "Seitensprung" durchgeht. Verglichen mit dem literarisch belegten Doppelleben eines Dr.Jekyll und Mr.Hyde verhält sich das so, als wollte man ein Wieselhaar nehmen, um mit ihm den Umfang des Universums zu messen. Verirrt sich ein Tennisstar in eine Besenkammer, wird ein Fernseh- Moderator beim Kiffen oder Koksen erwischt, dann haftet ihm deshalb noch lange nichts Janusköpfiges an - er ist stets derselbe, der er vorher war. Für Petitessen dieser Art gilt allenfalls der Spruch: "Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt." Wahres Doppelleben sieht anders aus. Da hängt das eine Ich links in der Garderobe, das andere Ich rechts. Da geht der Staatsmann nachmittags als Vogelstimmenimitator und der Bankdirektor nächtens in den Untergrund. Geheimdienstleute können sich dergestalt doppeln, Heiratsschwindler auch. Und jener Brite, der 18 Jahre lang in zwei Familien lebte, nur 800 Meter voneinander entfernt. Drei Kinder schenkte ihm die offizielle Gattin und viel Vertrauen. Zwei Kinder schenkte ihm die Freundin und viel Zeit, jene Zeit, in der die Angetraute den Gatten im Büro wähnte. Wenn das 18 Jahre lang gut ging, dann so: Wann immer die eine Beziehung unter dieser und jener widerwärtigen Allüre zu leiden begann, wechselte der Mann schnell zur anderen Beziehung hinüber, 800Meter sind schließlich nicht die Welt. Und war wieder so liebenswürdig wie am Tag zuvor, ein Mann aus Gold. So war das Leben wohlgefügt, bis es dann doch knirschte und krachte. Weil es nicht gelingt, sich das Leben und den Partner so passend zu machen wie die russischen Matrjoschkas.